Theater zum Fürchten: The Lyons

November 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine schrecklich nette Familie

Während Ben noch mit dem Krebs kämpft, plant Rita schon ihr Leben nach seinem Tod. Bild: Clemens Aap Lindenberg und Sylvia Eisenberger

Während Ben noch mit dem Krebs kämpft, schildert ihm Rita schon ihr Leben nach seinem Tod: Clemens Aap Lindenberg und Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Nicky Silvers Komödie „The Lyons“. Das Stück hat sich der erfolgreiche New Yorker Dramatiker buchstäblich aus der Seele gerissen, der Sohn einer jüdischen Mittelklassefamilie kennt das Milieu über das er schreibt, und wie er ist der einzige Sympathieträger weit und breit schwul.

So ist die stärkste, die wahrhaftigste Szene des Abends, die, als Curtis Lyons, der weit vom Stamm gefallene Apfel des Chaos-Clans, bei einer Wohnungsbesichtigung den Immobilienmakler Brian kennenlernt. Aus einem wie zufällig begonnen Flirt wird eine beinharte Szene über Selbstverleugung und Sexlügen – bis rohe Gewalt ausbricht. Randolf Destaller als Curtis und Eric Lingens als Brian spielen das überzeugend, und machen so klar, dass „The Lyons“ wohl eine der brutalsten Komödien ist, die es in den vergangenen Jahren vom Broadway hierzulande angeschwemmt hat.

Der Inhalt an sich ist alles andere, als der Stoff, aus dem das Lachen ist. Familienpatriarch Ben Lyons stirbt an Krebs. An seinem Krankenhausbett versammelt sich die Sippschaft, ungeduldig auf den Tod wartend, weil das eigene Leben schließlich weitergeht. Ehefrau Rita ist auf dem Sprung zum Neuanfang, bevor der „Alte“ ein Ende hat, sie sucht ungeniert nach einer eleganten Wohnzimmereinrichtung, und weil Ben das nicht positiv sehen kann, beginnt sie mit ihm die Niederlagen ihrer Ehe durchzuhecheln. Deren zwei größte sind die Kinder.

Rita denkt schon an die Renovierung des Wohnzimmers: Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Rita plant mit Tochter Lisa die Renovierung des Wohnzimmers: Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Sohn Curtis muss alle mit seiner Grünpflanze übertrumpfen: Randolf Destaller, Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Sohn Curtis kommt mit der denkbar größten Topfpflanze: Randolf Destaller, Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Curtis, der homosexuelle Sohn, ein erfolgloser Kurzgeschichtenautor und Mamas finanziell unterstützter Liebling, und Lisa, alleinerziehende, alkoholkranke Tochter des Hauses, Daddys schwer verstörter Darling, deren Dasein so durcheinander ist wie der Inhalt ihrer Handtasche. Die Gräben brechen auf, auf rücksichtslos folgt respektlos, immer wieder werden neue Allianzen gebildet. Alte Wunden werden aufgerissen, neue zugefügt, dazwischen ergeht man sich in den typischen Krankenhausthemen: das Essen, die Schwester, der Tropf.

Der Tonfall ist drastisch, das F-Wort im Deutschen halt nicht so universell gebräuchlich wie im Englischen, überhaupt hatscht die Übersetzung dem Original ein wenig hinterher. Dennoch ist jeder Satz ein Zynismus, die Dialoge schnell und die Luft schneidend wie ein Ping-Pong-Match. Inszeniert hat Hermann Molzer, es ist seine erste Arbeit für das Theater zum Fürchten, und er lässt das Ensemble von Anfang an Vollgas fahren. Sylvia Eisenberger ist eine exaltierte, überkandidelte Rita, Martina Dähne eine weinerlich hysterische Lisa. Zu geht es wie in „Eine schrecklich nette Familie“, und ja, sie geht einem allmählich auf die Nerven, diese große Aufgeregtheit auf der Bühne, die es unmöglich macht, den Text mit Lakonie und einem gewissen Understatement, einer gespielten Beiläufigkeit im Sprechen zu brechen.

Curtis trifft den Immobilienmakler Brian und fühlt sich zu ihm hingezogen: Randolf Destaller und Eric Lingens. Bild: Bettina Frenzel

Curtis trifft den Immobilienmakler Brian und fühlt sich zu ihm hingezogen: Randolf Destaller und Eric Lingens. Bild: Bettina Frenzel

Clemens Aap Lindenberg versteht es zum Glück, den sterbenden Ben mit mehr Nuancen auszustatten. Hinter seiner Unflätigkeit erkennt man die Angst vor dem Sterben, seine ordinären Schimpftiraden enttarnen sich als sein Bewältigungsmechanismus für das unvermeidlich Kommende. Und auch Eisenberger hat noch ihren Moment als jüdische Mame, wenn eine wutentbrannte Fürsorge-Attacke, die sie gegen ihre Kinder reitet, von diesen abgeschmettert, zu einem Akt der Emanzipation wird.

Am besten gelingt es Randolf Destaller seinen Charakter zu gestalten; sein Curtis ist genau so viel karikierte Komödienfigur, dass dahinter ein Mensch aufblitzt. Das mag auch daran liegen, dass Silver an ihm seine ganze Empathie austobt. Wie Curtis in der Krankenschwester, gespielt von Angelika Auer, schließlich eine Ersatzmutter findet, das geht doch unter die Haut. Aber so wird’s nicht bleiben. Familie, das bedeutet lebenslänglich, mit höchstens ein paar Stunden Freigang.

www.theaterzumfuerchten.at/

Wien, 30. 11. 2016

Volkstheater: Zu ebener Erde und erster Stock

November 22, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Who killed Johann Nestroy?

Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater ist derzeit alles g’schissen, weil überall Oarschlöcher sind, die einem sagen, man soll Gusch sein. Wappler. Da kann man gar ned so viel fressen, wie man speiben möcht‘ – und es ist auch wurscht, wer nachher slapstickig auf dieser Speibspur ausrutscht, weil am Ende steht eh der Brunzkübel zum Eineschiffen. Fäkaliendrama Werner Schwab? Geh‘ nein, „Zu ebener Erde und erster Stock“!

Die Posse als Punk. Und der Punk schlägt Purzelbaum. Und in diesem Sinne: Who killed Johann Nestroy? Susanne Lietzow inszenierte diese dramaturgische Autoerotik. Im Bühne-Interview schwärmte sie von Nestroys „Formulierwut“, seinem „mit einer unglaublichen Bildhaftigkeit gespickten Sprachwitz“. The king is gone, but not forgotten. Lietzow hat Nestroy den Nestroy runtergeräumt, und was bleibt, wenn man einen Sprachgewaltigen, einen Satzdrechsler, einen Witz-im-Magen-Umdreher seiner einzigen scharf geladenen, aber dennoch geschmeidigen Waffe beraubt? Nichts zu lachen. Wie aus dem Publikum zu hören.

Folgerichtig, dass die Regisseurin Nestroys Zitatenschatzkästlein als ebensolches behandelt, und Sätze wie den von der Nation-Resignation als Sinnsprüche aufsagen lässt, Josef Bierbichler hat in diesem Tonfall schon einmal einen „Wilhelm Tell“ gespielt. Im Zusammenhang inkonsequent, dass Hans Rauscher – und dies der Höhepunkt des Abends – für Diener Johann ein tagesaktuell zu änderndes Couplet getextet hat, in dem der österreichischen Innenpolitik ihre Grenzwertigkeit aufgezeigt wird – großartig geistreich im Sinne des Erfinders. Wer inszeniert einen Nestroy, in dem Hans Rauscher, bei aller gebotenen Verbeugung vor seinem Werk, der bessere Nestroy ist? Die Musik ist überhaupt das beste. Gilbert Handler, Paul Skrepek und Martin Zrost schrammeln als Garagenband, was das Zeug aushält. Wiener Lied, Free Jazz, Electro. Sie spielen auf zum Pflanztanz.

Und Sebastian Pass. Er rockt das Haus. Er zeigt mit seinem Diener Johann die wahre Wesensart des Nestroy’schen Gemütsmenschen, er ist der rechte „kleine Mann“, dem der Ungeist der Zeit den Katzbuckel stärkt. Er hat sich mit allen außer sich selbst entsolidarisiert. Der Wind der Geschichte weht wieder für ihn und trägt seine verqueren Wertevorstellungen mitten in die Gesellschaft. Wenn dieser Abend gegen Krisengewinnler aller Art aufzeigen will, dann in dieser Figur. In die Pause entlässt er mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“. Eine starke, die stärkste Leistung. Stefan Suske ist ein dazu passender Herr von Goldfuchs, ein Spekulant und Lobbyist, auch optisch ein Graf Ali, der mit Vogelgrippemasken handelt. Dies ist zwar nicht mehr ganz neu, hat aber Ablaufdatum 2016 und ist wichtig, weil schließlich die Armen am Virus verrecken. Trotz unvermuteten Vermögens. Wer draufgeht, sind immer die unten: Lietzows Zweiklassengroteske ohne Happy End. Die Fortuna, Kaspar Locher, ist ein goldbarrenfarbener Schweizer, das Glück kein Vogerl, sondern ein Spinner, die Schweiz ist ja historisch das Schicksal vieler Menschen.

Suske ist außerdem erfreulich wortdeutlich, selbst, so paradox es klingt, bei seinem lautmalerischen Raunzchanson. Teile des Ensembles, wiewohl mit exzellent viel Spielfreude bei der Sache, artikulieren so unverständlich, dass kaum ein Wort zu verstehen ist. Auch eher ungünstig bei einem Nestroy, und keine Einzelmeinung, der Zustand wurde rundum bemurmelt. Es könnte ein Akustikproblem sein, weil es beim Reden im Kobel, der das Erdgeschoss darstellt, besonders auffällt. Je mehr Schauspieler auf diesem engsten Raum sind, desto schlechter die Hörbarkeit. Diese überprüft man von verschiedenen Standpunkten im Saal während der Durchläufe. Zum Anschauen ist das Bühnenbild von Aurel Lenfert freilich fein, ein Wunderwerk der Statik, das die Verhältnisse verdeutlicht. Oben ein Prunksalon, unten eine enge Kammer mit Garage – für die Band. Das heißt: Prunk ist relativ. In den Kostümen von Marie-Luise Lichtenthal bewegen sich grausliche Clowns in einem grindigen Kartenhaus. Lietzow hat unter den Figuren keine Sympathie für niemanden, die Reichen sind sowieso … gleichgültig gegenüber dem Elend anderer, die Armen auch nicht edel, sondern ein Lumpenproletariat, und wären sie nicht gestorben, sie hätten die „schöne“ Wohnung sicher auch versifft.

Schlussapplaus für die Schauspieler, Jubel über die Musiker. Für die Regie gab’s teilweise ziemlich heftige Buhrufer. Wer zählt die Grabinschriften meiner Hoffnungen? Das ist ein Nestroy-Zitat.

www.volkstheater.at

Wien, 22. 11. 2015

Theater zum Fürchten: Thérèse Raquin

September 21, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Émile Zolas Gruselkrimi mit echter Geistererscheinung

Bild: Bettina Frenzel

Bild: Bettina Frenzel

Es ist kaum zu glauben, dass aus der Feder, die zur Dreyfus-Affäre „J’accuse…!“ niederschrieb, auch dieser Geisterkrimi floss. Aber es ist erheiternd. Es ist, als hätte ein brillanter Polit-Kopf in der Freizeit Zuflucht in abgründigeren Gefilden gesucht. Kein Tag ohne geschriebene Zeile. Das Theater zum Fürchten brachte in seiner Wiener Dependance, der Scala, Émile Zolas Grauen-Gruseln-Gänsehautkrimi „Thérèse Raquin“ aus dem Jahre 1867 zur Uraufführung. Das heißt: Nicht dessen von Zeitgenossen mit dem Vorwurf der Geschmacklosigkeit überhäuften Roman – von dem er übrigens selbst eine Bühnenfassung schrieb -, sondern eine moderne Inbesitznahme durch den Autor Paris Kosmidis. Und das war ein Erlebnis, wegen dessen sich der Österreich-Grieche beim Schlussapplaus zu Recht verbeugte.

Inhalt: Thérèse Raquin, Kind eines Seefahrers und einer Nordafrikanerin, wächst bei einer Stiefmutter in der französischen Provinz zusammen mit einem Stiefbruder auf. Die Stiefmutter besteht auf eine Hochzeit zwischen Thérèse und ihrem Sohn. Nach der Hochzeit verkauft die Familie ihr Landhaus und erwirbt ein Nähgeschäft in Paris. Thérèse betreibt zusammen mit der Stiefmutter den Laden, ihr Mann Camille arbeitet als Beamter. Die erzwungene Ehe erweist sich als leidenschaftslos und langweilig. Thérèse betrügt infolgedessen ihren Mann mit dessen bestem Freund Laurent. In dieser sexuell freizügigen und leidenschaftlichen Beziehung sind beide sehr glücklich, und schmieden Pläne, Camille zu töten, um ihre Beziehung offen ausleben zu können. Bei einem Sonntagsausflug auf der Seine ertränken sie Camille und deklarieren den Mord als Unfall. Weder die Polizei noch die Familie hegt den geringsten Verdacht. Nach einem Jahr heiraten Thérèse und Laurent. Allerdings hat die Beziehung seit dem gemeinsamen Mord an Camille an Leidenschaft deutlich verloren. Das Paar ist von Albträumen und Gewissensbissen geplagt. Es folgt ein stufenweiser Abstieg in die Hölle. Verfolgungswahn und Halluzinationen machen das Leben der beiden unerträglich. Es kommt zu gegenseitigen Schuldzuweisungen und Gewalt. Und einem Ende, wie es kommen musste.

Regisseurin Babett Arens hat sich von Marcus Ganser ein Bühnenbild auf zwei Ebenen erdenken lassen. Unten Wohnzimmer, oben Schlafräume, die Dielenbretter an den Enden gebogen wie Schiffsplanken. Kostümlich ist man in der Zeit geblieben, nur die Live-Musik macht Anklänge ans Heute, an Afrika, ans Zwischenweltliche deutlich. Auftritte nur mit Trommelwirbel! Kleinbürgerlich werden am Esstisch die Dominosteine aufgestellt, die alle noch fallen werden. Babett Arens lässt die Schauspieler über-agieren. Mehr soap geht kaum mehr. Doch was sonst auf die Nerven geht, passt hier wunderbar, in dieser grausamen, grotesken Grand-Guignol-Anordnung, in dieser dämonisch-düsteren Farce, samt  strengem, besserwisserischem Weißclown Inspektor Michaud und dessen dummen August Monsieur Grivet – beide Freunde des Hauses.

Florian Lebek ist als Camille der Prototyp des knaufigen Muttersöhnchens, ein Hypochonder, der, wenn’s nicht nach seinem Kopf geht, auch mit Brutalität antworten kann. Die Mutter-Sohn-Hassliebe endet schon einmal in gegenseitigem Würgen. Thérèse (Johanna Elisabeth Rehm) beobachtet all dies zunächst lakonisch, die verkaufte Braut, die ihr Glück schon abgeschrieben hat, bis Camilles Jugendfreund Laurent (Christian Kainradl) ins Haus kommt. Endlich ein Mannsbild, dem einer gewachsen ist. Das Tier im Menschen, dem Zola ein Leben lang in zahlreichen Schriften nachspürte. Und weil sich gleich und gleich gern gesellt, ist sie zunächst angewidert, bis die Bestie ihre Kraft präsentiert. Gewagt die Sexszene zwischen Rehm und Kainradl, in der ihr mit weit aufgerissenen Augen die Erkenntnis kommt: Lieber ein Schwein als ein Meerschweinchen. Arens schreibt Zola, vergöttert als Leitfigur des Naturalismus, in diesen Momenten keine Turnbefreiung. Und fasst hofft man sich in einem Emanzipationsstück, ist doch Thérèse die treibende Kraft hinter allen Taten und Untaten, bis klar wird, dass Männer in jeder Hinsicht um die „Stellung“ besorgt sind. Camille wie Laurent – zwei Beamtenseelen. Thérèse Ausbruch aus der Fremdbestimmtheit einer Männerwelt gelingt nicht.

Apropos, Seelen: Eine ruhelose taucht natürlich auf. Geister-Camille, makaber, morbid, durchs Haus schleichend, ein Monster im Dunkeln, herbeiersehnt von seiner Gebärerin, eine Halluzination, mal hier, mal da, den Verstand der Täter mit ins Grab nehmend. Da hat Mutter Madame Raquin (Sylvia Eisenberger) längst der Schlag gestreift – und da agiert sie am Hervorragendsten, zeigt ihre ganze Schauspielkunst, sprachlos, bewegunglos im Schaukelstuhl, mit Augen, die Feuer speien: Thérèse und Laurent haben meinen S … schreibt sie mit zitternder Hand, bis diese versagt. Segen! interpretiert Florentin Groll als Michaud. Der Eisenberger gehört auch der letzte Moment. Ein diabolisches Gänsehautlachen, die Erkenntnis, dass auch sie den Opfern ihrer Obsession in den Untergang folgen wird, hat sie doch niemanden mehr, der sie pflegt und versorgt. Rache ist auch zur Rächerin unbarmherzig. So wird Madame Raquin zur Vorgängerin von Norman Bates Mutter.

Die Fürchterlichkeiten werden unterwandert von Hermann J. Kogler als Grivet, dem Ahnungslosen, immer ein paar Blümchen in der Hand, stets mit einem Auge auf Madame, bis er ob deren Zombifizierung den Krebsgang einlegt. Florent Groll brilliert als pensionierter Inspektor Michaud, ein verschmitzter Columbo seiner Zeit, von dem man nie genau weiß, was er weiß, der aber stets passende Geschichten zum Anlass parat hat: Mörderpärchen, die er schließlich an den Galgen brachte. Er hat mit seiner arglos scheinenden Art entscheidenden Anteil am Ausgang des Ganzen. So ist „Thérèse Raquin“ in der Scala nicht nur ein Einblick in Zolas Schaffen neben seiner Tätigkeit als politischer Journalist, sondern auch ein unterhaltsamer Thriller. Eine Empfehlung an alle, die sich beim Angsthaben gern amüsieren. Das Theater zum Fürchten macht seinem Namen einmal mehr alle Ehre 😉

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 21. 9. 2014

Theater in der Josefstadt: „Hochzeit auf Italienisch“

Oktober 4, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tempo, Tollheit und viel Temperament

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana) Bild: © Sepp Gallauer

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana), Siegfried Walther (Alfredo)
Bild: © Sepp Gallauer

Ach, jetzt noch Pesce all’Acquapazza oder eine Portion Involtini di carne di bufala mit Sformato di Zucchine, dazu ein ehrlicher Taurasi – und das Glück wäre perfekt. Für die Dolci haben Sandra Cervik und Herbert Föttinger ja ausreichend gesorgt. Er diesmal nicht in seiner Funktion als Josefstadt-Direktor, sondern in der Rolle des neapolitanischen Süßwarenfabrikanten Domenico Soriano. Sie, weil sie als „Filumena Marturano“ (so der eigentliche Titel der Theatertragikomödie von Eduardo De Filippo aus dem Jahr 1946) edelzartbitter zu Tränen rührt. „Hochzeit auf Italienisch“ – 1964 von Vittorio De Sica mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni verfilmt – hält das Künstlerehepaar nun auf der Bühne. Ein vorprogrammierter Publikumserfolg. Der Garant für ein volles Haus. Völlig zu Recht. Denn die Inszenierung vom hauptberuflichen Theater-der-Jugend-Chef Thomas Birkmeir ist entzückend. Unter anderem oder vor allem, weil er als Regisseur das Tragi- genauso ernst nimmt wie das -komische.

Der Inhalt: Vor 25 Jahren hat Domenico die Dirne Filumena kennengelernt und, der Stammkundenschaft überdrüssig, sie in sein Haus genommen. Die in mehrfacher Hinsicht wilde Ehe bringt’s mit sich, dass Filumena Domenicos demente Mutter pflegen, den Haushalt und bald auch die Geschäfte führen muss. Der feine Herr nämlich treibt sich lieber in der Weltgeschichte herum, um’s zu treiben. Doch nun plötzlich soll die Ex-Prostituierte weg. Domenico will seine blutjunge Sekretärin Diana heiraten. Filumena wird „sterbenskrank“, erzwingt auf dem Totenbett die Eheschließung – und feiert mit Ring am Finger und der Plünderung des Eiskastens fröhliche Auferstehung. Domenico schäumt. Will die sofortige Annullierung des Bundes. Doch Filumena hat noch ein Ass im Ärmel. Das heißt: Eigentlich drei. Söhne. Und einer davon ist Domenicos …

Herbert Föttinger passt die Figur des „Mimi“ Soriano wie eine zweite Haut. Jedes Klischee über italienische Männer sitzt. Changierend zwischen Muttersöhnchen (wunderbar, wie er sich mit einem Aufschrei auf ihren Sarg wirft oder später die „heilige“ Verstorbene auf Knien um Beistand gegen Filumena anfleht) und knallhartem Macho, elegant tänzelnd, weniger elegant keifend, mittelschwer hypochondrisch, ebenso hysterisch, ein Herrenschuhfetischist, ein Maulheld, aber ein anrührender. Nicht umsonst wird er von Filumena so heiß geliebt. Diese, das „alte, angestaubte Möbelstück“, spielt Sandra Cervik nach ihrer fulminanten „Sterbeszene“ mit beinah immer stoischer Ruhe – manchmal greift sie auch zum Küchenmesser. Ihre Filumena ist ernsthafter, ehrlicher, ehrbarer als der Rest der Gesellschaft. Eine, die aus der Gosse wollte, und im Leerlauf der Versprechungen endete. Zynisch kommentiert sie die von De Filippo festgeschriebene Sozialkritik, wenn sie das reiche, verzogene, ergraute Bürschen entspannt, die Hühnerhaxn in der Hand, filetiert. Sie hat den Spieß umgedreht – in einer Zeit, in der es noch keine DNA-Tests gab, aber das Blatt wird sich noch einmal wenden … Als sie sich ihren Söhnen erstmals als das präsentiert, was sie ist, ihnen dabei nicht ins Gesicht sehen kann, hat Cervik die stärkste Szene des Abends. Doch für den ganzen gilt, wie schön es ist zuzusehen, wie die Chemie zwischen ihr und Herbert Föttinger stimmt. Außerdem gefallen Filumenas „Mitverschwörer“ Marianne Nentwich als Haushälterin Rosalia, Siegfried Walther als vermeintlicher Mimi-Intimus Alfredo und Gideon Singer als desorientierter Priester. Hilde Dalik, wie immer eine Augenweide, lässt als „naive“ Schöne Diana schön durchblicken, welch bösartige Xanthippe sich hinter der bezaubernden Oberfläche verbirgt.

All diese Tollheiten hat Birkmeir mit Tempo und Temperament in Szene gesetzt. Inklusive Rückblenden über die ersten Augenblicke zwischen Domenico und Filumena. Für die flotte Umsetzung sorgt Christoph Schubiger mit seinem ruckzuck variablem Bühnenbild. Dazu gibt’s Musik von Peppino di Capri bis Rita Pavone. Che m’importa del Mondo (www.youtube.com/watch?v=NyLZiVR7p38)!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/sandra-cervik-und-herbert-foettinger-im-gespraech

BUCHTIPP: Mehr über das Neapel dieser Tage schildert Curzio Malaparte in seinem Roman „Die Haut“ (Erstausgabe 1949; neu erschienen im Zsolnay-Verlag): Als Verbindungsoffizier der Alliierten, die 1943 Neapel von den deutschen Besatzern befreiten, begleitet Malaparte die amerikanischen Truppen auf ihren Wegen durch die Stadt. Er wird zum Zeugen einer beispiellosen Verrohung unter der neapolitanischen Bevölkerung, die nur eines kennt: die eigene Haut zu retten. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Entstehen schockiert dieser Roman noch immer. Vom Vatikan auf den Index gesetzt, machte „Die Haut“ ihren Verfasser weltberühmt.

Wien, 4. 10. 2013

Sandra Cervik und Herbert Föttinger im Gespräch

Oktober 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hochzeit auf Italienisch“ im Theater in der Josefstadt

Marianne Nentwich (Rosalia Solimene), Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano) Bild: © Sepp Gallauer

Marianne Nentwich (Rosalia Solimene), Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano)
Bild: © Sepp Gallauer

Den Film von Vittorio De Sica kennt wohl jeder. 1964. „Hochzeit auf Italienisch“. Sophia Loren und Marcello Mastroianni im lustvollen Infight. Denn: Nach fünfundzwanzig Jahren wilder Ehe mit der ehemaligen Prostituierten Filumena will der wohlhabende Domenico plötzlich nichts mehr von ihr wissen: der Grund heißt Diana und ist blutjung. Die verschmähte Geliebte täuscht daraufhin vor, „todkrank“ zu sein, um den Treulosen zu einer raschen Eheschließung zu nötigen. Doch der Betrug fliegt auf, ein Anwalt erklärt die Ehe für null und nichtig. Nun muss Filumena zu härteren Mitteln greifen: Sie konfrontiert Domenico mit ihren drei Söhnen, die sie bis dato verheimlicht hatte. Einer davon, behauptet sie, sei sogar sein eigener. Nur welcher?

Am Theater in der Josefstadt hat am 3. Oktober „das Original“ Premiere: Eduardo De Filippos Theaterstück „Filumena Marturano“, bei dessen Uraufführung 1946 in Neapel er selbst Regie führte. Theater-der-Jugend-Intendant Thomas Birkmeir inszeniert das Josefstadt-Traumpaar Sandra Cervik und Hausherr Herbert Föttinger. Ein Gespräch.

MM: Ich orte am Haus eine gewisse Italianità. Sie haben gerne Peter Turrinis Goldini-Bearbeitungen auf den Spielplan gesetzt, nun folgt die Wiederentdeckung von Eduardo De Filippo …

Herbert Föttinger: „Diener zweier Herren“ und „Campiello“ hatten mehr mit Turrini zu tun, als mit Goldoni. Das ist sehr italienisch, wildes italienisches Straßentheater, das stimmt. Bei „Filumena Marturano“ ist es was anderes. Eduardo De Filippo ist keine Straßentheater-Italianità. Er selbst hat sein Stück 1946 uraufgeführt. Es ist ein sozialkritisches Stück, hat mit einem existenziellen Geschlechterkampf zu tun …

Sandra Cervik: … der allerdings auch mit Temperament ausgetragen wird …

Föttinger: aber nicht mit diesen Spaghetti-Klischees. „Hochzeit auf Italienisch – Filumena Marturano“ ist ein allgemeingültiges Stück. In Italien hat es ja einen Siegeszug angetreten, der noch nicht vorbei ist. Nur bei uns wird De Filippo kaum mehr gespielt. Ich mag dieses Stück, seit ich es kenne. Sandra Cervik und ich haben vor 13 Jahren Max Frischs „Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie“ in Thomas Birkmeirs Regie miteinander gespielt. Und er sagte damals schon: „Ihr solltet ,Hochzeit auf Italienisch’ zusammen machen.“ Das geisterte mir immer im Kopf herum – und nun war die Zeit reif: Ich bin, wie im Stück vorgesehen, 52 Jahre alt, Sandra 48 …

Cervik: Noch nicht!

Föttinger: Thomas Birkmeir hatte Zeit, die Inszenierung zu übernehmen. Es ist also alles ideal. Es hat sich, glaube ich, gelohnt, seit 2000 darauf zu warten.

 MM: Man kennt die Verfilmung von Vittorio De Sica aus dem Jahr 1964 mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. De Sica wurde damals von der italienischen Presse sehr gescholten, er hätte sich damit endgültig in seichtes Gewässer begeben. Zwischen der Loren und Mastroianni fliegen Fetzen und Spaghetti. Wie kann man gegen diese Bilder in den Köpfen des Publikums anspielen?

Föttinger: Zum Teil gar nicht. Und ich spiele auch ein wenig mit meiner Mastroianni-Attitude, die mir ja schon Emmy Werner bescheinigt hat. Ich habe mir, wie Sie sehen, sogar ein Bärtchen wachsen lassen. Aber wir spielen nicht den Film, sondern das Stück. Da gibt es eine komödiantische Fassade, hinter der die Tragödie hindurchscheint.

MM: Das wird vor allem für Sie, Frau Cervik, eine Gratwanderung werden.

Cervik: Absolut richtig. Der Humor liegt nicht auf der Seite der Filumena; in den Momenten, in denen sie glaubt, auf der Siegerstraße zu sein, bereitet ihr das zwar Vergnügen, aber sonst hat diese Figur durchaus archaische, medeenhafte Züge. Sie sammelt ihre drei Kinder ein, die sie bei fremden Familien untergebracht hatte, um Domenico zu sagen, einer wäre sein Sohn – aber welcher? Das ist alles nicht komisch. Der Monolog, in dem sie ihren Söhnen erklärt, warum sie ist, was sie ist, ist nicht einfach. Ich mag das aber sehr gerne, es muss nicht alles nur moll oder Dur sein. Keine Komödie ohne Tragödie, keine Tragödie ohne Komödie. Die Komik liegt aber eindeutig bei der Männerfigur.

Föttinger: Und in der Auseinandersetzung der beiden. Mit all der Verrücktheit und Hingabe, die dieser Mann, Domenico, braucht, um etwas für und aus seinem Leben zu lernen.

 MM: Wie legen Sie den Domenico an? Als Macho, als Schlitzohr, als Muttersöhnchen?

Föttinger: Er ist ein oberflächlicher, verantwortungsloser Nichtstuer. Ein verzogenes, wohlhabendes Söhnchen, der in dieser Beziehung zu Filumena Verantwortungsgefühl lernen muss. Das macht er dann aber schon auf eine besondere Art und Weise, die in Italien 1946 wahrscheinlich noch wichtiger war, als heute: Indem er alle drei Söhne als seine annimmt. Das ist ein großer, schöner Schritt.

Cervik: Apropos, Sozialkritik: Das ist ja von De Filippo nicht zufällig so geschrieben, dass er der Reiche ist und sie die Prostituierte. Die Figur Filumena bringt von Anfang an viel mehr Tiefe mit. Domenico, weil er nie ein Problem hatte, um nichts kämpfen musste, ihm alles in den Schoß gefallen ist, ist ganz anders drauf, als sie. Deshalb liebt sie ihn auch: Weil er etwas in ihr zum Klingen bringen. Filumena heißt auch Power of Love. Sie hat sich in diesen Mann verguckt, sie kann nicht lassen von ihm. Er ist ja kein böser Mensch, er soll nur weg von seiner Oberflächlichkeit, verstehen, was sie meint und will.

 MM: Das Stück ist ein Spiel um Täuschungen, Enttäuschungen. Da kann man auf große Gesten setzen, fuchteln, streiten … Wie unterscheidet sich da das Paar Filumena/Domenico vom Paar Föttinger/Cervik?

Cervik: Wir fuchteln privat weniger (sie lacht).

Föttinger: Also, ich fuchtle gern!

Cervik: Im Ernst jetzt: Wir streiten, obwohl wir beide temperamentvolle Menschen sind, wenig und wenn eher sachlich. Wir sind nicht die Plärrer und Schreier. Die schlimmste Strafe für ihn ist ohnedies mein Schweigen.

Föttinger: Grauenhaft! Die grausamste Art von Liebesentzug. Weiterstreiten, diskutieren ja, aber bitte nicht schweigen. Natürlich geben wir unseren Beruf nicht daheim vor der Haustüre ab, aber wer tut das schon? Wenn du etwas mit Leidenschaft machst, wirst du es auch nach Hause tragen – und ich finde das nicht einen Moment schlecht, sondern gut so!

Cervik: Auch ich kann das Theater nicht einfach „abstellen“. Aber es gibt das Andere, unseren Sohn. Da ist ganz was anderes Thema, die Schule zum Beispiel. Grundsätzlich kann ich meine aktuelle Bühnenrolle daheim nicht in ein Winkerl stellen, egal ob ich mit Herbert Föttinger oder einem anderen Bühnenpartner spiele.

Föttinger: Ich denke mir manchmal, das Ärgste in einer Beziehung muss sein, wenn sich der andere so gar nicht für das interessiert, was man tut. Das stelle ich mir sehr unfein vor.

MM: Sie sind die Dreifaltigkeit des Hauses: Intendant, Schauspieler, Regisseur.

Föttinger: Und noch geht sich das ganz gut aus. Der Umbau der Kammerspiele ist in der Zielgeraden, das macht mich sehr stolz. Es war nicht so anstrengend, wie der Umbau der Josefstadt. Was das Bauliche betrifft, bin ich sozusagen fertig. Und ohne, dass die künstlerische Arbeit je zu kurz kam.

MM: Wie kann man so einem Mann hinterher hecheln?

Cervik: Unter uns: Das muss ich nicht. Weil ab und zu „fällt“ er ja doch um und dann stehe ich da, um den erschöpften Gatten liebend in die Arme zu nehmen. Es gibt eben Dinge, die wir gemeinsam machen können, Dinge, die nur meins sind, Dinge, für die er allein verantwortlich ist … und da waren die neuen Kammerspiele eben ein intensiv-beglückendes Meisterstück.

 MM: Nun wurde vorher schon erwähnt, Thomas Birkmeir hat Sie zu diesem Projekt ein wenig „angestiftet“. Was sind seine Qualitäten als Regisseur?

Föttinger: Er kann mit dem Stoff was anfangen, also war für mich nur logisch, dass er ihn auch umsetzt. Ich freue mich sehr, dass er nach 13 Jahren wieder an der Josefstadt arbeitet. Er ist für Sandra und mich ein Gegenüber. Das ist unglaublich wichtig.

Cervik: Und Thomas ist ein sehr genauer Zuschauer. Er sieht Kleinigkeiten, kann sie auch formulieren. Er ist genau im Detail. Er lässt dich als Schauspieler machen, nimmt das auf und bringt es in eine gute Form.

MM: Wie sollen die Zuschauer nach dem Abend empfinden? Beschwingt oder betropetzt?

Cervik: Gute Frage.

Föttinger: Mit einem guten Gefühl. Wenn zwei Menschen sich nach 25 Jahren so zusammenraufen, sage ich, es ist toll, wenn man jenseits der 50 noch was lernen kann. Und wenn das einsetzen würde, dass eine Frau einen Mann dazu bewegen kann, sich umzukrempeln, neu zu denken, dann gibt uns das doch Hoffnung.

Cervik: Eine leise melancholisch-positive Hoffnung.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=KIhc5IpgVhM&feature=player_embedded#t=1

Wien, 2. 10. 2013