Theater an der Wien auf ORF III: Le Nozze di Figaro

Dezember 1, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur die Commedia ist Alfred Dorfer abhandengekommen

Johannes Bamberger, Maurizio Muraro, Enkelejda Shkosa, Cristina Pasaroiu, F. Boesch, Giulia Semenzato, Robert Gleadow, Patricia Nolz, Ekin Su Paker, Ivan Zinoview. Bild: © Moritz Schell

In seinem aktuellen Programm „und …“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26914), für das er dieser Tage schon Spieltermine im kommenden März/April ausgibt, diagnostiziert Alfred Dorfer die Herzenszartheit eines jeden Zynikers, wie auch die seine. Nun hat der Kabarettist seine erste Operninszenierung absolviert, „Le Nozze di Figaro“ am Theater an der Wien, die Premiere #Corona-bedingt allerdings nicht im Haus, sondern als ORF III

Liveübertragung aus ebendiesem und weiterhin in der ORF-Mediathek und auf der Klassikplattform fidelio abzurufen. Was Dorfer aus dem Werk destilliert, ist eher Beaumarchais als da Ponte, klar, dass einer wie er, das Politische im Privaten betont. Seine Interpretation ist ein Mozart der subtil düsteren Zwischentöne, ist Dorfer doch auch mit seinen eigenen Texten und bei Auftritten nicht als Abfackler greller Comedy-Pointen bekannt. Sein Schmäh feuert vielmehr aus dem Hinterhalt, lässt sich Zeit, bis er weiß, dass er ins Ziel trifft, dann aber: Bumm!

Ein Understatement, für das er bei dieser Arbeit kongeniale Partner vom Concentus Musicus Wien unter der Leitung von Stefan Gottfried über Co-Regisseurin Kateryna Sokolova und Ausstatter Christian Tabakoff bis zur erlesenen Besetzung zur Seite hat. Kurz, diese en détail durchdachte „Hochzeit“ und ihre rundum exzellente musikalische Deutung sind gelungen, allein, der Commedia per musica ist erstere abhandengekommen. Die flotte Verwechslungskomödie mit ihren Liebesirrungen und -wirrungen hat bei Dorfer keinen doppelten Boden dunkler Andeutungen, nein, da tun sich wahre Abgründe auf.

Und so, wie die auf der Bühne nichts zu lachen haben, kommt einem auch vor dem Bildschirm kaum ein Lächeln aus. So viel zur Zartheit von Zynismus, Dorfer bevölkert das Schloss des Grafen Almaviva mit Sehnsüchtlern, Eifersüchtlern, denen auch die Laster Hab- und Selbstsucht eigen sind. Das nicht vollständig möblierte Zimmer des ersten Aktes bleibt ein solches, als wolle Tabakoff mit der Leere die Einsamkeit dieser Menschen bebildern, Aguasfrescas als „Hotel Sevilla“ für geschundene Herzen – und allein im weiten Flur, so beginnt das Ganze, Florian Boesch als Conte.

Boesch, dem Dorfer jede figurenzeichnerische Komfortzone verwehrt, optisch weniger lustig als Luising’erisch, von Gutsherrenrock bis Haartracht einem bekannten Lobbyisten verwandt, und längst kein Schürzen-Jäger mehr. Sondern ein alternder, gefährlicher, weil seine Hilflosigkeit in Aggression auslebender, wie Susanna singt, „Wüterich“, der von seinen Dämonen gejagt wird. Den Namen „Cherubino“ hat jemand wie zum Hohn und wie den Teufel an die Wand gemalt, schlagartig wird’s finster, im Hintergrund ein sich umschlingendes Liebespaar, doch wer ist’s?, ein Fenster zur Seele des paranoiden Grafen.

Giulia Semenzato und Robert Gleadow. Bild: © Moritz Schell

Robert Gleadow. Bild: © Moritz Schell

Giulia Semenzato und Robert Gleadow. Bild: © Moritz Schell

Ein Schattenspiel, ein angstvoller, apathischer Moment, wie ihn Dorfer des Öfteren einsetzen wird. Etwa in jener Albtraumsequenz, in der Almaviva die anderen wie Schachfiguren und Susanna, dies Sinnbild seiner mannhafterer Tage, auf seinem Schoß arrangiert, doch auch, wenn die Rollen von Macht und Ohnmacht getauscht werden. Ein Innehalten, in dem Mozarts Töne wie zum Trotz tanzen. Dass die Feudalherrschaft wie ihr Herrensitz hier zum schäbigen Abglanz ihrer selbst verfallen sind, beweist niemand besser als der Hipster-Figaro des Robert Gleadow und dessen frühemanzipierte Susanna von Giulia Semenzato. Beide, wie selbstverständlich Boesch, sängerisch makellos, und Gleadow im gewohnt spielfreudigen Ensemble, an dem man via Fernsehen Operngucker-nah dran ist, das hochenergetische Zentrum.

Wie sich Dorfer der Tändelei und etwaigem Slapstick, bis auf ein Eisbärenfell-Versteck und Maurizio Muraros im Aufzug steckenbleibenden Bartolo, verweigert – wiewohl die Drei-Räume-Drehbühne den Klipp-Klapp hergegeben hätte, so hat Gleadows aufsässiger Figaro nichts Schelmisches mehr an sich. Er ist ein stürmischer Liebhaber, dessen Sturm im Zorn zum Orkan wird, sein Man-Bun dann in Auflösung begriffen, was den Rebellen gegens Recht primae noctis windstärkenmäßig dem Wüterich Almaviva ebenbürtig macht. Verabschiedet er Cherubino, Non più andrai, farfallone amoroso, trieft ihm der Sarkasmus sichtlich aus den schiefen Wundwinkeln. Und siehe: Gleadow kann sogar Apfelessen beim Singen.

Fast scheint’s, als hätte Tabakoff mit seinem Peter-Brook’schen Empty Space Platz für Dorfers hervorragende Personenführung schaffen wollen, denn die Solistinnen und Solisten füllen die Bühne mit ihren vielschichtig changierenden Charakteren und einer Präsenz, die sich bis aufs Wohnzimmersofa überträgt, nichts außer des Ambientes ist hier schwarz-weiß, gut oder böse, Schurke oder Seelchen. Und, apropos: Cristina Pasaroiu singt ihre Contessa Almaviva berückend schön, das warme, samtige Timbre der Hausdebütantin nimmt einen in gleicher Weise ein, wie ihre mädchenhafte Erscheinung.

Da hat eine blutjunge Rosina sich einem angegrauten, griesgrämigen Blaublut angetraut, dies der erste Höhepunkt: Terzett Graf, Gräfin, Susanna, or via, sortite, gerade noch rotiert Almaviva vor der Tür der Gattin, als treibe ihn eine noch nicht erloschene Zuneigung im Kreis, da verpasst ihm die Gräfin eine schallende Ohrfeige, und er fordert mit einer beinah Vergewaltigung seine ehelichen Rechte ein, die Pasaroiu mit Boesch im Infight auf nacktem Boden – Szenen einer scheiternden Ehe. Was Wunder willigt die Gräfin in die Kabale und Liebe ein.

Der Aufzug steckt fest: Enkelejda Shkosa als Marcellina und Maurizio Muraro als Bartolo. Bild: © Moritz Schell

Arrangierter Albtraum: Boesch, Semenzato, Andrew Owens, Gleadow, Muraro und Shkosa: Bild: © Moritz Schell

Aufritt des betrunkenen Antonio: Semenzato, Ivan Zinoviev, Pasaroiu, Gleadow und Boesch. Bild: © Moritz Schell

Die beiden Hausdebütantinnen Cristina Pasaroiu als Gräfin und Patricia Nolz als Cherubino. Bild: © Moritz Schell

Die erst 25-jährige niederösterreichische Mezzosopranistin Patricia Nolz, seit der aktuellen Saison Mitglied des Opernstudios der Wiener Staatsoper, debütiert an der Wien als Cherubino mit frischem, frechem Maturantencharme und in Hochwasserhose, als wäre der Knabe zu schnell in die Höhe geschossen – und wie sie singt: Voi che sapete che cosa è amor, strahlend, brillant, betörend! Patricia Nolz ist ein Name, eine Stimme, den zu merken sich lohnen wird.

Der bereits erwähnte Maurizio Muraro als Rollator bewehrter Bartolo samt Enkelejda Shkosa als Marcellina im rosafarbenen „Chanel“-Kostüm, La vendetta, oh, la vendetta / Via, resti servita, Madama brillante, Andrew Owens als intrigant-schmieriger Basilio, Johannes Bamberger als tölpeliger Don Curzio, Ekin Su Paker als neckische Barbarina und Ivan Zinoviev als vom Wein illuminierter Antonio geben ihr Bestes, um auch dem Begriff Opera buffa alle Ehre zu machen.

Mit allem Drum und Dran macht der TV-Abend Vorfreude auf ein mögliches künftiges Vorort-Erlebnis, dem man am Theater noch ein Mehr an Differenzierung zutrauen darf, den Solistinnen und Solisten wie dem Concentus Musicus, dessen präzise Begleitung, manch unheilvolles Donnergrollen, die drängende Spiellust und die Hand in Hand mit der Regie ausgelotete Partitur durchaus Erinnerungen an den großen Nikolaus Harnoncourt wachrufen, dessen Nachfolger Stefan Gottfried sich einmal mehr als umsichtiger Mann am Pult erweist.

Mit einer #Lockdown-Premiere hat Alfred Dorfer kein leichter Start im Operngenre ereilt. Dass ihn dies nicht abschreckt, ist zu hoffen. Denn es gibt genug Stoffe, bei denen Dorfers Talent zur eleganten Satire eine Wohltat wäre. Das spürt man vielleicht am stärksten am Ende. Nachdem alle Verkleidungen, Verstellungen und ein Witz von Entschuldigung gefallen sind, rockt man mitsammen in einer alten Straßenbahnremise ab, Endstation! also, und in grotesker Ausgelassenheit Almaviva, der sich hüpfend und die Arme in Siegerpose hochgerissen aus der Schlussbild-Idylle verabschiedet. Womöglich fantasiert er wieder, womöglich hegt er schon neue Verführungspläne? Ah! Tutti contenti!? Das Publikum auf alle Fälle!

Die TV-Premiere von „Le nozze di Figaro“ ist noch bis 5. Dezember in der ORF-Mediathek und bis Dezember 2021 auf der Klassikplattform fidelio abrufbar.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=CbWXaEdRBxw           www.theater-wien.at

  1. 11. 2020

Schauspielhaus Wien: „Queen Recluse“

November 15, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück Emily Dickinson

Barbara Horvath, Gideon Maoz, Steffen Höld Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Barbara Horvath, Gideon Maoz, Steffen Höld
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Wie enttäuschend. Etwa eine Stunde nur hat er gedauert, dann war er schon wieder vorbei. Dieser Theaterabend, der – oh, seltsam seltene Ausnahme – gerne doppelt so lange hätte dauern dürfen, müssen, sollen. (Obwohl im „Nachbarhaus“ des Schauspielhauses Wien ob der Sitze eher früher als später die Region Sitzfleisch, Steißbein, Ischiasnerv „La Paloma“ singt.) Wie beglückend. Dieser Theaterabend, an dem einfach alles stimmt. Der großartige Text, die formidable Inszenierung mit wohl überlegtem „Bühnenbild“, die fabelhaften Darsteller. Autor und Ensemblemitglied Thiemo Strutzenberger brachte sein Stück „Queen Recluse“ zur Uraufführung. Ein Stück Emily Dickinson, ein Versuch, das Wesen der US-Lyrikerin, nein, nicht zu fassen, sondern in ihrem Vorbeigleiten abzubilden. Wie Wildtiere, die Forscher mit verlockendem Futter in eine Fotofalle locken. Klick, ein Bild des kostbaren Geschöpfs. Dickinson (1830-1886 in Amherst, Massachusetts, lebend und sterbend), Politikerkind und -enkelin, war eine Ein-Frau-Demonstration gegen den Puritanismus der Gründerstaaten, eine der ersten Frauenrechtlerinnen, Nonkonformistin, ein hochpolitischer Kopf. Nur marschierte sie nicht Tafeln oder Fahnen schwenkend durch die Straßen, sie agierte von ihrem Haus aus. Emily alone. Seit 1850 hegte sie eine Vorliebe für weiße Kleidung und zog sich immer mehr in die Einsamkeit zurück. Sie empfing nur wenige Besucher und machte selbst selten Besuche. Sie galt als menschenscheu und verbrachte die meiste Zeit in ihrem Zimmer. My home is my castle. Von dem aus sie an die 1800 Gedichte (posthum veröffentlicht) und unzählbare Briefe in die Öffentlichkeit entsendete. Ihre Stellungnahme zum Bürgerkrieg: Interessiert mich nicht. Punkt. Absatz. Wir befreien versklavte Schwarze aus dem Süden, damit sie in der Nordstaatenarmee als Kanonenfutter dienen … Eine Geisteskrankheit, schöner: eine Erkrankung des Gemüts, wurde der Dickinson auf den Leib geschrieben. Dabei: Was wäre das Gegenmodell zu ihrem Lebensentwurf gewesen? Heirat, lukrativ, in besten Kreisen, am besten mit einem Parteifreund des Vaters, alle Jahr‘ ein Kind, Haushaltsführung, Deckchen häkeln, Kekse backen. Frauen wurde von ihren Ehemännern ohnedies an der Teilnahme an der „korrupten, schrecklichen Welt“ ferngehalten. Dann lieber gleich konsequent „Queen Recluse“. „Die Sprache kennt kein wilderes Wort als Nein“, sagt Dickinson. Und: „Das Ufer ist sicher, nur trotze ich so gern der See.“

Strutzenbergers Text ist ein Versuch über das sehr öffentliche Verschwinden, die Verweigerungstaktiken und Rückzugsgefechte der Dichterin. Er verbindet Originalzitate mit dutzendweise vorhandener Erklärsekundärliteratur mit eigenen Überlegungen. Er paraphrasiert und variiert die Theorien über Emily Dickinson. Das Stück ist eine Farce, ein Reinheitsdiskurs, eine bizarre Komödie um Verwechslungen und Missverständnisse, ein Rollen- , ein Vexier-, ein Verwirrspiel um ständig wechselnde Identitäten (- denn Emily Dickinson ließ, wenn sie der anderen müde war, was immer war, ihre Schwester Lavinia oder ihre Schwägerin Susan als sie auftreten). Strutzenberger, der Sprachspieler. Inklusive Versprechern zwischen den Karln May und Marx. Martin Schmiederer hat den Text in Szene gesetzt, auf einem von duftig transparenten Vorhängen umrahmten Podium (Bühne und Kostüme: Christian Tabakoff), um die ein Hauch von Emily schwebt. Mit heiligem Ernst werden die Stoffbahnen von den Schauspielern immer wieder neu arrangiert. Hinter ihnen kann „Emily“ Barbara Horvath Gespräche „mit ihr“ und über sie belauschen. Sie spielt die Dickinson spröde, unversöhnlich, majestätisch, versponnen wäre das falsche Wort: in sich gekehrt in sich das Antibanale suchend. Ihr Denken tickt so laut, im „Flatterstil“ von Dickinsons Briefen, dass es die Außenwelt gut übertönen kann. Es herrscht Geschlechtergleichheit. Gideon Maoz gibt die Geschwister, sowohl Rechtsanwaltsbruder Austin als auch Stellvertreterinschwester Lavinia. Jeder „tritt“ hier auf. Nur nicht als er selbst. Maoz verkörpert als Austin den Herrn seiner Zeit, ganz Mann, ganz Herrscher im Haus, frühstückt er die geliebte, leider über Gott an sich und die Welt im Besonderen philosophierende Gattin ab. Mann hat noch zu arbeiten … Strutzenberger streift mit „Susan“ Myriam Schröder auch Dickinsons mutmaßlichen Gefühle zu ihr. Schröder und Horvath klären auf über die Erotik eines Bleistifts, den die Dichterin stets im Munde führt. Steffen Höld spielt Literaturkritiker T. W. Higginson, ein Frauenrechtler, der Dickinson zeitlebens von einer Veröffentlichung ihrer Gedichte abrät, um die Aufgabe nach ihrem Tod zu übernehmen. Er ist auch Erzähler ihres Lebens, Erklärer ihrer Kunst, wird angeschossen, an der Nase herumgeführt, hat fast was mit Susan, diskutiert mit Lavinia – und ist von seinem Irrtum nicht abzubringen: „Warum nennen Sie die Frau XXX, das ist doch Emily.“ Tatsächlich sagte er: „Ich habe Emily Dickinson drei Mal getroffen. Glaube ich zumindest.“ Höld ist bezaubernd als waidwunder Bewunderer, der mit steifer Hüfte kniefällig um Erhörung fleht … „A Letter always feels to me like immortality because it is the mind alone without corporeal friend.“ Emily Dickinson in einem Brief an T. W. Higginson, Juni 1869

Strutzenbergers Stück gewährt nicht mehr und nicht weniger als einen Blick unter den Glassturz, in dem Emily Dickinson war. Wertvolles darf man weder Licht noch Luft aussetzen. Nur schnell schauen und gut ist’s. Und sehr poetisch. „Wenn mir buchstäblich ist, als würde mir die Schädeldecke entfernt, weiß ich: Das ist Poesie. Nur so erkenne ich sie. Es gibt keine andere Möglichkeit.“ Sagt Emily Dickinson. Ohne „Queen Recluse“ gekannt zu haben.

www.schauspielhaus.at

www.mottingers-meinung.at/thiemo-strutzenberger-im-gespraech

www.emilydickinsonmuseum.org

Wien, 15. 11. 2013