Theater zum Fürchten: Die Zofen

März 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Leben nur als Spiegelbild

Der Lindenblütentee ist schon vergiftet: Wolfgang Lesky als Gnädige Frau mit den Zofen Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Die beiden Frauen sind sichtlich eingesperrt, nicht durch Schlösser oder von Türriegeln, sondern in ihrem Kopf. Darin träumten sie gern von einer anderen Realität, von Flucht sogar, doch alles, was sie kennen, sind die Demütigungsrituale zwischen Herrin und Dienerin. Und so werden ihre Fantasien zu nichts mehr als Zerrbildern ihres Lebens in den Spiegeltüren, die von allen Seiten das Geschehen fassen. Sie spielen Gnädige Frau und Zofe, und sie spielen die Ermordung ihrer Peinigerin.

Sie scheitern jedes Mal an der Knappheit der Zeit. Doch sind sie weniger armselige Kreaturen, als ein gewitztes Schwesternliebespaar. Und in ihrem Wahn bis über den Schluss hinaus davon überzeugt, dass ihre Rechnung noch aufgehen wird. In der Art interpretiert Babett Arens Jean Genets absurde Groteske „Die Zofen“. Die Regisseurin, auch zuständig für die Raumgestaltung, zeigt ihre Produktion fürs Theater zum Fürchten derzeit an dessen Wiener Spielstätte, der Scala. Aus den diversen Geschlechtertauschmöglichkeiten des Stücks hat sich Arens dafür entschieden, die Zofen von Schauspielerinnen, die Gnädige Frau aber von einem Schauspieler darstellen zu lassen. Das macht Sinn, kennt man die Vorliebe Genets für das Mannweib. Der poète maudit bevölkerte sein Werk mit Hingabe mit jenen opulenten Fantasiegeschöpfen, die man heute Drag Queens nennt. Die berühmteste von ihnen – la Divine aus seinem ersten und sofort Skandalroman „Notre-Dame-des-Fleurs“.

Die Fantasie im Zerrspiegel der Realität: Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Eine Perlenkette eignet sich nicht zum Mordinstrument: Johanna Withalm und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

In der Scala nun ist Wolfgang Lesky eine Göttliche. Und er ist eine Erscheinung. Gebieterisch und einschüchtern mit seinen beinah zwei Metern Größe. Ein Kunstwerk mit fuchsrotem Haar und Fuchs um die Schultern, mit zu viel Makeup und affektierten Gesten. Wie Lesky mit einer Armbewegung echte Haltung und falsches Gefühl zugleich auszudrücken vermag, wie er seine Texte moduliert und zelebriert, das gibt der Figur echte Bühnenaura. Ihre Kleingeistigkeit zeigt sich jedoch auch – daran, dass Madame jede Handbreit ihrer Wohnung kennt und ergo jede Veränderung mit Adlerauge erkennt. Lesky (wer denkt, dass ihm das Gesicht bekannt ist: Ja, natürlich! ist er der Biobauer mit dem Schweinderl) lässt die Stimme beben, gibt sich artig und manierlich und in dieser Manier die gemeinsten Bosheiten von sich. Seine Gnädige Frau glaubt sich als Gönnern, doch sie traktiert die Zofen. Deren Schmähung ist durchs Geschlechterspiel umso stärker. Sie, die eigentlich ein Er ist, darf allen weiblichen Attributen Ausdruck geben, darf ganz Frau sein.

Die Zofen dagegen sind in mausgraue Hausdienerlivrees verdammt, müssen Herrenschlüpfer (mit Beinchen!) und Sockenhalter tragen. Kein Wunder, dass bei solcher Antierotik sogar der Milchmann Reißaus nimmt. Johanna Rehm und Johanna Withalm schlüpfen in die Rollen der Claire und der Solange, Rollen auch insoweit, als die Identitäten der beiden ja immer wieder verschwimmen, und sie von Zeit zu Zeit ganz aus der Rolle fallen. Solange ist vielleicht die Zupackendere, die Entschlossenere, Claire die Zögerliche, die es im entscheidenden Moment nicht schafft, den vergifteten Lindenblütentee an den Mann/die Frau zu bringen. Rehm gestaltet vielleicht die Lusterfülltere, die mädchenhaft Verspieltere, Withalm mehr das Rotzig-direkte, das aggressiv Zielgerichtete. Doch die Grenzen zwischen Solange und Claire sind fließend. Wie ein Mantra wiederholen sie: „Die gnädige Frau vergiftet uns mit ihrer Güte! Denn die gnädige Frau ist gütig! Die gnädige Frau ist schön! Die gnädige Frau ist sanft!“ In diesen Momenten sind die beiden starr vor Devotion.

Zwei Dienerinnen zwischen Wahn und Witz: Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

„Die Gnädige Frau ist gütig!“: Wolfgang Lesky mit Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Rehm, Withalm und Lesky bestechen durch ihr intensives, sensitives Spiel. Arens stattet den Abend mit einigen weniger, dafür umso zwingenderen Ideen aus, das lässt den Dreien die Luft, ihr Spiel zu entfalten. Sie beherrschen nicht nur die Exzentrik, die Exaltiertheit, sondern auch die leisen Töne, das Verzweiflungsflüstern und das Tränenersticken. Arens hat Genet auch darin verstanden: in seinem subtilen Humor, seiner Komödiantik, wie in seinen Depressionen und seiner daraus resultierenden Untätigkeit. Und sie setzt die Steilvorlage dieser Tragifarce perfekt um. „Der Dreck fühlt keine Liebe für den Dreck“, heißt es an einer Stelle im Text. Also bitte!, diese tolldreiste Darstellung von drei Dreckstücken kann man nichts anderes als lieben.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 22. 3. 2017

Theater in der Josefstadt: Galápagos

März 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine saftige Story sinnlos entfleischt

Die Inselbewohner: Matthias Franz Stein, Raphael von Bargen, Eva Mayer, Ruth Brauer-Kvam, Roman Schmelzer, Ljubiša Lupo Grujčić, Peter Scholz, Pauline Knof und die Riesenechsen. Bild: Moritz Schell

An der Josefstadt wurde Felix Mitterers jüngstes Stück „Galápagos“ uraufgeführt, und es ist nach den vorangegangenen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ der drittbeste Text. Mitterer hat eine saftige Story bis auf die Knochen entfleischt, doch kann er dem stehen gebliebenen Gerüst nichts Neues, nichts Spannendes anhaften. Entstanden ist so ein spröder, sperriger, sich schwerfällig abspulender Abend mit scherenschnittartigen Figuren. Mitterer ordnet jedem seiner Geschöpfe kaum mehr als eine Charaktereigenschaft zu.

Und so passiert etwas seltsam Seltenes: Die Josefstadt-Schauspieler kommen nicht zum Spielen. Und wo die Not am größten ist, rettet man sich sicherheitshalber in die Groteske und die Karikatur. Nun ist es ja in Ordnung, dass Mitterer sich nicht für den im Stoff enthaltenen Thriller interessierte, nur hat ihn offenbar das Psychodrama ebenso wenig inspiriert. Was bleibt hat etwas Lehrbuchhaftes, ist ein Erklärstück mit ein paar Brocken Handlung – summa summarum enttäuschend.

Das Stück beruht – naturgemäß bei Mitterer – auf einer wahren Geschichte. 1929 lassen sich auf der bis dahin unbewohnten, unwirtlichen Galápagos-Insel Floreana der deutsche Arzt, Philosoph und Naturfanatiker Friedrich Ritter und seine „Jüngerin“ Dore Strauch nieder. Man will ein zivilisationsfreies, urwüchsiges Leben führen, doch wird beider Gefallen aneinander alsbald getrübt, da Dore Strauch an Multipler Sklerose erkrankt – und für Ritter Siechtum etwas Unnatürliches ist. 1932 folgen ihnen, angelockt von Presseberichten, Heinz und Margret Wittmer, ebenfalls Deutsche, Flüchtlinge vor der Wirtschaftskrise und dem von ihr ausgelösten politischen Wetterleuchten, nach. Margret ist schwanger und wird den ersten Floreana-Ureinwohner zur Welt bringen – heute noch wohnen Wittmers auf der Insel; man rauft sich mehr schlecht als recht zusammen.

Auftritt eines schillernden Trios: Eine angebliche Wiener Baronin und ihre beiden Liebhaber. Eloise Wagner de Bousquet beginnt das Eiland zu annektieren. Sie will hier ein Luxushotel errichten, lässt sich aber den Großteil der Zeit von ihren Männern Rudolf Lorenz und Bubi Philippson in jeder Hinsicht verwöhnen. Natürlich ist Frau Baronin eine Hochstaplerin und Betrügerin. Die Situation eskaliert. 1934 sind von den sieben Inselbewohnern noch drei am Leben. Der Rest ist tot oder verschollen, die Umstände sind mysteriös. Weshalb Mitterer einen Polizisten aus Ecuador nach Floreana entsendet …

Dieses Spiel im Spiel setzt Stephanie Mohr mit einigen gelungenen Einfällen in Szene. Die Bühne von Miriam Busch ist à la mode kahl bis zur rückwärtigen Feuermauer, der Boden übersät mit zerknülltem Papier von und über Ritter, Zeitungsartikel und Seiten seines in die Binsen gegangenen literarischen Hauptwerks. Die Darsteller pflügen durch diese Gazettenwüste wie durch einen von Gottes Gnade verlassenen Paradiesgarten. Ab und an entrollt sich ein Prospekt, ein Schwarzwaldhaus samt Lebkuchenmann und Tannenbaum, ein paar riesige Riesenechsen, eine Ansichtskarte vom angekündigten Hotel …, illustriert kurz das Geschehen und fällt dann zu Boden. Gespensterstimmen, ihr Raunen, Stöhnen und irres Lachen, klingt aus dem Off. Schmeißfliegengesurr umschwirrt ihre Leiber.

Friedrich Ritter neigt zu Gewaltausbrüchen: Raphael von Bargen mit Eva Mayer als „Jüngerin“ Dore Strauch und Polizist Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Moritz Schell

Die Baronin spielt gefährliche Piratenspielchen: Ruth Brauer-Kvam als Eloise Wagner de Bousquet mit Roman Schmelzer als Lover Bubi Philippson. Bild: Moritz Schell

Ermittler Felipe Pasmino erscheint, Ljubiša Lupo Grujčić mit – warum auch immer – Dauergrinsen im Gesicht. Es entsteht eine Art Verhörsituation, die Figuren fallen von der Gegenwart in ihre Vergangenheit und retour, der Polizist bleibt bei diesen Rückblenden als Beobachter am Rande der Szenerie. Man beschuldigt sich gegenseitig, man verleugnet sich, die Angaben widersprechen einander. Und weil hier dem Ordnungsorgan im Wortsinn etwas vorgespielt, etwas vorgegaukelt wird, agieren die Josefstädter in diesen Szenen wie beim Laientheater. Doch, egal ob hier und jetzt oder verwesend gewesen, egal also, auf welcher Zeitebene sich das Spiel gerade befindet, die Regie ändert weder durch Licht- noch sonstige Effekte etwas an der Einheitsstimmung. Das ermüdet.

Mohr bedient das Erzählerische des Textes, wie er ist auch ihre Arbeit auf das Wesentliche reduziert, schnörkellos, unterkühlt und nichts ausstellend. In diesem auch metaphorisch leeren Raum hätten die Darsteller Platz für ihre Darstellung, doch nichts dergleichen passiert. Es entwickelt sich nichts, nichts bewegt sich, selbst die Drehbühne hat sich der Trägheit verschrieben. Wenn Emotionen hochkochen, ist auch dieses Aufeinanderprallen schockgefroren.

Entsprechend eindimensional die Rollengestaltung: Raphael von Bargen bleibt als Friedrich Ritter von vorne bis hinten hart, ungeduldig und von erbitterter Konsequenz, Eva Mayer dagegen ist als Dore Strauch die Dulderin mit Herz. Peter Scholz präsentiert Heinz Wittmer als geschwätzigen Nervtöter, aber immerhin Gemütsmensch, Pauline Knof ist als seine Frau Margret pragmatisch kalt und bärbeißig, und beiden haftet die wichtigste deutsche Tugend an, „tüchtig“ zu sein.

Ruth Brauer-Kvam legt die Baronin mit schriller Stimme und Hang zu überbordenden Gesten als unberechenbare, zähnefletschende (sic!) Wahnsinnige an. Ihre Eloise ist nicht mehr als das Spottbild eines Menschen, eine Möchtegernin sowohl als lustvolle Verbrecherin wie als männermordende Femme fatal. Matthias Franz Stein ist als misshandelter, devoter Rudi ein hilflos weinerlicher Tropf, Roman Schmelzer als Bubi um nichts weniger eine Persiflage und wohl in erster Linie deshalb auf der Bühne, weil er als „Kraftlackel“ die zierliche Brauer-Kvam ohne Probleme einen Abend lang auf Händen tragen kann. Grujčić bleibt als zweiter Ausdruck neben dem Grinsen ein ungläubiges Kopfschütteln ob der servierten Geschichten – wer der oder die Mörder sind, bleibt wie in der Wirklichkeit unklar.

Das Josefstädter Publikum dankte mit freundlichem, aber endenwollendem Applaus. Nun ließe sich vortrefflich über den dünnen Firnis der Zivilisation philosophieren, über das menschliche Miteinander im Allgemeinen und im Besonderen, über Macht- und Besitzansprüche und über das Survival of the Fittest – doch ehrlich, all das gibt die Aufführung nicht her. Der ganze Abend ist so mühsam und aufreibend staubtrocken, wie es das Leben auf Floreana wohl wirklich war. Ein literarischer Mehrwert zu den in regelmäßigen Abständen erscheinenden Fachpublikationen über Ritter und seine Runde findet sich nicht. Und so ist Mitterers „Galápagos“ in mehrfacher Hinsicht eine Insel der Unseligen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Md8dH6hBwkg

Originalaufnahmen/ORF ZiB2: tvthek.orf.at/topic/Kultur/6275545/ZIB-2/13921103/Galapagos-in-der-Josefstadt/14005850

www.josefstadt.org

Wien, 17. 3. 2017

 

Theater Nestroyhof Hamakom: Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen

März 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Affe

Grantscherben im Konfettiregen: Michael Gruner spielt Kafka und Beckett an einem Abend. Bild: Nathan Spasic

Im Hamakom herrscht Endzeitstimmung. Im Hamakom herrscht Aufbruchstimmung. Erstere bedingt durch die aktuelle Produktion, Zweitere durch die akute finanzielle Situation und das „Jetzt erst recht“, das sich Intendant Frederic Lion dagegen auf die Fahnen geschrieben hat. 300.000 Euro, sagte er in einem Interview mit dem Standard, fehlten ihm für eine adäquate Bespielung der Bühne; im Herbst, so liest man, soll das brut „als Mieter“ einziehen.

Lion setzt dagegen ein starkes theatrales Zeichen. Er inszeniert Kafka und Beckett an einem Abend, lässt erstmals die Monologe „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Das letzte Band“ aufeinanderprallen. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“, diesen letzten Satz des sich vermenschlicht habenden Affen Rotpeter stellt Lion über seine Arbeit, sein Haus, über seine Amour fou zum Theater. Der große Michael Gruner gestaltet als Schauspieler erst den Rotpeter, dann den Krapp. Lion hätte nicht besser wählen können, um die unbedingte Notwendigkeit des Hamakom in der Wiener Theaterlandschaft unter Beweis zu stellen. Hamakom heißt auf Hebräisch „Der Ort“ und dieser hat eine bewegte Geschichte, hat ein jüdisches Schicksal – Lion will ihm mit seinem Programm gerecht werden, mit seinem „fremdnahen“ Blick auf den Begriff Heimat, mit Stücken über Identitätssuche und -verlust in den Wirren der Zeitgeschichte und mit gewitzten Dramen über die Diskrepanz von Weltanschauung und Lebensrealität beim Menschen.

So viel nun also gleichsam zu Rotpeter und Krapp, der eine versunken in der Selbstaufgabe, in der schmerzhaften Aufgabe sich zu assimilieren, und welches Unwort könnte heutiger sein, der andere ein ewig Unangepasster, ein Unbequemer, ein Querulant. Der eine ein dystopischer Sendbote vom Planet der Affen, der andere bereits postapokalyptisch. Der eine der gelungene Versuch, der andere das Versagen, Außenseiter aber beide; Becketts „Band“ kann im Hamakom als die Kehrseite von Kafkas „Bericht“ verstanden werden. Der Mensch ist des Menschen Affe, und wenn Krapp-Gruner eine Banane (fr)isst, dann verschwimmen die ohnedies höchst durchlässigen Grenzen zwischen Hominide und Homo sapiens, dann wird aus dem manierlichen Affen ein unappetitlicher alter Mann. Nicht von ungefähr besteht die Rückwand des von Andreas Braito gestalteten Spielraums aus einem riesigen Zerrspiegel. Man sieht sich – als den anderen. Ein „King Kong“-Film aus den 1930er-Jahren läuft auf der gläsernen Leinwand, und eine vergreiste „Frankenstein“-Version ungefähr gleichen Datums. Davor – Michael Gruner.

Der Affe Rotpeter rechnet mit der ganzen Menschheit ab, … Bild: Nathan Spasic

… der Mensch Krapp per Tonband mit seinem früheren Ich. Bild: Nathan Spasic

Der Regisseur von Graden hat bei der Vorjahresproduktion „Dunkelstein“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17940) wieder Schauspielerblut geleckt und kehrt nun als Mime zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Sein Auftritt ist überwältigend. Und das nicht nur, weil Gruner ein präziser, ein prägnanter Sprecher ist. Wie er sich eben noch auf den Gehstock stützt, dann leichtfüßig übers Parkett tänzelt, später in Affengangart fällt, wenn sich die Natur Bahn bricht, wie er sich unters Publikum schleicht, um seine vom Leben geschlagenen Narben hautnah zu zeigen, sich dabei bis auf eine Windelhose entblößt, das ist so berührend wie bösartig. Gruner möchte einem nichts angenehm machen, Er drangsaliert mit unvorhersehbaren Wutausbrüchen, er schlägt beim Zusammenbeißen seine Zähne ins Zuschauerfleisch, er macht betroffen, wenn er von erlittenen Demütigungen erzählt. Konfetti aus der Sakkotasche macht das Schicksal, dieses „allzu erschöpfte“, erträglicher. Gruner ist stark darin, Schwäche zu (über)spielen. Sein Spiel ist unmittelbar, angriffig, auch eine eitle Wonne – und, ja, er selbst hat sich ein bisschen in es verliebt. Er stellt sein Wissen um die Texte, deren Bedeutung und seine Deutung, gern „zur Schau“ …

Für ihre szenischen Echokammern haben Lion und Gruner im Schönbrunner Primatenhaus recherchiert (Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/1244812368935084/). Gruner, der alte Fuchs, als Method Actor. Seine Rückkehr auf die Bühne, ist eine Beglückung, wie sie nur im Hamakom stattfinden kann. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“ ist der lebhaft helle Lebensschrei einer gefährdeten Existenz. Die Wiener Kulturpolitik braucht nur hinzuhören.

www.hamakom.at

Wien, 15. 3. 2017

Bronski & Grünberg Theater: Der Spieler

März 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In Saigon spielen die Amis auf Russisch Roulette

Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Dominic Oley als „Der Spieler“ Alex W. Rodeo würgt den arroganten Franzosen Froggie alias Florian Carove. Bild: © Lukas Wögerer

Im erst diesen Winter aus der Taufe gehobenen Bronski & Grünberg Theater stand am Wochenende „Der Spieler“ auf dem Premierenplan. Die beiden künstlerischen Leiter Alexander Pschill und Kaja Dymnicki haben aus Dostojewskis Roman eine eigene Fassung fürs Haus erarbeitet, haben auch gemeinsam Regie geführt – und einen richtig klasse Abend auf die Bühne gestellt. Die große Kunst, die ihnen hierbei gelang: Wiewohl die Zeit um mehr als hundert Jahre und der Ort um beinah 9.700 Kilometer verschoben wurden, wird dem Nonplusultra aller russischen Schriftsteller keine Gewalt angetan.

Pschill und Dymnicki haben dies Werk der Weltliteratur, wie vom Autor vorgesehen, als burleske Groteske verstanden. Sie setzen in ihrem Text auf Wortwitz und Sprachspielereien, treiben das gegenseitige Miss- und Unverständnis der Figuren auf die Spitze; sie setzen in ihrer Inszenierung alle Mittel der Komödie ein, von Slapstick und Slow Burn bis Sitcom-Off-Gelächter und Klipp-Klapp, und machen so, was für die glänzend agierenden Schauspieler punkto Tempo und Timing eine Tour de Force ist, zur Tour d’Humeur fürs Publikum.

„Der Spieler“ residiert und hasardiert nun im Saigon der Roaring Seventies. In einem versifften Hotel mit ausgeschildert zweideutigen Angeboten, Zigarettenigel auf dem Couchtisch, Captain Kirk im Fernsehen und einem Richard-Nixon-Foto an der Wand langweilt sich eine Gruppe Glücksritter, die ihr Schicksal der erbsengroßen Elfenbeinkugel anvertraut hat. Außer dem Fake-Franzosen de Grieux und seiner angeblichen Schwester Mademoiselle Blanche, entstammen die übrigen Gäste der zweiten Grande Nation, die sich in Indochina blutig geschlagen geben musste – den USA. Der General wurde von der United States Army ausgemustert, „weil es da so einen Vorfall in Pearl Harbour gab“, sein vom Hauslehrer zum Sekretär avancierter Lohnsklave nennt sich Alex W. Rodeo, und alle zusammen warten sie auf das Ableben von Auntie Babushka in Pittsburgh. Leichte Mädchen, malträtierte Marines, eine Fleisch gewordene Discokugel und ein Menschen/Äffchen in Hotelpagenuniform stürmen als Lokalkolorit immer wieder quer durchs Geschehen.

Ansonsten ist die Handlung die gleiche geblieben. Dabei skizzieren Pschill und Dymnicki eine Spaßgesellschaft, wie sie heutiger nicht sein könnte. Das Amüsement um jeden Preis, selbst den der Insolvenz, steht im Lebensmittelpunkt, der Schein – vor allem der Geldschein – gilt mehr als das Sein. Nur, weil dies alles unecht, obwohl doch Authentizität die zur Stunde gebotene Maskerade ist, lauert mitten in der Kokain-highen Society auch die Verzagtheit und die Verzweiflung.

Tagsüber gähnt im Hotel Saigon die große Langeweile: Lisa Reichetseder als Blanche, Martin Zauner als US-General, Florian Carove als Froggie und Julia Edtmeier als Polina. Bild: © Lukas Wögerer

Doch des Nachts kommen die Spielernaturen aus ihren Schlupflöchern: Martin Zauner, Lisa Reichetseder, Florian Carove und Dominic Oley. Bild: © Lukas Wögerer

Das Ensemble ist mit überbordender Spielfreude bei der Sache. Allen voran Dominic Oley als „Spieler“ Alex. Mit hoher Geschwindigkeit turnt er über die Bühne wie durch den Text, ein Wirbelwind, gebeutelt von Roulettesucht und unerwiderten romantischen Gefühlen und Rachegelüsten ob dieses Seelenzustands. Martin Zauner, neben Pschill und Oley der dritte Josefstädter im Bunde, gibt den General als weinerlichen Choleriker, eine asymmetrische Mischung, wie sie wohl nur ihm gelingen kann. Pschill und Dymnicki entfachen für dies dynamische Duo ein Feuerwerk an szenischen Einfällen, die Schwüle der mit viel Liebe für Details ausgearbeiteten Situationen ist dem tropisch-feuchten Klima Vietnams angepasst.

Nach der Pause: Auftritt der vierten Josefstädterin, Alexandra Krismer als Auntie Babushka schrill, schräg, schrecklich, gekommen, um die Mischpoche aufzumischen und, schließlich selbst vom Spielfieber gepackt, deren erwartetes Erbe zu verlieren. Wie von weit her hört man das Klacken der Kugel im Kessel – Rien ne va plus … Oley, Zauner und Krismer gestalten ihre Figuren hart an der Karikatur und schwer satirisch. Die Intimität des Raumes verleiht ihrer Darstellung eine Unmittelbarkeit, der man sich nicht entziehen mag.

Ein zweites Epizentrum des Abends sind die Wortgefechte zwischen Oleys Alex und dessen Love Interest Polina. Julia Edtmeier gestaltet die Tochter des Generals mit spöttisch-sarkastischem Mundwerk, aber heißblütigem Schulterzucken. Lisa Reichetseder macht aus Blanche eine berechnende Möchtegern-Femme-Fatale. Herrlich, wie sie Gilbert Bécauds „L’important c’est la rose“ auf lasziv getrimmt vorträgt. Als Gegensatzpaar fungieren auch David Oberkoglers kühl zurückhaltender, doch berechnender Engländer Astley und Florian Carove als de Grieux, hier Froggie genannt. Wie Carove mit Ustinov’scher Hercule-Poirot-Attitüde seine Intrigen spinnt, ist ein Kabinettstück für sich.

Oh Schreck, die Tante verzockt ihr ganzes Vermögen! Alexandra Krismer als Auntie Babushka mit Lisa Reichetseder, Martin Zauner, Julia Edtmeier, Florian Carove und Dominic Oley. Bild: © Lukas Wögerer

Nach zwei Stunden ist Apokalypse Now. Hochstapler und Hasardeure sind entlarvt, das Geld, statt auf dem Konto eingegangen, auf der Spielbank ausgegeben. Die gar nicht glorreichen Sieben treten den Rückzug an …

Das Publikum im ausverkauften Bronski & Grünberg Theater tobte vor Vergnügen. Zu sehen ist „Der Spieler“ dort bis 9. April; noch bis 4. April zeigt Claudia Kottal ihre Erfolgsproduktion „Vor dem Fliegen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24085). Das Bronski & Grünberg entpuppt sich mehr und mehr als wunderbare Bereicherung der Wiener Theaterlandschaft. Prädikat: Sehenswert!

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 13. 3. 2017

Bronski & Grünberg Theater: Vor dem Fliegen

Februar 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Kottal variiert „Thelma & Louise“ auf Wienerisch

Bewaffnet und gefährlich: Julia Schranz als Louise/Christiane. Bild: Monika Rovan

Es ist schon etwas Besonderes, sich über eine Theaterneugründung zu wagen. Schauspieler Alexander Pschill und seine berufliche wie private Mitstreiterin Kaja Dymnicki haben’s gewagt, haben das Bronski & Grünberg Theater aus der Taufe gehoben – und das Besondere beginnt schon Foyer. Der morbide Charme der nach den Underdogs aus Lubitschs Kinotragikomödie „Sein oder Nichtsein“ genannten Bühne ist unvergleichlich.

Das Ambiente changiert zwischen abgehaustem Etablissement und heimeliger Wohnzimmeratmosphäre anno psychedelic Seventies. Die Garderobe bedient man bitte selbst, am Buffet dafür der berühmte Fred Pschill, der in dieser neuen Rolle nicht nur völlig aufgeht, sondern – ein Glück – auch seinen erlesenen Weingeschmack ans Haus mitgebracht hat. Der Spielplan liest sich spannend, die Schauspielernamen auch, hat Alexander Pschill doch etliche seiner Josefstadt-Kollegen zum Mitmachen animieren können. Doch nicht nur die wissen die Intimität des neuen Spielraums zu schätzen.

Donnerstagabend brachte Claudia Kottal „Vor dem Fliegen“ zur Uraufführung. Das Stück stammt von ihr, sie hat auch die Regie übernommen und mit Julia Schranz und Anna Kramer zwei hervorragende Darstellerinnen besetzt. Der Text ist eine Paraphrase von Ridley Scotts Meisterwerk „Thelma & Louise“, ganze Dialogpassagen sind dem Drehbuch von Callie Khouri entnommen. Dazu verwendet Kottal Zitate aus Interviews, die das Team mit Frauen und Männern geführt hat, und Stellen aus Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge: Sex, Lügen und Revolution“.

Aus diesem Mix ist ein gewitzter, auch witziger Abend entstanden, der Geschlechterrollen und -klischees hinterfragt und dabei die Männer wie die Frauen aufs Korn nimmt. Es geht um Rollenprägungen, um schmerzfreie Indianer und mitleidheischende Heulsusen, um männliches Machtgefühl und die Bequemlichkeit der weiblichen Opferhaltung – und die Frage, ob das alles genetisch oder gesellschaftlich bedingt ist. „Emanze, ist das ein Superwort?“, will Julia Schranz eruieren. Und dann, apropos: aufs Korn nehmen, ist plötzlich eine Pistole im Raum, und wer den Film kennt, weiß, dass damit auch geschossen werden wird.

Überhaupt ist es von Vorteil, den Film zu kennen. Die versteckten Anspielungen auf das Roadmovie machen bei Entschlüsselung einfach zu viel Spaß. Kottal hat ihre Protagonistinnen von Arkansas-am-A***-der-Welt an die Wiener Peripherie übersiedelt, der Trip soll entsprechend zum Annaberg gehen, doch natürlich wird auch diesmal der harmlose Wochenendausflug zweier Freundinnen und Mediamarkt-Verkäuferinnen zur Höllenfahrt.

Statt im US-Provinzkaff Kellnerinnen nun Mediamarkt-Verkäuferinnen an der Wiener Peripherie: Claudia Kottal und Anna Kramer. Bild: Monika Rovan

Auch die Fast-Vergewaltigungsszene aus dem Film fehlt auf der Bühne nicht. Schranz und Kramer wechseln dazu blitzschnell die Rollen. Bild: Monika Rovan

Christiane und Michelle heißen sie, und holen sich ihr Publikum als Flyer verteilende „Hühner“ aus dem Vorraum ins Innere des Geschehens. In einen mit zwei Kloschüsseln ausgestatteten Mitarbeiteraufenthaltsraum (Bühne: Monika Rovan), der je nach Bedarf zur Bar oder zum Motelzimmer wird, beziehungsweise zur jeweils dazugehörenden Toilette. So wandlungsfähig wie die diversen Häusln müssen auch die Schauspielerinnen sein. Des Hühnerkostüms entledigt gestalten sie nicht nur die beiden Frauenrollen, sondern wechseln blitzschnell die Position, um auch in die Haut der Männer zu schlüpfen. Beeindruckend gelingt das in der Fast-Vergewaltigungsszene in der Bar, Anna Kramer als Angegriffene, Julia Schranz als Angreifer, dann plötzlich als bewaffnete Christiane, deren Trauma sich – siehe Louise – nach und nach enthüllt.

Filmszenen durchbrechen die Bühnenrealität, Erstere durch Zweitere auch ein wenig persifliert, etwa wenn „Bradl Pitt“ am Straßenrand links liegen gelassen wird oder der Kauf von „Safepants“, den versperrbaren Unterhosen gegen sexuelle Übergriffe, angekurbelt werden soll. Sehr pointiert wird das alles vorgebracht, oft sehr konkret in der Darstellung und daher umso zwingender. Sowohl Schranz als auch Kramer wissen das Publikum zu packen, wissen, wie’s funktioniert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Für Thrilleratmo sorgt die Musik von Eva „Gustav“ Jantschitsch.

Während Kramer weibliche Rückzugsszenarien aus unangenehmen Situationen durchexerziert, stellt Schranz lapidar fest: „Die ideale Frau ist fickbar, fickt aber nie selber.“ Dies ihrem Ratgeber „Was Männer wirklich wollen“ entnommen, denn die Ratgeberinnenpose gegenüber den Zuschauern wird selbstverständlich eingenommen. Sind ja auch Männer im Raum. Die keineswegs „mitgenommen“, sondern zum Schluss dieser klugen, aber nie belehrenden Aufführung genauso gut unterhalten waren wie ihre Begleiterinnen. Das Bronski & Grünberg Theater hat mit „Vor dem Fliegen“ eine großartige schwarze Komödie auf dem Programm. Deren Titel bezieht sich auf Thelmas letzte Worte: „Steig aufs Gas!“ Das ließ sich das Trio Kottal, Schranz und Kramer nicht zwei Mal sagen. Bravo!

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 23. 2. 2017