Theater zum Fürchten: Die Macht der Gewohnheit

Juni 5, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der hohen Kunst des Scheiterns

Zirkusdirektor Caribaldi trifft bei der seiltanzenden Enkelin zumindest einmal den richtigen Ton: Glenna Weber und Thomas Kamper. Bild: Bettina Frenzel

Das Wagnis, Thomas Bernhards „Die Macht der Gewohnheit“ zu inszenieren, gehen Regisseur Rüdiger Hentzschel und das Theater zum Fürchten nun an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, ein. Vor allem einer trägt hier volles Risiko, Thomas Kamper in der ehemals Bernhard-Minetti-Rolle des Zirkusdirektor Caribaldi, und die gestaltet er auf so wohlausgewogene Weise mit Wahn und Witz, dass das Publikum beim Schlussapplaus herzlich für die gelungene Leistung dankte.

Die vom manischen Manegenherrscher geknechtete Truppe geben Glenna Weber als seiltanzende Enkelin, Dirk Warme als Jongleur, Regís Mainka als Dompteur und Florian Lebek als Spaßmacher. Doch es sind nicht die artistischen Qualitäten um derentwillen der cholerisch-impulsive Impresario seine Künstler quält, nein, vielmehr versucht er in seinem heruntergekommenen Wanderetablissement seit 20 Jahren ein fehlerfreies „Forellenquintett“ aufzuführen. Endlos soll geprobt werden, bis den mangelhaft begabten Schubert nicht mehr wie ein nasser Fisch entgleitet; die jedoch reagieren je nach Gemütsverfassung mit Renitenz bis Resignation – und so ist die Unternehmung zum Scheitern verurteilt, was Thomas Bernhard in der Variation dreier Akte vorführt.

Der Spaßmacher und der Dompteur trinken mehr als drei Bier: Florian Lebek und Regís Mainka. Bild: Bettina Frenzel

Kleine Liebesgeste mit dem Zivilanzug des Jongleurs: Glenna Weber und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

„Die Macht der Gewohnheit“, 1974 in Salzburg uraufgeführt, ist mehr Ensemblestück, als spätere seiner Werke, Hentzschel trägt dem Rechnung, indem er die Darsteller sich gegen den Monologisierer stemmen lässt. Er ist auch für die Raumgestaltung zuständig und zeigt als Bühnenbild das Zirkushinterzimmer mit Kostümschrankkoffer und Klavier, einen Unort zwischen der zauberischen Glitzerwelt der Akrobatikvorführungen und dem schäbigen Realitätsdesaster. „Die Wahrheit ist immer ein Debakel“ ist einer der hinreißenden Bernhard’schen Sätze dazu. Ansonsten setzt Hentzschel weniger auf die in der Rezeptionsgeschichte übliche Künstlichkeit von Kunstfiguren.

Er hat für Bernhards durchkomponierte Sprache durchweg realistische Spielanlässe geschaffen. Kommt’s hier etwa zum Erlösungsruf „Morgen Augsburg!“, so ist das nicht mehr eine bis ins Absurde gesteigerte Wiederholung, sondern schlicht ein Sprechakt, der auf die Aktion irgendeiner anderen Figur reagiert. Auch Caribaldis besessen breitgewalzte Musikbegriffe – „Casals“, „das Kolophonium“, „das Ferraracello“ – werden so vom Sockel geholt. In diesem Stück über die hohe Kunst des Scheiterns, über einen Perfektionsanspruch, bei dem es kein Gelingen geben kann, erstaunt es doch, wie alltagssprachlich die Bernhard’schen Wortkaskaden klingen können, „gewöhnlich“, jedoch ohne ins Banale abzudriften. Hentzschel macht aus abstrakt expressionistisch, und die Schauspieler folgen ihm auf diesem Weg mit Verve.

Thomas Kamper bedient mit teils clownesker, teils ätzender Schärfe nicht nur Caribaldis Tyrannentum, sondern gestaltet daraus die Tragödie eines Mannes, dem die Dinge längst entglitten sind. Mit gefährlich glitzerndem Auge bringt er seine Böswilligkeiten an, und wenn ihm die ständig zu Boden fallende Haube des Spaßmachers aus seinem routinemäßigen Furor reißt und bis zum Gehtnichtmehr reizt, dann sind das starke, beinah unheimliche Momente. Glenna Weber ist als Enkelin gehorsam bis zur Unterwürfigkeit, schön, wie sie in all den Demütigungsspielchen mit einer fast unbemerkten Bewegung den Sakkoärmel des Zivilanzugs des Jongleurs streichelt – die kleine Geste einer großen Liebe.

Caribaldi ertappt den Spaßmacher und den Dompteur beim besoffenen Müßiggang: Florian Lebek, Thomas Kamper und Regís Mainka. Bild: Bettina Frenzel

Für die Dirk Warme als Jongleur verantwortlich ist, der längst die Flucht zu einem Engagement in Bordeaux geplant hat und als einziger Caribaldi einzuschüchtern vermag. Zwischen Niedertracht und Schwachsinn, Intrige und Erpressungen bewegen sich Florian Lebek als Spaßmacher, der im Unklaren lässt, ob er als August so dumm ist oder sich nur so dumm stellt. Regís Mainka ist ein martialischer Dompteur, der Neffe des Zirkusdirektors, der alles dazu tut, um dessen Illusion zu zerstören.

Wie er am Ende volltrunken zum gewalttätigen Kunstzertrümmerer wird, da ist Hentzschel ganz nah an Bernhard. „Durch diese Tür / kommen Ihre Opfer herein“, sagt der Jongleur zu Caribaldi. „Nicht Menschen / Instrumente“.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 6. 2019

Theater in der Josefstadt: Radetzkymarsch

Mai 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die papierene Welt wird in der Luft zerrissen

Freunde im Feld: Florian Teichtmeister als Carl Joseph von Trotta und Alexander Absenger als Rittmeister Tattenbach. Bild: Moritz Schell

Dass man am Dramatisierungsversuch des Joseph-Roth-Romans „Radetzkymarsch“ nur in mal mehr, mal weniger Schönheit scheitern kann, haben schon andere bewiesen. Nun darf sich auch Regisseur Elmar Goerden in diese Riege durchaus illustrer Namen reihen, sein Zugriff auf den Stoff vom Theater in der Josefstadt stolz Uraufführung genannt und gestern ebendort über die Bühne gegangen, seine Inszenierung ein knapp zweistündiges Experiment.

Das lediglich an der Oberfläche des monumentalen Wunderwerks kratzt, aber nie wirklich unter die Haut geht. Was der Aufführung fehlt, ist diese gewisse Tanz-auf-dem-Vulkan-Atmosphäre, mittels der sich Untergang der Habsburger Monarchie und Niedergang der Trotta-Dynastie mischen, wenig weist hier auf den Seelenzwiespalt von dekadenter Lebensführung, Standesdünkel und devoter Pflichterfüllung hin, die der besseren k.u.k.-Gesellschaft schließlich zum Schicksal wurde. Nichts verweist ins Heute, da ein neuer Nationalismus die Länder Europas wie dereinst im Vielvölkerstaat gerade wieder auseinandertreibt.

Goerdens Arbeit ist, wiewohl Carl Joseph von Trotta dem Trunke ja nicht abgeneigt ist, allzu nüchtern. Florian Teichtmeister, den Hausherr Herbert Föttinger bei der Premierenfeier Richtung Burgtheater verabschiedete, zeigt ihn nicht als sensiblen, weichen Charakter, sondern von Beginn weg resignativ, müde, ohne Hoffnung auf ein – in jeder Bedeutung des Wortes – Fortkommen.

Peter Scholz, hier als Kapturak, mit Florian Teichtmeister und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Joseph Lorenz als Bezirkshauptmann Franz von Trotta und Florian Teichtmeister. Bild: Moritz Schell

Das mag daran liegen, dass ihm eine schwarzgewandete Parze gleich zu Anfang sein Ende vorhersagt, den tödlichen Treffer beim Wagnis, für seine Kameraden Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen. Der Gedanke tut sich auf, ob das Ganze so etwas wie Carl Josephs Albtraum ist, dem er erstaunt zusieht, während ihn die Geister seiner Vergangenheit heimsuchen. Andrea Jonasson gibt die hier androgyn schillernde Figur des Grafen Chojnicki als eine Art mephistophelischen Conférencier, ein Chacun à son Goût umlächelt ihre Lippen, doch wie das Gros der Darsteller wechselt sie zwischen Erzählstimme und ihrer Rolle, beides in ausschließlich Originaltext.

Und in einem Tempo, das so rasch von der Totalen ins tiefste Innere der Figuren zoomt und wieder zurückschnellt, dass einem schwindlig werden könnte. Das ist einer der gelungenen Einfälle Goerdens, wenn auch nicht nagelneu, um die Diskrepanz zwischen Gedachtem und Gesagten zu verdeutlichen. So kommt‘s beispielsweise in einer Abschiedsszene zwischen Bezirkshauptmann und Leutnant Trotta aus dem Off: „Obwohl er sagen wollte: Ich liebe dich, mein Sohn!, sagte er lediglich: Halt dich gut.“

Andrea Jonasson als Graf Chojnicki. Bild: Moritz Schell

In diversen Rollen: Pauline Knof, Alexander Absenger, Alexandra Krismer, Michael König und Oliver Rosskopf. Bild: Moritz Schell

Diesen Franz von Trotta stattet Joseph Lorenz als erstem Leidenden am Mythos des Helden von Solferino mit steifer Oberlippe aus, seine Kaisertreue ist das verkrustete Korsett, das ihm die Atemluft aus dem Körper presst, und Lorenz, ein Meister in der Gestaltung des Altösterreichischen, gelingt es, diese Haltung zu wahren, obwohl er in der schnellen Szenenabfolge de facto nicht viel zum Spielen kommt. Mit Jonasson, Teichtmeister und Lorenz hat es sich auch schon mit der Ausführung nur einer Figur, andere stemmen bis zu fünf Rollen.

Michael König etwa alle Alten, vom verwichenen Stammvater Trotta, der sich per Blick durch seinen Gemälderahmen bemerkbar macht, bis zum sterbenden Diener Jacques, der ihm allerdings zur Nachthemd-Karikatur gerät. Gelungen dafür, apropos: Nachthemd, sein Sekundenauftritt als Kaiser Franz Joseph, den der König nicht als senilen Herrscher zeigt, sondern als einen, der in diskreter Audienz mit Trotta-Lorenz die Angelegenheiten für Trotta-Teichtmeister regelt. Nicht viel mehr als vorbeihuschen auch Pauline Knof als die Geliebten Katharina Slama und Eva Demant, mit beide Mal letalem Ausgang.

Und Alexandra Krismer, die Carl Josephs Nummer drei, Valerie von Taußig, wenigstens etwas groteske Exaltiertheit anzuhaften vermag. Mit Alexander Absenger und Oliver Rosskopf ist sie auch auf diverse Offiziere abonniert, wobei das Trio das militärische Personal in unterschiedlichen Schattierungen von schrill anlegt. Peter Scholz ist erst der jüdische Regimentsarzt Doktor Max Demant, dann Kasinobetreiber Kapturak, bleibt aber in Goerdens Versuchsanordnung in beiden Rollen blass.

Zum papierenen Gesamteindruck passt das Setting von Silvia Merlo und Ulf Stengl, ein mit dem empfindlichen Material ausgekleidetes Gerüst, Stelen einer steril-weißen Welt, die mit Ausbruch des Krieges vom Ensemble in der Luft zerrissen wird. Als wär’s das Synonym einer strahlenden Fassade, die längst am seidenen Faden hing. Immerhin: Ein stimmiges Schlussbild für einen Abend, der den Weitblick in den Abgrund zwar verweigert, aber vom Publikum mit freundlichem Applaus bedankt wurde.

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  1. 5. 2019

Theater in der Josefstadt: Die Saison 2019/20

Mai 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claus Peymann inszeniert Thomas Bernhard und Martin Vischer kommt vom Burgtheater

Herbert Föttinger präsentierte das Programm der Saison 2019/20. Bild: Jan Frankl

„Alle haben mir gesagt, ich muss ganz ruhig bleiben und darf nicht schimpfen“, hatte sich der stets streitbare Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger für den heutigen Vormittag und die Präsentation des Programms 2019/20 zumindest fix vorgenommen. Dass er, was ersteres betrifft, naturgemäß versagen musste, war klar, als er das Gespräch bereits eingangs statt auf die bevorstehenden Premieren auf die österreichische Kulturpolitik brachte.

Und zwar mit den Hinweis, durchaus Verständnis dafür zu haben, dass sich derzeit „alles ums Volkstheater und die dort fehlenden drei Millionen dreht“, dass aber auch sein Haus bei Subventionen in der Höhe von 14,8 Millionen Euro realiter um 3,5 Millionen unterdotiert sei. Was ihm Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, für die Föttinger „eine Lanze brach“, in einer Unterredung nicht nur bestätigt, sondern auch versichert hätte, sie werde für die Valorisierung und eine Sockelerhöhung der Wiener Bühnen kämpfen. Was den Verantwortlichen des Bundes, Minister Gernot Blümel, betrifft, so findet es Föttinger „befremdlich“, dass dieser es in eineinhalb Jahren noch nicht einmal geschafft habe, in der Josefstadt zu Gast zu sein. Föttinger: „Ich empfehle Herrn Blümel eine der letzten drei Vorstellungen der ,Reise der Verlorenen‘ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29430), das ist ein empathisches Stück über Flüchtlinge, das müsste ihm doch liegen.“

Dass es Ähnliches künftig vielleicht gar nicht mehr geben wird, sei finanziell begründet: „Das neue Programm ist kein Sparprogramm, aber wir werden auf Stücke mit so vielen Mitwirkenden verzichten müssen“, sagte Günter Rhomberg, der Vorsitzende des Stiftungsvorstands. Bevor’s nach dem bisschen Polemik um den Spielplan ging, nannte der kaufmännische Geschäftsführer Alexander Götz noch erfreuliche Zahlen: Die Gesamtbesucherauslastung der Josefstadt und der Kammerspiele liegt derzeit bei 89 Prozent, womit die laufende die bis dato beste Saison sei, die ökonomische Auslastung liegt bei 70 Prozent, die Eigenfinanzierung bei 40.

Was die Premieren betrifft, so setzt das Theater in der Josefstadt auch weiterhin auf die Pflege heimischer Literaten und Dramatiker, man ist gewillt wie bisher Flagge zu zeigen und strikt für Humanismus und Empathie einzutreten. Das macht sich auch im Spielplanheft bemerkbar, für das Peter Turrini und Silke Hassler diesmal Sprüche wie „Hier arbeiten einige links-Linke. Im Parlament sitzen etliche rechts-Rechte“, „Der allerneueste Klimawandel: Vom Mitgefühl zur Gleichgültigkeit“ oder „Demokrat ist noch kein Schimpfwort“ beigesteuert haben.

Die Reise der Verlorenen: Ensemble. Bild: Sepp Gallauer

Matthias Asboth, Herbert Föttinger, Günter Rhomberg und Alexander Götz. Bild: Herwig Prammer

Die Premieren – Theater in der Josefstadt

Die Strudlhofstiege am 5. September: Die Uraufführung des großen österreichischen Romans von Heimito von Doderer stellt die Fortsetzung des Österreich-Schwerpunkts dar. Doderer siedelt seinen Roman knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und bald nach dessen Ende an. Föttinger: „In seiner Bühnenbearbeitung dehnt Nicolaus Hagg die Geschehnisse bis 1945 aus, und zeigt eine Zwischenkriegszeit, in der eine Apathie, der Rückzug aus dem Politischen gewisser gesellschaftlicher Kreise anderen Kräften Raum gab, um an die Macht zu kommen. Das hat etwas sehr Zeitgenössisches, wenn man die jetzige Opposition betrachtet.“ Es inszeniert Janusz Kica, das vom Burgtheater ans Haus kommende neue Ensemblemitglied Martin Vischer ist als René Stangeler zu sehen.

Einen Jux will er sich machen am 10. Oktober: Stephan Müller, der derzeit mit „Der Besuch der alten Dame“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30004) einen großen Erfolg feiert, inszeniert, die Couplettexte werden vom österreichischen Autor Thomas Arzt neu geschrieben, der einen Blick auf das Schicksal der „Handlungsdiener des 21. Jahrhunderts“ und deren 12 Stunden-Arbeitstage werfen wird. Es spielen die Neuzugänge Robert Joseph Bartl und Julian Valerio Rehrl.

Rosmersholm am 7. November: Ulf Stengls Überschreibung von Henrik Ibsens Stück zeigt hochaktuell den politischen „Kampf“ und wie Wut und Verbissenheit politischer Kontrahenten in einer Katastrophe münden können. Wo es bei Ibsen noch ein Vorstoß demokratischer Ideen auf ein konservatives Werteverständnis ist, wird bei Regisseur Elmar Goerden der Angriff von einer populistischen, antidemokratischen Bewegung ausgehen, die die Grundwerte einer liberalen, offenen Gesellschaft erschüttern will. Herbert Föttinger ist in der Uraufführung als Johannes Rosmer zu sehen.

Der Kirschgarten am 5. Dezember: Für die renommierte Theater- und Opernregisseurin Amélie Niermeyer wird Tschechows letzte Tragikomödie die erste Inszenierung am Theater in der Josefstadt sein, und man hofft, so Föttinger, auf weitere Zusammenarbeit. Sona MacDonald spielt die Gutsbesitzerin Ranjewskaja, Raphael von Bargen den Unternehmer Lopachin. Otto Schenk wird die Rolle des Firs übernehmen. Föttinger: „Ich bete zu Gott, dass es ihm gut geht. Es wäre sehr schön, wenn wir seinen 90. Geburtstag mit dieser Rolle feiern könnten.“

Zwischenspiel am 30. Jänner: Schnitzler ist für die Josefstadt traditionell ein Fixstarter. Der vom Burgtheater zurückkehrende Peter Wittenberg inszeniert das Ehedrama, Maria Köstlinger und Bernhard Schir spielen.

Geheimnis einer Unbekannten am 12. März: In seiner berühmten Novelle „Brief einer Unbekannten“ zeichnet Stefan Zweig mit viel Fingerspitzengefühl die Psychologie einer Frau, die ihr Leben lang im Verborgenen geliebt hat. Oscarpreisträger Christopher Hampton wird diese Meistererzählung für die Bühne bearbeiten und auch für die Regie verantwortlich sein. Es wird – nach der Uraufführung seiner Bühnenrealisierung von „Eine dunkle Begierde“ – seine zweite Regiearbeit im Theater in der Josefstadt sein, die mit Martina Ebm und Michael Dangl besetzt ist. Die deutschsprachige Übersetzung der Uraufführung besorgt Daniel Kehlmann.

Das Konzert am 2. April: Hermann Bahrs Komödie ist ein österreichischer Dauerbrenner, der das Publikum seit fast hundert Jahren begeistert. Es inszeniert Janusz Kica, Herbert Föttinger und Sandra Cervik sind als Ehepaar Heink zu erleben.

Ein Fest für Boris am 28. Mai: Bernhard und Peymann – eine künstlerische Verbindung, die Theatergeschichte geschrieben hat, findet in der Josefstadt ihre Fortsetzung. Dass der Regisseur, der das Haus in seiner Wiener Zeit „das Schlaf- und Schnarchtheater der Stadt“ nannte, nun ebendort das Stück inszeniert, das er 1970 am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt hat, freut Föttinger besonders. Föttinger über den zuletzt während seiner Akademietheater-Inszenierung von „Die Stühle“ erkrankten Ex-Burg-Chef: „Ich freue mich sehr, dass er bei uns ist. Ich glaube, es geht ihm schon besser.“ „Die Gute“ wird Ulli Maier spielen.

Die Migrantigen – der Film: Faris Rahoma und Aleksandar Petrović als Benny und Marko. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Der Besuch der alten Dame: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Die Premieren – Kammerspiele

Die Migrantigen am 7. September: Eine Wiener Migrationskomödie hat Herbert Föttinger zum Saisonauftakt in den Kammerspielen in Auftrag gegeben. Arman T. Riahis charmanter Film „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) stand Pate für dieses neue Theaterstück, das der Filmemacher gemeinsam mit seinen Hauptdarstellern Aleksandar Petrović und Faris Rahoma verfasst hat. Sarantos Georgios Zervoulakos wird die Uraufführung inszenieren, und nach dem Motto „No Blackfacing“ ein Schauspielerteam der zweiten und dritten Migrantengeneration, Luka Vlatković als Benny, Özaydin Akbaba als Oktay, die Bühne erobern, um mit Vorurteilen und Klischees aufräumen. Neuzugang Jakob Elsenwenger spielt den Marko.

Der Vorname am 3. Oktober: Folke Braband wird die Sitzkissenschlacht der überwunden geglaubten Beschränkungen und Beschränktheiten der französischen Autoren Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière inszenieren. Hochkomödiantisch streiten werden sich das neue Ensemblemitglied Michaela Klamminger, die Grazerin kommt vom Staatstheater Kassel nach Wien, Susa Meyer, Marcus Bluhm, Michael Dangl und Oliver Rosskopf.

Mord im Orientexpress am 21. November: Kein Geringerer als Ken Ludwig, Autor von „Othello darf nicht platzen“, hat Agatha Christies Meisterwerk für die Bühne dramatisiert und es geschafft, zusätzlich zur typischen Whodunit-Atmosphäre noch eine gewaltige Portion Humor zuzufügen.Werner Sobotka bringt die deutschsprachige Erstaufführung dieses Krimiklassikers auf die Bühne, Siegfried Walther ermittelt als Hercule Poirot.

Engel der Dämmerung. Marlene Dietrich am 6. Februar: Nach ihren „Billie Holiday“ und „Lotte Lenya“-Abenden setzen Torsten Fischer, Herbert Schäfer und Sona MacDonald die Reihe mit ihrer Uraufführung über das Leben des „Blauen Engel“ fort. Für Föttinger „eine Trilogie, die sich ruhig zur Tetralogie und darüber hinaus erweitern kann.“

Der Sohn am 27. Februar: Der Eltern-Kind-Konflikt von Florian Zeller steht in der Tradition jener Stücke, die das Programm der „neuen“ Kammerspiele prägen sollen: gut gebaute Well-Made-Plays, die sich durch einen komplexen, zeitgemäßen Inhalt definieren. In der Inszenierung der österreichischen Erstaufführung von Stephanie Mohr wird Julian Valerio Rehrl in der Rolle des Nicolas sein Debüt in den Kammerspielen geben.

Gemeinsam ist Alzheimer schöner am 23. April: Peter Turrini schreibt ein neues Stück zur Uraufführung in den Kammerspielen und zeigt ein Paar, das zwar sein ganzes Leben miteinander verbracht hat, einander aber in ihrer Demenz neu kennenlernt . „Ich habe heute erst mit ihm telefoniert und Turrini versichert, dass es nicht nur eine Komödie wird. Er will zeigen, dass Alzheimer kein besonders schöner Krankheitszustand ist – man merkt’s nur selber nicht mehr“, so Föttinger, der mit den Worten schloss: „Da Turrini ja von einem neuen politischen Fieber gepackt ist, wird es bestimmt auch ein gesellschaftskritischer Text werden.“

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15. 5. 2019

Kosmos Theater: Geister sind auch nur Menschen

Mai 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fäkalienfarce zur menschlichen Vergänglichkeit

Noch nicht weg, aber auch nicht mehr richtig da: Tobias M. Draeger, Isabella Jeschke, Karola Niederhuber und Barbara Gassner im Pflegeheim. Bild: Bettina Frenzel

Dieser Allgemeinplatz vom Lachen, das den Zuschauern im Hals stecken geblieben ist, darf zur gestrigen Premiere im Kosmos Theater ohne Scham bemüht werden. Regisseurin Barbara Falter brachte dort „Geister sind auch nur Menschen“ der Schweizer Autorin Katja Brunner zur Österreichischen Erstaufführung, die beiden bereits ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, Brunners heiß aufkochende Textkaskaden in szenischer Form zu bändigen.

Und so geben sie nun auch einem Wiener Publikum kalt-warm. Brunners Geister-Menschen heißen die, die nicht mehr ganz da, aber auch noch nicht wirklich weg sind, die Alten, die von den Kindern der Leistungsgesellschaft Ausgestoßenen, die unrentabel Gewordenen, die Ausrangierten. Also werden diese in Scheibchen Sterbenden „im Heim“ verstaut, von wo aus Brunner sie die Scherben und verpassten Chancen eines gewesenen Lebens bejammern lässt. Ein Klagelied, eine „Pflegeoper“ hat die Dramatikerin da verfasst, einen grotesken, boshaften, morbiden Text, eine Fäkalienfarce zur menschlichen Vergänglichkeit, denn die Notdurft wird im Wortsinn als immer wiederkehrendes Druckmittel verwandt, die unvermittelt in poetische Sprachbilder kippen kann.

Die gestrenge Heimleitung: Karola Niederhuber mit Barbara Gassner, Isabella Jeschke und den Beinen von Tobias M. Draeger. Bild: Bettina Frenzel

Das langsame Ende in langen Unterhosen: Barbara Gassner, Isabella Jeschke, Karola Niederhuber und Tobias M. Draeger. Bild: Bettina Frenzel

Die Schauspielerinnen Barbara Gassner, Isabella Jeschke und Karola Niederhuber gestalten, in der Körperarbeit unterstützt von Choreograf Tobias M. Draeger, sowohl Pflegepersonal als auch Patienten. Im Ping-Pong wechseln sie die Seiten, brechen als Betreuer in nichtssagenden, weil desinteressierten Bla-Gesang aus. Dann wiederum, gekleidet in Steppstoff, die Gesichter clownesk auf moribund geschminkt, winden sie sich durch ihren Danse macabre, die Bühne von Carl und Carla dazu eine Art dusterer Aufbahrungsort, in der Mitte ein in den Boden eingelassener Sarg, so lässt zumindest die gerüschte Bestattungswäsche vermuten, in den Darstellerinnen und Darsteller regelmäßig abgleiten.

Damit das Alter nicht zur spöttischen Parodie unserer früheren Existenz werde, brauche es Sinn im Sprechen und Handeln, formulierte Simone de Beauvoir einmal, doch, so Brunner, was nützt das, wenn man nicht gehört wird. „Wir denken oft, wir verstehen meistens“, lässt sie ihre Protagonistinnen sagen, nur: wen interessiert’s noch? Derart eignet sich Barbara Gassner die Figur der von einem Schlaganfall niedergestreckten Frau Heisinger an, führt in deren Innenleben, führt in einer wunderbaren Wutrede deren Verbitterung darüber vor, sich für „Töchtersöhne“ aufgeopfert zu haben, die jetzt bereits zu ihren Nochlebzeiten ihr Hab und Gut verscherbeln, oder wünscht Karola Niederhuber als Pflegekraft, mit der Betonung des Begriffs Kraft als Macht und Autorität, der jaulenden Frau Simplon, „dass der Herrgott sie bald mitnehmen soll“.

Was nützt die Stimme, wenn einen niemand mehr hören mag? Barbara Gassner, Karola Niederhuber und Isabella Jeschke. Bild: Bettina Frenzel

Dass dieser Bettlägrigenreigen nicht zur Tristesse pur wird, ist Katja Brunners speziellem Witz und ihrer Beobachtung, den von ihr beschriebenen Nichtort zwischen Vergessen und Verwirrung auch als Hort von Sticheleien, Sekkierereien und postsexuellen Anwandlungen zu begreifen, zu danken. Aufbegehrt wird gegen’s Rauch- und Alkoholverbot, „als ob es jetzt noch darauf ankäme“, ein lieb gemeinter Popograpscher ruft allerdings die gestrenge Heimleitung auf den Plan.

All das ist so verzweifelt komisch, so fröhlich überzogen, verschwimmend zwischen real und surreal, dass nicht auszumachen ist, was Wach- und was -koma ist. Über Magensonde und Dauerkatheter kalauert Isabella Jeschke „Der Schlauch tut’s auch“, dann wieder meint sie zu ihrem „Ich möchte bitte gegangen sein dürfen“ – „Genug geschuftet, jetzt wird verduftet“. Der Schrecken wird sprachverspielt, die entmündigende Tatsache, dass der persönliche Name gegen eine Patientennummer ausgewechselt wurde, oder, dass zu den blauen Flecken auf der Seele jene am Körper kommen, weil die Behandlung eben nicht immer sanft ist.

Was Barbara Falter und ihr sich bis an die Grenzen verausgabendes Ensemble mit ihrer Pflegestufen-Party erschaffen haben, ist Überwältigungstheater. Da nie voyeuristisch, nie mitleidskitischig, zieht es einen umso mehr in Bann. Dass einen dieses Endspiel auf Fragen nach der eigenen Existenz zurückwirft, muss man, wie auf der Bühne zu sehen, mit Galgenhumor nehmen. „Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung dazu“, Cicero, 106 – 43 v. Chr.

Video: www.youtube.com/watch?v=fTNgWKeBLSY

kosmostheater.at

  1. 5. 2019

Theater Drachengasse: Die Wolfsfrau

Mai 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Skelett steht auf Peter Cornelius

Ein gruseliger Gast: Wiebke Alphei als Fischerin und Friederike Hellmann als Weltenlenkerin mit der Skelettfrau. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Los braust die Ouvertüre, und mit ihr alle Elemente, womit nicht nur Wind und Wasser gemeint sind, sondern auch die, die „Die Wolfsfrau“ zu einem der berückendsten Bühnenzauber machen, den man seit längerem gesehen hat. Ein Motion Comic erzählt die Inuit-Sage von der Frau, die von einem Felsvorsprung ins Eismeer gestoßen worden war, wegen eines angeblichen Gesetzesbruchs, an den sich allerdings keiner mehr erinnern kann. Da sitzt sie im nassen Grab, erst nackt und mit blutendem Herzen.

Bald von den Fischen bis aufs Gerippe abgenagt, und sie singt. Licht fällt auf die gläserne Hütte einer Fischerin. Sie wird von der betörenden Melodie seit Tagen bis auf die Knochen durchdrungen. Also fährt sie im tobenden Sturm hinaus, ihr Boot kentert, diesmal ist nicht sie es, die etwas aus den Fluten zieht, sondern etwas in ihnen zieht an ihr – und da sieht sie die Skelettfrau, die sich ihrer bemächtigt hat … Ihre kühne Verquickung von Schau- und Puppenspiel, mobilen Bühnenobjekten, Beatboxing und animierten Illustrationen machen Lilian Matzke und Joris Löschburg mit dem Kollektiv Rolling Floyd nun zum Theaterereignis in der Drachengasse. Inspiration der Stückentwicklung ist die Mythen- und Märchensammlung „Die Wolfsfrau“ der US-Autorin Clarissa Pinkola Estés.

Nicht nur das Publikum, auch eine Windmaschine sorgt für Sturm: Wiebke Alphei. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Unter Wasser lauert das Grauen: Friederike Hellmann und Wiebke Alphei. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Ein Sachbuch, das Frauen dazu anleitet, sich auf ihre ungezähmten Urinstinkte zurückzubesinnen. „Die Skelettfrau“ ist daraus eine Geschichte von zwanzig, die sie, sagt Regisseurin Lilian Matzke im Gespräch, wegen der starken Bildsprache anziehend fand – und weil sie stets selbst auf der Suche nach ihrer „Wildnatur“ sei. Heißt: Intuition, Instinkt, innere Stimme neu zu ermächtigen, und sich so ein neues, ein richtiges Sehen und Hören anzueignen. Was, interpretiert Matzke, auch der Fischerin in der Begegnung mit der Ahnin gelingt. Weitere Deutungen von Wahnsinn einer Einsamen bis Sinneserlebnis einer Ertrinkenden lächelt sie weg, sie will dem Publikum so viel Gedankenfreiraum wie möglich geben.

Dies wird denn auch von „Weltenlenkerin“ Friederike Hellmann freundlich um Unterstützung gebeten, damit der Orkan so richtig wüten kann. Der Skelettpuppenspielerin und Performerin, Matzke nennt sie den Licht- und Soundninja des Teams, weil ihr die Handhabung der gesamten Technik von Overheadprojektoren bis Loop-Station obliegt, steht Wiebke Alphei als Fischerin gegenüber, und verausgabt sich die eine, erschöpft sich die andere. Multikünstlerin Alphei, die für sich nichts weniger als die Berufsbezeichnung „Schauspielerin“ will, bewältigt den körperlichen Kraftakt, ihr tatsächlich papierenes Origamischiffchen per Paddel und Rollwagen über die Spielfläche zu „rudern“ oder lässt sich am Seil ihrer Korbreusen in die Tiefe hinab.

Im Origamiboot durch den Arktischen Ozean: Wiebke Alphei beim Trockenrudern. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Gedanken und Wellengang als Motion Comic: Wiebke Alphei und Friederike Hellmann. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Gegen die von Windmaschine und Zuschauern produzierten Naturgewalten kann sie sich nur pantomimisch stemmen, denn Worte sind der Fischerin nicht gegeben, die Inszenierung verwendet das Bühnenmaterial als Sprache. Die Geräuschkulisse bilden etwa ein tropfender Eisblock, das schlagende Herz, gegen ihr Erschlagen-Werden aufbegehrende Klarsichtfolien-Fische, auf ihnen aber auch vermerkt die Begriffe Bierflasche, Plastikmüll, Menschenrechte oder Trümmer Europas, als kippe gleich dem Innenleben der menschlichen Protagonistin auch die sie umgebende Welt.

Aus ihrer Schwimmweste entweichende Luft klingt nach einem befreiten Ausatmen, denn im Untergehen löst sich die Fischerin von ihren Alltagsritualen. Die Aufführung ist mit so viel überbordender Fantasie ausgestattet, man weiß schier nicht, was zuerst aufnehmen und wirken lassen. Schließlich nimmt die Fischerin die Skelettfrau mit in ihre Behausung, und einige Zeit kann man sich einer apokalyptischen Endzeitstimmung nicht erwehren, wenn die beiden wie ein Memento Mori nebeneinander sitzen. Aber, ein Glück!, der Theaterabend hat mehr Witz als das Buch. In die Totenfrau kommt Leben, was Wiebke Alpheis Fischerin zwischen Angst und Anziehung und vor allem hochkomisch und zutiefst gegruselt zur Kenntnis nimmt.

Gefütterte Fische fallen zur Verwunderung beider durch das Bauchloch im Gebein, aber dann entdeckt die Puppe das Radio – und entpuppt sich als Fan von Peter Cornelius‘ „Du entschuldige i kenn di“. Was bleibt der Fischerin da anderes übrig, als: Schwofen mit dem Skelett. Sonnenuntergang und endlich stille See und zum Schluss die Frage, ob zweitere nicht doch noch ein Opfer verlangt … „Die Wolfsfrau“ im Theater Drachengasse ist eine Staunen machende Sensation, die man gesehen haben sollte.

www.drachengasse.at

  1. 5. 2019