Das Stadtkino geht online: Neun neue Filme ab 1. Mai

April 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dabei ist auch Lola-Preisträger „Born in Evin“

Symbolische Schönbilder kontrastieren Schmerz und Schrecken: Maryam Zaree träumt sich in „Born in Evin“ zurück in den Mutterleib. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Das Stadtkino macht neue Filme online zugänglich. Ab 1. Mai gehen die ersten vier Titel ins Netz, gefolgt von weiteren fünf am 8. Mai. Mit dabei ist „Born in Evin“ von Maryam Zaree, der vergangene Woche beim Deutschen Filmpreis mit der Lola für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Auch zu sehen ist – und zwar knapp nach dem Kinostart  – „The Royal Train“. Alle Filme sind auf Kino VOD CLUB und Flimmit abrufbar.

Die Filme ab 1. Mai:

The Royal Train von Johannes HolzhausenIn Rumänien fährt einmal im Jahr ein ganz besonderer Zug durchs Land: Von vielen tausend Menschen begeistert bejubelt befinden sich in dem Zug einige der Nachfahren des legendären Ex-Königs Mihai von Rumänien. Der Film zeigt die Hintergründe dieser nostalgisch anmutenden Fahrt und nimmt die Zugreise als Ausgangspunkt für eine filmische Expedition in die Geschichte und Gegenwart des osteuropäischen Staates. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HIC9BqKFLXQ

Dieser Film ist ein Geschenk ist ein Film von Anja Salomonowitz über den Künstler Daniel Spoerri. Eigentlich ist es ein Film über einen Gedanken von Daniel Spoerri: ein Film fast ohne Daniel Spoerri, eigentlich wird er meistens von einem Kind nachgespielt – um nicht weniger zu sagen, als dass alles immer irgendwie weitergeht im Leben, auch wenn man dazwischen mal stirbt. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BfCPKfn_I38

Chaos von Sara Fattahi ist die Geschichte von drei syrischen Frauen. Jede von ihnen lebt an einem anderen Ort. Was sie voneinander trennt ist gleichzeitig das, was sie vereint – der Verlust und das Trauma. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PTvFcxEysBk

Abschied von den Eltern von Astrid Johanna Ofner nach Peter Weiss. „Ein Film über Flucht, Familie, Kunst, über Städte, Bilder, Sexualität, Einsamkeit, Geschichte, Gewalt und Freundschaft. Und auf eine eigenartige Weise ein Film über Häuser und über das alte und ein neues Europa“, so die Filmemacherin. Peter-Weiss-Lesung: www.youtube.com/watch?v=CCBLiPfgZxs

Dieser Film ist ein Geschenk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Chaos. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Abschied von den Eltern. Bild: © Stadtkino Filmverleih

The Royal Train. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Filme ab 8. Mai:

To The Night ist der dritte Langfilm des österreichischen Regisseurs und Musikers Peter Brunner, der mit seinem unverkennbaren Stil die internationale Festivallandschaft begeistert. In der Hauptrolle einer versehrten Künstlernatur glänzt das US-Talent Caleb Landry Jones. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PWn8j2vHZH4&t=

Erde. Mehrere Milliarden Tonnen Erde werden durch Menschen jährlich bewegt – mit Schaufeln, Baggern oder Dynamit. Filmemacher Nikolaus Geyrhalter beobachtet in Minen, Steinbrüchen, Großbaustellen Menschen bei ihrem ständigen Kampf, sich den Planeten anzueignen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Dch-x56eJIs

Lillian als Emigrantin in New York gestrandet, will zu Fuß in ihre Heimat Russland zurückgehen. Entschlossen macht sie sich auf den langen Weg. Ein Road Movie, quer durch die USA, hinein in die Kälte Alaskas. Die Chronik eines langsamen Verschwindens. Der Film von Andreas Horvath hatte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2019. Trailer: www.youtube.com/watch?v=uUkWJOBX9hM

Der Stoff, aus dem Träume sind. Anhand von sechs Meilensteinen selbstorganisierten und selbstverwalteten Wohnbaus in Österreich nähert sich der Dokumentarfilm von Michael Rieper und Lotte Schreiber auf facettenreiche Art an die unterschiedlichen Themen kooperativer Wohnprozesse von 1975 bis heute an. Trailer: www.youtube.com/watch?v=q4nxqQr1UCU

Lillian: Bild: © Stadtkino Filmverleih

Regisseurin Sara Fattahi. Bild: © Michela di Savino / Stadtkino Filmverleih

To The Night von Peter Brunner. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Filmkritik – Born in Evin: Das „Licht der Welt“ am dunkelsten Ort

Schließlich sprechen die Frauen doch mit ihr. Sahar Delijani über ihre ermordete Mutter: „Wenn sie zum Verhör gerufen wurde, sagte sie trotzig: ,Die wollen mit mir reden, ich habe alle Zeit der Welt‘, und richtete sich in aller Ruhe ihre Augenbinde. Sie erzählte das, als ob sie sich für eine Party schick gemacht hätte“, sagt Delijani über diese stolze Frau, die auch durch Angst und Gewalt nicht gebrochen werden konnte. Vor dem Iran-Tribunal in Den Haag verliest Chowra Makaremi das, man kann’s nicht anders bezeichnen, Folter-Protokoll, das ihr Großvater über den zu Tode geschundenen Körper seiner Tochter geführt hat. Gebrochene Wirbelsäule, Verbrennungen von Elektrodrähten, ausgeschlagene Zähne, nach Jahren endlich gehenkt.

Sahar Delijani lebt in Kanada, sie ist die Autorin des Buches „Kinder des Jacarandabaums“ (www.youtube.com/watch?v=ffwVNvmQ_GI). Die französische Filmemacherin Chowra Makaremi veröffentlichte 2019 ihre Dokumentation „Hitch, une histoire iranienne“. In London spricht die Psychologin Nina Zandkarimi über die Albträume, die sie als Teenager verfolgten. Blut auf der Brust der Mutter, Schreie, Maschinengewehre, ein Kleinkind, das die Misshandlungen mitansehen muss. Solch nächtliche Heimsuchungen kennt auch Maryam Zaree. Lange hat sie nicht verstanden, woher diese Bilder kamen, dann hat sie begriffen, sie sind früheste Erinnerungen. Zaree ist, gleich ihren Gesprächspartnerinnen, in einem iranischen Foltergefängnis geboren, sie 1983 in Evin am nördlichen Stadtrand von Teheran, wo ihre Eltern als politische Gefangene inhaftiert waren.

Der Mutter gelang mit der zweijährigen Maryam die Flucht nach Deutschland, der Vater musste sieben Jahre in dieser Hölle aushalten. Obwohl täglich mit dem Vollzug der über ihn verhängten Todesstrafe bedroht, überlebte er sogar die Massenhinrichtungen im Jahr 1988. Geredet wurde in der Familie über Evin nie. Bis sich die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, bekannt aus dem mit zehn Auszeichnungen Lola-Großabräumer „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792) und als Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza im Berliner „Tatort“, entschloss, den jahrzehntelangen Schleier des Schweigens zu lüften.

„Born in Evin“ heißt ihr Debüt als Dokumentaristin. Wer könne von sich schon sagen, er hätte „das Licht der Welt“ an einem deren dunkelster Orte erblickt, ist ihr flapsiger Einstieg in die eigene Lebensgeschichte, in der sie mittels Fallschirmsprung landet. Später wird sie sich in einem sonnendurchfluteten Swimmingpool zurück in den Mutterleib imaginieren. Symbolische Schönbilder, die die erfahrene Realität durchkreuzen. Die Filmemacherin schont sich nicht, starrköpfig stellt sie ihre Fragen, zeigt Emotionen, die bisher ungeweinten Tränen ihres Kindheitstraumas. Zeigt sich entmutigt, erschüttert, von Kamerafrau Siri Klug nüchtern-schlicht festgehalten, auf Konferenzen von Exil-Iranern, Arm in Arm.

Mit Mutter Nargess. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Beim Iran-Tribunal in Den Haag. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Exil-Iranern in Florenz. Bild: © Real Fiction Filmverleih

Mit Vater Kasra Zareh. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit all den Facetten ihres Seins lässt Zaree ihren Film beginnen. Im Gang vor einer Studiogarderobe schimpft sie über das „beschissen recherchierte deutsche Fernsehen“, weil ihr für eine Rolle ein Hidschāb verpasst wurde, ein schwarzes Körperverhüllungsklischee: „So sieht keine Geflüchtete aus, wenn sie in Deutschland ankommt.“ Gleich darauf zeigen private Aufnahmen Maryam als neugierig plappernde Schülerin, die mit ihren Deutschkenntnissen prahlt und dabei genüsslich Eis isst.

Als nächstes verstörende Buntstiftzeichnungen, zu viel Rot und Schwarz, dann Mutter Nargess Eskandari-Grünberg und wie die Grünpolitikerin für das Amt der Oberbürgermeisterin in Frankfurt kandidiert. Wer „Born in Evin“ sieht, lernt eine viel tiefergehende Bedeutung des Wortes Herkunft kennen, als die so gern populistisch etikettierte. Doch für Zaree gestaltet es sich schwierig, Menschen zu finden, die aussagen wollen. Sprechen ist Schmerz. Weder Mütter noch Väter noch die Häftlingsbabys wollen die alten Wunden aufreißen.

Eine der berührenden Sequenzen ist eine Videobotschaft, die Zarees Vater aus Evin schickte, aus dem „Hotel“, wie er der kleinen Maryam sagt, während er ihr Foto küsst. Heute, auf seinem Wohnzimmersofa, nennt Kasra Zareh die Dinge beim Namen – „Gefängnis“. Und weil die Tochter nicht lockerlässt, kramt er aus dem Bettkasten sein buchstäblich „letztes Hemd“ vor seiner erwarteten Hinrichtung hervor. Kasra Zareh flüchtet sich in Anekdoten, wenn er erzählt. Das kennt man vom eigenen Vater und dessen Schwejkiaden aus der russischen Kriegsgefangenschaft.

In Evin hat der unter Schah Reza Pahlavi begonnene und von Ajatollah Chomeini fortgesetzte Schrecken kein Ende. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen vor dem Gefängnis zu Tode gefoltert. Die Schriftstellerin Marina Nemat saß mehr als zwei Jahre in Evin, in Zelle 246 – wie Nargess Eskandari-Grünberg. Gegenwärtig befindet sich dort die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh in Haft, die am 6. März 2019 wegen ihres Einsatzes für die Rechte von Frauen zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38221

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30. 4. 2020

Born in Evin

Februar 19, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das „Licht der Welt“ am dunkelsten Ort

Symbolische Schönbilder kontrastieren Schmerz und Schrecken: Maryam Zaree träumt sich im Pool zurück in den Mutterleib. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Schließlich sprechen die Frauen doch mit ihr. Sahar Delijani über ihre ermordete Mutter: „Wenn sie zum Verhör gerufen wurde, sagte sie trotzig: ,Die wollen mit mir reden, ich habe alle Zeit der Welt‘, und richtete sich in aller Ruhe ihre Augenbinde. Sie erzählte das, als ob sie sich für eine Party schick gemacht hätte“, sagt Delijani über diese stolze Frau, die auch durch Angst und Gewalt nicht gebrochen werden konnte.

Vor dem Iran-Tribunal in Den Haag verliest Chowra Makaremi das, man kann’s nicht anders bezeichnen, Folter-Protokoll, das ihr Großvater über den zu Tode geschundenen Körper seiner Tochter geführt hat. Gebrochene Wirbelsäule, Verbrennungen von Elektrodrähten, ausgeschlagene Zähne, nach Jahren endlich gehenkt. Sahar Delijani lebt in Kanada, sie ist die Autorin des Buches „Kinder des Jacarandabaums“ (www.youtube.com/watch?v=ffwVNvmQ_GI). Die französische Filmemacherin Chowra Makaremi veröffentlichte 2019 ihre Dokumentation „Hitch, une histoire iranienne“. In London spricht die Psychologin Nina Zandkarimi über die Albträume, die sie als Teenager verfolgten. Blut auf der Brust der Mutter, Schreie, Maschinengewehre, ein Kleinkind, das die Misshandlungen mitansehen muss.

Solch nächtliche Heimsuchungen kennt auch Maryam Zaree. Lange hat sie nicht verstanden, woher diese Bilder kamen, dann hat sie begriffen, sie sind früheste Erinnerungen. Zaree ist, gleich ihren Gesprächspartnerinnen, in einem iranischen Foltergefängnis geboren, sie 1983 in Evin am nördlichen Stadtrand von Teheran, wo ihre Eltern als politische Gefangene inhaftiert waren. Der Mutter gelang mit der zweijährigen Maryam die Flucht nach Deutschland, der Vater musste sieben Jahre in dieser Hölle aushalten. Obwohl täglich mit dem Vollzug der über ihn verhängten Todesstrafe bedroht, überlebte er sogar die Massenhinrichtungen im Jahr 1988. Geredet wurde in der Familie über Evin nie. Bis sich die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, bekannt aus „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792) und als Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza im Berliner „Tatort“, entschloss, den jahrzehntelangen Schleier des Schweigens zu lüften.

„Born in Evin“ heißt ihr Debüt als Dokumentaristin, mit dem sie heute Abend im Stadtkino Wien Premiere hat. Wer könne von sich schon sagen, er hätte „das Licht der Welt“ an einem deren dunkelster Orte erblickt, ist ihr flapsiger Einstieg in die eigene Lebensgeschichte, in der sie mittels Fallschirmsprung landet. Später wird sie sich in einem sonnendurchfluteten Swimmingpool zurück in den Mutterleib imaginieren. Symbolische Schönbilder, die die erfahrene Realität durchkreuzen. Die Filmemacherin schont sich nicht, starrköpfig stellt sie ihre Fragen, zeigt Emotionen, die bisher ungeweinten Tränen ihres Kindheitstraumas. Zeigt sich entmutigt, erschüttert, von Kamerafrau Siri Klug nüchtern-schlicht festgehalten, auf Konferenzen von Exil-Iranern, Arm in Arm.

Mit Mutter Nargess Eskandari-Grünberg. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Vater Kasra Zareh. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit all den Facetten ihres Seins lässt Zaree ihren Film beginnen. Im Gang vor einer Studiogarderobe schimpft sie über das „beschissen recherchierte deutsche Fernsehen“, weil ihr für eine Rolle ein Hidschāb verpasst wurde, ein schwarzes Körperverhüllungsklischee: „So sieht keine Geflüchtete aus, wenn sie in Deutschland ankommt.“ Gleich darauf zeigen private Aufnahmen Maryam als neugierig plappernde Schülerin, die mit ihren Deutschkenntnissen prahlt und dabei genüsslich Eis isst.

Als nächstes verstörende Buntstiftzeichnungen, zu viel Rot und Schwarz, dann Mutter Nargess Eskandari-Grünberg und wie die Grünpolitikerin für das Amt der Oberbürgermeisterin in Frankfurt kandidiert. Wer „Born in Evin“ sieht, lernt eine viel tiefergehende Bedeutung des Wortes Herkunft kennen, als die so gern populistisch etikettierte. Doch für Zaree gestaltet es sich schwierig, Menschen zu finden, die aussagen wollen. Sprechen ist Schmerz.

Weder Mütter noch Väter noch die Häftlingsbabys wollen die alten Wunden aufreißen. Eine der berührenden Sequenzen ist eine Videobotschaft, die Zarees Vater aus Evin schickte, aus dem „Hotel“, wie er der kleinen Maryam sagt, während er ihr Foto küsst. Heute, auf seinem Wohnzimmersofa, nennt Kasra Zareh die Dinge beim Namen – „Gefängnis“. Und weil die Tochter nicht lockerlässt, kramt er aus dem Bettkasten sein buchstäblich „letztes Hemd“ vor seiner erwarteten Hinrichtung hervor. Kasra Zareh flüchtet sich in Anekdoten, wenn er erzählt. Das kennt man vom eigenen Vater und dessen Schwejkiaden aus der russischen Kriegsgefangenschaft.

In Evin hat der unter Schah Reza Pahlavi begonnene und von Ajatollah Chomeini fortgesetzte Schrecken kein Ende. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen vor dem Gefängnis zu Tode gefoltert. Die Schriftstellerin Marina Nemat saß mehr als zwei Jahre in Evin, in Zelle 246 – wie Nargess Eskandari-Grünberg. Gegenwärtig befindet sich dort die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh in Haft, die am 6. März 2019 wegen ihres Einsatzes für die Rechte von Frauen zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde. Ganz nach ihrem Selbstverständnis als Aktivistin rückt Maryam Zaree nicht nur die westliche Verklärung des Schahs in den richtigen Rahmen, sie zeigt Schwarzweiß-Fotos ihrer Eltern, die an John Lennon und Karl Marx glaubten, an Freiheit und Menschenwürde, doch dann folgte auf Terror wieder nur Terror.

Beim Iran-Tribunal in Den Haag. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Maryam Zaree mit Exil-Iranern in Florenz. Bild: © Real Fiction Filmverleih

„Born in Evin“ ist ein Film über die Entstehung dieses Films. Über die Bedenken wegen Zarees beharrlichem Wissenwollen, über das Misstrauen wegen des iranischen Geheimdienstes, der etliche der Exilanten nach wie vor bespitzelt. „Warum suchst du nicht die schönsten Momente statt der schlimmsten Szenarien?“, fragt die Psychotherapeutin Marya Sirous, Nargess‘ Freundin, die sie auch prompt anruft. Danach die Mutter stocksauer auf Maryams Mailbox.

Niemand will hier das Gewesene aufwühlen. Eine ehemalige Zellengenossin der Mutter gibt nur das Gute weiter: dass alle Mitgefangenen, vierzig bis sechzig auf engstem Raum zusammengepferchte Frauen, geklatscht, geweint und die neugeborene Maryam mit Liebe überschüttet hätten, als Nargess sie zum ersten Mal in die Zelle getragen habe. Tante Sima Boulanger in Paris reagiert ähnlich, obwohl sie es war, die der zwölfjährigen Nichte aus Versehen die verschwiegene Wahrheit eröffnete.

„Das Schweigen“, sagt sie, „ist Teil unserer Geschichte“. Erst die Soziologin Chahla Chafiq und die Autorin Shadi Amin machen Zaree deutlich, dass es zwar kein Recht auf Antworten, aber eines auf Fragen gibt. Das alles kann die Filmemacherin preisgeben, kann sich der Kamera preisgeben, Persönliches, beinah Intimes, ohne in Selbstbezogenheit zu verfallen. Das Puzzle ihrer Begegnungen, Irrwege und Gedankengänge, die Vergangenheit, die in die Gegenwart greift, setzt sie zu etwas Universellem zusammen.

„Born in Evin“ ist ein Porträt starker Frauen. Maryam Zaree bündelt ihre Stimmen, um die ihre zu finden. Und es ist Chowra Makaremi, die zum Gleichnis kommt, die Kinder der Dissidenten und ihr selbstbestimmtes, friedvolles Leben sei der moralische Sieg der Eltern über die Unterdrücker. „Wir sind ihr Widerstand, ihre Antwort, eine Armee erfolgreicher, junger Menschen“, sagt sie. Und auch: „Wir sind die Vergebung ihrer ,Schuld‘, besiegt worden zu sein, ihre Revolution verloren – und dennoch überlebt haben.“ Schnitt.

In der folgenden Episode begleitet Zaree ihren Stiefvater Kurt Grünberg, Psychoanalytiker und Kind von Holocaust-Überlebenden, der erforscht, wie sich Traumata über Generationen vermitteln, in ein jüdisches Seniorenheim. Wo viel gescherzt wird und nicht jugendfreie Witze zum Besten gegeben werden – auch dies entstanden aus einem Widerstand gegen die Entmenschung, Lachen als Heilmittel gegen die seelische Versehrtheit. Der Schluss zeigt den Schabbat-Abend bei Eskandari-Grünbergs, mit dabei Maryams Schwester Mira, die mit einer Behinderung zur Welt kam. „Wir sind eine Familie mit allem“, kommentiert Maryam Zaree – und führt so mit Augenzwinkern und Chuzpe alle kulturellen, religiösen, die Mitmenschlichkeit verletzenden Stereotype ad absurdum.

stadtkinowien.at           www.goldengirls.at

  1. 2. 2020

Theater-TIPP zum Thema:

Alireza Daryanavard in „Ein Staatenloser“. Bild: © Alexander Gotter

Am 27. Februar hat im Werk X-Petersplatz „Blutiger Sommer“ des im Iran geborenen Schauspielers und Regisseurs Alireza Daryanavard Premiere. Auch er thematisiert die tabuisierten Massenhinrichtungen Ende der 1980er-Jahre. Das Stück basiert auf Interviews mit Zeitzeugen und – wie schon in „Ein Staatenloser“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30184) – auf Tagebucheinträgen, Abschiedsbriefen und Fotografien persönlicher Gegenstände der Hingerichteten, die ihren Angehörigen zurückgegeben wurden.

werk-x.at/premieren/blutiger-sommer

Houchang Allahyari: Rote Rüben in Teheran

August 30, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Blick auf Menschen statt Einblick in die Politik

Houchang und Tom-Dariusch Allahyari in Isfahan. Bild: © Houchang Allahyari

Houchang und Tom-Dariusch Allahyari in Isfahan. Bild: © Houchang Allahyari

Irgendwann im Film erzählt Houchang Allahyari eine Anekdote aus seiner Schulzeit. Seine Mitschüler und er hatten nasse Tücher an die Zimmerdecke geworfen, um dem Direktor einzureden, dass es in die Klasse regnet. Der Bluff hat funktioniert, man wurde nach Hause geschickt, aber bog schon an der nächsten Ecke ab, um sich im Kino „Et Dieu… créa la femme“ mit Brigitte Bardot anzusehen.

Irgendwann im Film steht Allahyari in dieser Teheraner Straße, in der sich früher ein Lichtspielhaus ans nächste reihte. Nun ist dort nichts mehr, leere Häuser, bestenfalls ein paar Elektroläden.

Dies ist die Art, in der sich der österreichisch-persische Filmemacher einen Kommentar zu seiner alten Heimat erlaubt. Indem er eben nicht kommentiert, sondern darstellt, sein Blick auf Umstände wie immer humor- und liebevoll. „Rote Rüben in Teheran“ heißt Allahyaris gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch entstandener Dokumentarfilm über den Iran, das heißt eigentlich: dessen Menschen, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft. Und der für den einen den ersten Besuch nach mehr als 40 Jahren Abwesenheit, für den anderen die erste Reise ins Familienherkunftsland bedeutete. Was nicht nur Fragen über „Fremdsein“, zu Identität, Mentalität und deren Unterschieden, dem Clash of Cultures in neue Zusammenhänge setzt. „Mein Vater ist hier wie ein Fisch im Wasser“, sagt der Sohn, „ein eingeborener Ausländer“.

Ihre Reise führt die beiden von Isfahan nach Teheran, als wär’s vom Licht in den Schatten, so unterschiedlich sind die beiden Städte, die an Sehenswürdigkeiten reiche antike Flussoase und die moderne Betonhochburg. Bilder verdrängen Bilder. Vor allem die medial vorgefertigten. Die Allahyaris malen Porträts, statt sich die Weltpolitik auszumalen, strategische Partnerschaften sind eine Angelegenheit von Angesicht zu Angesicht, das Wort Ideologie ist ausgeblendet. Doch man erlaubt sich einen Kunstgriff. „Rote Rüben in Teheran“ ist ein Frauenfilm. Sie kommen meist zu Wort. In der Öffentlichkeit ist die Gesellschaft eine männliche. „Man muss tapfer für die Wahrheit sein“, sagt der Mann, der Dokumenarfilmerin Azadeh Bizargiti zum Gespräch begleitet. Es ist die Privatheit, die an diesem Film berührt.

Im Gespräch mit den Frauen des Landes. Bild: © Houchang Allahyari

Im Gespräch mit den Frauen des Landes: Filmemacherin Zahra. Bild: © Houchang Allahyari

Die großartige Großmutter von Kameramann Behruz Malbuzbaf. Bild: © Houchang Allahyari

Die großartige Großmutter von Kameramann Behruz Malbuzbaf. Bild: © Houchang Allahyari

Wie in Spielszenen treten Klein-Houchang und seine Großmutter auf. Sie, die Matriarchin, hat ihn zu Kunst und Kultur gebracht. Weil sie Theater und Film so sehr liebte, zum Hingehen allerdings den Enkel brauchte. Omas Lieblingsschauspielerin Melekhe Ranshbar, der große Bühnenstar, tritt ebenso vor Allahyaris Kamera, welch eine Ehre!, wie die eben für ihr Lebenswerk geehrte Ausnahmeerscheinung des postrevolutionären iranischen Kinos, Fatemeh Motamed-Arya.

Kameramann Behruz Malbuzbaf lädt zu sich nach Hause ein, seine Frau lässt sich von ihm scheiden, mit dem Handy, erklärt sie, habe sie aufgenommen, wie schlecht er sich gegen sie benehme, nun müsse er gehen. Seine Großmutter aber, noch so eine großartige Greisin, hält an ihrem alten Glauben fest: dass Eheprobleme am besten im Bett gelöst werden. Lacht sie. Eine Frau vom Verein für Kinderrechte unterhält sich mit einem afghanischen Flüchtlingskind. Drei Millionen Afghanen hat man aufgenommen, Perspektive haben sie keine, zwar werden Schulen gebaut, doch die Kinder sind Straßenkinder, werden von den Eltern arbeiten geschickt, verkaufen Taschentücher und anderen Krimskrams. Die Sozialarbeiter kümmern sich um sie. „Erzähl‘ mir, was dich glücklich macht“, sagt die Frau zu ihrem Schützling. Doch dem Buben, er ist acht, neun Jahre alt, fällt nichts ein.

In diesen Szenen nimmt sich Allahyari, ganz Dokumentarist, ganz zurück. Sein Film ist ein stiller, besinnlicher, der unaufgeregt einen Blick hinter sonst geschlossene Türen wirft. Es gibt Erwartungen, Erstaunen. Enttäuschungen auch. Auslagen mit Dior-Sonnenbrillen, junge Menschen auf dem Weg ins Nightlife, Lärm auf Spielplätzen mit bunten Plastikrutschen und Schaukeln, die prallvolle U-Bahn, Gottesdienst in einer Synagoge, das Essen beim schiitischen Ashura-Fest. Als könne man mit abfotografierten Antiklischees gegen die Klischees in den Köpfen angehen. Leicht lässt sich finden, was dem einen wie dem anderen entspricht.

Street Food in Teheran: die berühmten roten Rüben. Bild: © Houchang Allahyari

Street Food in Teheran: die berühmten roten Rüben. Bild: © Houchang Allahyari

Seine Tante stellt Allahyari noch vor, auch sie eine dieser starken Frauen. Weil ihr Sohn auf einer Schnellstraße überfahren wurde und starb, kämpfte sie um die Errichtung einer Fußgängerbrücke. Nun ist die Todesstrecke vieler junger Männer sicher zu überqueren. „Ich erinnere mich, dass Cousin Ali einmal in Wien war“, sagt Tom-Dariusch, „aber nicht mehr an viel, damals war ich noch zu klein.“

Die roten Rüben in Teheran sind eine weitere Erinnerung. Der Vater genießt das beliebte Street Food, das aus dampfenden Kesseln in kleine Schalen geschöpft wird. Die Suche nach diesen Wurzeln ist Allahyari die Suche nach seinen eigenen. Kindheit, weiß er, ist ein Geruch, ein Geschmack, ein Gefühl von damals. Weshalb die Frage nach zu wenig Hinterfragung, zu wenig Ambivalenz und kaum je Kritik schwer zulässig ist. Je schneller ein Mensch einsieht, dass er den anderen nie verstehen wird können, umso besser wird sein Verständnis für ihn sein.

www.facebook.com/roteruebeninteheran/

Wien, 30. 8. 2016