20 Jahre Kosmos Theater: Stay With The Trouble!

Mai 7, 2020 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das große Fest wird ab 11. Mai zum Web Special

Die Besetzung des Rondell1997. Bild: Kosmos Archiv

„Am liebsten würde ich ,Grüß Göttin!‘ sagen, wenn ich wo reinkomme“, sagt Barbara Klein im Jubiläumfilm „10 Jahre Kosmos Theater“. Ein Bonmot der Theatermacherin, und ein ernst gemeintes. Ließ doch „der nervige Quälgeist und die engagierte Kämpferin“ (© Josef Hader) kurz nach dem ersten Frauenvolksbegehren nicht ab von ihrer Idee, aus dem leerstehenden Pornokino Rondell einen Raum für Kunst und Kultur zu schaffen, der ausdrücklich Frauen gewidmet sein sollte.

Es folgten Aktionen, Protestkundgebungen, und als Höhepunkt des zivilen Ungehorsams eine zehn Tage und Nächte anhaltende Besetzung des Rondell – mit dem Ergebnis, dass die widerständigen Frauen in das ehemalige Kosmos-Kino im 7. Bezirk einziehen konnten. Josef Hader, wie Alfred Dorfer und Robert Menasse Mitstreier der ersten Stunde, legt im Film den Finger in die gesellschaftliche Wunde der geschlechtlichen Chancenungleichkeit, die Kreativberufe wie alle anderen betrifft.

Und wenn der Schauspieler und Kabarettist über die herrschaftlichen Seilschaften herzieht, „wenn sich die Männer auf d’Nacht beim Bier treffen“, dann fällt einem jener gerade erst gewesene Burgtheaterdirektor ein, der nach einer bei der Kritik durchgefallenen Premiere ausschließlich p. t. Kollegen zu Umtrunk und Aussprache ins gehobene Wirtshausstüberl einlud …

Ein Grund zu Feiern? Stay With The Trouble! Noch einmal zehn Jahre sind seit der Eröffnung des Kosmos Theater ins Land gezogen, Elfriede Jelinek hielt am 15. Mai 2000 die Eröffnungsrede, Johanna Dohnal, Eva Rossmann, Elfriede Hammerl waren wertvolle Unterstützerinnen, Viktor Klima ein „Kunstkanzler“, der mutmaßlich nicht wusste, wie ihm geschah – und nun heißt es ab 11.Mai #Corona-bedingt eben online den Countdown zum 20. Geburtstag runterzuzählen.

Veronika Steinböck, die mit Gina Salis-Soglio das Kosmos Theater seit 2018 als Doppel-Spitze leitet, lädt das Publikum ab 11. Mai, 20 Uhr, zum Birthday Blog: kosmostheater.at/blog Am 15. Mai gibt es nach einer Schnitzeljagd von Petra Unger ab 18 Uhr den Digital Birthday Bash mit Live-Lesungen feministischer Literatur, Mini-Konzerten und inhouse Geburtstagseinlagen.

Barbara Klein, Robert Menasse und die Polizei. Bild: Screenshot Jubiläumsfilm

Josef Hader echauffiert sich über Männerseilschaften. Bild: Screenshot Jubiläumsfilm

Frauenlauf 1998: Kanzler Klima, B. Klein und Anna Sporrer. Bild: Kosmos Archiv / Rainer Nesset

Eröffnung des Kosmos mit Eva Rossmann und Elfriede Jelinek. Bild: Kosmos Archiv

Das Programm

11. Mai, 20 Uhr, Das Werk von Elfriede Jelinek. Stream einer Aufzeichnung und Live-Chat mit Regisseurin Claudia Bossard und dem Produktionsteam. Rezension – Das Ziehen in den Schneidezähnen der Wahrnehmung: Als Hintergrundgeräusch endlosschleift Freddy Quinn „Ich mach mir Sorgen / Sorgen um dich / Denk auch an morgen / denk auch an mich“ – der Vierzeiler über den Jungen, der bald wiederkommen möge, von Regisseurin Claudia Bossard allerdings auf ihre Zweifel an der Seligen-Insel Österreich umgemünzt. Kaum ein Monat, bevor am Akademietheater aktuell Politbalearisches von der Literaturnobelpreisträgerin uraufgeführt wird, hatte gestern im KosmosTheater Elfriede Jelineks „Das Werk“ Premiere.

Dessen Thema: Kaprun2, heißt, dass die Autorin den Gletscherbahnbrand am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 mit dem zeithistorischen Bau des Tauernkraftwerks verquickt, 155 Tote hie, in etwa ebenso viele da, Schifahrer und NS-Zwangsarbeiter und kein Schuldiggesprochener nirgendwo, stattdessen die Schaffung eines Mythos vom Unterwerfen der Natur durch Menschenhand als „eine patriotische Leistung des gesamten Bundesvolkes“ (© Karl Renner, Bundespräsident 1949).

So größenwahnsinnig der Kahlschlag, so gewaltig die Tragödie, auf die nun im KosmosTheater – 20 Jahre nach der von ihrem wirtschaftlichen Kontext hurtig entkernten und medial noch fixer mit jenem Schicksalsbegriff ausgestatteten „Kaprun-Katastrophe“ – Rückschau gehalten wird. „Das Werk“ dabei eine Collage aus Zitaten und Zeitungsartikeln, Fachkommentaren und Fakten, eine Textmauer über die Staumauer, ein monomaner Monolog, den fünf Spieler parieren, pointieren, rhythmisieren, zerlegen und chorisch aufladen müssen. Und zu dem Jelinek regie-anweist: „Wie Sie das machen, ist mir inzwischen bekanntlich sowas von egal.“

Zusammengefasst, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt und Wojo van Brouwer machen’s virtuos. Claudia Bossard schöpft aus den Jelinek’schen Satzkaskaden die Hybris als ihr zentrales Sujet, und dies mit einem Biss und einem Witz, dass es eine Freude ist. Bossard lässt ihr Ensemble nämlich nicht „Das …“, sondern Jelineks Werk verhandeln, in Form einer blasiert aufgeblähten Literaturkritikerrunde, jede Ähnlichkeit mit derlei real existierenden Fernsehformaten wohl alles andere als rein zufällig, die bei einem skurrilen Symposium im Über-Jelinek-Reden schwelgt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=37418

Die nunmehrigen Leiterinnen Gina Salis-Soglio und Veronika Steinböck bei ihrer Eröffnung 2018. Bild: Bettina Frenzel

Das Werk: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Das Werk: Lukas David Schmidt, Glatzner, Peterhans, Brouwer und Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Riesen-Pink-K: Das Kosmos Theater mit seinem neuem Portal, 2018. Bild: Bettina Frenzel

12. Mai, 20 Uhr, Keimzelle – Der Autorinnen*Stammtisch Wien. Film-Release, Livestream und Live-Chat.

13. Mai, 20 Uhr, Leseprobe Königinnen von Lilly Axster, uraufgeführt 2000. Livestream. Mit Regisseurin Corinne Eckenstein und den Schauspielerinnen Grace M. Latigo, Claudia Sabitzer und Julia Köhler als die literarischen Ikonen Virginia Woolf, Djuna Barnes und Audre Lorde, die in einer Gewitternacht aufeinandertreffen. Voll medial-männlicher Wehleidigkeit schrieb ein Kritiker über diese Eröffnungspremiere im „frauenraum“, ein Namenszusatz, der später entfernt wurde, er hätte sich im Kosmos gefühlt, „wie eine Frau im Schwulencafé“, bevor er weniger die Aufführung lobt als den Umstand, dass, hurra!, auf eine Herrentoilette nicht vergessen wurde …

14. Mai, 20 Uhr, 10 Jahre Kosmos Theater – Der Jubiläumsfilm. Stream und Live-Chat mit Barbara Klein und anderen.

15. Mai, 11 bis 17 Uhr, 20 Years Of Claiming Space. Eine Schnitzeljagd auf den Spuren widerständiger Theaterfrauen durch Wien. Von Petra Unger. Anmeldung unter karten@kosmostheater.at und ein Smartphone mit mobilen Daten sind erforderlich! Digital Birthday Bash: 18 Uhr, Melange Galore Part I – Online-Reading of 20 feminist Drama-Queens. Livestream mit Barbara Gassner, Claudia Kainberger, Katharina Knap, Claudia Kottal, Anne Kulbatzki, Nancy Mensah-Offei, Karola Niederhuber, Negin Rezaie, Irina Sulaver und Dolores Winkler. Konzept: Anna Laner. 20 Uhr, Finale. Livestream mit Fauna, Mieze Medusa, Les Reines Prochaines, Peterhans, Jelena Popržan, Yasmo und dem Kosmos-Team.

In diesem Sinne ist Happy Birthday! zu wünschen, oder wie’s Miki Malör aus dem Mittelalterlichen und in Verwandtschaft zum französischen Glückwunsch „Merde!“ recherchiert hat: Potzfut!

kosmostheater.at

7. 5. 2020

Theater an der Wien – Das Programm der Saison 2020/21

Mai 5, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Alfred Dorfer inszeniert Mozarts „Nozze di Figaro“

Intendant Roland Geyer im Gespräch mit Kulturjournalist Peter Jarolin. Bild: Screenshot

Seine bereits 15. Saison am Haus präsentierte Intendant Roland Geyer heute – #Corona-bedingt als Live-Stream, in Christoph Waltz‘ „Fidelio“-Bühnenbild und im Gespräch mit Kulturjournalist Peter Jarolin. „Vor Abendrot“ lautet das Motto der kommenden Spielzeit 2020/21, der dritte Teil des Programmzyklus‘ „4 Tageszeiten“, ein Hinweis, so Geyer auf im Herbst hoffentlich schon gewesene Tage –

„Eine atmosphärische Glücksstimmung, die sich verdunkelt je tiefer die Sonne sinkt.“ Insgesamt stehen 13 Premieren, davon 11 Neuproduktionen, mit Opern von Cavalli, Vivaldi, Mozart, Rossini, Donizetti, Wagner, Massenet, Leoncavallo, Gershwin, Prokofjew und einem Ballett von John Neumeier sowie die Wiederaufnahmen der Erfolgsproduktionen „Platée“ und „Saul“ im Zentrum des Spielplans. Mit acht konzertanten Opernaufführungen von Porpora über Händel bis Haydn, zwei halbszenischen Sonderprojekten und einem Kabarett in der „Hölle“ wird das Programm ergänzt.

Gelungen ist es Geyer Sergei Prokofjews Der feurige Engel „hinüberzuretten“: „Wegen der #Corona-Pandemie mussten die Proben im März abgebrochen werden. Die Freude ist nun umso größer, dass diese Opernrarität, inszeniert von Regie-Ikone Andrea Breth und gesungen von Ausrine Stundyte und Bo Skovhus, doch noch realisiert werden kann.“ Premierendatum ist der 17. März. Der ebenfalls abgesagte „Orphée“ soll übernächste Saison nachgeholt werden, für die „Norma“ heißt es derzeit noch hoffen.

Eröffnet wird am 16. September mit Zazà, einer wahren Rarität aus der Feder von Verismo-Begründer Ruggero Leoncavallo und für Geyer eines jener Werke, „die in der Musikgeschichte einen großen Stellenwert haben, auch wenn einem der Titel vielleicht anfangs wenig sagt“ – und die er gerade deshalb dem Publikum präsentieren will. Christof Loy inszeniert, die musikalische Leitung liegt in den Händen von Stefan Soltész. Die anspruchsvolle Titelpartie wird von der russischen Sopranistin Svetlana Aksenova verkörpert, an ihrer Seite die renommierten Sänger Nikolai Schukoff und Christopher Maltman.

Am 14. Oktober folgt George Gershwins Porgy and Bess, das tatsächlich erstmals im Theater an der Wien gezeigt wird. Die Besonderheit: Die Chorpartien wird der großartige Cape Town Opera Chorus übernehmen – dies Geyers „einzige Sorge in der kommenden Saison“, dass die derzeit gültigen Reisebeschränkungen, die Sängerinnen und Sänger aus Südafrika nicht daran hindern werden, nach Österreich zu kommen.

Giulia Semenzato und Florian Boesch. Bild: Monika Rittershaus

Florian Boesch als Saul. Bild: Monika Rittershaus

Platée. Bild: Monika Rittershaus

Platée. Bild: Monika Rittershaus

„Artist in residence“ wird einer der kraftvollsten Sänger-Darsteller und wandelbarsten Liedinterpreten, der österreichische Bariton Florian Boesch, der sich zum Gespräch auf der Bühne einstellt. Wird er doch in einer der beiden von den Zuschauern gewählten Wiederaufnahmen, Händels Saul mit Premiere 16. April, die Titelpartie übernehmen. Regisseur Claus Guth habe das Oratorium für sie beide entwickelt, sagt er unter Bezug auf seinen „grauen Bart“, „geht es doch um die Kernthemen von uns Menschlein, das Alter und die Abgabe von Macht, eine Übergabe an die nächste Generation, die ich als Lehrender tagtäglich erlebe.“

Auch ein „Egmont-&-Fidelio“-Projekt wird Boesch anlässlich des Beethoven-Jahrs gestalten, einen so kurzfristigen wie hochkarätigen Einspringer für die zahlreichen #Corona-Absagen, „mit dem Roland Geyer mich aus meiner Komfortzone gelockt und dazu gebracht hat, mein Kerngenre zu sprengen.“ Die zweite Wiederaufnahme ist Platée am 14. Dezember, Robert Carsens umjubelte Inszenierung aus dem Jahr 2014. William Christie dirigiert sein Spezialistenensemble Les Arts Florissants in der satirischen Oper von Jean-Philippe Rameau mit dem wunderbaren Marcel Beekman in der Titelpartie.

Mit Florian Boesch als Graf Almaviva wird es eine Neuinszenierung von Le Nozze di Figaro geben. Regie führt – sein Debüt im Musiktheater – Alfred Dorfer, auch er Live-Gast, der seine Begeisterung für Mozarts Meisterwerk mit seiner klassikaffinen Familie erklärt: „Der ,Figaro‘ war bei uns wie anderswo Volksmusik, ein ständiger Klang in meinem Kinderzimmer.“ Findet er das Werk „nicht lustig, aber witzig“ und mag er daran, „dass Mozart all diese Liebesverstrickungen mit unglaublicher Großherzigkeit und ohne zu moralisieren darlegt“, so verspricht Dorfer für seine Arbeit „nichts Originelles, also keinen ,Figaro‘ im Schwimmbad oder im Gurkenglasl“.

Alfred Dorfer. Bild: Peter Rigaud

Andrea Breth. Bild: Bernd Uhlig

Roberto Frontali. Bild: InArt

Nicole Chevalier. Bild: Maurice Korbel

„Einen Grenzgang zu Alfred Dorfers Position als Satiriker“, nennt Geyer diese Produktion, und der versieht das Happy End mit einem Fragezeichen. „Das ist subtiler und perfider geschrieben. Vor dem Verzeihen der Gräfin ist im Klavierauszug ein Pausenzeichen – und das werde ich definitiv inszenieren.“ Während Dorfer gern eine „Zauberflöte“, aber keinen Wagner machen würde – „für dessen Texte bin ich doch zu sehr Kabarettist“ -, übernimmt diese Aufgabe Bass Günther Groissböck, zugeschaltet von seinem wohnzimmerlichen Klavier, mit dem Tristan Experiment.

Das Saisonfinale am 26. Mai, in dem der Bass nicht nur den König Marke singen, sondern auch als Regisseur debütieren wird. „Selbst ein Monument wie dieses, braucht keinen monumentalen Raum“, ist Groissböcks Credo. Und Geyer schildert, wie die Idee während der „Rusalka“ entstanden sei und wie Groissböck erst damit herausrückte, in der Kammeroper arbeiten zu wollen, dann dass sein Herzenswunsch der „Tristan“ sei. Was beim Hausherrn erst auf Skepsis stieß, bis der Sänger ein Kammerkonzept für fünf Solistinnen und Solisten, zehn Streicher und Bläser vorlegte. „Alles Freunde und Kollegen“ und Hartmut Keil am Pult – man darf gespannt sein.

Die Kammeroper wird auch 2020/21 zur Spielstätte der JETs, des Junge Ensembles des Theater an der Wien, das nun bereits in die fünfte Generation geht. Die sechs Sängerinnen und Sänger wurden diesmal aus 572 Bewerbern aus 56 Ländern ausgewählt, es sind nun die Sopranistinnen Valentina Petraeva und Miriam Kutrowatz, die Mezzosopranistin Sofia Vinnik, Tenor Andrew Morstein, der Bariton Sebastiá Peris und Bassist Ivan Zinoviev. Die zur Kammeroper-Saisoneröffnung am 26. September das originelle Pasticcio Bajazet von Antonio Vivaldi unter der Leitung von Roger Díaz-Cajamarca in einer Regie von Krystian Lada gestalten werden, gefolgt von Francesco Cavallis Giasone am 29. November und – in Fortsetzung des „Figaro“ im Haupthaus – Gioachino Rossinis Il barbiere di Siviglia am 5. März.

Cape Town Opera Chorus. Bild: Kim Stevens

Günther Groissböck. Bild: Screenshot

Beethoven-Projekt. Bild: © Kiran West

Beethoven-Projekt. Bild: © Kiran West

Zwei weitere Premieren sind Jules Massenets sehr selten aufgeführte Thaïs. Regiemeister Peter Konwitschny kehrt für diese Neuproduktion am 19. Jänner an das Theater an der Wien zurück; mit Nicole Chevalier übernimmt eine starke Sängerdarstellerin die herausfordernde Rolle der Thaïs. Und: „Ein Fest für Belcanto-Freunde“, so Geyer, Belisario, „das an Dramatik alles bietet“, ergo „im 19. Jahrhundert in ganz Europa gespielt wurde, bevor es nach 1900 in völlige Vergessenheit geriet.“

Die Neuentdeckung im Theater an der Wien unternehmen am 16. Februar Nigel Lowry, was Inszenierung und Ausstattung betrifft, und Oksana Lyniv am Pult. Roberto Frontali singt den Belisario und Carmela Remigio die Antonia. Sowohl „Thaïs“ als auch „Belisario“ werden vom RSO-Wien und vom Arnold Schoenberg  unter der Leitung von Erwin Ortner bestritten.

An die Freude heißt der Abend, mit dem sich John Neumeier und das Hamburg Ballett mit Premiere 5. Mai am Haus einstellen werden. Neumeier, Wiener Publikumsliebling – siehe sein „Weihnachtsoratorium“-Evergreen, befasst sich mit Jahresregent Beethoven, und zwar mit der 9. Symphonie, für die er eine abendfüllende Choreografie schaffen wird. „Ein Paradewerk der Hoffnung und Freude“, sagt Geyer – und lässt als Schlusspunkt seiner Spielplanpräsentation den „schönen Götterfunken“ erklingen.

www.theater-wien.at

  1. 5. 2020

Kosmos Theater online: Schwieriges Thema

April 9, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pubertät ist eine Baustelle

Erst knebelt der Elternchor den verstockten Sohnemann, dann fordert er eine Aussprache: Claudia Kainberger, Anne Kulbatzki, Mehmet Sözer und Lukas Gander. Bild: Bettina Frenzel

Derzeit alles under construction, unfertig, erst im Werden, das Bühnenbild ein Baugerüst, so wie jenes knochige, das sich erst allmählich mit dem Fleisch der Volljährigkeit füllen wird. Bis dahin haben die Abdeckplanen noch allerhand zu verbergen, lästige Pickel und deren Luftpolster-Ausdrücken, knospende Busen, nicht steuerbare Beulen an anderer Stelle. Die Pubertät ist eine Baustelle, da sind sich Regisseurin Milena Michalek und Ausstatter Jonathan Penca sicher.

Gemeinsam mit dem Ensemble Claudia Kainberger, Anne Kulbatzki, Lukas Gander und Mehmet Sözer haben sie das Stück „Schwieriges Thema“ entwickelt, die Eigenproduktion des Wiener Kosmos Theater nun bis 9. April, 18 Uhr, auf nachtkritik.de zu streamen – und keine Angst vor etwaigen Altersgrenzen: Die Pubertät ist eine universelle Erfahrung des Peinlichen, Ermahnungen, wie sie auf der im Wortsinn zum Spielplatz gewordenen -fläche fallen, klingeln einem heut‘ noch als elterlicher O-Ton-Tinnitus in den Ohren.

Mit Wortgewitztheit und Satzgliedschmäh macht sich die ironiebewehrte Viererbande über den Text her, macht ihn zur Sprechopernpartitur, in der Sprache mal musikalisch mäandert, mal zum Stakkato wird. Derart wechseln sie in Windeseile zwischen grad-noch-kindlich-naiv und altklug, von der Erwachsenenpersiflage zur Teenagerparodie, Prototypen allesamt, und wie sie da in kollektiven Gefühlsausbrüchen wegen falscher Körperproportionen aufheulen, den Beziehungsstatus Schon-wieder-Single als Lebensstil tarnen, Dissen und Tuscheln oder beim Abhängen über Abwesende ablästern, das ist immer genau auf Kurs gebracht.

Das Pubertier mutiert im Zimmerarrest … Bild: Bettina Frenzel

… zur Cronenberg’schen Stubenfliege: Lukas Gander … Bild: Bettina Frenzel

… und bleibt mit dieser kafkaesken Verwandlung nicht allein: Mehmet Sözer. Bild: Bettina Frenzel

Michalek und Team umschiffen mit Bravour die peinsame Klippe, auf welcher einen Teen-Slang im Erziehungsberechtigtenstatus gemeinhin auflaufen lässt, sie versuchen gar nicht, da was nachzuahmen, sondern finden zu einem eigenen, eigenwillig poetischen Ausdruck, der die Skurrilität der wie Sketche aneinandergereihten Situationen unterstreicht.

Schönste diesbezügliche Szene: Claudia Kainberger, Anne Kulbatzki und Mehmet Sözer als elterliche Dreieinigkeit, die ganz griechischer Tragödienchor über Zimmerzusammenräumen und die dortige Zigarettensuche bei angedrohtem Strafmaß Handy-Entzug klagt –  οἴμοι!, “ich mach’ alles für dich und du bist nur undankbar”, “glaubst du, für mich ist es einfach”, “kannst du dich nicht zusammenreißen?” – “einmal!” – der immergleiche, ewig währende Konflikt, der erst in einem Nie-sprichst-du-mit-mir, Lass-uns-darüber-reden gipfelt, als Sohnemann Lukas Gander längst gefesselt und geknebelt ist. Zimmerarrest!

„Es ist schon eklig, aber man gewöhnt sich daran“: Erziehungsberechtigte Anne Kulbatzki und Lukas Gander. Bild: Bettina Frenzel

„Man muss jeden Tag ein, zwei Gedanken haben, die niemandem nützen“: Mehmet Sözer und Claudia Kainberger. Bild: Bettina Frenzel

Der mutiert darauf mit allerlei Haushalts- und Baumarktkram zur Cronenberg’schen Stubenfliege samt Atemgerät-Saugrüssel als wär‘ die seine eine Prophetie der derzeitigen Körperkrise. „Es ist schon eklig, aber man gewöhnt sich daran“, erklärt er der fassungs- losen Mutter Kulbatzki sein Lieber-Insektoid-als-Schneebrunzer-Konzept, sein Flügge-Bleiben statt Hingesetzt-Haben, und seine kafkaeske Verwandlung bleibt nicht die einzige: Bald verwendet auch Claudia Kainberger Props fürs Puppenstadium, steht als Fabelwesen aus Plastik und Pappendeckel auf der Bühne,

Mehmet Sözer als bizarre Buckelzirpe mit ausladenden Kinderschi-Fortsätzen. Von Kopf bis Fuß insectum, ins Trash-Kostüm eingeschnitten, ist das Pubertier nun als Bug klassifiziert – im Sinne von Programmierfehler und des berühmten gleichnamigen Horrorfilms. In Rebel-without-a-cause-Attitüde geht’s ins Finale, ins anrührend zaghafte Einander-sexuell-Erforschen – „Wie sich ein echter Busen angreift? Warm und wabbelig“ -, durch einen Diffusheitsdschungel schwefelgelber Nebelschwaden und apokalyptisch dröhnender Rave-Musik, von der Teenie-Depri als gesamtgesellschaftliches Leiden über eine Beschimpfungsrunde auf die Kleinhäusler-

mentalität vieler Millenials zum abschließend lapidaren „Gemma zum Mäcki“. „Man muss jeden Tag ein, zwei Gedanken haben, die niemandem nützen“, philosophiert Sözer über den dargebotenen Nonsens mit Tief- und Hintersinn. Bevor er seine Assoziationsperlenkette „Der Narziss schaut die ganze Zeit in den See und denkt sich, what the fuck, ich weiß auch nicht“ mit einem Schlussstein verziert. Die Pubertät, sagt er nämlich, sei ein dunkles Kapitel gleich dem Mittelalter, „alles ist so bäh, jeder ist so lost, alles ist so rough und überall zieht’s, danach aber kommt die Renaissance“. Und das einer, die schon im Post-Post-Zeitalter ist!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=LwIEL8BXAPw

Zu sehen bis 9. April, 18 Uhr, auf: www.nachtkritik.de           kosmostheater.at

8. 4. 2020

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Kammerspiele: Der Sohn

Februar 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Wandverbau im seelischen Wohnzimmer

Noch ist der Vater überzeugt, dass er dem Sohn den Kopf zurechtrücken kann: Marcus Bluhm als Pierre, Julian Valerio Rehrl als Nicolas und Susa Meyer als Anne. Bild: Moritz Schell

Selten sagt ein Bühnenbild so viel, wie dieses von Miriam Busch. Es erklärt die folgenden zweieinhalb Stunden mit ein paar Versatzstücken, Esstisch, Sofa, Grünpflanze, die Atmosphäre irgendwo zwischen studentisch und intellektuell, zwischen Quartier de la Bastille und Canal St. Martin. Doch nicht nur fällt der Fußboden vom Dekokamin zu Babys Spielbogen steil ab, die gesamte Einrichtung hängt spiegelverkehrt von der Decke. Was auf den ersten Blick wie üblich wirkt, ist das eben nicht.

Da ist eine Situation ins Rutschen geraten, sind Menschen am Plafond angekommen, und um das Dings mit den Plattitüden zu beenden, fällt einem lieber der Stefanie-Sargnagel-Sager ein: „Mir fehlt der Wandverbau in meinem seelischen Wohnzimmer.“ Heißt, was immer das heißt, die Normalität, die Stabilität, die Regale für Lebens Rat und Hilfe. An den Kammerspielen der Josefstadt brachte Regisseurin Stephanie Mohr „Der Sohn“ des Pariser Dramatikers Florian Zeller zur österreichischen Erstaufführung, ein Text, wie gemacht für Mohrs subtile, unauf- geregte Art zu inszenieren, ihre Lust am Schauspieler, von denen sich an diesem Abend zwei speziell hervortun:

Julian Valerio Rehrl, der bereits bei seinem Josefstadt-Debüt als Christopherl an der Seite von Johannes Krisch in „Einen Jux will er sich machen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35177) aufs erfreulichste auffiel, und als Sohn Nicolas von enormer Bühnenpräsenz. Und Marcus Bluhm, trotz dessen brillanter Performance das Stück natürlich nicht noch einmal „Vater“ – siehe die 2016er-Erfolgsproduktion mit Erwin Steinhauer (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522) – heißen kann, Bluhm, dem es virtuos gelingt den Übel- in eine Sympathie für den „Täter“ zu verwandeln, und dessen auch von Autor Zeller als zentral gesehene Position sich in den beiden „la réalité rattrape le beau rêve“-Schlussbildern verfestigt.

Es ist das bemerkenswerte Moment der Zeller-Mohr-Bluhm’schen Arbeit, dass die Ahnung möglichen Scheiterns permanent mitschwingt, wie energisch auch immer Papa Pierre seine Alles-wird-gut-Behauptungen vorbringt. Und, nein, gar nicht teilen kann man die Hoffnung eines Pausengesprächs, „dass jetzt dann endlich was passiert“, weil es das dauernd tut, nur dass Zeller auch diesmal aus der von ihm verfassten Familientragödie kein großes Drama macht. Gerade aber die Alltäglichkeit des Ganzen schneidet tief ins Fleisch, die scharf geschliffenen verbalen Schlagabtausche in hochtouriger Szenenfolge treffen eigene wunde Punkte.

Marcus Bluhm und Julian Valerio Rehrl. Bild: Moritz Schell

Julian Valerio Rehrl. Bild: Moritz Schell

Julian Valerio Rehrl und Susa Meyer. Bild: Moritz Schell

Da stehen einander zunächst Bluhms Pierre und Susa Meyer als Ex-Ehefrau Anne gegenüber, in der steifen Freundlichkeit des typischen „Nicht mehr miteinander reden wollen, aber Müssen“ der geschiedenen Leute. Der gemeinsame Teenager-Sohn hat sich zum Sorgenkind entwickelt, nun soll Nicolas auf eigenen Wunsch von der ob des depressiven 17-jährigen Schulabbrechers ratlosen Mutter zum willensstark-zielbewussten Vater übersiedeln – allein, der ist dieses nicht, sondern lebt mit junger Frau und neuem Säuglingssohn zusammen. Swintha Gersthofer spielt diese offenbar nur wenige Jahre als Nicolas ältere Sofia, die übermüdete Jungmutter die schnippisch der Verzweiflung der älteren erschöpften gegenübersteht, wie die Möblage spiegeln sich die Verhältnisse, denn glasklar sieht Gersthofers Sofia die Störenfriedin als Dystopie ihrer selbst.

Was folgt, gleicht dem Tucholsky’schen gut ist das Gegenteil von gut gemeint. Man liebt und müht sich, man redet und redet und ringt mit jener Haut, aus der man nicht kann. Das Ensemble ist intensiv in seiner Darstellung der Überforderung, angestrengt tritt es den Gang in die von Zeller vorgeschriebene Ausweglosigkeit an, und auch als Zuschauer hat man einiges an Emotion und Elend auszuhalten. Bluhms zweifacher Familienvater ist zerrissen zwischen dem Wiedergutmachen seiner Fehler der Vergangenheit, sein Selbstvorwurf die „Schuld“ am Aus von Ehe Nr. 1 und daher auch vorhin das Wort vom „Täter“, und Sofias innerem Widerstand gegen Nicolas. Dieser Pierre ist ein Macher, ein Zu- und Anpacker jenseits jedes Begreifens, was Nicolas peinigt.

Gersthofers Sofia versucht, sich anständig zu verhalten, wie alle Figuren Zellers ist auch ihr Charakter kein schwarzweißer, sondern viele Farben Grau, in ihren besten Augenblicken reißt sie Nicolas aus seinen dumpfen Grübeleien, hat auch sie einen schlechten, obsiegt die Verweigerung gegenüber diesem schwierigen Heranwachsenden. Dann will sie den Mann, der nun der ihre ist, und das Kind Sascha vor dem unberechenbaren Halbbruder und den Abgründen, die dieser einen nach dem anderen auftut, schützen.

In ihren besten Momenten holt die kaum ältere Sofia Teenager Nicolas aus der Depression: Swintha Gersthofer mit Marcus Bluhm und Julian Valerio Rehrl. Bild: Moritz Schell

Auftritt Nicolas, Julian Valerio Rehrl, lauernd, launisch, mit dem Interieur auch die Idylle in ihre Bestandteile zerlegend. Wie Rehrl prinzipiell auf Stuhllehnen buchstäblich wie am Sprießel sitzt, zeigt Nicolas Gefühl, keinen Platz in dieser Welt zu haben, und tatsächlich sind die Konstellationen im Stück derart, dass je nach Perspektive immer einer das fünfte Rad am Wagen ist, jeder auf seine Weise zwischen allen Stühlen sitzt. Die Frage nach dem „Sinn“ dreht Nicolas‘ Vater ihm kurzerhand ab.

Rehrl lässt Nicolas‘ Verstocktheit, Schmerz, Zwangslage aus seinem verschlossenen Gesicht, den ins Leere blickenden Augen, aus seinem zusammengeklappten, sich wiegenden Körper sprechen. Das ist die Krankheit der Seele. Nicht die von Pierre zweckoptimistisch als solche benannte Teenie-Weltverdrossenheit. Dass Pierres Plan von Fördern und Fordern, sein Changieren zwischen „Ich akzeptiere das nicht!“ und „Ich verbiete es dir!“ in diesem Plot nicht funktioniert, versteht sich, Pierre der alles besser machen will, als sein eigener Vater, der sich nur für die Firma und die Jagd interessierte – und von dem Pierre noch ein Geschenk, ein Gewehr ganz hinten im Kasten stehen hat. Mit dessen Abfeuern das Zufügen von Selbst/Verletzungen aber noch kein Ende hat.

Bluhm und Rehrl haben im Vater-Sohn-Infight zweifellos die interessantesten Szenen, wenn Zeller in ihren Dialogen das vorhandene oder verwirkte Recht auf einen „Das ist mein Leben!“-Egoismus von Eltern durchdekliniert. Zeller, selbst stets Betrachter nie Begutachter der von ihm entworfenen Versuchsanordnungen, schafft es das Publikum zum Mitfühlen statt zum Moralisieren zu bringen. Nahtlos in die rundum gelungene Aufführung passen sich Oliver Huether als Psychiater und Alexander Strömer als Pfleger ein.

Schließlich setzt Stephanie Mohrs Einfallsreichtum einen schönen Schlusspunkt, keinen tröstlichen, sondern einen im Sinne ihres Premieren-T-Shirts, auf dem ein/e Raumfahrer/in „more space“ verlangt, stellt sie doch im allgemeinen Sich-in-Tränen-Auflösen Susa Meyer seitlich an die Rampe. Anne als Silhouette im Halbdunkel, stumm, unbemerkt, einsam, die Frau von früher, deren Empfindungen hier niemand gedenkt. Welch ein Statement! Monsieur Zeller, auch an Sie …

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  1. 2. 2020