Die Wunderübung

Januar 29, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer als Therapeut am Ende seiner Kräfte

Der Therapeut hat, so scheint’s, selber Probleme: Erwin Steinhauer. Bild: © Allegro Film

Michael Kreihsl ist so etwas wie ein Daniel-Glattauer-Spezialist. Nicht nur dessen Komödien „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ hat er höchst erfolgreich an den Kammerspielen der Josefstadt inszeniert, sondern 2015 auch dessen drittes Beziehungsstück „Die Wunderübung“.

Mit dieser kommt Kreihsl nun ab 2. Februar in die heimischen Kinos, und beweist damit, dass das turbulente Kammerspiel auch auf der Leinwand funktioniert. Wie schon auf der Bühne mit dabei ist Aglaia Szyszkowitz, mit ihr spielen Devid Striesow und Erwin Steinhauer.

Letzterer gibt ganz großartig einen Paartherapeuten am Ende seiner Kräfte. Kommen zu ihm doch die zerstrittenen Eheleute Joana und Valentin Dorek – Szyszkowitz und Striesow. In der Polemik ist man noch ein eingespieltes Team, aber außer Gehässigkeiten haben die beiden einander nicht mehr viel zu sagen. Auf Geheiß der gemeinsamen Tochter soll’s der Psychologe nun richten. Doch der wird von den Doreks an seine Grenzen gebracht. Bis auf seinem Handy ein E-Mail aufscheint: Seine Frau hat ihn verlassen. Nun ist es an Joana und Valentin gute Ratschläge zu erteilen. Falls das alles nicht nur eine Finte war …

„Die Wunderübung“ ist ein wunderbarer Film darüber, wie sich Liebe abnützt und wieder aufpoliert werden kann. Kreihsl bleibt, wie es sich für ein Kammerspiel gehört, 90 Minuten lang frontal auf den Gesichtern seiner Protagonisten. Das rückt beim sich hochschaukelnden Schlagabtausch sowohl Steinhauers verschmitzte Miene, als auch Striesows ob der ungewöhnlichen Methoden des Therapeuten ungläubig aufgerissene Augen perfekt in den Fokus. Und niemand kann wohl schöner von 0 auf 180 gehen, als Aglaia Szyszkowitz‘ Joana, wenn Valentin als ihre besten Eigenschaften „klug und tüchtig“ nennt.

Der Therapeut setzt auf seltsame Partnerschaftsübungen: Aglaia Szyszkowitz, Erwin Steinhauer und Devid Striesow. Bild: © Allegro Film

Die zerkrachten Eheleute Joana und Valentin sollen wieder zueinander finden: Devid Striesow und Aglaia Szyszkowitz. Bild: © Allegro Film

Steinhauer überzeugt als abgeschmuddelter, Süßkram in sich stopfender Therapeut, Szyszkowitz und Striesow giften auf höchstem Niveau, bis sie in den Selbstzufriedenheitsmodus fallen, wenn sie sich gegen den Therapeuten verbünden. Neben diesem exzellenten Darstellerdreigestirn überzeugt Kreihsl Arbeit durch ihren leisen Humor und einen subtilen Sarkasmus. Dabei sind die Dialoge eins-zu-eins ehrlich und wie aus dem Leben gegriffen. Nicht wenige werden glauben, sie sehen ein Spiegelbild.

www.diewunderuebung.derfilm.at

  1. 1. 2018

ZDF: „Der Tote im Eis“

Mai 17, 2013 in Film

Familiendrama in den Kärtner Bergen

Copyright: Honorarfrei - nur für diese Sendung bei Nennung ZDF und Hendrik Heiden

Karl Kress (Manfred Zapatka) verfolgt einen Plan, der seine Familie bis in die Grundfesten erschüttern wird.
Bild: ZDf/ Hendrik Heiden

Manfred Zapatka, Kai Wiesinger, Aglaia Szyszkowitz, Benjamin Sadler, Ulrich Tukur, Hanns Zischler … viele hochkarätige Schauspieler sind im ZDF-Familiendrama „Der Tote im Eis“ am 20. Mai, 20.15 Uhr zu sehen. Der 120-Minüter entstand bei spektakulären Dreharbeiten im Gletschergebiet der Kärntner Alpen. Regie führte Niki Stein, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Inhalt: Seit einer Bergtour vor 20 Jahren gilt Christoph, der älteste Sohn von Bauunternehmer Karl Kress (Manfred Zapatka), als verschollen. Die Bergwacht vermutete, dass er bei dichtem Nebel in eine Gletscherspalte gestürzt ist. Karl ist inzwischen 70. Das Unternehmen führt er mit Tochter Verena (Aglaia Szyszkowitz) und deren Mann Gregor (Benjamin Sadler). Mark Kress, der damals seinen älteren Bruder Christoph begleitet und zurückgelassen hatte, ist vor den stillen Vorwürfen seines Vaters in ein eigenes Leben geflüchtet. Nur wegen seiner finanziellen Abhängigkeit von Karl folgt Mark der Bitte des Familienoberhaupts, ihn ein letztes Mal auf eine Bergtour zu begleiten: gemeinsam mit Verena und Gregor noch einmal genau den Gipfel zu besteigen, der Christoph einst das Leben kostete – ein Aufstieg, der zu einem Abstieg in die dunkelsten Geheimnisse der Familie wird … „Vorlage für den Film sollte im weitesten Sinne Shakespeares „King Lear“ sein: Der alte „König“, den nahen Tod vor Augen, möchte sein „Königreich“ sortieren, will am Lebensende ein anständiger Mensch werden – und scheitert“, so Niki Stein. Etwas Ähnliches spielte Manfred Zapatka schon am Münchner Residenztheater: „Die Götter weinen“ von Dennis Kelly.

„Im Grunde steht Karl Kress exemplarisch für unsere Zeit“:

Interview mit Hauptdarsteller Manfred Zapatka

Was hat Sie an der Figur, den Patriarchen Kress, so gereizt?

Solch eine Rolle zu spielen, wird einem nicht täglich angeboten. Es ist eine hervorragende Geschichte, sehr dicht, sehr bildkräftig. Niki Stein leuchtet im Buch wirklich jede Facette der Figur bis ins Detail aus.Lange Zeit ist nicht klar, welches Ziel Karl verfolgt. Ich finde die Rolle einfach großartig.

Ist Karl Kress einfach nur ein mieser Kerl oder eher das Opfer seines eigenen Lebens?

Das kann man nicht so schwarz-weiß zeichnen. Karl schaut auf ein gelebtes Leben zurück. Er hat ein großes Unternehmen aufgebaut, es zu Macht und Reichtum gebracht – und er hat sich das Recht herausgenommen zu leben. Darüber ist seine Familie zu kurz gekommen, was fast zwangsläufig so passieren musste. Im Grunde steht Karl Kress exemplarisch für unsere Zeit, in der Gier und Machthunger vorherrschen und Zeit Mangelware ist.

Im Laufe des Films wird deutlich, dass Karl die Firmeninteressen stets der Familie vorgezogen hat, was darin gipfelte, dass er dafür schlimme Dinge mit seiner Tochter zuließ.

Karl weiß, dass er schwere Fehler gemacht hat. Er war feige, hätte diese Tragödie niemals zulassen dürfen, und er hat sein Leben selbst zu verantworten. Die Schuld, die er seinen Kindern gegenüber empfindet, steckte ihm sein Leben lang in den Knochen. Nun, wo das Lebensende naht, unternimmt er den Versuch, sich jedem seiner Kinder zu stellen, hofft, dass es noch nicht zu spät ist. Wenn er sagt: „Ich habe jeden von Euch geliebt“, dann meint er das ernst.

Was treibt Karl an, seine Kinder auf dem Familiensitz in den Bergen zu versammeln?

Dass sein ältester Sohn nicht mehr von einer Bergtour zurückkehrte,hat Karl nie verschmerzt. Chris war derjenige, der ihm als Einziger die Stirn geboten, ihm den Kopf gewaschen hat und in den offenen Konflikt gegangen ist. Die Vermutung, dass Chris’ Verschwinden eine geplante Aktion war, trifft ihn im Innersten. Jetzt, wo sich Karl gedanklich seinem Tod stellt, holt er alle, die ihm wichtig sind, auf den Berg und hofft, Gewissheit zu erlangen.

Stets gibt Karl seinem jüngsten Sohn Mark zu verstehen, dass er nicht viel von ihm und seinem Lebensstil hält. Das Verhältnis der Beiden ist sehr gestört. Warum besteigt er dennoch allein mit Mark den Gipfel, wo fremde Bergsteiger einen Toten entdeckt haben wollen?

Niemand aus der Familie will mehr mit Karl gehen. Doch er will unbedingt wissen, ob sich hier um Chris handelt, seine Vermutung nur ein Hirngespinst ist und der Sohn tatsächlich vor 20 Jahren beim Abstieg verunglückt ist. Mark war damals dabei, er kennt den Berg sehr gut, und er kann und will seinen Vater nicht ins Verderben laufen lassen. Hier kommt der Wendepunkt: Karl überlässt Mark erstmals die Führung – für beide die letzte Möglichkeit, als Vater und Sohn zusammenzukommen, miteinander zu reden. Diese Gipfeltour ist die Chance, Gefühle zuzugeben, schwach und ehrlich zu sein.

Der Dreh in den Kärntner Alpen stellte hohe Anforderungen an Mensch und Material. Wie ging es Ihnen dabei?

Obwohl ich 20 Jahre in München gelebt habe, bin ich nie ein echter Bergtyp geworden. Wandern ja, aber Klettern nie. Ich hatte einen großen Respekt vor den Dreharbeiten, und es gab eine Menge Momente,in denen ich mich überwinden musste. Ich bin das erste Mal in meinem Leben in eine Wand geklettert. Es hat wirklich Spaß gemacht, zumal ich vorher echte Zweifel hatte, ob ich das überhaupt kann. Als ich meine Angst überwunden hatte und die gewaltigen Dimensionen der Berge bewusst wahrnehmen konnte, war es ein Glücksgefühl.

www.zdf.de

www.residenztheater.de/inszenierung/die-götter-weinen

Von Michaela Mottinger

Wien, 17. 5. 2013