Theater in der Josefstadt: Madame Bovary

April 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zwangsjacke der Borderlinerin

Die Bovarys mal fünf sind von Rodolphe Boulanger hingerissen: Bea Brocks, Silvia Meisterle, Therese Lohner, Ulli Fessl, Maria Köstlinger und Christian Nickel. Bild: Astrid Knie

Dass Charles‘ Landarztkittel sich knapp vor der Pause in eine Zwangsjacke für Ehefrau Emma verwandelt, macht Sinn, fühlt sich die doch in ihrer Situation ausweglos gefangen und ergo unglücklich. Regisseurin Anna Bergmann (über-)dreht Gustave Flauberts Fantasien zu seiner Protagonistin. Bei ihr wird die überspannte Provinzgattin zur Borderlinerin – Bergmanns liebste Interpretation, inszeniert sie Weltliteratur-Frauenfiguren -, und die gibt es nicht nur ein Mal, sondern gleich mal fünf:

„Madame Bovary“ am Theater in der Josefstadt. Da gelingt Bergmann vor allem im ersten Teil Großes. So ideendurchtränkt ist ihre durchchoreografierte Arbeit, dass man’s teils mit fünf Sinnen gar nicht fassen kann. Was gut ist, lässt man den sechsten zu. Maria Köstlinger allen voran gestaltet die Bovary, umringt von Bea Brocks, Ulli Fessl, Therese Lohner und Silvia Meisterle. Das ist eine Frau in fünf Lebensaltern, das sind Stimmen im Kopf, eine Frau und ihre Erinnerungen und Vorausahnungen. Emma in ihrem Totenhaus immer selbst ihre Spinne Langweile, von Schatten umringt, von Anfang an ein Gespenst.

Denn erzählt wird gleichsam posthum. Bergmann setzt auf Prosa, und einen großartigen Christian Nickel als Rodolphe Boulanger als Berichterstatter ein. Er schildert das Drama bis zum Untergang, diese kurze Existenz, die er gekannt hat, der Selbstmord am Ende scheußlich und die Liebe nimmerwährend. Eindrückliche Bilder gelingen da. Ein Albtraumreigen, der sich immer schneller dreht. Emma aus Luken und über Wände kletternd, der Geliebte mit Fetischfuchsmaske, Horrorgestalten in Lack und Leder. So subtil, wie Flaubert es verdient hat, weißt Bergmann darauf hin, dass es im Roman höchst realitätsnah um sexuelle Obsession und erotomanische Fixierungen geht.

Ein unnahbares Elegiebürschchen: Meo Wulf und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Doppelbild von Heiliger und Hure: Bea Brocks und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Aggressive Bösartigkeit liegt in der Luft. Nickels Rodolphe decouvriert sich als ennuyierter Zyniker, Köstlinger, alles gebend, ist von kalter Leidenschaft, ihrer Emma Zauber, wie es geschrieben steht, ein eisiger. Selbst Meo Wulf als Léon Dupuis bleibt als Elegiebürschchen unnahbar, wenn er auf seinem Elektro-Pedalo um die Bovary kurvt. Auch das eine gelungene Übersetzung für den ersten Ritt, den die beiden original bei einer wilden Kutschfahrt haben. Noch mehr Gegenwärtiges darf sein, im zweiten Teil in zeitgenössischen Kostümen und ebensolcher Sprache. Auch das tut Bergmann gern, Figuren durch die Epochen zu deklinieren, als Zeichen fürs Nichts-ändert-Sich. Emmas Schulden werden in Euro aufaddiert.

Da haben die Darsteller die Lacher auf ihrer Seite, wenn Roman Schmelzer – ein wunderbar langweilig-gutmütiger Charles Bovary – und die Köstlinger nach der Pause in der Theaterloge sitzen, während Bea Brocks als Madonnen-Königin-der-Nacht-Mix vom Himmel schwebt, und Schmelzer seinen Charles sagen lässt, er sei bemüht, die Bühnenvorgänge verstehen zu wollen. Bergmanns Deutung der Titelrolle zwischen Heiliger und Hure, eingesperrt nicht im Mittelstandshäuschen, sondern im herrschaftlichen, krank-grünen Sanatorium (Bühnenbild: Katharina Faltner), angetan mal mit großem Gothic-Kostüm von Lane Schäfer, mal nur in der Wäsche umherkriechend. Mal am Klavier Portisheads „It’s A Fire“ singend, mal Rodolphe im Slingbett beglückend. Das Publikum dankte jedenfalls für den Assoziationsfreiraum, den ihm die Aufführung ließ, mit viel freundlichem Applaus.

Berthe als spooky Puppe ist auch keine Sympathieträgerin: Roman Schmelzer, Suse Wächter und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Ins Wahnsinnsspiel passt auch Suse Wächter, die Berthe Bovary als Puppe führt, zu spooky für eine Sympathieträgerin, ein Hassliebeobjekt für die Mutter und Erdulderin von deren Launen, darin ganz der Vater. Siegfried Walther gibt Monsieur Homais als Laboratoriumsratte und den Lheureux als diabolischen Verführer mit Lagerfeldzopf, der Emmas Kaufrausch mit immer neuen Luxuslabeltragtaschen befeuert.

Beginnt der Abend mit Pantomime, so endet er mit leerem Raum, in dem die Worte aus dem Off hallen. Emma allein auf der Bühne, der Rest ihre Kopfgeburten. Ulli Fessl ist noch da, die nie mehr gelebt haben werdende Emma, und deklamiert in Trauerrobe den Ophelia-Monolog aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“, wird zur Frau, „die der Fluss nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. Die Frau mit der Überdosis. Die Frau mit dem Kopf im Gasherd …“ Dass Bergmann damit der Bovary pathologisches Betragen in den Schmerz der Welttragödie steigert, schafft deren Hysterie eine Bedeutsamkeit, die angesichts des 20. Jahrhunderts überzogen scheint. Dies als Fußnote nach einem Dreistundenabend, der ansonsten überzeugte.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=ftf7DJJ04cU

www.josefstadt.org

  1. 4. 2018

KosmosTheater: Muttersprache Mameloschn

Dezember 6, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine jiddische Familiengeschichte

Suse Lichtenberger, Michèle Rohrbach, Martina Rösler und Jelena Popržan. Bild: Bettina Frenzel

Mameloschn, so nennt sich das Jiddische selbst, „Muttersprache“, und „Muttersprache Mameloschn“ heißt der Theatertext von Sasha Marianna Salzmann, der Dienstagabend im KosmosTheater Premiere hatte. Die Hausautorin am Berliner Maxim Gorki Theater erzählt in dieser Koproduktion des KosmosTheater mit dem Künstlerinnenkollektiv makemake produktionen eine Familiengeschichte am Schicksal dreier jüdischer Frauen.

Und erzählt davon, wie unmöglich es oft ist, trotz „Muttersprache“ mit der eigenen zu kommunizieren. Das mit virtuosem Sprachwitz aufgeladene Stück zieht einen hinein in drei Biografien. Da ist zunächst die Großmutter, die Holocaustüberlebende Lin, die nach dem Krieg voll der Hoffnung in das antifaschistische Deutschland mit ihrer Tochter in die DDR ging. Diese, Clara, sieht die Verklärungen der Mutter abgeklärt, sieht auch die Schattenseiten eines Regimes, in das man sich freiwillig begeben hat und als dessen Gefangene sie sich bis zum Mauerfall fühlte. Doch während hier ein Mutter-Tochter-Gespann versucht, sich von der Vergangenheit nicht bewältigen zu lassen, gibt es noch ein zweites: mit der Enkelin Rahel, die in die USA aufbrechen wird, um endlich ihre eigene Identität zu suchen und zu finden.

Regisseurin Sara Ostertag hat aus dem Schauspiel gleichsam ein Bewegungs- und Tanztheater gemacht, Jelena Popržan dazu wunderbare Lieder komponiert, jiddisch anmutende und welche wie kommunistische Arbeiterlieder, Widerstandslieder auch. Wenn das Ensemble singt „Wie lange sollen wir noch wandern, wie lange wird unsere Freiheit noch stören?“, dann klingt das fast schon nach Wolf Biermann. Die Inszenierung verwebt die im Stück festgeschriebenen Verweise und Zitate zu Musik mit Sprechchorpassagen und mehrstimmigem Gesang.

Die Wäsche der Vergangenheit waschen, kann eine blutige Sache sein. Bild: Bettina Frenzel

Das Ensemble spielt, singt und tanzt nicht nur, es gibt auch beinah artistische Momente. Bild: Bettina Frenzel

Mit drei Spielerinnen, Suse Lichtenberger, Martina Rösler und Michèle Rohrbach, teilt sich die Live-Musikerin an Bratsche, Geige und Schlagwerk außerdem die drei Rollen. Die Darstellerinnen schlüpfen von einer in die nächste, eine Spitzenbluse oder eine Bomberjacke machen klar, wer gerade wer ist. Dazu in Leuchtlettern vor einem „valfish“ mit Barten-Vorhang das Wort „Mutter“, die Buchstaben abgewandelt zu einem „Mut“, einem „Mute“ – sprachlos oder „Me“. Agiert wird mit hoher physischer Präsenz, nicht nur gespielt, gesungen, getanzt, sondern mitunter beinah artistisch. Familiäre Konflikte werden auch handgreiflich ausgetragen. Denn alle haben hier recht und gleichzeitig so unrecht, verstehen und verstehen nicht, begreifen und gehen verloren.

In einer eindrücklichen Szene wird blutige Wäsche gewaschen. 17. Juni und 1953 steht auf zwei der Wäschestücke. Der Arbeiteraufstand, den die DDR von den Sowjets niederschlagen ließ. So verknüpft Autorin Salzmann das Private mit dem Politischen, knüpft ihre bissigen Dialoge an immer noch nicht überkommene Klischees, wie die Schauspielerinnen den Faden im von der Decke abgehängten Stickrahmen.

Unter der Oberfläche „wie koscher geht“, geht es in „Muttersprache Mameloschn“ um Manipulation und Schuldgefühle, um die Instrumentalisierung von Menschen im Großen wie im Kleinen. Es geht um latenten Antisemitismus und die Frage, ob ein „guter Jude“ mit der israelischen Politik konform gehen muss. Es geht, sagt Salzmann selbst, „um die Wut und die Denkfehler, die von Generation zu Generation weitergegeben werden“, und die endlich entlarvt werden müssen. Es geht nicht darum, Geschichte zu verstehen und sie damit ad acta zu legen, sondern um einen alternativen Versuch, der Geschichte näher zu kommen und sie so in die Gegenwart zu katapultieren. Dass dabei sowohl heitere als auch düstere Ecken ausgeleuchtet werden, zeigt die hohe Qualität der Aufführung. Eine Empfehlung!

www.kosmostheater.at

  1. 12. 2017

migrationshintergrund.am.arsch: Zucker – Büstenhalter

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine irrwitzige Satire auf Polen und den Rest der Welt

Die Geschenke der UdSSR an das polnische Volk werden immer noch angebetet: Suse Lichtenberger und Claudia Kottal. Bild: Alek Kawka

Nach der fabelhaften „Familie Tót“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17141) zeigt migrations-hintergrund. am.arsch (MAA*) nun im Off-Theater „Zucker – Büstenhalter“ von der polnischen Autorin Zyta Rudzka. Und auch diesmal haben Claudia Kottal, Anna Kramer und ihre Theatertruppe eine hierzulande so gut wie unbekannte, irrwitzige Satire auf das Leben in Osteuropa ausgesucht.

MAA* hat sich die Pflege von Dramatikerinnen und Dramatikern aus den Nachbarländern gleichsam zur Pflicht gemacht. Mit großem Erfolg, wie auch diesmal wieder zu sehen war. „Zucker – Büstenhalter“ erzählt vordergründig die Geschichte der Geschwister Zucker, David (Constanze Passin) und Mira (Suse Lichtenberger), deren Wäschegeschäft für Damen mehr und mehr den Bach hinuntergeht. Dies ausgerechnet zur 100-Jahr-Feier des Familienbetriebs, und schuld daran sind die Chinesen, deren Billigprodukte seit der Öffnung des Marktes die Supermärkte überfluten. 800 Millionen China-Büstenhalter warten in den Häfen der Niederlande!

David schickt Mira auf Sabotagetour, mit einer Schere bewaffnet schneidet sie flugs bis zu 100 BH-Träger täglich durch. Ist ja nichts wert, das Importzeugs. Gegen die heimische Qualitätsware, die früher Schauspielerinnen, Sportlerinnen und Sängerinnen – „in meinem BH eroberte sie die Scala“ – kleidete! Natürlich fliegen diese Machenschaften auf.

Suse Lichtenberger, Anna Kramer, Claudia Kottal, Julia Schanz, Katarzyna Radochońska und Constanze Passin … Bild: Alek Kawka

… können nicht nur spielen, sondern auch singen: „Boobies, Baby!“ Bild: Alek Kawka

Die Kapofurie (Anna Kramer als Sicherheitsbeauftragte im Einkaufscenter) hat Mira bald auf dem Radar. Und dann sind da noch Streuner (Claudia Kottal), ein vom Markt ausgespiener Arbeitsloser, der für seinen Lebensunterhalt Dosen sammelt (Motto: „Jeden Scheiß kann man wiederverwerten“, wie sich am Schluss zeigen wird), und die Blinde (Julia Schranz), die sich gegen Geld anmieten lässt, damit andere als „Begleitperson“ in den Genuss von Ermäßigungen kommen. Lauter Dinge also, die den chinesischen Flüchtling (Katarzyna Radochońska) an der neuen Heimat durchaus erstaunen …

Mit großer Leichtigkeit und viel Humor zeichnet Zyta Rudzka in ihrer Tragikomödie eine Gesellschaft, die vom Ultraliberalismus unter dessen politischen Befürwortern aus der Kurve getragen wurde, eingekeilt zwischen Postkommunismus, Katholizismus und den Kaczyński-Brüdern. Man konnte mit dem rasanten Systemwechsel einfach nicht Schritt halten, glaubt sich nun am Ende der Fahnenstange, jedenfalls von der EU stiefmütterlich behandelt, und sucht Zuflucht in der „guten, alten Zeit“ als die Völker der UdSSR Polen noch unkaputtbare Staubsauger namens Leika zum Geschenk machten.

Toilettenpapier allerdings Mangelware war. Regisseur Imre Lichtenberger Bozoki trägt mit seiner skurril-spöttischen Inszenierung Rudzkas Tonfall Rechnung. Das Ensemble agiert vom Feinsten, und versteht sich auf Wortwitz und Situationskomik. Immer wieder lässt Lichtenberger Bozoki die Darstellerinnen auch aus der Rolle fallen, dann philosophieren sie über Polen, Geld, das dort nicht in die Kultur, sondern in die Kirche fließt, eine mit Füßen getretene Verfassung und das Staatsfernsehen, über Österreich, wo auch schon Marktschreier die Angst vor allem irgend „anderen“ schüren – und über das Frauenbild in beiden Ländern.

Die Geschwister Zucker bereiten die 100-Jahr-Feier vor: Suse Lichtenberger und Constanze Passin. Bild: Alek Kawka

Fazit: Der Vergleich ist kein Vergleich, weil alles gleich ist, siehe „Häuslichkeit“ und „Brutpflegetrieb“ (O-Ton FPÖ). Rot-weiß trennt nur ein roter Stoffstreifen von Rot-weiß-rot. Die Intermezzi, die politischen Ansagen, hat MAA* selbst entwickelt. Radochońska erklärt mitunter auf Polnisch, von Kottal übersetzt, samt einem Segenswunsch für einen milden Winter, falls es die Menschen hierzulande so wie das polnische Volk auf die Straße treibt.

Auf einer Batterie von Monitoren (Bühne/Video von Alek Kawka und Martin Nussbaum) laufen die entsprechenden Bilder. Am Ende wird man vom Ende profitieren. Die Westler sind ja ganz verrückt auf Ostblock-Devotionalien und Überbleibsel des realen Sozialismus, daraus lässt sich ein Geschäft machen. Also gibt es für das Publikum, wie es die polnische Gastfreundschaft gebietet, Wodka und Brot. Und in der Firma Zucker viel selbstkomponierte und -getextete Musik zum großen Fest: „Boobies, Baby!“

www.maa.co.at

  1. 11. 2017

migrationshintergrund.am.arsch: Familie Tót

Januar 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

István Örkénys Politfarce als fabelhafte erste Produktion

Julia Schranz, Constanze Passin, Claudia Kottal, Anna Kramer und Rina Kaçinari Bild: Stefan Smidt

Julia Schranz, Constanze Passin, Claudia Kottal, Anna Kramer und Rina Kaçinari
Bild: Stefan Smidt

Heute klingt es fast wie ein Witz, dass István Örkény, der ungarisch-jüdische Autor, in der polnischen Botschaft in Budapest einen Asylantrag stellte. Da hatte er das Arbeitsbataillon an der Front schon hinter sich, Ungarn war ab 1941 Verbündeter Nazi-Deutschlands, auch die russische Kriegs- gefangenschaft und den Aufstand gegen die Sowjets. „Wir haben auf jeder Wellenlänge gelogen“, war später sein Statement nicht nur zum ungarischen Radio. Es folgte Schreibverbot.

Und dann entstand 1967 die Tragikomödie „Familie Tót“.

Der von Claudia Kottal und Anna Kramer neu gegründete Kulturverein „migrationshintergrund.am.arsch“ (MAA*) hat das Stück für seine Auftaktproduktion nicht nur erstmals nach Österreich, sondern auch nah an die Gegenwart geholt. Und weil Kultur auch Bildung sein muss, findet das Ganze in einer VHS statt, das heißt: in ihrer Dependance im Off Theater. Ungarischkurs ist, den kann jeder brauchen, sei’s für die Putzfrau oder den Zahnarzt oder um die donaumonarchistischen Wurzeln behandeln zu lassen. In Wien ist jeder Postmigrant. Kein Stammbaum ohne Ziagelbehm oder Zwiefelkrawótt. Darum geht’s auch. Und um Victor und wie er die Welt sieht. Man muss nur oft genug links abbiegen, um wieder rechts zu landen.

Die Damen vom Sprachkurs jedenfalls zeigen am Tag der offenen Tür das anrührende Schicksal der Tóts. Imre Lichtenberger Bozoki hat die Farce vom Feinsten inszeniert. Es ist tiefste Provinz im Zweiten Weltkrieg, und die Familie des ehrenwerten Feuerwehrhauptmanns Lájos Tót nimmt den Major des Sohns zur Sommerfrische auf. Man will dem Buben an der Front zu besseren Bedingungen verhelfen, aber die Land- wird zur Psychopartie, leidet der gestresste Militär doch an einer posttraumatischen Belastungsstörung, die er auf den Schultern der armen Tóts abarbeitet. Man macht gute Miene zum garstigen Spiel, bis … 

Das ist alles so tod- wie unernst gemeint. Zwischen hausgemachtem Vogelgezwitscher und Senkgrubendiskussionen wird die Lage von Nation und Union diskutiert. Die braune Suppe schwappt ja bald über. Der Major vergattert zum planwirtschaftlichen nächtlichen Schachtelfalten. Und weil schon Schnapsidee gibt’s in der Pause Pálinka. „Es genügt zu wissen, dass man einen Teil dieser Welt immer im Rücken hat“, sagt der Kriegsdienstversehrte. Da hört man sie, die orbanisierte Paranoia. Alle Terroristen sind letztlich Migranten. Aber, Paradoxon, seit Fidesz die Regierung formt haben eine halbe Million Ungarn ihre Heimat verlassen. Das Ensemble geht mit viel Spielfreude an Örkénys alte, neue Totalitarismusparabel heran.

Claudia Kottal und Constanze Passin sind die Eheleute, er verzweifelt wegen der Schlaflosigkeit, sie wegen neu gewonnener Kilos, der Gast will schließlich gut bekocht sein. Die Tochter, Anna Kramer, wächst dem schnittigen Soldaten, Suse Lichtenberger, immer mehr an die Brust. Die Jugend ist halt noch leicht zu formen, da kann man den Samen für Denunziantentum und innerfamiliäres Spitzelwesen säen. Weil, war der Herr Vater nicht immer schon ein seltsamer Mann? Quasi gegen die Parteinorm? Kottal spielt mit herrlich trotziger Verzweiflung den „subversiven Systemschädling“, ihr basses Erstaunen über den Thrill mit Drill spricht Bände. „Man kann nicht verhindern, dass einem etwas in den Sinn kommt“, sagt sie einmal. Kramer und Passin sind hinreißend als Fremdenverkehrsvenusfliegenfallen, während Lichtenberger sich über die Landeier blasiert großstädtisch langweilt. Der Major ist bald mittelschwer ang’rührt ob der vorgestrigen Verhältnisse. Fortschritt! Ungarn ist doch unaufhaltsam. Bis PiS ist es bereits gekommen, um „Recht und Gerechtigkeit“ kümmert man sich schon. Gähnen hat der Offizier übrigens streng untersagt. Für den müden Tót, dessen Motto Würde + träge = Würdenträger lautet, eine lebensbedrohliche Herausforderung …

Die MAA*-Truppe zeigt sich nicht nur als großartige Komödiantinnen, sondern mit Rina Kaçinari und ihrem Cello auch als Musikerinnen, als Geräuschkulisse von Käuzchen bis Katze, HipHop-Tänzerinnen und Akrobatinnen, also in jeder Hinsicht kulturell multitasking. Bianca Fladerer hat dazu eine Welt in Rot-Weiß-Grün erdacht, gestört nur durchs überdimensionale Tarnzelt, in der Lichtenberger Bozoki den Slapstick Achterbahn fahren lässt. Diese Produktion ist wirklich zum Lachen.

Und dann Julia Schranz. Sie gibt in der Persiflage die Politsatirikerin; „verkleidet“ als Senkgrubenräumer und Pfarrer und Briefträger grimassiert sie sich durch die mitteleuropäisch-magyarische Befindlichkeit. Der Briefträger, dieser Vitéz-László-Verwandte, ist der Spielmacher. Er hat sich selbst ermächtigt und verteilt die Post nach Gutdünken. Das wichtigste Telegramm isst er auf. Mit der Vernichtung der darin enthalten gewesenen Information beraubt er die Tóts ihrer Freiheit. Am Ende wird über ein zahmes Eichhörnchen des Sohnes philosophiert, das aus seinem Käfig in eben diese flüchtete. Obwohl doch in so guter Obhut! Man muss dem Volk nur lang genug das Gefühl geben, es sei an seinem Unglück selber schuld, dann funktioniert das mit der Obrigkeitsgläubigkeit schon. Die Schranz bespielt die ganze Bandbreite ihrer mannigfaltigen Möglichkeiten.

Dazwischen erzählt sie. Über Flüchtlinge und das Jahr 1956. Über Balog Zoltán, den calvinistischen Politikprediger, und seinen Geldtopf. Über Schlagersänger Kovács Ákos, und wie sein Streit mit der Telekom die ganze Staatsmacht rebellisch machte. Und warum Orbans Plumpsklo mit Blick auf ein Fußballstadion aufgestellt wurde. Die Senkgrubenräumerin hat den Stopfstecken fürs Hirn stets zur Hand. Weil, bei der Anbiederung an rechts ist die Obergrenze längst erreicht. Der MAA* überzeugt bei dieser ersten Mut-Probe seines Könnens auf der ganzen Linie. Dieses Theater hat uns gerade noch gefehlt. Bravo!

NEU: Es gibt bereits März-Termine von 9. bis 12. 3.!

www.maa.co.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=NzH8DufNPBM

Ab 9. Februar ist Claudia Kottal außerdem wieder im KosmosTheater in ihrem fulminanten Solo „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“ zu sehen, dazu ein Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=15898

Wien, 27. 1. 2016

Claudia Kottal hat eine Theatertruppe gegründet

Januar 8, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

migrationshintergrund.am.arsch spielt „Familie Tót“

Familie Tót Bild: M.A.A.* Kulturverein

Familie Tót
Bild: M.A.A.* Kulturverein

Im Gespräch mit mottingers-meinung.at hatte Claudia Kottal angekündigt, eine neue Theatertruppe gründen zu wollen. Der Name, „migrationshintergrund .am.arsch“ (M.A.A.*), ist von Kottal und Mitgründerin Anna Kramer mit Ironie gewählt, weil „der Begriff eine Art Modeerscheinung ist und man es sich im Kulturbereich zur Aufgabe gemacht hat, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Dabei beinhaltet die vermeintlich politisch korrekte Bezeichnung an sich bereits eine Ausgrenzung“.

M.A.A.* zeigt nun ab 14. Jänner im OFF Theater seine erste Produktion: „Familie Tót“, eine Tragikomödie, eines der wenigen Theaterstücke des ungarischen Autors István Örkény. „Es ist in Ungarn sehr bekannt, der Stoff ist auch ein Filmklassiker, nur in Österreich wurde es noch nie gespielt. Ich kenne so viele tolle Stücke aus Osteuropa und will noch mehr entdecken“, sagt Kottal. „Das ist eben das, was wir tun wollen: hierzulande unbekanntes Theater, vor allem aus dem Balkan, zeigen.“ Und gegebenenfalls auch selbst übersetzen.

Inhalt von „Familie Tót“:  Die Familie des ehrenwerten Feuerwehrhauptmanns Lájos Tót erwartet sehnsüchtig die Rückkehr des geliebten Sohnes von der Front. Doch stattdessen besucht sie sein Vorgesetzter – der Major – zur Erholung von den psychischen Strapazen der gnadenlosen Kriegshandlungen. Die Tóts stimmen zu, den Major für zwei Wochen bei sich in ländlicher Idylle aufzunehmen, für ihn zu sorgen, ihn zu pflegen und ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Denn die Hoffnung, er würde danach den Sohn aus Dankbarkeit von der Front in eine sichere Schreibstube versetzen, beflügelt die Familie zu untertänigsten Diensten. Es sind ja „nur“ zwei Wochen, aber der Major will und will sich nicht zufrieden zeigen…

Regie führt Imre Bozoki Lichtenberger, die Musik macht Cellistin Rina Kaçinari. Es spielen – ausschließlich Frauen – Claudia Kottal, Suse Lichtenberger, Anna Kramer, Constanze Passin und Julia Schranz.

www.maa.co.at

karten@maa.co.at

Claudia Kottal im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15898 Ihre Erfolgsproduktion „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“ wird am 9. Februar im KosmosTheater wiederaufgenommen.

Wien, 8. 1. 2016