Volksoper: Gräfin Mariza

März 23, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Robert Meyer hat wieder einen Hit gelandet

Carsten Süss (Graf Tassilo), Helga Papouschek (Fürstin Božena), Robert Meyer (Penižek) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Carsten Süss (Graf Tassilo), Helga Papouschek (Fürstin Božena), Robert Meyer (Penižek)
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Es war ein Triumph. Für alle Beteiligten. Thomas Enzinger schuf eine beschwingte, intelligente, sympathische Inszenierung, die sein Lieblingsbühnenbildner Toto in traumhaft fantastische Kulissen versetzte. Alexander Rumpf, Hausdebütant, weil seit Saisonbeginn eigentlich Chefdirigent am Tiroler Landestheater, gelang ein kraftvolles Dirigat, zwischen melancholisch und kunterbuntermunter, das der Evergreen-Schleuder sehr entgegen kam. Die Darsteller waren sängerisch und schauspielerisch in Höchstform. Das Ballett (Choreografie: Bohdana Szivacz) tänzelte zwischen Folklore, Roaring Twenties und „modern dance“ mit Heugabeln und Mistkübeln. So macht man „Gräfin Mariza“ anno 2014! Nämlich auch mit einem Beitrag im Programmheft, „Ein halbes Jahrtausend Sklaverei. Die ‚Hauszigeuner‘ in Osteuropa“, dazu angetan, die Roma-Romantik zu relativieren.

Emmerich Kálmáns Erfolgsoperette aus dem Jahr 1924 ist eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise: Der verarmte Graf Tassilo hat sich als Verwalter bei der von Verehrern umschwärmten Gräfin Mariza verdingt. Die aufkeimende Liebe wird mit dem Auftauchen von Tassilos Schwester Lisa, die für seine Geliebte gehalten wird, gestört. Dann findet Mariza noch einen Brief, der sie glauben lässt, Tassilo sei nur hinter ihrem Vermögen her. Lisa ist ebenfalls unglücklich, weil sie den Schein-Verlobten der Gräfin, Baron Koloman Zsupán, liebt. Zum Glück entpuppt sich der als Hochstapler. Ein Schauspieler! Als alle auseinander gehen, tritt Lisas und Tassilos Tante Božena auf und sorgt für ein allgemeines Happy End. Sogar für sich selbst. Mit dem alten Fürst Populescu ist sie nämlich schon seit … – na, das sagt man nicht – Jahren verlobt … In „Gräfin Mariza“ folgt Hit auf Hit: Grüß mir die süßen, die reizenden Frauen im schönen Wien; Sag ja, mein Lieb, sag ja; Ich möchte träumen von dir, mein Puzika; Komm mit nach Varasdin; Komm, Zigan, komm, Zigan, spiel mir was vor; Auch ich war einst ein feiner Csárdáskavalier …

Enzinger lässt die Geschichte von einem alten Diener erzählen. Ein kleines Mädchen ist seine Zuhörerin zwischen zunächst wehmütig-weißverhängten Möbeln. Überhaupt greift der Regisseur gern zu Rückblenden. Wunderbar eine in Tassilos und Lisas Kinderzimmer mit zu Leben erwachenden Puppen und einem Plüscheisbären. Bezaubernd. Ein Regieeinfall schöner als der andere. In all dem Glanz glänzt Astrid Kessler, ebenfalls Hausdebütantin, sonst eher als Turandots Liù oder Brittens Governess in „The Turn of the Screw“ daheim, dabei Weltbürgerin mit Wiener Wurzeln – und wie man nun weiß: ganz offenbar mit Paprika im Blut. Ihren glockenhellen Sopran zu loben ist eine Sache, doch sie gestattet sich auch, ihre Rolle zu gestalten: Von der arroganten Schnöselin zur anscheinend Betrogenen zur bedingungslos Liebenden. Carsten Süss – nomen est omen – ist für sie der ideale Tassilo. Anmaßend auf Augenhöhe. Ein charmanter, stolzer Schmerzensmann, den man an den Perlen behängten Busen ziehen möchte. Und ein einwandfreier Tenor, der die schwere Kunst der leichten Muse aus dem Effeff beherrscht. Er lässt sich von Primas Gregory Rogers auf der Bühne begleiten. Anita Götz ist eine entzückend naive Lisa, die aber durchaus beweist, dass sie ihren eigenen Kopf hat – und dass es nach dem auch gehen soll. Köpfchen, eben. Und dann natürlich wieder dieser Boris Eder. Mit Verve und falschem Akzent stiehlt er als Koloman Zsupán (fast) allen anderen die Show. Welch ein Buffo! Ein patscherter Macho, aber von sich selbst überzeugt – und wie. Punkto Singen, Tanzen und -pardon!- Saufen kann ihm nur einer den Slivovic reichen: Toni Slama. Die Josefstadt-Leihgabe entfaltet völlig neue Talente. Zu sagen, er wäre als erst unsymphatischer, dann dank Alkohol immer leutselig werdender Fürst Populescu entfesselt, trifft die Sache nicht einmal halb.

Apropos, Boris Eder und fast die Show stehlen: Das Highlight folgt im dritten Akt. In Form von Hausherr Robert Meyer als Faktotum Penižek (bei der Erstaufführung 1925 die Hans-Moser-Rolle) und Grande Dame Helga Papouschek (sie war am Haus schon die Lisa) als Fürstin Božena Guddenstein zu Clumetz. Welch ein Kabinettstück, wenn die dank Botox und Beautydoktorkünsten mimiklose Dea ex Machina ihre Empfindungen ihrem frechen Kammerdiener aufträgt: Penižek, ärgere dich! Penižek, freu dich! Penižek, sei gerührt! Der Chef „rächt“ sich an der schrulligen Tante, indem er sich die Lacher abholt. Robert Meyer gibt die Zitatenschleuder von Shakespeare bis Nestroy. Da hat er wieder was für sich gefunden. Der entlarvte Schauspieler hat eine Burgruine geerbet und will daraus ein „Burgtheater“ machen. Der Seitenhieb – Meyer war von 1974 bis 2007 Schauspieler im Haus am Ring und auch Ensemblesprecher – musste wohl sein. An der Volksoper ist es einfacher: Das ist die ganze Welt noch Rot-Weiß-Grün.

http://www.volksoper.at

Wien, 23. 3. 2014