Garage X: Unendlicher Spaß

Januar 28, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Bedenken Sie, Sie befinden sich in Ihrer Freizeit.“

Julia Jelinek, Karim Chérif; hinten: Bernhard Dechant, Thomas Feichtinger, Tim Breyvogel Bild: Yasmina Haddad

Julia Jelinek, Karim Chérif; hinten: Bernhard Dechant, Thomas Feichtinger, Tim Breyvogel
Bild: Yasmina Haddad

In Interviews sagte er gern, er schreibe gegen den Leser. Das mißvergnügte Verlage und Pressedamen, die die Verkaufszahlen in den Keller sinken sahen. David Foster Wallace scherte das alles nicht. Der US-Autor hinterließ als Vermächtnis 1,5 Kilo Literatur, genannt „Unendlicher Spaß“ („Infinite Jest“), bevor er aus dem Leben schied. Depressionen. Seil. Garage. In der Garage X hob nun Regisseurin Christine Eder die 1545 Seiten Buch auf die Bühne. Inhalt? Ja, etwas in der Art gibt es. In Form eines in Nordamerika angesiedelten Science-Fiction-Romans. Die USA, Kanada und Mexiko haben sich zu einem Staat zusammengeschlossen, wobei der Ostküste die undankbare Funktion einer radioaktiven Giftmülldeponie zukommt. Hier regiert ein ehemaligen Schlagersänger namens Johnny Gentle, der den Kalender an Sponsoren verkauft hat, weshalb man im „Jahr des Whoppers“ oder im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ lebt. Natürlich gibt es Terroristen. Die grotesk-gefährlichsten unter ihnen ist die québécois-kanadische Separatistengruppe „Assassins des Fauteuils Rollents“, die „Rollstuhlattentäter“. Im Mittelpunkt steht aber die Enfield Tennis Academy (E.T.A.), die die Tennisstars von morgen drillt. Allen voran das Supertalent Hal Incandenza, Musterschüler und Drogenjunkie. Irgendwie muss man mit dem Leistungsdruck ja fertig werden. Deshalb haben die Nachwuchsasse auch einen Zeitvertreib erfunden, der einen Nuklearkrieg mit Tennisbällen nachstellt und mit realen Verletzten endet. Während die Terroristen die Zerschlagung dieser Spaßgesellschaft planen. Wallace beschreibt das mit der ihm eigenen blut-, schweiß- und tränentriefenden Ironie. Immer knapp am Rande des Wahnsinns. Ist der Leser. Witz und Schrecken schrauben sich gegenseitig hoch. Wallace entwirft ein Kaleidoskop von Gesundheitsfanatikern, Ruhmsüchtigen, Alkoholikern und perversen Tiertötern. Dazu gibt’s Anmerkungen, Fußnoten, die bis zu zwölf Seiten lang sind. Und kein tatsächliches, zufrieden stellendes Ende.

In der Garage X wird all das auf fünf Schauspieler und ein paar Tennisbälle, die den Schriftzug „Welcome“ bilden, eingedampft. Mehr braucht es auch nicht. Denn Tim Breyvogel, Karim Chérif, Bernhard Dechant, Thomas Feichtinger und Julia Jelinek entwickelt eine Spielfreude, dass es eine Freude ist. „Unendlicher Spaß“ ist garantiert – drei Stunden 15 Minuten lang. Da applaudiert man am Ende nicht nur den Darstellern, sondern auch irgendwie sich selbst. Auch, wer das Buch nicht kennt, kennt sich aus. Die Fassung von Anna Laner und Meike Sasse lässt nichts Wichtiges von der komplexen Wallace-Welt aus. Eder setzt auf Tempo, schmückt mit Schatten- und Puppenspielen, mit Grimassen und Travestien, mit rasantem Kostüm- und Requisitenwechsel aus. Ein Glück, dass das Ensemble dafür konditionell auf der Höhe ist. Eder gelingt es fabelhaft, Wallace ironische Schreibdistanz aufs Theater zu übertragen. Nach zweieinhalb Stunden wird der Spaß-Gesellschaft ein Schild vorgehalten: „Bedenken Sie, Sie befinden sich in Ihrer Freizeit.“ Ja, danke und danke der Nachfrage. Man amüsiert sich. Bei diesem Zugetextetwerdens auf hohem Niveau. Allen voran überzeugt Karim Chérif als Hal Incandenza und beinloser québecischer Separatist. Bernhard Dechant hat ein Kunstsprechkabinettstück als deutscher Tennistrainer. Am Ende erklingt „Eye of the Tiger“. Das ist zwar ein Boxsong, aber das muss man sportlich nehmen. Die Garage X liefert jedenfalls einmal mehr ein Statement ab – als Bühne am Puls der Zeit. Spiel, Satz & Sieg!

Tipp: Wallace-Einsteigern sei sein Debütroman „Der Besen im System“ empfohlen: Lenore Beadsman arbeitet in der Telefonzentrale eines erfolglosen Verlages in Ohio, der ihrem Freund Rick Vigorous gehört. Rick liebt sie über alles, hat aber Probleme mit dem Sex und erzählt ihr als Ersatz Geschichten, in denen Lenore nicht selten die Hauptrolle spielt. Um seine Probleme zu lösen, besucht er regelmäßig einen Psychiater, den auch Lenore konsultiert. Das Verhältnis Lenores zu ihrer Familie ist getrübt, lediglich ihrer Großmutter und Namensgeberin Lenore sen. fühlt sie sich verbunden. Lenore sen. ist jedoch aus dem Altersheim zusammen mit 25 Mitbewohnern und einem Teil der Angestellten verschwunden – und mit ihr ein wertvolles Notizbuch, das die Aufzeichnungen einer Wittgenstein-Vorlesung enthält, dessen Schülerin Lenore sen. war … Eine herrliche Dystopie, in der die Menschen im immer währenden Schatten des Hauptgebäudes des Telekommunikationsriesen leben, ihr Stadtviertel ein Schattenriss der Tochter des Medien-Moguls.

www.garage-x.at

Wien, 28. 1. 2014

„Being Else“ im Kosmos Theater

Juni 10, 2013 in Tipps

Einblick in verwirrte Gehirnwindungen

Bild: © Judith Stehlik

Bild: © Judith Stehlik

Ab 13. Juni zeigt das Wiener Kosmos Theater „Being Else – ein multiples System“, eine Musiktheater-Koproduktion mit DAS GUT nach dem Originaltext  von Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“. Schnitzlers Novelle  erzählt vom inneren Kampf einer jungen Frau, die sich im Auftrag ihres in Geldnöte geratenen Vaters an einen wohlhabenden „Freund“ der Familie wenden und sich von diesem einen großen Geldbetrag beschaffen soll. Die unterschwellige Aufforderung zur Prostitution, die Erpressung des Familienfreundes und die eingeforderte Loyalität ihren Eltern gegenüber lösen in Else einen tiefschürfenden Konflikt und einen Prozess der Verzweiflung aus, der sie dem Suizid entgegentreibt. Daraus wird nun der atemlose Kampf einer multiplen Persönlichkeit, die versucht dem Missbrauch zu entrinnen.

„Fräulein Else“ alias “Being Else“ ist gezwungenermaßen „being (somebody) else” – „Andere sein“, um es zu ertragen. Persönlichkeitsspaltung als typischer Moment im Leben eines missbrauchten Menschen. Acht Performerinnen (eine Gesangsrolle, eine Tanzrolle, sieben gemischte Rollen) und die Musik als Teilpersönlichkeiten von Else werden zu einem allmählich immer fataler werdenden Diskurs, dessen Dynamik fortwährend ansteigt und der schlussendlich auf dem Höhepunkt implodiert. „Being Else“ ist ein Blick ins Gehirn, durchsichtig und doch undurchdringlich. In der Regie von Rachelle Nkou spielen Johanna Orsini-Rosenberg, Birgit Linauer, Rita Dummer, Sascia Ronzoni, Eli Veit, Ursula Wiednig, Anna Hein, Rachelle Nkou und Alexander Braunshör.

Die Produktion ist im Finale der World Stage Design 2013  im englischen Cardiff.

www.kosmostheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 6. 2013