Philipp Hochmair in „Glück gehabt“

Dezember 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine verhängnisvolle Austro-Affäre

Ein Horror von einer Komödie: Philipp Hochmair splattert sich als von Pech und leblosen Körpern verfolgter Artur durch „Glück gehabt“. Bild: © Prisma Film

Polykrates, das war nach Herodot, später Schiller jener Tyrann von Samos, der sein Glück bis zu seinem Verderben herausforderte, gemäß der Formel Hybris weckt den Wankelmut der Tyche und führt einen schnurstracks in die Arme der Nemesis. „Das Polykrates-Syndrom“ nannte Autor Antonio Fian sein 2014 veröffentlichtes Buch, einen Splatterroman zur Weihnachtszeit. In welchem der antike Herrscher allerdings eher als eine Art moderne Zivilisationskrankheit auftritt.

Fians Antiheld Artur ist ein Fettnäpfchentreter, dessen forcierte Suche nach … die vermehrte Produktion von Unglück nach sich zieht. Regisseur Peter Payer hat sich des Stoffs als seiner nun vierten Literaturverfilmung nach Albert Drach, Christine Nöstlinger und Ödön von Horváth angenommen. „Glück gehabt“ läuft ab Freitag in den Kinos, eine bizarre Horrorkomödie über eine verhängnisvolle Austro-Affäre, mit Philipp Hochmair als vom Pech verfolgten Artur. Und, um dies gleich vorwegzunehmen, Payer hat Fians lakonischen Plauderton ziemlich platt gemacht, weshalb, was auf Papier fantastisch, auf der Leinwand nur bedingt funktioniert. Den Witz der Vorlage am meisten erfassen Arturs Karikaturen, etwa wenn die sexy Lady im Trenchcoat statt des stolzen Löwinnenkopfes plötzlich einen scharfzahnigen Haifischschädel trägt.

Die sexy Lady, das ist Julia Roy als Alice, die tatsächlich wie ein Raubtier in das Leben des talentierten, aber ehrgeizlosen Comic-Zeichners, ergo Copyshop-Angestellten einfällt. Und apropos, Artur liegt bereits mit Alice im Bett, als ihm plötzlich einfällt, dass er ja verheiratet ist. Mit Rita, gespielt von Larissa Fuchs, eine über die Jahre mit zunehmender Routine geerdete Ehe, sie Gymnasialprofessorin mit Sprung auf einen Direktorinnenposten, aber Artur für Schauspielexzentriker Hochmair in Payers Drehbuch-Interpretation ein zu simpler, zu wenig vielschichtiger Charakter, der All Time Loser, der sich selber Feigling nennt, und dem im Zweifelsfall ein kühles Blondes ist gleich Bier lieber ist als eine heiße Rothaarige.

Gemma Tauben schießen am Balkon: Barbara Petritsch spielt Arturs schreckschraubige Mutter. Bild: © Prisma Film

Das tote Arschloch muss weg: Robert Stadlober mit Julia Roy als Alice und Philipp Hochmair. Bild: © Prisma Film

Die Ehefrau trifft auf die Geliebte: Larissa Fuchs als Rita, Julia Roy und Philipp Hochmair. Bild: © Prisma Film

Die Freundin platzt ins Säge-Werk: Claudia Kottal als Sylvia, Philipp Hochmair und Larissa Fuchs. Bild: © Prisma Film

Die Schöne jedenfalls entpuppt sich bald als Biest, schon steht Artur vor der Leiche ihres Ex-Lebensgefährten, Robert Stadlober als in Buch wie Film als „Arschloch“ betitelter, und den gilt es nun wegzuschaffen, ausgerechnet auf der schneeverweht-rutschigen Höhenstraße – die Szene ein Kabinettstück von Hochmair, Arturs persönliches „Immer Ärger mit Arschloch“, dazu Zitat Alice: „Wenn du so fickst, wie du autofährst …“ Payer liebt unter seinen Szenen vor allem die über die Skurrilitäten des Alltags. Artur hat nicht nur mit Frau und Geliebter zu kämpfen, sondern als dritte im Weiberbunde mit seiner schreckschraubigen Mutter, Barbara Petritsch, die auf dem Balkon ihrer Seniorenheimwohnung mit dem Wassergewehr auf Tauben schießt.

Claudia Kottal ist als Ritas immer zur Unzeit auftauchende Freundin Sylvia zu sehen, Raimund Wallisch als Arturs Billardpartner Richard, um das Namedropping abzuschließen, bevor das Kammerspiel gruselig wird. Lucas Rifaat wird als Arturs Nachhilfeschüler von Alices Nacktheit aus dem Konzept gebracht, als Rita mitten im Blowjob anruft, gibt Artur sein Stöhnen als Schnupfen aus. „Inhalier‘ noch vor dem Schlafengehen“, sagt die Treusorgende zur falschen Person. Böses Mädchen, braver Bub, noch rätselt Artur bezüglich der Eichhörnchenstellung, aber da überrascht ihn Alice mit der freudigen Kunde …

Langsam, zu langsam greift der Gedanke Raum, dass das Leben immer lebensgefährlich ist. Immer mehr ergreift Alice von Artur Besitz, wenn das Glück ein Vogerl ist, dann in Arturs Falle ein Kuckuck, schleicht sich die nunmehrige Albtraumfrau doch bei seiner Mutter ein, bei seinem besten Freund, sogar bei seiner Frau. Die allerdings erkennt den Verrat, und zack, zweite Leiche. Also muss zur Beseitigung wieder Artur ran, Methode: Badewanne, Elektromesser, Axt, eine morbid-makabre 180-Grad-Profirollwende im seichten Dahinplätschern, und Hochmair zwischen Sägen und Speiben endlich in seinem Element.

Gruppenfoto der Lebenden mit den Untoten: Julia Roy, Robert Stadlober, Philipp Hochmair und Larissa Fuchs. Bild: © Jan Frankl/Prisma Film

Nebenan im Wohnzimmer, wo der Christbaum steht, läuft währenddessen Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, dirigiert von Nikolaus Harnoncourt. Aber während Antonio Fian auf diesen Seiten Bret Easton Ellis schlägt, reicht Peter Payer nicht an Mary Harron heran. „Arschloch“ Robert Stadlober steht von den Toten auf, und kommentiert wichtigtuerisch-wiedergängerisch die ins Endlose gedehnte Tranchieraktion, und der Seltsamkeiten nicht genug, berichtet Mutter Petritsch von Diebstahl, Erbschleicherei, Mord und Totschlag im Heim, und zack, die dritte Leiche.

Das alles hätte sehr, sehr komisch sein können, der Einfach-Gestrickte, der durch die Doppelbödigkeit seiner Umwelt fällt, wie der liebe Augustin in die Pestgrube, und letztlich im Wortsinn mit einem blauen Auge davonkommt. Fians mit Pointen durchsetzte Prosa ist dafür das genau richtige Fundament aus intelligentem schwarzem Humor und irritierend schlechtem Geschmack. Aber ach …, „Glück gehabt“ – der Film hängt mit seinem Protagonisten in den Seilen, und wie dieser schreit „Ich bin nicht bequem, ich bin einfach nur entspannt“, so wollte man sich’s mit dieser Adaption wohl auch machen. Kein Untergang des Abendlandes, auch wenn Torbergs Tante Jolesch in ebendiesem sagt: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“

 

www.glueckgehabt-film.at

  1. 12. 2019

Peter Turrini schrieb ein Tanzspiel

Februar 28, 2013 in Bühne

Die I Dance Company im Theater in der Josefstadt

I Dance Company

Bild: Jork Weismann

Von 1. bis 21. März findet in Wien  das Down-Syndrom Festival 2013 statt. In dessen Rahmen zeigt die I Dance Company im Theater in der Josefstadt an fünf Abenden die Produktion „Schritte – ein Tanzspiel“. Uraufführung ist am 1. März, 20 Uhr, auf der Probebühne der Josefstadt. Kyrre Kvam komponierte die Musik und singt und spielt die Lieder mit seiner Band live. Peter Turrini – Schirmherr und Mentor der I Dance Company – verfasste den Text. Es tanzen und spielen die Mitgliede der I Dance Company, junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren mit Down-Syndrom. Regie: Beata Vavken. Mit „Schritte – Ein Tanzstück“ begeben sich die jungen Künstler auf neues Terrain: Sie gehen über ihre Domäne, das Tanzen, hinaus, und werden erstmals auch Dialoge sprechen. „Zum ersten Mal in meinem fünfzigjährigen Dramatikerleben habe ich ein Stück für Menschen mit Down-Syndrom geschrieben“, so Peter Turrini. “ Das Tanzspiel ,Schritte‘ schreitet den Bogen des Lebens ab: Von der Geburt, über das Aufwachsen, über die erste Liebe bis hin zum Altwerden und Vergehen und endet mit einer fröhlichen Wiederauferstehung.“

Eine Empfehlung!

www.idancecompany.at

www.josefstadt.org

Von Michaela Mottinger; Wien, 28. 2. 2013