Akademietheater: Vögel

September 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus dem Burg- wird nun ein Internationaltheater

Die gar nicht liebe Familie: Eli Gorenstein als Großvater Etgar, Sabine Haupt als Mutter Norah, Markus Scheumann als Vater David, Jan Bülow als Eitan Zimmermann und Yousef Sweid als Rabbi. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Er hat es bereits vor Amtsantritt angekündigt, und Martin Kušej setzt sein weltoffenes Ansinnen, das Burg- von Österreichs Nationaltheater zum Internationaltheater zu machen, mit der zweiten Premiere seiner Intendanz auch schon um: Am Akademietheater zeigt der in Israel geborene Regisseur Itay Tiran, er in dieser Funktion sowie als Schauspieler neues Ensemblemitglied, Wajdi Mouawads „Vögel“ als Österreichische Erstaufführung.

Das aktuelle Erfolgsstück des frankokanadischen Schriftstellers libanesischer Herkunft, der in Wien spätestens seit „Verbrennungen“, 2007 am Akademietheater, bekannt ist, ist der perfekte Stoff für Kušejs Idee des Kosmopolitischen, ereignet es sich doch auf drei Kontinenten, in den vier Sprachen Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch, und die Schauspieler switchen zwischen ihnen, dass vom von manchen gefürchteten babylonischen Sprachgewirr keine Rede sein kann. Dazu hat Bühnenbildner Florian Etti die notwendigen Übertitel so ins Setting integriert, dass ein einfaches Mitlesen möglich ist.

Eitan und Wahida wollen nur ihre Liebe beschützen: Jan Bülow und Deleila Piasko. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Doch Eitan wird in Israel bei einem Attentat schwer verletzt: Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Mouawad erzählt in „Vögel“ vom konfliktträchtigen Aufeinandertreffen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion, genauer gesagt: Er schildert die Verwerfungen des Nahostkonflikts anhand dreier Generationen einer jüdischen Familie, die Vererbung des Shoah-Traumas an die Nachkommen – und die Ausweglosigkeit bei der Suche einer friedlichen Lösung mit den Palästinensern. Itay Tiran nennt seine Inszenierung im Interview mit der Bühne ein „Identitäts-Experiment“, und tatsächlich steht über allem die Frage, wer diese zu definieren und über sie zu bestimmen hat. Gruppenidentität sei das Grundübel der Menschheit, heißt es dazu an einer Stelle.

Cast und Crew sind Kinder vieler Länder, in der Mehrzahl kommen sie aus Österreich, Deutschland, Palästina und Israel. Und so spielt die arabisch-israelische Salwa Nakkara die Israelin Leah Kimhi oder Deleila Piasko, Tochter einer Schweizer jüdischen Familie, die Araberin Wahida. Jan Bülow und Markus Scheumann gestalten, oft auch Hebräisch sprechend, die Rollen des Eitan Zimmermann und seines in Berlin lebenden Vaters David, jene Figur, als die Itay Tiran am Schauspiel Stuttgart selbst auf der Bühne stand. Der hochbegabte Genetikstudent Student Eitan bändelt also in der New Yorker Universitätsbibliothek mit der Geschichtestudentin Wahida an.

Das Buch, das sie liest, sagt er, fasziniert ihn, dieses das Thema ihrer Doktorarbeit, dessen Protagonist Hasan al-Wazzan, im späten 15. Jahrhundert in Granada geboren, später Diplomat des Sultans von Marokko, noch später, 1518, von Piraten im Mittelmeer gefangen genommen und Papst Leo X. zum Geschenk gemacht. In Natalie Zemon Davis‘ Buch „Trickster Travels“ ist nachzulesen, wie der Pontifex sich rühmt, den Muslim zum Christentum gebracht zu haben, doch ist ungewiss, ob der nunmehrige „Johannes Leo Africanus“ den fremden Glauben nicht nur zum Schein angenommen hat. Als Ikone kultureller Verflechtung ist al-Wazzan mit seinem lebenslangen Bemühen, den Europäern einzubläuen, dass die islamische Welt kein Satansort ist, jedenfalls der psychologische Überbau von Mouawads Gesellschaftsdrama.

Eitan eröffnet seinen darob entsetzten Eltern, dass er mit der US-arabischen Wahida lebt: Markus Scheumann und Sabine Haupt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die geschiedenen Großeltern hüten seit Jahrzehnten ein Geheimnis: Eli Gorenstein und Salwa Nakkara als Leah Kimhi. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Der nerdige Mansplainer Eitan, von Bülow in Anbetracht seiner Eigenheiten mit etwas Overacting angelegt, wird wirklich die große Liebe der attraktiven Wahida, und so reist er zu seinen Eltern nach Berlin, Vater David, seinerseits Sohn des Holocaust-Überlebenden Etgar und als solcher schwer erkrankt am Überlebensschuld-Syndrom, und die von Sabine Haupt dargestellte Mutter Norah, Tochter jüdischer Kommunisten aus der ehemaligen DDR. David hat zu Arabern die einschlägig bekannte Meinung, beim gemeinsamen Abendessen donnert er sein Veto gegen diese Verbindung, und bekundet Norah, wiewohl Verständnis für die Gefühle ihres Sohnes habend, dass sie sich nie gegen ihren Mann stellen wird, wogegen Großvater Etgar verzweifelt versucht, die Wogen zu glätten.

Eli Gorenstein gibt diesen liebenswert-eigenwilligen Charakter, der israelische Schauspieler, Regisseur, Sänger und Cellist, der in seiner Heimat sowohl als böser Scar im „König der Löwen“ als auch mit seiner Interpretation von Frank-Sinatra-Songs ein Star ist, ist mit seinem Changieren zwischen der Last der Vergangenheit und den Auseinandersetzungen der Gegenwart das darstellerische Highlight der Aufführung. Indes kommt Eitan einem Familiengeheimnis auf die Spur, ist doch David nicht der, der er selber zu sein glaubt, sondern augenscheinlich ein Sohn des von ihm so deklarierten „Untermenschenvolk“. Um das zu verifizieren reist Eitan mit Wahida nach Israel, wo er seine Großmutter sehen will, die sich, eben damit dieses Geheimnis nicht aufgedeckt wird, vor Jahrzehnten von Etgar trennte und ihn und David nach Europa drängte.

Salwa Nakkara macht aus dieser Leah Kimhi erst sozusagen des Teufels Großmutter, eine zynische, streitsüchtige, ihr Umfeld verschreckende Frau, zumindest bis sich die Schleier über den Geschehnissen lüften. Und während Wahida in Israel allmählich ihr verdrängtes arabisches Ichbewusstsein wiederentdeckt, wird Eitan Opfer eines Terroranschlags, auf den Tod verletzt liegt er im Krankenhaus, und Leah muss sich mit der Sippe in Deutschland in Verbindung setzenVerpackt hat Autor Wajdi Mouawad das alles in der Form eines subtil humorvollen Konversationsstücks, und Itay Tiran bedient gekonnt die Mechanismen dieses Well-made Play. Für die fließenden Übergänge von Ort und Zeit sorgen vier verschiebbare Quaden, auf die Videos von Yoav Cohen, atmosphärische Vogelmuster, Nachrichten- und Propagandabilder, denn selbstverständlich lässt Mouawad Sabra und Schatila nicht unerwähnt, Stadtkulissen, und eben die Schriften projiziert werden.

Nadine Quittner als lesbische Soldatin Eden mit Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Übertitel sind ins Bühnenbild integriert: Deleila Piasko und Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Neben Markus Scheumann als dauermürrischem, alles Nichtjüdische ablehnenden David, dessen historische und gegenwärtige Feindbilder letztlich Synonyme seiner zutiefsten Seelenverletztheit sind, und Sabine Haupt als zwischen nervös flirrend und leicht hysterisch schwankender Norah, spielt Nadine Quittner die lesbische Soldatin Eden, die eine Leibesvisitation Wahidas zu deren Vergewaltigung macht, und Yousef Sweid den Wazzan und einen Rabbi. Deleila Piasko und Jan Bülow sind ein zu Herzen gehendes „Die Schöne und das Biest“-Paar. Mit ausreichend Pathos geht’s einem Ende entgegen, an dem nicht alle Figuren lebend ankommen.

Eitan, von der nun ganz in ihrer Abstammung aufgehenden Wahida verlassen, klagt über die Unversöhnlichkeit ihrer beiden Völker, über Vorurteile und permanente Verdächtigungen, über Engstirnigkeit und Hang zur Radikalität. Das natürlich ist die Botschaft, die nach dreieinhalb forderndem Stunden Theater den großen Schlussapplaus bewirkt. Lautester Publikumslacher des Abends: Als David seine Mutter drangsaliert, weil er wissen will, was sie mit Wahida und Norah besprochen hat, antwortet Leah auf ihre berühmt-berüchtigte Art: „Wir reden übers Hochzeitsessen, können uns aber nicht entscheiden: koscher oder halal“.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Tel Aviv on Fire

Juli 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Groteske Komödie über den Nahostkonflikt

Die Stars der Fernsehsoap „Tel Aviv on Fire“: Tala in ihrer Rolle als palästinensische Spionin Manal (Lubna Azabal) und Yehuda als israelischer General Edelman (Yousef „Joe“ Sweid). Bild: © Samsa Film, TS Productions, Lama Films, Artemis Productions

Die Kinokomödie dieses Sommers kommt nicht aus Frankreich, sondern vom palästinensischen Regisseur Sameh Zoabi. Mit der Groteske „Tel Aviv on Fire“, zu sehen ab 19. Juli, ist dem Filmemacher und seinem Co-Drehbuchautor Dan Kleinman das Husarenstück gelungen, liebenswerten Humor über einen brisanten zeitpolitischen Hintergrund zu legen, arbeiten die beiden doch den Nahostkonflikt als Soap Opera auf. „Tel Aviv on Fire“ nämlich ist eine höchst erfolgreiche TV-Serie, die im Sechstagekrieg 1967 angesiedelt ist.

Die allabendlich über die Bildschirme flimmert, und Israelis wie Palästinenser vor die Fernsehapparate lockt. Inhalt der schnulzigen Sendung: Die palästinensische Spionin Manal macht sich getarnt als Restaurantbetreiberin Rachel an Israels mächtigsten General, Yehuda Edelman, heran, um diesem im Liebestaumel die Kriegspläne zu entlocken, die sie ihrem wahren Geliebten Marwan aushändigen soll.

Was folgt ist Fernsehserie-im-Film. Schon in der ersten Szene sieht man also die großartige Lubna Azabal, die den Leinwandstar Tala spielt, und wie Tala ihrerseits Manal/Rachel spielt. Piekfein durchgestylt umgarnt sie den Militär Yehuda aka Schauspielkollegen Yehuda aka dessen Darsteller Yousef „Joe“ Sweid, das Ganze in goldenes Licht getaucht, Kitsch as Kitsch can, mit schmachtendem Mund und eiskalten Augen, während er sich lässig eine Zigarette anzündet, als liefe „Casablanca“ auf Schmalspur. Klar, dass die Absurdität der Handlung von der Absurdität des israelisch-palästinensischen Alltags eingeholt wird.

Denn neu am Set ist der schlaksige Tagedieb Salam, Kais Nashif, der für diese Rolle in Venedig als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, dem sein Onkel und „Tel Aviv on Fire“-Produzent einen Assistentenjob beschafft hat. Gedreht wird in Ramallah, und da die Akteure in der Realität wie in der Filmfiktion Israelis wie Palästinenser sind, ergo nicht alle des Hebräischen mächtig, soll Salam bei der Aussprache helfen. Was bald dazu führt, dass er sich in die Dialoge einmischt, etwa, weil er „bombig“ als Kompliment für eine Frau im Westjordanland für unpassend befindet, worauf ihm die kapriziöse Diva Tala bestätigt, dass sie ihre Sätze tatsächlich nicht spüre – und Salam zum Drehbuchautor avanciert.

Assi (Yaniv Biton) lässt sich von Salam mit seiner Leibspeise, bestem, original-arabischem Humus versorgen … Bild: © Samsa Film, TS Productions, Lama Films, Artemis Productions

… bevor der Grenzkommandant das Script des Drehbuchautors auf den Kopf stellt: Salam (Kais Nashif) und Assi (Yaniv Biton). Bild: © Samsa Film, TS Productions, Lama Films, Artemis Productions

Allein, der frisch Beförderte wohnt in Jerusalem, heißt: er muss auf dem Weg zum Drehort und retour zwei Mal durch den Checkpoint von Captain Assi Tzur, der ihn an der Grenzkontrolle prompt aufgreift, den Text für die nächste Folge findet – und die Chance wittert, bei der Lieblingsserie seiner Frau, die ausgerechnet von Marwan als gutaussehend und romantisch schwärmt, mitzumischen. Für Salam wird die für seine Freilassung getroffene Abmachung Segen und Fluch gleichermaßen, entpuppt sich Assi, den Yaniv Biton mit herrlicher Komödiantik ausstattet, doch nicht nur als das wahre Schreibtalent.

Sondern kann kraft seines Berufs auch für mehr Echtheit im Tränendrücker sorgen – was die Zuschauerzahlen noch mehr in die Höhe schnellen lässt. Doch Assi ist ein Mann mit einer Mission, und die lautet, die fade Figur des Yehuda sympathisch und sexy zu machen, schon um Assis Frau eins auszuwischen. So liefert der Kommandeur Salam zwar bei jedem Zusammentreffen neuen Stoff für dessen Straßenfeger, aber auch Stoff für Diskussion, funktioniert Assi doch das zugegeben ziemlich antizionistische Drehbuch in pro-israelische Propaganda um.

Wenn Salam Marwan einen Freiheitskämpfer nennt, während Assi ihn Terroristen schimpft, wenn Onkel Bassam bemängelt, seine Serie ähnle immer mehr dem Osloer Friedensabkommen und Salam über sein der Ersten Intifada geschuldetes Hummus-Trauma erzählt, wenn Leibesvisitationen in Lokalen an der Tagesordnung sind und Panzerkolonnen zu Kulissen werden, wenn Yehuda-Darsteller Yehuda gegen seine Rolle revoltiert, weil er, der sieben Jahre in einem israelischen Gefängnis saß, die Figur plötzlich viel zu nett findet, wenn Assi Salam schließlich den Pass wegnimmt, um seinen Willen durchzusetzen, und man diesen als nunmehr quasi Geisel entlang der Westbank-Mauer irren sieht …, dann wird die Daily Soap im Film zu einem Stellvertreterkonflikt, in dem jeder der Beteiligten das Schicksal Palästinas bestimmen will.

Daraus entwickeln Zoabi und Kleinman ein irrwitziges Spiel rund um ihr ungleiches Zweiergespann. Es gelingt ihnen, die Unwägbarkeiten, das Risiko und den Unsicherheitsfaktor des israelisch-palästinensischen Zusammenlebens anzudeuten, auch ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und daher Fatalismus spürbar zu machen, ohne das Mitmenschliche aus dem Auge zu lassen. Nicht umsonst erhielt „Tel Aviv on Fire“ den INTERFILM-Preis zur Förderung des interreligiösen Dialogs. Das Schöne nämlich ist, dass den Fans der Serie politische Script-Strategien völlig egal sind. Während die Männer am Staffelfinale tüfteln, einer Hochzeitsszene mit Bombe im Brautstrauß, Motto: „In unserer Welt gibt es kein ,Romeo und Julia‘“, wollen die Frauen Lovestory mit Happy End. „Nicht alles ist Politik, mein Lieber. Hier geht es um Romantik“, bescheidet ihm Assi Ehefrau am Ende. Weshalb er sich mit Salam einen salomonischen, man könnte auch sagen suleimanischen Schluss einfallen lässt …

„Tel Aviv on Fire“ ist außer einer anarchisch-utopischen Komödie auch eine hintersinnige Parabel auf die Frage, wie man der Ausweglosigkeit von großer Geschichte durch Versöhnung im Kleinen begegnen kann. Die leise Sehnsucht nach einer normaleren Welt teilen sich alle Charaktere, selbst Assi, der zugibt, nicht gern am Checkpoint stationiert zu sein. Die Soap geht derweil in die zweite Staffel. Bleiben Sie dran!

Video:

 

www.mfa-film.de/kino/id/tel-aviv-on-fire

  1. 7. 2019