Fang Fang: Wuhan Diary

September 5, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Virus mit trockenem Humor bekämpft

„Natürlich fehlt es bei aller Rührung nicht an Komik. Es gibt ein Video, das das medizinische Hilfsteam der Provinz Sichuan bei seiner Abfahrt nach Hubei zeigt. Ein Ehemann ruft seiner Frau im Bus zu: ,Zhao Yingming, komm gesund zurück! Dann übernehme ich für ein Jahr die gesamte Hausarbeit, versprochen!‘ Zhao Yingming ist wohl inzwischen wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt. Umgehend kursierte im Netz ein Video, worin es heißt: ,Geschätzte Netizens, überwacht bitte, ob der Ehemann tatsächlich sein Jahr Hausarbeit abarbeitet!‘ Es löste großes Gelächter aus.“

Derart sind die Blog-Einträge, die die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang von 25. Jänner bis 24. März 2020 als Online-Tagebuch veröffentlichte. Fang Fangs Impressionen aus ihrer Heimatstadt Wuhan in der Provinz Hubei, Geschichten aus einer Neun-Millionen-Einwohner-Metropole, der #Corona-Metropole, die 76 Tage lang komplett von der Außenwelt abgeriegelt wurde, Fang Fangs Schilderungen voll Wärme, Mitgefühl, Zorn und immer wieder Hoffnung, die in China mehr als 100 Millionen Internetfollower fanden, sind nun auf Deutsch als Buch erschienen.

„Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ liefert einen unverstellten Blick auf den Beginn der #Corona-Pandemie, ist ganz nah an den Menschen, ihren Nöten und Ängsten, ihrer überbordenden Nachbarschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft. Und wie Fang Fang das Virus mit dem sprichwörtlichen Wuhaner trockenem Humor bekämpft und die Propaganda des Pekinger Parteiregimes mit glühender Leidenschaft ad absurdum führt, lehrt sie den Leser die Chinesinnen und Chinesen neu einzuschätzen und zu schätzen – ihren Mut, ihre Findigkeit in vertrackten Situationen, ihren Hang zur Anarchie, wo immer das offizielle Narrativ ein Freizeichen dafür lässt.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis“, schreibt Fang Fang, das erste „Wir“ dabei eine höfliche Formulierung für zwanzig Tage systemimmanentes Lügen und Verschweigen, samt Kriminalisierung couragierter Ärzte, in denen das Wissen um #Covid-19 nicht publik gemacht wurde – mit katastrophalen Folgen für die ganze Welt.

Bild: pixabay.com

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Denn bereits im Dezember 2019 warnte der Arzt Li Wenliang in einer WeChat-Gruppe Kollegen angesichts einer Serie von Lungenentzündungen im Zentralkrankenhaus Wuhan vor einem neuartigen Virus – worauf er und sieben weitere Ärzte unter Androhung von Strafe eine Schweigepflichtserklärung unterschreiben mussten, an die sich Li Wenliang freilich nicht hält. Der Tod des Whistleblowers Anfang Februar löste in ganz China Proteste aus. Bei Fang Fang ist zu lesen, wie die Wuhaner am Abend mit Taschenlampen und Smartphones einen Lichtstrahl in den Nachthimmel senden, um den tapferen Mediziner zu ehren.

Auch von sich selbst berichtet Fang Fang. Wie sie eine Liste zusammenstellt, wen sie wann und wo ohne Maske getroffen hat. Von der quälenden Ungewissheit, ob sie oder einer aus ihrer Familie sich infiziert haben. Vom verzweifelten Versuch, Schutzmasken zu kaufen. Von langen Menschenschlangen vor den Krankenhäusern und einem Personal knapp vor dem Kollaps. Wir haben der Regierung allzu sehr vertraut!, empört sie sich in diesem Post. „… nun irrten unzählige Erkrankte in eisiger Kälte durch Sturm und Regen in der Stadt herum, auf der vergeblichen Suche nach medizinischer Behandlung.“  Die Ermahnungen der Ärzte? „Solange ihr noch Reis habt, esst lieber nackten Reis, auf keinen Fall die Wohnung verlassen! Na gut, wir hören auf sie.“

Und während die pensionierte Vorsitzende des regionalen Schriftstellerverbandes im Fernsehen zusieht, wie in nur zehn Tagen das Notkrankenhaus Huoshenshan aus dem Boden gestampft wird, wird erstmals einer ihrer Blog-Einträge gesperrt. „Es gibt ein Schweigen, das lügt“, zitiert Fang Fang Victor Hugo, und berichtet: „Die Netzzensur erregt bereits den Zorn der Bevölkerung. Die Leute spielen Katz und Maus mit ihr, ein Text wird nach dem Löschen sofort wieder gepostet, gelöscht, erneut gepostet, gelöscht, erneut gepostet. Schlag auf Schlag. Die Zensur kommt kaum nach, kriegt es nicht in den Griff.“ Das Bewahren eines Textes wird zur heiligen Verpflichtung. Seltsam mutet es an, zu Zeiten von Fake News und Hass im Netz, zu erfahren, dass andernorts das World Wide Web der Hort der Wahrheit und des Widerstands ist.

Bild: pixabay.com

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Fang Fang notiert lakonisch. Den Durchhaltewillen der Großstadtbewohner, die Unfähigkeit von Funktionären, die Aufopferung von Ärzten, die physischen und psychischen Herausforderungen der Quarantäne. Nichts entgeht ihrem scharfen Auge. Sie beteiligt sich an Gruppeneinkäufen und Kochdiensten für ihren Häuserblock, sie weiß ums Decke-auf-den-Kopf-Fallen: „Mein ältester Bruder beschreibt es in einfachen Worten: ,Es ist sehr langweilig. Wir glotzen Serien, um uns die Zeit zu vertreiben‘“, sie sorgt sich um die Waisen der Epidemie, die von den Behörden „eingesammelt“ werden : „… das jüngste nur vier, fünf Jahre alt. Sie fürchten sich vor Leuten in Schutzanzügen, auch vor Leuten mit Schutzmasken“.

Und sie sorgt sich um ihren betagten Hausgenossen: „Mein alter Hund ist schmutzig und stinkt, sein altes Hautleiden ist wieder aufgebrochen. Meine Hände sind verbraucht und rissig, ich wage nicht, ihn zu waschen. Wann öffnen die Tierkliniken? Ich lasse ihn jeden Tag in den Hof und tröste ihn: Warte nur ein paar Tage, bald fühlst du dich wieder besser.“

Als sie sich über dröhnende Erfolgsmeldungen mokiert, den leere Phrasen dreschenden Kader, die Unfähigkeit der „Maulwerktätigen“, wird sie, kein Parteimitglied, aber auch keine Dissidentin, gezielt angegriffen. Man beschimpft und bedroht sie, auch Todesdrohungen sind dabei, von Stunde zu Stunde schwebt die Sperrung ihres Accounts wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf. Dennoch gibt sie Auskunft über den Einsturz des Xinjia-Hotels in Quanzhou, das als Quarantänestation benutzt wurde, über den Unmut des WHO-Mitglieds Yuen Kwok-yung: „Man hat uns während unseres Aufenthalts in Wuhan ausschließlich ,Mustereinheiten‘ vorgeführt. Sie hatten auf jede unserer Fragen eine Antwort parat, es war offensichtlich alles einstudiert“, über Leichensäcke, die bei Nacht und Nebel in Transporter geschichtet werden.

Bild: pixabay.com

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Fang Fang verfügt mittlerweile über unzählige Quellen, es nimmt Tage in Anspruch alle Nachrichten auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Den sie mit Hass und Häme überschüttenden, mutmaßlich regierungsgesteuerten Trollen steht eine Armada von Menschen gegenüber, die der Schriftstellerin verifizierte Informationen zukommen lassen, die sie dann ihrerseits weitergibt. Fang Fang gibt nicht nur den Bewohnern Wuhans eine Stimme, sondern öffnet nun auch Herz und Hirn der deutschsprachigen Leser. Welch eine mutige Frau, welch ein Buch!

Was das „Wuhan Diary“ zeigt ist, dass im Reich der Mitte nichts mehr unbeweint, unbenannt, verschwinden und vergessen werden kann. Wenn jetzt eine Parteizeitung aus dem Testament eines am Virus Sterbenden lediglich den Satz „Meinen Leichnam vermache ich dem Land“ zitiert, gibt es eine Schriftstellerin, die ihrem millionenfachen Lesepublikum mitteilen kann: „Tatsächlich stehen in den letzten Worten noch weitere vier Zeichen: ‚Ach, meine Frau!‘. Hat die Zeitung für diese ‚kleine‘ Liebe nur Verachtung übrig?“ Es ist tragisch und paradox, dass ausgerechnet diese zutiefst menschliche, auf ihre Art patriotische Stimme zum Schweigen gebracht werden soll.

Ein letzter Eintrag sei zitiert, 5. März 2020, Vizeministerpräsidentin Sun Chunlan besucht ein Wohnviertel in Wuhan, wofür die Gegend aufpoliert, die Lebensmittel in den Läden aufgestockt werden. Fang Fang: „Heute erregt ein Video gewaltigen Aufruhr in Wuhan: Bei der Inspektion eines Wohnviertels durch eine Führungspersönlichkeit der Zentralregierung rufen Leute aus den umliegenden Wohnhäusern ,Fake! Alles Fake!‘. Die Führungspersönlichkeit bricht den Besuch daraufhin auf halbem Weg ab.“  Nun sage keiner, davon könne man hierzulande nichts lernen …

Über die Autorin: Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. In den vergangenen 35 Jahren hat sie eine Vielzahl von Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Stets spielten die Armen und Entrechteten in ihren Werken eine große Rolle. 2016 veröffentlichte sie den von der Kritik gefeierten Roman „Weiches Begräbnis“, für den sie mit dem renommierten Lu-Yao-Preis ausgezeichnet wurde.

Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

www.hoffmann-und-campe.de

  1. 9. 2020

Vladimir Sorokin: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs

Januar 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Stör-Schaschlik, serviert auf Dostojewski

„Wenn du ein Buch wirklich liebst, wird es dir alle Wärme spenden, die in ihm wohnt“, sagt der Ich-Erzähler in Vladimir Sorokins jüngstem Roman „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“ und meint das wörtlich. Dies nämlich ist der Beruf des Géza genannten Protagonisten, er ist ein Star der Kulinarik-Szene, ein Grillgenie, das von einem elitären Event zum nächsten jettet, um gutsituierten Gourmets wie Gourmands seine Künste vorzuführen. „Book’n’Grill“ heißt dieses im doppelten Sinn delikate Vergnügen, meint das Wort „Book“ hier nicht das Buchen eines Privat-Chefs, sondern das begehrte Brennmaterial Buch.

Das Jahr ist 2037 und die Gutenberg’sche Erfindung Geschichte, Literatur zu „lesen“ bedeutet nur noch, sie in Flammen aufgehen zu lassen. Ein Showküchen-Spektakel, das sich eine neureiche und dekadente Nachkriegsclique etwas kosten lässt. 10.000 Pfund für zehn Jahre Haft, resümiert Géza nach einem Job, ist das Ganze doch höchst illegal, werden doch ausschließlich exquisiteste Erstausgaben entfacht. Die von sogenannten Antiquaren, heißt: einer Gilde besonderer Diebe, weltweit aus Bibliomuseen entwendet werden.

Géza, Budapester Kind eines belarussischen Juden und einer polnischen Tartarin, beide Flüchtlinge, er vor christlich-orthodoxen Fundamentalisten, sie vor islamischen, schließlich in Ungarn aufeinander getroffen, konzentriert sich auf die russischen Klassiker. Dostojewski, dessen „Idiot“ speziell geeignet für Schaschlik vom Stör, Tschechow für Ribeyesteaks, Tolstoi, Turgenjew, Soschtschenko, Seeteufelfilet auf Platonow …

Mit „Manaraga“ legt Sorokin eine seiner zynischsten Dystopien vor. Der Moskauer Autor, einer der präzisesten Analytiker des Putin-Systems und nicht zuletzt deshalb mittlerweile mit seiner Familie in Berlin lebend, der mit seinen Sci-Fi-Schauergeschichten aus der nahen Zukunft gern auf die gesellschaftspolitische Gegenwart feuert, hat seine grotesk-realsatirischen Geschoße diesmal nicht nur auf das gegenwärtige Russland gerichtet. Mag sein, „Manaraga“ ist inspiriert von der Tatsache, dass Sorokins eigene Romane von einer patriotischen Jugendorganisation schon auf dem Scheiterhaufen zerstört wurden, auch wird der Begriff Bücherverbrennung auf ewig mit dem Totalitarismus des Dritten Reichs verbunden sein – und so entwirft Sorokin das Bild eines refeudalisierten Europas, in dem Oligarchen, Tycoons, der Geldadel das Sagen haben.

Der Kontinent, wie man ihn kennt, ist passé, en passant wird erzählt von einem Krieg, einem „salafistischen Frühling“, endlich dem Großen Transsilvanischen Frieden, dies alles nur Schwingungen, Atmosphäre, nichts Ausgeschriebenes im Text, und vom neuen Leben in einer Art „aufgeklärtem Mittelalter“. Gegen dessen zweifelhafte Zeiterscheinungen die Schweiz zum Schutz geflügelte Legionäre bezahlt. Sie sind nur einer von Sorokins Fantasy-Einfällen, so wie auswechselbare Fingerabdrücke, Tarnhologramme, ein Zoomorph mit Fuchsgesicht oder jene „Flöhe“, überlegene Überwacher unklarer Herkunft, die, eingepflanzt im Hirn und hinterm Ohr, Wissen soufflieren und für Wohlgefühl sorgen. Géza gönnt sich gleich drei davon.

Bild: pixabay.com

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Über dessen Klientel handelt Sorokin nun nicht nur seine Missbilligung politischen Extremismus aller Art ab, von Autokratismus bis Isolationismus, sondern liefert auch ganz großartige Karikaturen auf die Welt der klassischen Musik, ein Koks schnupfendes Opernsängerpaar, das sich auf M. Agejews „Roman mit Kokain“ Süßkram kandieren lässt, Persiflagen auf die Filmindustrie, wenn bei einem „Der Meister und Margarita“-Dreh samt Bulgakow-Brutzeln die Crew als dessen Figuren Schwarzmagier Voland, Literaturfunktionär Berlioz oder Kater Behemoth auftritt.

Oder ergießt seinen Spott über das postsowjetische Schriftgut, mit dem zu Werke zu gehen Géza ja verweigert: „Wankja fegte die vollgepisste Treppe hinab, gab der Haustür einen Tritt, als wärs die löchrige Panzerweste eines Scheißukrainers, und fiel wie ein furzendes Sturmgeschütz in den Hof ein … Der Hof hielt die Beine für den Frühling gespreizt, die Erde geilte, die Jungs nicht minder … Was er jetzt brauchte, war ein Kescher aus starken und zärtlichen Worten … Ingrimmig, dass ihm schwarz vor Augen wurde, sog Wankja die Frühlingsluft in sich ein und brüllte: ,Fotze, ich schlag dich tot!‘“ Grandios als Gegensatz eine Bibliophilen-Parodie, ein Auftraggeber, der sich für Tolstoi hält, seine Verwandten als dessen Frau Sofja Andrejewna, Tochter Tanja, seinen Diener als Dichter Afanassi Fet auftreten lässt, und über dem von ihm selber verfassten Manuskript mit dem Titel „Tolstoi“ Karottenlaibchen auf einem Kosakensäbel aus dem 18. Jahrhundert gebraten haben will.

Spät kommt Sorokin auf den Buchtitel zu sprechen: Manaraga, ein 1662 Meter hoher Berg in der im Ural gelegenen Republik Komi, in einer von dessen Höhlen ein Umsturz vorbereitet wird, eine Revolution, die die Essensbuchkultur von Grund auf verändern will. Die Edelköche sind in der wie eine Loge aufgebauten geheimen Bruderschaft der „Großen Küche“ organisiert, und die wird plötzlich von einem anonymen Feind angegriffen, der in einer mysteriösen Maschine auf dem Manaraga Nabokows „Ada“ am laufenden Band reproduziert. Lauter Erstausgaben-Klone, „festes Papier (wood pulp), 626 Seiten, Ganzleinen, Schutzumschlag aus Kreidepapier, brennt wie eine Kiefer aus Rhodos“, die sich von Meeresfrüchten bis Wildbret für vieles eignen. Eine billige, legale Konkurrenz zu den geraubten Originalen, eine Gefahr für den „Book’n’Grill“-Markt, dessen Garen für einen erlesenen Circle durch die Bücherflut zur Massenausspeisung werden wird. Folter in einer Riesenfritteuse soll den Verräter ermitteln, dann schickt die „Große Küche“ ausgerechnet Géza in den Kampf gegen den Vervielfältiger …

Mit diesem Twist Richtung Thriller gibt Sorokin seiner Satire auf den letzten 35 Seiten noch einmal ordentlich Zunder. Sein Gruß aus der Küche ist nicht nur eine geistreiche Abrechnung mit einer (bildungs-)bürgerlichen Überflussgesellschaft, der der Konsum als neuer Gott gilt und deren Vergnügungen zunehmend verrückter und weltschädigender werden, nicht nur ein Metakommentar zu jenen rechten Regimen, zu denen Europas Demokratien mehr und mehr mutieren, nicht nur eine Selbstironisierung seiner Rolle als Schriftsteller und der Tradition, auf der diese fußt, ein Abgesang aufs Gedruckte zugunsten des Digitalen, spannend und unterhaltsam, bissig und manchmal unerwartet lyrisch, sondern darüber hinaus ein Buch, das Lust auf Mehr- und Nachlesen macht. Der Fülle literarischer Anspielungen, Zitate und Querverweise muss man einfach hinterher spüren, und „Tschewengur“, „Krieg und Frieden“, „Verbrechen und Strafe“, „Gespenster“ wieder oder zum ersten Mal in die Hand nehmen. Um danach den nächsten Sorokin zu lesen.

Über den Autor: Vladimir Sorokin, geboren 1955, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Russlands. Er wurde bekannt mit Werken wie „Die Schlange“, „Marinas dreißigste Liebe“, „Der himmelblaue Speck“ und zuletzt „Der Tag des Opritschniks“, „Der Zuckerkreml“ und „Der Schneesturm“. Zuletzt erschien von ihm der große polyphone Roman „Telluria“. Sorokin ist einer der schärfsten Kritiker der politischen Eliten Russlands und sieht sich regelmäßig heftigen Angriffen regimetreuer Gruppen ausgesetzt.

Kiepenheuer & Witsch, Vladimir Sorokin: „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Russischen von Andreas Tretner.

Videolesung von Vladimir Sorokin und Andreas Tretner: www.youtube.com/watch?v=nCIme600nQ8

www.kiwi-verlag.de

  1. 1. 2019

Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank

Oktober 6, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus „Kitty“ wird ein Graphic Diary

Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Marc Chagall schon illustrierte eine limitierte Ausgabe ihres Tagebuchs. Zeitnäher, nämlich 1995, brachte das japanische Madhouse Animation-Studio einen Zeichentrickfilm heraus; von Ernie Colón und Sid Jacobson erschien 2010 eine Comic-Fassung. Es ist nicht so, dass es zu Anne Franks weltberühmten Aufzeichnungen, in 70 Sprachen übersetzt und mehr als 30 Millionen Mal verkauft, keine Bilder gibt.

Nun also versuchen sich Ari Folman und David Polonsky am Stoff. Eindrucksvoll haben die beiden 2008 bewiesen, wie man eine schwierige Materie in Zeichnungen umsetzen, erklären und an ein großes Publikum bringen kann. „Waltz with Bashir“ heißt ihr Oscar-nominierter animierter Dokumentarfilm (www.waltz-with-bashir.de), dem ein Buch folgte, und in dem Folmans traumatischer Einsatz als israelischer Soldat im Ersten Libanonkrieg 1982 thematisiert wird.

Dem „Tagebuch der Anne Frank“ nähern sich der Texter und der Illustrator sozusagen auf Zehenspitzen. Behutsam haben sie sich in die Vorstellungswelt der 13-Jährigen vorgetastet; in einem Nachwort erklärt Folman, wie die Umsetzung der Einträge als Graphic Diary überhaupt möglich war. „Ich hatte große Bedenken“ schreibt er über sein Unterfangen, aus Annes Texten für sein Ansinnen passende auszuwählen und diese auch noch zu verdichten, damit ein lesbarer Buchumfang entstehen konnte. Bei gleichzeitigem selbstauferlegtem Arbeitsauftrag, dem Werk so treu wie möglich zu bleiben. Die Übung ist, lässt sich sagen, gelungen.

Folman und Polonsky lassen keinen Punkt aus, der Anne berührt hat. Und das sind neben der Angst und dem Hunger durchaus die üblichen Teenagersorgen: der Konkurrenzkampf mit Schwester Margot, der Liebeskummer wegen Peter van Daan, ihre Zimmerschlacht mit Zahnarzt Albert Dussel, der Ärger des Trotzkopfs über Zurechtweisung ob ihres als aufsässig empfundenen Benehmens. Menschen in einer extremen Ausnahmesituation werden den Ansprüchen eines Backfischs natürlich nicht gerecht …

Anne erlaubt Anne keine lästerliche Bemerkung über ihre Liebe zu Peter. Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

In einem Tagalbtraum sieht sie ihre Schwester Margot im Viehwaggon. Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Anne philosophiert über das intime Aussehen von Männern und Frauen, und über Frauenrechte. Annes Phasen der Depression und der Verzweiflung sind in Fantasieszenen festgehalten. Eine der eindrücklichsten zeigt Anne als Munchs „Der Schrei“ und als Klimts „Goldene Adele“ – als Beispiel, wie sie sich fühlt und wie sie viel lieber sein möchte. An anderer Stelle marschieren schwarz-graue Nazi-Kohorten, färben sich schaurige Seiten-Tableaus blutrot – oder sieht Anne ihre Schwester in einem Tagalbtraum unterwegs im Viehwaggon.

Den kühnsten Kniff wagt Folman, wenn er Tagebucheintragungen zu fiktionalen Dialogen dramatisiert. „Lass mich doch einfach in Ruhe – ich bin ja sowieso ein hoffnungsloser Fall“, schreit Anne ihre Mutter an. Die erwidert: „Nicht in diesem Ton, Fräulein!“ Und als die van Daans einen Ehestreit haben, bemerkt Vater Frank trocken: „Hol mal schnell einer den Verbandskasten!“

So mancher dergestalt entstandene verbale Schlagabtausch bringt Heiterkeit ins Buch, während besonders prägnante Einträge ungekürzt übernommen sind. „Ach“, schreibt Anne, „ich werde ja so vernünftig! Alles muss hier mit Vernunft geschehen, lernen, zuhören, Mund halten, helfen, lieb sein, nachgeben, und was weiß ich noch alles! Ich habe Angst, dass ich meinen Vorrat an Vernunft, der ohnedies nicht besonders groß ist, viel zu schnell verbrauche und für die Nachkriegszeit nichts mehr übrig behalte.“ Und später: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Welt für uns je wieder normal wird.“

Nicht nur mit Worten, auch über die Bilder arbeiten Folman und Polonsky Anne Franks scharfsinnige Analyse ihres Ist-Zustands, ihr hohes Maß an Selbstreflexion und Mitgefühl, ihren Galgenhumor und ihren manchmal neunmalklugen Sarkasmus heraus.

„Ich fand es unfassbar“, schreibt Folman im Nachwort, „dass eine Dreizehnjährige imstande gewesen war, einen so reifen, poetischen, lyrischen Blick auf die Welt um sie herum zu werfen …“ David Polonskys Zeichnungen sind klar, manchmal kleinteilig, manchmal erstrecken sie sich über eine ganze Doppelseite. Es ist eine in Sepiatönen gehaltene Umgebung, die er erschaffen hat, Farben,  selbst Schattierungen verwendet er nur sparsam. Graphische Erzählstrategien verfolgt er gar nicht, Polonsky ist im besten Sinne ein Illustrator des Textes.

„Kitty“ nennt Anne Frank ihr Tagebuch. Sie bekommt es am 12. Juni 1942 zum Geburtstag geschenkt. Da ist die Familie schon aus Frankfurt nach Amsterdam geflohen. Das in rotweißen Stoff gebundene Notizheftlein mit dem kleinen Schloss an der Vorderseite wird Ersatz für die Freundin, die sie nicht finden, wird zu „jemand“, dem sie sich rückhaltlos anvertrauen kann. Noch am Geburtstag beginnt sie in niederländischer Sprache ihre Eintragungen. Das Graphic Diary endet mit Annes letztem am 1. August 1944, drei Tage vor ihrer Verhaftung. „Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird“, schreibt sie. „Ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird …“

Anne Frank starb 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus, ihr Todesdatum muss zwischen Ende Februar und Anfang März liegen. Am 12. April wurde das Lager von britischen Truppen befreit. Von den acht Untergetauchten im Hinterhaus an der Prinsengracht überlebte nur Otto Frank den Holocaust.

Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Über die Autoren:
Anne Frank, am 12. Juni 1929 als Kind jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren, flüchtete 1933 mit ihren Eltern nach Amsterdam. Nachdem die deutsche Wehrmacht 1940 die Niederlande überfiel und besetzte, 1942 außerdem Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung in Kraft traten, versteckte sich die Familie Frank in einem Hinterhaus an der Prinsengracht. Die Familie und ihre Mitbewohner wurden im August 1944 verraten und nach Auschwitz verschleppt. Anne Frank und ihre Schwester Margot starben infolge von Entkräftung und Typhus im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihr genauer Todestag ist nicht bekannt.

Ari Folman ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Er wurde 1962 als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender in Haifa geboren. Als israelischer Soldat erlebte er 1982 den Ersten Libanonkrieg mit. Über die teils autobiographischen Erlebnisse drehte er 2008 den animierten Dokumentarfilm „Waltz with Bashir“, der als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde, den Europäischen Filmpreis und den César erhielt.

David Polonsky, geboren 1973 in Kiew, ist ein preisgekrönter Illustrator und Comiczeichner. Weltbekannt wurde er durch seine Zeichnungen für den Animationsfilm „Waltz with Bashir“ und die gleichnamige Graphic Novel. Er unterrichtet an Israels angesehener Kunstakademie Bezalel in Jerusalem.

S. Fischer Verlage, Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: „Das Tagebuch der Anne Frank“, Graphic Diary, 160 Seiten. Übersetzt aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler und aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel

www.fischerverlage.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=wpcM0b7WDTk&feature=youtu.be

  1. 10. 2017

Theater an der Wien: Hans Heiling

August 18, 2015 in Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Saisonstart mit Anne Frank und einem Erdgeist

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Das Theater an der Wien startet mit der romantischen Oper „Hans Heiling“ von Heinrich Marschner in die neue, seine zehnte, Opernsaison. Premiere ist am 13. September. Intendant Roland Geyer selbst inszeniert, Constantin Trinks dirigiert. Michael Nagy singt den Hans Heiling, Katerina Tretyakova seine Braut Anna, Angela Denoke ist die Königin. Mit dem ORF Radio Symphonieorchester Wien und dem Arnold Schoenberg Chor.

Hans Heiling möchte der vereinnahmenden Liebe seiner Mutter entkommen und zieht in ein Dorf, wo er sich in Anna verliebt. Für sie ist er bereit, sein Leben völlig zu ändern. Annas Mutter ist von Heilings teuren Geschenken angetan und ermutigt ihre Tochter, den Fremden zu heiraten. Allerdings fühlt sich die junge Frau in Gegenwart des geheimnisvollen und besitzergreifenden Mannes nicht wohl. Sie hat noch einen anderen Verehrer: den feschen Konrad. Heiling beansprucht seine Braut stets für sich. Er scheut die Gesellschaft der Dorfgemeinschaft und will nicht, dass Anna auf einem Fest tanzt. Heilings Mutter sucht Anna auf, enthüllt das wahre Wesen ihres Verlobten – er ist ein Erdgeist aus der Unterwelt – und bedroht sie, damit sie von der geplanten Heirat lasse. Anna löst die Verlobung und wendet sich Konrad zu. Heiling entbrennt voll Eifersucht, stellt Konrad und sticht ihn im Streit nieder. Danach lassen ihn seine inneren Stimmen über seine Tat zweifeln. Er wird darüber fast wahnsinnig …

Im Juli 1831 erhielt Heinrich Marschner ein anonymes Libretto zugesandt. Diesen „Hans Heiling“ betitelten Text, der auf einer böhmischen Sage basiert, fand Marschner sofort inspirierend und forschte nach dem Autor: es war Eduard Devrient, Bariton an der Berliner Oper. Binnen eines Jahres war die Komposition fertig, im Mai 1833 kam sie mit grossem Erfolg zur Uraufführung in Berlin – Devrient verkörperte die Titelfigur. Marschner war bereits durch seine Opern „Der Vampyr“ (1828) und „Der Templer und die Jüdin“ (1829) bekannt, „Hans Heiling“ vertiefte sein Ansehen als Nachfolger von Carl Maria von Weber. Das romantische Sagenthema gab Marschner Gelegenheit zu strukturellen Experimenten, er verwendete konventionelle und völlig neue Formen nebeneinander. Einem durchkomponierten Vorspiel folgt die Ouvertüre, in der eigentlichen Oper sind die Nummern teils durch Dialoge, teils durch Rezitative miteinander verbunden. Die musikalische Ausleuchtung von Heilings komplizierter Psyche zwischen Sehnsucht nach Liebe, Eifersucht, Wut und Traurigkeit ist richtungsweisend: Wagner verfolgt diese Ideen mit seinem „Der fliegende Holländer“ weiter.

Saisoneröffnung an der Wien ist am 10. September mit dem Konzert „Das Tagebuch der Anne Frank“. Grigori Frids Monooper wird Strawinskis Suite „L’Histoire du Soldat“ vorangestellt. Es spielen die Wiener Virtuosen unter der Leitung von Leo Hussain.

www.theater-wien.at

Wien, 18. 8. 2015