Twarz – Die Maske

Juli 1, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Bigotte Polen und ihr Biest

Der Welt größter Metallica-Fan arbeitet an der Welt größter Christusstatue: Mateusz Kościukiewicz als Jacek. Bild: © 2019 Thimfilm

Vor einem Elektromarkt bibbert eine Menschentraube in der winterlichen Kälte, es ist, so steht’s am Schaufenster, „Unterwäsche-Xmas-Sale“, und als sich die Tore zum Technikparadies endlich öffnen, reißt sich die Menge die Kleider vom Leib, erstürmt in ihren BHs und Boxershorts schwabbelnd den Store – wo ein erbitterter Kampf um die preisreduzierten Flachbildfernseher ausgefochten wird …

Selten beginnt ein Film so skurril, wie „Twarz – Die Maske“ der polnischen Regisseurin Małgorzata Szumowska, der am Freitag in den Kinos anläuft. Im vergangenen Jahr bei der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, lässt Szumowska ihren cineastischen Sonderling nun auf die Leinwände los. Denn „Twarz“, was genau genommen und viel besser passend, „Die Fresse“ bedeutet, changiert in einer seltsamen Grauzone zwischen bissiger Satire, wenn Szumowska, sie gemeinsam mit Kameramann Michał Englert auch fürs Drehbuch verantwortlich, mit staubtrockenem Humor ein heutiges Polen zwischen katholischer Bigotterie und hemmungslosem Konsumrausch aufs Korn nimmt, und einem bitterernsten Realismus, der in ein Soziotop aus Alten, Arbeitslosen, Alkohol und Armut führt. Dieses ist ein Irgendwo im Nirgendwo, nicht mehr Dorf, noch nicht Kleinstadt, in dem der örtliche Pfarrer unter seinen Schäfchen unermüdlich Geld für die Errichtung der größten Christusstatue der Welt sammelt, höher und prächtiger als die in Rio de Janeiro.

Einer der Arbeiter auf der Baustelle ist Jacek, der sein Leben ansonsten zwischen Heavy Metal und dem Hüten der Familienkühe verbringt, mit seinem Hund Cygan und seiner Freundin und Schönheit vom Lande Dagmara. Mateusz Kościukiewicz, Ehemann der Regisseurin, in seiner Heimat bereits ein bekannter Schauspieler und international gerade am Durchstarten, stattet seine Figur mit einer Extraportion Charme aus, sein Jacek ist immer gutgelaunt, hoffnungsvoll, einer mit Glauben an Zukunft, einer, der lacht, wenn ihn die Dorftrunkenbolde scherzhaft „Jesus“ rufen, ist er doch der einzige Langhaarige weit und breit. Jaceks Umfeld ist ein derbes, und amüsiert man sich eben noch über seinen gemeingefährlichen Windmühlenstil, der die Tanzfläche auf der Adventparty blitzartig leerfegt, konfrontiert einen Szumowska im nächsten Augenblick mit dem zum Weihnachtsbraten bestimmten Schwein, das um sein Leben schreit.

Jacek liebt seinen Hund Cygan …: Mateusz Kościukiewicz. Bild: © 2019 Thimfilm

… und seine Freundin Dagmara: Mateusz Kościukiewicz und Małgorzata Gorol. Bild: © 2019 Thimfilm

Schließlich, der Unfall. Jacek tut auf dem heiligen Standbild einen unbedachten Schritt und stürzt in die Tiefe. Grandios umgesetzt sind die folgenden tonlosen Szenen, Sanitäter, die sich bei der Bergung des Schwerverletzten bekreuzigen, die sprachlose Familie im Krankenhaus, die von Małgorzata Gorol intensiv gespielte Dagmara, die vor der Intensivstation kehrt macht, das Piepen des Herzmonitors nun das einzige Geräusch, endlich Jaceks erster Blick, seine Füße, Ärzte, die ihm sagen, „alles“ sei gut gegangen. Später wird er dieses alles in der Fensterscheibe gespiegelt sehen: sein kaputtes Gesicht, eine Maske – seine Fresse. Derart gerettet durch die erste Transplantation neuester Art in Europa, wird Jacek zur Mediensensation, auf Pressekonferenzen mit Applaus empfangen, Testimonial für ein Haut- und Narbenpflegeprodukt.

Er macht mit. Vor allem, weil die immunsuppressiven Medikamente, vom staatlichen Gesundheitssystem nicht bezahlt, teuer sind. Ein stiller Blick in den leeren Kuhstall sagt mehr als Worte. Und während eine ganze Nation dem Jacek-Hype verfällt, Grzegorz Galasiński ist der Patient, auf dessen Schicksal die Filmstory beruht, liegt daheim alles im Argen. Zum Greifen ist die Befangenheit, mit der man ihn, der kaum artikuliert sprechen kann und beim Essen sabbert, Zuhause empfängt. Dabei, und Kościukiewicz gestaltet diese Sequenzen unsentimental und somit umso überzeugender, will Jacek nur zur Normalität zurück – was ihm seine Mitmenschen verwehren, die lieber Selfies mit dem Dorf-Quasimodo machen. Małgorzata Szumowska lässt keinen Zweifel daran, wer hier tatsächlich kaputt ist.

„Twarz“ schrammt entlang der Kurve eine zynische Abrechnung mit einer Gesellschaft zu sein, in der kaum jemand gut wegkommt, wo man sich in seiner Scheinmoral einigelt und christliche Nächstenliebe längst ein Fremdwort ist. Ein Glück, bricht Szumowska die Grenze zur Allegorie mit einem grotesken Panoptikum rund um Jacek und Dagmara. Dagmaras Mutter, Iwona Bielska, die die Verlobung ihrer Tochter gelöst wissen will, aus Angst, Jaceks Kinder könnten aussehen wie er – ein Monster. Jaceks Mutter, Anna Tomaszewska, die die transplantierten Gesichtsteile für die eines Perversen hält, und – was durchaus der polnischen Wirklichkeit entspricht – einen Exorzismus erbittet. Die schönste Szene im Film ist, wie Jacek bei der „Dämonenaustreibung“ die Priester verarscht.

Jacek nach dem Unfall: Mateusz Kościukiewicz. Bild: © 2019 Thimfilm

Jaceks Schwager, Robert Talarczyk, der durch die Pflegedienste seiner Frau sein Sexleben gefährdet sieht und selbst Hand anlegt. Der Priester, Roman Gancarczyk, der bei den abzunehmenden Beichten gern ins schlüpfrige Detail geht. Mädchen, die zur Erstkommunion zu kleinen Bräuten aufgetakelt sind. Eine Witwe, die mit der Fliegenklatsche über den Verstorbenen wacht.

Der Bischof, der den Unfall auf „seiner“ Baustelle für einen Skandal hält, an dem die „muselmanischen“ Roma-Gastarbeiter die Schuld tragen müssen. Ein stramm konservativer Stammtisch, der zotige Witze über Ausländer und Frauen reißt und mit dem „Fremden“, dem „Anderen“ nichts anzufangen weiß. Buben, die schwer symbolisch mit der vom Schädel abgezogenen Schweineschnauze kicken. Jaceks Schwester, Agnieszka Podsiadlik, der stärkste, der positivste Charakter des Films, die Jacek in allen Stadien der Genesung beisteht. Auch in den Bildern von Michał Englert überlappen das Schöne und das Hässliche. Stets bleibt seine Fotografie an den Rändern verschwommen, unscharf, nur die Mitte ist klar zu sehen. Als wär’s Jaceks nach dem Unfall halbblinder Blick, dem er folgt.

Am Ende steht die Christusstatue, und sie ist kein Filmrequisit, sondern das Original in der westpolnischen Kreisstadt Świebodzin, nach fünf Jahren Bauzeit und Kosten von 1,3 Millionen Euro 33 Meter hoch. So viel zum Realismus in „Twarz“. Allerdings lässt der Film den Erlöser in die falsche Richtung schauen, weg vom Dorf, längs des neuen Wegs, den Jacek einschlagen wird …

Trailer:

 

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1. 7. 2019