Theater an der Wien streamt: Thaïs

April 21, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Konwitschnys Neudeutung ohne Keuschheitskitsch

Bühne frei für den Star der Show: Roberto Saccà als Nicias, Nicole Chevalier als Thaïs und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Zeitgemäße Bilder für zeitlose Opernstoffe zu entwickeln, das ist bekanntermaßen die Domäne von Peter Konwitschny. Immer wieder gelingt es ihm, am Theater an der Wien zuletzt 2017 für Werner Egks „Peer Gynt“, dramatische Überhöhungen zu erden, und für des Menschen Liebe, Leid und Lust aktuelle Analogien zu finden. Das ist mitunter provokant, immer aber werktreu. Auch bei seiner jüngsten Regiearbeit am Theater an der Wien, Jules Massenets selten gespielter

Comédie lyrique „Thaïs“, wieder mit Leo Hussain am Pult, glückt Konwitschny die Übersetzung ins Heute. Kein einfaches Unterfangen beim Inhalt: asketischer Mönch will teuerste Kurtisane von Alexandria bekehren, ist erst angeekelt, dann erfüllt vom Errettungsgedanken, schleift sie Richtung Nonnenkloster kreuz und quer durch die Wüste, sie stirbt, er erkennt seine Liebe, aber wie gesagt: sie stirbt.

Sonntag war die Corona-bedingte Premiere auf ORF III, nun ist die Inszenierung via TVthek.ORF.at und myfidelio.at abzurufen, und Konwitschny kann’s bildgewaltig bei gleichzeitiger Abspeckung vom Schwulst. Und siehe, die Story von der Hetäre, die zur Heiligen wird, passt beinah 130 Jahre nach ihrer Entstehung wie die Faust aufs Aug‘ zur Radikalität jetziger Tage. Fast scheint’s als ließe Konwitschny auf der Opernbühne einen Glaubenskampf austragen, die religiösen Fanatiker gegen die Konsumextremisten.

Wie sie die Hände in die Höh‘ reißen, die Zönobiten in der Ödnis, wenn sie von der Dämonin singen, ein spaßbefreiter, lustloser Orden. Zumindest bis dahin, da den erhabenen Herren der Schöpfung die Kutte zu eng wird, ob eines Erotikalbtraums, in dem Teufelsweib Thaïs direkt der Unterwelt entsteigt, um die Männer mittels Kopfschusses hinzurichten. Heiß sind sie nun alle auf den Heiligen Krieg gegen die Sünderin und ihre Spießgesellen – und es ist genau dieser Mix aus Angst und Affekt, der seit der Entthronung der Muttergöttinnen zu Unterdrückung, Ungleichbehandlung, Hexenjagden führt.

Flirrend leicht ist das alles musiziert, das Werk bei Leo Hussain und dem Radio-Symphonieorchester Wien bestens aufgehoben. Die großen Striche, Konwitschny lässt für „Thaïs“ knapp zwei Stunden gelten, die Straffung verleiht der Partitur Charakter, und Hussain bemüht sich um fein gestaltete Dynamik. Er dirigiert einen SängerInnen-freundlichen Massenet, der trotz des Thaïs-üblichen Sentiments durchaus Ecken und Kanten hat. Das RSO, im Verein mit dem stets fabelhaften Arnold Schoenberg Chor, hat seinen Blick zur Gegenwart des Werks gewandt, und vermeidet den verklärten in die Aufführungstraditionen der Vergangenheit.

Nicole Chevalier als Thaïs. Bild: © Werner Kmetitsch

Samuel Wegleitner als Amor. Bild: © Werner Kmetitsch

Nicole Chevalier und Josef Wagner als Athanaël. Bild: © Werner Kmetitsch

Als Motto mag gelten: Glamour ja, Klimbim nein. Konwitschny hat, „um den vermeintlichen Kitsch zu attackieren“, wie er im Programmheft sagt, wo unbedingt sein Text „Thaïs für Fortgeschrittene“ nachzulesen ist, alle Darstellerinnen und Darsteller mit Flügeln versehen lassen (Ausstatter: Johannes Leiacker). Deren Farbe und Größe macht die gesellschaftliche Stellung klar. Die schwarzen in XL kennzeichnen Athanaël auf seinem Kreuzzug ins ungelobte Land, den Josef Wagner mit sonorer Stimme, sehr apart an seinem Auftrag leidend und mit selbstgerechter Strenge gibt.

Allein der Satz „Ich hasse dich für dein Wissen und deine Schönheit“, nicht Thaïs, sondern Alexandria, siehe: Bibliothek von …, sagt alles aus über Engstirnigkeit. Ist es überzogen, wenn man an die 100.000 verbrannten Bücher von Mosul, Nimrud, Hatra oder Palmyra denkt? Wie in den eines heidnischen Gottes tritt Athanaël in den „Konsumtempel“ seines Jugendfreunds Nicias, der tadellose Tenor Roberto Saccà, ein Nachtclub offenbar, muss sich dort auslachen, verspotten und von dessen neckisch Bordsteinschwalben, Carolina Lippo als Crobyle und Sofia Vinnik als Myrtale, necken lassen.

Wie hübsch er sei, singen sie, während sie ihm unter den Kittel wollen. Eindeutig greift Konwitschny hier auf den 1890 erschienenen Skandalroman von Anatole France und dessen antiklerikale, satirische Elemente zurück, und wie für Victoria’s Secret Engel öffnet sich ein Laufsteg für ein paar Leichtgeschürzte, deren letzte, die Raubkatze auf dem Catwalk, Thaïs ist. Mit glutroten Federboa-Flügeln: Sopranistin Nicole Chevalier, elegant, kultiviert und dennoch vor Leidenschaft lodernd. Schnell zieht sie eine Line, bevor sie und Nicias medienwirksam ihre Trennung bekannt geben.

Ein Kamerateam umschwirrt die Thaïs, das Mikrophon über ihrem Kopf gleich einem Damoklesschwert, dies der Preis für jegliche Sensationspresse-Berühmtheit. Der traurige Wahn, den sie Athanaël vorwirft, von dem ist sie punkto Jugendwahn selbst umzingelt. Die boshafte Jeunesse dorée begibt sich auf Selfie-Hatz nach dem Sonderling, der aber ist, als ob’s keine Todsünde wär‘, ein jähzorniger Gotteskrieger. Thaïs beklagt – Spiegelarie! – im stillen Kämmerlein ihr Dasein in der Welt des schönen Scheins und ihre Panik vorm Älterwerden, da packt sie der Mönch mit dem Spruch vom ewigen Leben, da beißt sie an.

Josef Wagner, Günes Gürle als Palémon und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Josef Wagner, Roberto Saccà, Carolina Lippo als Crobyle und Sofia Vinnik als Myrtale. Bild: © Werner Kmetitsch

Nicole Chevalier, Josef Wagner und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Am Ende ihres Weges angelangt: Nicole Chevalier und Josef Wagner. Bild: © Werner Kmetitsch

Athanaël landet in der Sinne Streit zwischen ihren Schenkeln, aber ihr Antlitz soll sie verbergen, das hat der Feminist und versierte Beziehungsanalytiker Konwitschny mit Finesse inszeniert. Athanaël wird buchstäblich zum Todesengel, als er Thaïs‘ kleinen Amor zerstört, hier Sängerknabe Samuel Wegleitner mit rotem Hahnenkamm – und welchen Effekt das macht, wenn statt Nippes zerbrochen, ein Kind „erschossen“ wird.

Das sind Szenen, die bleiben. Leiackers leere Bühne gibt den spiel- und sangesstarken Protagonisten Raum für die überbordenden Emotionen ihrer Figuren. Sie sieht in Amor die reine Liebe, er allein hat die lasterhaften Gedanken, droht schon wieder: Ich schließe dich in eine enge Zelle ein, er nimmt sie mit vorgehaltener Waffe als Geisel seines Gottes. Es kommt der Moment, da Thaïs, Athanaël und Nicias zu dritt auf dem Sofa sitzen, und sie schließlich, von den Männern und deren Hahnenkampf bedrängt, beide wegstößt, abschüttelt, lacht oder weint sie im Irrwitz der Situation? Dabei hätt‘ Thaïs bleiben sollen, aber nein: … Méditation!

„Man kann den Figuren ab da beim Menschwerden zuschauen“, sagte die Chevalier bei den Proben. Die Flügel sind nun ab, die Sache mit dem Kult hie wie da gegessen. Beinah noch gibt es ein Pogrom gegen den frommen Pilger, der an dieser Stelle – pardon! – als der Bösewicht gelesen wird. Aber eben: Pistole – und ab geht’s ins schwarze, von wegen Metapher mit Geldscheinen zugemüllte Nichts. Die durch die Hölle gehen, bis in den güldenen High Heels die Füße bluten.

Dass Thaïs am Ende in ebender Versenkung verschwindet, aus der sie zu Beginn emporgestiegen ist, mag man als Konwitschnys Absage an alle Ismen deuten, seien sie religiöser, politischer oder kapitalistischer Unnatur. Die „Thaïs“ aus dem Theater an der Wien jedenfalls ist eine intensive Produktion, der eine Wiederauferstehung auf der Bühne zu wünschen ist. Bis dahin … via Bildschirm!

Die Inszenierung ist bis 24. April via TVthek.ORF.at und ab sofort auch auf der Klassik-Streaming-Plattform myfidelio.at als Video on demand abzurufen.

www.theater-wien.at          tvthek.orf.at           www.myfidelio.at/massenet-thais-theater-an-der-wien            Trailer: www.facebook.com/TheateranderWien/videos/243681014114713

  1. 4. 2021

Neues Zentrum für die freie Theater-, Tanz- und Performance-Szene im 20. Bezirk

April 19, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch brut, das WUK und die Festwochen ziehen ein

brut-Intendantin Kira Kirsch und Kulturstadträtin Veronica Haup-Hasler. Bild © PID/Votava

Im Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof entsteht in einer ehemaligen Industriehalle aktuell ein neues Zentrum für die freie Performance, Tanzund Theaterszene. Auf Initiative von brut wird das Gelände als Performing Arts Areal entwickelt, in dem brut mit der neuen Spielstätte brut nordwest, die freie Szene, die Wiener Festwochen und das WUK bis Ende 2023 ein neues Zentrum finden werden. Die Mischnutzung ermöglicht Austausch, Kooperationen und Synergien.

Im Zentrum des Areals steht die 1.600 m² große Spielstätte brut nordwest, die eine Blackbox für 180 Personen, weitere flexible Flächen für Veranstaltungen, einen Backstagebereich für nstlerinnen und Künstler, Foyer und Theaterbuffet für das Publikum, einen Probenraum, Büro- und Lagerräume sowie Freiflächen im Innenhof umfasst. Die Adaptierungsarbeiten wurden im März 2021 von brut erfolgreich abgeschlossen. In Planung ist, ab September 2021 auf weiteren 600 m² vier durch die Stadt Wien geförderte Probenräume für die freie Performance-, Tanz- und Theaterszene zur selbstbestimmten Verwendung zu öffnen. Ziel ist es, mehr Räume für Kunst und Kultur zu schaffen. Die Nutzung soll jeweils von Juli bis April möglich sein.

Die Wiener Festwochen planen ab Mai das gesamte Areal zu bespielen. Aktuell werden die Probenräume in den Obergeschossen von den Wiener Festwochen adaptiert. Auch das sich in Generalsanierung befindliche WUK wird ab Sommer weitere Flächen für seine vielfältigen Aktivitäten zwischen Performing Arts und Soziokultur nutzen können.Der Standort kann bis Ende 2023 genutzt werden, ab dem Jahr 2024 wird auf dem Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof ein neuer Stadtteil entstehen.

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

Kira Kirsch, künstlerische Leiterin von brut, ist begeistert: „Die Entwicklung des Standorts als Zentrum für Performance, Tanz und Theater rund um unsere neue Spielstätte brut nordwest bietet enormes Potential für Vernetzung und Austausch und gute Bedingungen für das künstlerische Arbeiten der freien Szene. Wir sind glücklich, diesen Ort entdeckt und entwickelt zu haben und freuen uns, gemeinsam mit den Mitnutzerinnen und Mitnutzern an der Etablierung des neuen Areals zu arbeiten.“

Christophe Slagmuylder,Intendant der Wiener Festwochen, die an einer coronabedingt adaptierten Festivaledition 2021 arbeiten, schätzt das brut nordwest als eine der avisierten Spielstätten: „Das neue Gelände bietet eine Infrastruktur, die in dieser Form nicht allzu häufig in Wien in vergleichbarer Weise zu finden ist. Das Areal bietet sich für verschiedenste Formate an, als ‚klassische‘ Spielstätte, aber auch für diskursive Formate und Workshops und als sozialer Ort für Austausch und Begegnungen. Die Wiener Festwochen freuen sich darauf, für und an diesem Ort Inhalte zu denken und zu verwirklichen, Voraussetzung ist allerdings, dass es baldige Entscheidungen bezüglich der nächsten Öffnungsschritte für die Kultur gibt.

brut-wien.at           brut-wien.at/de/Magazin/brut-nordwest

19. 4. 2021

Das Off Theater zoomt: Reenachting Jakob Levy Moreno

April 18, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Entdeckung“ der interaktiven Mockumentary

Hitler und Stalin spielen „Hamlet“: Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Da kein Ende des Kultur-Lockdowns abzusehen ist, will das Off Theater mit seiner Inszenierung „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ nun eine andere Richtung im Bereich des virtuellen Theaters einschlagen. Ernst Kurt Weigel und sein Team haben das Stück in die interaktive Mockumentary „REENACTING Jakob Levy Moreno“ verwandelt, zu erleben am 23. und 24. April um 20 Uhr auf Zoom: #werdeteinteildavon

Wer Teil der Gruppe sein oder auch nur zuschauen möchte, kann sich via zoom@off-theater.at anmelden. Nicht vergessen, das gewünschte Datum anzugeben. Welche Gruppe? Dazu mehr in der Rezension der Bühnenpremiere vom vergangenen Oktober:

In Gruppentherapie mit Hitler und Stalin

Ein Podium als Shakespearebühne, an jeder Ecke ein Ausläufer, und mit Drahtkrone thront Kajetan Dick umringt von zwei Elevinnen. Nun erhebt er sich, lädt das ringsum sitzende Publikum zum warming-up auf eine Reise ein, alle aufstehen!, auch die anwesende Kulturstadträtin macht da mit, bei den „Körperübungen im Kosmos“. Bis schließlich alle wohlbehalten im Off Theater ankommen. In dessen White Box hat Ernst Kurt Weigel sein Gedankenspiel „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“, gezeigt von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt, zur Uraufführung gebracht.

Kajetan Dick fungiert als ebendieser Moreno, und wer glaubt, der Genialisch-Manische outriere sich mit seinem Mentalcoach-Sprech in erleuchtete Höhen, staunt als am Ende Moreno im beschwörerischen O-Ton vom Band läuft. „Am I nothing or am I God?“ raunt er sein „Sein oder Nichtsein“. Dies die Frage, deren grauenhafte Antworten der Abend aufwirft.

Die Vita von Jakob Levy Moreno lässt sich durchaus als extravagant beschreiben: Aus einer rumänischen Familie sephardischer Juden stammend, studierte er in Wien Medizin und entwickelte schon in jungen Jahren ein großes soziologisches Interesse, das ihn zur Arbeit mit Sträflingen, Prostituierten und im Flüchtlingslager Mitterndorf brachte. Moreno war Begründer der Soziometrie und der Gruppenpsychotherapie. Seine Faszination fürs Stegreiftheater veranlasste ihn, selbst damit zu experimentieren: ohne Regie und in selbstkreierten Raumbühnen. Das war damals revolutionär.

Ganz nah am raunenden O-Ton: Kajetan Dick ist brillant als Jakob Levy Moreno. Bild: Günter Macho

Hitler schlicht durchs „Burgtor“: Isabella Jeschke mit Desi Bonato und Leonie Wahl. Bild: Günter Macho

Josef Stalin erforscht seine Gefühle: Ernst Kurt Weigel und Tänzerin Desi Bonato. Bild: Günter Macho

Foltertanz der Massenmörder: „Hitler“ Isabella Jeschke und „Stalin“ Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Doch der aufkeimende Antisemitismus der 1920er-Jahre hieß ihn Wien für immer zu verlassen. In New York entwickelte Moreno schließlich seine Methode des Psychodramas, dies heut‘ allgegenwärtige gruppendynamische Rollenspiel: Sage uns, was dich quält und was du für dich gewinnen möchtest! – und Weigel führt die 25 Zuschauer/Probanden nun mitten in die Aktionsphase einer solchen Therapiesitzung. Gemeinsam wird man zur Experimentiertruppe von Morenos Theater der Spontaneität, „wunderbar, großartig“ feuert Theatermacher Moreno-Dick die Anwesenden an.

„Das Schauspiel sei die Schlinge, die uns in das Gewissen bringe“, rezitiert er Hamlet. Denn der soll gegeben werden. Es ist das Jahr 1913, Devi Saha hat die White Box in einen wunderbaren Jahrhundertwendesalon verwandelt, und aus dem Publikum meldet sich Adolf Hitler, um den Dänenprinzen zu spielen. Dies Zusammentreffen der Kunstkniff von Ernst Kurt Weigel. Dass sich der erfolglose Kunstmaler in jenem Jahr in Wien aufhielt, ist historisch verbrieft, ebenso wie Josef Stalin. Weigel als untergetauchter russischer Revolutionär lässt seine Figur auf die anderen beiden „Ausnahmepersönlichkeiten“ der Stadt prallen.

Und wieder einmal begeistert, wie bühnenpräsent Isabella Jeschke ist. Mit Bärtchen-Punkt und in breitem Braunauer Dialekt gestaltet sie den Architektur-Demagogen, nunmehr Morenos „Prinz Adolf“, ihr expressives Spiel, dieser mal blindwütige, mal übereifrig Morenos Anweisungen folgende Schreihals, in hibbelig-verrenktem Gleichschritt zuckend – da ist ein Körper bereits schwer beschäftigt mit „Mein Kampf“.

Die ausdrucksstarke Choreografie, sie im doppelten Sinne eine körperliche Gewalt, hat Leonie Wahl entwickelt, deren famoses Tanz.Schau.Spiel „This is what happened in the Telephone Booth“ Mitte November im Off Theater wiederaufgenommen wird (Rezension von der mittlerweile in einen Live-Stream umgewandelten Produktion: www.mottingers-meinung.at/?p=45762). Sie und Tänzerin Desi Bonato agieren als allerlei seelische Aggregatzustände. Tobt Hitler über die Asymmetrie der Hofburg, rechts Erhabenheit, links nichts, grün, Wildwuchs (Zuschauergelächter!), machen sie ihm mit Armen und Beinen das Burgtor.

Gruppendynamik in der schweißtreibenden Therapiesitzung: Bonato, Weigel, Dick, Wahl und Jeschke. Bild: Günter Macho

Bonato performt vor Stalin sein Gefühl, die Frau verloren und den Sohn verlassen zu haben, und es ist ein ziemlich durcheinander gewirbeltes. Wie Wahl und Bonato den Dirigenten der Todesbürokratien im Takt folgen, ihre Gebärden-Sprache, mit der sie von Mitläufertum, Ekel und Ohnmacht erzählen, ist große Kunst. Andere Gruppenmitglieder werden ins Spiel miteinbezogen, Kajetan Dick fischt sich seine Gottfried Semper von den Stühlen, im #Corvid19-Abstand lernen die Geister unter Anleitung den richtigen Stegreif-Tonfall fürs gespenstische

„Bau‘ mir die Hofburg fertig …“ das.bernhard.ensemble würde sich selbst nicht gerecht, gäbe es nicht einen tagesaktuellen Weigel’schen Exkurs, der kohleschmutzige Stählerne über einen Kapitalismus, der Moria buchstäblich ersaufen lässt, eine Schmährede auf die zaudernde Hamlet-Gesellschaft, eine Anpreisung einer Alle-Menschen-sind-gleich-Gemeinschaft ohne Privateigentum. Da sind’s bis zum Großen Terror noch mehr als 20 Jahre hin, für Morenos Improvisation hat sich Stalin als Claudius gemeldet, der nach anfänglicher Sympathie für den Stiefsohn bei 3.3 endet: I like him not.

Dies die stärkste Szene von Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Hitler entartet sein Leinensackerl zur Gefangenenkapuze, die „Krüppelhand“, das „unwerte Leben“ Stalin muss den Boden wischen, eine perfide Umarmung, ein Foltertanz, bis man sich rechts und links als Führerstatue aufbaut. Stampfend, keuchend, zum monströsen Sound von b.fleischmann die Masse, und ein über seine grauenvolle Entdeckung entsetzt die Augen aufreißender Jakob Levy Moreno.

„Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ umfängt einen mit einem Sog, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ein starkes Stück!, ist das. Die Geschichte lehrt, die dramatische Geste kann das Böse nicht besiegen, weil es sie sich aneignet, die Geschichte lehrt, für den Horror gibt’s kein Heilmittel. Hätte eine frühe Psychotherapie der späteren Massenmörder fürs 20. Jahrhundert das Schlimmste verhindert? Ernst Kurt Weigel probiert’s. Seien Sie dabei … Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=42043

Anmeldung: zoom@off-theater.at           www.off-theater.at          Trailer: vimeo.com/467135177           www.facebook.com/watch?v=141845411159860

18. 4. 2021

Kammerspiele der Josefstadt auf ORF III: Der Vorname

April 8, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sollbruchstelle der Salonmarxisten

Beim Betrachten des Ultraschallbilds ist noch alles friedlich: Michael Dangl, Marcus Bluhm, Susa Meyer und Oliver Rosskopf. Bild: Herwig Prammer

Am 9. April um 20.15 Uhr zeigt ORF III in seiner Reihe „Wir spielen für Österreich“ die Komödie „Der Vorname“ aus den Kammerspielen der Josefstadt. Hier noch mal die Rezension vom Oktober 2019:

Wenn sich Michael Dangl von der Josefstadt in deren Kammerspiele begibt, ist das stets ein großes Glück fürs Publikum. Nach der zauber- haften Dragqueen Zaza, dem snobistischen Stotterer Georg VI. oder Rollstuhlfahrer Philippe, gibt Dangl nun den Immobilienmakler Vincent

Larchet, wohlhabend – und werdender Vater. Als solcher sprengt er ein Abendessen bei Schwester und Schwager, ist doch „Der Vorname“, den er scheint’s für seinen zu erwartenden Sohn gewählt hat, durch den Millionenmörder schlechthin schwer strapaziert. Die gewiefte Gesellschaftskomödie des französischen Autorenduos Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte, 2012 von den zweien selbst fürs Kino adaptiert, 2018 von Sönke Wortmann neu verfilmt, ist seit gestern in der witzig-spritzigen Inszenierung von Folke Braband auf der Wiener Citybühne zu sehen.

Wobei sich der, wiewohl der Streitpunkt aufs Deutsch-Österreichische übertragen von besonderer Brisanz ist, ans Pariser Original hält. Vincent nämlich erklärt, dass sein Baby Adolphe heißen wird – und während er noch versucht auszuführen, er denke dabei an den romantischen Helden aus dem 18.-Jahrhundert-Roman von Benjamin Constant, sind alle anderen geistig längst vom „-Phe“ aufs „-F“ verfallen, und ergo bei Adolf Hitler angelangt. Die Folge: ein intellektueller Flächenbrand.

Großartig ist es, wie Braband die Charaktere von Beginn an in ihren Grundzügen skizziert. Im gutbürgerlich-sophisticated Ambiente von Bühnenbildner Tom Presting sind zuerst Susa Meyer und Marcus Bluhm als Gastgeber-Ehepaar Elisabeth Garaud-Larchet und Pierre Garaud zu erleben, er Professor für Literatur, sie Lehrerin, beide Eltern des hoffnungsvollen Nachwuchs namens Athena und Adonas. Köstlich, wie die beiden Bobo-Akademiker sich auf den sogleich eintreffenden Besuch vorbereiten, die Babou gerufene Elisabeth als Perfektionistin im Vollstress, damit ihr marokkanisches Buffet auch makellos ist, er komplett laid-back, weil sich auf der Meinung ausruhend, dass Haushaltspflichten nicht seine Sache sein können.

Michael Dangl und Michaela Klamminger. Bild: Herwig Prammer

Oliver Rosskopf und Michael Dangl. Bild: Herwig Prammer

Oliver Rosskopf mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Dieweil Meyers Babou noch darum ringt, auch in Küchenschürze die Gleichberechtigung der Frau hochzuhalten, fläzt sich Dangls Vincent bereits auf ihrer Wohnzimmercouch, er ist unsichtbarer Erzähler, bevor er Protagonist wird, moderiert sich selbst als Machertyp ein, und zeigt sich bei Auftritt schließlich als sarkastischer Spaßvogel, dem man sein übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit nur verzeiht, weil er so ein sympathisches Schlitzohr ist. Eingeladen ist außerdem Claude Gatignol, Posaunist beim Orchestre Philharmonique de Radio France und ein Freund seit Jugendtagen. Oliver Rosskopf spielt die sensible Seele mit wohldosiertem Humor. Dass Constants Figur Adolphe eine um Jahre ältere Frau verführt, wird für Rosskopfs Claude noch von doppelbödiger Bedeutung sein.

Dangl ist auf seiner Position als Wuchteldrucker wie entfesselt. Er spielt sein komödiantisches Können nicht nur im Konversationston der tadellosen Übersetzung von Georg Holzer aus, sondern sogar in der Körpersprache, und während Tempo-und-Timing-Experte Braband dafür sorgt, dass die Pointen auf den Punkt genau sitzen, steigert sich das Ensemble von den anfangs liebevollen Neckereien unter Menschen, die einander seit Ewigkeiten kennen, zur aggressiv aufgeladenen Hysterie angesichts des historisch belasteten Namens.

Wie Dangls Vincent darauf eine Liste weiterer Allerweltsnamen runterrattert, die für eine Taufe wohl auch nicht mehr zu gebrauchen wären, von August bis Franz, Augusto Pinochet bis Francisco Franco, schlussendlich Josef – Stalin, der den biblischen ausgelöscht hätte, wie Hitler seinen Adolphe, entlarvt die Sollbruchstelle der zu gutsituierten Salonmarxisten mutierten Linksrevolutionäre aufs Vortrefflichste. Die zur Polemik geschliffenen Dialoge, die boshaften Wortgefechte, die Abgründe zwischen großsprecherischen Moralansprüchen und kleingeistiger Gehässigkeit, zwischen gesellschaftspolitischem Über-Ich und privatisiertem Es, entfalten in den 90 Minuten Aufführungsdauer ihre Wirkung: Man sieht in einen Spiegel und lacht.

Babou will nicht hören, was ihr Mann Pierre Besserwisserisches zu sagen hat: Susa Meyer mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Je später der Abend, desto rauflustiger die Gäste: Bluhm, Meyer, Rosskopf, Klamminger und Dangl. Bild: Herwig Prammer

Nicht zuletzt über Bluhms Pierre, der in diesem farbenprächtigen Studierten-Sittenbild den Prinzipienreiter, den – was Belesenheit betrifft, wirklich alles – Besserwisser verkörpert, und der sich dennoch, und dank Babou bequem, in tradierten Rollenklischees suhlt. Im lebenslangen Gockelclinch mit Vincent, der ohne Uni reich wurde, wogegen er mit einem schmalen Hochschulgehalt zufrieden sein soll, wird Pierres antifaschistische Rage rasch auch als Ausdruck von Neid und narzisstischer Kränkung enttarnt. Mit dem verspäteten Erscheinen von Anna stellt sich Vincents Adolf-Ansage als schlechter Scherz heraus.

Ihr ist der Joke gegönnt, sich über den Namenspatron ihres Babys zu freuen, denkt sie ja an Vincents verstorbenen Vater Henri, inzwischen alle anderen den Kopf voll „Führer“ haben und an die Decke gehen, also ist die Ruhe, die kurz eintritt, nur die vor dem nächsten Sturm. Die Anwesenden samt ihren Gesichtszügen entgleisen zusehends, als die Vorwürfe massiver werden, man sich gegenseitig Geizkragen oder Egomane schimpft, arrogant oder rücksichtslos. Heraus stellt sich, wer zu wessen Gunsten die eigene Doktorarbeit aufgegeben hat, oder wer vor dreißig Jahren tatsächlich den Pudel der Tante ertränkte.

Nach und nach werden nicht nur Eigenschaften und Eigenheiten des Quintetts bloßgelegt, sondern auch diverse Ressentiments, die den für sich in Anspruch genommenen Humanismus unter der Gürtellinie treffen. In diesem Infight der Josefstädter bewährt sich Neuzugang Michaela Klamminger bestens, die sich mit ihrer pfiffigen Darstellung der so fragil wirkenden, hochschwangeren Anna, die aber genau weiß, wie sie ihren Filou Vincent an die Kandare nimmt, für kommende größere Aufgaben empfiehlt. Als alle ihr Pulver beinah verschossen haben, schießt sich die Gruppe auf Claude ein, reibt diesem seinen ihm bis dahin verheimlichten Spitznamen unter die Nase, „Reine-Claude“, dieser Wortwitz mit la Reine/die Königin allerdings nicht einzudeutschen, hält man den Musiker doch für schwul.

Da bleibt’s nicht beim verbalen Schlagabtausch, da fliegen alsbald die Fäuste, wenn nun Claude seinerseits ein Geheimnis offenbart, eine Bombe platzen lässt, indem er gesteht, dass er schon seit Jahren eine Frau habe, eine Geliebte – und diese sei Françoise, die Mutter von Babou und Vincent. Nach einem Uppercut für Claude lässt Dangl seinen Vincent in mustergültiger Muttersöhnchen-Art in sich zusammenbrechen, Mama hat Sex!, doch Susa Meyer gehört, als alle anderen am Ende sind, die Highlight-Szene dieses höchst amüsanten Abends: eine emanzipatorische Explosion samt Abgang mit einer Flasche Hochprozentigem …

Mit viel Gespür für Doppelsinn und Hintersinn haben Folke Braband und seine Schauspieler die bildungsbürgerliche Fassade der Familie Garaud-Larchet zum Zerbröseln gebracht. „Der Vorname“ an den Kammerspielen ist ein scharfzüngiges, augenzwinkerndes, aberwitziges Stück Theater. Und absolut sehenswert! Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=34995

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=asym-zVSPWw           www.josefstadt.org

tv.orf.at/program/orf3          Danach sieben Tage in der tvthek.orf.at

8. 4. 2021

Drachengasse Live-Stream: Spielräume. Elfriede Gerstl

April 8, 2021 in Buch, Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Grass, Kapplstudenten & Kumpel mit Lidstrich

Shlomit Butbul und Tania Golden lesen Elfriede Gerstls „Spielräume“. Screenshot: Theater Drachengasse. @ Beseder, Verein für darstellende und bildende Kunst

„Ich bin ein kleines Pinkerl und setzt mich in ein Winkerl, und weil ich nichts kann, fang‘ ich nichts an“, rezitiert Erni Mangold und lächelt verschmitzt. Jahaha, weil man ihr genau das glauben mag! Das 94-jährige ewige Mädchen hat sich aus St. Leonhardsberg zugeschaltet, um eine zu ehren, die sie bei keiner ihrer Lesungen vergisst: die österreichische Literatin Elfriede Gerstl. Dramaturgin Susanne Höhne hat deren

surrealistischen Roman „Spielräume“ für die Bühne adaptiert, Tania Golden hat den Text szenisch eingerichtet und spricht nun gemeinsam mit der „Gerstl-Botschafterin“ Mangold und Shlomit Butbul drei Aspekte der Figur Grit – Butbul, Golden und Mangold als Dreieinigkeit des Alter Egos der Autorin. Die Musikalität, den Rhythmus der Sprache unterstreicht Cellistin Anna Starzinger, die, wenn sie nicht den Bogen führt, als eine Art Gerstl №4 in die Tasten einer mechanischen Schreibmaschine hämmert. Online-Premiere war gestern, als Live-Stream aus dem Theater Drachengasse, weitere Termine sind am Freitag und Samstag.

„Spielräume“ ist eine Sammlung von Gedankensplittern, tagebuchartigen Notizen und experimentellen Arrangements, entsprungen jenem Kopf der Grit, in dem sich die Zuhörerin, der Zuhörer ebenso frei bewegt, wie die Protagonistin in der Berliner linksintellektuellen Szene der 1960er-Jahre. Grit ist Teil einer Gruppe öster- reichischer Emigranten, die sich aus der heimatlichen Enge Richtung Jugend-Protestbewegung abgesetzt haben, wo sie nun – bevorzugt im von ehrbaren Bürgern gemiedenen „Ausländercafé“ Kleist – „herumgammeln“: Man zieht von Festl zu Fest „oder was man so nennt“, sät und erntet nicht, sondern säuft und kifft – Mangolds Zweizeiler dazu: „Was der Bauer nicht kennt, raucht er nicht“, diskutiert sich heiß und plant wilde Aktionen.

„Herumgammeln“, welch Wiederhören mit einem im Zeitgeist verlorengegangenen Wort, derart bietet die Gerstl allerhand, im Prater etwa geht ein „Platzregen aus Krachmandeln“ nieder, dabei ist dies jahrzehntelang vergessene Werk, das dringend nach einem Spielraum verlangte [2003 gab’s eine Uraufführung mit Erni Mangold, Vera Borek und Peter Ponger am Klavier], brandaktuell. Aus den „Spielräumen“ stammt das viel zitierte Wittgenstein-Derivat, das als Motto über Gerstls Schaffen stehen könnte: „Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen“, und das können die drei Damen großartig.

Furios und fordernd ist dieser von ihnen gestaltete Abend, der in der Küche von Grits xenophober Vermieterin beginnt, die von der Untermieterin verlangt, sie „Tante“ zu nennen, wie Tania Golden da das Gesicht verzieht – ist es Freundlichkeit, Falschheit, Feigheit, die „gute Erziehung“, dass sie der im Fremdenhass schwelgenden Frau nicht widerspricht?, bevor sie mit Shlomit Butbul Gerstls „Analogieschlüsse“ zum Besten gibt: Kuchenduft – Kohlehydrate – Achselschweiß – schmutziges Geschirr – Scheiße.

Erni Mangold (M.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Elfriede Gerstl (hi.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

An das Sch-Wort muss man sich gewöhnen, ganze Absätze handeln davon. „Es sind die kleinen Brüche und sanften idiomatischen Irritationen, die den Reiz dieser uneitlen, präzisen Wortkunst ausmachen, in der Trauer und Ängste ironische Masken tragen, frei von Phrasenschmuck und ohne sich selbst zu verraten“, schrieb weiland der Wiener Germanist Ulrich Weinzierl über die Gerstl in der FAZ. Und wie sie verweigern sich nun Butbul, Golden und Mangold dem preziös Prätentiösen. Sie machen aus „Spielräume“, dieser verschachtelten Geschichte zwischen Innen und Außen, ein Theaterstück mit frei wählbaren Rollen. Ein Spiel mit Verschiebungen, eine scharfsinnige, philosophische Hinterfragung der Wirklichkeit, die noch dazu äußerst humorvoll geschieht.

Immer wieder fährt Grit mit dem Zug die Strecke Wien-Berlin, der Städtewechsel soll das Leben ändern, doch muss sie erkennen: „Fast überall ist fast überall“. Zum strengen Urteil übers Umfeld gesellt sich Grits missglückende „Selbstreflexion“, Weltpolitik wird bei sich leerenden Bierflaschen erörtert, und ganz Wiener Gruppe stellt sie kritisch fest, um in dieser Gesellschaft voranzukommen, müsse man „ein Arsch werden, der auf jedes Häusl passt“. Das heißt Subkultur! Wenn sich die Niederösterreicherin Mangold die „Landesmuttersprache“ verbietet. Schön die Formulierung von den Medien, die „im Brustton der Borniertheit“ berichten.

Wie die Schriftstellerin kennen auch die Schauspielerinnen keine Scheu vor den Banalitäten des Alltags, jede Alltäglichkeit wird zum avantgardistischen Experiment, und weil „Spielräume“ ein feministischer Text ist, sind die Männer die Witzfiguren. Genüsslich lassen sich Butbul und Golden die Exemplare auf der Zunge zergehen, die Kapplstudenten beim Heurigen und ihre Nazi-Vettern im Parlament, die Alkoholiker von Rang, die Sadomaso-Zwiebelrostbraten-Fresser, die Kumpels mit dem Lidstrich und die Latzhosenträger.

Die Kinder der Kleinbürger, Kleinsparer, Kleingeister, „klein, klein, klein“, die Prügelknaben, die zu Prügelvätern wurden, die Männer, die sagen, man solle sich dran gewöhnen oder einfach nicht mehr hinhören. „Er ist in seinem Kopf“, heißt es an einer Stelle über einen geistig abwesend Wirkenden. „Ist das ein Grund zu verzweifeln?“ – „Wenn man er ist, ja!“ Dazu projiziert Golden Bilder von Protestmärschen, der perfekten Familie, von Gerstl selbst. Konzipiert im Jahr 1968 vergleicht Gerstl in „Spielräume“ die Berliner Revolutionäre mit dem Wiener „Nur Ruhe!“-Denken. Und sie beschreibt ihre Sorge, als weibliche Intellektuelle angemessen zu leben. „Du bist ein Trampel“, sagt ein Textfragment einmal zu ihr.

Tania Golden hat das alles in Kapitel unterteilt, zu denen Anna Starzinger die Stichworte liefert. Ein Kabarettsketch das eine, in dem ein paar österreichische Heimaturlauber im VW-Bus wieder nach Deutschland einzureisen begehren, und die „importierte Dreideutigkeit“ frei nach Karl Kraus am sprachlichen Unverstand des pragmatischen, heißt: urdeutschen Grenzers scheitert. Da nützen weder blondes Haar noch blaue Augen, und auch kein Hinweis aufs „achtbare Nachbarland“ – „der Emigrant lebt von der Hand in die Hand und seinem bisschen Verstand“, schließt Golden.

Mit reichlich Witz und bösem Schalk vermitteln Shlomit Butbul, Tania Golden, Ernie Mangold und Anna Starzinger Elfriede Gerstls von liebevoller Beobachtungslust begleitete scharfsinnige, scharfzüngige Gesellschaftsanalyse. Nach einer Hommage wie dieser im Theater Drachengasse muss die wiederzuentdeckende Literatin Gerstl noch lange nicht den Hut nehmen.

Weitere Streaming-Termine: 9. und 10. April um 20 Uhr.

www.drachengasse.at           Tickets/15 €: www.eventbrite.at

Anna Starzinger (li.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Zum Text:

Elfriede Gerstl wohnte zwischen 1963 und 1971 zeitweise in Berlin, dort war sie eingeladen, am Berliner Colloquium teilzunehmen. Günther Grass, der an der Schreibschule unterrichtete und viele Jahrzehnte lang als „die Stimme der deutschen Literatur“ galt, kritisierte Gerstls Arbeit derartig, dass sie dadurch ihren bereits unterzeichneten Vertrag bei Rowohlt verlor und große finanzielle Einbußen erlitt. „Öffentlich von Grass zsammgstaucht: Aichinger-Einflüsse, Poesel, alles kunstgewerblich, perfektioniert geschriebene Variante von Bekanntem. Zwar verteidigen mich meine Kollegen Born, Fichte, aber auch die anderen so gut sie können, aber Grass ist ein Brocken, den viele kleinere nicht aufheben können“, zitiert Kollege Herbert J. Wimmer sie 1964.

Antisemitismus-Vorwürfe gegen Günter Grass wurden erst in späteren Jahren Thema der Literaturkritik. Der aus den Erfahrungen Gerstls in Berlin entstandene Roman „Spielräume“ wurde schließlich nicht von Rowohlt verlegt, sondern erst 1977 beim Verlag Edition Neue Texte, Linz. Die Haltung von Günter Grass und seinen Jüngern trug stark dazu bei, dass sich der deutsche Literaturmarkt gegenüber experimenteller Literatur auf Jahrzehnte hin verschlossen hatte. Heute wird „Spielräume“ von der Literaturwissenschaft als Meisterwerk angesehen.

Über die Autorin:

Die 1932 in Wien geborene und 2009 in Wien gestorbene österreichische Schriftstellerin Elfriede Gerstl war lange ein literarischer Geheimtipp, heute gilt sie als eine der größten Dichterinnen der deutschsprachigen Moderne. Als jüdisches Kind überlebte sie den Nationalsozialismus in Wien in verschiedenen Verstecken. 1945 besuchte sie eine Maturaschule, die sie 1951 erfolgreich abschloss. Ein Studium der Medizin und Psychologie brach sie 1960 ab, daraufhin Heirat und Geburt einer Tochter. Veröffentlichungen von Elfriede Gerstl sind seit 1955 erschienen.

Sie war die einzige Frau im Umkreis der Autoren der „Wiener Gruppe“ und der frühen Aktionisten. Von 1963 bis 1971 hielt sie sich wiederholt längere Zeit in Berlin auf. „Spielräume“ aus dem Jahr 1968/1977 (erhältlich bei www.droschl.com/buch/spielraeume/) blieb der einzige Roman von Elfriede Gerstl. Ihre jüngere Freundin Elfriede Jelinek erklärte sie zu ihrem Vorbild. In ihren letzten Lebensjahrzehnten erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, etwa den Erich-Fried-, den Georg-Trakl- oder den Heimrad-Bäcker-Preis sowie die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold.

  1. 4. 2021