Schauspielhaus Wien: Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen …

Januar 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Institution lebt, doch ist sie leider sehr scheu

Sie haben eine Ausschreibung gewonnen: Katharina Farnleitner, Steffen Link und Simon Bauer mit EU-Stern Dolores Winkler. Bild: © Matthias Heschl

Sie haben eine Ausschreibung gewonnen: Katharina Farnleitner, Steffen Link und Simon Bauer mit EU-Stern Dolores Winkler. Bild: © Matthias Heschl

Die Produktion mit dem mutmaßlich längsten Titel der Saison hatte Freitag am Schauspielhaus Wien Premiere. Miroslava Svolikova schrieb „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ im vergangenen Jahr als Hans-Gratzer-Stipendiatin unter der Anleitung von Falk Richter.

Nun folgte die Uraufführung dieser Groteske, in der die Dramatikerin lustvoll die Leiden junger Kulturschaffender in einer sich in Selbstauflösung befindlichen Europäischen Union widerspiegelt. Drei Figuren jagt sie in einer Tour de Farce durch ein Assessment Center. Sie alle haben eine Ausschreibung gewonnen und sehen sich nun verpflichtet eine wichtige Aufgabe zu übernehmen. Welche ist allerdings nicht klar, findet sich auf einem Tisch doch nur eine Zettelbotschaft, die sie zur „Rettung der Onion“ aufruft. Die Verwirrung komplett macht der Umstand, dass sich der futuristische Raum, in dem sich das Trio eingefunden hat, als Museum entpuppt, das eine ganze Menge skurriler Exponate beherbergt. Und dann ist da noch der letzte verbliebene Stern der U/Onion, der sich nicht geschlagen geben will und zur Revitalisierung der Gemeinschaft aufruft …

Was Svolikova da verfasst hat, hat im höchsten Maße Komödienpotenzial. Mit viel Sinn für Humor – und, so ist anzunehmen, einem Schuss Selbstironie – nimmt sie den Bewerbungsalltag von Wettbewerblern aufs Korn, von jenen Idealisten, Künstlern und Schwärmern, die immer wieder von Neuem Anträge stellen, um Aufträge rittern und dabei der Auftragsbürokratie öfter ins offene Messer laufen, als dass die ihre Geldbörse öffnen würde. Eine prekäre Situation, die Svolikova in ihrem Stück mit Szenen voll Situationskomik kommentiert. Das Spiel ist freilich auch ein Spiel mit Sprache, mit Wortwitzeleien, die die Autorin durch Wortneuschöpfungen und -neudeutungen kreiert. Dem entsprechend bedient sich Regisseur Franz-Xaver Mayr des Instrumentariums der Boulevardklamotte. Er stattet die surreale Story mit einer gehörigen Portion Klamauk aus, als gelte es den Text durch Klipp-Klapp und andere Schenkelklopfer zu erden.

Simon Bauer, Steffen Link und Katharina Farnleitner hetzt er ohne Atempause über die von Michaela Flück erdachte Bühne, die drei als Prototypen akademischer Hilflosigkeit angesichts auftretender administrativer Probleme. Link gibt den hektisch-beflissenen Streber, Bauer mit vorgeschobenem Unterkiefer den dumben, nichts hinterfragenden Dienstleister, Farnleitner die allzeit und zu allen Bedingungen willige Auftragnehmerin.

Die Museumsführung mit Hologramm Sebastian Schindegger ... Bild: © Matthias Heschl

Die Museumsführung mit Hologramm Sebastian Schindegger … Bild: © Matthias Heschl

... endet in einer Schaumschlägerei. Bild: © Matthias Heschl

… endet in einer Schaumschlägerei. Bild: © Matthias Heschl

Zu dritt stemmen sie den Querbalken, den Svolikova in ihr Gedankengebäude eingezogen hat, die Frage nach dem Verbleib des Individuums und der Individualität im Vergleich zu Kraft und Stärke des Kollektivs, die Orientierungslosigkeit, die Identitätssuche, letztlich die Schuldfrage – das alles ist so sehr EUropäisch, dass es naturgemäß ohne Antwort bleiben will.

Dolores Winkler ist in diesem Setting nicht nur die Museumsreinigungskraft, sondern auch die „Regisseurin“, eine von denen, die schon alles gesehen, alles erlebt und alles gemacht haben – und ein einsamer übrig gebliebener Stern, der unter wimmerndem Wehklagen das Kollektiv beschwört, sind ihm die anderen Sterne doch in Richtung ihrer nationalistischen Heimatfronten auf und davon gelaufen.

Schließlich Auftritt Sebastian Schindegger als Hologramm. Mit Riff-Raff-Frisur und im Schlurfgang ist er der Führer durch ein Museum, das auf Besucher gar nicht eingestellt ist, weil ohnedies nie welche kommen. Nun aber kann er zeigen, was er an Schätzen hat. Einen abgekauten Kugelschreiber zum Verträge Unterzeichnen, die real existierende Mauer, abgekaute Fingernägel von früheren Kandidaten.

Dazu gibt’s im Schlafmodus zu verzehrende Pommes Frites – bekanntlich eine belgische Erfindung – und eine von oben herabkommende Schaumschlägerei. Die Institution ist zwar als lebendes Exponat an der Ausstellung beteiligt, aber leider nie zu sehen, die Institution, lässt das Hologramm wissen, ist nämlich sehr scheu …

Das Publikum im Schauspielhaus reagierte auf all diese assoziativen Andeutungen und Doppeldeutigkeiten höchst amüsiert. Sowohl Miroslava Svolikovas Text als auch dessen szenische Umsetzung durch Franz-Xaver Mayr wurden am Ende lautstark bejubelt. Und natürlich das Ensemble, das wie stets mit überbordender Spielfreude an die Sache herangeht. Katharina Farnleitner und Dolores Winkler fügen sich nahtlos in den Flow ein; erstere wird diese Spielzeit am Haus auch in „Kolhaaz (AT)“ zu sehen sein, diese feine, satirebegabte Schauspielerin, von der man gar nicht glauben mag, dass sie noch Studentin ist.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y4X-TOHCpco

www.schauspielhaus.at

Wien, 14. 1. 2016