Theater in der Josefstadt: Professor Bernhardi

November 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Heraufdämmern einer neuen Zeit

Der Herrscher und der Kronprinz-Gegenspieler: Herbert Föttinger als Bernhardi, Florian Teichtmeister als Ebenwald. Bild: Sepp Gallauer

Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ist stets das Stück zur Zeit, geht es um Kalkül und politisches Kleingeld. Selten aber tritt das so zutage, wie in der Inszenierung von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt, die Donnerstagabend Premiere hatte. Beinah fröstelt es einen ob der Aktualität der hier gesagten Sätze. Kica arbeitet das Heraufdämmern einer neuen Zeit, den Schnitzler’schen Subtext, mit scharfer Klinge heraus, dabei steht ihm ein exzellent agierendes Ensemble zur Seite, beinah zwei Dutzend der Spitzenkräfte des Hauses, mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle – ein primus inter pares. Mutmaßlich noch nie war Föttinger so brillant denn als Professor Bernhardi.

Drei Stunden lang entrollt sich das Spiel für Männer (mit Alma Hasun in der einzigen Frauenrolle der Krankenschwester Ludmilla) in der renommierten Privatklinik Elisabethinum. Hierarchien werden ausgelotet, Intrigen und Pläne geschmiedet, Machtkämpfe um Karrierebestrebungen ausgetragen. Da begeht Bernhardi fast im Wortsinn den „Kardinalfehler“. Er lässt einen Pfarrer nicht zu einer Sterbenden vor, die sich in ihren letzten Stunden in einem euphorischen Zustand befindet.

Er möchte ihr einen schönen Tod bereiten, die Letzte Ölung soll sie nicht erschrecken. Die Frau stirbt ohne Salbung, und ein unfassbare Hexenjagd gegen den „Juden“ setzt sich in Gang. Etwas, das man heute wohl Dirty Campaigning nennen würde … Föttinger hat sich den Bernhardi anverwandelt, er holt die Figur nahe an sich heran. So nahe, dass man sicher meint Dinge, wie „Dass ich im Ernstfall der Mann bin durchzusetzen, was ich will, habe ich schon einige Male bewiesen“ oder „Es ist immer meine Gewohnheit gewesen, den Leuten ins Gesicht zu sagen, was ich denke“, nicht nur aus dem Mund des Klinik-, sondern auch des Theaterdirektors schon im Wortlaut gehört zu haben. Viel von sich hat er in die Figur fließen lassen. Föttingers Bernhardi ist erst ein nonchalanter, dennoch apodiktischer Herrscher, changierend zwischen dem freundlichen Wissen um seine Bedeutung und deren Überschätzung, als er den Sturm auf sich zukommen sieht. Dann aber ist er bereit, den Preis für seine Integrität zu bezahlen.

Auf ironische Art hinterfragt er die ernstesten Angelegenheiten, wie Kicas Arbeit überhaupt bemüht ist, den schwarzen Humor der Götter in Weiß, den sarkastischen Grundton des Schnitzler-Textes nicht in der Gedankenschwere des Themas versinken zu lassen. Fürs Ende, nach Bernhardis Verbüßung seiner Haftstrafe, hat sich Föttinger weder ein Aufbegehren noch die Resignation überlegt. Sein Bernhardi ist ruhiger geworden, auch grantiger. Mitten im Weltanschauungskonflikt tritt er leise ab. Er will mit Politik, die ihn mittels einer nicht namentlich genannten Parlamentspartei erst zum Buhmann degradierte, nun – die Liberalen natürlich – zur Lichtgestalt machen will, nichts zu tun haben.

Die Ärzteschaft in heller Aufregung: Wojo van Brouwer, Johannes Seilern, Alexander Strömer, André Pohl, Peter Scholz und Michael König. Bild: Sepp Gallauer

Hochwürden hat keine Handschlagqualität: Matthias Franz Stein mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Aussprache mit dem Minister: Bernhard Schir als Teflonmann Flint mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Womit er der einzige ist. In Kicas Lesart macht jeder Politik, selbst der Geistliche, Matthias Franz Stein hat als Franz Reder seinen großen Auftritt nach der Pause, der die Moral seiner Kirche über medizinische Barmherzigkeit stellt, und der keinen Präzedenzfall schaffen wollte, indem er auf sein Recht aufs Sakrament verzichtete. Das Elisabethinum ist in zwei Lager gespalten. Für Bernhardi sind André Pohl als Ehrenmann Dr. Cyprian, Michael König als aufbrausender Dr. Pflugfelder oder – ganz wunderbar – Johannes Seilern als schelmischer Idealist Dr. Löwenstein.

Auf der Gegenseite gehen die Christen in Stellung. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, befindet Christian Nickel als Dr. Filitz mit vor Empörung zitternder Unterlippe ob der Affäre Bernhardi und droht zu demissionieren. Peter Scholz‘ Dr. Adler versucht sich mit Opportunismus über die Runden zu retten, doch selbst das Bernhardi-Protegé Wenger (Alexander Strömer) stellt sich gegen seinen Beförderer …

Kica lässt das alles in großer Einfachheit und Klarheit spielen. Keine Geste ist hier zu viel, kein Tonfall eine Übertreibung, die Aufführung ist so straight, wie die Männer, die in ihr auftreten. Das Bühnenbild ist weiß-grau-karg; zwei verschiebbare Wände und ein paar Versatzstücke genügen Kica, um Klinik und Privatwohnung des Professors anzudeuten.

Mit Föttinger dominieren zwei Darsteller das Geschehen. Florian Teichtmeister ist als Vizedirektor Dr. Ebenwald der Kronprinz-Gegenspieler und outet sich gleich in der ersten Szene als Antisemit. Weil Bernhardi bei der Klärung einer Fachfrage die Oberhand behalten hat, schießt er mit judenfeindlichem Geschütz: „Große Freude in Israel – wie?“

Gallig süffisant und gleichzeitig jovial dauergrinsend ist Teichtmeisters Ebenwald (im Pausengespräch meinte jemand: „Zum Speiben gut!“), ein ehemaliger Burschenschafter mit immer noch buberlhaftem Charme, den die Überzeugung verließ, als sie der Karriere schadete. Nun kann sie wieder hochkochen. Bernhard Schir überzeugt als Minister Flint (mit einem großartig bärbeißig-beamteten Martin Zauner als Hofrat Winkler an seiner Seite), ein eitler, großsprecherischer Teflonmann, als Politiker ein so guter Schauspieler, dass er seine Parolen bald selber glaubt. Schir gestaltet den Flint als Karl-Kraus’sche Figur. Er sei der Mann, der eben mache, was gemacht werden müsse, kommt ihm locker über die Lippen. Auch solche Aussagen erkennt man aus diesen Tagen wieder.

Bernhardis Maxime „Du sollst dich nicht in die Nähe der Politik begeben“ hält Föttinger übrigens nicht immer durch. In einer Werbekampagne zu Saisonbeginn produzierte die Josefstadt selbst satirische Fake News. Unter anderem fand sich da die „Meldung“, HC Strache gehe für ein Jahr in Bildungskarenz. Das veranlasste die FPÖ im Gemeinderat zu einer Anfrage an Andreas Mailath-Pokorny: Wegen der „Ehrenrührigkeit“ der Aussage solle er die Subventionsgelder vom Theater zurückfordern. Der Kulturstadtrat hat naturgemäß abgelehnt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=uk82aGywkiM

www.josefstadt.org

  1. 11. 2017

Armes Theater Wien: Atmen

November 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der ökologische Fußabdruck in Babypatscherln

In der Babyfrage gibt es tausend Wenns und Abers: Aris Sas und Krista Pauer. Bild: Vondru

Soll man, darf man in diese Welt noch ein Baby setzen? An dieser Frage reibt sich in Duncan Macmillans Stück „Atmen“ ein junges Paar auf. Es diskutiert das Damoklesschwert Klimawandel, macht sich schon Sorgen um den CO2-Ausstoß des nicht einmal noch Geborenen – zehntausend Tonnen nämlich! – und dessen ökologischen Fußabdruck. Zu den weltanschaulichen kommen die persönlichen Fragen.

Was macht die Schwangerschaft mit dem Körper der werdenden Mutter, was wird das Kind mit dem Paargefühl der beiden machen? Wo doch eigentlich alles gut funktioniert … Noch bis 20. November zeigt das Arme Theater Wien im WUK-Projektraum diese Auseinandersetzung. Erhard Pauer hat inszeniert, Krista Pauer und Aris Sas spielen.

Alles beginnt bei Ikea, wo er plötzlich den Wunsch äußert, Vater werden zu wollen. Einen neuen Menschen machen, da fällt ihr das „Atmen“ schnell schwer. Krista Pauers Figur reagiert panisch; hypernervös plappernd versucht sie, ihre Furcht wegzureden, während Aris Sas‘ Charakter sich um Souveränität bemüht. Noch. Denn Theaterpraktiker Macmillan zeichnet ein Beziehungsbild mit verschwimmenden Standpunkten, je nach gerader Befindlichkeit ändern sich die Positionen, die Handlung nimmt mehr als eine Wendung.

Aus zärtlicher Zuneigung … Bild: Vondru

… wird bald eine Dauerdiskussion. Bild: Vondru

Der britische Autor hat mit seinem Wohlstandslamento ein Bobo-Paradebeispiel fürs Zerreden von wichtigen Themen geschaffen. Es ist, als wäre sein Stück der Stoff, an dem die Grünen zerbröselt sind. Im Changieren zwischen Gewissheiten und darob (Ver-)Zweifeln und vor allen Dingen Selbstzweifeln.

Weil man das doch schließlich sei, steht er auf dem Standpunkt, „Die Welt wird gute Menschen brauchen“, ergo müssten sich auch die Klugen vermehren. Sie hält dagegen: „Ich könnte sieben Jahre lang jeden Tag nach New York und zurück fliegen, und mein CO2-Fußabdruck wäre immer noch nicht so groß, wie wenn ich ein Kind kriege.“ Als er noch an ihren Argumenten kaut, kommen bei ihr neue hoch. Im Schönbrunner Tiergarten schieben alle einen Kinderwagen!

Von der ersten Baby-Erwähnung über die verkrampften Empfängnisversuche samt unfreiwilligem Coitus interruptus geht es nun im dialogischen Schnellverfahren weiter zu positivem Schwangerschaftstest, man theoretisiert sich schon bis zur Matura, dann aber Fehlgeburt, Trennung, Versöhnung, zur endlich doch noch stattfindenden Ankunft eines Sohnes und schließlich zu den Friedhofsgedanken einer verbitterten Rentnerin in einer Katastrophen-Welt.

Zwei Stühle reichen dem ATW als Requisite für Badewanne, Bett oder Auto. Bild: Vondru

Krista Pauer und Aris Sas fallen sich bei ihrer Tour de Force großartig ins Wort, wechseln mühelos die authentisch klingenden Alltagstöne und ebensolche Emotionsstadien, und reden und reden und reden … er der ein wenig schlicht Gestrickte, der ihr alles recht machen will und nicht kann, sie die angestrengt Intellektuelle, die keinen Anlass für Vorwürfe, Beziehungs- und Nervenkrisen und überspannte Vorträge in Sachen politischer Korrektheit auslässt.

Und mitten in der Diskussion die klischierten Scherze über den bald hängenden, weil vom Baby ausgesaugten Busen, die hassgeliebte Quasi-Schwiegermutter und die Nöte eines Fremdgehers. Das Stück ist nicht neu, man hat es schon gesehen. Selten aber durfte im kontroversiellen und doch so moralinsauren Text ein derart hinterhältig ironischer Humor aufblitzen, wie in Erhard Pauers Inszenierung.

Krista Pauer und Aris Sas machen das mit kleinen Gesten, mit einem Augenrollen, wenn sie Macmillan den sprichwörtlichen Zaunpfahl aus der Hand nehmen, vor allem Sas‘ Blicke sprechen dann Bände. Und: Die beiden sind eine ausgezeichnete Zwei-Personen-Disko. An szenischen Mitteln braucht das Arme Theater Wien für seinen formidablen Abend nur zwei Stühle. Sie sind Bett und Badewanne und WC, und sogar eine Autofahrt funktioniert mit ihnen.

www.armestheaterwien.at

  1. 11. 2017

Theater zum Fürchten: Der Herr der Zwiebelringe

November 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tollkühns“ Meisterwerk zum Totlachen

Die Helden sind unzufrieden mit ihrem Gamemaster: Randolf Destaller, Robert Elsinger, Hendrik Winkler, Benjamin Ulbrich, Eva-Maria Scholz, Hans-Jürgen Bertram, Thomas Marchart und Samantha Steppan. Bild: Bettina Frenzel

Witziger und geistreicher als gestern Abend kann ein Fasching kaum beginnen. In der Scala, der Wiener Spielstätte des Theaters zum Fürchten, hatte rechtzeitig zum 11. 11. die aktuelle Dinnerproduktion „Der Herr der Zwiebelringe“ Premiere. Und es war köstlich zu sehen, wie genüsslich Intendant und Regisseur Bruno Max sich die gesamten heiligen Schriften von J.R.R. Tolkien aneignete.

Wie er sie verwurstete, und unter Beimengung der Gewürzmischung H.N. Beard und D.C. Kennedy, mit einem Schuss Saturday Night Live und einer Prise College Humour Network als Festschmaus kredenzte. Zwölf Darsteller und zwei Stunden braucht Bruno Max nun für seinen „endlosen Waldspaziergang durch magische Welten“, eine liebenswerte und feinsinnige Persiflage, die die Herzen der höchst amüsierten Gäste im Wirtshaus zum Grindigen Eber höherschlagen ließ.

Gespielt wird wie immer mitten unter ihnen, denn Bruno Max hat sich fürs Abenteuer einen Kniff einfallen lassen: Randolf Destaller fungiert als Gamemaster, der mit dem D20-Würfel über das Schicksal der Geschöpfe „Tollkühns“ in Oberuntererde verfügt. Da kann’s schon mal sein, dass bei einer Vier alle einen Schnupfen kriegen, oder bei 14 alle eine Runde aussetzen müssen, weil Glamrock seinen Zaubererhut verloren hat, und der gesucht werden muss. Kein Wunder also, dass die Helden bald mit ihrem Spielleiter Streit anfangen.

Die Helden, die da sind: Bingo Windbeutel und Spam Semmelschmarrn, Thomas Marchart und Robert Elsinger, zwei illegale Pfeifensubstanzen rauchende Wobbits, der eine genervt und depressiv, der andere naiv und notgeil. Der vergesslich-senile Zauberer Glamrock, Hans-Jürgen Bertram. Amalgan, Benjamin Ulbrich, ein selbstverliebt-dämlicher Waldläufer. Der Elb Lemongrass, Hendrik Winkler, der sich selbst über seine sexuelle Orientierung nicht so sicher ist (großartig auch das aus Markennamen bestehende Elbisch, das er mit seiner Königin Migraene spricht). Perlon, Eva-Maria Scholz, der martialische Zwerg. Und zwecks Frauenquote: W-Lana, Samantha Steppan, die WaldläuferIn.

Bingo findet das Geschöpf Scrotum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und Lemongrass und Perlon endlich zueinander: Eva-Maria Scholz, Hendrik Winkler, Samantha Steppan und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Glamrock und der Bullprog von Mordio: Hans-Jürgen Bertram und Helmut Frauenlob. Bild: Bettina Frenzel

Bingo, bedroht von den Schwarzen Reitern: Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Absolutes Highlight des Abends ist Peter Fuchs als ehemaliger Schmierkaas, nun genannt Scrotum. Sind schon die anderen Darsteller optisch bestens Peter Jackson, so beweist Bruno Max mit der Figur Scrotum, dass er kein ausgeklügeltes CGI braucht, um atemberaubende Kreaturen und Bilder zu erschaffen. Fantasy ist eben eine Frage der Fantasie!

Die glorreichen Sieben brechen also auf, um Onkel Dildos Großen Ring im Berg der Verdammnis zu versenken, und treffen dabei wie vorgesehen auf allerlei düstere Wesen: Synonym, der Thesaurus, wird von Glamrock mit einem uralten Kartentrick besiegt, der alle ein Level höher bringt. Mit dem Bullprog von Mordio allerdings stürzt er in die Tiefe. Bingo wird von den Schwarzen Reitern bedroht, aber setzt er seine Nerd-Brille auf, müssen sich die Orks im Wortsinn totlachen. Als er aus dem Ring, um ihn sicher zu verwahren, einen Prinz Albert macht, erweist sich das bald als weniger gute Idee. Die Kampfschafreiterin von Ray Ban, Anna Sagaischek, eilt zur Hilfe. Doch gefährlich ist’s, den Satz zu sagen: Hier spu(c)kts ja wirklich!

Derweil muss sich W-Lana über eine Bikini-Rüstüng von Zwerg Dralon ärgern, doch Lemongrass und Perlon finden in der Gefahr endlich zueinander. Die Seherein AchundWeh, Jackie Rehak, sieht zu viel Gutes, auch Hillary Clinton als US-Präsidenten, dafür will der Truchsess von Danclor, Helmut Frauenlob als Donald-Trump-Klon, der Truppe nur Böses, und außerdem eine Mauer gegen die Orks bauen, die Sagrotan bezahlen soll. Der entpuppt sich schließlich als Großunternehmer mit Globalisierungsbestrebungen, der den schwach werdenden Helden eine Gewinnbeteiligung anbietet. Doch der Streit mit dem Gamemaster eskaliert, Alea iacta est, wie einer von Glamrocks lateinischen Sprüchen lauten würde, und so sind am Ende alle …

Noch schnell zum Menü: Es gibt Ente auf Elbenart (Warnhinweis: kann Spuren von Zwergen enthalten), Wobbinger Rotkraut mit Preisselbeeren, Erdtuffeln aus dem Sauenland, Berserker-Met – und natürlich Zwiebelringe.

Bruno Max im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27073

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 11. 2017

Theater zum Fürchten: Intendant Bruno Max im Gespräch

November 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

 Brecht kredenzt Moral, Gandalf lieber Zwiebelringe

Der Herr der Zwiebelringe: Thomas Marchart, Hans-Jürgen Bertram, Peter Fuchs, Robert Elsinger, Samantha Steppan, Eva-Maria Scholz, Jackie Rehak, Hendrik Winkler und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Drei Spielstätten betreibt der Verein Theater zum Fürchten: das Stadttheater Mödling, die Wiener Scala und das Theater im Bunker. Das bedeutet mehr Verantwortung bei nicht mehr Geld, und ein Bewegen zwischen roter und schwarzer Kulturpolitik. Eine Herausforderung, die Bruno Max mit herausragenden Produktionen meistert. Am 4. November folgt im Mödling Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“, am 11. November in Wien die Parodie „Der Herr der Zwiebelringe“, eine der berühmten Dinnerproduktionen.

Der Intendant im Gespräch über Kampffelder der ÖVP, warum die FPÖ laut eigener Aussage Kulturförderung prinzipiell ablehnt und bittere Pillen für sein Publikum:

MM: Ihre nächste Premiere ist die Dinner-Produktion „Der Herr der Zwiebelringe“ am 11. 11. Sie dachten sich, zum Faschingsbeginn was Lustiges?

Bruno Max: Wir haben schon so viele Dinnertheater gemacht, wir waren in Kaffeehäusern, in Burgerrestaurants, bei Kannibalen, beim Heurigen, wir haben Picknicks an der Front gemacht, römische Orgien … Nun sollte es einmal was Exotisches sein – ein Mittelerdedinner. Wenn sich Menschen einen Waldspaziergang über 15 Stunden im Kino anschauen können, dann können sie sich auch die gesamte Fantasyliteratur in zwei Stunden geben.

MM: Das führt zur wichtigsten Frage: Was gibt es zu essen?

Bruno Max: Flugsaurier mit Kartuffeln aus dem Auenlande, das ist in Wahrheit Ente, Blaukraut mit Preiselbeeren, und natürlich Zwiebelringe. Zu trinken gibt es Met. Davon haben wir 100 Liter.

MM: Die ersten Fotos zeigen, alles wirkt original – bis hin zu Gollum.

Bruno Max: Ja, der arbeitet für uns schon lange. Wir haben auch einen Drachen und eben Flugsaurier, wir haben alles, auch einen Balrog, aber wir nehmen das Ganze nicht so ernst. Ich bin kein Tolkien-Spezialist, ich habe das Buch vor dreißig Jahren gelesen, und die erste Trilogie im Kino gesehen. Aber die „Hobbit“-Verfilmung war mir dann zu viel: Und sie gehen durch den Wald, und sie gehen durch den Wald, und dann verliert Gandalf seinen Hut, jemand würfelt eine Sechs – und alle müssen zurück an den Start, das war nicht mehr mein’s, ein Kinderbuch auf epische Breite auszuwalzen. Wir haben schamlos Parodien zusammengefügt, ich glaube es ist sehr lustig.

MM: Wie kam’s überhaupt zu der Idee Dinner-Produktion?

Bruno Max: Das weiß ich gar nicht mehr. Weil’s niemand anderer macht. Es ist auch ein enormer Aufwand. Aber mit der nächsten, die am Stadttheater Mödling schon im Juni und in Wien im Herbst zu sehen ist, gehen wir zurück zu den Wurzeln: Sie heißt „Tea and Sympathie“ und es geht um einen britischen High Tea in Zeiten des Brexit, mit sämtlichen britischen Exzentrikern der vergangenen 300 Jahre, seit Königin Henrietta den Tee in England eingeführt hat.

MM: Da beginnen die Vorstellungen um 17 Uhr.

Bruno Max: Das wäre eine Überlegung wert. Jedenfalls gibt es nur Tee und Gurkensandwiches und Plätzchen.

TzF-Intendant Bruno Max. Bild: Bettina Frenzel

Zuletzt zu sehen: „Die Fleischbank“ mit Georg Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

MM: Der Spielplan dieser Saison ist dominiert von Alfred Paul Schmidt, Brecht, Horvath, Hochwälder, Boris Vian … Sie glauben an das Theater als politische Institution?

Bruno Max: Nicht in dem Sinne, dass jemand unsere Vorstellung sieht, und hinausgeht und die Weltrevolution erklärt. Das glaube ich nicht, ich glaube, dass man am Theater zu den Bekehrten predigt, weil wer ins Theater geht schon eine grundsätzliche Einstellung zur Kultur und zum Humanismus hat. Zu uns kommen Leute, die man nur darin bestärken kann, dass es Sinn macht, sich mit Empathie für andere Menschen einzusetzen, dass man zuhört, dass man auch mal seine Meinung ändern kann, also eigentlich die Grundlagen einer gewissen Solidarität, die dem Theater innewohnt. Es gibt ein reaktionäres Theater, dass Menschen ausschließlich in ihren Vorurteilen bekräftigt, etwas, das Peter Brook einmal das tödliche Theater genannt hat, aber das ist nie in einem Volkstheater-Begriff anzutreffen, in dem wir arbeiten. So gesehen ist Theater immer neophil und nie neophob.

MM: Das glauben Sie wirklich, dass es in Österreich reaktionäres Theater gibt?

Bruno Max: Na, wir alle kennen doch die Bühnen, in denen die dicke Dame auftritt, und der Komiker zeigt mit dem Finger auf sie und sagt: Hahaha hohoho. Das brauche ich Ihnen doch nicht zu erklären. Es gibt schon Theater, wo Menschen denunziert werden. Aber Theater eignet sich nicht wirklich, um Vorurteile zu bestätigen. Was es machen kann, ist Menschen davon zu überzeugen, ihr Hirn zu benutzen. Und das ist eh  schon was. Wenn man das heute als politisch links betrachtet, dann frage ich mich, wo die Mitte abgeblieben ist.

MM: Mit ihren zwei Ganzjahres- und der Sommerspielstätte in Wien und Niederösterreich sind Sie mit roter und schwarzer Kulturpolitik befasst. Welche ist besser?

Bruno Max: Ich bin gar nicht mit Kulturpolitik befasst, ich weigere mich. Ich kriege gerade so viel Geld, dass sich die, die es uns geben nicht dafür schämen müssen. Es ist trotzdem nicht viel: Für Wien 320.000 €, von Mödling 350.000 €, vom Land Niederösterreich für unsere beiden Spielstätten in Niederösterreich etwa dieselbe Summe und vom Bund 130.000 €. Das heißt, wir erwirtschaften ungefähr ein knappes Drittel von dem, was wir brauchen selbst. Was für ein Nahversorger Theater, das Anspruch und Programm hat, das nicht nur Unterhaltung, sondern auch Haltung liefern möchte, ganz gut ist. Ich bin nicht einer, der in Wien rot und in Niederösterreich schwarz ist. Wenn ich das könnte, wie es ja einige Leute gibt, die das können, die am SPÖ-Landesparteitag sprechen und im Personenkomitee vom Erwin Pröll waren, wäre mein Leben leichter. Ich habe das nie gewollt, ich habe zwar schon Angebote in der Richtung bekommen, aber die waren finanziell immer viel zu niedrig, als dass es sich lohnte ohne Parteipräferenz erworbene Ansprüche gegen so etwas zu tauschen.

MM: Die mäßige Subvention ist umso bedauerlicher, als sie ein großer Arbeitgeber sind. Die Liste der Schauspieler, die bei Ihnen schon gewirkt haben, kann man gar nicht zählen.

Bruno Max: Es sind bald 500 Schauspieler, die in den vergangenen zwanzig Jahren hier gearbeitet haben. Wir haben im Jahr etwa 80 Rollen zu vergeben, ohne den Bunker, der zusätzlich 70 bis 80 Mitwirkende hat. In schlechten Monaten haben wir 30 Angestellte, in guten Monaten haben wir 50. Angestellte! Wir versuchen nicht mit Kooperationsverträgen oder ähnlichem durchzukommen. Als das geändert wurde, weil wir eine gewisse Größe überschritten hatten, hat uns in Wien niemand extra Geld dafür gegeben, dass wir anstellen. Trotz 50 Prozent höherer Lohnkosten. Ich bin seit 1995 in der Scala, die früher ein Boxklub war. Mir wurde nie ein Theater gegeben, ich habe immer Theater gebaut, selbst in Mödling. Das Haus war, bevor wir kamen, ein leerer Mehrzwecksaal. Alles, was darin jetzt Theater ist, haben wir uns erarbeitet. Und die Schauspieler sind froh, dass es nun eine durchgehende Versicherung gibt, die einmal einen Krankenstand möglich macht.

MM: Hinter den Kulissen?

Bruno Max: Arbeiten wir minimalst. Wir haben zwei Vollzeitkräfte in der Verwaltung für drei Theater, die auch den Kartenverkauf stemmen, ich habe einen Putzmann, der beide Häuser reinigt, ich habe zwei angestellte Techniker für beide Häuser, die helfen einander gegenseitig. Und mich gibt es noch. Ich habe vor Jahren aufgegeben, mir Gagen für Regie und Bühnenbild auszuzahlen, weil die SVA mir das ohnedies wegnimmt. Die Sache ist ja so, dass man gar nicht in der Lage ist, um höhere Subventionen einzureichen. Bei der Stadt Wien ist es so, dass die sagen, was man kriegt, und dann muss man schauen, dass man mit seiner Kalkulation dahin kommt. Das ist sehr pervers, weil es ein bisschen was davon hat, dass ein Verhungernder schriftlich bestätigen muss, dass er auf Diät ist hat.

MM: Und die Auslastung?

Bruno Max: Geht konstant nach oben. Wir haben die vergangene Produktion in Mödling ausverkauft zugesperrt. Ich glaube, das liegt auch daran, dass wir den kontinuierlichen Austausch mit dem Publikum suchen, anders als ein einzelnes Stück abzuschießen und nächste Woche mit einem anderen Gemischtwarenladen zu kommen.

Mit waschechtem Gollum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und einem wirklichen Drachen: Hans-Jürgen Bertram. Bild: Bettina Frenzel

MM: Sie selbst stemmen zweieinhalb Intendanzen, vier Inszenierungen im Jahr und einmal, zweimal treten Sie auch als Schauspieler auf. Wie geht sich das aus?

Bruno Max: Und ich mache meistens noch zwei Bühnenbilder. Es geht sich aus. Ich lebe halt sieben Tage die Woche im Theater. Gottseidank ist meine Frau selber Schauspielerin und versteht das und arbeitet mit und spielt mit. Aber jetzt beispielsweise, wo ich in Mödling eine große Premiere und in Wien die „Zwiebelringe“ habe, wird’s definitiv der gewöhnliche 13-Stunden-Tag.

MM: Haben Sie bei den „Zwiebelringen“ auch einen Gastauftritt?

Bruno Max: Nein, aber es gibt sehr viele Soundeffekte, und ich sitze bei den meisten Vorstellungen daneben und sorge dafür, dass sämtliche Zaubertricks funktionieren. Wir machen jedes Jahr ein Minimum an drei Ur- und Erstaufführungen, die anderen sind Texte, an die sich andere Truppen höchstens in Form von Überschreibungen heranwagen. Mir ist es wichtig, dass zum Theater auch ein Autor gehört, und man dessen Absichten nicht sklavisch folgen, aber hören muss. Beispielsweise ist es jetzt sehr schwierig, wir planen als nächste Mödling-Premiere Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ …

MM: Und die Brecht-Erben …?

Bruno Max: Gar nicht. Die Dessau-Erben. Außerdem ist es schwierig, den guten Menschen nicht als Gutmenschen, der die Schnorrer durchfüttert erscheinen zu lassen, und Applaus von der falschen Seite zu bekommen. „Wackerer Kapitalist bringt arbeitsscheues Gesindel am Ende zum Hackeln“, das kann’s nicht sein. Das ist schwer, wie Brecht selbst weiß. Wenn’s heißt: „Wir sind zerschmettert  und nicht nur zum Scheine! Wir stehen betroffen: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Sucht euch selbst den Schluss, es muss ein guter da sein. Muss, muss, muss!“ Das ist einmal ein Brecht, wo der Brecht nicht so selbstbewusst erscheint. Brecht ist ein Aufklärer. Die Aufklärung will die Herausführung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit – und Brecht würde das selbstverschuldet nicht unterschreiben, weil die Gesellschaft das verschuldet. Die Menschen sind schlecht aus der Not …

MM: Von Brecht gibt es auch das Zitat der „allerdümmsten Kälber“. Was erwarten Sie als Kulturschaffender von der kommenden Politik?

Bruno Max: Das ist schwer zu sagen. Kultur war nie ein Kampffeld für die ÖVP. Im Gegenteil, es ist uns in Wien unter einem schwarzen Kulturstadtrat nicht schlechter gegangen. Es war sogar leichter den Diskurs zu finden, aber das liegt an der jeweiligen individuellen Schwerpunktsetzung. Die FPÖ hat eine Ansage gemacht, dass sie prinzipiell Kulturförderung ablehnt, Kultur soll sich selbst finanzieren, mit der Begründung, Theater kommt in erster Linie den Wohlhabenden und Gebildeten zugute, weil wer anderer geht nicht hin. Unsere Kartenpreise beginnen für die Nichtwohlhabenden bei null Euro. Wir haben das Abkommen mit „Hunger für Kunst und Kultur“, bei uns kann man mit entsprechender Berechtigung auch beim Dinnertheater umsonst reingehen. Da rufen schon Leute an und sagen zwei Mal Abendessen umsonst plus Theater, das ermöglichen wir auch. Unsere teuerste Karte in Mödling kostet 30 Euro – also so viel von wegen die Wohlhabenden. Und was die Unbildung betrifft, das ist nichts Respektables. Vielleicht nichts Selbstverschuldetes, aber nichts auf das man stolz sein sollte.

MM: Wie also sehen Sie Ihr Theaterpublikum?

Bruno Max: Unser Publikum sind Menschen, die bereit sind, sich eine Geschichte erzählen zu lassen, und nicht von vorneherein ihr Vorurteil mitbringen und darüber nicht diskutieren wollen. Im Theater trifft man die Menschen aufmerksam, niemand geht ins Theater, um nicht zuzuhören. Das ist spannend, und vielleicht nicht immer im Sinne der Politik, aber teilweise kann man den Leuten Ideen nahebringen, die ihnen vor dem Kommen noch nicht nahe waren. Damit Sie sagen, da schau her, das habe ich noch gar nicht bedacht. Und das machen wir mit guter Unterhaltung: Ihnen mit einem Stück Zucker auch bittere Pillen zu verabreichen.

Die Rezension „Der Herr der Zwiebelringe“: www.mottingers-meinung.at/?p=27270

www.theaterzumfuerchten.at

2. 11. 2017

Theater zum Fürchten: Die Fleischbank

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der kleine Mann hat’s Hackl im Kreuz

Ein Fleischhauer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alfred Paul Schmidts Groteske „Die Fleischbank“. Als Ballade bezeichnet der Autor selbst seinen Text, Moritat könnte man auch sagen, schildert Schmidt doch Aufstieg und Untergang eines, dem das Leben nichts geschenkt hat: Der Favoritner Fleischhauer Arnulf ist Schmidts Anti-Held. Dem Kleingewerbetreibenden, braver Steuerzahler und gehorsames Innungsmitglied, ist die Welt abhanden gekommen. Als ehrliche Haut erniedrigt, als immer nur Durchschnittlicher zum Dulden verdammt, beginnt er sich selbst zu ermächtigen. Mittels Mord.

Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1974 liegt Schmidts Stück zugrunde. Da verschwanden in Graz zwei – damals gab’s das noch – Geldbriefträger und mit ihnen beinah 400.000 Schilling. Als Täter wird der Fleischer Karl H. ausgeforscht und zu lebenslanger Haft verurteilt … Es ist fein, dass das Theater zum Fürchten an der Wiederentdeckung Alfred Paul Schmidts arbeitet. 1941 in Wien geboren, kam er über die Umwege diverser Studien und Gelegenheitsjobs zum Schreiben. Seit 1975 lebt er in Graz, und gilt als das widersprüchlichste Mitglied der von Alfred Kolleritsch so genannten Grazer Gruppe.

Das Schweinchen weist den Weg in den Wahnsinn: Lara Buchsteiner. Bild: Bettina Frenzel

Arnulf mordet und seine Schweinchen schauen zu: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Seinen Werken eigen sind der weitgehende Verzicht auf eine herkömmliche Handlung, dafür der exzessive Einsatz burlesker, possenhafter Mittel, um vorgeblich fiktives Geschehen zur Wirklichkeit zu entstellen. Das alles kommt dem Theater zum Fürchten sehr entgegen, das mit der Inszenierung von Peter M. Preissler seinem Namen mehr als gerecht wird. Preissler, der auch bei der Uraufführung 1984 am Akademietheater Regie geführt hatte, setzt in der Scala auf Grauen, Gruseln, Gänsehaut. In halluziniert albtraumhaften, in gespenstisches Grün getauchten Szenen geht Arnulf seinem tödlichen Geschäft nach. Auf dem Dreirad umschwirrt, auf dem Akkordeon begleitet von einem Schweinchen im rosa Tutu (Lara Buchsteiner), mit deren mehrerer vom Wahnsinn umzingelt.

Preisslers exemplarische Aufführung lässt das Stück in seiner Zeit. Marcus Ganser und Prinzipal Bruno Max haben für Schmidts schwarzhumorigen Volksstück-Psychothriller ein steril-tristes Bühnenbild erdacht. Eine weiß gekachelte Fleischerei, die von der Theke über die Eskimo-Kühltruhe bis zum Wandtelefon 1970er-Jahre atmet; auf einer Angebot-des-Tages-Tafel wird das „Leberkässemerl“ um 6,50 Schilling angepriesen. Doch die Parabel auf den „kleinen Mann“, der das Hackl, das das Leben ihm permanent ins Kreuz haut, endlich zwischen anderer Leute Schulterblätter versenkt, ist zeitlos. Weil’s, siehe jüngst Las Vegas, mit jedem jederzeit passieren kann. Arnulf ist aus dem Stoff, aus dem die Amokläufer sind, und „Ana hat immer des Bummerl“, Horst Chmelars Gassenhauer, die Begleitmusik durch seine patscherte Existenz. Georg Kusztrich ist als Arnulf fulminant. Im Infight mit sekkanten Kunden, einer liederlichen Lebensgefährtin und einem „besten Freund“, der das Vorhandensein von Feinden überflüssig macht, ist er der ewige Verlierer.

Einmal ein Glück im Leben haben: Georg Kusztrich und Leopold Selinger als Vokuhila-Haberer Heinz. Bild: Bettina Frenzel

Das Selbstbewusstsein steigt, das Opfer kommt in Klarsichtfolie: Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

Kusztrich changiert in der Rolle zwischen tief depressiv, dann wieder aufmüpfig-aggressiv, verletzt und verzweifelt. Er erschreckt mit der Vehemenz seines Spiels. Er gestaltet auf höchstem darstellerischen Niveau das Psychogramm eines „armen Würschtls“, das zum Psychopathen wird. Kaum zum Killer avanciert, fühlt sich Arnulf wie ein allmächtiger Erlösergott. Das Selbstgewusstsein wächst, der Mord mutiert für ihn zur Machtdemonstration, wird letztlich zur guten Tat. Dieser Briefträger mit seiner hirndepperten Frau hatte doch ohnedies keinen leidensfreien Tag! In einer Allmachtsfantasie sprudelt es aus Arnulf: „Endlich hob i wos gmocht wos nua i vasteh … Durch dein Tod bin i auf die Wöd kumman. I bin aus mia söba ausikrochen – du woast die Hebamm“. Und während er moralisch-menschlich ungerührt sein Opfer in Klarsichtfolie verpackt, singt er das Schubertlied. „Du bist die Ruh, der Friede mild …“

Mit Kusztrich agiert das bestens aufgelegte TzF-Ensemble. Christina Saginth spielt Arnulfs Freundin Hedwig in Ledermini und waffenscheinpflichtiger Bluse hart am Flitscherl. Die gefährliche Liebschaft ist im Betrieb für die Buchhaltung zuständig, eine Gefälligkeit, für die sie tief ins Fleischergeldbörsel greift. Ihr schließt sich Leopold Seliger als hinterlistiger Haberer Heinz (mit großartiger Vokuhila-Frisur und riesigem Proleten-Schnauzbart) an, der für einen beim Karate-Training einkassierten Gipsarm von Arnulf Schmerzensgeld haben will. Als der neue Arnulf ihn entlarvt, erkennt er ihn als einen „dea zittat nach innan wia a Lampelschwaf, oba noch außen tuat a wia da Tegetthoff am Proterstern“. Doch die Halbseidene und der Kleinkriminelle sind nur zwei aus der Menge der Peiniger – allesamt sind sie Menschen, die selber auf der Schattenseite stehen.

Hedwig träumt von der Heirat: Christina Saginth und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Doch der Kommissar hat die Spur aufgenommen: Georg Kusztrich und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Das macht vor allem Birgit Wolf als verteufelt redselige Kundin Frau Dalma deutlich. Von ihrem Mann offenbar gepiesackt, brodelt es unter ihrer in Loden gewandeten Biederfrau-Fassade nicht weniger als unter der Arnulfs, nur ist sie zum Ausbruch noch nicht bereit … Bernie Feit brilliert als penetrant seine Obrigkeit verströmender Innungsfunktionär Bunderit und als Behinderter, der Zeter und Mordio schreit, als ihm Arnulf unbedarft die Frage stellt: „Wie is‘n des, wann ma waaß, dass ma bleed is?“ In ihrer Art scheinen viele der Schmidt’schen Charaktere – dies freilich auch dank der Kostüme von Alexandra Fitzinger und der Maske von Gerda Fischer und Monika Krestan – einem der „Tatorte“ rund um Oberinspektor Marek und Bezirksinspektor Wirz entsprungen, und tatsächlich hat Schmidt für die erfolgreiche TV-Krimireihe geschrieben.

Direkt aus dem „Kommissariat 24“ kommt offenbar Karl Maria Kinsky als urig-gemütlicher Kommissar in die Buchengasse. Kinsky macht seine beiden Auftritte zum Kabinettstück, wunderbar die skurrile Szene, als er den Täter entlarvt habend, nun aber völlig überfordert und hyperventilierend nach seinen Kripo-Kollegen ruft. „Geh, na! Na!“, entschlüpft es ihm. Der Mörder gefasst? Soviel Action hat er echt nicht gewollt … Michael Reiter und Florian-Raphael Schwarz sind als Briefträger von ihrem Amt gezeichnet, der junge Studienabbrecher um nichts weniger, als der Dienstältere, dem die schwere schwarze Tasche bereits den Rücken krumm und die Füße platt gemacht hat. Der Pletterscheck und seine Weinerlichkeit – sie waren Grund genug, zuzuschlagen. Mehr braucht es oft nicht zur Brutalität. Die private Malaise verlangt nach einer Bluttat, in Revolverblättern täglich nachzulesen. „Die Fleischbank“ erzählt von einem Menschen, der sich nicht holen kann, was ihm zusteht … obwohl er immer getan hat, was richtig ist … Großer Applaus fürs ganze Team.

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  1. 10. 2017