Werk X: Werner Schwabs „Eskalation ordinär“

April 21, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Franzmeier beeindruckt als Helmut Brennwert

Ecce homo: Günter Franzmeier als Helmut Brennwert. Bild: © Alexander Gotter

„Noch mehr Senf. Noch mehr scharfen Senf auf mich hinauf!“, fordert der in die Arbeitslosigkeit verbannte gewesene Sparkassen- mitarbeiter Helmut Brennwert, alldieweil die all/gemeine Meinung längst den ihren zu seinem Lebensablauf dazugibt. Da steht der ewige Verlierer am Würstelstand, um sich für sein Bewerbungsgespräch im Bankinstitut zu stärken, und ausgerechnet jener Leitende Angestellte, bei dem er sich sogleich vorstellen soll,

beschmiert und ruiniert Brennwerts besten, weil einzigen Anzug mit der „balkanesischen“ Würzpaste. Die Folge: „Eskalation ordinär“. So der Titel von Werner Schwabs 1994er-Stück, vom Autor als „Schwitzkastenschwank in 7 Affekten“ beschrieben, und nun von Ali M. Abdullah im Werk X inszeniert. Mit Schwabs Theatertext greift der Regisseur eines der virulentesten Gegenwartsthemen auf: Die Erwerbslosigkeit des einzelnen als größten anzunehmenden Unfall in der gewinnmaximierenden Menge. Abdullah zeigt auf gut Schwabisch ein frei-marktwirtschaftliches Volksstück, und ein Schelm, der sich was denkt über die von Raoul Eisele nach und nach rosa gestrichene Rückwand. Nur wer was schafft, schafft an!

Das Fortschrittsopfer in dieser Finanz-Farce gibt Günter Franzmeier, der sich als Brennwert bis an den Rand des schauspielerisch Möglichen verausgabt. Nach Beendigung seiner Volkstheater-Ensemblemitgliedschaft war der geniale Performer tatsächlich selbst arbeitslos, eine Erfahrung, die er jetzt ins Erspüren des Schwab’schen Antihelden mit treffsicherer Authentizität einbringt. Mit kommender Saison ist Franzmeier fix am Theater in der Josefstadt engagiert …

Für Brennwert geht’s derweil nicht nur an der Imbissbude um die Wurst. „Ich brauche Feuer heute, heiße Feuersbrunst gegen meine entzündungsfördernde Arbeitsratlosigkeit“, sagt er. Doch sein Abstieg nimmt von der Sparkassenfiliale über ein Gasthaus bis zum Stadtpark rasante Fahrt auf. Eine Demütigung folgt auf die nächste. Brennwert wird beschimpft, getreten, geprügelt, erniedrigt, vergewaltigt, zur Masturbation gezwungen; er wird zum „Dreckschwein“ über den der Gesellschaftskörper befindet, er sei eine Gestankmischung aus „Straßenköterkot, Erbrochenem, eigenmenschlichen Exkrementen und Senf“ – soweit die Schwabische Definition vom Menschen als armes Würschtl: eine dünne Haut, in die die Schlachter brutal allerlei Unrat pressen.

Ein Stück Wurst geht noch: Günter Franzmeier, Eduard Wildner und Susanne Altschul. Bild: © Alexander Gotter

Brennwerts ob dessen Versagen am Arbeits-/Markt angeekelte Verlobte: Maddalena Hirschal. Bild: © Alexander Gotter

Die Polizei, dein Feind und Henker: Christian Dolezal als Niroster mal sechs und Günter Franzmeier. Bild: © Alexander Gotter

Am Würstlstand zählt nur Bares: Christian Dolezal und Sebastian Thiers. Bild: © Alexander Gotter

Eine grausige Kasperliade hält Abdullah da auf der Spielfläche ab. Mit Sebastian Thiers als mit Süffisanz gewalttätigem Leitendem Sparkassenangestellten, der seine höhnenden, Schwabisch zerhackten Sätze wie Nägel ins Brennwert’sche Fleisch treibt, und der Brennwerts ob dessen Versagen am Arbeits-/Markt angewiderte Verlobte Maddalena Hirschal mit In/Brunst zu begatten versucht. An allen Schauplätzen treffen auch Edu Wildner und Susanne Altschul als Alter Ehemann und Alte Ehefrau ein, und wie sie sich in Demut vor ihrer von Thiers überreichten Rente verbeugen, die Pension „der Schlachtschussapparat der Sparkassen“, das ist deutlich.

Später wird Wildner Richtung Brennwert lapidar feststellen, „das ist alles ein bisschen modernistisch kompliziert. Zu meiner Zeit hat man solche Leute einfach nur vergast, erschossen oder aufgehängt.“ Unter all diesen erschlag-resistenten Wurschtln und ihrem Watschenmann Brennwert ist Christian Dolezal das garstig-komödiantische Krokodil, der in den Rollen Wurstbudenbesitzer, Polizist, Cafetier, Parkwächter, Talkshowmaster und Zeitungskioskinhaber, allesamt auf den bezeichnenden Namen Niroster getauft, eine Glanzleistung liefert.

„Inspektor Niroster/ wie Sie sich sehend denken können/ Herrschaften/ Persona gratissima/ aber eigentlich ein Perpetuum mobile“, sagt diese personifizierte richtende Öffentlichkeit an einer Stelle. Via Niroster und Brennwert tunken Schwab/Abdullah die hiesige, sich stetig selbstbefeuernde Geschichtsunbelehrbarkeit tief in den Österreich-Katholizismus. Franzmeier ist ganz Schmerzensmann, sein Erscheinen ein Ecce homo, die sieben Szenen wie die sieben letzten Worte. Zwischen Penisattrappen und Dessous ouverts stammelt er sein Elōi, Elōi, lema sabachthani! Und scheitert schlussendlich sogar am letzten Akt seiner Selbst-/Aufgabe.

Grausames Sparkassen-Spiel: Sebastian Thiers und Günter Franzmeier. Bild: © Alexander Gotter

Blut und Boden für die deutsche Eiche: Günter Franzmeier, hinten malt Raoul Eisele. Bild: © Alexander Gotter

Parkwächter Dolezal, Susanne Altschul, Günter Franzmeier und Eduard Wildner. Bild: © Alexander Gotter

Bei Talkshowmaster Dolezal: Günter Franzmeier, Sebastian Thiers und Maddalena Hirschal. Bild: © Alexander Gotter

Nur kurz, als er wütend die deutsche Eiche zu alter Größe aufforsten will, kann er die all/gemeine Meinung für sich gewinnen. Sein Talkshow-Ruhm ist allerdings von kurzer Dauer: „Hoffentlich gibt es kein ewiges Leben. Hoffentlich gibt es keine ewige Arbeitslosigkeit“, sagt er. Und: „Es ist alles egal, aber nichts ist egalitär.“ Franzmeier auf Brennwerts Weg vom Verstoßenen, Vergewaltigten, Verrückten, Verklärten zum Verzweifelten mitzuverfolgen, ist einzigartig. Mit ihm hat die Werk-X’sche Klassenkampfmaschine den nächsthöheren Schleudergang eingelegt.

„Eskalation ordinär“ entblößt das Symptom einer Krise, die einmal mehr von Politik und Wirtschaft als kaum bewältigbar ausgewiesen wird, und in der das um seinen Lebenserhalt gebrachte Humankapital aka der Mensch samt seiner Würde in den Orkus befördert wird. Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Wirtschaft gut.

Das Ensemble ergeht sich in der Kunst, Werner Schwabs Werkstoff Sprache, seine Fleischstücke mit Text, ohne deren dialektische Erdung zu leugnen zu Arche-/Typen zu formen. Von den Mitläufern über die Wegschauer zu den Mittätern hetzen sie ihre zwischen Sparkasse und Zeitungsstand hingerotzten Figuren ins Extreme hinein – und zeigen das von der anonymen Macht des Marktes ausgewrungene Menschenmaterial mit immer wieder hochkochender Bösartigkeit. Ein grandioses, radikal sprachgewaltiges Grand Guignol!

werk-x.at

  1. 4. 2022

Theater-Center-Forum: Arsen und Spitzenhäubchen

März 5, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Christoph Prückner inszeniert Boulevard at its best

Die Brewster-Familie schenkt Holunderwein aus: Lotte Loebenstein, Eszter Hollósi, Christoph Prückner (hi.), Günter Tolar, Simon Brader und Susanne Pichler. Bild: © Maria Steinberger

Dies Feuerwerk an kuriosen Einfällen, slapstickartiger Situationskomik und sprühendem Wortwitz sorgt für ein zwerchfellerschütterndes Bühnenvergnügen: Christoph Prückner hat im Theater-Center-Forum „Arsen und Spitzenhäubchen“ inszeniert (und selbst die Rolle des Teddy „Roosevelt“ Brewster übernommen) und zeigt damit Boulevard at its best. In Tagen wie diesen, zwischen Ukraine-Krieg und Coronavirus, tun zweieinhalb Stunden ausgelassenes Lachen von Herzen gut.

So befand’s auch das Publikum, das schon beim ersten Kredenzen des berüchtigten Holunderweins der Brewster-Schwestern zu kichern begann und die erste „Erlösung“ eines ihrer Gentlemen gleich mal mit Szenenapplaus bedachte. Die Story von Joseph Kesselrings makabrer Komödie aus dem Jahr 1941, von Frank Capra 1944 mit Cary Grant und Peter Lorre genial verfilmt, ist also bekannt: Die liebenswerten alten Ladys Martha und Abby Brewster haben es sich zur Aufgabe gemacht, einsame angegraute Herren als vermeintliche Untermieter anzulocken, um sie mit einer Mischung aus Wein und Arsen „Gott näher zu bringen“.

Um die Männer angemessen zu bestatten, schicken sie ihren verrückten Neffen Teddy, der sich für Präsident Theodore Roosevelt hält, regelmäßig nach Panama, wo er Schleusen für den Kanal aushebt, heißt: im Keller Gräber für Marthas und Abbys Mord-, für Teddy allerdings Gelbfieberopfer, eine Seuche, deren Ausbreitung das Staatsoberhaupt selbstredend verhindern will. Lange Zeit nichts davon ahnen Neffe Mortimer, ein verkorkster Theaterkritiker, und seine Verlobte Elaine Harper, die Pfarrerstochter von nebenan. Umso mehr fällt er aus allen Wolken, als er entdeckt, dass die Tanten im Keller nicht eine, sondern ein Dutzend Leichen haben.

Damit nicht genug, kehren auch noch der dritte Brewster-Neffe nebst seiner – hier – Chirurgin Dr. Hermine Einstein ins Haus zurück: Jonathan, psychopathischer, international gesuchter Serienkiller und von Einstein so oft gesichtsoperiert, dass er mittlerweile wie Frankensteins Monster aussieht. Logisch, dass die Lage eskaliert.

In Prückners Regie sitzt jede Pointe. Er hat ein fabelhaft spielfreudiges Ensemble versammelt, allen voran die Damen Lotte Loebenstein und Susanne Pichler als gütige Todesengel Abby und Martha, denen die regelmäßig vorbeischauenden Officers O’Hara und Klein (die Nachbarschaft beschwert sich, wenn Teddy mit seinem Signalhorn zur Attacke bläst), bescheinigen: „Sie finden immer ein Opfer, dem sie helfen können.“ Simon Brader spielt den ob seiner mörderischen Entdeckung bis ins Mark erschütterten Mortimer, der, während Eszter Hollósi als Elaine ihren Angedachten mit allen Mitteln aus der Reserve locken will, wahrlich andere Dinge im Kopf hat.

Christoph Prückner als Teddy und Eszter Hollósi als Elaine Harper. Bild: © Maria Steinberger

Anna Dangel als Dr. Hermine Einstein und Nagy Vilmos als Jonathan. Bild: © Maria Steinberger

Simon Brader als Mortimer mit Nagy Vilmos und Anna Dangel. Bild: © Maria Steinberger

Nagy Vilmos ist als totenblasser Jonathan eine furchteinflößende Erscheinung, „der totale Horror und er sieht auch noch so aus“, wie’s im Stück heißt, während Anna Dangel als ebenfalls weißgeschminkte Dr. Einstein sich auf eine fast clownesk zu nennende Performance verlegt hast. Die glattgegangene Geschlechtsumwandlung der trinkfreudigen nicht Schönheits-, sondern Schiachheitschirurgin lässt zwischen Jonathan und Hermine außerdem einiges an Liebespaar-Möglichkeiten offen.

Christoph Prückner gestaltet Teddys Charakter frei nach dem Roosevelt-Zitat „I care not what others think of what I do, but I care very much about what I think of what I do!“ Staatsmännisch streng und doch väterlich vergebend befiehlt er Generälen, Richtern und Wissenschaftlern, also der Verwandtschaft, und schön ist, wie Mortimer (Roosevelt bekam ihn 1906 als erster US-Amerikaner für sein Wirken als Vermittler im Russisch-Japanischen Krieg) ihm statt der Friedensnobelpreis-Plakette einen Teddybären überreicht – die Szene ein Einfall Prückners.

Im nostalgischen Bühnenbild von Erwin Bail, einem altväterischen Wohnzimmer mit Aussicht auf den Friedhof, in dem es blitzt und donnert, wenn unter dem Porträt von Arzneimittelforscher und Leichenexperimentator Großvater Brewster von ihm die Rede ist (Licht und Ton: Benjamin Lichtenberg), gelingt es Prückner aktuelle Akzente zu setzen. Etwa, wenn sich Teddy beim Entsorgen der Gelbfieber-Gentlemen eine pandemiesichere Maske aufsetzt, oder die Tanten ihm den Bären von Jonathan als Spion, der das Kapitol stürmen will, aufbinden.

Der zum Schluss auftauchende Mr. Witherspoon, Leiter des Sanatoriums Happyland, in das Mortimer Teddy und am besten auch die Tanten verbracht wissen will, ein Kabinettstück vom großartig kuriosen Günter Tolar, meint zu Mr. President Roosevelt, er habe eigentlich schon drei von der Sorte, „und jeder wirft dem anderen vor, die Wahl gestohlen zu haben“. Schließlich beschweren sich wie schon im Originaltext Martha und Abby, Jonathan wolle „einen Ausländer“ in ihrem unterirdischen Coemeterium unterbringen.

Martha und Abby mit einem ihrer Gentleman: Susanne Pichler und Lotte Loebenstein. Bild: © Maria Steinberger

Teddy auf dem Weg nach Panama: Christoph Prückner mit Simon Brader und Eszter Hollósi. Bild: © Maria Steinberger

Elaines Liebesanfall trotz Leiche in der Truhe: Simon Brader und Eszter Hollósi. Bild: © Maria Steinberger

Johannes Sautner und Benjamin Lichtenberg als Officers O’Hara und Klein; Mitte: Simon Brader. Bild: © Maria Steinberger

Denn das Treiben wird immer toller. Jonathan hat auf dem Rücksitz seines Fluchtautos den dank seiner abgelebt habenden Mr. Spinalzo liegen und wittert nun die Chance, den unerwünschten Fahrgast in der für der Tanten neuesten Dahingeschiedenen, Mr. Hoskins (TCF-Direktor Stefan Mras röchelt sich durch den Kurzauftritt), ausgehobenen Schleuse zu entsorgen. Zwischen Zwischendepot Truhe und der geplanten letzten Ruhestätte entspinnt sich ein Leichen-wechselt-euch-Spiel, das Mortimer an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt.

Dazu kommt’s zwischen dem Gewaltverbrecher und den in die Jahre gekommenen Jungfern zu einem Wettstreit, steht doch die Bilanz derer, die wegen ihnen das Zeitliche gesegnet haben, zwölf zu zwölf. Ein dreizehntes Opfer muss her! Ein weiterer von der Ödnis seines Daseins zu rettender Greis oder doch lieber Mortimer? Fatal, dass der so brave wie begriffsstutzige Officer O’Hara (Johannes Sautner begleitet von Benjamin Lichtenberg als fußmarodem Officer Klein als waschechte Knallchargen) die von Jonathan und Dr. Einstein zauberkünstlerisch vorgeführte Fesselung und Knebelung Mortimers für das Demonstrieren einer Theaterszene hält.

Noch fataler, dass O’Hara ein verkappter Dramatiker ist, oder sich zumindest für einen solchen hält, und den dreien sein selbst geschriebenes, grottenschlechtes Drama in x-Akten darbietet. Aber immerhin: Akt vier bringt die Gangster zum Einschlafen, worauf Mortimer sich aus seiner misslichen Lage befreien kann. Das von Christoph Prückner und Team gezeigte Ende entfernt sich weit vom Hollywood-Schmus, erklärt sich doch die nächste Generation bereit, die Familientraditionen fortzusetzen. Auftreten Eszter Hollósi und Simon Brader mit nun auch bleichen Gesichtern. Was bedeutet schon „normal“, wenn man ein Mords-Gen hat? Ein Gläschen Holunderwein, Mr. Witherspoon?

„Arsen und Spitzenhäubchen“, dieser Evergreen des schwarzen Humors, von Prückner mit viel Fantasie um Seitenhiebe auf eine groteske Gegenwart erweitert (die USA befanden sich zur Entstehungszeit des Stücks in einem ähnlichen Konflikt wie die EU heute, ein Krieg mehr oder minder weit weg – und die Frage, ob man abwarten oder sich einmischen soll), erzielt seine komischen Effekte aus dem bizarren Gegensatz biederer Kleinbürgerlichkeit und dem blanken Entsetzen – im Theater-Center-Forum in Szene gesetzt als übermütig überdrehte Parodie auf so ziemlich sämtliche Krimi- und Horrorfilmklischees.

Zu sehen bis 19. März

www.theatercenterforum.com

  1. 3. 2022

aktionstheater ensemble im Werk X: Die große Show

Januar 12, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geburtstagsparty mit Generationenkonflikt

Festredner Elias Hirschl, Michaela Bilgeri und Susanne Brandt. Bild: © Gerhard Breitwieser

Ach, was hat man mit dem aktionstheater ensemble nicht schon alles erlebt. Man hat gemeinsam die „Die gelähmte Zivilgesellschaft“ untersucht (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672) oder „6 Frauen 6 Männer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31384), hat geschworen „Ich glaube“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44760) und beschworen „Heile mich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39260).

Nun aber ist’s Zeit für eine Party, eine Geburtstagsfeier um genau zu sein, denn Susanne, æ-Urgestein und bewundertes Vorbild ihrer Theaterfamilie, begeht ihren 60er. Wer wüsste da besser als Busenfreundin Michaela, was die Kollegin sich wünscht: Einmal alleine im Rampenlicht stehen, es einmal so richtig krachen lassen, mit einem Wort: „Die große Show“, so der Titel der Uraufführung, die gestern im Werk X Premiere hatte.

Da tritt die schöne, junge Schauspielerin zugunsten der Alten gerne einen Schritt zur Seite, sagt sie, gilt es doch zu würdigen, dass diese in fortgeschrittenem Lebensstadium „noch sooo da oben stehen kann“.

Die liebe Michaela, sie geizt nicht mit fragwürdigen Komplimenten, Susannes Jubeljahr ist halt eines der Bejahrtheit, da muss man sich keine Illusionen machen, da gibt es nix herunterzuspielen – und so spielen sie, die beiden Performerinnen, wie stets. Auf Teufel komm raus. „Die große Show“ must go on.

„Die schnelle Eingreiftruppe für so messerscharfe wie amüsante wie empathische Daseinsanalysen“ wurde das aktionstheater ensemble an dieser Stelle schon genannt, und auch diesmal ist der Text aus den Erfahrungen und Erlebnissen des Ensembles entstanden, zu einer Inszenierung zusammengefasst von den æ-Masterminds Regisseur Martin Gruber und Dramaturg Martin Ojster. Genüsslich wird die Gala-Sucht der Kulturgesellschaft aufs Korn genommen, deren Hunger danach, sich hochleben zu lassen.

Dazu windet das Team business as aktionstheater-mäßig rasant mäandernde Assoziationsketten, ein skurriler Diskurs vom Politischen ins Private und retour mit lakonisch abstürzenden Pointen. Ziegen für Afrika treffen auf Windräder als Gesamtkunstwerk, die Mülltrennung versinkt im Bühnennebel.

Michaela Bilgeri, Jean-Philip Viol, Martin Hemmer, Pete Simpson und Susanne Brandt. Bild: © Gerhard Breitwieser

Susanne Brandt, Michaela Bilgeri und Zauberkünstler Raphael Macho. Bild: © Gerhard Breitwieser

Oh Schreck, der Zipp geht nicht zu: Susanne Brandt und Michaela Bilgeri. Bild: © Gerhard Breitwieser

Die Prosecco-Schlacht beginnt: Susanne Brandt und Michaela Bilgeri. Bild: © Gerhard Breitwieser

Eine Gratwanderung zwischen Innenschau und Entäußerung ist das, die freilich nicht vonstattengehen kann, ohne dass das aktionstheater ensemble seine liebsten Themen durchdekliniert: Schein und Sein, Ego-Trips (in diesem Fall mit dem Flugzeug höchst klimaschädlich nach Griechenland), Ich-Bezogenheit. Letztere die Schwäche der Michaela, die sich naturgemäß nicht aus ihrer Showtime verdrängen lässt, sondern sich permanent penetrant in den Vordergrund stellt, alldieweil Susanne sich ein „Piccolöchen“ nach dem anderen gönnt.

Immerhin ist die oftmals Jammer-Suse darob beschwingt, „jetzt geht’s mir gut, jetzt geht’s mir wieder besser“, ist ihr Mantra nach jedem Glas, und Michaela Bilgeri und Susanne Brandt agieren im Wiegeschritt – aktionstheater ist auch Körpertheater – gewohnt glänzend und überzuckert wie eine Geburtstagstorte, wobei – apropos: Glanz und Glamour – Bilgeri nicht weniger als sieben opulente Abendkleider präsentiert; die Brandt schafft’s nur auf drei.

Welch ein Spaß! Das Publikum in Meidling kommt aus dem Lachen gar nicht mehr raus. Ein Meisterinnenstück der Bilgeri, wenn Michaela mit dem Nibelungenlied nervt, hibbelig-hektisch, auf dass nur ja nichts schiefgehen möge, gleichzeitig bemüht, dass ihr jovial-berufsjugendlicher Firnis nicht blättert, während sie von ihren Party-Mottos Altruismus und Humanismus schwadroniert. Credo: „Ich kann etwas bewirken, weil ich so jung und schön bin.“ Dabei hatte sich Susanne nur „40 bis 50 nackte Männer“, Flamencomusik und Alkohol erbeten – auch so ein Thema: Geschenke oder Spendenaufruf auf Facebook?

Michaela versucht es diesbezüglich mit Name dropping: „Wie heißt der? Na, wie? Der ist ja auch schon gestorben …“ Autsch, die Spitze sticht. Zum Wortgefecht musizieren Jean-Philip Viol, Martin Hemmer, Kristian Musser und Pete Simpson, der Sänger mit der Engelsstimme. Raphael Macho tritt auf als Taschenspieler und ist als somnambuler Magier grandios, vor allem beherrscht er den „Flaschentrick“, heißt: von allen möglichen und unmöglichen Orten Nachschub für Susanne herbeizuzaubern.

Benjamin Vanyek singt Brel. Bild: © Gerhard Breitwieser

Die wird von Stifterl zu Stifterl interessierter, schüttelt alsbald ihr „funktionierendes moralisches Rüstzeug“ und ihr „christlich-soziales Weltbild“ ab, um dem Macho zu zeigen, wie handfester Feminismus (Popozwicker!) funktioniert. Der Generation Gap ist eine Schlucht mit zwei Ufern, die in die Pension palaverte Susanne macht sich durchaus Sorgen. Um die Jugend: „Hoffnungslos“.

Nach klassischem Showablauf folgen Stargäste: Festredner Elias Hirschl, Autor der Sebastian-Kurz-Groteske „Salonfähig“ (zu deren slimfittem Protagonisten ihn Martin Gruber und Martin Ojster inspirierten), hält im Glitzerkleidchen eine so fulminante wie absurde Fürbitte aufs Blutspenden, „das ist das mindeste, das wir tun können gegen die Spaltung in der Gesellschaft“, weil doch dieser heilige Saft „in unser aller Adern fließt“, der ganze Vortrag eine perfide Art faschistische Gewaltfantasien mit einer erdrückenden Umarmung zu ersticken. Im Predigtton hofft er, sein Blut (samt Antikörpern) möge für einen Neo-Nazi vergossen werden.

Knirps Fridolin gibt mit einem Gedicht Auskunft über die Beschaffenheit lauter und leiser Fürze. Und zum Ende singt Benjamin Vanyek im Rüschenornat „Die Chancenlosen“ von Jaques Brel, Minuten des Gedenkens an „alle jene, die es vielleicht nicht geschafft haben“, die unter die Haut gehen. Bis dahin jedoch eskaliert die Situation unter den Damen nach einer verunglückten Selfie-Diashow, ein „Leck mich!“ und „Blöde Kuh!“ perlt nun über die Lippen wie der Prosecco. Jetzt wird gekleckert, nicht geklotzt – und gekotzt. Bei einem Flaschenduell fließt Blut. Sage keiner, er wäre noch nie auf einer solchen Party gewesen.

Zugegeben, es gibt vom aktionstheater ensemble stringentere, in jeder Hinsicht durchchoreografiertere Arbeiten. Diesmal wollte man sich einen Jux machen und der gelingt mit schauspielerisch-virtuosem Klamauk. Vielleicht ist „Die große Show“ ja auch ein wenig als Satire auf die Martin-Gruber-Truppe selbst zu lesen. Susanne jedenfalls schließt mit egozentrischem Schlachtruf: „Geht’s mir gut, geht’s allen gut!“ Darauf Jubel und Applaus.

Zu sehen bis 15. Jänner.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=lpoRVTzLamI          aktionstheater.at          werk-x.at

TIPP: Am 18. Jänner um 20 Uhr im Werk X-Petersplatz: Benjamin Vanyek singt Jacques Brel (Video „Der Gasmann“: www.youtube.com/watch?v=Czqf9I8rEpQ)

  1. 1. 2022

Theater in der Josefstadt: Der Weg ins Freie

September 4, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Arthur Schnitzler scharfsinnig aktualisiert

Michaela Klamminger, Julian Valerio Rehrl, Alexander Absenger, Elfriede Schüsseleder, Raphael von Bargen und Tobias Reinthaller. Bild: © Roland Ferrigato

Nun ist es doch meist so, dass, betitelt sich eine Neu-, Fort- oder Überschreibung, eine Dramatisierung als Uraufführung, ein Hauch Hybris in der Luft hängt. Nicht so bei der Saisoneröffnungspremiere des Theaters in der Josefstadt. Autorin Susanne Wolf hat Arthur Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie“ für die Bühne nicht „adaptiert“. Sie hat den 113 Jahre alten Text hellsichtig und der aktuellen Zustände ansichtig ajouriert. Hat durchs Brennglas aufs Bestehende geguckt,

Schnitzlers Sprachgebäude entkernt und stilistisch aufs Vortrefflichste ergänzt. Kurz, das heißt: drei Stunden lang, die Intention des Meisters der geschliffenen Gesellschaftsanalyse anno Jahrhundertwende nicht nur verstanden, nein, vielmehr weist Wolf auch diese Tage als ein Fin de Siècle aus, in dem Anstand und Anständigkeit verlorengehen, während allerorts die – was auch immer diese sein sollen: abendländischen – Werte beschworen werden. Antisemitismus, Fremdenhass, Selbstbefragung und politische Sinnsuche, aufs Parteibanner geheftete Parolen von Christlichkeit und Nächstenliebe – „für die unseren“, das alles macht schmerzlich bewusst, dass Geschichte sich nicht wiederholt, aber reimt.

„Mit uns gewinnt man Wählerstimmen“, lässt die Wolf Julian Valerio Rehrl als jüdischen Kadetten Leo Golowski an einer Stelle sagen, einen anderen, dass er nicht für jede „Idiotie eines Juden“ mitverantwortlich gemacht werden wolle. Et voilà. So wird „Der Weg ins Freie“ an der Josefstadt zu den, wie Schnitzler im Briefwechsel mit Literaturkritiker Georg Brandes selbst eingestand, zwei Büchern in einem – zur tragischen Liebesgeschichte zwischen dem Komponisten Baron Georg von Wergenthin und der bürgerlichen Klavierlehrerin Anna Rosner.

Und zu einem Panorama jener jüdischen, nunmehr zu die „Heimat überflutenden“ erklärten „Fremden“, die in Zionismus, Sozialismus, assimilationswilligem Humanismus, ja selbst im Katholizismus ihren Fluchtpunkt vor dem dräuenden „Heil!“ wähnen. Dass die Josefstädter den gepflegten Salonton beherrschen, ist hundertfach geübt, doch Susanne Wolf stattet diesen mit einer beißenden Tiefenschärfe aus. Dem adrett gruppierten Sittenbild stellt sich die Regie von Janusz Kica entgegen, der mit dem ihm üblichen Esprit, mit Sensibilität, seinem Blick fürs Wesentliche und seinem Sinn für Psychologisierung der Figuren ans Werk geht.

Alexander Absenger und Alma Hasun. Bild: © Roland Ferrigato

Alexander Absenger und Raphael von Bargen. Bild: © Roland Ferrigato

Katharina Klar und Alexander Absenger. Bild: © Roland Ferrigato

Im raffinierten Setting von Karin Fritz, einer von oben herabschwebenden Salon-Ehrenberg-Ebene, als Unter- geschoss eine Art Bedrohlichkeit atmender Bunker, die der Epoche entsprechenden Kostüme von Eva Dessecker, springt die Handlung gleich zu Anfang in eine der Soireen der Madame Ehrenberg: Elfriede Schüsseleder, die mit pointiert trockenem Humor glänzt, und der die Lacher gewiss sind, ist die arme Leonie doch von allem und jedem entsetzlich ermüdet. Ihr zur Seite steht Siegfried Walther als Oberzyniker Salomon Ehrenberg, der statt des amüsierten Treibens in seinem Hause lieber angeregte Debatten zur Lage der Nation führen würde.

Doch es sind vor allem Alexander Absenger als Georg von Wergenthin und Raphael von Bargen als Schriftsteller Heinrich Bermann, die das Spiel machen, von Bargens Autor als sich mit Leidenschaft selbst zerfressender Intellektueller, der es lautstark leid ist, auf sein Jüdisch-Sein reduziert zu werden, Absengers Aristokrat als der ewige, bis zur Unverantwortlichkeit törichte Bub, ein „arischer“ Realitätsverweigerer mit nur ab und an hellen Augenblicken. Beide liefern eine fulminante Charakterstudie, wunderbar österreichisch Bermanns Satz: „Die Entrüstung ist hierzulande ebenso wenig echt, wie die Begeisterung, nur Schadenfreude und Hass sind echt“, Absenger brillant als trotziges Kind, das Zeter und Mordio schreit, als sich Anna endgültig von ihm abwendet.

Als diese hat Alma Hasun ihre starken Momente, die geschwängerte Geliebte, die aus Egoismus und „Künstlertum“ so lange beiseitegeschoben wird, bis ihr Selbstbewusstsein als Frau ihr die Rolle des benützten und fallen gelassenen Opfers verbietet und Anna beschließt auf eigenen Beinen zu stehen. In diesem Sinne modern auch Katharina Klar als sozialistische Revolutionärin Therese Golowski, eben erst aus dem Gefängnis entlassen und schon wieder als Frauenrechtlerin auf den Barrikaden. Klar gestaltet diesen Freigeist, der sich die Männer nach Belieben nimmt und abschiebt, mit großer Intensität, spröde und glühend kämpferisch zugleich; die Emanzipation, man kauft sie ihr in jeder Sekunde ab – und schön zu sehen ist, wie sich Klar, bisher als Gast in „Rosmersholm“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35913), ins Ensemble einfügt.

Stets eine Freude ist es, Julian Valerio Rehrl zu erleben, als verzweifelt aufbegehrenden Leo Golowski, dessen Demütigung als Jude beim Militär mehr Raum als im Roman gegeben wird, ist die Dramatisierung doch angereichert mit persönlichen Notizen Arthur Schnitzlers und originalen politischen Zeitstimmen. Rehrl weiß seinen Auftritt als Duellant zu nutzen, ebenso wie Michael Schönborn, dem die Figur des Rechtspopulisten Ernst Jalaudek auf den Leib geschrieben wurde, ein Deutschnationaler, der den Antisemitismus so lange hochhält, bis seine Fraktion den Nutzen der jüdischen Bankiers für die Bewegung ins Visier nimmt.

Oliver Rosskopf und Alma Hasun. Bild: © Roland Ferrigato

Alexander Absenger. Bild: © Roland Ferrigato

Absenger und Katharina Klar. Bild: © Roland Ferrigato

Klamminger, Rehrl, Siegfried Walther, Joseph Lorenz und Elfriede Schüsseleder. Bild: © Roland Ferrigato

Schönborn, Beweis dafür, dass es keine „kleinen Rollen“ gibt, lässt seinen Jalaudek im gemütlichsten Wiener Plauderton derart vor den sattsam bekannten Ressentiments triefen, dass es einen tatsächlich ekelt. Und sagt er „Wir sprechen aus, was der kleine Mann denkt“, so lauert die Gefahr in jeder Silbe, die Argumente, sie scheinen so hieb- und stichfest wie Waffen. Die Paranoiker in der Runde, sie behalten im Zeitalter des strategischen Antisemiten und Wiener Bürgermeisters Karl Lueger niederschmetternd recht. Weitergedacht mag via des Wahlkampfauftakts in Oberösterreich werden, Deutschkenntnisse als Daseinsberechtigung und Null-Asylwerber-Quote sind – hier die jüdischen Zuwanderer betreffend – auch Thema bei Susanne Wolf.

In dem Zusammenhang und um die politische Stimmung festzumachen, wurde mit Jakob Elsenwenger die Figur von Annas Bruder Josef Rosner, einem Parteiblatt-Redakteur aufgewertet. Tobias Reinthaller frönt als Jockey und Bonvivant Oberleutnant Demeter Stanzides dem Alltagsrassismus. Eine Idealbesetzung ist Michaela Klamminger als schöne, kluge, vergeblich in Georg verliebte, nichtsdestotrotz leichtfüßige Else Ehrenberg. Als Vater und Sohn Stauber überzeugen Joseph Lorenz, sein Doktor Stauber sen. selbstverständlich Schnitzler vom Feinsten, und Oliver Rosskopf, als ebenfalls Arzt und sozialistischer Abgeordneter ein Ehrenwerter in dieser Gesellschaft.

Zwischen Kulturdebatten über Kunst als Mittel zu Propaganda und Agitation, zu blütenweiß-grell erleuchteten Albtraumbildern, erweitert sich die Kluft zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten, der vielstimmige Chor der Salonière Ehrenberg zerfällt in gequält grüblerische Einzelgänger. Einzig ihre gebrochenen Herzen sind noch ineinander verwoben, so zeigt das erste Bild nach der Pause: alle Darstellerinnen und Darsteller auf langer Bank aufgereiht, in parallele Dialoge verstrickt, sich selbst und die anderen beobachtend, mit dem Selbst- und dem Fremdbild ringend, all dies dargeboten in einem steten Changieren zwischen Drama, Lakonie und Sarkasmus, die k.u.k. Oberfläche, die Oberflächlichkeit der besseren, der gutbürgerlichen Leut‘ von Janusz Kica ausgeleuchtet bis in ihre impertinente Bodenlosigkeit.

„Der Weg ins Freie“, so ist in dieser Aufführung zu lernen, ist ein innerer, verbunden mit Charakterprüfung, Gewissenserforschung, dem täglichen Versuch, auf dem Pfad der Menschlichkeit und des Mitgefühls nicht zu straucheln. Dies das Private, was das Politische betrifft: Wehret den Anfängen! Immer! Jetzt!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=GPWEsZfVoL4             www.josefstadt.org           www.susannewolf.at

  1. 9. 2021

aktionstheater ensemble streamt: Salz Burg

März 23, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Hungerkünstler des gespielten Worts

Strenge Lehrmeisterin in Sachen Spielbetrieb, Selbstaufgabe und Scheißdrauf: Grande Dame Vera Borek mit Videogestalter Felix Dietlinger (u.). Bild: © aktionstheater ensemble

Das aktionstheater ensemble zeigt als letzte Produktion der vierten Staffel seiner digitalen Aufführungsreihe „Streamen gegen die Einsamkeit“ die noch bis Sonntag zu sehende Performance „Salz Burg“ aus dem Jahr 2012 – und es hat was von der Faszination des Grausens wie zeitgemäß dieser mit den Erfahrungen des Ensembles komplettierte Text von Wolfgang Mörth gerade wieder ist. Das aktionstheater ensemble veranstaltet mit allem Pipapo eine Sponsorenparty, alles ist „vorbereitet aufs allerbest‘ für Geldgeber und andere Gäst´“.

Freilich, bei dem Titel muss der Hofmannsthal herhalten. Zu Jedermanns Freude wickeln sich zwei Pole-Tänzerinnen akrobatisch um die Stangen, vier Minuten pure Körperkunst zum pulsierenden Technobeat von Erdem Tunakan, der einen Pulsinger & Tunakan-Hälfte. Zur ziemlich „experimentellen“ Live-Kameraführung gibt es drei Vidiwalls – Alexander Moissi und sein „Tod“ Werner Krauß auf dem Domplatz, „Die Götter müssen verrückt sein“, „The Sound of Music“ und weiß der Kuckuck aus welchem Film der chinesische Kader ist.

Von Martin Gruber aufs Korn genommen wird jedenfalls der Kniefall der Hochkultur vor den Finanzstarken. Tobias – Voigt!, æ-Aficionados wissen’s, die Darsteller kreieren im Spiel eine fiktive Figur ihrer selbst – buhlt als Armer Nachbar um die Gunst der „Bewilligungsbefugten“, Sponsoren, Subventionsgebern, Kulturpolitiker: „Nur diesen Beutel teil‘ mit mir …“ Der Akteur mit der schwächelnden Blase und den kraftstrotzenden Grundsätzen, der eingangs, weil auf eine freie Toilette wartend, klorollenlange Assoziationsketten über begrenzte Kapazitäten und Ressourcen-Verteilung abwickelte, weiß um das große Theater mit den per Eigendefinition „Gönnern“.

„Bewilligungsdarsteller mit fixer Gage“, schimpft er sie. Und man selbst? „ …das Biafra, die Sahelzone, das Somalia der Bühnenkunst, Hungerkünstler des gespielten Worts, die Ausgezehrten des Spielbetriebs …“ Vom Speichel des Publikums müsse man sich ernähren, sagt Tobias, und nicht einmal das ist anno 2020/2021 via Stream mehr möglich. „Salz Burg“ ist als heute betrachtete Inszenierung ein Entwicklungsschritt auf dem Weg, den die schnelle Eingreiftruppe zur theatralen Aufarbeitung aktueller Themen 2008 einschlug, weg von den Klassikern, hin zur poetischen, in doppeltem Sinne „Verdichtung“ der gesellschaftspolitischen Realität.

Martina Ambach lamentiert. Bild: © aktionstheater ensemble

Vera Borek deklamiert. Bild: © aktionstheater ensemble

Susanne Brandt kalmiert. Bild: © aktionstheater ensemble

Was Martin Gruber und Martin Ojster hier ansprechen, und schön ist’s zu sehen, wie etwa Michaela Bilgeri und Susanne Brandt bereits an ihren Manierismen feilen, wird in den kommenden Projekten noch präziser werden: Vom Demokratie-Ennui bis zum egozentrierten Weltbild Europas, vom Couchkomfort zum Faschismus, von der Selbst-Infantilisierung über Interesselosigkeit zu einer Konsumsucht, die sich wie ein Krebs ausbreitet – ein collagenähnliches Panorama des Österreichischen, bei dem das Ensemble aufs Anarchischste den Aufstand probt, doch die Barrikaden des Kulturestablishments nicht ohne Selbst/Ironie stürmt.

2012 war das aufg’legt. Die Salzburger Festspiele hatten eben erst den zum Eröffnungsredner bestimmten Jean Ziegler wieder ausgeladen, „diesen Fremdkörper im Festspielorganismus“, sagt Bilgeri, „800 Millionen hungernde Menschen scheißen drauf“, sagt Brandt, „unterm Schirm der Kunst nichts spüren und nichts riechen“, das sei das Ersatzerlebnis, die Ersatzbefriedigung! Wie stets ist Martin Gruber der Moral von der Geschicht‘ elegant ausgewichen, persönliche Befindlich- und Wehleidigkeit hat hingegen hinreichend Platz.

Susanne hat sich für die Rolle der Sandy in „Grease“ beworben, für Musical ist ja Geld da und außerdem „bin ich innen nicht so, wie ich außen ausschau‘, ich fühl‘ mich wie ein Modeltyp“. Fabelhaft verzweifelt und urkomisch ist die Brandt, während sie sich durch ein Best-of-Webber singt. Michaela würde als Stellenangebot auch Blow Jobs annehmen. Martina (Ambach), eben noch Backstage-Anekdoten runterleiernd, eine im Bühnenpelz schwitzende Sängerin, ein Sponsor, der inszenatorische Oberhand will, „weil er’s schließlich zahlt hat“, bricht bei ihrer Selbst/Aufgabe in Tränen aus – so böse sind alle zu den Festspielen, dabei „is des quasi mei Ursprung.“

Michaela Bilgeri. Bild: © aktionstheater ensemble

Tobias Voigt. Bild: © aktionstheater ensemble

Susanne Brandt. Bild: © aktionstheater ensemble

Alle an der Pole Dance Stange. Bild: © aktionstheater ensemble

Derart wird schwadroniert und lamentiert, alles immer haarscharf pathetisch, und mittendrin erstaunt, erschreckt, „im falschen Film“ grad recht – Vera Borek, die Grande Dame des Wiener Volkstheaters, die – „Aufpassen, Kinder!“ – den Nachwuchs bei der Pole Dance Stange hält, in Tonfall und Geste eine gestrenge Ballettmeisterin, Ihre Deutungshoheit, die Bedeutungsschweres zu künden hat, „ …über wie viele Schatten ich schon gesprungen bin …“, „ihr fragt euch, wie bewahre ich bei all dem meine Würde, und ich sage euch, scheißt’s auf die Würde“.

Borek taumelt zum Mikrophon, „mit der richtigen Technik spielen wir die neueste Gesetzesnovelle zur Künstlersozialversicherung als wäre sie von Elfriede Jelinek“, ja, das war auch 2012, um Michaela Bilgeri aus „Wie geht es weiter“ zu zitieren, „ein Riesenthema bei uns“, die Borek will die im Trüben fischenden Kritiker mit postdramatischen Eindrücken beeindrucken, bevor sie sich neben ihren cognacfarbenen Lederfauteuil setzt. Martina hilft, Michaela lacht. Heimlich.

„Planlose Aktivitäten, sprühend vor Energie, aber alles in allem rätselhaft“, rekapituliert Tobias als wäre er einer der erwähnten Kritiker. Damit das klar ist, ES GEHT UMS GELD! Susannes irrer Smalltalk, Schmollmund-Schlampe Michaela, Martina mit ihrem urwüchsigen Charme, wer würde da gern spenden? Viel fehlt nicht, dass ihm das ergänzende Samen- wie Geifer von den Lippen tropft, toxische Männlichkeit heißt sich das. Der nächste Mythopoet, Videomacher Felix Dietlinger, redet von Rebranding, man müsse Content und Hype zugleich zu sein.

„Wie bewahre ich bei all dem meine Würde …?: Vera Borek. Bild: © aktionstheater ensemble

Was Wunder, dass die Berühmtheit in der Runde, die Borek, die ohnedies den Großteil des Abends neben der Espressomaschine verbracht hat, nun als güldene Kaffeekapsel epiphaniert. Vera Borek als fleischgewordene Werbefläche, das ist Product-Placement auf höchster künstlerischer Ebene, das ist Theater-Placement mit subtilem Produktzusammenhang. Noch ästhetischer, authentischer, aussagekräftiger geht nicht.

Und mit ihrer unverwechselbaren, vom Schneidenden ins Somnambule wechselnden Stimme schließt die Borek: „Da draußen gibt es irgendwo die Freiheit der Kunst … glaube ich … dann lass‘ mich sanft hinübergehen, vielleicht geh‘ ich in Freuden ein …“ Und aus dem Hofer-Sackerl schneit’s Federn. Wer wohl gerupft worden ist?

aktionstheater.at           Trailer: vimeo.com/42688565

23. 3. 2021