Ulrich Seidl: Safari

September 6, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Warten, bis das Stück endlich verendet ist

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Die angeschossene, sterbende Giraffe bäumt sich ein letztes Mal auf, versucht den am langen Hals baumelnden Kopf zu heben, und das wollten die Jäger nicht, so viel blutdurchpulste Nähe zum Objekt. In einiger Entfernung steht der Bulle, ist er ratlos, warum seine zu Boden gesunkene Kuh sich nicht wieder der Herde anschließt? Warum geht der nicht endlich weg, flüstert die Frau irritiert.

Dann ist das „Stück“, so die waidmännische Bezeichnung fürs Wild, endlich verendet, die Trophäe kann fotografiert und abtransportiert werden … Es dauert lange, eine Stunde lang, bis Ulrich Seidl diese Bilder zeigt. Sein neuer Film „Safari“, der am Wochenende bei den Filmfestspielen von Venedig außer Konkurrenz lief und ab 16. September in den heimischen Kinos zu sehen ist, verbietet sich jeden Voyeurismus. In angemessener Distanz, buchstäblicher wie bildlicher, verfolgt der Filmemacher in Afrika eine Handvoll österreichischer und deutscher Jagdtouristen. Etwaige dabei aufkommende Emotionen produziert der Zuschauer für sich allein, später dann im dunklen Kinosaal.

Seidls inszenatorische Strategie, seine große Kunstfertigkeit, besteht wie stets im erst augenscheinlichen Draufhalten und dann mit Verve Montieren, das Konzept dafür hat er gemeinsam mit seiner Frau Veronika Franz entwickelt. Es verwundert, dass sich immer wieder Menschen zum Zwecke der Selbstentlarvung vor seine Kamera stellen. Es verwundert nicht, dass „Safari“ bereits mit Hasspostings – Tierschützer wie Jäger – zugekübelt wird. Auch das gehört zur Inszenierung.

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Die Ulrich-Seidl-Figuren, und tatsächlich ist ein Ehepaar, das er bei einem früheren Projekt kennengelernt hat, erneut mit dabei, sind also in der Savanne angekommen. Sie liegen in der Sonne und warten aufs Schießen. Jagd ist auch Langeweile, die strahlt der Film über weite Strecken aus, die immer gleichen Sequenzen hat Kameramann Wolfgang Thaler dafür festgehalten, die Pirsch als Zyklus. Aufspüren, anvisieren, abdrücken. Impala, Gnu, Zebra. Danach ein Einander-um-den-Hals-Fallen, eine Erleichterung als wäre man gerade einem schweren Schicksalsschlag entkommen. Ein Lebendigfühlen angesichts des Lebensendes. Die Trophäe wird zurechtgemacht, in Position gebracht, das unschöne Blut beseitigt fürs perfekte Schützenporträt. Klick, Gratulation. In langen Einstellungen fallen wenige Worte. Bei der Jagd schweigt man und schwätzt nicht.

Seidl durchbricht sie mit Interviews. „Der Tötungsakt ist nur ein kleiner Teil der Jagd.“ – „Ich finde Erlegen schöner, Töten ist für mich Schlachthof.“ – „Wir erlegen nur die Alten und Kranken.“ Sagen die Jäger über ihre Art der Erlösung. Inmitten ihrer Beute und kurz nachdem sie die jüngste als „kapital“ bejubelt hatten. Ein gemütlicher, älterer Mann, erst schnarcht er erschöpft im Unterstand, man hört Fliegensurren und Magenknurren, weiß, was das alles wert ist. Die Jagd ist ein Geschäft und verursacht als solches eben Kosten. Also: Kudu 780 Euro, Wasserbock 1400 Euro, Eland was-weiß-ich noch teurer… Den ganzen Film über zählt er Preise auf. Als würde er Touristenspeisekarten auf Mallorca vergleichen. Das ist derart Realsatire, man kann nicht anders als lachen. Natürlich, Ulrich Seidl hat Humor.

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Die Einheimischen sind in „Safari“ eine Minderheit, eine schweigende Minderheit. Seidl zeigt sie als Tableaux Vivants. Beim Putzen der Lodge vor einer Galerie präparierter Tierköpfe, beim Zerwirken des Wilds, mit Knochensägen inmitten riesiger Blutlachen, in ihren eigenen Unterkünften beim Essen von deren Fleisch?, an dem ja sonst keiner Interesse hat.

Beredte Bilder ohne Worte, ein Dasein, das für sich steht, vor allem aus dem Zerteilen entstehen die stärksten, mit einer sehr eigenen, befremdlichen Ästhetik. Die Giraffe wird angeliefert. Beim Aufschneiden der Bauchhaut platzt ihr Magen heraus wie ein Airbag. Ein Arbeiter rutscht in den Innereien aus, landet aber gleich wieder auf den Beinen. „Die Schwarzen können deutlich schneller laufen als wir … Wenn sie denn wollen“, sagt die Frau des Lodgebetreibers. Der Tag ist heiß, da kann man sich das Korsett der Zivilisation schon lockern. Der gemütliche, ältere Mann hat mit dem Afrikaner an sich kein Problem, von wegen Hautfarbe sagt er: „Da kann er ja nix dafür.“

Die letzte Aufnahme gehört dem Jagdhund, dem vielgeliebten, gehätschelten, vermenschlichten, er sitzt in der offenen Haustür und sinniert in die Nacht hinaus. Auch er ist in gewissem Sinne von seinem Besitzer zum Triebstiller degradiert worden, dennoch hat er den besseren Teil der entmenschlichten Natur erwischt. Die Gnade der Geburt gilt für alle Lebewesen. Der Lodgebetreiber sitzt in seinem Salon und sagt: „Das Grundübel ist der Mensch selber.“ Man soll Ulrich Seidl nicht den Sarkasmus unterstellen, den man beim Sehen von „Safari“ selber entwickelt.

Ulrich Seidl im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=23181

Trailer: www.youtube.com/watch?v=HVMktu2Seuk

www.ulrichseidl.com

www.stadtkinowien.at

Wien, 6. 9. 2016

Vor der Morgenröte

Mai 31, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Josef Hader beeindruckt als Stefan Zweig

Josef Hader und Aenne Schwarz. Bild: © Filmladen Filmverleih

Der Donauwalzer treibt dem berühmten Österreicher im brasilianischen Exil die Tränen in die Augen: Josef Hader und Aenne Schwarz als Stefan und Lotte Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Großer Bahnhof selbst noch im kleinsten Kaff. Stefan und Lotte Zweig besuchen 1941 eine brasilianische Zuckerrohrplantage, ein Dorfbürgermeister passt sie ab, der Ehrengast entrinnt seiner Ehrung nicht, peinlich ist das, die vor Aufregung schwitzenden Honoratioren mit ihren Ansprachen zum Fremdschämen.

Schon zwinkert Zweig seiner Frau verschwörerisch zu, da schrammelt die Kapelle den windschiefsten Donauwalzer, den man je gehört hat, und der Schriftsteller hat plötzlich Tränen in den Augen. Das ungefähr sind die Temperaturen zwischen denen sich Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“ bewegt. Am 3. Juni läuft er in den österreichischen Kinos an.

Josef Hader spielt Stefan Zweig. Er spielt ruhig, fast erstarrt, schweigsam, fast sprachlos, fremd und verloren und fassungslos, erschöpft von der Welt und der auf ihr herrschenden Zustände. Sonst ein Meister von feinem Spott und beißendem Sarkasmus, hat sich Hader für diese neue Rolle ein völlig neues schauspielerisches Instrumentarium zugelegt. Das heißt, das typische Staunen über den ihn umgebenden Irrsinn, sein Unverständnis über die Unzulänglichkeit des Menschseins, sind schon noch da, doch dazu ist Hader wie unter Zweigs Haut geschlüpft. Er hat sich den Autor quasi angezogen, den Pazifisten und Humanisten, den überzeugten Europäer und den Pessimisten, den schwierigen, vergrübelten, verschlossenen Menschen, der an sich und an den Umständen zerbrach. Nicht nur äußerlich möchte man Ähnlichkeit orten, sondern auch was das Wesen betrifft, eine Seelenverwandtschaft unter Künstlern, ohne die diese brillante Darstellung kaum möglich gewesen wäre. Josef Hader ist einmal mehr großartig.

Regisseurin Schrader erzählt episodisch. In sechs Bilder berichtet sie von Zweig im amerikanischen Exil, wie exemplarisch hat sie dafür einzelne Situationen ausgewählt. Auf dem Höhepunkt seines weltweiten Ruhms wird er in die Emigration getrieben und verzweifelt angesichts des Wissens um den Untergang Europas, den er schon früh voraussieht. „Wer keine Heimat hat, hat keine Zukunft“, lässt Schrader den Schriftsteller sagen. Rio de Janeiro, Buenos Aires, New York, Petrópolis sind vier seiner Stationen, er wird herumgereicht, ohne wirkliche Hilfe zu erfahren, der Star soll sich zur Weltlage äußern und verweigert sich. Zweig glaubte nicht an die Wirkung politischer Statements, an Widerstandsgesten, die aus der sicheren Deckung gegeben zum Selbstlob werden; nur wer sich damit in Gefahr bringt, habe das Recht, das Wort zu ergreifen.

Vom P.E.N.-Kongress 1936, bei dem der von Charly Hübner gespielte Emil Ludwig eine Wutrede gegen das Dritte Reich hält, schreibt Zweig an seine erste Frau Friderike: „…  mit Riesenformat war ich abgebildet, wie ich bei der Rede Ludwigs weinte (!!!). Ja, so stand es mit Riesenlettern – in Wahrheit hatte ich mich so widerlich gefühlt, als man uns als Märtyrer hinstellte, dass ich den Kopf in die Hände stützte, um mich nicht photografieren zu lassen, und gerade das photografierten sie und erfanden den Text dazu. Mich ekelt dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten.“

Josef Hader und Charly Hübner. Bild: © Filmladen Filmverleih

Buenos Aires, P.E.N.-Kongress 1936: Mit Charly Hübner als Emil Ludwig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader, Barbara Sukowa. Bild: © Filmladen Filmverleih

New York 1941: Stefan Zweig trifft sich mit seiner geschiedenen Frau Friderike (Barbara Sukowa). Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader und Matthias Brandt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Petropolis 1941: Mit Matthias Brandt als Ernst Feder. Bild: © Filmladen Filmverleih

Es sind Szenen, wie diese, im Szenenbild von Silke Fischer und durch die Kamera von Wolfgang Thaler akribisch nachgestellt, mit denen Schrader ihren Film auf die nächste, eine abstraktere Ebene hebt, weg von Zweig hin zu der generellen Frage, ob und wenn ja welche Verantwortung der öffentliche Mensch für eine Gesellschaft trägt, ob „Prominenz“ zur Aussage gleichsam verpflichtet oder ob, wie Zweig die internationalen Journalisten höflich, aber bestimmt abblitzen lässt, allein über das Werk Wirkung anzustreben ist.

Doch nicht nur dieses Ausstellen einer Bekenntnisunkultur holt der Film ans Heute heran. Eindrücklich auch ein Moment von Barbara Sukowa als Friderike Zweig, in dem sie erzählt, wie sie mit tausenden anderen Menschen, die alle vor Krieg und Verfolgung flüchten wollten, am Quai von Marseille stand, Gedränge und Geschiebe, Angst und Panik, jeder will auf ein Schiff. Wie sich die Bilder gleichen, wenn dieser Tage auf der anderen Seite des Mittelmeers Menschen mit ähnlichen Motiven ihr Leben riskieren. Ein Europa, das Niemals Vergessen! wollte, hat vieles aus seiner Erinnerung getilgt …

Hader spricht im Film sechs Sprachen, es wird nicht synchronisiert, auch damit macht man klar, was es heißt, ein Leben ohne Verwurzelung zu führen. Maria Schrader zeigt, wie es ist, wenn – Zitat Zweig – „ein halber Kontinent auf einen anderen flüchten möchte“. Das „Wem helfen?“ betrifft auch den Autor, bei dem täglich Bittbriefe von Freunden und Nicht-einmal-Bekannten eingehen. Dabei ist „Vor der Morgenröte“ ein spröder, unaufgeregter Film. Beinah emotionslos, wie beiläufig schildert er die Haltepunkte einer Reise ins Nirgendwo, und wie die Menschen keine Ahnung haben von der Existenz des jeweils anderen. Wie die Brasilianer keine Vorstellung vom Grauen in Europa finden, so sieht Zweig die Armut und die Ausbeutung der Arbeiter in seinem Gastland nicht. Als hätten Folklore, Freundlichkeit und die für ihn zweifellos faszinierende Tatsache, dass die Brasilianer ohne Rassenkonflikte nebeneinander leben können, seinen Blick auf größere Zusammenhänge verblendet. Das aus dieser Sicht entstandene Buch „Brasilien – Land der Zukunft“ wurde von den linken Intellektuellen des Landes entsprechend heftig kritisiert.

Neben Barbara Sukowa und Charly Hübner hat Hader weitere hervorragende Schauspielkollegen an seiner Seite. Burgtheatermimin Aenne Schwarz spielt seine zweite Frau Lotte, Sarah Viktoria Frick Friderickes Tochter Suse. Als Ernst Feder ist Matthias Brandt zu sehen; mit ihm übt Zweig in Petrópolis so viel Schachspiel, wie er’s fürs Schreiben seiner „Schachnovelle“ braucht. Die erdrückende Ruhe des im Film alles Nicht-Gesagten und Zweigs Melancholie des Verlorenseins endet im Selbstmord 1942. Diese letzte Szene ist ohne Schnitt an einem Stück und mit nahezu unbewegter Kamera gefilmt.

Das ist Maria Schraders letztes Bild von Stefan Zweig: Zusammen mit Lotte liegt er wie schlafend auf dem Bett, kurz ermittelt die Polizei, knapp telefoniert sie der Dienststelle durch, was passiert ist. Der Hund Pucky bellt, ein kleiner Terrier, den ihm sein brasilianischer Verleger Abrahão Koogan gerade erst zum Geburtstag geschenkt hat, die Haushälterin schluchzt. Man hat es gewusst und ist doch nicht weniger schockiert und erschrocken als die Zeitgenossen. Zweig wollte „in der Welt voller Hassgeschrei, feindlicher Absperrung und brutalisierender Angst, die uns heute umgibt, nicht fortleben“, schrieb Thomas Mann später. Aus dem Abschiedsbrief ergibt sich der Filmtitel: „Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus!“

Josef Hader im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20252

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z1RAT0c9mwc

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

Wien, 31. 5. 2016