Murer – Anatomie eines Prozesses

März 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Freispruch für den Schlächter von Vilnius

Karl Fischer (Mitte) als Franz Murer. Bild: © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

„Schreiten in die neuen Zeiten, Hand in Hand mit alten Nazis“, sagt der Journalist zum Politiker. Ein Satz, der klarstellt, was Regisseur Christian Frosch am Thema interessierte, nämlich „weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die Täter und die Opfer in der Republik Österreich darstellten und darstellen. Das Spannende ist, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert“,

so der Filmemacher. „Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären …“ Ein brisanter Gerichtsthriller eröffnet heute Abend die diesjährige Diagonale, landesweiter Kinostart ist am Freitag. Graz 1963. Der angesehene steirische Lokalpolitiker und Großbauer Franz Murer steht wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht. Die Beweislage ist erdrückend. Doch in den Zentren der Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen. Der braune Bodensatz klebt fest in der Politik, in den Ministerien, latenter und offener Antisemitismus regiert. Murer wird schließlich auf Intervention, aufgrund einer „Weisung aus Wien“, so stellt es der Film dar, freigesprochen werden.

Anhand der originalen Gerichtsprotokolle eines der wohl größten Justizskandale der Zweiten Republik zeichnet Frosch den Fall Murer nach, eines Mannes, der von 1941 bis 1943 als „Schlächter von Vilnius“ einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in der heutigen litauischen Hauptstadt war. Simon Wiesenthal stolperte bei seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig über den mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebenden, als Sadist verschrieenen Verbrecher. Unzählige Überlebende der Shoah reisten an, um auszusagen und späte Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens.

„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Schauspieler Karl Fischer als Franz Murer. Dazu fährt die Kamera von Frank Amann über die Gesichter der Geschworenen und des Publikums. Da lacht der eine oder andere, nickt zustimmend, skeptisch, ungläubig, erschrocken wird auf die Zeugenaussagen reagiert. Kaum einer im Saal will mehr wahrhaben, was nicht gewesen sein darf. Was Wunder, hat man doch selbst „dem Herrn Mandelbaum günstig das Geschäft abgekauft“. Dazu eine Geräuschkulisse, die einen erschaudern lässt. Ein Orchester beim Einstimmen, Kakophonie und dazu – Schreie, Schüsse? Frosch ist ein atmosphärisch dichter, ein intensiver Film gelungen, seine protokollarische Vorgehensweise ändert nichts daran, wie hochemotional die Sache wird.

Karl Markovics als Simon Wiesenthal. Bild: © Katharina F. Roßboth / Prisma Film

Inge Maux tritt als Zeugin auf. Bild: © Patricia Peribanez / Prisma Film

Erschreckend, wie schlecht mit den Zeugen umgegangen wurde, wie Murers Verteidiger sie unglaubwürdig macht, nur weil sie sich an die kleinste Kleinigkeit nach so langer Zeit nicht mehr erinnern können. Erschreckend auch die Scham und Verzweiflung der Überlebenden. Im Zeugenstand können sie ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden abgekanzelt, weil sie nicht die genaue Farbe von Murers Uniform wissen.

Mit Hintergrundsequenzen und parallelen Handlungssträngen im Umfeld des Prozesses, etwa, wenn die Zeugen mit den Mitläufern gemeinsam mit Gasthaus sitzen müssen, kombiniert Frosch die Szenen im Gerichtssaal zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild. Zum miefigen Sozialpanorama eines 190er-Jahre-Österreich. Samt (damals also auch) „Lügenpresse“-Paranoia. „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, zieht Frosch ein düsteres Resümee aus seiner Arbeit am Film.

„Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ Neben Karl Fischer, der Murer beinah regungslos, mit angespannter Zurückhaltung verkörpert, mehr Floskel und Fassade als tatsächlicher Mensch, brilliert eine Riege österreichischer Schauspieler: Klaus Rott, Susi Stach, Inge Maux, Robert Reinagl, Franz Buchrieser, Erni Mangold, Christoph F. Krutzler … Karl Markovics spielt den als Aggressor verunglimpften Simon Wiesenthal. Am Schluss noch einmal ein Zitat, diesmal der Politiker zum Journalisten über dessen Berichterstattung zum Prozess: „Das Bravo der linksgerichteten Intellektuellen bringt uns im Gemeindebau keinen Meter weiter.“ Wie furchtbar zeitnah dieser Film doch ist.

www.murer-film.com

  1. 3. 2018

Chucks – Cornelia Travniceks Romandebüt als Film

September 18, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

So authentisch, dass die Polizei vorbeikam

Bild: © Stadtkino Filmverleih / Petro Domenigg

Bild: © Stadtkino Filmverleih / Petro Domenigg

„Schwebend erzählt, manchmal rotzig, manchmal poetisch, aber nie wehleidig“. So lobte die Literaturkritik 2012 Cornelia Travniceks Debütroman „Chucks“. Damit bot die heute 28-jährige Autorin den Filmemachern Sabine Hiebler und Gerhard Ertl nicht unbedingt eine Steilvorlage, als die sich daran machten, diese Vorlage fürs Kino zu adaptieren.

Die Übung ist gelungen. Erste Zuschauer sind begeistert. Beim Festival des Films du Monde de Montréal 2015 wurde „Chucks“ mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Am 25. September kommt er österreichweit in die Kinos. Die Literaturverfilmung erzählt bewegend und voll Humor die Coming-of-Age Story der jungen Mae. Mae zieht als Punk in den Converse-Schuhen ihres verstorbenen Bruders durch die Straßen Wiens. Sie lebt von Dosenbier, Wuzeltabak und der Wut in ihrem Bauch, sie besprayt Wände, versucht sich bei Poetry Slams, pöbelt herum. Ein bürgerliches Leben interessiert sie nicht, sie sucht Grenzerfahrungen. Als sie im Aids-Hilfe-Haus eine Strafe wegen Körperverletzung abarbeiten muss, lernt sie Paul kennen und verliebt sich ein bisschen. Paul hat Aids, ist Fotograf, hat eine im Vergleich zur „Höhle“ von Maes Mutter helle, freundliche Wohnung, Paul ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Mae entdeckt ihren weichen Kern und Paul das Lachen wieder. In einer Szene, als sie sich wegkudern, fragt ein Staatsdiener: „Haben Sie irgendwelche Drogen genommen?“ – „Nein, ich bin immer so.“ – „Ich auch.“ Die Tatsache, dass Pauls Zeit begrenzt ist, beschädigt das Happy End. Andererseits, definiere happy … oder end …

Hiebler und Ertl erzählen durchaus traurig eine federleichte Geschichte – ganz im Travnicek’schen Sinn. Sie umgehen gekonnt jede für Nicht-mehr-Jugendkultur-Mitglieder ausgelegte Peinlichkeitsfalle. Elfriede-Ott-Schülerin Anna Posch, schon in Peter Kerns „Diamantenfieber“ dabei, ist als Mae eine Entdeckung. Sie spielt impulsiv, ist unstet, kann ihre Gefühlslage augenblicklich ändern und trägt Maes Sturheit mit Stolz. Wie dieser auf Krawall gebürstete Rotschopf zärtlich mit der Erinnerungstupperwaresammlung beginnt, das ist: Adé, Abgebrühtheit – Taschentuchalarm. Markus Subramaniam ist als Paul in dieser wilden Performance ein klarer, ruhiger Gegenpol. Weise, weil vom Tod gezeichnet, nannte der hauptberufliche Theaterschauspieler (derzeit Landestheater Vorarlberg) seine Figur im Interview, und ja, das hat was. Susi Stach hat sich als Maes Mutter in der Trauer um ihren Sohn eingeigelt. Ihre Stimmung schwankt zwischen mürrisch und schlecht gelaunt. Thomas Schubert spielt Maes Freund Jakob, Stefanie Reinsperger, von „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres 2015 gekürt und derzeit am Volkstheater engagiert (www.mottingers-meinung.at/?p=14584), die Tamara.

Schön ist die Musik im Film, die einen Querschnitt der heimischen Musikszene von Bilderbuch und Clara Luzia bis zu Soap&Skin und Propella bietet. Schön auch, wie Hiebler und Ertl Bilder eines anderen Wien gefunden haben. Ihr Film wirkt authentisch unaufgeregt. So authentisch, dass sich andere aufgeregt haben, wie Hiebler/Ertl erzählen: „Wir hatten eine Szene, in der eine Gruppe Jugendlicher im siebten Bezirk ein Haus besprayt. Alles war genehmigt und bescheinigt, aber irgendein besorgter Nachbar hat wohl die Polizei alarmiert und wollte die vermeintlichen Vandalen vernadern. Da ist dann plötzlich wie aus dem Nichts eine Polizeistreife mit Sirenen und Blaulicht angerast und wollte unsere Sprayer verhaften.“ Is aber nix passiert.

www.chucks-derfilm.at

www.corneliatravnicek.com: Am 12. 10. erscheint in der DVA Cornelia Travniceks neuer Roman „Junge Hunde“.

Wien, 18. 9. 2015

Planet Ottakring

August 11, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sozialsatire aus dem Sechzehnten

Michael Steinocher, Lukas Resetarits Bild: © Luna Filmverleih

Michael Steinocher, Lukas Resetarits
Bild: © Luna Filmverleih

Am 14. August startet „Planet Ottakring“, das Kinodebüt von „Cop Stories“- und „Schnell ermittelt“-Regisseur Michi Riebl. Der sympathische Filmemacher, selbst ein Kind aus dem 16. Hieb – „meine Kindheit hat sich zwischen Ottakringer Friedhof und Brunnenmarkt abgespielt“ -, hat dafür eine illustre Schar von Schauspielern versammelt: Michael Steinocher, als Kiberer bereits Ottakring-erfahren und derzeit in Sachen „Cop Stories“ wieder sehr intensiv im Einsatz, spielt Sammy, einen sympathischen Slacker und Amateurganoven, der nach dem Tod von Disko, dem alten Paten von Ottakring, dessen letzten Willen erfüllen muss: Schutzgelder einheben, kriminelle Unternehmungen finanzieren, Probleme lösen, den Überblick behalten … Nur: Sammy ist kein begnadeter Mafioso. Berlinerin Valerie (Cornelia Gröschel), Wirtschaftsstudentin einer deutschen Elite-Universität, möchte eine Arbeit über „die Schattenwirtschaft im europäischen Subproletariat“ schreiben. Sie reist nach Ottakring, um vor Ort in einer Kreditvermittlung ihr theoretisches Wissen in praktisches zu transformieren. Dem ansässigen Kredithai, Frau Jahn, steht allerdings der Sinn nach Höherem und nach mehr. Viel mehr. Die großartige Susi Stach gibt die habgierige Geldverleiherin, die an Diskos kleines schwarzes Büchl kommen will, nicht ahnend, dass es bei Sammy ist. Der holt sich bei Querdenker-Opa Lukas Resetarits  – „alle Geldmittel sind illegal“ – die letzten Ezzes für eine gerechtere Welt und zieht mit Valerie in den Kampf gegen das Kapital.

„Ursprünglich war Ottakring ja ein Arbeiterbezirk, heute ist es ein hipper Bezirk und gleichzeitig, noch mehr als damals, ein Einwandererbezirk. Mein Ottakring im Film ist natürlich ein poetischer Blick darauf“, sagt Michi Riebl auf die Frage nach den eigenen Gesetzen, die offenbar rund um den Yppenplatz herrschen. Wichtig war ihm, die Gegensätze, die sich dort anziehen, darzustellen: „Dass einer Shit verkaufen kann und trotzdem ein klasser Kerl ist. Dass man ein Kaffeehaus besitzen kann und trotzdem kein Geld hat. Dass man einen Mercedes fährt und trotzdem nicht mal den Tank zahlen kann. Diese Kontraste – das ist nicht schwarz-weiß, das ist charmant“. Eine „sozialromantische Gaunerkomödie“ nennt Drehbuchautor Mike Majzen sein Script. Das Märchenhafte der Handlung gab Riebl die Gelegenheit, manche Figuren langer than life zu gestalten: „Gerade bei den bösen Figuren habe ich mich entschieden, sie saftiger zu präsentieren, auch das comichafte zuzulassen. Wir nehmen die Jahn (sehr schön Pulp Fiction: ihr Bondager im Terrarium!) genauso ernst wie Sammy oder Valerie, aber sie durfte ein bisschen mehr Farbe haben.“

Der Mix aus erdig und grell steht Ottakring gut. Mit viel Gspür für sein altes Grätzl hat Riebl eine Satire über Macht und Ohnmacht des Geldes inszeniert, die Kult-Potential hat. Dass die Komödie zur Krise funktioniert, ist nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Michi Steinocher ist wieder ganz Harte-Schale-weicher-Kern, seinem goscherten Schmäh ist einfach nicht zu widerstehen. Die liebevoll gezeichneten Nebencharktere füllen Sebastian Wendelin, Serkan Kaya, Sandra Cervik, Maddalena Hirschal und Erika Deutinger mit Leben.

planetottakring.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=KVIOMfGXwtA

Wien, 11. 8. 2015

Wien Museum: Ich bin ich

November 4, 2014 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mira Lobe und Susi Weigel wärmen

nicht nur Kinderherzen

Ich_bin_ich_Pressefoto_01Die Mitzi Oma und ich, wir haben sie alle gebastelt: das kleine Ich-bin-ich, den Bimbuli. Aus Vaters stoffenen Schneuztüchln, der darob eher mäßig begeistert war. Aber: Meine Omama war keine im Apfelbaum, sondern eine mit Schere, Schneiderkreide, Zwirn und Faden – und dagegen hatte Vaters „Habt’s ihr schon wieder eines von meinen …“ keine Chance. Eine Ich-bin-ich bin ich übrigens bis heute geblieben.

Das erfolgreichste Duo der österreichischen Kinderbuchliteratur steht ab 6. November im Mittelpunkt einer Ausstellung im Wien Museum, die für Kinder wie für Erwachsene konzipiert ist. Mira Lobe (1913 – 1995) zählt zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen des 20. Jahrhunderts, insgesamt veröffentlichte sie an die 100 Bücher, die in 30 Sprachen übersetzt wurden. Aus Lobes kongenialer Wort-Bild-Partnerschaft mit der Illustratorin Susi Weigel (1914 – 1990), die heuer 100 Jahre alt geworden wäre, entstanden 45 Bücher und viele Fortsetzungsgeschichten. Allein die Titel lösen bei Generationen von (Vor-)Leserinnen und Lesern vielfältige Assoziationen aus: „Das kleine Ich bin ich“, „Die Omama im Apfelbaum“, „Die Geggis“. Faszinierend ist das Material aus den Nachlässen der beiden Künstlerinnen, darunter Entwurfszeichnungen und experimentelle Collagen von Susi Weigel oder ihre originale „Ich bin ich“-Figur aus Stoff und Zwirn. Die Schau erlaubt spannende Einblicke in die Arbeitsweise von Lobe und Weigel. Vor dem Hintergrund ihrer Biografien erschließen sich auch Zusammenhänge der österreichischen Nachkriegsgeschichte.
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„Ich möchte wissen, wer ich bin“. So fragt das ratlose, namenlose Etwas, um sich am Ende der Geschichte als selbstbewusstes Wesen zu entdecken: „Sicherlich gibt es mich: ICH BIN ICH!“ Immer wieder geht es in Lobes und Weigels Büchern darum, Kindern Ängste zu nehmen und sie zur Eigenständigkeit zu ermutigen. Ohne pädagogischen Zeigefinger und stets auf der Seite der Kinder stehend, vermitteln die Geschichten darüber hinaus Werte wie Toleranz, Solidarität mit Ausgegrenzten und Veränderungswillen. Die Ausstellung „übersetzt“ das kreative Potenzial der Kinderbücher mit spielerischen Elementen und überraschenden Inszenierungen. Kinder dürfen in der Ausstellung
schaukeln und sind eingeladen, frei nach Susi Weigel Bilder zu reißen und an der Wand aus den Schnipseln Collagen zu gestalten. Auch eine „Buchstabenkiste“ steht bereit. Einige Bereiche sind nur für Kinder zugänglich: Hier können sie Geschichten von Mira Lobe hören, gelesen von Cornelius Obonya.
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Zu Mira Lobe:
Hilde Mirjam Rosenthal: Unter diesem Namen wurde Mira Lobe 1913 in Görlitz (Sachsen) geboren. Sie wuchs in einer bürgerlichen, jüdischen und sehr sozial eingestellten Familie auf. Über ihre wohlbehütete Kindheit meinte Lobe nur, sie sei „durchaus normal“ gewesen. Zur Sozialistischen Arbeiterjugend zog sie ihr Mitleid für Schwächere: „Ich neig` zu Schuldgefühlen, nicht? Und ich hatte irgendein Schuldgefühl, dass es mir so gut ging und dass ich wusste, anderen geht es weniger gut.“ Der Traum vom Studium („Architektur, Germanistik oder Kunstgeschichte“) und vom Journalistenberuf konnte sich Lobe nicht erfüllen, stattdessen besuchte sie in Berlin eine Textil- und Modeschule, ehe ihre Familie 1936 vor den Nazis nach Palästina flüchten musste. Dort heiratete sie den um 24 Jahre älteren Regisseur und Schauspieler Friedrich Lobe, mit dem sie zwei Kinder (Claudia, *1943, und Reinhardt, *1947) hatte. Das anfängliche „Glücksgefühl“ über die Rettung ins Exil wich jedoch bald der Ernüchterung: Zur Sprachbarriere kam die Skepsis gegenüber dem Staat Israel und dem religiösen Judentum. Ihr erstes Buch veröffentlichte Lobe 1947 allerdings auf Hebräisch – „I-Hajeladim“ (Die Kinder-Insel) wurde später in einer veränderten Fassung auf Deutsch unter dem Titel „Insu-Pu“ publiziert. Als Friedrich Lobe 1950 ein Engagement am Wiener Scala-Theater angeboten bekam, übersiedelte die Familie nach Österreich. Schon bald wurde Mira Lobe eine der erfolgreichsten Autorinnen der kommunistischen Kinderzeitung „Unsere Zeitung“, wo sie erstmals mit der dort beschäftigten Zeichnerin Susi Weigel zusammentraf. Als wesentlicher Förderer erwies sich Hans Goldschmidt, der nach dem Tod von Lobes erstem Mann ihr Lebensgefährte wurde. Goldschmidt war Leiter des KP-nahen „Schönbrunn“-Verlags, der die ersten Lobe/Weigel-Kinderbücher veröffentlichte (Der Tiergarten reißt aus!, 1953; Der Bäbu. Die Sieben vom Bärenbund, 1954; Bärli Hupf, 1957), die weiteren Titel erschienen meist im Jungbrunnen-Verlag oder bei Jugend  & Volk. Für „Titi im Urwald“ erhielt Lobe bereits 1958 den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, unzählige weitere Ehrungen und Preise folgten im Laufe ihrer Karriere, die Ende der 60er-Jahre ihren Höhepunkt erreichte: Nach Titeln wie „Bimbulli“ (1964) und „Die Omama im Apfelbaum“ (1965) folgte 1972 „Das kleine Ich bin ich“, ein „Jahrhundertwerk“, das sich bis heute eine Million Mal verkauft hat. Politisch war Lobe „links“, doch nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 trat sie aus der KPÖ aus. Für die sozialdemokratischen Reformen ab den 70er Jahren hegte sie Sympathien. Lobe publizierte bis ins hohe Alter und blieb sich dabei thematisch treu: So entstanden immer wieder Geschichten mit vermeintlichen Außenseitern und deren Integration in die Gemeinschaft.

Zur Ausstellung:
Die Ausstellung teilt sich räumlich und thematisch in vier Bereiche, die ausgewählte Aspekte von Lobe und Weigel in den Fokus stellen. Der Ausstellungsteil „Sehnsuchtsort“ thematisiert die „Utopien des Alltags“, die in Büchern wie „Bärli Hupf“ (1957), „Eli Elefant“ (1967), „Komm, sagte die Katze“ (1975) oder „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“ (1981) eine Rolle spielen. Es geht um die Suche nach Veränderungsmöglichkeiten von Lebensumständen,  oft im Zuge von abenteuerlichen und manchmal bloß fiktiven Reisen. Um Gerechtigkeit, Gemeinsamkeit und Solidarität mit anderen geht es im Themenbereich „Gemeindebau“. Das nicht immer einfache Zusammenleben mit Nachbarn und soziale Unterschiede bestimmen viele Lobe-Bücher, in denen gegenseitige Hilfe und Aufmerksamkeit gegenüber den anderen angesprochen wird. Der dritte Ausstellungsteil nennt sich „Freiraum“ und widmet sich dem Verhältnis von Lobe zu Susi Weigel. Der akribische, fordernde, aber von gegenseitigem Respekt geprägte Arbeitsprozess wird anhand von Entwürfen und Korrespondenz sichtbar, die Arbeitsteilung war gleichberechtigt – so wie übrigens auch das Honorar. Im „Umspannwerk“ (nach einem Begriff von Mira Lobe) geht es um die Übersetzung von brisanten Themen in Text und Bild, ohne zu pädagogisieren oder banal zu werden. Die Kunst Lobes (und ihrer MitstreiterInnen) bestand auch darin, für die unterschiedlichsten politischen Lager – von den Kommunisten bis zur katholischen Kirche – zugänglich zu sein, und das trotz der immer wiederkehrenden Verbotsüberschreitungen ihrer ProtagonistInnen.

Und dann gibt es noch einen fünften Bereich nur für Erwachsene. Der ist im Kopf. Und heißt: Augen zu, zurücklehnen und einmal noch von der Kindheit träumen.

www.wienmuseum.at

Wien, 4. 11. 2014

Wiener Festwochen: Please, Continue (Hamlet)

Juni 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schuldig oder nicht schuldig? Das ist hier die Frage.

"Hamlet" Thiemo Strutzenberger (re.) Foto: Nurith Wagner Strauss

Verteidiger Rudolf Mayer, „Hamlet“ Thiemo Strutzenberger  Foto: Nurith Wagner Strauss

Ich bitte um Ruhe!“, spricht der strenge Gerichtsdiener ins Mikrofon, und schon wird es still. „Please, Continue (Hamlet)“. Die österreichische Erstaufführung Yan Duyvendaks und Roger Bernats Weiterschreibung der Shakespeareschen Tragödie nimmt ihren Lauf. Das Publikumsbeteiligungsstück setzt da ein, wo Shakespeares dritter Akt endet. Hamlet hat Polonius, den Vater seiner Geliebten Ophelia, getötet. Ob er dabei fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt hat, darüber wird nun Gericht gehalten.  www.festwochen.at/fileadmin/user_upload/Ermittlungsakte.pdf  Und jeder Zuschauer ist am Ende des dreistündigen Abends  Geschworener. In den beiden Pausen wird heftig diskutiert. Welch ein Spaß, sich einmal beim britischen Barden einmischen zu dürfen! Können wir das auch bei Macbeth und Richard III. machen. Wohl kaum jemand, als die, die wissenschaftlich daran arbeiten – „Hamlet“ ist das Theaterstück, zu dem es die meiste Sekundärliteratur gibt -, hat sich je mehr mit dem Dänenprinzen und seinen Problemen befasst, als an diesem Abend.

Thiemo Strutzenberger als ein großartiger Hamlet wird von der Richterin zum vermeintlichen Tathergang befragt. Danach werden Ophelia (Julia Jelinek) und Gertrud (Susi Stach) in den Zeugenstand berufen. Der Richter, die beiden Rechtsanwälte, der Staatsanwalt, der Psychiater und der Gerichtsdiener  sind  Vertreter der Österreichischen Justiz und Rechtsanwaltschaft und hier Laiendarsteller. Sie üben ihren Beruf einfach einmal auf der Bühne aus. In fünf Ländern war die Produktion schon zu sehen. Die Verbindung von Theater und national jeweils unterschiedlichem Strafrecht soll laut Programmheft exemplarisch zeigen, dass Gerechtigkeit „keine präzise Wissenschaft“ sei. Duyvendak und Bernat konfrontieren einen mit den, involvieren einen in die Spielregeln der Gerichtsbarkeit, sie zeigen, wie unvorhersehbar und zufällig Rechtsprechung sein kann, wie subjektiv Urteile gefällt werden. Schuld- oder Freispruch.

So kann man beispielsweise den keineswegs medien- und öffentlichkeitsscheuen Verteidiger Rudolf Mayer zu erleben (er war Verteidiger der „schwarzen Witwe“ Elfriede Blauensteiner und von Josef Fritzl), wie er jovial für den sehr zurückhaltenden Strutzenberger argumentiert. Susi Stach gab’s heftig kräftig im Zeugenstand: Sie waren halt alle b’soffen in ihrer „sozialen Randschichtfamilie“, wie es später im psychiatrischen Gutachten heißen wird. Unübersichtlich wird es, als ein jüngst in Marseille passierter Mord Hamlet in die Schuhe geschoben werden soll. Doch das Konzept der beiden Theatermacher ist gut. Mehr davon!

Das Urteil der Verhandlung vom 7. 6. 2014 lautet wie folgt:

Hamlet ist schuldig am 7. 7. 2013 in Wien fahrlässig den Tod des Polonius dadurch herbeigeführt zu haben, dass er mit einem Messer einen Vorhang durchstach und den dahinter befindlichen Polonius im Bereich der linken Brustkorbhälfte, zwischen der 4. und 5. Rippe hindurch, direkt ins Herz traf und dabei die vordere Wand der linken Herzkammer verletzte, wodurch ein Herzstillstand eintrat. Er hat hierdurch das Vergehen der fahrlässigen Tötung nach § 80 StGB begangen und wird hierfür zu einer Freiheitsstrafe von 10 Monaten, so wie gemäß § 389 (1) StPO zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens verurteilt.

Das Urteil der Verhandlung vom 8. 6. 2014 lautet wie folgt:

Hamlet wird von dem wider ihn erhobenen Anklagevorwurf, er habe den Tod des Polonius dadurch herbeigeführt, dass er mit einem Messer einen Vorhang durchstach und den dahinter befindlichen Polonius im Bereich der linken Brustkorbhälfte, zwischen der 4. und 5. Rippe hindurch, direkt ins Herz traf und dabei die vordere Wand der linken Herzkammer verletzte, wodurch ein Herzstillstand eintrat, gemäß § 336 StPO freigesprochen.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-geschichten-aus-dem-wiener-wald/

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