Weltmuseum Wien: Out of the Box. Bewegte Welten

April 10, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Lebensgeschichten, die sich in Kunstwerken verstecken

Pri Elamthuruthil im Depot des Weltmuseums Wien. Bild: Aleksandra Pawloff ©KHM-Museumsverband

Kate Elamthuruthil und Nael Elagabani im Depot des Weltmuseums Wien. Bild: Aleksandra Pawloff ©KHM-Museumsverband

Objekte in ethnographischen Museen Europas haben eine Gemeinsamkeit: ihren sogenannten „Migrationshintergrund“. Sie wurden von Kontinent zu Kontinent transportiert, aus ihrem kulturellen Kontext genommen und in einen neuen gesetzt. Jedes Objekt hat seine eigene Geschichte, die manchmal im Kleinen die verschiedenen Wege der Menschheitsgeschichte widerspiegelt.

Für „Out of the Box“ ab 12. April lud das Weltmuseum Wien die Gruppe UrbanNomadMixes ein, über ihre eigene (Familien-) Geschichte anhand von Museumsobjekten nachzudenken. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wählten je ein Objekt aus, das ihr kulturelles Gedächtnis prägte. Es dient als Ausgangspunkt, um die persönliche Geschichte zu reflektieren sowie Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu finden. Solche Erinnerungen wachzurufen kann Freude bereiten, aber auch Schmerz und Leid hervorrufen. Diese Diaspora-Dialoge drehen sich um Identität, um Zugehörigkeit, um Spiritualität, um Heimatlosigkeit sowie um Grenzen und deren Überschreitungen. Auch das Kuratorinnen- und Kuratorenteam der Ausstellung hat sich diesem persönlichen Zugang gestellt.

Die Frage nach Objektgeschichten stellt sich ihnen genauso. Wer hat das Objekt mitgebracht? Wer hat es warum verkauft, geschenkt und weggebracht oder sogar gewaltsam entwendet? Wo wurde das Objekt hergestellt und wie verlief seine Reise? In „Out of the Box“ werden komplexe Objektgeschichten mit Lebensgeschichten von Menschen verbunden. Gleichzeitig wird die Frage gestellt, in welchen unterschiedlichen Kontexten die Objekte vor ihrem Transfer nach Wien möglicherweise standen.

www.weltmuseumwien.at

10. 4. 2018

Rabenhof: Dance Me To The End Of Love

März 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar lässt Leonard Cohen hochleben

Hubsi Kramar: Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Zu seinem 70. Geburtstag beschenkt Hubsi Kramar das Publikum im Rabenhof mit einer Leonard-Cohen-Gala. Das passt, dass sich die beiden 68er auf ein Packl hauen, ebenso wie die Auswahl der Freunde und Wegbegleiter, die Kramar helfen, den Abend zu gestalten. „Family“ nennt sie der Grandseigneur der Wiener Off-Szene, und zu dieser gehören auch die Zuschauer. „Ihr seid das Netz“, verkündet der Seiltänzer Kramar, der lebenslange Theatermacher, der sich mit einem Musikprogramm auf ungewohntes Terrain begibt.

Zum ersten Mal wohl stellt Hubsi Kramar seine sängerischen Qualitäten in der Art unter Beweis, mit verwandtem Timbre und doch original er. Die großen, alten Hadern singt er natürlich „I‘ Your Man“ und „Suzanne“ und So long Marianne“. Zu den Lovesongs mischt sich Politisches, das ist eh klar, wenn zwei ewige Widerstandskämpfer gegen den Unsinn dieser Welt aufeinandertreffen. „The Partisan“ wird einmal mehr zum musikalischen Mahnmal. Drittes Reich und Holocaust sind mit die wichtigsten Themen des berüchtigten Hitler-Darstellers.

Wie im Hintergrund auf den Opernball-Bildern auch zu sehen. Kramar schwadroniert sich von Cohens Leben, von Aufwachsen als Rabbiner-Kind in Montreal – „Lieder wie Gebete“ bescheinigt der eine Große dem anderen – bis Chelsea Hotel, zur eigenen Geschichte. Längst ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr klar, wo Cohen aufhört und wo Kramar beginnt. Er zitiert Fausts Gretchen-Monolog, sein All Time Burner bei Vorsprechen, Raymond Queneaus „Variationen Autobus S“ und spielt mit Markus Kofler eine Szene aus „Warten auf Godot“, auch Beckett ein Begleiter seit 50 Jahren Bühne.

Wobei, dies Jubiläum ist der Tatsache geschuldet, dass der junge Hubsi daheim in Scheibbs ein Podium enterte, auf dem ein gewisser Bruno Kreisky „Unsinn“ von sich gab … Die Verplaudereien begleitet ein Fotoreigen, Cohen verschmitzt, Cohen verwegen, Cohen mit Katze, Kramar mit wilder Frisur und Schnauzbart, ein Draufgänger, ein Draufschauer – und wenn’s denn sein muss auch Draufhauer -, in seinen bedeutendsten Stationen. Aktivismus auf dem Ballhausplatz, inklusive. Surreal sein und Zorn haben, und zwar den im biblischen Sinne, das nennt Kramar als seine größten Stärken. Und erzählt von LSD-Erfahrungen, Mind Machines und Marokko. Vom Sandsturm in der Sahara, der ihn eine Liebe kostete.

Mit dabei auf Kramars Weg durch die Jahrzehnte sind wie gesagt Kofler am Klavier und mit „Coming Back To You“, Stefano Bernardi mit Gitarre und „There Is A War“, Dagmar Bernhard, Sonja Romei, Joachim J. Voetter – und die göttliche Lucy McEvil, die „Take This Waltz“ singt. Zwei weitere Highlights sind Patrik Huber mit „The Gypsy’s Wife“ und vor allem Christian Strasser mit „The Future“, allesamt begleitet von Martin Kratochwil & Band. Einen Witz, entstanden aus einem Traum, hat Hubsi Kramar auch auf Lager. Es klopft, er öffnet, der Tod steht vor der Tür. „Ist es also soweit?“, fragt Kramar, und der Tod sagt Ja – und stirbt. Und das Publikum singt darauf ein spontanes „Happy Birthday!“

www.rabenhoftheater.com

  1. 3. 2018

The Florida Project

März 17, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Jenseits von Disney World

Bild: © Thimfilm

Die Touristen, die aus Brasilien angereist sind, um Micky Maus und Co. zu sehen, hat es irrtümlich in die falsche Herberge verschlagen. Kissimmee statt Disney World – eine Zumutung. Man reagiert entsetzt. „Das ist ein Motel für Arme“, stammelt der ob seiner Fehlbuchung gescholtene Ehemann. Richtig. Gleich hinter Walts Märchenschloss beginnt in Florida nämlich der Albtraum der Sozialhilfeempfänger.

Jener von der Gesellschaft Ausgesiebter, die Woche für Woche mühsam die Miete für ihre bonbonfarbene Bleibe zusammenkratzen. Alleinerzieherinnen, Familienväter ohne Arbeit, Großmütter, denen minderjährige Töchter die Kinder zur Erziehung hinterlassen haben, die sich selbst „Normalität“ vortäuschen und in Wahrheit versuchen, nicht in die Obdachlosigkeit abzugleiten. Leicht wäre es, diese Menschen White Trash zu nennen, doch der Blick, den Regisseur Sean Baker in seinem Film „The Florida Project“ – seit Freitag in den heimischen Kinos – auf sie wirft, ist viel zu liebevoll, um diese Formulierung zuzulassen. Baker erzählt seine Story aus der Sicht von Kindern, mit ihnen bleibt er den ganzen Film über auf Augenhöhe, zeigt, wie sie ihre ärmliche Welt zum Abenteuerspielplatz machen. Fröhlich und frech. So sympathisch ist das, dass man diese Arbeit nur wärmstens empfehlen kann. Sie macht einem das Herz weit. Die beiden Oscar-Nominierungen gab es völlig zu Recht.

„The Florida Project“ war der ursprüngliche Name, der Arbeitstitel fürs Walt Disney World Resort. Im Film nun sind Sommerferien, und die achtjährige Moonie macht mit ihren Freunden Scooty und Jancey die Motelanlage unsicher. Souverän bewegt sie sich auf den Gängen und über die Grünflächen des „Magic Castle“, vor dem die Kirche Essensrationen austeilt, und durch die Tristesse zwischen Imbissbuden und Giftshops. Über die Bewohner weiß sie alles: da wohnt der Bier trinkende Kriegsveteran, da der Mann, der oft verhaftet wird, da die Frau, die glaubt, dass sie mit Jesus verheiratet ist … Zu dritt übt sich die unbändige Rasselbande im Weitspucken auf Autos, sammelt „Spenden“ für ein Eis oder legt aus Jux die Stromversorgung lahm.

Bild: © Thimfilm

Bild: © Thimfilm

Eine der eindrücklichsten Szenen diesbezüglich ist ein Ausflug in eine verlassene Wohnhausanlage, die deutlich macht, wie sehr die geplatzte Immobilienblase aus dem Jahr 2007, die Banken wie die Lehman Brothers in den Bankrott riss, die USA noch immer in den Fängen hält. Die soziale Realität spiegelt sich auch im Leben der Erwachsenen wider. Moonies Mutter Haley, selber noch ein halbes Kind, driftet in ihren Bemühungen, Geld zu beschaffen, immer mehr in die Illegalität ab.

Da sind es fast Peanuts, dass sie anfangs vor den besseren Hotels schwarz Parfüm zu verkaufen versucht, und mit ihrer Tochter unerlaubter Weise deren Frühstücksbuffets plündert. Schutz in dieser prekären Situation will der Motelmanager Bobbie bieten. Willem Dafoe glänzt als diese gute Seele des Ganzen, als Mann, der mehr Sozialarbeiter als Hausmeister ist. Zu seiner Mitmenschlichkeit passen die sonnendurchtränkten Bilder von Kameramann Alexis Zabé perfekt. Bria Vinaite ist eine brillante Halley. Eine Entdeckung ist die kleine Brooklynn Kimberly Prince, die die fabelhaften Kinderdarsteller anführt.

Als Referenz für seinen Film gibt Sean Baker im Interview die Serie „Die kleinen Strolche“ an, die in den USA ab 1922 die Depression begleitete. Auch darin machen sich Kinder in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ihren eigenen Reim auf die herrschenden Verhältnisse. Ein feiner Vergleich für seine Arbeit, die ab dem Titelsong „Celebration“ das Kindsein in allen Lebenslagen hoch leben lässt.

floridaproject.movie/

  1. 3. 2018

 

Albertina: Keith Haring. The Alphabet

März 13, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Strichmännchen als Botschafter gegen die Gewalt

Keith Haring: Ohne Titel, 1982. Privatsammlung © The Keith Haring Foundation

Die Albertina widmet dem amerikanischen Ausnahmekünstler Keith Haring ab 16. März aus Anlass seines 60. Geburtstags eine umfassende Ausstellung mit etwa 100 Werken aus internationalen Museen und privaten Sammlungen.

Haring war einer der gefeiertsten Künstler seiner Zeit. Seine Werke wurden 1982 auf der documenta 7, in führenden internationalen Museen und Galerien sowie auf zahlreichen Biennalen in aller Welt präsentiert. Trotz seines frühen und anhaltenden Erfolgs bei der Kritik und auf dem Kunstmarkt wurde ein zentraler Aspekt, der als ein Hauptanliegen seiner Kunst gelten kann, bis heute kaum in seiner Bedeutung erkannt:

Seine systematische Zeichensprache, die sich als Alphabet wie ein roter Faden durch sein gesamtes Schaffen zieht. Keith Harings Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen sind Botschaften gegen die Gewalt der Herrschenden, gegen Unterdrückung von Minderheiten, gegen Vorurteile und Barbarei. Seine Themen kreisen immer wieder aufs Neue um Gerechtigkeit und Veränderung. Seine Kunst war eine Sprache, die für alle Menschenleicht verständlich sein sollte. Keith Haring greift auf die Gestaltungsprinzipien von Graffiti und Street Art zurück und mit seinen erfundenen Strichmännchen – Urformen der Kunst – ist er Teil jenes Transformationsprozesses von Low Art über High Art, mit dem schon die Pop Art Cartoons und Wandbilder ins Museum geschleust hat. Er kämpfte für das Individuum und gegen dessen Unterdrückung durch Diktatur, Rassismus, Kapitalismus und Drogensucht. Er setzte sich für die Beendi gung der Apartheid in Südafrika ein, sein Engagement im Kampf gegen AIDS ist legendär. Er war eine jener Stimmen, die am lautesten vor den Gefahren eines Atomkriegs, der Zerstörung der Umwelt und zahllosen weiteren Bedrohungen der Menschheit und des Planeten warnten.

Keith Haring: Ohne Titel, 1985. Courtesy The Keith Haring Foundation, New York, & Gladstone Gallery, New York und Brüssel © The Keith Haring Foundation

Keith Haring: Ohne Titel, 1985. Privatsammlung © The Keith Haring Foundation

Seine gesamte Zeichensprache entwickelte er aus der Erkenntnis, dass Bilder wie Wörter funktionieren können. Die U-Bahn-Zeichnungen wurden zur wesentlichen Grundlage seiner Kunst. Harings Einfluss auf seine Zeitgenossen und nachfolgende Künstlergenerationen ist gewaltig und nachhaltig. Seine politischen Botschaften und Gedanken sind nicht nur Teil seines Erbes, sondern auch Teil der Menschheit und der Kunstgeschichte.

13. 3. 2018

Werner Bootes „The Green Lie – Die grüne Lüge“

März 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Doku über Nachhaltigkeit und Greenwashing

Kathrin Hartmann und Werner Boote bei der indigenen Bevölkerung in Brasilien. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Jahr 2015 brannten große Teile des indonesischen Regenwalds nieder. Es war das schlimmste Umweltdesaster in der Geschichte des Landes. An den direkten Folgen starben über 100.000 Menschen, mehr als 500.000 leiden an Langzeitfolgen. Dass die Brände bewusst gelegt oder zumindest beschleunigt wurden, ist ein offenes Geheimnis.

Ziel war es, massenweise neue Anbauflächen für die Gewinnung von Palmöl zu schaffen. Das billigste und meistverwendete Fett der Welt, zu finden in fast jedem Fertiggericht, in Süßigkeiten und Snacks, und ein enorm profitträchtiger Rohstoff.  Auf den Spuren dieses Skandals beginnt der Dokumentarfilmer Werner Boote („Plastic Planet“, „Alles unter Kontrolle“) seine Reise um die Welt, auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem allgegenwärtigen Schlagwort „Nachhaltigkeit“. Die konzernkritische Journalistin und Buchautorin Kathrin Hartmann („Ende der Märchenstunde“, „Aus kontrolliertem Raubbau“) ist dabei seine ebenso kompetente wie überzeugende Begleitung. Sie kennt sich aus mit dem so genannten „Greenwashing“.

Der Begriff bezeichnet jene Praxis, Produkte mit Hilfe massiver PR als „nachhaltig“, „umweltschonend“ oder „fair“ zu verkaufen, obwohl das in Wahrheit keineswegs so ist.  „Es gibt kein nachhaltig produziertes Palmöl, weil es nur dort wächst, wo vorher Regenwald war“, macht Hartmann deutlich. Doch auch das aufwändigste Greenwashing kommt ungleich billiger als eine Veränderung der Produktionsbedingungen. „Die Industrie nennt uns nicht mehr Bürger, sie nennt uns nur noch Konsumenten. Ich verstehe mich aber nicht als Konsument, ich versteh mich als Mensch, und als Bürger“, so Hartmann. Ihr Film „The Green Lie – Die grüne Lüge“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen.

Vom österreichischen Supermarkt reisen Boote und Hartmann nach Indonesien, Brasilien, in die USA und nach Deutschland. Sie besuchen dort Orte, die von der Zerstörungsgewalt hinter dem Greenwashing zeugen. Sie sprechen mit Menschen, die sich gegen die Lügen und ihre Folgen wehren und solche, die behaupten, nie gelogen zu haben. Boote und Hartmann stehen gemeinsam mit Aktivist Feri Irawan inmitten des brandgerodeten Regenwaldes und erleben die ehemalige grüne Lunge der Welt als apokalyptischen Albtraum. „Die Stille ist gespenstisch“, kommentiert Boote. Sie besuchen die indonesische Palmöl-Konferenz IPOC, wo der Innenminister des Landes sich über die Umweltschützer lustig macht; der Ironie nicht genug, gibt es einen Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, der Firmen zertifiziert.

Mit dem Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Auf den Spuren der Deepwater Horizon Katastrophe in Louisiana. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sie besuchen in Texas den Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel, der sich darüber empört, dass die Wahl zwischen fair und unfair produziert, die „Entscheidung für eine bessere Welt“, wie er sagt, immer noch auf den Konsumenten, die Konsumentin abgewälzt wird: „Warum muss ich mich aktiv dafür entscheiden, dass Menschen nicht ausgebeutet werden, und Delfine nicht abgeschlachtet? Warum wird das nicht vom Gesetz vorgegeben, warum ist das eine individuelle Entscheidung?“ Patel fordert, dass Menschenrechte und die Rechte der Natur gesetzlich verankert werden.

In Louisiana besichtigen Boote und Hartmann die Nachwirkungen des katastrophalen Blowouts der BP-Ölbohrplattform Deepwater Horizon von 2010 –  anstatt das ausgelaufene Öl wirklich komplett zu entfernen, wurde das giftige Dispersionsmittel Corexit eingesetzt, in dem fleischfressende und für am Strand spielende Kinder daher höchst gefährliche Bakterien gedeihen, das aber den Ölteppich zersetzte und auf den Meeresboden drückte.

Jeden Tag werden hochgiftige Teerklumpen an Land gespült. „Alles klingt nett, nichts ist einklagbar und wie immer wird jede Menge Chemie verwendet“, sagt Boote zum US-Greenwashing. Erschüttert wie ein ruinierter Shrimpfischer eines der Tierchen zeigt, hinter dessen Kiemen das Öl klebt. Mit einem schicken „umweltfreundlichen“ Elektroauto der Marke Tesla fahren die beiden zum Tagebau Garzweiler im rheinischen Braunkohlerevier, einer der größten Kohlengruben Europas, der mehrere alte Dörfer und riesige Waldgebiete zum Opfer fielen. Am Rand der Grube stehen ein paar Windräder, mit denen der Konzern RWE sein Engagement für Erneuerbare Energie betont. Doch das Kerngeschäft ist die Förderung und Verbrennung von Braunkohle, aus der Strom auch für Elektroautos wie den Tesla gewonnen wird.  Feinstaub verseucht hier die ganze Gegend, es häufen sich Atemwegserkrankungen, Fehlgeburten und Krebs. „Nur weil man keinen Auspuff sieht, heißt das nicht, dass kein Dreck entsteht!“, so Hartmann, die erläutert das für Elektroautos gebrauchte Lithium sei „das neue Erdöl“, abgebaut in Salzseen in Argentinien und Brasilien – eine „Zaubertechnologie“, die höchsten Schaden anrichtet.

Mit Noam Chomsky. Bild: © Filmladen Filmverleih

In Brasilien wiederum erzählt Sonia Guajajara, das Oberhaupt der indigenen Bevölkerung, wie ihre Landsleute mit brutaler Gewalt von ihrem ureigenen Grund und Boden vertrieben oder sogar ermordet werden, um Platz für Soja-, Mais-, Zuckerrohrplantagen und Rinderfarmen zu schaffen.

Noam Chomsky ist emeritierter Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen der USA. Er erklärt schließlich, warum es unser derzeitiges System höchstselbst ist, das der Idee von Nachhaltigkeit im Wege steht: 
 „Die Reichsten acht Menschen besitzen so viel wie die halbe restliche Menschheit. Die Macht über alle wichtigen Entscheidungen liegt bei denen, die das Kapital kontrollieren. Diese Macht der Konzerne muss ein Ende nehmen, aber unser derzeitiges System sorgt dafür, dass die Konzerne immer mächtiger werden“, so Chomsky, der Konzernhierarchien abschaffen und die Arbeiterinnen und Arbeiter ermächtigen will.

Wie schon in seinen bisherigen Erfolgsdokus nähert sich Werner Boote der Kernfrage seines neuen Filmes nicht mit analytischer Trockenheit, sondern mit ganz bewusst inszenierter, emotionaler Subjektivität – hier mit der oft kritischen Neugier eines ganz normalen Konsumenten. Kathrin Hartmann führt ihn dabei mit überzeugendem Charme und schier unendlichem Expertinnenwissen zu den Tricks und Lügen der Industrie. Und man kann sich der Schlüssigkeit der Erkenntnisse, die Boote im Lauf des Films gewinnt, nicht entziehen: Die Supermärkte sind voll mit Produkten, die so, wie sie hergestellt werden, gar nicht existieren dürften. Den Preis dafür zahlen die Käufer – auch wenn er nicht auf deren Rechnung steht. Und wenn auf einmal sämtliche Konzernbosse den Begriff „Nachhaltigkeit“ in den Mund nehmen, dann wird davon nicht die Umwelt sauber, sondern höchstens das Wort schmutzig. Eine mögliche Lösung hat Boote dafür parat. Sie lautet an alle gerichtet: „Raus aus der Zuckerwatte des Konsums!“

Werner Boote im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28457

www.wernerboote.com

www.thegreenlie.at

6. 3. 2018