Tania Golden und Nina C. Gabriel: Sheherasaden. Autorinnen unterm Halbmond über Sex und Politik

Dezember 15, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Beischlaf ist die Kostprobe fürs Paradies

Nina C. Gabriel. Bild: Ludwig Drahosch

„Gepriesen sei Gott, der zu des Mannes größter Wonne die Geschlechtsteile des Weibes schuf und die Geschlechtsteile des Mannes dazu bestimmte, dem Weibe den höchsten Genuss zu gewähren.“ Ja, der gute alte Scheikh Nefzawi wusste schon, was er im frühen 15. Jahrhundert in sein orientalisches Ehehandbuch „Der duftende Garten“ schrieb. Erotische Geschichten und Gedichte zur „Erbauung des

Gemüts“, Ratschläge zur Verabreichung von Aphrodisiaka – und deren wirksamstes, „den Schauplatz des Liebeskampfes, den gewölbten Bauch und das majestätische Hinterteil“, als erste zu verwöhnen. Bevor „des Mannes Werkzeug“ zum Einsatz kommt. Der weise Gelehrte, der sein Werk im Auftrag des Kalifen der Hafsiden verfasste, pries den Beischlaf als Kostprobe des Paradies‘, und, oh!, wären nur alle seiner Art wie er. Doch wieviel Wasser seither ins Arabische Meer geflossen ist …

Die von Scheikh Nefzawi berichtet, ist die syrische Romancière Salwa Al-Neimi in ihrem Buch „Honigkuss“, das heißt, Schauspielerin Tania Golden liest aus diesem vor. Gemeinsam mit Bühnenkollegin Nina C. Gabriel präsentiert sie ab 17. Dezember die „Sheherasaden. Autorinnen unterm Halbmond über Sex und Politik“ im 4GAMECHANGERS#roomservice als Live-Stream.

Wobei die beiden die “Tausend und eine Nacht” mit den Texten fünf zeitgenössischer Schriftstellerinnen verknüpft haben. Denen gemeinsam ist, dass sie mit der Schreibfeder gegen die Zwänge der muslimischen Gesellschaft der Gegenwart kämpfen. Wie das Original im morgenländischen Klassiker, schreiben sie um ihr Leben. Den fünf Autorinnen aus der Welt des Islam ist es ein Anliegen, sich selbstbewusst zu ihrer Kultur und deren erotischer Tradition zu bekennen. Sie setzen sich mutig und hochgebildet gegen die derzeitige Lustfeindlichkeit und Frauenverachtung zur Wehr und erinnern an die lange arabische Tradition, in der Erotik gottgewollt war.

Und so kann man sich, www.mottingers-meinung.at durfte dem Abend schon vorab lauschen, zwei wunderbaren Stimmen hingeben. “Der schwarze Sklave sprang vom Baum zwischen die geöffneten Schenkel seiner Gebieterin.” Es ist Nina C. Gabriel, die vom gehörnten Sultan Schahriyâr berichtet, der sich jede Nacht eine Jungfrau nahm und sie am Morgen hinrichten ließ, bis ihn die Tochter seines Wesirs in ihren Bann zog. Gerade begegnet Schahriyâr mit seinem Bruder Schahzamân dem „betrogenen Ifrit“ und sie hören vom Dschinn die wohlgewählten Worte: „Wenn eine Frau etwas will, kann sich ihr niemand verweigern …“,

Bild: pixabay.com

Nina C. Gabriel. Bild: Ludwig Drahosch

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… da singt der „Honigkuss“ ein Loblied auf die Lust. Die Ich-Erzählerin, eine Bibliothekarin, die sich in aller Stille zur Expertin für erotische Werke der klassischen arabischen Literatur macht – und ihre verbotenen Fundstücke an diversen Liebhabern ausprobiert: „Meine heimliche Lektüre hat mich zu dem Schluss kommen lassen, dass die Araber als einziges Volk der Welt den Sex als eine Gnade ansehen, für die man Gott danken muss.“

Doch schnell werden derlei Gedanken durchkreuzt von denen Azar Nafisis, die es wagte, mit ihren – männlichen, und absichtlich nicht gegenderten – Studenten in Teheran „Lolita“ und „Der große Gatsby“ zu lesen. Mitten in der Islamischen Revolution, während andere ihrer Schüler vor Nafisis Fenstern „Tod den USA“ skandierten, und sie sie schließlich nach „Steinigung!“ rufen hörte. Tania Golden versteht es, der Angst und dem Grauen ebenso Ausdruck zu verleihen, wie der Poesie des Schreckens – so paradox das auch klingen mag.

Und während die beschwörend wispernde Gabriel von der „märchenhaften“ Enthauptung von Mädchen, denn wer die Geschichten für Kinderfabeln hält, der irrt gewaltig, zum Kaufmann und der Konkubine des Kalifen kommt, zu Folter, Pein und Tod, ist die Golden bei den von der Groupe Islamique Armé geköpften Mädchen, „Blut für Allah“, wie Baya Gacemi schreibt, das Vergehen der Teenagerinnen: zu oft aus dem Haus zu gehen, keinen Hidschāb zu tragen, mit jungen Burschen reden …

Albträume sind das, bei denen Tania Golden auf bewusst pragmatisch umschalten kann. Nur so lässt sich ihr Tonfall für Asli Erdoğans „Das Haus aus Stein“ beschreiben, eine Chiffre für Erdoğans Inhaftierung als angebliche Terroristen-Unterstützerin, eine Chiffre fürs palastartige Sansaryan Han Foltergefängnis, in dem auch der Dichter Nâzım Hikmet misshandelt wurde. Kaum auszuhaltende, sich wie Reimschemen wiederholende Szenen, die in ihrer dunklen Musikalität an die Verse eines Paul Celan erinnern.

Tania Golden. Bild: Ludwig Drahosch

Tania Golden. Bild: Ludwig Drahosch

Wieder Schläge, wieder Qual, tiefe Narben in Psyche wie in Fußsohlen, dem Schreien die Zunge abgeschnitten, dem Sehen die Augen ausgestochen. Ein Blatt Papier und ein Bleistift, ein Mann, der als Engel mit gebrochenen Flügeln zu einem Leitmotiv des Textes wird. Der weibliche Widerstand, das Aufbegehren von Frauen tritt durch diese Lesung ins Zwiegespräch. Vom Heute zurück in die Historie, es tut ganz gut, dass an dieser Stelle die Rebellion der Unterwürfigkeit obsiegt.

Die raffinierte Sheherasade, ein reumütiger Tyrann, ein Volk, das sich aus Dankbarkeit fürs Beenden seiner Schandtaten zu Boden wirft, und weil’s so schön ist, wird die kleine Schwester Dinharazade dem königlichen Bruder vermählt. Und wenn sie nicht gestorben sind … „Frauen tun ein Leben lang nichts anderes, als Geschichten zu erzählen, die Männern gefallen“, sagt die kluge Mutter von Fatema Mernissi – und sie meint das durchaus so taktisch, wie’s klingt. In „Der Harem in uns“ gewährt die Autorin einen Blick hinter die Mauern und in ihre eigene Kindheit.

Sie tut dies mit einer faszinierenden Zärtlichkeit, ihre Erinnerung an eine Welt „im ersten Stock, ein Labyrinth von Zimmern“, in denen die Tanten, die mit ihren Ehemännern zerstrittenen, verwitweten, in Scheidung befindlichen, untergebracht waren, um von Mernissis Vater mit all seiner Liebe und seinem Mitgefühl geschützt zu werden. „Hanan“ ist der arabische Begriff, mit dem der Vater an der Institution Harem hängt. Und dann ist da Tante Habiba, die verstoßene, die fantastische Geschichten weiß, die sich ihr Lachen von ihren Tränen nicht nehmen lässt, die tausend und eine Heldin kennt, die es samt und sonders geschafft haben, ihren Feinden zu widerstehen.

Wegen Tanta Habiba, sagt Fatema Mernissi, hätte sie beschlossen, eine Stimme zu werden, die es wagt, in der Nacht zu sprechen. So beenden die heimischen Sheherasaden, die Schwestern im Geiste, Nina C. Gabriel und Tania Golden die von Susanne Höhne zusammengestellte und von Ludwig Drahosch gefilmte Collage. Dies Projekt soll einen kleinen Beitrag dazu leisten, diesen couragierten Autorinnen aus der Welt des Islam Gehör zu verschaffen, sagen die Künstlerinnen. Und so ist es. Erschreckend, erheiternd, in jeder Hinsicht außerordentlich.

Über die Autorinnen:

Salwa Al-Neimi ist 1950 in Damaskus, Syrien, geboren und aufgewachsen. Sie studierte dort Arabisch. Heute lebt sie in Paris, wo sie die Bibliothek für klassische arabische Literatur an der Sorbonne betreut. Ihr Spezialgebiet ist erotische Literatur. „Honigkuss“ erschien 2007 im Libanon und ist ihr erster Roman. Das Buch wurde in den arabischen Ländern sofort zum Skandal und als „sexuelle Intifada“ (© Emirates Media) bezeichnet.

Azar Nafisi wurde 1955 in Teheran geboren. 1997 emigrierte sie in die USA und unterrichtet nun an der John Hopkins University in Washington. Sie studierte englische und amerikanische Literatur in den USA. Während der Islamischen Revolution lehrte sie an der Universität Teheran, wo sie von 1980 bis 1988 suspendiert wurde, weil sie sich weigerte, sich zu verschleiern. Nochmals suspendiert im Jahre 1992 gab sie private Workshops für Studenten in ihrer Wohnung, bis sie endgültig in die USA ging. Bei „Lolita lesen in Teheran“ handelt es sich um einen autobiographischen Roman.

Baya Gacemi wurde 1952 in Annaba, Algerien, geboren und ist 2010 in Villejuif, Frankreich, gestorben. Sie studierte Psychologie in Algier, Politikwissenschaften und internationales Recht in Paris. 1985 kehrte sie nach Algerien zurück und arbeitete als Journalistin. Bis zu ihrer Suspendierung 1996 leitete sie die Zeitung La Tribune. Sie wurde wegen „Beleidigung des nationalen Emblems“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Danach arbeitete sie freiberuflich bei verschiedenen französischen und algerischen Zeitungen. Tania Golden liest aus dem Buch „Blut für Allah: Ich war die Frau eines islamischen Terroristen“, in dem Gacemi die Geschichte von Nadia Chaabani, der Frau eines Führers der Groupe Islamique Armé, erzählt.

Asli Erdoğan wurde 1967 in Izmir geboren und ist eine türkische Physikerin und Schriftstellerin. Sie gehört zu den Fürsprecherinnen der kurdischen Minderheit. Am 16. August 2016 wurde sie im Rahmen der sogenannten „Säuberungen“ im Zusammenhang mit dem gescheiterten Militärputsch verhaftet. Im Dezember wurde sie unter Auflagen freigelassen, erst Ende September 2017 erhielt sie ihren Pass zurück. Sie flüchtete nach Deutschland, wo sie zurzeit im Exil lebt. Für ihr Werk, etwa „Das Haus aus Stein“, erhielt sie zahlreiche Preise, unter anderem den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis. Seit dem Sommer strengt ein neuer Staatsanwalt ein neues Verfahren gegen Asli Erdoğan wegen „Terrorpropaganda“ an.

Fatema Mernissi wurde 1940 in Fès in Marokko geboren und ist 2015 in Rabat gestorben. Sie studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Sorbonne und lehrte seit den 1980er-Jahren an der Universität Mohammed V. in Rabat. Mernissi schrieb hauptsächlich in Englisch und Französisch, und um sich frei ausdrücken zu können, wollte sie in späteren Jahren nicht mehr in Marokko publizieren. Sie verfasste zahlreiche Bücher über die Lage der Frauen im Islam. In ihrem autobiographischen Roman „Der Harem in uns – die Furcht vor dem anderen und die Sehnsucht der Frauen“ beschreibt sie ihre eigene Kindheit.

Live-Stream: 17. 12., 19 Uhr. Video verfügbar bis: 19. 12., 15 Uhr.

4gamechangers.io/de/roomservice           Tickets: tickets.4gamechangers.io/shop/broadcast/registrations/bea5cfa5-7377-4a5e-bf87-397656b231a2/tickets/new#tania1

  1. 12. 2020

Hauptsache Koscher!

Juni 14, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine großartige Hommage an den jüdischen Humor

Aus dem Repertoire einer vertriebenen Revue- und Kabarettkultur: Bruno Salomon, Tania Golden, Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

„Hauptsache Koscher, oder auch nicht“, ein Streifzug durch den jüdischen Humor mit Szenen und Chansons aus dem Repertoire einer lange vertriebenen Revue- und Kabarettkultur – so sollte das Programm heißen, und am 14. März in der ArenaBar seine Uraufführung haben.

Dann kam #Corona. Doch das darbietende Quartett, Tania Golden, Shlomit Butbul, Bruno Salomon und Wolfgang Schmidt ließ sich vom Lockdown nur kurzzeitig aus der Kurve tragen und schmiedete geänderte Pläne.

Gemeinsam mit Videofilmer André Wanne, Sohn der 92-jährigen Theaterprinzipalin Helene Wanne, und Susanne Höhne, die ihre Textcollage in ein Drehbuch verwandelte, beschloss man den Abend mit der Kamera festzuhalten. Entstanden ist so eine großartige Hommage, jüdisches Kabarett einmal anders, nämlich modern, schräg, schrill, die Geschlechterklischees negierend oder nonchalant infrage stellend – und zu sehen ab 17. Juni, 19 Uhr, bei 4GAMECHANGERS Roomservice.

Butbul, Golden, Salomon und Schmidt holen die philosophisch-witzige und zum Großteil vergessene Literatur spielend und singend ins 21. Jahrhundert. Sie interpretieren Friedrich Holländer, Fritz Grünbaum, Karl Farkas, Roda Roda, Ralph Benatzky, Louis Taufstein, Robert Neumann und Elfriede Gerstl auf ihre eigene, ganz besondere Art. Einige der Couplets wurden dafür von Wolfgang Schmidt neu vertont, etwa Armin Bergs „Ja, man wird ja so bescheiden“ mit Mundschutz, da die vier in schönster Quarantäne-Klaustrophobie.

Tania Golden singt Karl Farkas‘ „Abschied von New York“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Bruno Salomon als Servierfräulein im Sketch „Zechprellen“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt mit Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Die Damen diesmal besonders herrlich handgreiflich: Shlomit Butbul und Tania Golden. Bild: Susanne Höhne

Golden und Butbul sind auch hinreißende Herren, erstere als Stammgast Schöberl im ein wenig derangierten Etablissement, in gewisser Weise Conférencier und eine qualtingereske Wirtshausfigur, die sich – so viel zum Titel: Hauptsache, das Essen ist koscher und billig  – im „In der Suppe“-Witz von Salcia Lanzmann mit „Servierfräulein“ Bruno Salomon in die nicht vorhandenen Haare kriegt, bevor sie sich in Karl Farkas‘ „Zechprellen“ mit Shlomit Butbul um die Meisterschaft im Schnorren matcht.

Was das goldene Wienerherz ausmacht, ist die jüdische Seele, das zeigen die Verwandlungskünstler hier vom Feinsten, ein zerdeptschter Hut, eine zerschlissene Spitzenbluse reichen, schnell ist man Schmähtandler, Abzocker, Amtsirrläufer, Schmock, der Einedrahrer mit die besten Ezes, der Machatschek mitm größten Mazel, der Einseifer mit da größtn Chuzpe. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt können’s in allen Jargons der Stadt. Gruselig und komisch zugleich, denn ja, es ist schon wieder so weit, wie Butbul Roda Rodas „Darwinismus“ vorträgt, die Geschichte von den einst so stolzen Löwen, die nur überleben können, wenn sie sich an die Mehrheit Menschheit anpassen. Integrieren, assimilieren.

Zum Schmunzeln, wie Salomon in saloppem Gigerl-Slang Taufsteins & Holländers „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ männeremanzipiert umdeutet. Wer das Raunzen erfunden hat, „die Antisemiten oder die Israeliten?“, man kann’s nach dieser Aufführung nicht eindeutig sagen, wiewohl eine reiche Auswahl an Sudern und Räsonieren bis Sich-Aufpudeln und Pahöll-Machen geboten wird. Wunderbar, wie André Wanne die ArenaBar als AltWiener Beisl, Jukebox-Café oder Nachtclub zu nutzen weiß.

Ein großartiger Streifzug durch den jüdischen Humor: Bruno Salomon, Shlomit Butbul, Wolfgang Schmidt, Tania Golden. Bild: André Wanne

In letzterer Atmosphäre singt Shlomit Butbul angetan mit Lockenwicklern und Kittelschürze das Highlight des Abends, Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“, Madame Lizzys Kampf mit der Waage in dramatischstem Arienton, während der Golden das Gesicht entgleist. Die später, angelehnt an den Musikautomaten, über den „Abschied von New York“ sinniert.

„Hauptsache Koscher!“ ist eine Reise von den flirrenden, verrückten 1920er-Jahren, als die Welt gerade aufhörte, in Ordnung zu sein, in ihre Nachkriegszeit, der am Nationalsozialismus erkrankte noch immer nicht und bis heute nicht genesene Kontinent Europa.

Der es Heimkehrern mit seiner hiesigen „Mir wern kann Richter brauchen“- Mentalität schwer macht. „Sind Volksgenossen jetzt schon wieder Spezi?“, ist die gestellte Frage, die dem heutigen Publikum Gänsehaut bereitet. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt verstehen sich nicht nur auf Schmonzes, sondern auch auf Tacheles reden. Robert Neumanns „Teuto“ aus seinem Parodien-Band „Mit fremden Federn“ ist das Paradebeispiel dafür. Und wenn Bruno Salomon das wiedergibt, beim Abschminken in der Künstlergarderobe, diese bitterböse Persiflage aufs rechtsgesinnte Heldengedicht, dann bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Am Ende die vier vor symbolisch leerer Bühne. Ein Glück, dass sie sie wieder mit Leben gefüllt haben. „Hauptsache Koscher!“ ist die Empfehlung für Connaisseurs und zum Kennenlernen des jüdischen Humors. Oder wie einer dessen legendärsten Könner simpl sagte: „Schau’n Sie sich das an!“ Der Film wird ab 17. Juni, 19 Uhr, von 4GAMECHANGERS gestreamt. Tickets: 5 Euro – der gesamte Erlös geht an die Künstler.

Trailer: player.vimeo.com/video/426174565

Ticketcode: tickets.4gamechangers.io/shop/broadcast/registrations#koscher1

14. 6. 2020

Off Theater – Shlomit Butbul: Es ist was es ist

Dezember 18, 2019 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Liebestöne nach der Lyrik von Erich Fried

Andreas Lindenbauer, Joe Pinkl, Shlomit Butbul und Martin Reining. Bild: Andreas Müller

Liebe ist …? Darüber zerbrechen sich Poeten seit Anbeginn der Dichtkunst den Kopf. Eine der schönsten Antworten auf diese weltentscheidende Frage hat der österreichische Lyriker Erich Fried gefunden und seine lakonische Gleichung gegen alle Bedenken, Beschwerden, Proteste 1983 im Gedichtband „Es ist was es ist“ veröffentlicht. Schauspielerin und Sängerin Shlomit Butbul bringt nun Frieds Liebestöne zum Klingen, sein „Ich liebe

Dich weil Du Hand anlegst an mein übervolles Herz“, seinen „Strauch mit den herzförmigen Blättern“ – „Sommer- regen warm: / Wenn ein schwerer Tropfen fällt / bebt das ganze Blatt / So bebt jedes Mal mein Herz / wenn dein Name auf es fällt“, sein „Zwischenspiel“ mit dem nassen Zeigefinger. Als Frieds sehnender, suchender Mensch wechselt Butbul dabei zwischen weiblichen und männlichen Sichtweisen, und vergisst auch den politischen Poeten nicht, wenn sie über Liebe in Zeiten des Krieges und das Menschsein ohne sie philosophiert. „Wo keine Freiheit ist / Bist du die Freiheit / Wo keine Würde ist / Bist du die Würde / Wo keine Wärme ist / Keine Nähe von Mensch zu Mensch / Bist du die Nähe und die Wärme / Herz der herzlosen Welt“, heißt es dazu in „Du“.

Begleitet wird Butbul an diesem von Tania Golden in Szene gesetzten Abend vom Ensemble Fandujo, und dessen einer Mitbegründer Joe Pinkl hat Frieds Texte sehr subtil und auf jede Schattierung achtend vertont. Entstanden sind so wunderbare kammermusikalische Kleinode, die sich in ihrer stilistischen Vielfalt zu einer Collage unterschiedlicher Momente von Zweisamkeit, auch Einsamkeit, ineinanderfügen. Liebe als romantische Vorstellung, erotische Projektion und existenzielle Bedingung für alles Lebendige, das sind die Bezugspunkte zwischen denen sich Butbul, Pinkl mit Posaune und Euphonium, Martin Reining auf der Violine und Andreas Lindenbauer auf der Bassklarinette bewegen.

Frieds ganzer Gefühlskosmos tut sich auf, und seine klare, direkte Sprache trifft einen dank dieser intensiven Performance mitten in die Seele. Die Produktion von SHIR-music Eisenstadt und AFA Wien ist heute Abend noch einmal als Gastspiel im Off Theater zu sehen.

www.shlomitbutbul.com           www.off-theater.at         www.youtube.com/watch?v=r8TPELdap9A

  1. 12. 2019

Bronski & Grünberg: The Big Bronski Christmas Show

Dezember 15, 2019 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Swingen, schwofen, Eggnog schlürfen

Die Gastgeber Julia Edtmeier und Jakob Semotan. Bild: © Philine Hofmann

Auf dem Wunschzettel ans Christkind steht seit gestern zuoberst, das Bronski & Grünberg möge diesen famosen Abend bitte auf Schallplatte pressen und als Geschenkidee anbieten. Ging sicher weg wie warme Weihnachtskekse! Mitten im Antiidyllmonat Advent bietet das Progressiv-Boulevardtheater ums Eck von der Porzellan- gasse nämlich den besten Grinch-Killer ever – „The Big Bronski Christmas Show“, eine Lametta-behängte, Eggnog-durchtränkte Extravaganza à la Hausmarke, bei deren Genuss sich die Stressstimmung sofort in beste Laune verwandelt: It’s Beginning to Look a Lot Like Christmas!

Der Johnny-Mathis-Song nur einer der etlichen, die zu Gehör gebracht werden, gesungen von Perry Como bis Bing Crosby, und deren weltberühmte TV-Xmas-Specials der Sechziger- jahre sind die Art Budenzauber, den nun die Bronskisten veranstalten. Die Bescherung anrichten Julia Edtmeier und Jakob Semotan als Hosts, und wie die beiden mit Big-Band-Gesten durch ihre Bad-Santa-Jokes tänzeln, ist man tatsächlich anHappy Holidays with Frank and

Bing“ oder die alljährliche „Perry Como’s Christmas“ erinnert, die übrigens 1976 sogar „In Austria“ stattfand. Und apropos tänzeln, Julia Edtmeier erweist sich nicht nur als talentierte Sängerin, sondern legt zusammen mit Semotans Volksopernkollegen Peter Lesiak auch eine Astaire’sche Steppnummer hin, dass dem Parkett ganz heiß wird. Von Ruth Brauer-Kvam ist die regieliche Zusammensetzung der Big American Christmas Party; weder Kosten noch Mühen wurden gescheut, um mit Kunstschnee, Glitzer und einem fast echten Pferdeschlitten eine Wahnsinnsshow zu präsentieren. Christian Frank begleitet die Special Guests auf dem Piano, und zu den Season’s Greetings angetreten sind:

Karoline Kucera und Florian Carove als Duettpartnerinnen Judy Garland und – Carove – Silberblick-Barbra-Streisand, die stimmgewaltigen Diven bald im Ellenbogen-Infight ums höchste C, so viel Satire muss im Bronski & Grünberg sein, auch wenn the one and only Tania Golden ihren „Simple Wish“ ins Mikrophon röhrt – „I wanna be rich, famous and powerful“, a Song by David Friedman, because you know, jews are writing the best christmas songs, auch wenn Kyrre Kvam im Pinguinpullover „Have Yourself A Merry Little Christmas“ mit einem als Trauerlied dargebotenen „Me, Myself & I“ mixt – der Egomanenhit als einsamer Abgesang. Äußerst amüsant auch der Auftritt der Schwestern Caroline und Eva Maria Frank, die bei ihrem Adventsingen mit Verve eine, weil darin versehentlich einen Diamantring versenkt habend, Bowleschüssel leeren.

Rat-packing Semotan kann derweil vorne Rampensau und sich hinten mit Punsch zuschütten, Edtmeier im Minutentakt die atemberaubend schönen Vintageabendkleider wechseln, in den Werbepausen werden per Röhrenfernseher Zigaretten angepriesen. „Baby, It’s Cold Outside“ wird nicht nur gegendert, sondern auch als ménage à trois geträllert, Semotan und Edtmeier verhaften via Sketch den Schlittenfalschparker vom Nordpol, das besinnliche „White Christmas“ fehlt ebenso wenig auf der Setlist wie das sexy „Santa Baby“ – und am Schluss ist endlich Sing Along angesagt. What a night, what a show! Dont‘ miss it!

www.bronski-gruenberg.at

  1. 12. 2019

Theater Akzent: Frühere Verhältnisse

November 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar befördert die Posse ins politische Jetzt

Adriana Zartl, Julian Loidl, Tania Golden und Hubsi Kramar rhythm ’n‘ bluesn sich durch Eva Schusters und Michael Reitingers akutpolitische Couplets. Bild: © Karl Satzinger

Eine Handvoll rotiert im Hintergrund, als wären sie ein einziges großes Schicksals-, während Hubsi Kramar an der Rampe Bert Brechts „Ballade vom Wasserrad“ rezitiert: „Freilich dreht das Rad sich immer weiter / dass, was oben ist, nicht oben bleibt. / Aber für das Wasser unten heißt das leider / nur: Dass es das Rad halt ewig treibt …“ Klar, wenn der längst mit dem Titel „Grandseigneur der freien Wiener Theaterszene“ geadelte Kramar nach einem Stück

seines Haus- und Hofautors greift, bleibt’s nicht bei der puren Nestroy’schen Posse. Dafür sind dem Bühnenmenschen die Kapriolen der aktuellen Innenpolitik denn doch zu gewaltig und der Possenreißer auf den diversen Politbühnen zu viele. Kramar ruft anfangs das Jahr 1848 als Zeitzeugen an, sein liebster Volksstückeschreiber, ist er überzeugt, hat Karl Marx‘ Kommunistisches Manifest garantiert gelesen, und also baut er seine Brücke zu Brecht und Proletariat. Schon ahnt man dessen Tschuchen das Theater Akzent erstürmen, die Arbeiterklasse im ewig antibourgeoisen Klassenkampfmodus, doch Regisseur Kramar twistet „Über die Unsicherheit menschlicher -“ und die von ihm angeklagten jetzigen zum Originaltext:

„Frühere Verhältnisse“, Einakter, entstanden 1861 als Nestroys vorletztes Werk, von Kramar auf stolze Fast-Zwei-Stunden gestreckt. Tania Golden als von der Tragödin zur Dienstbotin rückbeförderte Peppi Amsel, Adriana Zartl als Professorentöchterl Josephine und Julian Loidl als deren Gatte Herr von Scheitermann spielen mit Hubsi Kramar, der selbst die Figur des Hausknechts Anton Muffl übernimmt. Das heißt, vor allem auch singen sie, denn die Aufführung beginnt à la Chansonabend, und die großartigen neuen Couplets und Coupletstrophen von Liedtexterin Eva Schuster und Komponist wie Gitarrist Michael Reitinger erweisen sich bei der gestrigen Premiere bald als die Highlights der Produktion.

Musikalisch wird sich über Luftballon-Egos, diese zwar seelenlos, aber dafür mit Schmiss, über Arroganz und Süffisanz lustig gemacht, eine bizarre Mozartkugel-Politdebatte entspinnt sich, die Golden swingt, Loidl rockt, Kramar hat, weiß man seit seiner Leonard-Cohen-Hommage „Dance Me To The End Of Love“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28633) sowieso den Blues, und wenn Adriana Zartl beim Song „Nur a Einzelfall“ erklärt, dass die Rechnung für die eh immer gleichen aufgeht, dann sind die Sinne fürs Folgende satirisch-scharf gestellt. Rasch wird nun in Kostüme und Rollen geschlüpft, erstere karikaturistische Kreationen von Maddalena Hirschal, im Bühnenbild von Markus Liszt hebt die Handlung an, und siehe da:

Je altersloser, desto authentischer: Hubsi Kramar besingt die grundschlechten Leut‘. Bild: © Karl Satzinger

Da tanzen die Gefühle Twist: Tania Golden als Peppi Amsel und Hubsi Kramar als Hausknecht Muffl. Bild: © Karl Satzinger

Nestroy braucht keine Verjüngungskur, seine Pointen sitzen auch ohne Unwort-Nominee „zack, zack, zack“, die Charaktere sind durch die Komödie ohnedies schon zur Kenntlichkeit entstellt. Das Darstellerquartett präsentiert sich als formidable Nestroy-Spieler, Nestroy-Debütant Julian Loidl als ebenfalls mit dem entsprechenden Komödianten-Gen ausgestattet. Zwischen dem, was einer anrichtet, ein anderer ausrichtet, und wie sich’s einer richtet, taumeln Hochstapler, Emporkömmlinge und tief Gefallene, Intriganten fangen sich beim Intrigen spinnen im Netz irrwitziger Irrungen und Wirrungen, so verstrickt sind sie, dass Golden und Loidl kurz unfreiwillig lachen.

Loidl ist als Holzhändler Herr von Scheitermann ein Neureicher, der schwer an seinen Altlasten trägt, war der nunmehrige Hausherr doch vor gar nicht langer Zeit noch Hausdiener, was die holde Gattin niemals erfahren darf. Adriana Zartl setzt als diese Josephine ihr zartes Gemüt samt dazugehöriger Verstörtheit als ihre stärkste Waffe ein. In Wahrheit eine ziemliche Keifzange, degradiert sie ihren Angetrauten zum Pantoffelhelden, großartig ist das, wenn sie aufseufzend nach Luft schnappt und Scheitermann, den nächsten Nervenzusammenbruch befürchtend, schnell ein glitzerndes Geschmeide zur Hand hat, das ihr im Wortsinn in den Schoß fällt.

Unfrieden ins häusliche Unglück bringen die beiden frisch engagierten Angestellten: Tania Golden als theater- damische Köchin Peppi Amsel, die mit ihrem berühmten Auftrittscouplet „Theater, oh Theater du, der Kunst geweihter Tempel, raubst manch’ Geschöpfen Herzensruh, ich bin so ein Exempel …“ vom Zuschauersaal aus die Bühne erklimmt, die als gewesene Küchenchefin des Professors über die Kein-Kind-von-Traurigkeit-Vergangenheit von dessen „höherer Tochter“ nur allzu gut Bescheid weiß – und außerdem eine Verflossene von Anton Muffl ist.

Köchin und Dienstherrin sind einem Geheimnis auf der Spur: Golden und Adriana Zartl als Josephine Scheitermann. Bild: © Karl Satzinger

Herr von Scheitermann darf bei seiner Frau nicht scheitern: Nestroy-Debütant Julian Loidl und Adriana Zartl. Bild: © Karl Satzinger

Als dieser stellt sich Hubsi Kramar ein, mit dem legendären Liedzitat über die vielen guten Mensch’n, aber die grundschlechten Leut‘, das ehemals aktionistische Enfant terrible gereift zum Weltanschauungsphilosophen, zwar immer noch verärgert, aber nicht mehr wutschäumend über den diese regierenden Wahnsinn. Kramar wird, scheint’s, je altersloser, desto authentischer. Es ist schön, ihm dabei zuzusehen, wie er im Charakter aufgeht, sein Muffl erst ganz defätistisch-sarkastischer Diener, bis der bankrottgegangene Geschäftsmann im noblen Herrn seinen Ex-Knecht erkennt.

So wird er zum Erpresser, dessen scharfzüngiges Schweigen jenes Gold ist, das ihm der Parvenü nun reichlich in die Taschen füllen muss. Verursacht durch die allgemeine Geheimniskrämerei glauben die Frauen die Männer in einen Bankraub verwickelt, weshalb die Harfe von Anja Pichler nach kakophonischen Tönen schließlich Krimiklänge zur Suspense-Posse intoniert … Das alles schwappt wunderbar Wienerisch übers Publikum. Kramars Inszenierung von „Frühere Verhältnisse“ ist eine hochamüsante Hanswurstiade, dank Tania Golden auch hochtheatralisch, Nestroys schwarzhumorige Gesellschaftssatire ihm

gleichzeitig der perfekte Anknüpfungspunkt an akute Zustände und allgemeine Befindlichkeiten. Kramar demonstriert am Stück die gar nicht so sehr vormaligen Verwerfungen des Kapitalismus, heute: Neoliberalismus, von Menschen, denen Solidarität ein Fremdbegriff ist, den zu begreifen ihnen ihre Selbstbezogenheit verbietet. Er führt Narr-ziss wie Schandmaul vor, bevor er beide bloßstellt – das ist Unterhaltung bis in ihre Abgründe ausgelotet. Und nur noch fünf Mal zu sehen!

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  1. 11. 2019