Wiener Festwochen: Die Passagierin

Mai 21, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein großes Werk ganz großartig dargeboten

Anna Ryberg (Katja), Jenny Carlstedt (Vlasta) und Sara Jakubiak (Marta) und das Ensemble. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Sara Jakubiak als Marta (re.) mit Anna Ryberg, Jenny Carlstedt und Ensemble. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Erst die Oper hätte ihre Geschichte in ihrer ganzen Emotionalität ausdrücken können, sagte Zofia Posmysz in einem Interview. Und es ist schon so, dass inmitten all der dargestellten Gräuel, des Hasses und der ständigen Todesangst, die Seele die Szenen am wenigsten aushält, in denen die Menschen zueinander Mensch sind.

Die Partisanin Katia schwärmt von der Weite ihrer Heimat Russland, Krysztina träumt vom wiederaufgenommenen Studium, die kleine Yvette gibt der alten Bronka Französischunterricht, weil beide ja bald frei und dann in Paris sein werden. Je vis – ich lebe, tu vis – du lebst, elle vit – sie lebt. So steht es auch in großen Lettern an der Bühnenrückwand, die festgeschriebene Hoffnung, und die Häftlinge umarmen einander. Nur Marta wünscht sich zu Versen von Sandor Petöfi, dass sie endlich in Frieden und im Sonnenschein sterben dürfe. „Das Herz erzittert, weil Erinnerung es durchzog“, auch das ein Zitat des ungarischen Dichters.

Bei den Wiener Festwochen hatte Anselm Webers exemplarische Inszenierung von Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ Österreich-Premiere, ein Gastspiel der Oper Frankfurt im Theater an der Wien. Weinberg, erst von Hitler, dann von Stalin verfolgter jüdischer Komponist, und sein Librettist Alexander Medwedew hatten sich Zofia Posmysz‘ Novelle „Pasażerka“ zur Vorlage genommen, in der die Auschwitz-Überlebende entlang ihrer Biografie vom Wiedererkennen zweier Frauen erzählt. Posmysz, polnische Journalistin, heute 92 und eine unermüdliche Zeitzeugin, wurde beim Verteilen von Flugblättern in Krakau verhaftet und ins KZ verbracht; die US-Armee befreite sie 1945. In „Die Passagierin“ treffen nun ihr Alter Ego Marta und die ehemalige Aufseherin Lisa in den späten 1950er-Jahren auf einem Luxusliner aufeinander. Lisa glaubte Marta tot, ihr Mann Walter, ein BRD-Diplomat mit Mission in Brasilien, weiß nichts vom verhängnisvollen Vorleben seiner Frau …

Weinbergs Musik changiert zwischen bitter-lyrisch und beinah karikaturhaft, ihre Farben reichen von Jazz bis Folkore, dann wieder übertrumpft das Atonale jede Tonalität. Weinberg zitiert, parodiert, macht die Chansons von Edith Piaf zu Tanzmusik, verwandelt Beethovens Schicksalsmotiv aus der Fünften in Appellfanfaren, demonstriert Widerstand mit Bachs berühmter Chaconne aus der d-moll-Partita. Und obwohl es lärmend losgeht, mit einem Aufbrausen der Schlagzeugbatterie, überwiegen an diesem Abend die Stille und Sparsamkeit eines Kammerspiels. Christoph Gedschold dirigiert das Frankfurter Opernorchester mit großem Sinn für diese musikalische Dramaturgie. Er zeichnet weiche Linien, und lässt es doch an scharfen Kanten nicht fehlen. Eine Leistung von schmerzhafter Genauigkeit. Sarkastisch der Tonfall, mit dem Libretto und Musik festhalten, wie sich Lisa um Kopf und Kragen redet und nicht begreifen will, warum sie schuldig sein soll. Unerträglich schön die an die Unendlichkeit klingenden Ensembleszenen im Lager, in denen sich die Frauen hinausträumen in ein neuentstehendes Leben. Dann wieder, plötzlich, da atmet das Ehepaar erleichtert auf, der Stewart nennt die Passagierin eine Britin!, und das Orchester bricht in begeisterte Dur-Akkorde aus und zitiert den Anfang von „Rule Britannia“. Gesungen wird vielsprachig, russisch, polnisch, jiddisch, deutsch, französisch, englisch.

Tanja Ariane Baumgartner und Sara Jakubiak. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Tanja Ariane Baumgartner, Sara Jakubiak und Ensemble. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Brian Mulligan (Tadeusz) und Michael McCown (Kommandant). Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Brian Mulligan  als Tadeusz. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Man ist berührt, zu Tränen gerührt, von den Erinnerungen Posmysz‘ und von Weinbergs fantastischer Musik, die auf so vieles anspielt und, wie es Worte gar nicht könnten, Figuren charakterisiert, Stimmungen malt, Gedanken abbildet und in Klang verwandelt. Die Aufführung entwickelt einen suggestiven Sog, dem sich nicht zu entziehen ist. Regisseur Weber und seine Bühnenbildnerin Katja Haß haben maßgeblichsten Anteil an diesem Erfolg. Im Wissen, dass man Auschwitz nicht ästhetisieren kann, haben sie sich für eine Optik entschieden, die gerade im abstrahierenden Abstandhalten Nähe schafft.

Auf der Drehbühne wechselt eine weiße Luxusdampferwelt mit dem Dreck einer Baracke, zweitere, der ganze Schrecken der Vergangenheit, quasi im Schiffsbauch der ersteren, wie nahtlos gehen die beiden Orte ineinander über, die schöne neue Realität und der Albtraum der Erinnerung, nur durch eine kleine Wendung, oftmals von den Figuren unbemerkt. So geht Walter irgendwann die Treppe hinunter und durchs KZ, der Steward erscheint Lisa als dessen ehemaliger Kommandant in Uniform. Hinter den Türen zerlumpte Gestalten: die Gefangenen haben Glatzen, die gestreiften Kittel schlottern an ihren Körpern. Weber hat seine Solisten und das Ensemble so behutsam wie präzise angeleitet, niemand hat hier Gelegenheit in die oft so typischen Opernsingposen zu fallen. Und an die Bretterwände geschrieben Botschaften. Von Liebe, und davon, dass Kiew schon gefallen ist. Durchhalten! Dazu die Nameslisten der Opfer. Zur Pause wagte das Publikum ob dieses Gefühlsansturms nicht einmal zu applaudieren, erst am Ende tosten Jubel und Bravorufe los.

Die galten in Wien vor allem den beiden Protagonistinnen. Sara Jakubiak brilliert als Marta, eine kräftige, empörte, selbstbewusste Partie, und Jakubiak singt sie so klar und durchdringend, als sei sie ihr auf den Leib geschrieben. Die Celesta, das Engelsinstrument, ist das ihre, es begleitet sie durch die KZ-Szenen ebenso wie durch die, in denen sie sich wie ein Phantom unter die bessere Schiffsgesellschaft mischt; schließlich wird die Bühne ihr gehören, für einen letzten Aufschrei: Ich werde euch nie vergessen! Tanja Ariane Baumgartner singt die Lisa mit dunklem Timbre. Ihre Herzensaufwallungen gibt das Xylophon wieder, als wär’s der Pulsschlag, der pochend fragt, ob das alles wahr sein kann. Im Lager ist sie schmeichelnde Verführerin, die die beängstigend klaustrophobische Atmosphäre für ihre Zwecke nutzen will. Peter Marsh überzeugt als Walter mit seinem schön geführten Tenor, heftigst akklamiert ist freilich Brian Mulligan als Widerstandskämpfer Tadeusz, Martas Verlobter, ein Violinist, der sich weigert dem Kommandanten dessen Lieblingswalzer vorzugeigen. Den lässt zum Schluss Marta von der Kapelle auf dem Schiffsball spielen …

„Erst, wenn das Echo ihrer Stimmen verhallt, gehen wir zugrunde“, diesen Spruch des Résistance-Kämpfers Paul Éluard haben Weinberg und Medwedew ihrer Oper vorangestellt. Und Zofia Posmysz, sie möge 120 werden, ist am 21. Mai im Festwochen-Zentrum im Künstlerhaus bei einem Salongespräch dabei. „Die Nacht dauert nicht ewig“, singt Tadeusz in der Oper. Gut achtgeben. Damit auch morgen die Sonne scheint.

Video, Interview Zofia Posmysz: www.youtube.com/watch?v=MfzK8a1z6co

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 21. 5. 2016

Volkstheater: Die Vögel

September 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sheer Heart Attack

Günter Franzmeier, Till Firit, Chor der Vögel Bild: © Lalo Jodlbauer

Günter Franzmeier, Till Firit, Chor der Vögel
Bild: © Lalo Jodlbauer

Regisseur Thomas Schulte-Michels ist wie „Queen“ (wobei er eindeutig die Rolle von Brian May übernimmt und alle anderen Freddie Mercury sein lässt): Mit jeder Inszenierung erfindet er sich neu, doch der Sound ist immer eindeutig als ein Schulte-Michels zu erkennen. More of most! Bombastisch, fantastisch! Herrreinspaziert, meine Damen und Herren! „Die Vögel“ von Aristophanes hat er sich diesmal als Eröffnungspremiere am Volkstheater vorgenommen. Er lässt das Haus zum 125-Jahr-Jubiläum abheben. Volkstheater – V wie Flügel. Allein schon seine Bearbeitung des 2500 Jahre alten Textes sticht. Von Euro-Junkies ist die Rede, vom Afro-Gesocks. Pisthetairos (Günter Franzmeier) und Kumpan Euelpides (Till Firit) sind nämlich weg aus Athen, um einen migrantenresistenten Ort zu suchen. Den finden sie bei den Vögel – keine Steuern, keine Schulden versprechen König Wiedehopf (Thomas Kamper) und sein Sekretär Marabu (Alexander Lhotzky). Na, da kann man doch bleiben. Und sinistre Pläne schmieden. Heißt: Ein Zwischenreich zwischen Menschen unten und Göttern oben schaffen und so beide in die Knie zwingen. Am Ende siegt der schlimmste Schurke. Pisthetairos. Und die Moral von der Geschicht‘: Moral hilft dir im Leben nicht.

Schulte-Michels arbeitet bei allem circensisch-caotischem Bühnentohuwabohu diesen Aspekt klar heraus: Ein freies Volk wird in eine Diktatur getrieben, von der man ihm auch noch einredet, sie wäre seine Idee gewesen. Der Kannibalismus ist selbst gewählt, die Knechtschaft sozusagen an der Urne angekreuzt, weil da zwei so schön reden und so viel versprechen können. Wo sollte man da anfangen mit historischen und aktuellen Querverweisen? Aristophanes‘ Athen-Schelte steht nur für den Anfang. Schelm, denk’s dir doch aus, sagt Schulte-Michels. Das „Würzelchen, das beflügelt“, davon hat der ganze Abend einen großen Bissen genommen. Auf der Wolkenkuckucksheim-Treppe, dem Verbindungsstück der Welten, nisten die schrägsten, die schrillsten Vögel seit der Erfindung der Laufmasche in Strumpfhosen. Kostümbildnerin Tanja Liebermann hat die Nähmaschine zum Durchdrehen gebracht, bunte Pussy-Riot-Wollmützen und Silberkleidchen erfunden, Federhüte und -boas, Tutus und Tatas. Und zwei, drei Untergatten, diesmal aber blütenrein. Ohne die kann Schumi nicht. Während also die Hetz und die Hatz losgehen, hat Schulte-Michels die Antike immer im Auge: Ein Chor zwitschert beziehungsweise krächzt mit „Schuhu“ Patrick Lammer einwandfreie, vielseitig zotige Lieder bis die Ohren bluten, Franzmeier und Firit alias Protagonist und Antagonist spielen mit den Worten Ping Pong. Und der Gewinner mit den meisten Silben pro Sekunde ist … Nicht immer ist wegen Glöckchengeläut, Trommelwirbel, Beckenschlag alles gut hörbar. Macht nichts. Wer den meisten Lärm macht, ist der Überflieger. Und globales Verständnis doch das Faustschlagwort der Stunde.

Die Volkstheatertruppe glänzt wie meist durch eine hervorragende Ensembleleistung. Man ist hier auf einander eingespielt; Franzmeier und Firit wie zwei Seiten einer Münze. Zahl‘, sagt die eine, sonst rollt der Kopf, sagt die andere. Alle anderen hat die Vogelgrippe voll erwischt. Sehr schön Wiedehopf-Kamper, dessen Federkrone wie die aus dem Weltmuseum entliehene Rache des Montezuma aussieht. Ein Indianer-Zombie. Oder er ist bei all dem Stress schon in der Schreckmauser. Man will doch nisten ohne Kolonisten. Und dann liefert erst Ronald Kuste als ungeratener Sohn ein Kabinettstück ab, bevor der Gesetzes-Macher-Mensch (Günther Wiederschwinger) auftaucht. Wunderbar: Die Bürokratie als Wiedergänger. So oft kann man sie den Vögeln gar nicht zum Zerhacken vorwerfen, dass sie totzukriegen wäre. Patrick O. Beck ist ein einwandfreier Prometheus; die blutige Leber notdürftig verbunden, verkündet er den Niedergang der Götter. Die schicken denn auch Unterhändler: Rainer Frieb als Poseidon, Haymon Maria Buttinger als Triballer und Erwin Ebenbauer als kochbegeisterten Herakles, der mit glänzendem Goldhaar und neckischem Negligée jeden Senioren-Drag-Queen-Wettbewerb gewinnen würde. Sie müssen Pisthetairos schließlich den Blitz des Zeus aushändigen. Von all den irren Szenen bleibt eine im Hirn hängen, in der es Schulte-Michels ins katholische Kuttenlager verschlägt. Wiedehopf, Marabu und Schuhu als Vorbeter in liturgischen Gewändern. Sehet die Vögel unter dem Himmel: sie säen nicht, sie ernten nicht  und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Nein, nein, es erntet schon jeder, was er sät. Nur die Gerechtigkeit ist dabei keine Maßeinheit.

Oder am Volkstheater vielleicht doch. Schulte-Michels und seine Mitverschwörer haben viel Lust und Liebe in ihr Projekt gesteckt und wurden mit viel Applaus dafür belohnt. Jemand sollte mal mit Fürst Albert reden. Möglicherweise bepreist man den Spielmacher beim Zirkusfestival von Monte Carlo ja mit dem Goldenen Clown.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/thomas-schulte-michels-im-gespraech

Wien, 15. 9. 2014

Volkstheater: Die letzten Tage der Menschheit

Mai 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt – ein Irrenhaus

Thomas Kamper, Alexander Lhotzky, Ronald Kuste, Roman Schmelzer, Marcello de Nardo, Haymon Maria Buttinger, Günther Wiederschwinger Bild: © Lalo Jodlbauer

Thomas Kamper, Alexander Lhotzky, Ronald Kuste, Roman Schmelzer, Marcello de Nardo, Haymon Maria Buttinger, Günther Wiederschwinger Bild: © Lalo Jodlbauer

Es beginnt fast wie der Faust oder ein Shakespeare oder Karl Kraus. Mit Prolog. Da werden die Insassen/Schauspieler und ihre Leiden/Leidenschaften vorgestellt. Nur findet der weder im Himmel noch auf dem Theater (das heißt: das natürlich), sondern im Irrenhaus statt. Die Welt ist ein Lazarett geworden, in Thomas Schulte-Michels großartiger Inszenierung von Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“. Berichten die da oben etwa schon posthum, gehören sie mit ihren weißen Untergatten und ebenso fahl geschminkten Gesichtern, mit ihren „schlecht“ geklebten Glatzen und Haarresten zu den an Leib und Seele Versehrten, die den Ersten Weltkrieg als Untote überlebten? Und/oder sind es schon ihre verwirrten Geister, die zu uns sprechen?

Schulte-Michels ist etwas Wunderbares gelungen. Er hat Kraus‘ niemals zur Bühnenaufführung gedachtes „Marstheater“ neu verwandelt, sich anverwandelt. Ein Stoff, den jede Maturaklasse intravenös verabreicht kriegt. Ein Text, bei dem man Helmut Qualtinger in jeder Szene im Ohr hat: Die Stimme, die „Bumsti!“ ruft. Und nun das Gefühl: „Winter in den Karpathen“, das gehört auch dazu. Sie haben keine Kriegsmoral, diese Lumpen, obwohl man sie nächtens bei Frost nackt im Freien stehen lässt. Nein, bevor sie kämpfen, erfrieren sie lieber … „Man kommt gar nicht mehr dazu, human zu sein.“ Grausam ist die auf eindreiviertel Stunden gekürzte Fassung mit den übergangslosen Szenen des Regisseurs. Aber Lachen machen einen seine Gaukler. Haymon Maria Buttinger, Marcello de Nardo, Erwin Ebenbauer, Günter Franzmeier, Rainer Frieb, Tany Gabriel, Thomas Kamper, Ronald Kuste, Patrick Lammer, Alexander Lhotzky, Roman Schmelzer und Günther Wiederschwinger sind in unzähligen Rollen unterwegs. Lammer sorgt darüber hinaus fürs Musikalische; de Nardo ist als eine Art Arzt mit Stethoskop in der Kitteltasche der Spielleiter. Und eine fabelhafte Schalek. So wie sich Rainer Frieb unter anderem als Hansi Niese hervortut, die „unserem Kaiser“ – ein Riesenhampelmann, der von oben auf die Rampe schwebt – ein Busserl aufdrücken möcht‘.

Man kann Satire noch satirisch überhöhen, beweist der Abend. Das Lametta, das die Herren Offiziere an den Uniformen tragen, ist vom Christbaum (Kostüme: Tanja Liebermann). Die Kanonen schießen Konfetti. Eine U-Boot-Mannschaft trägt Zeitungspapierhüte. Und immer wieder tritt einer mit dem Aufschrei „Jetzt reicht’s aber!“ auf einen der Knallfrösche, die auf dem Boden verteilt sind. Franz-Joseph-Büsten mit blinkenden roten Augen gibt’s en masse. Viele gehen freiwillig oder unfreiwillig zu Bruch. Und gab dem Kaiser einen ganz kleinen Stips, und da war er aus Gips … Gespielt wird mit Tempo, Tempo, Tempo. Ein Irrsinn im Irrenhaus. Und ein weiterer Grund für die österreichisch-deutsch-babylonische Sprachverwirrung. Es fehlt k.u.k. eben die „Urganisation“ der Piekfe; dafür haben wir das absurde „Je ne sais quoi„. Schön arbeitet Schulte-Michels heraus, wie aus der fatal fröhlichen Falscheinschätzung der Situation allmählich Katastrophenstimmung wird. In solchen Momenten hat etwa Günter Franzmeier seine besten.

Wie wohl es freut, dass der Ausnahmeschauspieler Haymon Maria Buttinger auch für diese Produktion gewonnen werden konnte, und ihr schließlich ein Ende setzt, ist die Arbeit eine einzige große Ensembleleistung. Chapeau vor allen, die die Straßen Wiens und Berlins bevölkern, in Kanzleien und Kasernen, in Hinterhöfen und großbürgerlichen Wohnungen, in Wallfahrtskirchen, in Friseursalons und Redaktionen, an Fronten und in der Etappe – im Lazarett sitzen. Chapeau vor allen Erzherzögen, Militärs und Zivilisten jeglicher sozialen Schattierung, jeder Mittelmäßigkeit und angetan von jedem politischen Verbrechen, blutrünstigen Patriotismus, Profitgier oder Phrasendrescherei. Ein kriegsgegnerischer Irrenhäusler wird kurzerhand erschossen. Auf de Nardos Prolog folgt sein Epilog. Nur Gottes letzte Worte „Ich habe es nicht gewollt“ fehlen. Wahrscheinlich wurde Er gerade mit Elektroschocktherapie oder kalten Bädern behandelt. Drei Mal, sagte Schulte-Michels im Interview, hätte er Kraus‘ Buch an die Wand geworfen und geflucht, warum er sich das Ganze antue. Ein Glück, dass er es ein viertes Mal aufgehoben hat.

www.volkstheater.at

Wien, 2. 5. 2014

Brillante Gogol-Groteske am Volkstheater

März 23, 2013 in Bühne

Die Rocky Horror Revisor Show

Volkstheater Der Revisor

Günther Wiederschwinger, Matthias Mamedof, Alexander Lhotzky, Marcello de Nardo, Günter Franzmeier, Thomas Kamper
Bild: © Lalo Jodlbauer

Eine acht Meter lange, steil emporsteigende Treppe. Das fordert den Nacken der Zuschauer ebenso wie die Knie der Darsteller. Oben: Ein güldener Rundbogen mit Vorhang. Zirkusatmosphäre: In unserer nächsten Abteilung sehen Sie …

Regisseur Thomas Schulte-Michels (gleichzeitig verantwortlich für Bühnenbild und Textfassung) hat dem Volkstheater Wien einen „Revisor“ beschert, der seinesgleichen sucht. Und – zumindest derzeit – nicht zu finden sein wird. Denn der Theatermacher, der für seine Interpretation von Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ am Haus mit einem „Nestroy“ ausgezeichnet wurde, hat Nikolaj Gogols Groteske auf die Spitze getrieben. Dass man am Räderwerk dieser köstlichen Korruptionskomödie die Schrauben noch weiter anziehen kann, ist eine Kunst, die nicht jedermann beherrscht.

Gogol persifliert in seinem 1835 erschienenen Stück „Der Revisor“ eine Anekdote, die Puschkin tatsächlich passiert ist: Chlestakow, ein unwichtiger St. Petersburger Beamter, wird von den Honoratioren einer Kleinstadt für den scharfen Hund gehalten, den man seit Langem erwartet. Weil in dieser Provinzverwaltung jeder gern die Hand aufhält – und das ja irgendwann auffliegen musste. Also wird Chlestakow mit Wein, Weibern und Schmiergeld überhäuft, bis ihm – eigentlich seinem Diener Ossip – die Verwechslung dämmert …

Gern und oft wird das an den heimischen Theatern gespielt (kommenden Sommer in Perchtoldsdorf mit Raphael von Bargen als Revisor). Und gern und oft ist Chlestakow ein Schlaumeier, ein Durchschauer, ein Einsackler, der … hihihi … mit den Dorftrotteln wie mit Marionetten spielt.

Nicht so der großartige Marcello de Nardo. Er hat sich eine unverwechselbare Figur aus dem Stoff geschneidert. Keinen „Teufel“, höchstens einen armen, ängstlichen, einen Tor, zunehmend alkoholisiert – und damit zunehmend ein angeberischer Aufschneider. Köstlich, wenn er lallt, wie nett hier jeder zu ihm sei, während vom Bürgermeister bis zum Postmeister alle seinen Sturz über die Treppe zu verhindern suchen (den liefert dafür Günther Wiederschwinger in einem beinah Hollywood’schen Stunt). In dieser Form ist der Chlestakow für de Nardo eine Paraderolle, in der er neben seinen darstellerischen, mimischen auch seine clownesken Fähigkeiten ausspielen kann.

Die Treppe: Sie dominiert das Agieren des durchwegs auf Hochtouren laufenden Ensembles. Auf ihr wird gestolpert, getanzt, gekrochen, stolziert, alles gefährlich schnell. Schulte-Michels hat das perfekt getimt. Die Schauspieler schonen sich nicht. Furcht vor blauen Flecken ist nicht das Thema des Abends. Eine gute Kondition schon eher. Doch geht einem einmal die Luft aus, ist sogar diese Atemlosigkeit ein vom Regisseur gewünschter Effekt. Schließlich … muss … hier … ja … jeder … schauen … wo … er … bleibt.

Die „Würdenträger“, die Schulte-Michels auf die Bühne stellt, sind Gespenstergestalten, skrupellos, gruselig geschminkt, in unsauberen Untergatten (Kostüme: Tanja Liebermann). Vor allem Günter Franzmeier als buckeliger, langzotterter Bürgermeister erinnert an Frank’n’Furters Höllendiener Riff Raff (so kam’s zur Überschrift dieser Rezension). Erwin Ebenbauer gibt den Kreisrichter als Geck mit Zylinder. Alexander Lhotzky und Claudia Sabitzer können als Schulinspektor nebst Gattin nicht mehr als ein paar Blumen und viel mundgeruchiges Geschwätz offerieren. Thomas Kamper ist ein dämonischer Hospitalverwalter, der seine Kranken vor der Inspektion „entfernt“ hat, Rainer Frieb ein herrlich dümmlich-stotternder, aber am Ende den Irrtum aufdeckender Postmeister. Matthias Mamedof zeigt als Gutbesitzer wieder einmal, dass er ein herzhafter Komödiant ist, so wie Christoph F. Krutzler als Polizist. Susa Meyer und Andrea Bröderbauer als Bürgermeistersgattin und –tochter (die auch noch zur betrogenen Braut wird) sind von herrlicher Schlampenhaftigkeit. Eine Schreckschraube in Kreischgelb und eine Babyspinne in Damisch-Türkis. Wie es sich in jedem guten Zirkus gehört, spielen sie das Publikum an, beziehen es in ihre erotischen Überlegungen mit ein. Jede braucht Rat, wie sie den hohen Rat in ihr Bett kriegt.

Eine kleine, sehr feine Rolle hat Till Firit als Chlestakows Diener Ossip. Auch er beherrscht das Clownsein. Nur ist er der Kluge. Und daher widerspenstig, wie jeder Untergebene, der intelligenter ist, als sein Vorgesetzter. Immerhin rät er rechtzeitig zum Aufbruch …

Also: Viel Applaus, viele Bravos.

Das Volkstheater ist diese Saison the place to be. Das beweist das Team um Michael Schottenberg mit dieser Produktion einmal mehr.

www.volkstheater.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ECewrK4iaRM&list=UUb640SHy2IYBJQ3d3QBhgYQ&index=2

www.mottingers-meinung.at/interview-mit-marcello-de-nardo

www.marcellodenardo.net

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 23. 3. 2013