Werk X: Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)

Dezember 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Kämpferische Politaktivistin trifft auf sangesfreudige Gewerkschaftsjugend: Michaela Bilgeri und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und

deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll. Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall.

Susi Stach als Trude, Peter Pertusini, Julia Schranz, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl mit Olga: Julia Schranz, Peter Pertusini, Susi Stach, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Thomas Kolle als Projektion, vorne: Julia Schranz, Susi Stach, Peter Pertusini und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Wie sich die Bilder gleichen, wird dem Publikum mal mittels TV-Ausschnitten vom Maiaufmarsch, mal mit Quizfotos höchst amüsant vor Augen geführt, die Kanzlerparade Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, und daneben immer: es-kann-nur-einen-geben Michael Häupl. Die Saga beginnt im April 1945, Olga Blaha ist hochschwanger, ihr Mann Karl nach wie vor, da illegaler Sozialist, mit einer Strafkolonne verschollen. Julia Schranz spielt Olga, Peter Pertusini Karl. Susi Stach ist Trude Fiala, die ebenfalls auf die Rückkehr ihres Mannes hofft, während ihr Johnny Mhanna als politisch uninteressierter Albin Roemer den Hof macht, und weil Thomas Kolle in die Rolle von Olgas im Krieg einbeinig geschossenen Bruder Kurt Swoboda schlüpft, ist klar, dass das Ganze sehr körperlich ist.

Die Schauspieler nähern sich der Bewegung über die Bewegung, das Bühnenbild von Daniel Sommergruber gilt es für sie erst zusammenzubasteln, und von Sakkos bis Sporthosen ist rot, rot, rot ihre liebste Farbe. Köpping zeigt das Politische im Privaten wie umgekehrt, die vor kurzem noch Widerstandskämpferin Trude Susi Stachs rechtet mit Kolles Kurt, dem gesinnungsmäßig geweglichen Parteifunktionär, Kolle, der im behänden Tanzschritt „harte Standpunkte“ auflösen will. Zu Recht fühlt sich die Basis gefoppt, „Koalitionen mit rechts werden immer rechts“, sagt Trude. In der Geräuschkulisse von Maschinengewehrsalven läuft Karl ohne vom Fleck zu kommen, aber am Ende doch nach Hause. Mit ihm hat der Flügel der Revolutionären Sozialisten eine Stimme mehr gegen die Sozialdemokraten. „Es sind ja noch gar nicht alle da, viele von uns sind noch im Exil oder im KZ, die müssen wir zurückholen“, sagt die Schranz wieder und wieder.

Ohne gehört zu werden. Zu Karls Fronttrauma kommt Trudes Sicht auf den Tod als Trost, Zukunftsangst wird mit Euphorie übertüncht, Filmszenen werden mit dem Bühnengeschehen überschnitten, etwa, wenn Schranz und Pertusini die Zigarettenreichung von Annette Uhlen an Helmut Berger mitgestalten, da wird die intime Filmsequenz zur kunstreichen Geste. Schön auch, wie das Anfragen bei den Sowjets um Plakatpapier in einer babylonischen Sprachverwirrung gipfelt, Johnny Mhanna, der sich zwischen den Alliiertensprachen Russisch, Englisch, Französisch verrennt – und kein Ausweg nirgendwo. So wird’s nichts mit dem Sozialismus, merkt man bald. Köpping hat den Konflikt der revolutionären und der reformistischen Kräfte in den Mittelpunkt seiner Handlung gerückt, mit heutigen Kommentaren kontrastiert, und um Specials wie eine Live-Kamera aufgepeppt.

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Endlich bei Brigitte Bardot: Erika Deutinger, Martina Spitzer, Karl Ferdinand Kratzl und Michaela Bilgeri. Bild: © Alexander Gotter

Tanzen statt debattieren: Bilgeri, Kratzl, Spitzer, Deutinger, Groll und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Sie projiziert die Streitereien überlebensgroß auf die Hinterwand, der „gesunde Opportunist“ Kurt wird als Paktierer mit dem Klassenfeind aus dem Freundeskreis vertrieben, Trude und Albin finden einander beim „Wiener-Blut“-Walzer, und zum Schluss, wenn fertig gewerktätigt ist, werden die überdimensionalen 1.-Mai-Lettern aufgestellt und „Aufmarsch“ nachgeahmt. In alten Wochenschau-Aufnahmen marschiert Schärf samt Gefolge vor Menschenmassen, der Achtstundentag wurde von links eingeführt, von rechts ohne Gegenwehr abgeschafft, und Kurt Palm lässt seine Protagonisten nun polemisieren, die rote Zukunft sei eine tote Zukunft.

Der „Monster“-Autor (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

Das 1.-Mai-Bühnenbild ist zusammengebastelt und steht: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ oder säuselt „Je t’aime“. Immerhin rollt keine Geringere als Erika Deutinger als Brigitte Bardot durchs Szenario, die „Gitti“, geoutet als Front-National-

Sympathisantin und Islam-Hasserin, die hier Stofftiere füttert und ihren Ennui mit Champagner vertreiben will. Die Deutinger im Glitzerkleidchen ist vom Feinsten, und so auch Martina Spitzer als „Bienenkönigin“ Heddi Prießnitz. Die in ihrem Zitate-Quiz Aussagen von SPÖ-Kanzlern, Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, als Unwahrheiten enttarnt, bis es nicht mehr verwundert, dass sich der Gemeindebau in FPÖ- und Nichtwähler gespalten hat. Der stolze Proletarier ist nur noch stumpfer Prolet, und während sich unheilige Allianzen bilden, ist jeder vierte Österreicher für einen starken Führer. Zustände sind im Land, die diese Doppelaufführung, diesen Mix aus Überprüfung und Persiflage, Defätismus und Zweckoptimismus dringend notwendig machen.

„Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)“ ist ein Workout für Lachmuskeln und Gehirnzellen. Gut so. Am 16. Jänner haben Folge 3 & 4 Premiere, Regie führen dann Martina Gredler und Bernd Liepold-Mosser.

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g

  1. 12. 2019

Murer – Anatomie eines Prozesses

März 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Freispruch für den Schlächter von Vilnius

Karl Fischer (Mitte) als Franz Murer. Bild: © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

„Schreiten in die neuen Zeiten, Hand in Hand mit alten Nazis“, sagt der Journalist zum Politiker. Ein Satz, der klarstellt, was Regisseur Christian Frosch am Thema interessierte, nämlich „weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die Täter und die Opfer in der Republik Österreich darstellten und darstellen. Das Spannende ist, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert“,

so der Filmemacher. „Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären …“ Ein brisanter Gerichtsthriller eröffnet heute Abend die diesjährige Diagonale, landesweiter Kinostart ist am Freitag. Graz 1963. Der angesehene steirische Lokalpolitiker und Großbauer Franz Murer steht wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht. Die Beweislage ist erdrückend. Doch in den Zentren der Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen. Der braune Bodensatz klebt fest in der Politik, in den Ministerien, latenter und offener Antisemitismus regiert. Murer wird schließlich auf Intervention, aufgrund einer „Weisung aus Wien“, so stellt es der Film dar, freigesprochen werden.

Anhand der originalen Gerichtsprotokolle eines der wohl größten Justizskandale der Zweiten Republik zeichnet Frosch den Fall Murer nach, eines Mannes, der von 1941 bis 1943 als „Schlächter von Vilnius“ einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in der heutigen litauischen Hauptstadt war. Simon Wiesenthal stolperte bei seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig über den mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebenden, als Sadist verschrieenen Verbrecher. Unzählige Überlebende der Shoah reisten an, um auszusagen und späte Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens.

„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Schauspieler Karl Fischer als Franz Murer. Dazu fährt die Kamera von Frank Amann über die Gesichter der Geschworenen und des Publikums. Da lacht der eine oder andere, nickt zustimmend, skeptisch, ungläubig, erschrocken wird auf die Zeugenaussagen reagiert. Kaum einer im Saal will mehr wahrhaben, was nicht gewesen sein darf. Was Wunder, hat man doch selbst „dem Herrn Mandelbaum günstig das Geschäft abgekauft“. Dazu eine Geräuschkulisse, die einen erschaudern lässt. Ein Orchester beim Einstimmen, Kakophonie und dazu – Schreie, Schüsse? Frosch ist ein atmosphärisch dichter, ein intensiver Film gelungen, seine protokollarische Vorgehensweise ändert nichts daran, wie hochemotional die Sache wird.

Karl Markovics als Simon Wiesenthal. Bild: © Katharina F. Roßboth / Prisma Film

Inge Maux tritt als Zeugin auf. Bild: © Patricia Peribanez / Prisma Film

Erschreckend, wie schlecht mit den Zeugen umgegangen wurde, wie Murers Verteidiger sie unglaubwürdig macht, nur weil sie sich an die kleinste Kleinigkeit nach so langer Zeit nicht mehr erinnern können. Erschreckend auch die Scham und Verzweiflung der Überlebenden. Im Zeugenstand können sie ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden abgekanzelt, weil sie nicht die genaue Farbe von Murers Uniform wissen.

Mit Hintergrundsequenzen und parallelen Handlungssträngen im Umfeld des Prozesses, etwa, wenn die Zeugen mit den Mitläufern gemeinsam mit Gasthaus sitzen müssen, kombiniert Frosch die Szenen im Gerichtssaal zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild. Zum miefigen Sozialpanorama eines 190er-Jahre-Österreich. Samt (damals also auch) „Lügenpresse“-Paranoia. „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, zieht Frosch ein düsteres Resümee aus seiner Arbeit am Film.

„Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ Neben Karl Fischer, der Murer beinah regungslos, mit angespannter Zurückhaltung verkörpert, mehr Floskel und Fassade als tatsächlicher Mensch, brilliert eine Riege österreichischer Schauspieler: Klaus Rott, Susi Stach, Inge Maux, Robert Reinagl, Franz Buchrieser, Erni Mangold, Christoph F. Krutzler … Karl Markovics spielt den als Aggressor verunglimpften Simon Wiesenthal. Am Schluss noch einmal ein Zitat, diesmal der Politiker zum Journalisten über dessen Berichterstattung zum Prozess: „Das Bravo der linksgerichteten Intellektuellen bringt uns im Gemeindebau keinen Meter weiter.“ Wie furchtbar zeitnah dieser Film doch ist.

www.murer-film.com

  1. 3. 2018

Chucks – Cornelia Travniceks Romandebüt als Film

September 18, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

So authentisch, dass die Polizei vorbeikam

Bild: © Stadtkino Filmverleih / Petro Domenigg

Bild: © Stadtkino Filmverleih / Petro Domenigg

„Schwebend erzählt, manchmal rotzig, manchmal poetisch, aber nie wehleidig“. So lobte die Literaturkritik 2012 Cornelia Travniceks Debütroman „Chucks“. Damit bot die heute 28-jährige Autorin den Filmemachern Sabine Hiebler und Gerhard Ertl nicht unbedingt eine Steilvorlage, als die sich daran machten, diese Vorlage fürs Kino zu adaptieren.

Die Übung ist gelungen. Erste Zuschauer sind begeistert. Beim Festival des Films du Monde de Montréal 2015 wurde „Chucks“ mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Am 25. September kommt er österreichweit in die Kinos. Die Literaturverfilmung erzählt bewegend und voll Humor die Coming-of-Age Story der jungen Mae. Mae zieht als Punk in den Converse-Schuhen ihres verstorbenen Bruders durch die Straßen Wiens. Sie lebt von Dosenbier, Wuzeltabak und der Wut in ihrem Bauch, sie besprayt Wände, versucht sich bei Poetry Slams, pöbelt herum. Ein bürgerliches Leben interessiert sie nicht, sie sucht Grenzerfahrungen. Als sie im Aids-Hilfe-Haus eine Strafe wegen Körperverletzung abarbeiten muss, lernt sie Paul kennen und verliebt sich ein bisschen. Paul hat Aids, ist Fotograf, hat eine im Vergleich zur „Höhle“ von Maes Mutter helle, freundliche Wohnung, Paul ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Mae entdeckt ihren weichen Kern und Paul das Lachen wieder. In einer Szene, als sie sich wegkudern, fragt ein Staatsdiener: „Haben Sie irgendwelche Drogen genommen?“ – „Nein, ich bin immer so.“ – „Ich auch.“ Die Tatsache, dass Pauls Zeit begrenzt ist, beschädigt das Happy End. Andererseits, definiere happy … oder end …

Hiebler und Ertl erzählen durchaus traurig eine federleichte Geschichte – ganz im Travnicek’schen Sinn. Sie umgehen gekonnt jede für Nicht-mehr-Jugendkultur-Mitglieder ausgelegte Peinlichkeitsfalle. Elfriede-Ott-Schülerin Anna Posch, schon in Peter Kerns „Diamantenfieber“ dabei, ist als Mae eine Entdeckung. Sie spielt impulsiv, ist unstet, kann ihre Gefühlslage augenblicklich ändern und trägt Maes Sturheit mit Stolz. Wie dieser auf Krawall gebürstete Rotschopf zärtlich mit der Erinnerungstupperwaresammlung beginnt, das ist: Adé, Abgebrühtheit – Taschentuchalarm. Markus Subramaniam ist als Paul in dieser wilden Performance ein klarer, ruhiger Gegenpol. Weise, weil vom Tod gezeichnet, nannte der hauptberufliche Theaterschauspieler (derzeit Landestheater Vorarlberg) seine Figur im Interview, und ja, das hat was. Susi Stach hat sich als Maes Mutter in der Trauer um ihren Sohn eingeigelt. Ihre Stimmung schwankt zwischen mürrisch und schlecht gelaunt. Thomas Schubert spielt Maes Freund Jakob, Stefanie Reinsperger, von „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres 2015 gekürt und derzeit am Volkstheater engagiert (www.mottingers-meinung.at/?p=14584), die Tamara.

Schön ist die Musik im Film, die einen Querschnitt der heimischen Musikszene von Bilderbuch und Clara Luzia bis zu Soap&Skin und Propella bietet. Schön auch, wie Hiebler und Ertl Bilder eines anderen Wien gefunden haben. Ihr Film wirkt authentisch unaufgeregt. So authentisch, dass sich andere aufgeregt haben, wie Hiebler/Ertl erzählen: „Wir hatten eine Szene, in der eine Gruppe Jugendlicher im siebten Bezirk ein Haus besprayt. Alles war genehmigt und bescheinigt, aber irgendein besorgter Nachbar hat wohl die Polizei alarmiert und wollte die vermeintlichen Vandalen vernadern. Da ist dann plötzlich wie aus dem Nichts eine Polizeistreife mit Sirenen und Blaulicht angerast und wollte unsere Sprayer verhaften.“ Is aber nix passiert.

www.chucks-derfilm.at

www.corneliatravnicek.com: Am 12. 10. erscheint in der DVA Cornelia Travniceks neuer Roman „Junge Hunde“.

Wien, 18. 9. 2015

Planet Ottakring

August 11, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sozialsatire aus dem Sechzehnten

Michael Steinocher, Lukas Resetarits Bild: © Luna Filmverleih

Michael Steinocher, Lukas Resetarits
Bild: © Luna Filmverleih

Am 14. August startet „Planet Ottakring“, das Kinodebüt von „Cop Stories“- und „Schnell ermittelt“-Regisseur Michi Riebl. Der sympathische Filmemacher, selbst ein Kind aus dem 16. Hieb – „meine Kindheit hat sich zwischen Ottakringer Friedhof und Brunnenmarkt abgespielt“ -, hat dafür eine illustre Schar von Schauspielern versammelt: Michael Steinocher, als Kiberer bereits Ottakring-erfahren und derzeit in Sachen „Cop Stories“ wieder sehr intensiv im Einsatz, spielt Sammy, einen sympathischen Slacker und Amateurganoven, der nach dem Tod von Disko, dem alten Paten von Ottakring, dessen letzten Willen erfüllen muss: Schutzgelder einheben, kriminelle Unternehmungen finanzieren, Probleme lösen, den Überblick behalten … Nur: Sammy ist kein begnadeter Mafioso. Berlinerin Valerie (Cornelia Gröschel), Wirtschaftsstudentin einer deutschen Elite-Universität, möchte eine Arbeit über „die Schattenwirtschaft im europäischen Subproletariat“ schreiben. Sie reist nach Ottakring, um vor Ort in einer Kreditvermittlung ihr theoretisches Wissen in praktisches zu transformieren. Dem ansässigen Kredithai, Frau Jahn, steht allerdings der Sinn nach Höherem und nach mehr. Viel mehr. Die großartige Susi Stach gibt die habgierige Geldverleiherin, die an Diskos kleines schwarzes Büchl kommen will, nicht ahnend, dass es bei Sammy ist. Der holt sich bei Querdenker-Opa Lukas Resetarits  – „alle Geldmittel sind illegal“ – die letzten Ezzes für eine gerechtere Welt und zieht mit Valerie in den Kampf gegen das Kapital.

„Ursprünglich war Ottakring ja ein Arbeiterbezirk, heute ist es ein hipper Bezirk und gleichzeitig, noch mehr als damals, ein Einwandererbezirk. Mein Ottakring im Film ist natürlich ein poetischer Blick darauf“, sagt Michi Riebl auf die Frage nach den eigenen Gesetzen, die offenbar rund um den Yppenplatz herrschen. Wichtig war ihm, die Gegensätze, die sich dort anziehen, darzustellen: „Dass einer Shit verkaufen kann und trotzdem ein klasser Kerl ist. Dass man ein Kaffeehaus besitzen kann und trotzdem kein Geld hat. Dass man einen Mercedes fährt und trotzdem nicht mal den Tank zahlen kann. Diese Kontraste – das ist nicht schwarz-weiß, das ist charmant“. Eine „sozialromantische Gaunerkomödie“ nennt Drehbuchautor Mike Majzen sein Script. Das Märchenhafte der Handlung gab Riebl die Gelegenheit, manche Figuren langer than life zu gestalten: „Gerade bei den bösen Figuren habe ich mich entschieden, sie saftiger zu präsentieren, auch das comichafte zuzulassen. Wir nehmen die Jahn (sehr schön Pulp Fiction: ihr Bondager im Terrarium!) genauso ernst wie Sammy oder Valerie, aber sie durfte ein bisschen mehr Farbe haben.“

Der Mix aus erdig und grell steht Ottakring gut. Mit viel Gspür für sein altes Grätzl hat Riebl eine Satire über Macht und Ohnmacht des Geldes inszeniert, die Kult-Potential hat. Dass die Komödie zur Krise funktioniert, ist nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Michi Steinocher ist wieder ganz Harte-Schale-weicher-Kern, seinem goscherten Schmäh ist einfach nicht zu widerstehen. Die liebevoll gezeichneten Nebencharktere füllen Sebastian Wendelin, Serkan Kaya, Sandra Cervik, Maddalena Hirschal und Erika Deutinger mit Leben.

planetottakring.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=KVIOMfGXwtA

Wien, 11. 8. 2015

Wien Museum: Ich bin ich

November 4, 2014 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mira Lobe und Susi Weigel wärmen

nicht nur Kinderherzen

Ich_bin_ich_Pressefoto_01Die Mitzi Oma und ich, wir haben sie alle gebastelt: das kleine Ich-bin-ich, den Bimbuli. Aus Vaters stoffenen Schneuztüchln, der darob eher mäßig begeistert war. Aber: Meine Omama war keine im Apfelbaum, sondern eine mit Schere, Schneiderkreide, Zwirn und Faden – und dagegen hatte Vaters „Habt’s ihr schon wieder eines von meinen …“ keine Chance. Eine Ich-bin-ich bin ich übrigens bis heute geblieben.

Das erfolgreichste Duo der österreichischen Kinderbuchliteratur steht ab 6. November im Mittelpunkt einer Ausstellung im Wien Museum, die für Kinder wie für Erwachsene konzipiert ist. Mira Lobe (1913 – 1995) zählt zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen des 20. Jahrhunderts, insgesamt veröffentlichte sie an die 100 Bücher, die in 30 Sprachen übersetzt wurden. Aus Lobes kongenialer Wort-Bild-Partnerschaft mit der Illustratorin Susi Weigel (1914 – 1990), die heuer 100 Jahre alt geworden wäre, entstanden 45 Bücher und viele Fortsetzungsgeschichten. Allein die Titel lösen bei Generationen von (Vor-)Leserinnen und Lesern vielfältige Assoziationen aus: „Das kleine Ich bin ich“, „Die Omama im Apfelbaum“, „Die Geggis“. Faszinierend ist das Material aus den Nachlässen der beiden Künstlerinnen, darunter Entwurfszeichnungen und experimentelle Collagen von Susi Weigel oder ihre originale „Ich bin ich“-Figur aus Stoff und Zwirn. Die Schau erlaubt spannende Einblicke in die Arbeitsweise von Lobe und Weigel. Vor dem Hintergrund ihrer Biografien erschließen sich auch Zusammenhänge der österreichischen Nachkriegsgeschichte.
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„Ich möchte wissen, wer ich bin“. So fragt das ratlose, namenlose Etwas, um sich am Ende der Geschichte als selbstbewusstes Wesen zu entdecken: „Sicherlich gibt es mich: ICH BIN ICH!“ Immer wieder geht es in Lobes und Weigels Büchern darum, Kindern Ängste zu nehmen und sie zur Eigenständigkeit zu ermutigen. Ohne pädagogischen Zeigefinger und stets auf der Seite der Kinder stehend, vermitteln die Geschichten darüber hinaus Werte wie Toleranz, Solidarität mit Ausgegrenzten und Veränderungswillen. Die Ausstellung „übersetzt“ das kreative Potenzial der Kinderbücher mit spielerischen Elementen und überraschenden Inszenierungen. Kinder dürfen in der Ausstellung
schaukeln und sind eingeladen, frei nach Susi Weigel Bilder zu reißen und an der Wand aus den Schnipseln Collagen zu gestalten. Auch eine „Buchstabenkiste“ steht bereit. Einige Bereiche sind nur für Kinder zugänglich: Hier können sie Geschichten von Mira Lobe hören, gelesen von Cornelius Obonya.
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Zu Mira Lobe:
Hilde Mirjam Rosenthal: Unter diesem Namen wurde Mira Lobe 1913 in Görlitz (Sachsen) geboren. Sie wuchs in einer bürgerlichen, jüdischen und sehr sozial eingestellten Familie auf. Über ihre wohlbehütete Kindheit meinte Lobe nur, sie sei „durchaus normal“ gewesen. Zur Sozialistischen Arbeiterjugend zog sie ihr Mitleid für Schwächere: „Ich neig` zu Schuldgefühlen, nicht? Und ich hatte irgendein Schuldgefühl, dass es mir so gut ging und dass ich wusste, anderen geht es weniger gut.“ Der Traum vom Studium („Architektur, Germanistik oder Kunstgeschichte“) und vom Journalistenberuf konnte sich Lobe nicht erfüllen, stattdessen besuchte sie in Berlin eine Textil- und Modeschule, ehe ihre Familie 1936 vor den Nazis nach Palästina flüchten musste. Dort heiratete sie den um 24 Jahre älteren Regisseur und Schauspieler Friedrich Lobe, mit dem sie zwei Kinder (Claudia, *1943, und Reinhardt, *1947) hatte. Das anfängliche „Glücksgefühl“ über die Rettung ins Exil wich jedoch bald der Ernüchterung: Zur Sprachbarriere kam die Skepsis gegenüber dem Staat Israel und dem religiösen Judentum. Ihr erstes Buch veröffentlichte Lobe 1947 allerdings auf Hebräisch – „I-Hajeladim“ (Die Kinder-Insel) wurde später in einer veränderten Fassung auf Deutsch unter dem Titel „Insu-Pu“ publiziert. Als Friedrich Lobe 1950 ein Engagement am Wiener Scala-Theater angeboten bekam, übersiedelte die Familie nach Österreich. Schon bald wurde Mira Lobe eine der erfolgreichsten Autorinnen der kommunistischen Kinderzeitung „Unsere Zeitung“, wo sie erstmals mit der dort beschäftigten Zeichnerin Susi Weigel zusammentraf. Als wesentlicher Förderer erwies sich Hans Goldschmidt, der nach dem Tod von Lobes erstem Mann ihr Lebensgefährte wurde. Goldschmidt war Leiter des KP-nahen „Schönbrunn“-Verlags, der die ersten Lobe/Weigel-Kinderbücher veröffentlichte (Der Tiergarten reißt aus!, 1953; Der Bäbu. Die Sieben vom Bärenbund, 1954; Bärli Hupf, 1957), die weiteren Titel erschienen meist im Jungbrunnen-Verlag oder bei Jugend  & Volk. Für „Titi im Urwald“ erhielt Lobe bereits 1958 den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, unzählige weitere Ehrungen und Preise folgten im Laufe ihrer Karriere, die Ende der 60er-Jahre ihren Höhepunkt erreichte: Nach Titeln wie „Bimbulli“ (1964) und „Die Omama im Apfelbaum“ (1965) folgte 1972 „Das kleine Ich bin ich“, ein „Jahrhundertwerk“, das sich bis heute eine Million Mal verkauft hat. Politisch war Lobe „links“, doch nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 trat sie aus der KPÖ aus. Für die sozialdemokratischen Reformen ab den 70er Jahren hegte sie Sympathien. Lobe publizierte bis ins hohe Alter und blieb sich dabei thematisch treu: So entstanden immer wieder Geschichten mit vermeintlichen Außenseitern und deren Integration in die Gemeinschaft.

Zur Ausstellung:
Die Ausstellung teilt sich räumlich und thematisch in vier Bereiche, die ausgewählte Aspekte von Lobe und Weigel in den Fokus stellen. Der Ausstellungsteil „Sehnsuchtsort“ thematisiert die „Utopien des Alltags“, die in Büchern wie „Bärli Hupf“ (1957), „Eli Elefant“ (1967), „Komm, sagte die Katze“ (1975) oder „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“ (1981) eine Rolle spielen. Es geht um die Suche nach Veränderungsmöglichkeiten von Lebensumständen,  oft im Zuge von abenteuerlichen und manchmal bloß fiktiven Reisen. Um Gerechtigkeit, Gemeinsamkeit und Solidarität mit anderen geht es im Themenbereich „Gemeindebau“. Das nicht immer einfache Zusammenleben mit Nachbarn und soziale Unterschiede bestimmen viele Lobe-Bücher, in denen gegenseitige Hilfe und Aufmerksamkeit gegenüber den anderen angesprochen wird. Der dritte Ausstellungsteil nennt sich „Freiraum“ und widmet sich dem Verhältnis von Lobe zu Susi Weigel. Der akribische, fordernde, aber von gegenseitigem Respekt geprägte Arbeitsprozess wird anhand von Entwürfen und Korrespondenz sichtbar, die Arbeitsteilung war gleichberechtigt – so wie übrigens auch das Honorar. Im „Umspannwerk“ (nach einem Begriff von Mira Lobe) geht es um die Übersetzung von brisanten Themen in Text und Bild, ohne zu pädagogisieren oder banal zu werden. Die Kunst Lobes (und ihrer MitstreiterInnen) bestand auch darin, für die unterschiedlichsten politischen Lager – von den Kommunisten bis zur katholischen Kirche – zugänglich zu sein, und das trotz der immer wiederkehrenden Verbotsüberschreitungen ihrer ProtagonistInnen.

Und dann gibt es noch einen fünften Bereich nur für Erwachsene. Der ist im Kopf. Und heißt: Augen zu, zurücklehnen und einmal noch von der Kindheit träumen.

www.wienmuseum.at

Wien, 4. 11. 2014