Schauspielhaus Wien: Oh Schimmi

November 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dem Affen ordentlich Zucker gegeben

Zum Affen gemacht: Markus Bernhard Börger als Schimmi. Bild: © Susanne Einzenberger

Schon vor drei Jahren, als sie ihren Text beim Ingeborg-Bachmann-Preis vorstellte, erregte die österreichische Autorin und bildende Künstlerin Teresa Präauer nicht nur mit ihm, sondern auch mit einem Affenvideo Aufsehen. Diesen Herbst ist der Roman dank Dramaturgin Anna Laner zum Bühnenmonolog geworden, und nun vom Theater Kosmos Bregenz im Rahmen der Theaterallianz ans Schauspielhaus Wien übersiedelt.

Wo, weil „Oh Schimmi“ auch als Stück aufsehenerregend ist, die gestrige Premiere beim Publikum für Begeisterung sorgte. Dass das Ganze so perfekt funktioniert, dafür sind in erster Linie Regisseurin Anna Marboe und Schauspieler Markus Bernhard Börger verantwortlich. Marboe lässt Börger im Wortsinn intensiv zu Werke gehen. Der turnt nicht nur durch die Szenerie, und zwar während er diese beständig umbaut, sondern auch gewitzt und ungeziert durch Präauers Sprache. Wobei er für die performative Selbstentblößung seines fragwürdigen „Helden“ die genau richtige attitude findet, der Möchtegern-Rapper mit den schlechten rhymes, der, je mehr er sich in die Bürscherlbrust wirft, umso weniger als gefährlicher Gangsta durchgeht.

Und denn doch kein ganz so harmlos-armer Tropf ist, wie er sich am Ende mit weißem Plüschpyjama und Maske auch optisch zum Affen macht, hält er unter seinem Bett neben den Marshmallows ja die mit einem neongrünen LED-Seil gefesselte Nagelpflegerin Maguro versteckt.

Immer wieder kommt Präauer in ihren Büchern auf die Animalisierung des Menschen zu sprechen, dieser unscharfen Zwischengrenze, die sie mit dem französischen Philosophen Jacques Derrida „animot“ nennt – das Wort gewordene Tier. Auch in ihrem im Programmheft auszugsweise abgedruckten erzählerischen Essay „Tier werden“ befasst sie sich mit Stationen des Übergangs, mit der Verwandlung, mit einem Aus-der-eigenen-Art-Schlagen. Was „Oh Schimmi“ betrifft, ist es Anna Laner gelungen, die knapp mehr als 200 Seiten lange Taugenichts-Geschichte auf ihre Essenz einzudampfen, auf 70 Minuten Höchstgeschwindigkeit, und trotzdem sowohl Story als auch Figur vollständig zu erzählen.

Die attitude ist selbstverständlich proll-cool. Bild: © Susanne Einzenberger

Schimmi äfft die Mutti nach. Bild: © Susanne Einzenberger

Das Affenthema dabei vom Nachäffen eines „amerikanischen Lebensstils“ bis zu Schimmis affigen Avancen, die er seiner Angebeteten Ninni, dieser „schaumgeborenen Schönheit des White Trash“, macht, durchgehalten. White Trash ist also das Setting. Mann wohnt mit Mutter im 17. Stock eines Towers in einem anonymen Weltstadtdschungel. Eine von ihr eindeutig inzestuös angedachte Hassliebe, tanzt sie ihm vor dem TV-Gerät doch ihren Strip vor, ein den Bildschirm verstellendes Bild ihres aushäusig praktizierten „Sexualismus“.

Der für Schimmi nicht einmal in der Theorie möglich sein soll, nimmt sie ihm doch zur Vermeidung von Schweinkram-Gedanken vor ihren Ausflügen sogar das Smartphone weg. So muss sich der hinter Seifenblasen versteckende Spanner allein durch die Mannbarkeitsklischees schlagen, und Marboe lässt Schimmi dabei genüsslich zwischen seinem selbst gezimmerten Macho-Mythos und Tussi-Muttis Machtspielchen hin und her straucheln, dabei Päauers Kritik an Geschlechterrollen und der Generation Konsumkids zwar fest im Blick.

Aber locker genug gehandhabt, um Börgers proll-cooles Coming-of-Age-Spiel nicht mit einem mahnenden Zeigefinger zu beschädigen. Dieser läuft zur Hochform auf, wenn er außer seinem Protagonisten auch noch mit theatralisch hochgerissenen Armen die Mutti, mit verärgert in die Hüfte gestemmten Händen die Ninni, den auf dem Weg zum Erwachsenwerden verlorengegangenen Vater – und die Sexhotline-Cindy darzustellen hat.

„Es kann doch nicht sein, dass das Internet es lustiger hat als ich“, sagt Börgers Schimmi mit verschmitzt-sündigem Lächeln, und wie er sich schonungslos exponiert, im schweißtreibenden Affenzahn-Tempo und mit überschwappenden Emotionen über seine dysfunktionale Familie, die zerschmetterten Träume seiner Mutter, Verdrängung, Verleumdung und Fluchtversuche berichtet, mal billig flirtet, mal unverschämt baggert, und hinter Schimmis Bling-Bling immer dessen Betrübtheit durchblitzen lässt, da wird der Abend nicht nur bis zum Abwinken absurd, da tun sich tatsächlich Abgründe auf.

Am liebsten schaut Schimmi Tierfilme: Markus Bernhard Börger. Bild: © Susanne Einzenberger

Die Ausstattung dazu hat Sophia Profanter erdacht, graue Kuben, die sich beim Umdrehen in pinke, knallgelbe, babyblaue Versatzstücke verwandelt, aus Plastikbechern wird eine Bar, Fruit Loops zum Sitzbezug, aus grünen Luftballons ein Busen, eine Banane erst zur Pistole, dann zum Smartphone. Und so hat wie der Darsteller auch das Leading Team mit seiner „Oh Schimmi“-Interpretation dem Affen ordentlich Zucker gegeben – sehenswert.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=hSy4NZQemIw

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018

Thomas Köck ist der erste Preisträger der Theaterallianz

Februar 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater am Lend aus Graz neu im Bühnenverbund

Kulturminister Josef Ostermayer, Autor Thomas Köck, Schauspielhaus-Intendant Tomas Schweigen Bild: Hans Hofer

Kulturminister Josef Ostermayer, Autor Thomas Köck, Schauspielhaus-Intendant Tomas Schweigen. Bild: Hans Hofer

Der erste von der Theaterallianz der freien österreichischen Bühnen (Theater KOSMOS, Schauspielhaus Salzburg, klagenfurter ensemble, Theater Phönix Linz und Schauspielhaus Wien) ausgelobte Autorenpreis geht an den Österreicher Thomas Köck. Das wurde Montagvormittag im Rahmen einer Pressekonferenz im Schauspielhaus Wien bekanntgegeben.

Der junge Dramatiker, geboren 1986 in Steyr in Oberösterreich, wird für seinen Stückentwurf mit dem Arbeitstitel „Kudlich – eine anachronistische Bauernoper“ ausgezeichnet. Der Preis ist mit 9500 Euro dotiert und mit einer Uraufführung am Schauspielhaus Wien in der kommenden Saison verbunden. Nach der Premiere wird die Inszenierung auf Tournee durch alle Mitgliedstheater der Allianz gehen. Die neu geschaffene, aus Mitteln des Bundeskanzleramts finanzierte Auszeichnung gehört damit zu den höchst dotierten Förderinstrumenten für zeitgenössische Dramatik im deutschsprachigen Raum.

Der Wettbewerb stand unter dem thematischen Motto „Der Kongress tanzt!“ und hatte österreichische Dramatikerinnen und Dramatiker eingeladen, über die Nachwirkungen des Wiener Kongresses nachzudenken. Die Jury prämierte schließlich den Entwurf „Kudlich“ von Thomas Köck, der auf Initiative des Wiener Schauspielhauses teilgenommen hatte. Aktuell entwickeln dessen Intendant Tomas Schweigen und Köck mit dem Stück „Strotter“ einen „postapokalyptischen Spaziergang“, der am 1. April zur Uraufführung kommen wird. Eine weitere Arbeit Köcks, „Isabelle H. (geopfert wird immer)“, erlebt im Rahmen des Festivals Neues Wiener Volkstheater am 11. März im Volx/Margareten seine österreichische Erstaufführung (mehr: www.volkstheater.at/stueck/isabelle-h/).

Mit „Kudlich“ ist Thomas Köck ein gleichermaßen komischer wie sprachlich virtuoser Parforceritt durch die Restaurationszeit gelungen, der über möglichen Parallelen zwischen der Gegenwart und den Jahren nach dem Wiener Kongress nachdenkt. Vor der Folie der Biographie des Bauernbefreiers Hans Kudlich verhandelt er humorvoll und poetisch Fragen nach Revolution, Widerstand und letztlich nach der Gestaltungskraft des Politischen.

Erweiterung der Theaterallianz

Auf der letzten Sitzung der Theaterallianz wurde außerdem eine Erweiterung beschlossen: Mit dem Theater am Lend aus Graz (mehr: www.theateramlend.at) ist ab der kommenden Spielzeit 2016/17 nun auch die Steiermark im Verbund vertreten. Mit der Zusammenarbeit mit dem Theater, das in enger Verbindung mit dem Drama Forum von uniT Graz steht, stärkt die Allianz ihre Position als wesentliche Institution für die zeitgenössische Dramatiker-Szene in Österreich. „Als Kunst- und Kulturminister freut es mich, wenn eine Theaterkooperation so gut funktioniert und eine win-win-Situation für alle Beteiligten ist. Daher gibt es auch die klare Zusage, diese Zusammenarbeit weiterhin finanziell zu unterstützen und zwar mit jährlich bis zu 90.000 Euro an Förderungen“, schloss Josef Ostermayer die Pressekonferenz. „Es ist den beteiligten Häusern gelungen, miteinander mehr zu schaffen und mehr zu ermöglichen, als es jeweils alleine möglich gewesen wäre“.

INFO: Die Theaterallianz ist eine Plattform, die vor allem das zeitgenössische Theater in Österreich fördert. Ziele sind die intensive Vernetzung, die Bündelung von Ressourcen, die Förderung von Bühnenkünstlerinnen und -künstlern, die überregionale Verbreitung von Produktionen und zugleich die Ergänzung der Spielpläne um qualitativ hochwertige Aufführungen der Partnertheater.

www.schauspielhaus.at

Wien, 22. 2. 2016

Gründung der Theaterallianz

Mai 27, 2013 in Bühne

Fünf freie Theaterhäuser initiieren bundesweiten Austausch

Die Theaterallianz – das sind fünf freie Theaterhäuser, jedes von ausgewiesener Qualität und besonderer Bedeutung in seinem Bundesland. Fünf Partnertheater, die sich auf Augenhöhe begegnen und in Zukunft gemeinsam mehr erreichen wollen: Das klagenfurter ensemble, das Theater KOSMOS in Bregenz, das Theater Phönix Linz, das Schauspielhaus Wien und das Schauspielhaus Salzburg gründen mit derTheaterallianz eine bundesweite Plattform für das zeitgenössische Theater in Österreich.
Ziele sind die intensive Vernetzung, die Bündelung von Ressourcen, die Förderung von Bühnenkünstlerinnen und -künstlern, die überregionale Verbreitung von Produktionen und zugleich die Ergänzung der Spielpläne um qualitativ hochwertige Aufführungen der Partnertheater. Daher steht im Zentrum der gemeinsamen Aktivitäten der Austausch von ausgewählten Inszenierungen zeitgenössischer Autorinnen und Autoren. Das dafür neu ins Leben gerufene Förderprogramm „Tour-Support“ mit einem Gesamtbudget von 170.000 Euro unterstützt freie Theatergruppen dabei, Tourneen im Inland durchzuführen und ihre Produktionen so einem neuen Publikum nahe zu bringen. Als Auftakt findet der konzentrierte Auftritt aller Partnertheater in Form eines Theatertreffens in Bregenz Ende Juni / Anfang Juli 2013 statt: Fünf freie Theater zeigen fünf Eigenproduktionen in einer Woche. Das Theatertreffen dient dem intensiven Austausch und schafft zugleich einen starken ersten Auftritt der THEATERALLIANZ.

Theaterallianz Festival Bregenz
Mo 24. 06. 2013, 20 Uhr
Klagenfurter Ensemble „UKSUS ? opera quasi neo-buffa“ von Erling Wold

Körpergewicht. 17%: Katja Jung Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Körpergewicht. 17%: Katja Jung
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Di 25. 06. 2013, 20 Uhr
Schauspielhaus Wien „Körpergewicht. 17%“ von Ewald Palmetshofer

Mi 26. 06. 2013, 20 Uhr
Schauspielhaus Wien „Körpergewicht. 17 %“ von Ewald Palmetshofer

Do 27. 06. 2013, 20 Uhr
Schauspielhaus Salzburg „Zeit im Dunkeln“ von Henning Mankell

Fr 28. 06. 2013, 20 Uhr
Schauspielhaus Salzburg „Zeit im Dunkeln“ von Henning Mankell

Sa 29. 06. 2013, 20 Uhr
Theater KOSMOS „Demut vor deinen Taten Baby“ von Laura Naumann

Mo 01. 06. 2013, 20 Uhr
Theater Phönix Linz „Die Fortpflanzung der Amöben“ von Suse Grünau

Di 02. 06. 2013, Schulvorstellung
Theater Phönix Linz „Die Fortpflanzung der Amöben“ von Suse Grünau

Statements
Theater Phönix Linz:
„Das Theater Phönix möchte betonen, dass die Theaterallianz auch aus einer kulturpolitischen Notwendigkeit gegründet wurde. In Zeiten der allgemeinen „Sparkultur“ in Sachen Kulturförderung steht die Theaterallianz für eine Verbesserung der künstlerischen Möglichkeiten und Ressourcen. Eine vielfältige Kulturlandschaft prägt die Bildung, die Umgangs- und Verhaltensformen, die Sozialintelligenz und die Geisteshaltung einer ganzen Gesellschaft.“

klagenfurter ensemble:
„Neue Ufer in Sicht. Wir investieren sehr viel in unsere Theaterproduktionen und sehen in der Theaterallianz jenes schon lange herbeigesehnte Instrument, das uns erlaubt, die künstlerischen Erträge dieser Investitionen zu mehren. Noch schöner, dass wir auch mithelfen können, dies auch für unsere Partnertheater zu ermöglichen. Wir haben das Schiff gebaut und sind zum Auslaufen bereit.“

Theater KOSMOS Bregenz:
„Mit der Theaterallianz wird das kreative Schaffen von fünf österreichischen Bühnen gebündelt und einem größeren Publikum geöffnet. Die einzelnen Produktionen der fünf Theaterhäuser können einen Querschnitt zeitgenössischen Theaters in Österreich sichtbar machen und auf die Unverzichtbarkeit der freien Theater in Österreich hinweisen. Kreativität und künstlerische Arbeit wird durch die Theaterallianz aufgewertet und damit zu einem wichtigen Bestandteil einer gesellschaftlichen Dynamik.“

Schauspielhaus Wien:
„Das Schauspielhaus Wien freut sich sehr, dass mit der Theaterallianz nun eine Plattform geschaffen wird, über die der Austausch erfolgreicher Theaterproduktionen sowie die Promotion junger deutschsprachiger Autorinnen und Autoren auch auf österreichischer Ebene intensiviert wird.“

Schauspielhaus Salzburg:
„Die Kraft der Idee! – Es war nicht schwierig, sondern ganz einfach: Die richtige Idee zündete sofort bei allen und es herrschte Einigkeit: Das machen wir! Die Theaterallianz ist ein schlagendes Beispiel dafür, was freies Theater im besten Sinne sein kann. Engagiert in der Sache, wendig und schnell in der Umsetzung, überraschend und neu im Ergebnis.“

www.schauspielhaus.at

www.theater-phoenix.at

www.schauspielhaus-salzburg.at

www.klagenfurterensemble.at

www.theaterkosmos.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 27. 5. 2013