Volksoper: Die Dubarry

September 4, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit

Endlich zur Mätresse des Königs aufgestiegen: Annette Dasch als Gräfin Dubarry und Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kommt man nach der Pause zurück in den Saal, sitzen auf der Bühne bereits Oliver Liebl als Hauslehrer und Annette Dasch, die von diesem vom Arbeitermädchen Jeanne Beçu zur Gräfin Dubarry erzogen werden soll – allerdings nicht für den Hof des französischen Königs Ludwig XV., sondern laut Liebls Zungenschlag eindeutig für den kaiserlichen zu Wien. Da gibt’s freilich viel zu lachen bei diesem Zwischenspiel, wenn der Berlinerin vom Wiener Kaffeeunterricht erteilt wird,

wenn die „Piefkenesin“ an der Knödelfrage „Hauptspeis‘, Zuaspeis‘, Nachspeis‘?“ scheitert, das Hand-Ablecken ist gleich den Handkuss pervers findet, und sich schief lacht über die Anrede „Eiergnaden“. Liebls „Lecker is bei uns goar nix!“ wird von jenem Teil des Publikums mit einem Jauchzer begrüßt, der auch am Schluss für Jubel und Applaus sorgte, während der andere ob des Niveaus indigniert das Leading Team mit Buhrufen bedachte.

Das war sie also die Eröffnungspremiere der Direktion Lotte de Beer an der Volksoper, „Die Dubarry“, mit einem ZuschauerInnen-Unentschieden als Endstand, wobei an dieser Stelle von einem verheißungsvollen Start die Rede sein soll. Hausdebütant Regisseur Jan Philipp Gloger turnt bei seiner theatralen Recherche über die Weibsbilder toxischer Männlichkeit eine Rolle rückwärts, vom Heute in die 1930er-Jahre zum Ende des 19. Jahrhunderts zu Louis Quinze, was weniger mit der von dem betriebenen Beilegung des Habsburgisch-Französischen Gegensatzes zu tun hat, als mit der Zeitlinie, die der Operette eingeschrieben ist:

Der Aufführung des selten gespielten, weil doch ziemlich angestaubten Werks im Jahr 2022, der Originalfassung des österreichischen Komponisten Carl Millöcker anno 1879, der Neufassung vom Deutschen Theo Mackeben von 1931 und der Handlung rund ums Jahr 1769. Entstanden ist so eine frisch aufgebrühte Melange mit dem melodie-verliebten Charme der goldenen Operettenära in der Donaumetropole und einer schmissig-schnoddrigen Revue-Operette à la an der Spree, sozusagen ein Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit, eine Konfetti-Explosion voll Witz und Ironie fürs Genre, dessen Dekonstruktion zweifellos – aber durchaus mit dem gebotenen Respekt.

Und in der Titelpartie eine entfesselte Annette Dasch, die mit ihrer Stimme sowieso und ihrem Spiel begeistert, eine grandiose Komödiantin, die ihren Charakter aber auch in Tiefen gleiten lassen kann, wenn es gilt die antiquiert-anzüglichen Frauenfantasien der besseren Herren zu hinterfragen – wobei trotz Feminismus und Büstenhalter-Verbrennung die bittere Essenz des Abends ist, dass Emanzipation bis zum Anschlag immer noch nicht stattgefunden hat. In allen vier Teilen bleibt die Frau mehr oder minder (Sex-)Objekt des Mannes, das alles gut getarnt im Dreivierteltakt als „Weiblicher Reize Macht“.

Los geht’s im Jetzt: Die „Putzmacherinnen“ im Atelier Madame Labille dekorieren Schaufensterpuppen, schwatzen über die neueste Emma-Ausgabe und, dass sie lieber bei Cartier als bei Kik shoppen würden, die Dasch rauscht mit Timbre und Temperament heran. Noch ist sie die aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Jeanne Bécu, doch mit bester Freundin Margot, entzückend quirlig wie stets: Juliette Khalil, schmiedet sie größere Pläne. Die so rotzfrechen wie leichtlebigen Gören haben noch was vor: reiche Männer gegens eigene Elend aufreißen. Ergo raus aus dem Modesalon, rein ins Nachtleben, wo Marco Di Sapia als Graf Dubarry, Daniel Ohlenschläger, Oliver Liebl, Martin Enenkel und Wolfgang Gratschmaier ihr zynisches „Cherchez la femme“ anstimmen, Motto: Klug muss sie nicht sein, aber schön. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“

Die Putzmacherinnen und die Blaublüter anno 2022, M.: Wolfgang Gratschmaier und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Bohème-Romantik kann er sich einrahmen lassen: Annette Dasch und Lucian Krasznec als Maler René Lavallery. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In den Berliner 1930ern, gestrandet als Sängerin im Bordell: Annette Dasch und Marco Di Sapia als Graf Dubarry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im k.u.k.-Reich Seiner Majestät: Martin Enenkel, Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Annette Dasch und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vor allem gefällt hier Wolfgang Gratschmaier als Marquis de Brissac, ein in die Jahre gekommener schlitzohriger Don Juan, dessen Ähnlichkeit mit einem bekannten Wiener Rechtsanwalt rein zufällig ist. Gemeinsam mit Khalil wird er in zahlreichen Bravourszenen ein akklamiertes Buffo-Paar abgeben. Margot wird nämlich die Geliebte des alten Gockels und hat sich in den Kopf gesetzt, sich von ihm die Schauspielerei finanzieren zu lassen.

Zwischen kleinen Gags, kurzem Augenzwinkern und dem Schießen von Selfies darf derweil Lucian Krasznec als Kunstmaler René Lavallery seine Schellackstimme strahlen lassen. Es stand hier schon in der Rezension zum „Bettelstudent“ (www.mottingers-meinung.at/?p=19470), dass da einer ziemlich nah an den großen Adolf Dallapozza heranreicht, ein Eindruck, der sich bei seinem Schmachten um Jeanne wiederholt. In ihren Szenen sind Dasch und Krasznec musikalisch als das dramatische Liebespaar der Operette ausgewiesen, auch wenn ihn Besitzgier und häusliche Gewalt fehlleiten und die wichtigste Frage an die Geliebte ist, was sie denn vorhabe zu kochen. Bühnenbildner Christof Hetzer setzt Renés Bohème-Stube in einen blattgoldenen Bilderrahmen, in den –  einmal rausgestiegenJeanne kein Zurück mehr findet.

Denn die Dasch wirft den Würfel mit den zahlreichen Spielflächen selbst immer wieder händisch an, dreht die eigene Geschichte weiter, die Zeituhr zurück in die 1930er-Jahre, wo sie als Sängerin mit Künstlerinnennamen Manon in einem anrüchigen Etablissement auftritt. Alles atmet hier die Exzellenz der Dekadenz, als erneut Marco Di Sapia als eiskalt-eleganter, sinistrer Graf Dubarry erscheint, um der desillusionierten Jeanne, die er sofort als solche erkennt, ein unmoralisches Angebot zu machen: Um sein politisches Ränkeschmieden in Versailles voranzutreiben, will er sie als Gräfin Dubarry zur Mätresse des Königs machen. Schließlich habe sie nicht nur den Körper, sondern auch den Geist, um in dieser monarchisierten Form der Prostitution zu reüssieren.

Und während Dasch in einer De-facto-Vergewaltigungsszene beim Roulettetisch „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“ singt, zeigt Margot, wie’s mit dem „Der Mann denkt, aber die Frau lenkt“ richtig geht: Sie trotzt dem Marquis de Brissac Luxuslabel-Sackerl um Luxuslabel-Sackerl ab, singt ihm ein fröhliches „Wenn Verliebte bummeln gehen“, während der alte Bock dasteht wie ein Packesel.

Der König der Late-Night-Shows kündigt seinen Gast an: Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

Die Dubarry rockt Versaille: Gi­tar­re­ra Annette Dasch und Harald Schmidt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus dem Schaf wird keine Schauspielerin: Juliette Khalil als Margot. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Ende steht die Guillotine: Daschs Dubarry wird zum Opfer der französischen Revolution. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

In der zweiten Hälfte der Aufführung findet man sich in Millöckers k.u.k.-Wien wieder, beim „Alles Walzer!“ mit weißroten Gala- und Husaren-Uniformen à la Ungarland. Nach wie vor bewegt sich die nunmehrige Gräfin Dubarry in einer Männerwelt – und gallig klingt der Dasch mit erhobener linker Faust dargebotenes „Ob man gefällt oder nicht gefällt“, von Kai Tietje mit krassen Dissonanzen und gehetztem Rhythmus dirigiert, derweil sich die Szenerie vom neuen Resident Lichtdesigner Alex Brok ins Teuflische, Albtraumhafte verändert.

Nicht nur die Herren liefern Großteils mehrere Rollen ab, die großartige Ulrike Steinsky wechselt von Couturière Madame Labille über Bordellbesitzerin Marianne Verrières bis zur Marschallin von Luxemburg von Chefinnen-Gekeife über Raucherlungen-Tonfall zu Paula-Wessely’schem Schönbrunner Näseln. Der Steinsky gelingt jedes dieser Kabinettstücke vom Feinsten, immer toller werden die Kapriolen, die sie macht, und auffällt, wie präzise und exquisit die „Nebenfiguren“ geführt sind.

Zu guter Letzt: Auftrittsapplaus für Harald Schmidt als Ludwig XV. im Epoche-gemäßen Justaucorps, Annette Dasch mit Cul de Paris, endlich der Moment, an dem sich Kostümbildnerin Sibylle Wallum austoben durfte. Und Volksopern-Debütant Schmidt macht gar nicht den Versuch majestätisch zu sein. Die Entertainerlegende spielt sich selbst als König der Late-Night-Shows (auch der echte Ludwig XV. verstand es, sich als le Bien-Aimé zu inszenieren), er „dirigiert“ das Orchester wie Helmut Zerlett und die ARD-Showband, stellt ganz Talkmaster seinem Volk als Gast die Dubarry vor – und dieser dann dumme Fragen, die sie mit einem „Glauben Sie nicht, dass das ziemlich erniedrigend ist?“ quittiert.

Worauf der absolutistische Herrscher übers Ancien Régime der Fernsehunterhaltung sich bis über beide Ohren verliebt. Ein Gag über einen Film, den Johnny Depp als ER/Ludwig XV. gerade in Frankreich dreht, darf auch nicht fehlen. Die neue Favoritin des Königs singt als „Gstanzl“ mit Gitarre noch einmal „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“, bevor beim beliebten Schäferspiel alle in den Gassenhauer „Ja, so ist sie, die Dubarry, wer sie einst sah, vergisst sie nie“ einstimmen. „Das hisst das Regietheater die weiße Fahne, und ich spüre Originaltext in mir aufsteigen“, flachst Schmidt und schließt so den Kreis zum ersten Bild.

Satire as Satire can. Mit tausend und einer Idee lässt Jan Philipp Gloger die Operette einen g’feanzten Blick auf die eigene Beschaffenheit werfen. Charmant und sympathisch wie Lotte de Beer hat sich ihr neues Team schon mal in die Hälfte der Herzen hineingespielt. Also: Alles Friede, Freude, Eierkuchen, Eiergnaden? Mitnichten, denn Gloger, der in der Aufführung immer wieder auch auf die Täterin-Opfer-Brüche der Person Dubarry hinweist, erzählt ihre Geschichte anders als Millöcker und Mackeben zu Ende. In der Volksoper wird sie dazu mitten im Trubel des Hofballs von Schergen der französischen Revolution abgeführt, wird ihr die bombastische Perücke vom Kopf gerissen – und ab unter die Guillotine.

www.volksoper.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=dH0k4fzsV8Y           Harald Schmidt über König Ludwig XV.: www.youtube.com/watch?v=ejo1alus1RU

TV-TIPP: Heute Abend ist die gestrige Volksopern-Premiere von „Die Dubarry“ um 20.15 Uhr auf ORF III zu sehen.

4. 9. 2022

TheaterArche: Des Knaben Wunderhorn

Juni 17, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Gustav Mahlers Kunstlieder erstmals in Szene gesetzt

Michael C. Havlicek als „Ein Mann“ aka Gustav Mahler und TheaterArche-Intendantin Manami Okazaki als „Eine Frau in seinem Traum“. Bild: © Jakub Kavin Theaterarche

In der TheaterArche erleben Gustav Mahlers Kunstlieder „Des Knaben Wunderhorn“ erstmals ihre szenische Aufführung. Die Uraufführung der Sammlung als Musiktheater findet vorerst am Samstag, 18. Juni um 19.30 Uhr, gefolgt von einer Vorstellung am Sonntag, 19. Juni um 16, Uhr statt.

„Des Knaben Wunderhorn“ ist die Geschichte eines unruhigen Mannes, eines Zeitgenossen, der durch die Auseinandersetzung mit

Mahlers Musik unterschiedliche Menschen kennenlernt und tiefe Einsichten über das Leben gewinnt. Die japanische Regisseurin Miharu Sato stellt sich der Herausforderung, weltweit zum ersten Mal Mahlers Werk zu inszenieren. Ihr Anliegen ist kein Geringeres, als den Geist der Wunderhorn-Lieder durch den Prozess der Transformation in ein Musikdrama neu zu beleben, etwas, das Mahler als 20-Jähriger ausprobiert und als Opernskizze hinterlassen hat: ein Musikstück im Märchenstil zu rekonstruieren. 

Miharu Sato ist spezialisiert auf derlei Arbeiten. Sie forschte über des Opernreformers Wirken als Direktor im Haus am Ring und schrieb ihre Dissertation über „Die Ära Gustav Mahler an der Wiener Staatsoper“. So entsteht ein neues, interkulturelles und interdisziplinäres Musiktheater, inspiriert vom Werk des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami. Seine Kurzgeschichte „Tony Takitani“  beschreibt die Einsamkeit und Liebe eines Mannes. Bariton Michael C. Havlicek singt und spielt den einsamen Mann, während die Frau, die er als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erträumt, von Koloratursopranistin Manami Okazaki verkörpert wird.

„,Des Knaben Wunderhorn‘ ist unser Versuch, Wien und Japan mit Mahlers Liedern zu verbinden. Das Stück wird auch in Japan in einer Deutsch/Japanischen Textfassung gespielt werden“, sagt TheaterArche-Intendantin Manami Okazaki, die gemeinsam mit Miharu Sato für die Produktion dieser Kooperation verantwortlich ist, und erklärt weiter: „Wir freuen uns zudem sehr, dass nun auch die Wiener Staatsoper in der kommenden Saison einen Mahler-Schwerpunkt setzt. Eine weitläufige Beschäftigung mit dem Werk Mahlers aus diversen Perspektiven – von der Hochkultur bis zur freien Szene – wird dem Wiener Publikum somit ermöglicht.“

Die Produktion ist durch Crowdfunding finanziert: wemakeit.com/projects/des-knaben-wunderhorn. Für Unterstützende gibt es beispielsweise Gesangsunterricht bei Michael C. Havlicek, Akkordeonunterricht bei Piotr Motyka www.youtube.com/watch?v=5SqHI69CsuA, Schauspielunterricht bei TheaterArche-Intendant Javub Kavin, Regisseur und Prüfer bei der paritätischen Kommission für Schauspiel, oder ein Hauskonzert mit Manami Okazaki und Michael C. Havlicek mit Pianist und Dirigent Hibiki Kojima am E-Klavier (so kein eigenes vorhanden ist.) Mehr: www.youtube.com/watch?v=-GC69Eb24pQ

Bild: © Jakub Kavin TheaterArche

Bild: © Jakub Kavin TheaterArche

Eszter Hollósi als „Eine Ärztin“. Bild: © Jakub Kavin TheaterArche

Des Knaben Wunderhorn: Leading Team und Cast

Inszenierung & Konzept: Miharu Sato. Musikalische Leitung & Arrangement: Hibiki Kojima. Dramaturgie: Hazuki Kosaka. Bühne und Kostüm: Theresa Gregor. Ein Man: Michael C.Havlicek. Eine Frau in seinem Traum: Manami Okazaki. Eine Ärztin: Eszter Hollósi. Der Kuckuck: Monika Konvicka. Die Nachtigall: Elise Busoni. Knabe: Theo Koszednar. Tochter der Ärztin: Paula Hofer. Kinderchor: Lola Koszender, Amelie Okazaki, Katharina Thurner. Orchester: Dirigent & Klavier: Hibiki Kojima. Klarinette: Josef Lamell. Akkordeon: Piotr Motyka. Violine: Gregor Fussenegger. Schlagzeug: Linus Rastegar.

www.theaterarche.at           www.manami-okazaki.com          www.michael-c-havlicek-bariton.com

17. 6. 2022

Burgtheater: „Tosca“ mit Birgit Minichmayr abgesagt

Februar 6, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stattdessen inszeniert Martin Kušej „Das Interview“

Birgit Minichmayr. Bild: © Katarina Šoškić

Wegen künstlerischer Differenzen muss die geplante Inszenierung „Tosca“ in der Regie von Kornél Mundruczó abgesagt werden. Anstelle dieser Premiere wird das Burgtheater am 23. Februar im Akademietheater eine Neuinszenierung von „Das Interview“ nach Theo van Goghs Film in der Regie von Martin Kušej präsentieren. Es spielen Birgit Minichmayr und Oliver Nägele.

Kušej inszeniert diesen Text zum zweiten Mal, wiederum mit Birgit Minichmayr als Katja. Seit ihrer ersten Beschäftigung mit dem Thema vor mehr als zehn Jahren, diese 2009 als Gastspiel des Zürcher Neumarkt-Theaters am Schauspielhaus Wien mit Sebastian Blomberg als Pierre zu sehen (Rezension der NZZ: www.nzz.ch/der_kuschelteppich_als_minenfeld-1.4074619), sei das Vertrauen in die Bilder, die öffentlich produziert werden, weiter erodiert. „Zeit für eine Wiederbegegnung mit diesem brisanten Stück“, so das Burgtheater in seiner Aussendung.

www.burgtheater.at

6. 2. 2020

Alexander Pschill im Gespräch

September 16, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das Interview“ am Theater in der Josefstadt

Alexander Pschill (Pierre Peters), Alma Hasun (Katja Schuurman) Bild: © Moritz Schell

Alexander Pschill (Pierre Peters), Alma Hasun (Katja Schuurman)
Bild: © Moritz Schell

Am 17. September hat am Theater in der Josefstadt Theo van Goghs Stück „Das Interview“ Premiere. Inhalt: Ausgerechnet der Nachrichtenredakteur Pierre Peters (Alexander Pschill), ein politischer Journalist und Kriegsberichterstatter, soll ein Interview mit der populären und attraktiven Soap-Darstellerin Katja Schuurman (Alma Hasun) führen. Nachdem er über eine Stunde auf die attraktive „Diva“ warten musste und nach anfänglichen Eisigkeiten, kommen sie gehörig wie ungehörig miteinander ins Gespraech, taxieren sich gründlich … um letztlich den Kampf um die eigene Position wieder aufzunehmen. Regiedebüt: Christina Tscharyiski. Der niederländische Schauspieler, Autor und Regisseur Theo(door) van Gogh, geboren 1957 als Urgroßneffe des Malers Vincent van Gogh, wuchs in großbürgerlichen Verhaeltnissen auf. Von 1982 bis 2004 prägte er als Regisseur den niederländischen Film, u.a. mit “Luger”, “Blind Date” und “In het belang van de staat/Aus Staatsraeson”, für die er jeweils mit dem Niederlaendischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Van Gogh vertrat eine gegenüber der niederländischen Gesellschaft kritische Haltung, thematisierte Probleme der multikulturellen Gesellschaft und wandte sich gegen emanzipationsfeindliche Tendenzen im Isalm. Er wurde im Alter von 47 Jahren im November 2004 auf offener Straße erschossen, offenbar im Zusammenhang mit dem Film “Submission: Part I” über Missbrauchserfahrung und religiös motivierte Unterdrückung islamischer Frauen, den er in Zusammenarbeit mit der aus Somalia gebürtigen Islamkritikerin und Parlamentsabgeordneten Ayaan Hirsi Ali realisierte und der im August 2004 im niederländischen Fernsehen gezeigt wurde. Die Ermordung Theo van Goghs provozierte eine Welle von sozialen Unruhen und Brandanschlägen in den Niederlanden.

Ein Gespräch mit Hauptdarsteller Alexander Pschill zu „Das Interview“:

MM: Sie eröffnen mit Alma Hasun mit „Das Interview“ an der Josefstadt eine neue Reihe: „Unter dem Eisernen“. Was darf man sich da vorstellen?

Alex Pschill: Die Idee ist, mobile Stücke mit kleinem Ensemble und kleinem, aber feinem Bühnenbild zu schaffen. Wir spielen auf einer relativ schmalen Fläche, vier Meter nach hinten ungefähr, was dem Ganzen einen intimen Rahmen verleihen soll.

 MM: Ihre Rolle, Pierre, ist ein Kriegsberichterstatter, der – wie er es empfindet – zum Gesellschaftsredakteur degradiert wird. Man hat schon unterschiedlichste Interpretationen gesehen. Was sagt Pierre Ihnen?

Pschill: Das ändert sich im Lauf der Proben. Ich habe erste Ideen gleich bei der ersten Leseprobe über Bord geworfen, vieles um 180 Grad geändert. Anfangs war mir die Tatsache, dass der Kriegsberichterstatter ist, wahnsinnig wichtig. Ich habe mir Dokus angeschaut, Interviews mit „Journalisten“-Veteranen. Und die Wahrheit ist: Die sind alle anders. Gemeinsam haben sie, dass sie alle Furchtbares gesehen, erlebt haben. Aber diese Ereignisse haben die einen zu kalten Zynikern gemacht, andere zu Humanisten, die vor Ort helfen wollen, und deshalb immer wieder zurückkehren. Manche sagen, der Krieg ist ihre „Heimat“ geworden, andere weinen und sagen, sie wollen nichts mehr damit zu tun haben. Ich musste also meinen eigenen Weg wählen. Alles, was ich zu Pierre konstruiert habe, hat sich geändert – und ich sehe ihn jetzt nur als ein Gegenüber seiner Partnerin. Was handeln die beiden miteinander aus? Warum führen die dieses Wort-Duell? Das ist es, nichts anderes. Nur die Frage: Wer zieht seinen Colt schneller, um ein Western-Bild zu bemühen, wessen Finger zittern nicht am Abzug, wessen Augenlider flattern nicht und so weiter. Sie beschimpfen sich ja, weil sie Ähnlichkeiten aneinander entdecken. Und das kann ich gut nachvollziehen: Meine schlechten Eigenschaften gehen mir auch, wenn ein anderer sie hat, auf die Nerven.

 MM: In wie weit fließen eigene Erfahrungen mit Interviewern in diese Arbeit ein?

Pschill: Ich finde, dass sich Journalisten in Österreich immer sehr respektvoll verhalten, dass es immer eine Freude war, wenn sich ein Gespräch entwickelt. Was dann manchmal schwierig wird, ist, wenn gedruckt dann was anderes steht, als man gesprochen hat. Mit Kritikern hat man als Schauspieler sowieso seine eigene Beziehung …

MM: Nämlich?

Pschill: So wie es im Stück auch abgehandelt wird: Wenn es persönlich wird, das ärgert mich. „Schauspieler/in XY platzte aus dem Korsett, war zu jung, alt, dick, dünn für die Rolle“. „Vor dem Vorhang“ ist man wehrlos, man kommt sich gefesselt vor, man schreibt ja nicht zurück. Das ist manchmal frustrierend. Wobei es mir selber interessanterweise nichts ausmacht, wenn ich als Regisseur verrissen werde – da tobt dann nur meine Freundin; als Schauspieler tut’s mitunter schon weh, wenn ein ziemlich brutaler Angriff kommt. Aber das ist Teil des Jobs. Und den hat man sich selber ausgesucht.

 MM: Eine Frage zu einer weiteren Farbe des Journalismus. Pierre taucht ja als Societyreporter auf, Katja lässt ihn freiwillig rein zur „Homestory“. Kann man sich als bekannter Künstler der Gesellschaftsberichterstattung entziehen?

Pschill: Katja lässt ihn rein, weil sie glaubt, das sie das Spiel beherrscht. Als sich Pierre nicht als der übliche Sparringpartner entpuppt, wird das Spiel für sie erst richtig spannend. Sie, das Soap-Starlet, hat ja eine dickere Haut als er, der politische Journalist. Sie denkt, sie öffnet einer langweiligen Society-Story, die sie mit links abfertigt, die Tür, und das ist es dann nicht. Sie ist ihm allerdings mehr als gewachsen. Deswegen lässt sie sich auf das Gespräch mit Pierre ein. Was nun mich persönlich betrifft, so vermeide ich alles, was ins Persönliche geht. Ich versuche es zumindest. Immer gelingt es nicht. Ein Beispiel: ich war einmal privat mit einer guten Freundin unterwegs, und am nächsten Tag war in einem bunten Blatt ein Foto von uns beiden: Alexander Pschill mit seiner Lebensgefährtin. Zum Glück ist meine wirkliche Freundin mit der guten Freundin auch befreundet. So konnten wir zu dritt herzlich lachen. Blöd, wennn’s anders gewesen wäre. So etwas passiert am laufenden Band, ist journalistisch unprofessionell, aber was soll man da machen?

MM: Die Produktion jetzt bestreitet ein sehr junges Team. Alma Hasun spielt ihre zweite Rolle am Haus, Regisseurin Christina Tscharyiski debütiert, Bühnen- und Kostümbildnerin Eleni Boutsika-Palles ist auch blutjung. Kommt da noch ein eigener Drive, ein eigener Flow rein?

Pschill: Total. Wobei junges Team nicht ganz stimmt. Ich bin genauso alt, wie die Rolle: 43. Also zwanzig Jahre älter als alle anderen (er lacht). Ich bin sozusagen der Otto Schenk dieser Produktion. Es ist toll. Die sprühen alle vor Energie, vor Ideen, und ich habe mich da anstecken lassen, ich „alter“ Theaterhase. Die sind alle super, immer gut drauf, kreativ, nie „abgeklärt“, was ihre Arbeit betrifft, was mich an Kollegen manchmal stört, wenn sie schon so leidenschaftslos an eine Sache herangehen, weil der Kritiker wird mich eh wie immer lieben und der Kritiker eh wie immer verreißen. Bei uns ist es so, dass ich mitgerissen werde, von dem Elan und Schwung um mich herum.

MM: Autor Theo van Gogh wurde 2004 von einem Islamisten ermordet, weil er in seinem Film „Submission“ die Unterdrückung der Frau durch den Islam dargestellt haben will. Van Gogh war eine umstrittene Figur, ein Provokateur. Hat man das beim Spielen des Pierre im Hinterkopf?

Pschill: Auch, wenn es mit „Das Interview“ nichts zu tun hat, bleibt van Goghs Lust an der Erregung natürlich hängen. Es ist kein Wunder, dass er so ein Stück geschrieben hat, in dem die beiden Protagonisten einander provozieren, schockieren. Das sollte man wissen, aber dann auch gleich wieder wegschieben, um sich nicht davon vereinnahmen zu lassen. Sekundärmaterial raus aus dem Schädel! Das Stück lässt viele Interpretationen zu, der Autor lässt die Beweggründe von Pierre und Katja offen. Da muss man tief in sich selber was suchen und finden. Seine Figuren sind zweidimensional, Schablonen, die es zu füllen gilt. Während etwa bei Schnitzler oder Tschechow Figuren acht-, neu-, zehndimensional sind. Da ist im Text – und im Subtext – alles vorhanden, hier ist man von van Gogh zur Mitarbeit aufgefordert. Ich muss Pierres dritte Dimension selbst erfinden.

MM: Und?

Pschill: Jaaaaa, ich warte noch auf den Moment, wo es Klack macht, und die Beschäftigung mit dem Stoff sich von Kopf auf den Bauch umschaltet. Dann habe ich die Figur.

MM: Ist Ihnen Pierre sympathisch?

Pschill: Ja und Nein. Wenn er begegnen würde, wäre er mir absolut unsympathisch. Aber die Arbeit mit ihm ist mir sympathisch, je länger ich mich mit ihm beschäftige, umso mehr wächst er mir ans Herz. Er lässt zu – wenn es mir gelingt -, dass man eine ganz dreckige, schiache, blutige Seite rauslässt. Und zwar nicht kopfig, wie bei Turrinis Monolog „Endlich Schluß“, den ich zuletzt am Haus gespielt habe, sondern interaktiv mit einer Partnerin, die mir auch einschenkt. Ich fühle mich irrsinnig gut, seit ich mit dem Pierre proben darf, weil er mir die Grauslichkeit abnimmt. Und die müssen wir doch alle irgendwann, irgendwo einmal rauslassen. Ich darf das zum Glück auf der Bühne. Psychohygienisch ist das fantastisch: Endlich einmal Arschloch sein!

MM: Sie haben auch eine eigene Theatertruppe gebildet, mit der Sie „Das weite Land“ gespielt haben.

Pschill: Genau. Einen Theaterverein, der heißt el ABSOLOM. Ich habe ihn zusammen mit meiner Freundin Kaja Dymnicki gegründet, wir wollen auf jeden Fall weiter machen, überlegen schon, ob als nächstes Stoppard oder Dostojewski, aber es ist halt wie alles eine finanzielle Frage. Diese Arbeit ist eine Riesenfreude, dieses Scheitern und Ausprobieren und noch einmal Probieren. Man ist freier. Ich habe mich gefreut, wenn wir ausverkauft waren, aber darum ging’s mir gar nicht so sehr. Ich konnte was hinstellen und sagen: Take it or leave it! Das ist mein Ding, mein Labor, mein Experiment. Ich war deshalb auch gar nicht nervös. Als Schauspieler an einem Haus bin ich das sehr wohl, weil ja ein anderer hauptverantwortlich ist. Da fragt man sich dann: Kommt’s beim Publikum an? Mache ich Quote? Bei meinem Projekt ist mir das egal. Ich habe aber viel über das „Handwerk“ Theater gelernt, dass jetzt auch bei „Das Interview“ einfließt. Eine Art tieferes Verständnis, ein freudiges empirisches Interesse daran, warum manche Dinge heute funktionieren und morgen nicht. Na Hauptsache, es funktioniert bei der Premiere (er lacht).

MM: Apropos, Quote: Sie sind ab Oktober im ORF in der Serie „Janus“ zu sehen.

Pschill: Das ist ein Siebenteiler, der am 1. Oktober startet, ein Krimi. Wir sind ein Team, in dem es einen Psychologen gibt, den ich spiele, eine Polizistin, einen Staatsanwalt … Das sind Freunde, keine Berufskollegen. Was mir an den Drehbüchern gut gefallen hat, ist, dass die in die Fälle mehr oder minder reinstolpern. Denen „passieren“ die Fälle – und sie sind alle nicht wahnsinnig toll in ihrem Job. Der Bogen, der sich über alle sieben Teile spannt und sie auch miteinander verknüpft, hat mit „Janus“, hier der Name eines Konzerns, und natürlich mit den zwei Gesichtern des Januskopfs zu tun. Mit dabei sind Franziska Weisz, Barbara Romaner, Andreas Kiendl, Barbara Kaudelka und der wunderbare, vielgeliebte Joachim Bissmeier in einer Episodenrolle.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=47IYe2fhvVA&feature=youtu.be

Wien, 16. 9. 2013