Schauspielhaus Wien: Oh Schimmi

November 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dem Affen ordentlich Zucker gegeben

Zum Affen gemacht: Markus Bernhard Börger als Schimmi. Bild: © Susanne Einzenberger

Schon vor drei Jahren, als sie ihren Text beim Ingeborg-Bachmann-Preis vorstellte, erregte die österreichische Autorin und bildende Künstlerin Teresa Präauer nicht nur mit ihm, sondern auch mit einem Affenvideo Aufsehen. Diesen Herbst ist der Roman dank Dramaturgin Anna Laner zum Bühnenmonolog geworden, und nun vom Theater Kosmos Bregenz im Rahmen der Theaterallianz ans Schauspielhaus Wien übersiedelt.

Wo, weil „Oh Schimmi“ auch als Stück aufsehenerregend ist, die gestrige Premiere beim Publikum für Begeisterung sorgte. Dass das Ganze so perfekt funktioniert, dafür sind in erster Linie Regisseurin Anna Marboe und Schauspieler Markus Bernhard Börger verantwortlich. Marboe lässt Börger im Wortsinn intensiv zu Werke gehen. Der turnt nicht nur durch die Szenerie, und zwar während er diese beständig umbaut, sondern auch gewitzt und ungeziert durch Präauers Sprache. Wobei er für die performative Selbstentblößung seines fragwürdigen „Helden“ die genau richtige attitude findet, der Möchtegern-Rapper mit den schlechten rhymes, der, je mehr er sich in die Bürscherlbrust wirft, umso weniger als gefährlicher Gangsta durchgeht.

Und denn doch kein ganz so harmlos-armer Tropf ist, wie er sich am Ende mit weißem Plüschpyjama und Maske auch optisch zum Affen macht, hält er unter seinem Bett neben den Marshmallows ja die mit einem neongrünen LED-Seil gefesselte Nagelpflegerin Maguro versteckt.

Immer wieder kommt Präauer in ihren Büchern auf die Animalisierung des Menschen zu sprechen, dieser unscharfen Zwischengrenze, die sie mit dem französischen Philosophen Jacques Derrida „animot“ nennt – das Wort gewordene Tier. Auch in ihrem im Programmheft auszugsweise abgedruckten erzählerischen Essay „Tier werden“ befasst sie sich mit Stationen des Übergangs, mit der Verwandlung, mit einem Aus-der-eigenen-Art-Schlagen. Was „Oh Schimmi“ betrifft, ist es Anna Laner gelungen, die knapp mehr als 200 Seiten lange Taugenichts-Geschichte auf ihre Essenz einzudampfen, auf 70 Minuten Höchstgeschwindigkeit, und trotzdem sowohl Story als auch Figur vollständig zu erzählen.

Die attitude ist selbstverständlich proll-cool. Bild: © Susanne Einzenberger

Schimmi äfft die Mutti nach. Bild: © Susanne Einzenberger

Das Affenthema dabei vom Nachäffen eines „amerikanischen Lebensstils“ bis zu Schimmis affigen Avancen, die er seiner Angebeteten Ninni, dieser „schaumgeborenen Schönheit des White Trash“, macht, durchgehalten. White Trash ist also das Setting. Mann wohnt mit Mutter im 17. Stock eines Towers in einem anonymen Weltstadtdschungel. Eine von ihr eindeutig inzestuös angedachte Hassliebe, tanzt sie ihm vor dem TV-Gerät doch ihren Strip vor, ein den Bildschirm verstellendes Bild ihres aushäusig praktizierten „Sexualismus“.

Der für Schimmi nicht einmal in der Theorie möglich sein soll, nimmt sie ihm doch zur Vermeidung von Schweinkram-Gedanken vor ihren Ausflügen sogar das Smartphone weg. So muss sich der hinter Seifenblasen versteckende Spanner allein durch die Mannbarkeitsklischees schlagen, und Marboe lässt Schimmi dabei genüsslich zwischen seinem selbst gezimmerten Macho-Mythos und Tussi-Muttis Machtspielchen hin und her straucheln, dabei Päauers Kritik an Geschlechterrollen und der Generation Konsumkids zwar fest im Blick.

Aber locker genug gehandhabt, um Börgers proll-cooles Coming-of-Age-Spiel nicht mit einem mahnenden Zeigefinger zu beschädigen. Dieser läuft zur Hochform auf, wenn er außer seinem Protagonisten auch noch mit theatralisch hochgerissenen Armen die Mutti, mit verärgert in die Hüfte gestemmten Händen die Ninni, den auf dem Weg zum Erwachsenwerden verlorengegangenen Vater – und die Sexhotline-Cindy darzustellen hat.

„Es kann doch nicht sein, dass das Internet es lustiger hat als ich“, sagt Börgers Schimmi mit verschmitzt-sündigem Lächeln, und wie er sich schonungslos exponiert, im schweißtreibenden Affenzahn-Tempo und mit überschwappenden Emotionen über seine dysfunktionale Familie, die zerschmetterten Träume seiner Mutter, Verdrängung, Verleumdung und Fluchtversuche berichtet, mal billig flirtet, mal unverschämt baggert, und hinter Schimmis Bling-Bling immer dessen Betrübtheit durchblitzen lässt, da wird der Abend nicht nur bis zum Abwinken absurd, da tun sich tatsächlich Abgründe auf.

Am liebsten schaut Schimmi Tierfilme: Markus Bernhard Börger. Bild: © Susanne Einzenberger

Die Ausstattung dazu hat Sophia Profanter erdacht, graue Kuben, die sich beim Umdrehen in pinke, knallgelbe, babyblaue Versatzstücke verwandelt, aus Plastikbechern wird eine Bar, Fruit Loops zum Sitzbezug, aus grünen Luftballons ein Busen, eine Banane erst zur Pistole, dann zum Smartphone. Und so hat wie der Darsteller auch das Leading Team mit seiner „Oh Schimmi“-Interpretation dem Affen ordentlich Zucker gegeben – sehenswert.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=hSy4NZQemIw

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018

Theater zum Fürchten: Der Preispokal

Juni 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt

Der Fußballclub von Avondale hat den Preispokal gewonnen: Carina Thesak, Philipp Schmidsberger, Bernie Feit, Jasmin Reif, Ivana Stojkovic, Jakob Oberschlick und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Seán O’Caseys „Der Preispokal“. 1927 ist dieses Stück über die Menschenvernichtungs- maschine Erster Weltkrieg entstanden, vom Autor selbst als Tragikomödie bezeichnet, was insofern richtig ist, als O’Casey in liebevollen Details die Schrulligkeiten der Bewohner der kleinen irischen Ortschaft Avondale ausstellt. Hinter dieser humorigen Seite allerdings ist das Antikriegsvolksstück gnadenlos.

Und TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max trägt dem Rechnung. Seine Inszenierung, passend zum Gedenkjahr 2018, ist dergestalt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt. Eben noch feierte „Avondale United“ die Erringung des eben titelgebenden Preispokals, es wird gesungen, gesoffen, schwadroniert, da müssen die Fußballhelden auch schon zurück an die Front in Frankreich. Von der nicht alle unversehrt heimkommen. Harry Heegan, der Goalgetter, sitzt nun im Rollstuhl, Teddy Foran, ein brutaler Kerl, der seine Frau prügelte, ist erblindet. Aber das Leben geht weiter. Zumindest für die Gesundgebliebenen. Es gibt neue Matadore und neue Techtelmechtel, es entsteht eine neue Welt, in der für Harry und Teddy, weil sich kein anderer ihre Erlebnisse auch nur vorstellen kann, kein Platz mehr zu sein scheint …

In den realistischen Räumen – großartig etwa die alten irischen Kriegsplakate – von Sam Madwar hat Bruno Max sein Ensemble zu expressionistischem Spiel angehalten. Er macht aus O’Caseys fein ziselierten Figuren Charaktere aus Fleisch und Blut. Da kippt Jakob Oberschlick als Harry gekonnt vom gefeierten Triumphator in die abgrundtiefe Verzweiflung eines Mannes ohne Zukunft. Da kommentieren die fürs Komödiantische zuständigen Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit als Harrys Vater und Nachbar Simon die Geschehnisse mit trockenem Humor und einer Portion Sarkasmus.

Harry ist nach dem Krieg gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen: Bernie Feit, Carina Thesak und Jakob Oberschlick. Bild: Bettina Frenzel

Régis Mainka ist als Teddy Foran, wie schon in „Der Gute Mensch von Sezuan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27711), der Mann fürs Grobe, Leopold Selinger brilliert als schmierig-gutgelaunter Oberarzt Dr. Forby und Valentin Frantsits gibt als nur leicht verletzter Barney den guten Kerl, den seine Liebesangelegenheiten aufs Gewissen drücken. Denn, wenn man so will, sind im „Preispokal“ die Frauen die Sieger, so wie’s tatsächlich war:

Die historischen Gewinnerinnen des Untergangs einer ganzen Generation von Männern. Und so emanzipiert sich Carina Thesak als enervierend bigottes Mauerblümchen Suzie Monahan zur resoluten Krankenschwester, die sich Dr. Forby als Liebhaber angelt. Teresa Renner wird als Mrs. Foran durch Teddys Blindheit von der häuslichen Gewalt befreit und dessen strenge Kommandeurin und Pflegerin. Und dann ist da noch Jasmin Reif als Jessie Taite, Harrys Freundin, die sich vom „Rollstuhl-Krüppel“ ab- und Barney zuwendet, während Harrys Mutter, Angelika Auer, einzige Sorge ist, dass er nichts tut, was seine Kriegsrente beschädigt. Für Zündstoff ist also gesorgt. Dass O’Caseys Stück über den lieben und den Fußballgott vor 90 Jahren für Skandal sorgte, als anti-irisch und anti-katholisch verdammt wurde, das macht die TzF-Aufführung mehr als klar.

Heute erschüttern nicht nur die zwischen den Akten gezeigten, eindrücklichen  Bilder und Videos, für die ebenfalls Sam Madwar verantwortlich zeichnet und die das Massaker in den Schützengräben zeigen, sondern auch ein Kunstgriff von Bruno Max: Er hat für den einst ausgedehnten zweiten Akt, der in Form einer Litanei den Krieg abstrakt wiedergab, mit Zeynep Buyraç eine Choreografie erdacht, die den Sprung vom Fußball über den Drill bis zur Schlacht näherbringen soll. Am Ende schließlich begeben sich die Frauen mit Skeletten zum Totentanz, auch das ein starker Moment.

Die Versehrten passen nicht mehr in die Gesellschaft: Régis Mainka, Bernie Feit, Teresa Renner, Emre Dogan, Ivana Stojkovic, Jasmin Reif, Angelika Auer, Jakob Oberschlick, Carina Thesak und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Die Darbietung in der Scala macht eine Wahrheit deutlich, die dieser Tage erneut zutrifft: Das Elend von Kriegsopfern wird erst am Schicksal einzelner so richtig deutlich. In diesem Sinne geht „Der Preispokal“ auch heute noch etwas an. Ein so poetisches wie brutales Stück, ein absolut sehenswerter Abend.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 6. 2018

Theater zum Fürchten: Wrestling Rita!

Mai 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die blauen Flecken sind nicht nur auf der Seele

Ronny Hein, Klara Steinhauser und Tino Führer. Bild: Bettina Frenzel

Der Kampf der Geschlechter: „Schiri“ Ronny Hein mit „Rita“ Klara Steinhauser und Tino „The Rock“ Führer. Bild: Bettina Frenzel

Das Publikum johlt und pfeift und tobt, Schauspieler werden gnadenlos ausgebuht oder frenetisch akklamiert. Zu geht’s wie in der Oper zu Franco-Bonisolli-Zeiten, und es ist ja auch die Scala, die Wiener Scala, in der das Theater zum Fürchten seine Version von Claire Luckhams Bühnenringkampf „Wrestling Rita!“ zeigt.

Regisseur Marcus Ganser – von ihm ist auch die Textfassung und die Raumgestaltung – hat das Stück der britischen Dramatikerin an den Heumarkt verlegt, zumindest ist das Idiom, das die Darsteller anklingen lassen, Extrem-Wienerisch. Doch nicht nur punkto Wortwahl wird sich nicht geschont, auch körperlich geht’s zur Sache, muss das Ensemble doch zehn Runden in einem Wrestlingring durchstehen. Zehn Episoden aus Ritas Leben, in denen an Ankle Locks und Backbreakers nicht gespart wird, während die Zuschauer Popcorn und Brezel mampfen.

Und so ist man mittendrin statt nur dabei, wenn Rita „vom klanen Schwammerl zum unschlogbaren Champion“ wird. Mit ihrem Supergriff, der „Venusfliegenfalle“. Vorher muss sie aber, wie bei jedem guten Sportlerdrama üblich, durch ein Tal der Tränen. Sich der Mutter stellen, die sich einen Sohn wünschte, die Hoppa-Reiter-Spiele des Vaters ertragen, die beste Schulfeindin überleben, und schließlich den Mann ihrer Träume als den erkennen, der er ist, ein depperter Mucki-Macho. Das Leben ist ein Ringkampf, aber selbst angezählt muss man immer wieder aufstehen, das ist die Botschaft des Stücks, und: wo die Sitten rau sind, muss man die Regeln eben aushebeln. Luckham hat nicht nur einen Fun-, sondern einen Feminismustext geschrieben, der in den 38 Jahren seiner Existenz bedauerlicherweise nichts an Aktualität eingebüßt hat, der es einem aber mit seiner Kasperl-schlägt-Krokodil-Attitüde nicht leicht macht.

Der Abend ist zu lustig, um abgründig zu sein, und zu brutal, um wirklich Spaß zu machen. Klar ist die gezeigte Gewalt stückimmanent, aber deswegen mitunter trotzdem schwer auszuhalten, und damit’s einem so richtig heiß-kalt runterläuft, wird zwischendurch als Kontrastprogramm in heiteres Hitparadensingen ausgebrochen. Nach der Pause werden alle ausgeknockt, die Rita vorher zu Boden gedrückt haben. Subtilität ist nicht die Stärke des Stücks, seine Dramaturgie ergo übersichtlich. Irgendwie hätte man sich doch gewünscht, dass Rita aus ihrem Emanzipationscatchen in ein neues Leben aufbricht, aber der Inhalt bleibt beim Ehe-Ringen um die Frage, wer abends das Essen kocht, stecken. Vielleicht war es das, was die working class heroes anno X in Liverpool und Manchester sehen wollten, vielleicht hätte man daran ein wenig schrauben können. Rita hat ja diese Sehnsucht nach Weiterbildung, die sich aber irgendwie im Sandsack verläuft …

Das Ensemble geht nicht bis an seine Grenzen, sondern weit darüber hinaus. Es ist mit vollem Körpereinsatz bei der Sache, die blauen Flecken, die ihre Figuren auf der Seele haben, sieht man bei den Darstellern im Laufe der zweistündigen Aufführung an der einen oder anderen Hautstelle wachsen. Gerhard „Humungus“ Hradil, der sehr stolz auf seine Schützlinge am Ring sitzt, hat mit ihnen eine Erste-Klasse-Kampfchoreografie erarbeitet, die laut Show, Schweiß und Schmerzen schreit. Allen voran brilliert Klara Steinhauser als Rita, die sich mit Schmäh und Charme von der ewigen Verliererin zur Gewinnerin mausert. Ihre erste Gegnerin ist „Mama“ Claudia Marold, eine Rockröhre mit Lockenwicklern, die Bonnie Tyler ernsthaft Konkurrenz in Sachen Stimme und – naja – Sexyness macht. Wie sie mit ihrem Kind umgeht, ist allerdings nicht ohne, und auch wenn es so ist, dass niemand seine Erziehung unversehrt verlässt, das ist schon arg. Die Buhs sind ihr dafür sicher, das Publikum wird quasi in die Position des Referees versetzt, weil der Schiedsrichter, Ronny Hein als ziemlich zynisches Springteuferl, Regelverstöße nur ahndet, wenn er sie sehen will.

Claudia Marold, Klara Steinhauser und Ronny Hein: Bild: Bettina Frenzel

Das ist es, was „Mama“ Claudia Marold unter Erziehung versteht. Bild: Bettina Frenzel

Ronny Hein, Klara Steinhauser und Rochus Millauer. Bild: Bettina Frenzel

„Bad Dad“ Rochus Millauer kämpft mit noch härteren Bandagen. Bild: Bettina Frenzel

Doch bald wird mit noch härteren Bandagen gekämpft, die illegalen Handlungen nehmen zu, wozu „Bad Dad“ Rochus Millauer und die „Platin Sabin“ Teresa Renner heftig beitragen. Die Platin Sabin ist schließlich Edel … stahl. Der Schulpsychologe – wieder Hein – macht Ritas Griff nach den Sternen zu einem ins Klo, und grad als einem der Kindesmissbrauch über den Kopf zu wachsen droht, kommt zum Glück Tino Führer, der in Runde fünf für ein paar Lockerungsübungen sorgt. Als Tino the Rock  spielt er einen Wrestling-King, persifliert sich selbst als Hamburger Einefetza, muss sich natürlich Piefke schimpfen lassen, und verschafft nicht nur Rita, sondern der gesamten weiblichen Hälfte im Saal endlich einen Grund um Jubeln. Er lässt erkennen, was er alles in der Hose hat, von Taschentuch bis Blumenstrauß – ein klassisches technisches Liebes-K.o. Der Schauspieler, der als Othello (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16804) seinen Einstand in Wien gab, zeigt sich diesmal von seiner komödiantischen Seite, und auch die gelingt ihm tadellos. Freilich entpuppt sich der Rock als harter Brocken, an dem nicht alles Gold ist, was glänzt. Was die Atmosphäre in der Arena weiter aufheizt …

Am Ende, als alle „Steig‘ eam ins Lebn“-Rufe verklungen sind, und die Bösen allesamt Prügel bezogen haben, siegt – eh kloar – das Herz. TzF-Prinzipal Bruno Max hatte diese Spielzeit als „Zeit für einen Mut-Ausbruch“ angekündigt und diesen Auftrag hat er in vielerlei Hinsicht erfüllt. Seine Schauspieler haben die Gebärdensprache gelernt (für „Sippschaft“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17385), haben ein sechsmonatiges Akrobatik- und Wrestlingtraining absolviert, haben gesungen und getanzt, zum Nachdenken und zum Spaßhaben animiert, und so eine Saison lang bestens unterhalten. Am Stadttheater Mödling folgt nun noch das Blasmusik-Projekt „Brassed Off“, im August im Bunker „Nacht.Stücke“ nach E.T.A. Hoffmann, dann darf man schon wieder gespannt sein, wie’s im Herbst weitergeht.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 28. 5. 2016

MAK: Christoph Thun-Hohenstein bleibt bis 2021

März 16, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Kaufmännische Direktorin Teresa Mitterlehner-Marchesi

MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein, die neue kaufmännische Geschäftsführerin des MAK, Teresa Mitterlehner-Marchesani, und Kulturminister Josef Ostermayer. Bild: Regina Aigner

MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein, die neue kaufmännische Geschäftsführerin, Teresa Mitterlehner-Marchesani, und Kulturminister Josef Ostermayer. Bild: Regina Aigner

Auch das MAK arbeitet künftig mit einer Doppelspitze und Kulturminister Josef Ostermayer stellte diese Mittwoch Vormittag vor: Teresa Mitterlehner-Marchesani wird kaufmännische Direktorin, der bisherige wissenschaftliche Direktor Christoph Thun-Hohenstein wird für weitere fünf Jahre die wissenschaftlichen Geschicke des Hauses leiten. So auch der einstimmige Vorschlag der Findungskommission.

„Dieser Empfehlung folge ich“, so Ostermayer, der betont, dass damit nun im MAK wie bei anderen Museen auch ein „echtes Vieraugenprinzip“ etabliert wurde: „Neben dem mumok, dem Kunsthistorischen und dem Naturhistorischen Museum ist das MAK nun das vierte Bundesmuseum mit einer Doppelspitze und ich werde diesen Weg auch bei den weiteren Besetzungen gehen.“

Teresa Mitterlehner-Marchesani, die als bestgeeignete Kandidatin für die kaufmännische Position von der Findungskommission vorgeschlagen wurde, bringt eine mehrjährige Managementerfahrung im Kulturbereich mit. Sie verstehe die Anforderungen eines Museumsbetriebs ausgezeichnet und bringe als Teamplayerin einen ausgesprochen zukunftsorientierten Gestaltungswillen mit.

Passend zur gerade laufenden Ausstellung „The Happy Show“ beschrieb Thun-Hohenstein seine Gefühlslage mit den Worten „Ich bin auf Glücksstufe 10″. „Ich freue mich, dass die Aufbauarbeit fortgesetzt werden kann“, bedankte er sich für das in ihn gesetzte Vertrauen. „Das MAK wird in den kommenden fünf Jahren maßgebliche neue Impulse sowohl in Bezug auf seine Sammlung als auch zu den großen Zukunftsfragen der Digitalen Moderne setzen.“ Diesem Dank schloss sich auch Mitterlehner-Marchesani an. Es sei jetzt ihre Aufgabe, für das ambitionierte Programm von Thun-Hohenstein „die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen – und das organisatorisch und finanziell“.

www.mak.at

Wien, 16. 3. 2016

Volkstheater: Der Marienthaler Dachs

September 26, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frontalzusammenstoß mit dem Zeigefinger

Gábor Biedermann als Medium, Lilly Prohaska, Ensemble Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater Wien

Gábor Biedermann als Medium, Lilly Prohaska, Ensemble
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater Wien

Macht aus dem Staat Gurkensalat! Die Punkparole stand während der Schulzeit an der Fassade des alten Floridsdorfer Schnellbahnhofs. Doch in all den Jahrzehnten kein Aufstand, nur Apathie und Agonie, Zeit genug für die Reichs-Verweser die Vergurkung selbst zu besorgen. Da haben wir den Salat. So Ulf Schmidt. Der deutsche Dramatiker und Blogger schrieb mit „Der Marienthaler Dachs“ eine böse Parabel auf die Wirtschaft, die die oben angerichtet haben, und die denen unten auch keine Arbeit macht. Sehr frei nach Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel: Fin mit der Anz. In einer dörflichen Gemeinde, die rund um eine nunmehr marode Fabrik errichtet wurde, regiert der Da(x)chs. Der Da(x)chs sagt den Leuten, wo’s langgeht, das heißt: sein Medium orakelt Angst. Der Autokrat erschreckt die Allegorie. Das ist alles so symbolschwanger und bedeutungsträchtig, das musste irgendwann auf einer Bühne niederkommen. Jetzt hat’s am Volkstheater Volker Lösch für Schmidt besorgt.

Ach, diese entsetzliche Werklosigkeit. Lösch manövriert das Ensemble geschickt durch Schmidts Partitur. Sucht ein rettendes Ufer, wo der mäandernde Wortfluss keine Grenzen hat. Und erdet den Sukkus, nein, nicht den Riesenbärenklau, in einem Chor aus Wiener Arbeitslosen. Die Not Working Poor als Class Heroes des Abends. Sie sprechen aus eigener Erfahrung. Arbeitgeber im Ringturm oder Mr. Anonym oder der Fast-Food-Clown werden enttarnt. Sie sagen Sätze von tiefer Wahrheit. Übers AMS und über die Vorstellung eines Gesprächs. Verbeamtetes Behördenphlegma. So authentisch kann Theater gar nicht sein, dass die Wirklichkeit nicht … Aber Autor und Regisseur geht’s ja nicht ums Echtheitszertifikat. „Der Marienthaler Dachs“ ist eine Narretei. Die der Volksbildungsbeauftragte Lösch zum Frontaltheater im besten Protestsinn macht. Eine epische Kasperliade. Na, da war ihm aber der Bert hold. Gut, dass sich der Zeigefinger beim Nasenbohren erholen konnte, er hätte sonst einen Krampf gekriegt.

Im Wir-tragen-unsere-Haut-zu-Markte-Rosa des Bühnenbilds von Carola Reuther sind nach Vorbild von Schmidts angedachter Installation die Positionen belegt: Der Dax-Balken des Mediums. Vater Staats Haushalt, in dem am Mittagstisch Mutter Konzern, Tochter Gesellschaft und Der kleine Mann sitzen. Die Wirtschaft vom Milchmädchen und dem Herrn Knecht. Der freie Markt-Platz, wo sich an Umschulungskathedern die Arbeitslosen mit alt, ergo wertlos Oma und Opa drängen. Die nutzlosen Vier besetzen/besitzen die Banken. Sie werden ihre Glatzenfratzen noch zeigen. Bürgermeister Dieter Oben und Polizeihauptmann Bleibrecht sorgen für Unrecht in der Unordnung. Dann Wahlqualtag: Neoliberalistin Siegrid aus Hagen oder ihr linkes Gegenprinzip Andi Arbeit? Jaha, den Wurschtl kann in Wien vielleicht kana darschlogn, aber den wieder- und wiedergängerischen Sozialismus? Der kleine Mann entpuppt sich. Als rechts-schaffen. Er wird selbst für sein Heil! sorgen.

Dass, wenn Figuren Prinzipe darstellen, wenig bis keine Rollenausgestaltung möglich ist, erklärt sich durch die Sachlage. Einmal Petzi, immer Seppl. Doch unter Löschs Anleitung gelingt dem Ensemble Erstaunliches. Allen voran Off-Grande-Dame Lilly Prohaska, die als Oma Gustav die Truppe dominiert. Sie umhüllt das Gerüst mit Charakter. Sie ist wie stets prägnant und stimmsicher. Von großer Deutlichkeit in Spiel und Sprache. Ihr zur Seite steht Haymon Maria Buttinger als Opa Rosemarie mit Kommunistenkapperl gewohnt souverän, wie überhaupt das Zusammenspiel, die  Zusammenführung gut funktioniert, siehe Günter Franzmeier als immermüder Vater Staat und Claudia Sabitzer als nimmermüde Mutter Konzern. Hausgast Martin Schwanda ist als Bürgermeister in Onkel Wolfs Oktoberfestchic unterwegs (Kostüme: Teresa Grosser), kann wie alle Dieter Oben viel reden, wenig sagen, gleichzeitig buckeln und peitschen. Schwanda ist immer ein Gewinn. Eine sichere Bank, sozusagen. Kaspar Locher ist als Bleibrecht uniform treu in jedem Regime. Auch der schrillen, schnellen Siegrid von Steffi Krautz. Sie will sch(l)ussendlich neotürlich keine Verantwortung fürs Volk übernehmen. Aufstacheln, anschaffen, ausklinken. Jan Thümer ist als Andi Arbeit ein in Existenzialistenleder gewandet Wandelnder, ein den Gemeinschaftssinn anrufender Rufer in der Wüste. Der unverkannte Messias als Philosoph mit ungeföhnter Precht-Matte, Richard David ist gemeint, kein Tippfehler. Evi Kehrstephan stellt die wundersame Milchmädchen-Rechnung auf, dass, wenn nur genug Zettel mit Zahlen beschrieben werden … Geld ist nur Papier.

Nun also die Zitate: „“Glauben Sie, jemand im Ort würde Gemüse in einem Fonds investieren“ – „Wollen Sie Geld herausschlagen aus mir?“ – „Dieter Oben soll uns erhalten.“ – „Wo ist denn die Börse?“ – „Ich bin nicht an die Börse gegangen.“ Das Leben ist eine Wirtschaftsprüfung. Nach der Rattenzahlung bleibt einem zum Über-Leben nur die Frust-Ration. Das ist so unsexy, dass keiner mehr Lust auf eine Handels-Beziehung hat. Der Sprachwitz kalauert an jeder Ecke. Allein, nachdem alle Stellung bezogen haben, hat niemand was Neues zu sagen. Nach der Pause geht dem geschmeidigen Gesinnungsstück der Schmäh aus. Dreieinhalb Stunden freie Assoziation zum Thema Arbeit. In der Publikumsbatterie neigt sich der Energiepegel Richtung Ausgang. Dann, als man glaubt, es geht nichts mehr, lässt Lösch seine Statementstimmen einen Werte-Kanon anstimmen. Ein Ideologiequodlibet, in dem es von Flüchtlingen bis zu den Freiheitlichen um endlich eigentlich eh alles geht. Wahlzahltag für Wiederholungstäter: Und für jene unter unseren Zuschauern, die es bis hierher nicht verstanden haben, nun also noch einmal von vorne … Da wäre man, weil ja Einserschüler, gern schon turnbefreit gewesen. Arbeit ist ein Menschenrecht. Aber wenn man sich für die Ärsche den Arsch aufreißt, hat man dann eben den Arsch offen. Man muss also das Arschsystem je nach Temperament ändern/stürzen, um Arbeit für alle zu schaffen und die Arschlöcherei zu beenden. Richtig so? Richtig so.

Im Oktober geht’s am Volkstheater unter anderem weiter mit Thomas Bernhard und Peter Handke. Des Programmatischen ist genug gewesen, nun lasst uns endlich Stücke sehen.

www.volkstheater.at

Blog von Ulf Schmidt: www.postdramatiker.de

Jan Thümer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14810

Wien, 26. 9. 2015