Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015

Houchang Allahyari: Robert Tarantino

September 6, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Rebel without a Crew

Bild: Stadtkino Filmverleih

Bild: Stadtkino Filmverleih

Am 6. September startet im Filmhaus Wien Regisseur Houchang Allahyari neuester Film: Eine humorvolle Dokumentation über Leben und Arbeit eines jungen Filmemachers, der sich Robert Tarantino nennt. Sein Name ist Programm: Als „Rebel without a Crew“ und gegen alle Widerstände, dreht der Wiener einen No-Budget-Trash-Horrorfilm angelehnt an die Arbeiten seiner Vorbilder Robert Rodriguez und Quentin Tarantino. Regisseur Houchang Allahyari („Die verrückte Welt der Ute Bock“) begleitet den leidenschaftlichen Filmemacher bei den Dreharbeiten zu „Blood City Massacre“, in dem neben Tarantino, Theater-Schauspielerin Marie-Therese Lind und ein Wrestler namens Humungus mitwirken. Robert Tarantino: No-Budget-Filmer und Wiener Original. Die Dreharbeiten zu seinem jüngsten Streifen Blood City Massacre sind für den schüchternen Arbeitslosen Lebensinhalt und Therapie. Sein engagiertes (Laien-)Ensemble avanciert zur Ersatzfamilie, Hauptdarstellerin Marie sähe er auch gerne privat an seiner Seite. Houchang Allahyari folgt ihm bei Planung und begleitet die intensiven Dreharbeiten. Ein Genre-Film im wahrsten Sinne des Wortes. Das humorige Porträt eines leidenschaftlich Getriebenen.

Aufblende: Eine Filmpremiere. No-Budget-Filmer Robert Tarantino begrüßt schüchtern das Publikum. Nach dem Upload des Trailers habe er bereits eine Einladung zu einem Underground-Filmfestival erhalten, verkündet er stolz. Die Premierengäste – Crew, Freund/innen, Trash-Aficionados – sind begeistert. Von hier aus geht Houchang Allahyari einen Schritt zurück: ins Privatleben Tarantinos, der im bürgerlichen Leben eigentlich Wolfgang heißt. Vor Jahren hat dieser seinen Brotjob gekündigt, um sich ausschließlich der Kunst zu widmen. Unter dem Pseudonym Wolfgang Morrison tingelt er seither als Liedermacher durch kleine Lokale. Seine Eltern haben diesen Traum ignoriert, eine Enttäuschung, die Wolfgang heute unter anderem in seinen Trashfilmen aufarbeitet: Als Robert Tarantino hat der Wiener bereits ein Dutzend B-Movies gedreht, darunter klingende Titel wie Wild Rebel oder Vampires in Vienna. Der Name ist Programm: Vampire und Psychopath/innen treffen auf toughe Agent/innen und blutrünstige Zombies. Inspirieren lässt sich Wolfgang von Genrekinogrößen, er zeichnet bei sämtlichen Filmprojekten persönlich für  Drehbuch, Regie, Kamera, Schauspiel und Schnitt verantwortlich. In seinem neuesten Streifen macht Wolfgang Jagd auf einen Serienkiller, gespielt vom österreichischen Wrestling-Original Humungus. Als Budget wurden hundert Euro veranschlagt, hauptsächlich für Kunstblut und Mini-DV-Kassetten. Allein das Förderansuchen hätte ein Vielfaches gekostet.

Eigentlich ist diese Doku ein hochdramatisches Kammerstück. Was sich hinter der Kamera abspielte, war bei dem B-Movie-Dreh mindestens so spannend wie das Schlachten davor. Laut einer zweifelhaften Biografie in der Internet Movie Database (IMDb) ist Tarantino 34 Jahre alt. Die Info könnte stimmen, Tarantino wäre beim Dreh des Porträts dann 32 Jahre alt gewesen. Mit dem Filmen hat der Autodidakt 2007 begonnen. Tarantino ist theoretisch beschlagen – er kennt sein Metier. Über diverse Internetforen sucht er nach Schauspielern. Natürlich nimmt er selbst immer eine der Hauptrollen ein. Gemeldet haben sich unter anderem die Salzburger Off-Theater-Schauspielerin Marie-Therese Lind und ein über und über  tätowierter Star der Wrestling School Austria (WSA), der sich Humungus nennt. Die Kämpfer der WSA kennen Tarantino bereits von einem früheren Projekt. Dank Allahyaris Doku weiß man jetzt, dass hinter den schrägen Vögeln starke Charaktere und Persönlichkeiten mit viel Humor stecken. Die Momente mit den Wrestlern zählen zu den stärksten des Films. Bemerkenswert aber auch jener Gothic-Typ, dem kein Text beizubringen war und der schließlich improvisierte: „Heast Dracula, du  Oaschkretzn, du g’schissene – wos is – du bist mei’ Todfeind.“

Allahyari hatte wohl kein leichtes Leben als Regisseur einer Doku über Tarantino. Er hat große Hochachtung vor dem Filmemacher und seinem Team. Mit Tarantino hält er nun schon seit Jahren Kontakt, und Marie-Therese Lind wird in einem seiner nächsten Filme mitspielen. Aber dennoch war es nicht möglich, über so einen Filmdreh zu berichten und sämtliche Sonderbarkeiten und Probleme auszublenden. Respekt einerseits, wahrhaftig bleiben andererseits – eine Gratwanderung, die man als Zuschauer der Doku mit einigem Bangen verfolgt. Man will nicht, dass hier jemand vorgeführt wird. Aber wird es zu verhindern sein? Im Großen und Ganzen ist Allahyari
die Gratwanderung gelungen. Das alles glauben Sie nicht? Dann aber ab ins Kino!

ZUR PERSON: Houchang Allahyari wurde im Iran, in Teheran geboren. Er kam als Jugendlicher nach Österreich, um seine frühe Faszination für Film und Theater weiterzuentwickeln – schon mit 17 Jahren hatte er Filmkritiken für iranische Zeitungen geschrieben. Das Interesse für die Psychiatrie ließ ihn aber in Wien ein Medizinstudium beginnen. Heute hat er eine Praxis in Wien und war bis vor kurzem vom Justizministerium als Psychiater in einer Haftanstalt für Drogenabhängige angestellt, wo er 20 Jahre lang therapeutisch mit jugendlichen Drogensüchtigen arbeitete. In der Öffentlichkeit ist er aber als Filmemacher und Regisseur bekannt. Nach frühen experimentellen und avantgardistischen Filmen begann die Zusammenarbeit mit großen, österreichischen Produktionsfirmen und es entstanden erfolgreiche Kinospielfilme, die auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt und ausgezeichnet wurden. Wichtigste Werke: „Bock for president“, „Die verrückte Welt der Ute Bock“, „I Love Vienna“, „Höhenangst“, „Geboren in Absurdistan“.

www.stadtkinowien.at/#filmhauskino

Trailer: http://vimeo.com/73142667

Wien, 6. 9. 2013

Kino: Ein Oscar für Christoph Waltz

Januar 26, 2013 in Film

Djangos Frau ist tot, Baby!

Django-Unchained-Jamie-Foxx-Christoph-Waltz.jpg

Der österreichische Schauspieler Christoph Waltz wurde für seine Rolle als Kopfgeldjäger Dr. Schultz mit dem Oscar als bester Nebendarsteller ausgezeichnet. Damit verlieh ihm Hollywood schon den zweiten goldenen Schwertträger. Quentin Tarantino erhielt den Preis für das beste Originaldrehbuch.

US-Regisseur Quentin Tarantino hat nicht nur ein Herz, sondern ist auch ein Meister des Trash-Kinos. Vom Comic-Episoden-Irrsinn „Pulp Fiction“ bis zum absichtlich falsch buchstabierten Nazi-Exploitation-Movie „Inglourious Basterds“ hat er das immer wieder und nach vorliegendem Ergebnis immer wieder hoch dekoriert bewiesen.

Nun hat sich der Genre-Gauner bei von ihm ebenso verehrten Klassikern bedient: den Italo-Western. In „Django Unchained“ plündert er mit diebischer Freude das Zitatenschatzkästchen der drei großen Sergios – Corbucci, dem tatsächlichen Django-Erfinder, an dessen Kult-Film „Leichen pflastern seinen Weg“ auch Tarantinos Schnee-Szenen erinnern, Leone und Sollima.

Im Gegensatz zu früheren Sarkasmusschmonzetten kommt Tarantino diesmal aber nicht aus dem Windschatten des triumphalen Trios.

„Django Unchained“ ist eine wunderbare, großartig gelungene Hommage an den italienischen Western der 1960er Jahre. Aber er ist kein Django-Film.

Wofür weder der zu Recht Oscarnominierte Christoph Waltz als deutscher Kopfgeldjäger Dr. Schultz, noch der zu Unrecht nicht Oscarnominierte Jamie Foxx als Ex-Sklave Django etwas können.Was fehlt ist: der Sarg. Simpel gesagt.

Als der politisch links außen stehende Corbucci 1966 seinen „Django“ mit Franco Nero (der Schauspielstar absolviert bei Tarantino übrigens einen kurzen, durch seine stechend blauen Augen markanten Kurzauftritt) drehte, wollte er brutal einen zeitgenössisch-gesellschaftskritischen Film gegen die Leinwand schleudern. In Europa mehrten sich die Studentenunruhen, die Proteste gegen den Vietnamkrieg. Der Kalte Krieg kochte. Terroristische Gruppierungen wie die RAF oder die Roten Brigaden glaubten, als einsame „Pistoleros“ für das, was sie unter Recht verstanden, sorgen zu können. Ohne Rücksicht auf Kollateralschäden.

Das ist Django: Ein wortkarger Verfechter der Selbstjustiz, der das dafür notwendige Maschinengewehr in einem Sarg hinter sich her zieht. Ein zynischer Gewalttäter, der sich auch an Frauen vergreift. Seine eigene ist tot. Was er Gott nicht verzeiht. Und deshalb auf kein Jüngstes Gericht wartet, sondern schon einmal selber die Postapokalypse einläutet. Berühmtestes Filmzitat: „Es gibt bloß eins, was wichtig ist: dass man sterben muss.“

Zwei Szenen mussten im katholischen Italien aus einer ersten Fassung gestrichen werden: Die, in der Django auf einem Friedhof hinter einem Grabkreuz in Deckung geht – und dieses von seinem Gegner mit Kugeln durchsiebt wird. Und die, in dem der Desperado einem Widersacher ein Ohr abschneidet und zum Fressen in den Mund schiebt.

Tarantino verhält sich in Vielem als braver Schüler seines Lehrers. Vor allem punkto makabrem Humor steht er Corbucci in nichts nach. Waltz, getarnt als reisender Zahnarzt, der sich mitten im Nirgendwo des gepflegtesten Ausdrucks befleißigt, bevor er losballert, ist eine Show für sich. Es gibt eine – im Gegensatz zu Corbucci – saukomische Ku-Klux-Clan-Szene; es wird ohne Rücksicht aufs Geschlecht ausgepeitscht und anderweitig gefoltert. Und das ausgerechnet auf Leonardo DiCaprios Gut namens „Candyland“. Man ist dankbar, dass man nicht en detail sehen muss, wie einem „Nigger“ die Augen in den Kopf gedrückt werden; ein anderer, der von Hunden zerfetzt wird, trennt sich allzu offensichtlich als die Stoffpuppe auf, die er ist. Dass Franco Neros „Django“ von seinem Feind die Hände zertrümmert werden, deutet Tarantino an, lässt es DiCaprio aber nicht ausführen.

Anzurechnen ist dem Amerikaner, dass er sich via Jamie Foxx mit dem unaufgearbeiteten Kapitel der Sklaverei in den USA auseinandersetzt.

Das ist Verdienst und Problem von „Django Unchained“ zugleich – und da soll gar nicht darüber philosophiert werden, warum ein ehemaliger Sklave so einen flotten Umgang mit der Flinte pflegt. Aber eine Ehefrau? Und die 165 Minuten lang suchen? Und mit der dann ein glückliches Leben als der schnellste Schütze im Süden führen? Sorry, Quentin, das geht sich nicht aus. Django als verliebter Göttergatte ist wie Schnitzel mit Tunke.

Da hätten die beiden ja gleich dem Nordstern folgen können, Jamie Foxx wäre den Unionstruppen beigetreten und später in Fort Sumter verreckt …

www.unchainedmovie.com
www.djangounchained.de

Von Michaela Mottinger
Wien, 19. 1. 2013

Geschichte einer Nobelherberge

06.01.2013. Von Michaela Mottinger http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

In „Das Adlon“ auf ORF 2 (Sonntag, 20.15 Uhr) wird die Geschichte des gleichnamigen Berliner Hotels erzählt.

Er könne sich, sagt Heino Ferch, vor allem an die großartige Big Band des Adlon erinnern. 1997 war das. Und der Anlass die Premiere der „Comedian Harmonists“, ein Kinofilm, in dem Ferch eine der Hauptrollen spielte.

1997 hatte das Adlon schon drei politische Systeme überdauert. Die Kaiserzeit, die Nazis, die DDR. Es lag, wie das ganze Land, in Trümmern. Und wurde doch von der Ruine wieder zur Nobelherberge aufgebaut.

Produzent Oliver Berben und Regisseur Uli Edel setzen dem Hotel in einem TV-Dreiteiler (6., 7., 9. Jänner, 20.15, ORF 2) nun ein filmisches Denkmal. Am 7. Jänner im Kulturmontag: Die Doku „Adlon verpflichtet“ von Dagmar Wittmers.

„Das Adlon. Eine Familiensaga“ verbindet die reale Geschichte der Familie Adlon über vier Generationen mit der fiktiven Figur Sonja Schadt, der Tochter eines Hausangestellten. Sie ist es, die die große güldene Welt oben mit der der kleinen Leute unten verbindet. Ihr Leben ist aus Briefen von Angestellten, die das Adlon in seinem Archiv aufbewahrt, gespeist, um es so authentisch wie möglich zu erzählen.

„Unser Projekt ist viel mehr als ein Hotelfilm“, so Oliver Berben. „Das Adlon ist ein Zeitzeuge. Es erzählt eine Vielzahl von Geschichten und hütet unzählige Geheimnisse. Bei einem so altehrwürdigen Haus einmal durch das Schlüsselloch zu spähen, all die Komödien und Tragödien zu erforschen, die sich darin abspielten, war für mich das Spannendste an der Arbeit.“
Die nicht weniger als drei Jahre dauerte.

Regisseur Percy Adlon („Zuckerbaby“, „Out of Rosenheim“, „Mahler auf der Couch“), ein unehelicher Hoteliers-Spross, der 1996 mit dem TV-Film „In der glanzvollen Welt des Hotel Adlon“ selbst schon einmal dessen Geschichte aufarbeitete, stand dem Team als Konsulent zur Seite. Ferch, der Louis Adlon spielt: „Über Percy Adlons Film habe ich mich dem Thema angenähert. Außerdem habe ich das Buch ,meiner‘ Frau Hedda, die von Marie Bäumer verkörpert wird, gelesen. Sie schildert die Geschehnisse aus ihrer Sicht und weiß viele Fakten.“

Stars und Kostüme

103 Rollen wurden für das Fernsehspektakel gecastet. Neben Ferch und Bäumer unter anderem Rosemarie Fendel, Burghart Klaußner, Thomas Thieme, Sunnyi Melles, Wotan Wilke Möhring und Jürgen Vogel. Viele Figuren sieht man im Wandel der Jahrzehnte – weshalb Vogel auf die Frage, was das Anstrengendste am Dreh war, auch stöhnte: „Die Maske!“

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„Ich hatte mindestens fünf Perücken und maßgeschneiderte Silikonteile, um im Laufe der Zeit 70 Jahre alt zu werden“, lacht Ferch. Marie Bäumer erzählt: „Ich habe mir einen Gürtel aus Gardinenblei nähen lassen, um gebeugter zu gehen.“Dafür durfte sie als junge Hedda ausgiebig reiten. Das tut sie nämlich gern. Hat schließlich auch der um ihre Sicherheit besorgte Produzent eingesehen.

 

 

Gute Manieren, falsche Bilder

„Der letzte Weynfeldt“: Ein Fernsehfilm nach Martin Suter mit Stefan Kurt in der Titelrolle.

05.01.2013, Von Michaela Mottinger http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

Ein bankrotter Freund bittet Kunsthändler Adrian Weynfeldt, das Gemälde „Femme nue devant une salamandre“ von Félix Vallotton in seine nächste Auktion zu bringen. Der Freund besitzt vom Bild Original und Fälschung. Da taucht eine Femme fatale auf – und eine weitere Fälschung. Die wird versteigert. Und das Original besitzt … eine originelle Schlusspointe.

2008 erschien der Roman „Der letzte Weynfeldt“ von Martin Suter. Eine Mischung aus Komödie, Thriller und Liebesgeschichte. Der Bestseller wurde verfilmt; das ZDF zeigt ihn am  5. Jänner um 21.45 Uhr.

Der Schweizer Autor, ein bekennender Fernsehfreak, ließ sich vertraglich zusichern, dass er bei der Wahl der Produktionsgesellschaft und der Regisseure mitreden dürfe. Und stellte für das Projekt sonst nur eine Bedingung: ein Schweizer Schauspieler, der wunderbare Stefan Kurt, der 2012 auch bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne stand, sollte den Weynfeldt spielen. Man kennt einander schon von anderen Produktionen. „Und jedes Mal war er wunderbar“, so Suter.

„Stefan verleiht Weynfeldt genau die Mischung aus vermeintlicher Überheblichkeit und Bescheidenheit, die die Figur im Roman auszeichnet.“

Auch Stefan Kurt war von der Rolle sofort angetan: „Ich liebe es, diese zurückgenommenen Charaktere zu spielen. Das liegt mir im Blut. Wahrscheinlich steckt in Adrian Weynfeldt einiges von meiner eigenen Person. Weynfeldt ist eher der stille Beobachter, er reagiert, statt dass er agiert. Das muss man sehr minimalistisch spielen, diese Contenance in jeder Situation. Ich habe mir dafür einen speziellen Gesichtsausdruck zurechtgelegt.“

Weynfeldt ist wie aus der Zeit gefallen. Seine antrainiert guten Manieren lassen ihn oft überheblich wirken. Die Fassade beginnt erst zu bröckeln, als ihm Marie Bäumer als Lorena, die damenhafteste Schlampe, die man im Fernsehen je gesehen hat, und ihr Liebhaber/Zuhälter Pedroni alias Nicholas Ofczarek, nachstellen. Mit immer neuen Erpressungsgeldforderungen.

Erlesene Besetzung

Auch die übrige Besetzung ist erlesen: Vadim Glowna spielt Dr. Baier, den insolventen Vallotton-Besitzer; Annemarie Düringer ist die ob der neuen Dame des Hauses, Lorena, missmutige Hausdame Frau Hauser.

Für Stefan Kurt, sehr gern Ausstellungsbesucher, aber ahnungslos in Sachen Kunstfälschung, waren die Dreharbeiten lehrreich. Vor allem die Begegnungen mit Experten Christoph Keller, der als Berater zur Verfügung stand. „Kunstleute umgibt ein anderer Geist“, so Kurt. „Das ist ein eigener Menschenschlag. Hochgebildet, sehr höflich, aber auch sehr bestimmt.“

Stefan Kurt hat sich das alles durch die Lektüre diverser Knigge-Bücher und einen Schnellkurs bei Isa Gräfin von Hardenberg angeeignet.

Was er sich für seinen Weynfeldt wünscht? „Dass die Zuschauer Empathie für diesen verschrobenen Menschen entwickeln.“