Leitung des Tanzquartier Wien neu ausgeschrieben

April 19, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stadt Wien sucht einen Nachfolger für Walter Heun

Meg Stuart: Until our hearts stop. Zu sehen ab 29. April. Bild: © Iris Janke

Meg Stuart: Until our hearts stop. Zu sehen ab 29. April. Bild: © Iris Janke

Die künstlerische Leitung für das Tanzquartier Wien wird neu ausgeschrieben. Nach zwei erfolgreichen Perioden unter Kurator, Produzent und Netzwerker Walter Heun soll das Haus nach dem Willen der Stadt Wien in neue Hände gegeben werden. Bewerbungen sind bis 10. Juli 2016 möglich. Die neue Intendanz beginnt mit 1. Jänner 2018, läuft Ende der Saison 2020/21 aus und kann einmal verlängert werden.

Zentrale Aufgabe ist, so Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny in einer Aussendung, „die künstlerische Leitung und zeitgemäße Weiterentwicklung eines im internationalen Kontext agierenden Hauses für zeitgenössischen Tanz und Performance“. „Damit die künstlerische Arbeit im Tanzquartier Wien weiter so gut läuft wie aktuell, muss man sie Veränderungen aussetzen“, so Mailath-Pokorny. Die Bewerbung von Frauen wird besonders begrüßt.

Künstlerischer Intendant Walter Heun. Bild: © Gregor Titze

Intendant Walter Heun. Bild: © Gregor Titze

Gesucht wird eine Persönlichkeit mit unter anderem fundierten Kenntnissen des zeitgenössischen österreichischen und internationalen Tanz- und Performanceschaffens sowie spartenübergreifender Kunstkompetenz. Außerdem wird Berufserfahrung in der Programmierung von Spielstätten sowie Erfahrung in der Entwicklung innovativer Konzepte zur Vermittlung von zeitgenössischem Tanz und Performance und zur Erschließung neuer Publikumsschichten erwartet.

Dazu Walter Heun: „Dass die Intendanz zur Ausschreibung gelangt, ist ein normaler Prozess nach beinahe zwei Perioden. Das Team und ich blicken bereits vorfreudig auf die kommende Saison, in der das Tanzquartier sein fünfzehnjähriges Jubiläum begehen wird.“

www.tqw.at

Wien, 19. 4. 2016

Theatergruppe FC Bergman im Tanzquartier Wien

März 5, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Österreichische Erstaufführung von 300 el x 50 el x 30 el

Termin. 6. und 7. März, 20.30 Uhr.

„Wir wollen Projekte machen über Menschen, die sich bemühen, ihr Leben zu gestalten, und immer wieder scheitern.“ (FC Bergman)

Bild: © Sofie Silbermann

Bild: © Sofie Silbermann

Eine Waldlichtung und viele kleine Hütten im Halbrund arrangiert – was in den ärmlichen Behausungen vor sich geht, vermittelt sich über die Leinwand, die über der Szenerie schwebt. Die Kamera wird uns vom Treiben der BewohnerInnen der Häuschen erzählen. Und so berichten die Erzählebenen aus Bühnengeschehen und Film bereits für sich von Distanz, Abgeschlossenheit und einem Godot’schen Warten, dem die Protagonisten dieses „Theaterstückes über das, was man nicht sieht“, anheimfallen. Die filmische Komponente gibt emotionale Distanz, lässt die Einzelschicksale, die uns aus den Hütten erreichen, entrückt erscheinen und erlaubt gerade dadurch eine Nähe zwischen uns – dem Publikum – und den Menschen des Dorfes, die in der Entität ihrer Hütten und ihrer Leben verharren.

Bilder von Magritte, Filme von Buñuel und auch der für die Truppe namengebende Ingmar Bergman werden über Verweise beschworen. Die Religion erschließt sich über Symbolhaftes – die Schlange, das tote Lamm –, und in den Hütten regieren die Todsünden. So unersättlich eine gierige Frau das ganze Stück über ihren hungrigen Mund füllt, so wenig erhört werden auch die Sehnsüchte der anderen Figuren, denen wir hier begegnen. Mittendrin entflicht sich eine Liebesgeschichte zwischen einem Soldaten und einem jungen Mädchen aus zwei der Hütten – eine Don-Quijote-Erzählung auf Zehenspitzen gegen die Windmühlen der Ängste. Doch auch diese Geschichte muss scheitern – und dennoch bedeutet der Fluchtversuch der beiden eine Erschütterung. Dies mag eine der Komponenten sein, die schlussendlich Räume öffnen und das Absolute in seine Schranken weisen – ein Theaterereignis!

FC Bergman geht es in diesem Stück um die Machbarkeit des Lebens und die Machbarkeit von Gesellschaft. Eine Generation von Nichtutopisten bekommt den Kampf gegen Windmühlen vorgeführt – die Schönheit des »ewigen Bemühens, ewigen Scheiterns« wird in den Fokus gerückt. Diese Schönheit findet sich umzingelt von Bildern, die die Dorfgemeinschaft in religiösen Dynamiken, in Ängsten und einer aussichtslosen Sinnsuche eint.

Zu den Künstlern:

Die belgische Theatergruppe FC Bergman besteht aus sechs KünstlerInnen – Stef Aerts, Joé Agemans, Bart Hollanders, Matteo Simoni, Thomas Verstraeten und Marie Vinck. Zusammen haben sie eine ganz eigene theatrale Sprache entwickelt, die anarchisch und leicht chaotisch, vor allem aber visuell und poetisch ist. Anstelle von Worten nutzen sie Bilder, erzählen Geschichten, jedoch ganz ohne dramatypische Narrative, und gestalten ihre Stücke oft als Happenings. Der Live-Aspekt ihrer Performances ist ihnen dabei sehr wichtig. In den früheren Produktionen stand häufig der sich abmühende Mensch im Mittelpunkt.

www.fcbergman.be

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=GFelLOkDjXo

Wien, 5. 3. 2015

Tanzquartier Wien: M!M

Oktober 23, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Performance auf dem Ballhausplatz

Mikael Marklund Bild: Tanzquartier Wien

Mikael Marklund
Bild: Tanzquartier Wien

Am 24. Oktober wird auf dem Ballhausplatz getanzt. Der Entwurf des deutschen Künstlers Olaf Nicolai ging 2013 als Sieger des Wettbewerbs für ein Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz hervor.  Ein überdimensionales, liegendes „X“, wird anlässlich der Eröffnung mit einem performativen Akt des Choreografen Laurent Chétouane auf Einladung des Tanzquartier Wien bespielt. Die Choreografie M!M, die sich mit Jacques Derridas „Politik der Freundschaft“ auseinandersetzt,  schreibt sich dabei in das von Nicolai inszenierte Erinnern an Vergangenheiten und seine Hommage an gegenwärtige Zivilcourage ein. Diese auf den Ort bezogene Solovariante von M!M wurde von Laurent Chétouane mit dem Tänzer Mikael Marklund  gemeinsam erarbeitet. Das Stück tritt so in Dialog mit der Inschrift des Denkmals; deren Kombination der Worte „all / alone“, die ein concrete poem des schottischen Künstlers Ian Hamilton Finlay zitieren, wird so im Spannungsfeld der möglichen Interpretationen „ganz alleine“ bis „alle alleine“  erfahr- und diskutierbar.

Der Eintritt ist frei.

Zu den Künstlern:

Laurent Chétouane (geb. 1973 in Soyaux/Frankreich) absolvierte nach einem Ingenieurstudium ein Studium der Theaterwissenschaft an der Sorbonne und der Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/M. Seit 2000 zahlreiche Inszenierungen an großen Bühnen u. a. in Hamburg, München, Weimar, Köln, Athen, Oslo, Zürich. Daneben seit 2006 fünfzehn tänzerische Projekte mit internationalen Gastspielen in Frankreich, Italien, Holland, Belgien, Österreich, Schweiz, Türkei, Norwegen, Russland, Japan. Chétouane erhielt 2008 die Wild Card der RUHR.2010 und den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für hervorragende junge Künstler. Kontinuierliche Lehrtätigkeit an diversen Universitäten (Frankfurt, Berlin, Gießen, Bochum, Bern, Hamburg, Leipzig, Bern, Oslo).  Am 1. Oktober wurde BACH/PASSION/JOHANNES  in Hamburg uraufgeführt, u.a. koproduziert vom Tanzquartier Wien, wo es am 12. und 13. Januar 2015 gastieren wird.

2002 – 2004 studierte Mikael Marklund Tanz in Stockholm an der Schwedischen Ballett Akademie. Danach setzte er seine Ausbildung bei P.A.R.T.S. in Belgien weiter fort. Während seiner Ausbildung erarbeitete er drei eigene Projekte: „Untitled Trio“ (2006), „King of my castle“ (2007) und „Deep Artificial Nonsense Concerning Everything“ (2008). Von 2009 bis 2012 war Mikael Marklund Mitglied bei Anne Teresa De Keersmaeker Kompanie Rosas. Das Solo „O“, uraufgeführt beim Festival d’Avignon im Juli 2012, war die erste gemeinsame Arbeit mit Laurent Chétouane.

In Kooperation mit KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien

www.tqw.at

Wien, 23. 10. 2014

Claudia Bosse: what about catastrophes?

April 2, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Theaterkombinat im Tanzquartier Wien

Bild: © Claudia Bosse

Bild: © Claudia Bosse

Claudia Bosse und ihre Kompanie theatercombinat sind für ihre radikalen und politischen Arbeiten bekannt. In ihrem neuen Stück what about catastrophes?, das am 10. April im Tanzquartier Wien uraufgeführt wird, treibt Claudia Bosse / theatercombinat das Theater einmal mehr an seine Grenzen. Lustvoll treibt sie die performativen Variationen zur Katastrophe das Theater an die Möglichkeiten des Unmöglichen.

what about catastrophes? versammelt ein Ensemble von fünf Tänzern und Performern auf unsicherem Grund und erkundet in performativen Variationen die Grammatik der Katastrophe. Claudia Bosse sondiert körperliche Grenzen, spielt mit der Fragilität von Leibern und der Verletzbarkeit von Systemen. In einer Choreographie zerklüfteter politischer Landschaften, sich im Sturz befindender Körper, rituellen Bewegungen, Sprachfragmenten und Soundflächen entsteht in der Halle G des Tanzquartiers ein Raum sich überlagernder Stimmen und Handlungen mit persönlichen Gedanken über Revolution, Bürgerkrieg, Freiheit, Terrorismus, das Subjekt und Demokratie. In diesem komplexen Ereignisraum kann sich der Zuschauer bewegen und ist eingeladen, die Perspektive zu wechseln: auf Körper, die in Erschütterungen geraten und zugleich die Beschleunigungsmaschine aus Kapital, Medien und Katastrophe zu verunsichern suchen. In what about catastrophes? begegnen persönliche Gedanken über Demokratie, Terrorismus, Freiheit, Revolution, Zukunft und Bürgerkrieg Körpern in Extremsituationen und treiben das Theater an den Rand seiner Darstellbarkeit.

what about catastrophes? ist Teil des Langzeitprojekts katastrophen (11/15) ideal paradise von Claudia Bosse und einer Gruppe internationaler Künstler, Tänzer, Performer und Theoretiker (mit: Nathalie Rozanes, Alexandra Sommerfeld, Florian Tröbinger, Kostas Tsioukas und Elizabeth Ward) und untersucht bis Ende 2015 die Struktur der Katastrophe als Kippbild der Gesellschaft. Dabei greift Claudia Bosse auf ihre Sammlung aus Interviews zurück, die seit 2011 aus Gesprächen zu persönlichen Narrativen über Demokratie, Freiheit, Terrorismus, Staat, Geschichte, Identität in Städten wie New York, Kairo, Tunis, Frankfurt, Zagreb, Tel Aviv, Brüssel, Beirut entstanden ist. Der nächste Teil mit dem Titel catastrophic paradise wird im September 2014 in Düsseldorf in Koproduktion mit dem FFT im Rahmen der Reihe „DECOLONIZE! Performative Strategien für ein (post)koloniales Zeitalter“ uraufgeführt, unterstützt von der Kunststiftung NRW. Mehr darüber: claudiabosse.blogspot.co.at

www.theatercombinat.com

www.tqw.at

Wien, 2. 4. 2014

The Forsythe Company im Tanzquartier Wien

März 28, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Yes We Can’t

Bild:  © Dominik Mentzos

Bild: © Dominik Mentzos

Nach dem großen Erfolg von Sider im Dezember 2012 kehrt die Forsythe Company am 4. und 5. April endlich wieder mit einem neuen Stück ins Tanzquartier Wien zurück! Yes We Can’t ist eine humorvolle, intelligente und unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem Scheitern. Neben Pina Bausch und Merce Cunningham ist William Forsythe einer der renommiertesten Choreografen des zeitgenössischen Tanzes. Aus dem Bewegungsmaterial des klassischen Balletts schöpfend hat er eine eigene, unverwechselbare choreografische Sprache entwickelt, die inzwischen Generationen von KünstlerInnen inspiriert hat.

In Yes We Can’t dreht sich alles um das Spektakel des Ringens um die außergewöhnliche Darbietung, das stets vom Angstgespenst des Scheiterns heimgesucht wird. Und frei nach Becketts Aufforderung „Try again. Fail again. Fail better.” Wird das Malheur absichtsvoll inszeniert und enthüllt so, auf ironisch-humorvolle Weise, dass die Fassade des ausgezeichneten Darbietungsniveaus stets unhaltbar und unvollkommen ist. Die Forsythe Company zeigt sich in Bestform und präsentiert mit viel Spiellust und der Virtuosität einer Weltklasse-Kompanie, dass man auch lustvoll Scheitern kann.

Kein Einlass für Kinder unter 12 Jahren.

www.tqw.at

Wien, 28. 3. 2014