Anna Badora im Gespräch

September 24, 2013 in Bühne

VON MICHAELA UND RUDOLF MOTTINGER

Schauspielhaus Graz: „Thalerhof“

Bild: (c) Lupi Sluma

Bild: (c) Lupi Sluma

Am 27. September eröffnet das Schauspielhaus Graz die neue Saison mit der Uraufführung von Andrzej Stasiuks „Thalerhof“. Der heutige Flughafen Graz wurde inmitten des Grazer Feldes auf den Gründen einer ehemaligen römischen Villa errichtet, die Zentrum einer privaten Wirtschaftseinheit der Provinz Noricum gewesen sein dürfte. Ab 1913 wurde begonnen am damaligen k. u. k. Flugfeld Hangars zu bauen, ebenso wurde ein Grasflugfeld errichtet. Am 26. Juni 1914 startete schließlich das erste Flugzeug vom Grazer Flughafen. Im selben Jahr wurde auf dem heutigen Flughafenareal das Interniertenlager Thalerhof errichtet, das bis 1917 bestand. In ihm waren im Laufe der Zeit mindestens 30.000 Ruthenen aus Galizien und der Bukowina interniert, die als Sympathisanten Russlands verdächtigt wurden. Mindestens 3000 von ihnen starben an menschenunwürdigen Bedingungen und der Gewalt des Lagerpersonals. Schauspielhaus-Intendantin Anna Badora inszeniert „Thalerhof“ als Beitrag zum Gedenkjahr, zum Bedenkjahr 2014. Ein Gespräch:

MM: Wie kam es zur Idee, aus diesem Stück Zeitgeschichte ein Theaterstück zu machen?

Anna Badora: Ich kannte Stasiuk schon aus der Zusammenarbeit während meiner Düsseldorfer Intendanz. Wir sind eigentlich die ganze Zeit über im lockeren Kontakt geblieben. Ich las dann seinen Text „k.u.k.-Geflüster“, der am Burgtheater präsentiert wurde; ein Besucher redet dort mit Toten auf einem Soldatenfriedhof und kann ihre Fragen über den Ausgang des Krieges und wie sich Europa in den letzten hundert Jahren dermaßen verändert konnte, nicht beantworten. Eine großartige Szene. Ich bat Andrzej Stasiuk, mich in Graz zu besuchen und über ein mögliches Stück darüber zu sprechen. Sein ukrainischer Freund Nasar Hontschar, der 2007/2008 in Graz Stadtschreiber gewesen war, hatte ihm zuvor schon vom Lager Thalerhof erzählt. Wir sind dann zusammen zum Flughafen gefahren, haben am Friedhof in Feldkirchen die Kapelle besucht, in dem die Knochen der Opfer des k.u.k. Internierungslagers deponiert wurden, haben die aufgestellten Gedenktafeln mit Namen der Opfer gelesen und weiter recherchiert. Ich fragte ihn schließlich, ob er für uns ein Stück schreiben würde, das seine toten Soldaten mit der Geschichte von Thalerhof kombiniert. Er hatte Feuer gefangen und sagte zu.

MM: Wie verlief die Zusammenarbeit mit Andrzej Stasiuk – welchen Bezug hat er zu Thalerhof?

Badora: Der Name des Internierungslager „Thalerhof“ war für ihn ein lebendiger Begriff, wie für die meisten Polen, die in den Karpaten leben. Er hatte ihn oft in Erzählungen der alten Leute in seinem Dorf gehört. Richtig bewußt wurde ihm die Verbindung aber erst, als sein eben erwähnter Freund Nasar Hontschar ihm offenbarte, dass er in seiner Zeit als Stadtschreiber in Graz aus den Namenstafeln erfuhr, dass sein Großvater hier ebenfalls hin deportiert und auch im Lager gestorben ist.

MM: Ist die Inszenierung als Beitrag des Schauspielhauses Graz zum Gedenkjahr 2014 zu verstehen? Der Erste Weltkrieg hat das 20. Jahrhundert ja geprägt, prägt es bis heute …

Badora: Ich denke mit „Thalerhof“ gelingt es uns, nicht nur ein in Vergessenheit geratenes Stück Stadtgeschichte zu thematisieren, sondern auch ein weitestgehend unbekanntes Kapitel des Ersten Weltkriegs. Das kollektive Bewusstsein verbindet mit dem 1. Weltkrieg zumeist Bilder von der Westfront, von Verdun und Giftgas. Aber die Front im Osten entlang der Grenze zu Russland war nicht weniger schrecklich. Allein im ersten Winter starben über 3 Millionen Menschen. Und es gab etwas Sonderbares, eine „zweite Front“, wie sie der Historiker Anton Holzer nennt. Schon sehr bald nach Kriegsbeginn entstand eine regelrechte Hysterie beim k.u.k Militär, dass viele Bewohner der Grenzgebiete zu Russland in der Bukowina Sympathisanten des Zars, also des Feindes, und Spione sein könnten. Viele wurden ohne Prozess sofort hingerichtet, andere wurden deportiert, gut 20.000 eben auch mit Zügen in das hastig eingerichtete Internierungslager Thalerhof verfrachtet. Bereits beim Transport starben viele an den unmenschlichen Bedingungen, im Lager dann noch mehr. Viele wurden auch von Krankheiten wie Typhus hingerafft. Über 1700 Namen von im Lager Gestorbenen sind auf den Gedenktafeln in Thalerhof vermerkt.

MM: Wieder einmal arbeiten Sie mit verschiedenen Zeitebenen, mit „Toten“ (nach Kehlmanns „Geistern von Princeton“). Und einem Chor. Alles schwierig. Wie wollen Sie das auf der Bühne umsetzen?

Badora: In Polen bestehen noch heute praktizierte Rituale aus heidnischer Zeit, welche die polnische katholische Kirche jahrhundertelang erfolglos zu verbieten trachtete. Da können Geister der Vorfahren gerufen werden. Diese Geister der Verstorbenen haben sich vor den Lebenden für ihr Tun in Lebzeiten zu verantworten. Stasiuk benutzt genau diese Tradition in seinem Stück. Es sind sehr viele Chöre, die Stasiuk in seinem Stück auftreten lässt. In einer Anmerkung schreibt er „Der CHOR, die ganze Zeit der CHOR, der zugleich eine Solorolle spielt.“ Stasiuk hatte beim Schreiben Stimmen im Kopf, keine Figuren. So ist uns die Aufgabe zugefallen, diesen Stimmen ein Gesicht zu geben und zu entscheiden, wann dieser Chor tatsächlich ein Chor ist. Klar wurde uns bald, dass man Stasiuks Vorstellungen durch Stimmen aber auch durch Musik Ausdruck verleihen musste. Ich bin sehr glücklich, dass ich mit dem Polen Dominik Strycharski einen Theatermusiker mit ins Team holen konnte, der diese Umsetzung auf Chorebene voll mitgetragen hat. Unterschiedliche Zeitebenen, Zeitsprünge vor und zurück entspricht der Funktionsweise unseres Gedächtnisses. So funktioniert aber auch das kollektive Gedächtnis einer Bevölkerungsgruppe. Es werden selektiv Dinge erinnert, andere ausgeblendet, Pseudovorgänge memoriert, Brüche und Überlagerungen entstehen. Dies schlüssig zu inszenieren ist eine Herausforderung, auf die ich mich aber immer gerne einlasse.

MM: Besonders eindrücklich ist die Friedhofsszene, in der zwei junge Lebende den Gefallenen die Ereignisse seither erklären wollen. Von den Gaskammern bis zu den Jugoslawienkriegen. „Gesegnet die, die vorher starben“, ist ein Satz im Stück. Und die Toten begreifen, dass ihr Sterben sinnlos war. Oder gibt’s doch einen Sinn? Das vereinte Europa z. B.?

Badora: Es gibt ja aktuelle Historiker, die meinen dass die fatalen Beschlüsse auf dem Wiener Kongress 1814 nachträglich unvermeidlich nur durch Kriege korrigiert werden konnten. Für mich ist Krieg aber immer die Kapitulationserklärung der Politik, die der Bevölkerung gerne weiß machen will, der krieg sei alternativlos. Es ist zwar ungleich schwerer und verlangt von allen Seiten das Aufgeben mancher nationalistischer Reflexe, eine politische Lösung zu finden, siehe Syrienkonflikt, aber es ist immer der bessere Weg als Krieg. Insofern ist das Sterben auf dem Schlachtfeld sinnlos. Ich glaube aber nicht, dass der Autor Stasiuk für eine bestimmte Lösung plädiert oder eine politische Idee predigen wollte. In seinen Werken bricht er das Weltgeschehen auf die Schicksale einzelner Menschen in einzelnen Regionen herunter. Er zeigt sie letztlich als hilflose Spielbälle von Systemen durch den Verlauf der Geschichte hindurch, die immer und immer wieder dasselbe Schicksal durchleiden müssen, ob sie Soldaten im 1. oder 2. Weltkrieg oder im Jugoslawienkrieg Ende der 90er Jahre waren. Deshalb im Stück die Vorgriffe auf die noch zu erleidende Geschichte weiterer großer Kriege, bis daraus heute endlich das viel geschmähte aber friedliche Europa entstanden ist.

MM: Wie würden Sie Stasiuks Sprache beschreiben – zwischen vulgär und surrealistisch?

Badora: Vulgär würde ich sie nicht nennen. Aber er schaut dem Volk schon aufs Maul, wie es so schön heißt. Natürlich schreibt Stasiuk gerne groteske und auch deftige Szenen, und er schafft es mit wenigen Worten so zu erzählen, dass die Bilder im Kopf der Zuschauer in grellen Farben entstehen, aber alles mit viel Humor. Davongeht leider bei der Übersetzung einiges verloren. – Viele Schimpfworte haben im Polnischen vielschichtige Bedeutungen – sie sind oft einer altertümlichen, ländlichen Sprache entlehnt – aber heute salonfähig und tatsächlich auch sehr witzig. Im Deutschen lässt sich das leider meistens nur mit einem Fäkalausdruck wiedergeben und dabei geht natürlich der doppelbödige Witz verloren.

MM: Wie geht Graz mit der Thalerhof-Geschichte um? Gibt es bereits eine Aufarbeitung? Stimmt das mit der unsanften Umbettung auf den Friedhof Feldkirchen oder ist das Fiktion?

Badora: Das Lager Thalerhof war aus dem kollektiven Gedächtnis der Grazer verschwunden. Noch heute gibt es die Lagerstraße, ein Wohnviertel. Kaum einer ahnt, woher der Straßenname stammt. Wie so oft hängt es an Einzelnen, die sich für eine Sache stark machen und so Dinge ins Rollen bringen. Zu nennen ist der Journalist Herwig G. Höller, der mit einem umfangreichen Artikel im Falter 2005 das Thema hier erstmals publik machte. Oberst i. R. Manfred Oswald war dann ein treibender Motor, die Geschichte des Lagers untersuchen zu lassen. Er hat auch viel für das Gedenken der Opfer beigetragen. Denn es ist tatsächlich so, dass man Totenlisten fertigte, die Toten aber nicht einzeln bestattete. In Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg musste der Lagerfriedhof aufgelöst werden. Die sterblichen Überreste bestattete man in einem Gebeinhaus in einer Ecke des Friedhofs Feldkirchen. Erst im letzten Jahr wurde dort Namenstafeln angebracht und den bisher namenlosen Opfer wieder eine Identität gegeben.

MM: Das Stück erscheint durchwegs pessimistisch. Tenor: Menschen lernen nicht aus der Geschichte. Da ist kein Silberstreifen am Horizont. Oder sehen Sie einen?

Badora: Ja. Historiker behaupten zwar: Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber mit Blick auf den Verlauf allein der europäischen Geschichte sieht man schon immer wieder kehrende Mechanismen, die zu den eben genannten 3 Kriegen des letzten Jahrhunderts führten. Eines der Grundübel ist immer wieder der Nationalismus, das „Abgrenzen“ von anderen. Aber ich möchte behaupten, dass die intensive Aufarbeitung mit der Geschichte dieser Kriege und ihrer Wurzeln zum kollektiven Bewusstsein geführt hat, dass sich solche Katastrophen in Europa niemals wieder wiederholen dürfen und jede Nation ihren individuellen Beitrag dazu leisten muss. Die Stadt Graz hat sich seiner Geschichte gestellt, und hat die Aufarbeitung der unrühmlichen Geschichte des Internierungslagers Thalerhof in Auftrag gegeben, wenn auch sehr spät. Das ist sehr positiv. Außerdem, ein Silberstreifen ist das Zustandekommen unseres Stückes selber. An dieser Produktion sind Menschen aus sicher zehn Nationen beteiligt und zur Premiere haben sich Gäste aus Polen und der Ukraine angekündigt, Nachfahren von Insassen von Thalerhof. Und um wieder beim Einzelschicksal zu bleiben: Tatiana, die Urenkelin unserer Hauptfigur, des orthodoxen Priesters Maksym Sandowicz, die in dem Stück mit spielt, wächst heute in einer Welt auf, in der sie nicht Angst davor haben muss, nachts von Soldaten aus dem Haus verschleppt und interniert zu werden, wie es noch ihrer schwangeren Uroma ergangen ist..

MM: Was Provokantes zum Schluss ;-): Keines der k.u.k.-Länder, die sich von Habsburg-Österreich abgespalten haben, haben sich’s zunächst verbessert. Viele verschwanden hinter dem Eisernen Vorhang. Wäre es nicht besser gewesen, als Großmacht zusammen zu bleiben?

Badora: Ob dieser kriegerische Prozess notwendig war, um zum jetzigen friedlichen Europa mit im Wesentlichen aufgehobenen Nationalgrenzen zu kommen, will und kann ich als Nicht-Historikerin nicht beurteilen. Sicher aber gab es im Laufe der letzten 200 Jahre immer wieder dramatische politische Fehlentscheidungen, die der Geschichte dann doch noch mal individuelle Wendungen gegeben hat, meist nicht zum Guten. Und ob die vielen Kriegstoten von zusammen sicher 100 Millionen Menschen im letzten Jahrhundert in Europa der Preis war, den wir für den jetzigen relativ stabilen Zustand in Europa zahlen mussten, die Opfer also doch nicht vergebens waren, vermag ich auch nicht zu sagen. Ohne diese Kriege hätte es auch eine Lösung gegeben, welche auch immer, denn die Geschichte steht nie still.

 Zum Autor:

Andrzej Stasiuk, 1960 in Warschau geboren, gilt in Polen als wichtigster jüngerer Gegenwartsautor. Er debütierte 1992 mit dem Erzählband „Die Mauer von Hebron“, in dem er über seine Gewalterfahrung im Gefängnis schreibt. Stasiuk wurde 1980 zur Armee eingezogen, desertierte nach neun Monaten und verbüßte seine Strafe in Militär- und Zivilgefängnissen. 1986 zog er nach Czarne, ein Bergdorf in den Beskiden. Er ist freier Mitarbeiter bei der Zeitschrift „Czas Kultury“ und bei der Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“. 1994 erschien „Nicht nur Liebesgedichte“, 1995 „Galizische Geschichten“ und „Der weiße Rabe“, 1997 „Dukla“. 2002 erhielt Stasiuk den Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis, 2005 den Nike, als bestes polnisches Buch des Jahres für „Unterwegs nach Babadag“. Sein aktuelles Buch „Kurzes Buch über das Sterben“ (2013) erzählt vier Geschichten über Abschied und Tod. Eines seiner wiederkehrenden Themen ist das Verhältnis des polnischen Volkes zu seinen Nachbarn, das er im folgenden Satz prägnant zusammenfasste: „Pole sein, heißt, der letzte Mensch östlich des Rheins zu sein. Denn für einen Polen sind die Deutschen so etwas wie gut konstruierte Maschinen, Roboter; die Russen dagegen sind schon ein wenig wie Tiere.“ In vielen Werken schildert Stasiuk auch die untergehende bzw. schon untergegangene Welt zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Bestes Beispiel hierfür ist „Unterwegs nach Babadag“ – Reiseskizzen aus einer Welt des Ostens, in der die Reste alteuropäischer Milieus und die Hinterlassenschaften des real existierenden Kommunismus gleichermaßen kontinuierlich versickern. Nüchtern und poetisch schildert er diesen Verfall von fremden Regionen und Orte, von ungarischen Dorfkneipen bis zu albanischen Provinzbahnhöfen, die verschwinden, sobald man sich abwendet. In „Die Welt hinter Dukla“ geht Stasiuk auf Spurensuche. Dukla ist ein verschlafenes Städtchen in Südpolen, am Rande der Karpaten, nicht weit von der slowakischen Grenze. Mit seinen bröckelnden Mauern und dem Schloss der Fürsten von Brühl, den beiden Barockkirchen und der niedergebrannten Synagoge ist es ein Ort, der eine magische Anziehungskraft auf den Autor ausübt und zu dem er immer wieder zurückkehrt, um den „Geist des Ortes“ zu packen. Seine „Galizischen Geschichten“ zeigen Bilder aus Südostpolen – früher ein Teil Galiziens und schon immer zu den ärmsten und rückständigsten Regionen Polens gehörend – nach der Wende. Das kleine soziale Universum gerät aus den Fugen. Geschichten, die sich Stasiuk in dämmrigen Wohnstuben, in Kirchenruinen und an den Busstationen erzählen lässt. Ein liebevoll-spöttischer Blick ruht auf den Menschen, deren Lebensträume und Tragödien mit sparsamen Strichen nachgezeichnet werden. In „Der weiße Rabe“ brechen fünf Jugendfreunde im postkommunistischen Warschau, Familienväter und Anfang Dreißig, ins Ungewisse auf. Ihres Alltags überdrüssig, lassen sie sich von dem melancholischen wie charismatischen Wasyl zu einem Abenteuer überreden. Im wilden, spärlich besiedelten Gebiet an der polnisch-slowakischen Grenze suchen sie nach dem Leben der Extreme. Als einer von ihnen einen Zollbeamten niederschlägt, erhält das leichtsinnige Abenteuer eine dramatische Wendung. Der Roman wurde im Jahr seines Erscheinens von Jerzy Zalewski verfilmt.

Andrzej Stasiuk über „Thalerhof“: „Flughäfen sind transparent, durchsichtig, aus Glas. Ein wenig wie Aquarien, ein wenig wie Spiegel: Du siehst Menschen hinter der Scheibe, aber du kommst unmöglich dorthin. Eine andere Zone, Transit, Schengen, nur mit Pass … Diese Realität ist aus Fiktionen gewebt, aus Halluzinationen, Sinnestäuschungen. – Wir sind Kinder unserer Vergangenheit. Die Vergangenheit stirbt nie. Sie ist sogar dann in uns lebendig, wenn wir nicht daran denken wollen. Gräber, Geister, Leichen, Erinnerungen, Ahnenkult. – Körper, von denen wir uns herleiten? Die einzig erreichbare Form der Unsterblichkeit wird das Gedenken sein. Wir werden unseren Verstorbenen Leben einhauchen, indem wir auf ihre Stimmen hören. Ich jedenfalls tue das. Ich lausche den Verstorbenen. Ich bin ein abergläubischer Slawe und glaube an Geister. So wie meine Großmutter an Geister glaubte. Ich lausche, was sie zu sagen haben. Zum Beispiel die, die man eines Tages aus meiner Gegend wegbrachte, um sie ohne Gerichtsurteil in ein Deportationslager in der schönen Stadt Graz zu sperren. Ich lausche aber auch den Stimmen jener, die – vom Kaiser ausgesandt – in meiner Gegend 1914 und 1915 im Großen Krieg gestorben sind – gefallen, ermordet. Ich lausche. Sie liegen unter der Erde. Ich gehe zu ihnen. Danach versuche ich euch zu erzählen, was ich gehört habe.“

ZUGABE zu „Thalerhof“ mit Dieter A. Binder
In Zusammenarbeit mit Akademie Graz und Karl-Franzens-Universität Graz
Der Verbleib der Opfer des Internierungslagers Thalerhof war Schwerpunkt eines Forschungsprojekts das vom Bundesministerium für Landesverteidigung 2008 in Auftrag gegeben worden war. Leiter des Projekts war Professor Dieter A. Binder. Der Kulturhistoriker und Kulturanthropologe lehrt in Graz und an der Andrássy Universität Budapest und war von 2006 bis 2011 Dekan der Fakultät für Mitteleuropäische Studien. Im Anschluss an die Vorstellung lädt das Schauspielhaus Graz ein, im gemeinsamen Gespräch mit Dieter A. Binder und den SchauspielerInnen Geschichte aufzuarbeiten.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 24. 9. 2013