Burgtheater: „Tosca“ mit Birgit Minichmayr abgesagt

Februar 6, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stattdessen inszeniert Martin Kušej „Das Interview“

Birgit Minichmayr. Bild: © Katarina Šoškić

Wegen künstlerischer Differenzen muss die geplante Inszenierung „Tosca“ in der Regie von Kornél Mundruczó abgesagt werden. Anstelle dieser Premiere wird das Burgtheater am 23. Februar im Akademietheater eine Neuinszenierung von „Das Interview“ nach Theo van Goghs Film in der Regie von Martin Kušej präsentieren. Es spielen Birgit Minichmayr und Oliver Nägele.

Kušej inszeniert diesen Text zum zweiten Mal, wiederum mit Birgit Minichmayr als Katja. Seit ihrer ersten Beschäftigung mit dem Thema vor mehr als zehn Jahren, diese 2009 als Gastspiel des Zürcher Neumarkt-Theaters am Schauspielhaus Wien mit Sebastian Blomberg als Pierre zu sehen (Rezension der NZZ: www.nzz.ch/der_kuschelteppich_als_minenfeld-1.4074619), sei das Vertrauen in die Bilder, die öffentlich produziert werden, weiter erodiert. „Zeit für eine Wiederbegegnung mit diesem brisanten Stück“, so das Burgtheater in seiner Aussendung.

www.burgtheater.at

6. 2. 2020

Alexander Pschill im Gespräch

September 16, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das Interview“ am Theater in der Josefstadt

Alexander Pschill (Pierre Peters), Alma Hasun (Katja Schuurman) Bild: © Moritz Schell

Alexander Pschill (Pierre Peters), Alma Hasun (Katja Schuurman)
Bild: © Moritz Schell

Am 17. September hat am Theater in der Josefstadt Theo van Goghs Stück „Das Interview“ Premiere. Inhalt: Ausgerechnet der Nachrichtenredakteur Pierre Peters (Alexander Pschill), ein politischer Journalist und Kriegsberichterstatter, soll ein Interview mit der populären und attraktiven Soap-Darstellerin Katja Schuurman (Alma Hasun) führen. Nachdem er über eine Stunde auf die attraktive „Diva“ warten musste und nach anfänglichen Eisigkeiten, kommen sie gehörig wie ungehörig miteinander ins Gespraech, taxieren sich gründlich … um letztlich den Kampf um die eigene Position wieder aufzunehmen. Regiedebüt: Christina Tscharyiski. Der niederländische Schauspieler, Autor und Regisseur Theo(door) van Gogh, geboren 1957 als Urgroßneffe des Malers Vincent van Gogh, wuchs in großbürgerlichen Verhaeltnissen auf. Von 1982 bis 2004 prägte er als Regisseur den niederländischen Film, u.a. mit “Luger”, “Blind Date” und “In het belang van de staat/Aus Staatsraeson”, für die er jeweils mit dem Niederlaendischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Van Gogh vertrat eine gegenüber der niederländischen Gesellschaft kritische Haltung, thematisierte Probleme der multikulturellen Gesellschaft und wandte sich gegen emanzipationsfeindliche Tendenzen im Isalm. Er wurde im Alter von 47 Jahren im November 2004 auf offener Straße erschossen, offenbar im Zusammenhang mit dem Film “Submission: Part I” über Missbrauchserfahrung und religiös motivierte Unterdrückung islamischer Frauen, den er in Zusammenarbeit mit der aus Somalia gebürtigen Islamkritikerin und Parlamentsabgeordneten Ayaan Hirsi Ali realisierte und der im August 2004 im niederländischen Fernsehen gezeigt wurde. Die Ermordung Theo van Goghs provozierte eine Welle von sozialen Unruhen und Brandanschlägen in den Niederlanden.

Ein Gespräch mit Hauptdarsteller Alexander Pschill zu „Das Interview“:

MM: Sie eröffnen mit Alma Hasun mit „Das Interview“ an der Josefstadt eine neue Reihe: „Unter dem Eisernen“. Was darf man sich da vorstellen?

Alex Pschill: Die Idee ist, mobile Stücke mit kleinem Ensemble und kleinem, aber feinem Bühnenbild zu schaffen. Wir spielen auf einer relativ schmalen Fläche, vier Meter nach hinten ungefähr, was dem Ganzen einen intimen Rahmen verleihen soll.

 MM: Ihre Rolle, Pierre, ist ein Kriegsberichterstatter, der – wie er es empfindet – zum Gesellschaftsredakteur degradiert wird. Man hat schon unterschiedlichste Interpretationen gesehen. Was sagt Pierre Ihnen?

Pschill: Das ändert sich im Lauf der Proben. Ich habe erste Ideen gleich bei der ersten Leseprobe über Bord geworfen, vieles um 180 Grad geändert. Anfangs war mir die Tatsache, dass der Kriegsberichterstatter ist, wahnsinnig wichtig. Ich habe mir Dokus angeschaut, Interviews mit „Journalisten“-Veteranen. Und die Wahrheit ist: Die sind alle anders. Gemeinsam haben sie, dass sie alle Furchtbares gesehen, erlebt haben. Aber diese Ereignisse haben die einen zu kalten Zynikern gemacht, andere zu Humanisten, die vor Ort helfen wollen, und deshalb immer wieder zurückkehren. Manche sagen, der Krieg ist ihre „Heimat“ geworden, andere weinen und sagen, sie wollen nichts mehr damit zu tun haben. Ich musste also meinen eigenen Weg wählen. Alles, was ich zu Pierre konstruiert habe, hat sich geändert – und ich sehe ihn jetzt nur als ein Gegenüber seiner Partnerin. Was handeln die beiden miteinander aus? Warum führen die dieses Wort-Duell? Das ist es, nichts anderes. Nur die Frage: Wer zieht seinen Colt schneller, um ein Western-Bild zu bemühen, wessen Finger zittern nicht am Abzug, wessen Augenlider flattern nicht und so weiter. Sie beschimpfen sich ja, weil sie Ähnlichkeiten aneinander entdecken. Und das kann ich gut nachvollziehen: Meine schlechten Eigenschaften gehen mir auch, wenn ein anderer sie hat, auf die Nerven.

 MM: In wie weit fließen eigene Erfahrungen mit Interviewern in diese Arbeit ein?

Pschill: Ich finde, dass sich Journalisten in Österreich immer sehr respektvoll verhalten, dass es immer eine Freude war, wenn sich ein Gespräch entwickelt. Was dann manchmal schwierig wird, ist, wenn gedruckt dann was anderes steht, als man gesprochen hat. Mit Kritikern hat man als Schauspieler sowieso seine eigene Beziehung …

MM: Nämlich?

Pschill: So wie es im Stück auch abgehandelt wird: Wenn es persönlich wird, das ärgert mich. „Schauspieler/in XY platzte aus dem Korsett, war zu jung, alt, dick, dünn für die Rolle“. „Vor dem Vorhang“ ist man wehrlos, man kommt sich gefesselt vor, man schreibt ja nicht zurück. Das ist manchmal frustrierend. Wobei es mir selber interessanterweise nichts ausmacht, wenn ich als Regisseur verrissen werde – da tobt dann nur meine Freundin; als Schauspieler tut’s mitunter schon weh, wenn ein ziemlich brutaler Angriff kommt. Aber das ist Teil des Jobs. Und den hat man sich selber ausgesucht.

 MM: Eine Frage zu einer weiteren Farbe des Journalismus. Pierre taucht ja als Societyreporter auf, Katja lässt ihn freiwillig rein zur „Homestory“. Kann man sich als bekannter Künstler der Gesellschaftsberichterstattung entziehen?

Pschill: Katja lässt ihn rein, weil sie glaubt, das sie das Spiel beherrscht. Als sich Pierre nicht als der übliche Sparringpartner entpuppt, wird das Spiel für sie erst richtig spannend. Sie, das Soap-Starlet, hat ja eine dickere Haut als er, der politische Journalist. Sie denkt, sie öffnet einer langweiligen Society-Story, die sie mit links abfertigt, die Tür, und das ist es dann nicht. Sie ist ihm allerdings mehr als gewachsen. Deswegen lässt sie sich auf das Gespräch mit Pierre ein. Was nun mich persönlich betrifft, so vermeide ich alles, was ins Persönliche geht. Ich versuche es zumindest. Immer gelingt es nicht. Ein Beispiel: ich war einmal privat mit einer guten Freundin unterwegs, und am nächsten Tag war in einem bunten Blatt ein Foto von uns beiden: Alexander Pschill mit seiner Lebensgefährtin. Zum Glück ist meine wirkliche Freundin mit der guten Freundin auch befreundet. So konnten wir zu dritt herzlich lachen. Blöd, wennn’s anders gewesen wäre. So etwas passiert am laufenden Band, ist journalistisch unprofessionell, aber was soll man da machen?

MM: Die Produktion jetzt bestreitet ein sehr junges Team. Alma Hasun spielt ihre zweite Rolle am Haus, Regisseurin Christina Tscharyiski debütiert, Bühnen- und Kostümbildnerin Eleni Boutsika-Palles ist auch blutjung. Kommt da noch ein eigener Drive, ein eigener Flow rein?

Pschill: Total. Wobei junges Team nicht ganz stimmt. Ich bin genauso alt, wie die Rolle: 43. Also zwanzig Jahre älter als alle anderen (er lacht). Ich bin sozusagen der Otto Schenk dieser Produktion. Es ist toll. Die sprühen alle vor Energie, vor Ideen, und ich habe mich da anstecken lassen, ich „alter“ Theaterhase. Die sind alle super, immer gut drauf, kreativ, nie „abgeklärt“, was ihre Arbeit betrifft, was mich an Kollegen manchmal stört, wenn sie schon so leidenschaftslos an eine Sache herangehen, weil der Kritiker wird mich eh wie immer lieben und der Kritiker eh wie immer verreißen. Bei uns ist es so, dass ich mitgerissen werde, von dem Elan und Schwung um mich herum.

MM: Autor Theo van Gogh wurde 2004 von einem Islamisten ermordet, weil er in seinem Film „Submission“ die Unterdrückung der Frau durch den Islam dargestellt haben will. Van Gogh war eine umstrittene Figur, ein Provokateur. Hat man das beim Spielen des Pierre im Hinterkopf?

Pschill: Auch, wenn es mit „Das Interview“ nichts zu tun hat, bleibt van Goghs Lust an der Erregung natürlich hängen. Es ist kein Wunder, dass er so ein Stück geschrieben hat, in dem die beiden Protagonisten einander provozieren, schockieren. Das sollte man wissen, aber dann auch gleich wieder wegschieben, um sich nicht davon vereinnahmen zu lassen. Sekundärmaterial raus aus dem Schädel! Das Stück lässt viele Interpretationen zu, der Autor lässt die Beweggründe von Pierre und Katja offen. Da muss man tief in sich selber was suchen und finden. Seine Figuren sind zweidimensional, Schablonen, die es zu füllen gilt. Während etwa bei Schnitzler oder Tschechow Figuren acht-, neu-, zehndimensional sind. Da ist im Text – und im Subtext – alles vorhanden, hier ist man von van Gogh zur Mitarbeit aufgefordert. Ich muss Pierres dritte Dimension selbst erfinden.

MM: Und?

Pschill: Jaaaaa, ich warte noch auf den Moment, wo es Klack macht, und die Beschäftigung mit dem Stoff sich von Kopf auf den Bauch umschaltet. Dann habe ich die Figur.

MM: Ist Ihnen Pierre sympathisch?

Pschill: Ja und Nein. Wenn er begegnen würde, wäre er mir absolut unsympathisch. Aber die Arbeit mit ihm ist mir sympathisch, je länger ich mich mit ihm beschäftige, umso mehr wächst er mir ans Herz. Er lässt zu – wenn es mir gelingt -, dass man eine ganz dreckige, schiache, blutige Seite rauslässt. Und zwar nicht kopfig, wie bei Turrinis Monolog „Endlich Schluß“, den ich zuletzt am Haus gespielt habe, sondern interaktiv mit einer Partnerin, die mir auch einschenkt. Ich fühle mich irrsinnig gut, seit ich mit dem Pierre proben darf, weil er mir die Grauslichkeit abnimmt. Und die müssen wir doch alle irgendwann, irgendwo einmal rauslassen. Ich darf das zum Glück auf der Bühne. Psychohygienisch ist das fantastisch: Endlich einmal Arschloch sein!

MM: Sie haben auch eine eigene Theatertruppe gebildet, mit der Sie „Das weite Land“ gespielt haben.

Pschill: Genau. Einen Theaterverein, der heißt el ABSOLOM. Ich habe ihn zusammen mit meiner Freundin Kaja Dymnicki gegründet, wir wollen auf jeden Fall weiter machen, überlegen schon, ob als nächstes Stoppard oder Dostojewski, aber es ist halt wie alles eine finanzielle Frage. Diese Arbeit ist eine Riesenfreude, dieses Scheitern und Ausprobieren und noch einmal Probieren. Man ist freier. Ich habe mich gefreut, wenn wir ausverkauft waren, aber darum ging’s mir gar nicht so sehr. Ich konnte was hinstellen und sagen: Take it or leave it! Das ist mein Ding, mein Labor, mein Experiment. Ich war deshalb auch gar nicht nervös. Als Schauspieler an einem Haus bin ich das sehr wohl, weil ja ein anderer hauptverantwortlich ist. Da fragt man sich dann: Kommt’s beim Publikum an? Mache ich Quote? Bei meinem Projekt ist mir das egal. Ich habe aber viel über das „Handwerk“ Theater gelernt, dass jetzt auch bei „Das Interview“ einfließt. Eine Art tieferes Verständnis, ein freudiges empirisches Interesse daran, warum manche Dinge heute funktionieren und morgen nicht. Na Hauptsache, es funktioniert bei der Premiere (er lacht).

MM: Apropos, Quote: Sie sind ab Oktober im ORF in der Serie „Janus“ zu sehen.

Pschill: Das ist ein Siebenteiler, der am 1. Oktober startet, ein Krimi. Wir sind ein Team, in dem es einen Psychologen gibt, den ich spiele, eine Polizistin, einen Staatsanwalt … Das sind Freunde, keine Berufskollegen. Was mir an den Drehbüchern gut gefallen hat, ist, dass die in die Fälle mehr oder minder reinstolpern. Denen „passieren“ die Fälle – und sie sind alle nicht wahnsinnig toll in ihrem Job. Der Bogen, der sich über alle sieben Teile spannt und sie auch miteinander verknüpft, hat mit „Janus“, hier der Name eines Konzerns, und natürlich mit den zwei Gesichtern des Januskopfs zu tun. Mit dabei sind Franziska Weisz, Barbara Romaner, Andreas Kiendl, Barbara Kaudelka und der wunderbare, vielgeliebte Joachim Bissmeier in einer Episodenrolle.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=47IYe2fhvVA&feature=youtu.be

Wien, 16. 9. 2013