Oper. L’opéra de Paris

Januar 15, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos

Eine Balletttänzerin, erschöpft nach dem Auftritt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit September 2020 wird Philippe Jordan neuer Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Wer den Dirigenten jetzt schon in seinem natürlichen Lebensraum erleben will, kann das ab 19. Jänner in den heimischen Kinos im Dokumentarfilm „Oper. L’opéra de Paris“ tun. Der Schweizer Filmemacher Jean-Stéphane Bron folgte mit Amtsantritt Direktor Stéphane Lissner diesem und seinem Team von Saisonstart 2015 an eineinhalb Jahre durch sein Haus. Das Einzigartige daran: Bron hatte davor noch nie eine Oper von innen gesehen. Er hat keine Ahnung, wie solch ein „Schlachtschiff“ funktioniert, weiß nichts über klassischen Gesang oder – die Hausspezialität – Ballett.

Und so folgt der Regisseur seinen Protagonisten neugierig wie ein Tiefseetaucher den faszinierenden und fremdartigen Wesen der Unterwasserwelt. Entstanden ist so ein fabelhafter Einblick in die Welt hinter den Kulissen im Palais Garnier und am Place de la Bastille, Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos, der stets betrachtet, nie kommentiert wird. Dass dabei weder humorvolles, noch tagespolitisches Geschehen zu kurz kommt, ist dem Geschick Brons zu verdanken. So gilt es zu schmunzeln, wenn ein riesenhafter Charolais-Stier für die „Moses und Aron“-Premiere dem Chor Angst und den Verantwortlichen Kopfzerbrechen macht.

Man ist aber auch dabei bei der Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags auf das Bataclan, bei beinharten Verhandlungen mit Kulturminister und Gewerkschaft bis hin zur Streikdrohung wegen der verordneten Personaleinsparungen – oder als Ballettmeister Benjamin Millepied, Ehemann von Schauspielstar Natalie Portman, die er bei den Dreharbeiten zu „Black Swan“ kennengelernt hatte, endgültig das Handtuch wirft. Es ist Lissner hoch anzurechnen, dass er scheint’s keine Tür vor Bron verschlossen hielt, so dass dieser Leid und Leidenschaften hautnah erleben und dahin blicken konnte, wo Schmerz und Schönheit nah beieinanderliegen.

Philippe Jordan am Pult. Bild: © Filmladen Filmverleih

Stéphane Lissner inspiziert sein Reich. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu einer Balletttänzerin, die nach ihrem Auftritt schwer Luft holend am Boden sitzt, oder zur Gilda-Darstellerin, die hinter der Bühne nach Wasserflasche und schweißtrocknenden Kleenex greift, die ihr die Garderoberin in stummem Verständnis der Lage reicht. Bron gelingt es in seiner anekdotisch-flüssigen Collage, seinem Mix aus Distanz und Nervenkitzel, die Oper als atmenden Organismus mit hohem Pulsschlag zu zeigen. Auf seinem Weg folgt er mehreren Figuren. Lissner, Jordan und Millepied natürlich, mit denen man nicht nur die Vorbereitungen zur Schönberg-Premiere, sondern auch „Meistersinger“-Proben mit Jonas Kaufmann und Bryn Terfel erlebt – samt den üblichen Konflikten zwischen Regisseur, Dirigent und dem sehr selbstbewussten Chor, Streit in den höchsten Tönen, emotionaler Hochdruck vor und hinter dem Vorhang, nur, damit sich all die Enthusiasten danach wieder voll zur Sache begeben.

Bron führt über rote Teppiche und zum Galadiner, als der damalige Präsident François Holland das Haus besucht, durch das Sprachbabylon der Kostümwerkstätten und Proberäume, und immer wieder auch auf die Bühne. Von der Seite lugt er wie ein verirrter Besucher auf das Geschehen „draußen“. Diese Szenenausschnitte kombiniert er mit dem musikalischen Echoraum von Kleinstkonzerten und anderen intimen Begegnungen. Sie grundieren die Dokuarbeit gleichsam emotional.

Der Bulle macht der Belegschaft Kopfzerbrechen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu den schönsten Augenblicken des Films gehören da die mit dem jungen russischen Bariton Mikhail Timoshenko, der an der Akademie der Oper aufgenommen wird, und dessen großen, staunenden Augen durchs „Oberdeck“ des Schlachtschiffs man folgt, bis er in einem Gang auf sein Idol Terfel trifft. Der ihm noch dazu verspricht, den „Boris Godunow“, den er sich selbst gerade erarbeitet, mit ihm zu studieren. Ein Glücksmoment. Einer von vielen, die diesen Film ausmachen. Gerne hätte man nur noch gewusst, ob sich der Bulle bei der Premiere tatsächlich so mustergültig verhielt, wie er es bei den Proben versprochen hat …

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15. 1. 2018

Sommernachtsgala in Grafenegg

Juni 7, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Und drei Festivaltipps für den Juli

Wolkenturm. Bild: © Andreas Hofer

Wolkenturm. Bild: © Andreas Hofer

2016 feiert Grafenegg sein zehntes Festival. Ein – wenn nicht sogar der – Höhepunkt der Jubiläumssaison steht am 16. und 17. Juni mit der Sommernachtsgala an. Wie jedes Jahr wird auch heuer die Bühne des Wolkenturms zum Treffpunkt für die Weltstars der Klassik. Der Auftritt des walisischen Bassbaritons Bryn Terfel ist ein Rückblick auf die erste Gala, in der er das Publikum mit seiner erdentiefen Stimme begeisterte.

Diesmal steht ihm die junge russische Koloratursopranistin Olga Peretyatko zur Seite. Rudolf Buchbinder, der künstlerische Leiter von Grafenegg, wird als Pianist zu erleben sein. Es spielt das Tonkünstler-Orchester unter seinem Chefdirigenten Yutaka Sado; zu hören sind Werke von Georges Bizet über Jacques Offenbach bis Franz Lehár. Und natürlich endet der Abend traditionell mit einem Feuerwerk zu Edward Elgars „Pomp and Circumstance“. Der ORF überträgt live das Konzert am 17. Juni. Am 25. Juni starten dann die Sommerkonzerte mit ihrem umfangreichen Programm. Drei Empfehlungen für den Juli:

2. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: Von Babelsberg bis Beverly Hills. Marlene Dietrich, die Comedian Harmonists und Lotte Lenya haben die Lieder von Robert Stolz, Werner Heymann und Carl Millöcker zu Welthits gemacht: erotische Eskapaden, champagnerhafte Flirts und viel Melancholie. Die Sopranistin Angela Denoke wird den großen Songs der 1930er- und 1940er-Jahre von „Speak Low“ bis „Frag nicht warum“ neues Leben einhauchen und Werke von Friedrich Hollaender, etwa „Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und Kurt Weill mit „September Song“ interpretieren – den Stars der Weimarer Republik und den Erfindern des Hollywood-Sounds. Im Prélude stimmen Maria Bill und Krzysztof Dobrek mit Songs von Kurt Weill auf das Abendprogramm ein.

Patricia Petibon. Bild: © Felix Broede DG

Patricia Petibon. Bild: © Felix Broede DG

Angela Denoke. Bild: Johan Persson, ArenaPal, www.arenapal.com

Angela Denoke. Bild: Johan Persson

16. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: Swingin‘ Hollywood. Kein Konzert zum Sitzenbleiben! Wenn Andrej Hermlin mit seinem Swing Dance Orchestra die Meisterwerke von Benny Goodman, Artie Shaw, Jimmy Dorsey, Duke Ellington oder Glenn Miller im authentischen Swing-Stil der 1930er- Jahre anstimmt, wird alles zu Charleston und Lindy Hop. Das Swing Dance Orchestra spielt „Old Man River“, „As Time Goes By“ und „Stormy Weather“ mit Liebe zum Detail: Arrangements, Mikrofone, Instrumente, Pulte und Kostüme entsprechen den alten US-Originalen. Das Orchester war bereits im legendären Rainbow Room des Rockefeller Center und in Filmen wie „Taking Sides“ zu sehen, nun lässt es den Wolkenturm tanzen.

23. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: 1001 Nacht. Märchen erzählen, um dem eigenen Tod zu entkommen, das ist die Geschichte der Scheherazade. In seiner Symphonischen Suite beschrieb Nikolai Rimski-Korsakow die arabischen Nächte und inspirierte damit auch Maurice Ravel. Dessen Liederzyklus ist so betörend wie ein Parfüm und so aufregend wie die Gewürze auf einem Markt. Die französische Sängerin Patricia Petibon wird in diese Zauberwelt eintauchen, begleitet vom jungen Orchester Les Siècles, das für seine authentischen Programme gefeiert wird. Burgschauspielerin Mavie Hörbiger liest zuvor im Prélude aus „1001 Nacht“.

Das gesamte Programm der Jubiläumssaison 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=15830

www.grafenegg.com

Wien, 7. 6. 2016