Art Carnuntum: Piero Bordin präsentiert das Programm

Juni 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare’s Globe und ein Fest für Melina Mercouri

Twelfth Night. Bild: Marc Brenner

Sein sagenhaftes Dreißig-Jahr-Jubiläum feiert Art Carnuntum, das Welt-Theater-Festival im römischen Amphitheater Petronell-Carnuntum, im Sommer 2019 – und wie stets hat Intendant Piero Bordin ein erlesenes Programm zusammengestellt, das, wie es sich für einen „Runden“ gehört, mit einem Geburtstagsfest beginnt.

Am 3. August, 19.30 Uhr, lädt Bordin unter dem Titel Aus Mythen Geboren zu einer poetisch-musikalischen Reise zu den Wurzeln der europäischen Kultur, eine Hommage an das Theater und an Melina Mercouri, der Initiatorin der „Kulturhauptstädte Europas“, mit Live-Orchester und den berühmtesten Liedern der legendären Schauspielerin, Sängerin und späteren griechischen Kulturministerin.

Regie-Altmeister und Antiken-Spezialist Hansgünther Heyme wird Texte aus 2500 Jahren lesen, in denen starke Frauenfiguren eine wichtige Rolle spielen: von der tatkräftigen Hausfrau Praxagora des Aristophanes bis zu den zahlreichen Antigones und Medeen. Für mediterranes Flair sorgt Weinbauer Trygeos Traubenzupfer.

Seit Jahren sind die großartigen Aufführungen des Shakespeare’s Globe Theatre aus London die Highlights des Festivals. Heuer kommt das Ensemble wieder mit drei Inszenierungen zu Art Carnuntum, allesamt Stücke, die von Schiffbrüchigen handeln, die auf der Suche nach Verwandten oder einer neuen Heimat sind. So ist am 9. August, 19.30 Uhr, The Comedy Of Errors zu sehen, in dem ein Paar auf See getrennter Zwillingsbrüder und ein Paar ebenfalls getrennter Zwillingsdiener für Chaos sorgen. Am 10. August, bereits um 14 Uhr, folgt Twelfth Night über Zwillinge, die ein Schiffbruch auseinandertrieb, was zu Liebesqualen und den wohl hervorragendsten Liedern, die Shakespeare je geschrieben hat, führt. Um 19.30 Uhr desselben Tages wird schließlich Pericles gezeigt, die erste von Shakespeares späten Romanzen, in denen der Prinz von Tyrus sich gezwungen sieht, aus seinem Königreich zu fliehen und die Welt zu durchstreifen …

The Comedy Of Errors. Bild: Marc Brenner

The Comedy Of Errors. Bild: Marc Brenner

Pericles. Bild: Marc Brenner

Pericles. Bild: Marc Brenner

Ein Experiment wagt Piero Bordin dann am 14. August, 21 Uhr, mit Die Erkannten Unerkannten des polnischen Theaters der Schattenrevolution ohne Worte. Die Inszenierung von Wioletta Dadej verspricht ein faszinierendes, archaisch anmutendes Theaterereignis zu werden, das fast ohne Sprache auskommt. Ein Spektakel, das sich auf die Werke der 2017 verstorbenen polnischen Bildhauerin Magdalena Abakanowicz bezieht und deren eindrucksvolle Figurengruppen zu beleben versucht, eine Performance, die zeigt, was passiert, wenn eine Menge beinah identer Gestalten beginnt, an Individualität zu gewinnen, und zu Entdecker, Manipulant, Führer, Retter oder gar Verbrecher mutiert, Propheten und Ideologen aufsitzt, nur um am Ende erneut eine uniforme, formlose Masse zu werden. Ganz klar, dass bei diesem Abend Fragen über Freiheit und Unterdrückung verhandelt werden.

Aus Polen kommt „Die Erkannten Unerkannten“. Bild: Theater der Schattenrevolution ohne Worte

The Summit / Der Gipfel: Diocletian (Erich Svoboda) steigt bodyguard-bewacht aus seinem Wagen. Bild: Art Carnuntum

Auch der diesjährige Aufführungszyklus gipfelt in The Summit / Der Gipfel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25528) am 23. August, 21 Uhr. Nach einem Text und in der Inszenierung von Piero Bordin kann das Publikum eines der historisch wichtigsten Ereignisse auf österreichischem Boden mitverfolgen, die im Jahr 308 in Carnuntum stattgefunden habende „Kaiserkonferenz“, ein Gipfeltreffen, bei dem unter Leitung von Diokletian die IV. und letzte Tetrarchie zustande kam, bei der vier Kaiser zur Macht gelangten, die innerhalb von fünf Jahren die damalige Welt weiter entwickelten. Mit ihren Edikten beendeten sie die Christenverfolgung und gewährten erstmals religiöse Toleranz für alle Glaubensgruppen, bis heute eines der elementarsten und erneut schwerst missachteten Menschenrechte. Ein Projekt, das mit ausschlaggebend dafür war, dass die Europäische Kommission Carnuntum das Europäische Kulturerbe-Siegel verliehen hat.

INFO: Alle Zuschauerplätze sind überdacht, dem Wetter angepasste Kleidung wird dennoch empfohlen. Parkplätze sind ausreichend vorhanden. Es gibt aber zu allen Aufführungen auch komfortable Shuttlebusse von und zur Wiener Staatsoper, für die die Tickets aufgrund der limitierten Sitzplätze jeweils zusammen mit den Eintrittskarten zu erwerben sind.

www.artcarnuntum.at

25. 6. 2019

Art Carnuntum: The Taming of the Shrew

Juli 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare’s Globe bezaubert das Publikum

Haben wieder ihre Instrumente ausgepackt: Cynthia Emeagi, Sarah Finigan, Colm Gormley und Steffan Cennydd. Bild: Marc Brenner

Mit fulminanten Vorstellungen von „The Taming of the Shrew“ und „Twelfth Night“ begeisterte das Londoner Shakespeare’s Globe Theatre sein Publikum im Carnuntiner Amphitheater. Wie stets hatten die Schauspieler ihre Musikinstrumente ausgepackt – Gitarre, Saxophon, Akkordeon, Querflöte und mehr -, um dem britischen Barden ihre Reverenz zu erweisen. Jenseits aller Fragen nach Alter, Geschlecht oder Hautfarbe wurde großartiges Theater präsentiert.

Etwa „The Taming of the Shrew“ als mutmaßlich erste Screwball-Comedy der Welt, die es auch an Slapstick nicht vermissen ließ. Mit einer herausragenden Sarah Finigan als Bianca, die eben noch als Shylock zu sehen war. Schwungvoll ging’s von Versprechen zu Versprechern, und den drei mitgiftjägerischen Bianca-Bewerbern; wenn sich eine Klammer in den diesjährigen Produktionen finden lässt, dann zweifellos die um Reichtum und dessen Erhaltung oder Gewinn. Temperamentvoll und sehr männlich gestaltet Colm Gormley seine Rolle als Petruchio, ein Held in Unterhosen und zerrissenem Wamst, dem Rhianna McGreevy als Katherina nichts schuldig bleibt. Dass deren beider Infight mitunter zu tatsächlichen Handgreiflichkeiten führt, versteht sich.

So geht’s munter zu um die Verschacherung von Frauen, ohne dass die im deutschsprachigen Raum so verbreitete Emanzipationskarte gezogen werden muss. Das ist auch nicht nötig, man versteht auch so, dass es Bianca faustdick hinter den Ohren hat, und Katherina ihren Frischangetrauten manipuliert, um ihren Willen zu bekommen. Am Ende sind Petruchio und sie ein eingespieltes Team, das eine ganze Gesellschaft bloßstellt, um seinen Wettgewinn einzufahren.

Vollblutkomödiant Russell Layton begeistert das Publikum. Bild: Marc Brenner

Neben den Hauptfiguren begeistern Luke Brady als Lucentio, Steffan Cennydd als Hortensio, Cynthia Emeagi als Baptista und Russel Layton als Tranio mit Jaqueline Phillips als Gremio. Was mehr ist zu sagen? See you hopefully next year, wenn Art-Carnuntum-Mastermind Piero Bordin wieder zum Festival bittet.

www.artcarnuntum.at

  1. 7. 2018

Art Carnuntum: Das London Globe Theatre kehrt zurück

Januar 14, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Und das Publikum wählt diesmal das Stück aus

Die neue künstlerische Leiterin Michelle Terry geht wieder auf Tour, so kommt das Globe Theatre aus London auch nach Österreich. Bild: Sarah Lee

Dieser Tage gab Shakespeare’s Globe Theater in London das diesjährige Programm unter der neuen künstlerischen Leitung von Michelle Terry bekannt. Sie bringt das Globe im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf Tour. Und dies gleich mit drei Stücken, interpretiert von einem spielfreudigen Ensemble großartiger Schauspieler unter der Regie von Brendan O’Hea.

Nach einer Pause im Vorjahr kommt das Theater auch wieder exklusiv für Österreich zu Art Carnuntum – und zwar mit “Der Kaufmann von Venedig”, “Der widerspenstigen Zähmung” und „Was ihr wollt“ (“Twelfth Night”), die vom 29. Juni bis 1. Juli zu sehen sein werden. „Was ihr wollt“ ist gleichzeitig das Motto der Dreifach-Produktion – so kann das Publikum mit einem Stimmzettel bei einer Matinee am Samstag selbst wählen, welches der möglichen Shakespeare-Stücke an diesem Nachmittag gespielt werden soll.

Two Gentlemen of Verona, 2016: Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Hamlet, 2016: Jennifer Leong: Ophelia verfällt dem Wahnsinn. Bild: Shakespeare’s Globe Theatre

„Art Carnuntum ist seit mehr als zehn Jahren – von Anbeginn an – Partner und ,Part of the Game‘ des erfolgreichen Konzeptes Shakespeare auf ursprüngliche Art einem heutigen Publikum näher zu bringen: Protagonisten sind die hervorragenden und vielseitigen Schauspieler. Und dies trifft sich auch mit dem Ziel von Art Carnuntum, das europäische Kulturerbe in ursprünglicher Form zeitgemäß zu beleben – von Aischylos über Sophokles, Euripides, Aristophanes und Plauto bis Shakespeare…“, so Art-Carnuntum-Mastermind Piero Bordin.

Als sensationell kann die Resonanz der britischen und internationalen Presse bezeichnet werden. Bordin: „Die Idee das Publikum wie zu Shakespeares‘ Zeiten abstimmen zu lassen, welches Stück gezeigt werden soll, wurde sehr positiv aufgenommen – Kultur-Headlines gab’s unter anderem bei der Times und beim Guardian.

Das Programm: Freitag, 29. Juni: Der Kaufmann von Venedig, Samstag, 30. Juni: Der widerspenstigen Zähmung,  Sonntag, 1. Juli: Twelfth Night / Was ihr wollt, Matinee am Samstag: „Was das Publikum will”. Eine komplette Programmvorschau für Art Carnuntum 2018 folgt im Frühjahr.

www.artcarnuntum.at

14. 1. 2018

Art Carnuntum – Shakespeare’s Globe Theatre: The Two Gentlemen Of Verona

August 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein flotter Ausflug in die Swinging Sixties

Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Shakespeare’s Globe Theatre ist wieder bei Art Carnuntum zu Gast und hat, zu sehen noch bis 6. August, „The Two Gentlemen Of Verona“ aus London mitgebracht. Regisseur Nick Bagnall verlegte die Irrungen und Wirrungen nicht nur optisch in die Sixties, das Bühnenbild gleich einem leuchtenden Wurlitzerbogen, die Kostüme wie aus den düstersten Ecken des eigenen Kleiderschranks, er zeigt auch eine swingende Musikrevue.

Um eine Band von Blumenkinder dreht sich das rasante Liebeskarussell des britischen Barden. Um Jugendliche, die gern so wild wie Mick und protestgebeutelt wie Bob wären, und doch nur brav Pullunder und Strickwesten tragen. Beige statt Psychedelic. Das heißt: in Verona, denn kaum in der Modemetropole Mailand angelangt, ändern sich Outfit und Attitüde. „The Two Gentlemen Of Verona“ gilt als Shakespeares erstes Stück. In der mutmaßlich rund um 1590 nach portugiesischer Vorlage entstandenen romantischen Komödie sind bereits die Motive für ein gutes Dutzend späterer Meisterwerke angelegt. Zwei Liebespaare über Kreuz, ein Mädchen, das sich als Bursche verkleidet, um dem Herzensmann folgen zu können, ein reumütiger Schurke, dem ergo vergeben wird, und zwei hinreißend komische Dienerfiguren. Shakespeare erlaubte sich einen einmaligen Kniff, den er später nie mehr wiederholen sollte, er schrieb eine stumme Hauptrolle – den Hund Crab, in Inszenierungen mal unsichtbar, mal aus Plüsch und bei Bagnall auf ganz besondere Art interpretiert.

Der vornehme Veroneser Jüngling Valentine muss also nach Mailand reisen, während sein Gefährte Proteus daheim bei seiner angebeteten Julia verweilen darf. In der Fremde angekommen verliebt sich Valentine in die schöne Sylvia, die Tochter des Herzogs, doch tut dies auch Proteus, der vom Vater dem Freund hinterhergesandt wurde. Proteus spinnt eine Intrige, um an sein Ziel zu gelangen, Valentine wird verbannt, nun steht dem Tunichtgut nur noch der tölpelige Thurio im Wege, den der Herzog eigentlich als Ehemann für sein Kind auserkoren hatte. Und dann ist da noch Julia, die in Mailand auftaucht, um nach ihrem Verlobten zu sehen …

Das Ensemble nimmt das Publikum sozusagen mit bis in die Carnaby Street, die Darsteller sind Hippies und Hipsters dieser vergangenen Tage, Youthquaker, und wie es sich für’s Globe gehört, natürlich auch eine einwandfreie Popband mit schrammelnden E-Gitarren, wummerndem Bass und treibendem Schlagzeug. James Fortune hat für die Aufführung neue Songs komponiert, die musikalisch irgendwo zwischen „Let it bleed“ und „Pain in My Heart“ angesiedelt sind, und so sind die Liebesbriefe nun 7″-Singles, die bei Missfallen der A-Seite zerbrochen statt zerrissen werden. Kämpfe werden statt mit dem Degen als Dancefloor-Combat oder als Krieg der Gitarreros ausgetragen, für die flotte Choreo sorgte Tom Jackson Greaves.

Aus besten Freunden werden Rivalen: Guy Hughes als Valentine und Dharmesh Patel als Proteus. Bild: Barbara Pálffy

Männerfreundschaft fürs Leben: Guy Hughes und Dharmesh Patel. Bild: Barbara Pálffy

Garry Cooper als Duke. Bild: Gary Calton

Mit der Geschmeidigkeit und der Grandezza eines Las-Vegas-Veteranen: Garry Cooper gibt den Duke. Bild: Gary Calton

Guy Hughes und Dharmesh Patel sind als Valentine und Proteus zu sehen, ersterer, nachdem von den Mailänder Mädchen fashiontechnisch vorzeigbar gemacht, liebenswert in seinen Liebesnöten, zweiterer ein Grimassen schneidender Windbeutel, der seine bösen Absichten per Seitenblick auf die Zuschauer kundtut, bevor er sie in die Tat umsetzt. Mit Leah Brotherhead als Julia und Aruhan Galieva als Sylvia stehen den Blutsbrüdern zwei überaus ehrenhafte Frauen gegenüber; Amber James spielt nicht nur die kecke Zofe Lucetta, sondern schmeißt als Thurio auch noch eine wunderbar missglückende James-Brown-Performance aufs Parkett. Garry Cooper gibt den Duke mit der geschmeidigen Grandezza eines Las-Vegas-Veteranen.

Zu den Höhepunkten des Abends zählen aber freilich die Auftritte von Charlotte Mills als Launce. Die Vollblutkomödiantin bildet gemeinsam mit dem Speed von Adam Keast ein Dienerduo als ob Laurel und Hardy dafür Pate gestanden hätten. Wenn der Verteiler bewusstseinserweiternder Glückspillen – nomen est omen – auf den Meister/die Meisterin im Missverstehen trifft, dann ist das zum Niederknien komisch. Hinzu kommen Launces Probleme mit Crab, bei dem’s Ansichtssache ist, ob man ihn als Sturkopf, Simpel oder der Welt größten Stoiker nehmen möchte. Zwar sagt er naturgemäß keinen Ton, doch lässt Musiker Fred Thomas, der in seine Haut, heißt: sein Fell schlüpft, philosophisch vielsagend das Banjo sprechen …

Shakespeare im Sixties-Style: Das Ensemble swingt und tanzt. Bild: Barbara Pálffy

Shakespeare im Sixties-Style: Das Ensemble swingt und tanzt. Bild: Barbara Pálffy

Mit all den heiteren Sixties-Augenblicken wird die Sicht auf Shakespeare aber keineswegs verstellt, sondern sein Werk ebenso luftig-leicht wie tiefernst genommen. Dies ja die Spezialität der Briten. Doch Nick Bagnall lässt die Komödie diesmal nicht in Love, Peace & Happiness enden, er entschied sich im Kontrast zum Original für ein modernes Unhappy End. Bei dem die Frauen das letzte, wenn auch frustrierte Wort haben. Freilich, es kriegen sich alle.

Der Duke spricht ein Machtwort, die Männer matchen sich’s aus, es wird einander verziehen und um den Hals gefallen und Valentine freut sich, wie es geschrieben steht, auf „one feast, one house, one mutual happiness“. Bei so viel herrlicher Männerfreundschaft bleibt Julia und Sylvia nur, sich ihr zu erwartendes Ehe-Elend von der Seele zu rocken. Und tatsächlich lassen Leah Brotherhead und Aruhan Galieva ihre innere Janis frei, dass das römische Amphitheater in seinen Grundfesten erbebt: All is loneliness before me … Wofür es vom ohnedies schon hin- und mitgerissenen Publikum einen Extra-Jubel gab. Cheers!

www.artcarnuntum.at

Wien, 5. 8. 2016

Art Carnuntum – La MaMa Theatre New York: Pylade

Juli 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wahnsinn und die Schändung einer Wassermelone

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble, geht in seinem Spiel über die Grenzen körperlicher Belastbarkeit hinaus. Bild: Barbara Pálffy

Marko Mandic als Pylades geht in seinem Spiel über die Grenzen körperlicher Belastbarkeit hinaus. Bild: Barbara Pálffy

Die Wassermelone, die mit einem Messer zer- und an die Zuschauer verteilt wurde, hatte das bessere Los gezogen. Ihre Schwester nämlich wurde von Pylades zur Befriedigung essenziellster Bedürfnisse herangezogen. Der slowenische Schauspielstar Marko Mandić spielt diesen besten Freund des Orestes, so kraftvoll und schonungslos, auch gegenüber seinem zu 90 Prozent des Abends nackten Körper und dessen allzu menschlichen Reaktionen, dass man zuweilen um seine Unversehrtheit bangte …

Das New Yorker La MaMa Theatre war erstmals nach dem Tod seiner Gründerin Ellen Stewart wieder bei Art Carnuntum zu Gast. Im römischen Amphitheater zeigte die Experimentaltheatertruppe Pier Paolo Pasolinis Drama „Pylade“. 1977 ist dieses im Original „Affabulazione“ – Königsmord genannte Werk entstanden, und der italienische Filme- und Theatermacher stülpt darin der mythologischen Figur nicht nur seine eigene Biografie über, sondern versetzt sie in ein Italien seiner Zeit, einem Land, aufgerieben zwischen den Attentaten der Roten Brigaden und Angst und ergo Antiterrorgesetzen und daraus resultierendem Staatsterror.

Recherchen über letzteren, so eine Spekulation, könnten zu Pasolinis gewaltvollem Tod geführt haben. Nichts also könnte dieser Tage aktueller sein. US-Kritiker lobten die Produktion nach ihrer Premiere im Dezember zu Recht über die Maßen, die Vereinigten Staaten im Wahlkampf und hier ein Thronfolger, der nach der Ermordung von Vater und Mutter und deren Liebhaber eine neue demokratische Gesellschaft einführen will und, verfolgt von den Erinnyen, doch scheitern wird müssen. Sein hehres Ansinnen ist zu sehr auf den morschen Pfeilern der Vergangenheit errichtet, und Pylades, beseelt vom Geist der Göttin Athene, erkennt das.

Pasolini gibt diesem von Aischylos über Euripides bis Sophokles stummen Diener eine Stimme, die der Revolution, die der Antikorruption und des Antikapitalismus. Und wenn Regisseur Ivica Buljan, er übrigens künstlerischer Leiter des kroatischen Nationaltheaters Zagreb, seinen Hauptdarsteller Mandić zum Schluss die Bandiera rossa mit der letzten Zeile „Evviva il comunismo e la libertà“ singen lässt, dann ist das für eine Arbeit aus dem bigott-prüden Amerika mutmaßlich noch mutiger als das Ausstellen entblößter Haut.

Mit „Orestes“ Tunde Sho. Bild: Barbara Pálffy

Mit „Orestes“ Tunde Sho. Bild: Barbara Pálffy

La MaMa-Direktorin Mia Yoo als Elektra. Bild: Barbara Pálffy

La MaMa-Direktorin Mia Yoo als Elektra. Bild: Barbara Pálffy

Perry Yung wendet sich als armer Bauer vergebens an den Hof. Bild: Barbara Pálffy

Perry Yung wendet sich vergebens an den Hof. Bild: Barbara Pálffy

Nicht nur Mandić überzeugt mit seiner energiegeladenen Performance. Als einer, der die Wahrheit sagt, so unbequem sie auch sein mag, der Zweifel in die allgemeine Aufbruchsstimmung sät und deshalb bald verbannt wird, steht ihm nicht nur der Wahnsinn, ja zeitweise eine Transzendenz in den Augen, als hätte er sich schon aus dem Amphitheater verabschiedet, sondern mit Tundé Sho auch ein Orestes gegenüber, der sich vom sozial denkenden Visionär zusehends zum Realpolitiker wandelt.

Mehr als nur Bruderliebe scheint die beiden Männer zu verbinden, auf dem Höhepunkt seiner Raserei färbt Pylades sein Geschlecht schwarz, um sich dem Geliebten und Unbelehrbaren anzugleichen, doch dem verstellen die Autoritäten die Sicht aufs Wesentliche: Ein Hof, der nichts von den Mühen der Bevölkerung wissen will, der sich „im Kampf gegen eine Armee von Arbeitslosen und Migranten“ sieht, doch nicht Lösungen sucht, sondern Exzess und Eskapismus. Sho spielt das sehr schön verzweifelt und doch herrisch, einer, der nicht anders kann, weil er einfach muss.

Dem gegenüber steht seine Schwester Elektra als wütende Trauernde, die Vertreterin der traditionsbewussten Bewohner Argos‘, dargestellt von der neuen La MaMa-Direktorin und Ellen-Stewart-Erbin Mia Yoo. Sie wird zur dritten Kraft im Ringen des Orestes mit Pylades, noch eine letztlich Liebende, die in der Mythologie zu Pylades‘ Ehefrau und der Mutter seiner beiden Söhne wird. Nicht nur Yoo attackiert ihre Rolle als ob es um ihr Leben ginge, Maura Nguyen Donohue als Athene, Eugene The Poogene als Eumenides, Cary Gant, John Gutierrez, Chris Wild und die fabelhafte Valois Mickens tun es ihr gleich.

Perry Yung, hierzulande auch aus dem Fernsehen, zuletzt etwa „Blacklist“, bekannt, brilliert naturgemäß als Bauer, der sich umsonst an die Obrigkeiten wendet. In New York machte die La MaMa-Truppe mit einem Warnhinweis auf die Körperlichkeit ihrer Aufführung aufmerksam. Das ist in einem diesbezüglich provozierbefreiten Europa zwar nicht nötig, doch auch in Carnuntum wurde dem Publikum im Wortsinn der Boden unter den Füßen weggezogen. Es wird Teil der Inszenierung, sei es, weil zum Tanz aufgefordert oder zum gemeinsamen Melonenmahl eingeladen; Sex & Crime finden nicht nur vor ihm, sondern mitunter auch mitten in den Sitzreihen statt. Die Radikalität und beinah heilige Hingabe, mit der das passiert, macht „Pylade“ zu einem unvergleichlichen Abend. Mit Ausnahmeschauspielern, die, wie man’s im Deutschsprachigen so leider nicht kennt, jenseits von Herkunft und Hautfarbe und dem einen oder anderen Akzent von Ivica Buljan für ihre Aufgaben ausgewählt wurden.

Art-Carnuntum-Intendant Piero Bordin bereitet indes schon die nächsten Projekte vor: Von 4. bis 6. August gastiert bei ihm Shakespeare’s Globe Theatre London mit „The Two Gentlemen Of Verona“, am 27. August folgt „The Summit/Der Gipfel“.

www.artcarnuntum.at

Wien, 18. 7. 2016