Akademietheater: Carol Reed

April 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sind wir nicht alle ein wenig MacGuffin?

Ja, wo ist denn das Bühnenbild? Birgit Minichmayr, Tino Hillebrand, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Das Bühnenbild ist weg. Und nicht nur das: Auch die sonst obligatorische Live-Kamera samt dazugehöriger Leinwand wurde offenbar geklaut – ergo wird tatsächlich nicht hinter der Bühne gespielt und nach vorne übertragen, sondern es stehen vier Schauspieler an der Rampe, um zu deklamieren und zu reklamieren. Wie ungewöhnlich puristisch für einen René Pollesch!, der Wien nach mehr als vier Jahren Absens mit einem neuen Text beglückt.

„Carol Reed“ heißt er, dazu später mehr, und ist wie stets eine Mischung aus Nabelschau und Narretei, ein tiefphilosophischer Hauch von Nichts und ein hochkomödiantisches Etwas. Jedenfalls am Akademietheater eine wunderbare Gelegenheit Birgit Minichmayr und Martin Wuttke in Aktion zu sehen. Das Bühnenbild ist also weg, „Madame Brack“, die Bühnenbildnerin Katrin, hat es mitgehen lassen. Wohl aufgrund einer Unzufriedenheit, der den ganzen Abend lang nachgespürt, deren Ursache aber nicht gefunden wird. Und da stehen sie nun, zwei im rosa Tüllgebirge, zwei im Smoking, Irina Sulaver und Tino Hillebrand komplettieren das Quartett, und wissen erst gar nichts mit sich anzufangen. Vier Schauspieler, bedroht von der Technik, von einer außer Rand und Band geratenen Scheinwerferbatterie, die sie drohend rotierend umkreist – und wer’s noch kann, erinnert sich an den Kušej-Abend am Haus, den die Minichmayr absagen musste, weil der Lamettavorhang nicht hochzukriegen war …

Dieser Querverweis, weil Pollesch auch diesmal das Stück im Kollektiv erarbeitet hat, nie sagen Darsteller bei ihm einen Satz, den sie nicht möchten, und das ist ein Reiz seiner Aufführungen: Dass man stets auf der Schnitzeljagd nach dieser Authentizität ist. „Carol Reed“ also. War ein britischer Filmregisseur, sein hierzulande angesiedeltes Meisterwerk „Der dritte Mann“, aber auch der Macher von „Unser Mann in Havanna“ oder „Gefährlicher Urlaub/The Man Between“, Spionagethrillern, die Wuttke veranlassen zwischendurch im Geheimagentensprech die Handlung anzutreiben.

Die Handlung, das ist bei Pollesch so eine Sache und das Thema. Beziehungsweise der MacGuffin, auch Wuttkes Rollenname, ein von Alfred Hitchcock erfundener Begriff für mehr oder weniger bedeutungslos-beliebige Objekte oder Personen, die in einem Film meist dazu dienen, die Handlung auszulösen oder zu beschleunigen, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein. Was die Frage aufwirft: Sind wir nicht alle ein wenig MacGuffin? Die Souffleuse Sybille Fuchs ist wie immer auch auf der Bühne. „Theater ist nicht: Gehen wir mal rauf und dann schaun wir mal“, sagt Minichmayr – und das Publikum bricht, Pollesch kennend, in Begeisterungsstürme aus.

Get me up high, teach me to fly, electrify my life with starry lights: Tino Hillebrand. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Beams are gonna blind me, but I won’t feel blue: Birgit Minichmayr, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Die Filmmusik ist diesmal von „Die Zwei/The Persuaders!“ – Tony Curtis/Roger Moore, von ABBA „Super Trouper“ bis „Barbarella” von The Wondermints. Ach ja, was man eigentlich spielen wollte, sind „Die 39 Stufen“, weil ja immer alles nur von Hitchcock und niemand von Carol Reed spricht. Doch das Leben ist eben work in progress, die technischen Probleme des eigenen Daseins nicht geringer als die auf der Bühne. Und so geht’s um Regiearbeiter und Schauspielerschicksale, um künstlerische wie private Krisen, um persönlichen Liebeskummer und szenische Selbstmordgedanken. „Von Bedeutung war ich noch nie gerührt“, lautet einer der launig-klugen Sätze, während sich die Stars des Abends damit abmühen, „der eigenen Bedeutung zu entkommen“.

Das geht nur, indem man im Wortsinn in der Versenkung verschwindet, und aus dieser taucht Irina Sulaver als Piper Laurie oder Laurie Piper, immerhin „Carrie“s Mutter, die „Blutige Ruby“ und auch sonst „Vom Teufel besessen“, als Erste wieder auf. Dann die anderen. Erst Riesenjoints rauchend im Raumfahreranzug, aus denen sie sich in Glitzerklamotten entpuppen. Noch Erkundigungen einzuholen? Bitte nicht. Einfach den Spaß auf sich niederprasseln lassen und abwarten, ob einem im Sinne freier Assoziation was dazu einfällt. Ansonsten vier fulminante Schauspieler genießen und deren Stück/chenweise Preisgabe auf sich wirken lassen. Am Ende war der Jubel riesig. Was brauchen die Wiener dramatische Konventionen, wenn sie ihre Publikumslieblinge so hautnah erleben dürfen? René Pollesch, Junge, komm‘ bald wieder …

www.burgtheater.at

Wien, 30. 4. 2017

Theater Scala: Raoul bleibt zum Essen

April 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und die Bratpfanne

Philipp Stix, Selina Ströbele, Bernie Feit Bild: Bettina Frenzel

Philipp Stix, Selina Ströbele, Bernie Feit
Bild: Bettina Frenzel

Zugegeben. Die Komödie ist ein wenig aus der Zeit gefallen. Der HI-Virus war noch kein Thema, dafür wurde in den Sixties geswingt, was das Ding hergab. „Schlüsselpartys“ nannte man den Hauptspaß – jede Frau zog aus einem Gefäß den Autoaufsperrer eines (fremden) Mannes und mit dem zog sie dann ab. In diesem Geiste schrieb Paul Bartel seinen Kultfilm „Eating Raoul“, das wohl berühmteste Machwerk, des Andy-Warhol-Woody-Allen-Ed-Wood-B-Horrormovieisten. Ja, es war eine Ära, in der Deep Throat noch nicht der Informant von Bob Woodward und Carl Bernstein, sondern eine Technik von Linda Lovelace war. Und sich alle Welt fragte, ob Long Dong Silver (die Legende spricht von 45 Zentimetern, aber auch von Latex) in bewussten Situationen nicht wegen Blutleere im Gehirn in Ohnmacht fiel. Children of the Sexrevolution.

Bruno Max und sein Theater zum Fürchten (derzeit wieder in der Scala) haben die rabenschwarze Groteske als „Raoul bleibt zum Essen“ nun für sich entdeckt. Und nichts könnte abgefahrener sein für diese abgefahrene Truppe. Allein das Programmheft ist lesenswert: Von „The Lonely Hearts Killers“ bis zu „The Love Slave Killers“ werden US-Pärchen aufgezählt, die ihre Liebesobjekte auf die eine oder andere unschöne Weise um die Ecke brachten. Und teilweise immer noch in amerikanischen Todestrakten sitzen. Na, wenn das keine Gute-Nacht-Lektüre ist.

Da sitzen also Paul und Mary Bland – kleinbürgerlich, hausbacken, bieder – in ihrem Apartment in Los Angeles und in den Wohnungen rundherum geht, dem Lärm (einer kommt als John Travolta: Saturday Night Fever) nach zu urteilen, die Post ab. Paul und Mary haben einen Traum: ein Landgasthaus, für das ihnen das Geld fehlt. Der Bankberater wird schon ungeduldig. Und dann passiert der Albtraum. Ein Sexmaniac irrt sich in der Türnummer, irrt sich in Mary und rumms zieht ihm Paul eine mit der Bratpfanne über. Und dem Toten 600 Dollar aus der Tasche. Eine Einnahmequelle ist gefunden. Bernie Feit und Selina Ströbele sind als die Blands die Idealbesetzung. Nicht nur, weil die hochgewachsene, dunkelhaarige Schönheit Mary Woronov, bekannt für ihren provokanten Sadomaso-„Peitschentanz“, auch im Original gut eineinhalb Köpfe größer als der halbglatzige Paul Bartel war. Nein, ihre Wandlung ist fantastisch. Da war man ein Leben lang gutmütig bis gutgläubig und „diese Schweine führen ein sorgloses Leben, während anständige Leute wie wir nie auf einen grünen Zweig kommen.“

Man beschließt also die Sexspielchen mitzuspielen. Holt sich Rat bei einer Domina (großartig: Claudia Marold als strenge Herrin am Telefon, in der Wohnung zwischen Bügeleisen und Gehschule), dreht ein Filmchen für den Sexkanal: Ruf-mich-an. Fabelhaft, wie Ströbele wie 180-Grad-Drehung vollzieht, im Wortsinn schlagfertiger wird, mehr Biss kriegt, sich emanzipiert, und Spaß an Krankenschwestern-Feuerwehrfrauen-Nazis-Babys-Minnie-Mouse-Verwandlungen, wie sie in die Rollen wächst. Dass Bernie Feit ein begnadeter Exkomödiant ist, ist bekannt. Wie ein begossener Pudel steht er daneben, zaghafter, zögernder, wunderbar deplaziert im Sexshop, aber knapp vorm Ende immer pfannenfertig. Man will ja das Eheweib schützen. Und der Dollar rollt. Und dann kommt Raoul. Eigentlich vom Schlüsseldienst, eigentlich Einbrecher. Nur entdeckt er statt Wertsachen Leichensäcke. Für den Latin-Macho-Lover kein Problem. Er beteiligt sich am Geschäft. Hundefutter. Sehr schön gibt Philipp Stix den pomadig-schmierigen Selbstverliebten mit mexikanischem Akzent. Als Raoul aber Mary zu nahe tritt, heißt’s Mann gegen Mann. Raoul bleibt zum Essen. Der Bankberater kommt, das Geschäft wird abgeschlossen. Es gibt Hausmannskost.

In diversen Swingerrollen scheuen Robert Notsch, Sybille Kos, Christoph Prückner und Michael Reiter vor keinen noch so peinlichen Dessous zurück. Besondere Anerkennung gilt Marcus Ganser für die genial raschen Bühnenumbauten und Alexandra Fitzinger und Margit Sanders für die Sixities-Kostüme, inklusive der hässlichsten Perücken von überhaupt, vor allem die Vokuhilas.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

Wien, 2. 4. 2014