Theater in der Josefstadt: Der Gott des Gemetzels

Mai 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschlechterkampf und Ehekriege

Das Handy ist hin, die Männer föhnen, die Frauen jubeln: Judith Rosmair, Susa Meyer, Michael Dangl und Marcus Bluhm. Bild: Moritz Schell

Wie über den Kokoschka-Katalog gekotzt wird, und warum das Handy in der Tulpenvase landet, man hat das alles schon gesehen. Ein mitwisserisches Publikum amüsiert sich prächtig, ein Kichern schon, bevor die Pointe losbricht – Yasmina Rezas böse, kleine Komödie „Der Gott des Gemetzels“ ist in der Regie von Torsten Fischer am Theater in der Josefstadt angekommen.

Diesmal sind es Susa Meyer und Michael Dangl, die als Ehepaar Reille die Eltern Houillé, Judith Rosmair und Marcus Bluhm, besuchen, um Abbitte zu leisten. Ersterer Sohn Ferdinand hat der Zweiteren Sprössling Bruno im Park zwei Zähne ausgeschlagen, die Erwachsenen treffen sich in der Wohnung des „Opfers“ zu Friedensverhandlungen. Der Akt kindlicher Aggression wird zum Auslöser für alles Weitere. Denn Reza zeigt mit ihrem satirischen Kammerspiel auf, wie dünn der Firnis der Zivilisiertheit ist. Man hört im Stück regelrecht, wie er aufblättert und absplittert, geht’s noch los mit Begrifflich-, landet man bald bei Handgreiflichkeiten, und Fischer hat diese Einrisse genüsslich, die Situationskomik unter dezentem Einsatz von groteskem Slapstick inszeniert.

Finstere Seiten kommen ans Licht. Michael Dangl gibt den Rechtsanwalt Alain ruppig-blasiert, wenig interessiert er sich für Familienangelegenheiten, wenn’s für ihn doch gerade darum geht, einen verbrecherischen Pharmakonzern aus der Bredouille zu befreien. Er ist ein cooler Krieger in der Welt der großen Geschäfte, der mitten auf dem Schlachtfeld den Kuchen der Feinde mampft, sich in deren Bad sogar duscht und ab und an sein verächtlich grunzendes Lachen hören lässt.

Marcus Bluhm – er ist ab kommender Spielzeit als fixes Ensemblemitglied am Haus engagiert – hat als cholerisch-kumpelhafter Haushaltswarenhändler Michel wiederum den geliebten Hamster der Tochter „abgeschafft“, weil ihm vor den possierlichen Nagetieren graust. Rosmairs politisch korrekte Schriftstellerin Véronique trifft auf Meyers desillusionierte Vermögensberaterin Annette, Mittelklasse auf Upper Class, und wie immer bei Reza wirkt Alkohol als Katalysator, um den Motor auf Touren zu bringen und im Idealfall sogar zu überdrehen.

Ein solcher ist in der Josefstadt jedenfalls gegeben. Vier großartige Schauspieler stehen einander mit ihrem wohldosierten Komödiantentum gegenüber, blitzschnell erfolgen die Wechsel vom Geschlechterkampf zu den jeweiligen Ehekriegen, die Bündnispartner verraten einander für einen Witz, die Männer träumen Bubenfantasien, die die Frauen naturgemäß nur belächeln können, doch brechen die Koalitionen in Sekunden und es beginnt die paarweise Zerfleischung. Dann wieder ein provisorischer Boden über dem Abgrund: Smalltalk, Schöntun, ein Seien-doch-wenigstens-wir-vernünftig.

Vor allem Susa Meyer beherrscht die Kunst zwischen diesen Aggregatzuständen zu wechseln. Und auch Judith Rosmair changiert als Véronique zwischen bemühter Toleranz und allmächtiger Verachtung, wunderbar die Momente, in denen sie aus dem Weltverbesserungsmodus entgleist. An der Josefstadt zeigt sich „Der Gott des Gemetzels“ einmal mehr als Klassiker des gehobenen Boulevards, ein Abend zum Immer-wieder-gern-Sehen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=6&v=KQbOu5gdhtE

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  1. 5. 2018

Kammerspiele: All About Eve

März 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Zelebrieren der Zwischentöne

Diva Margo Channing chrasht die Party: Sandra Cervik, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz, Gioia Osthoff und Fritz Egger. Bild: Sepp Gallauer

Im Wortsinn gemacht für die Kammerspiele ist die bitter-bissige Komödie „All About Eve“ die Donnerstagabend am Haus uraufgeführt wurde. Starautor Christopher Hampton hat die Bühnenfassung des Mankiewicz-Films mit Bette Davis aus dem Jahr 1950 erstellt, ob seiner Erkrankung führte Herbert Föttinger Regie – und der hat das Stück nicht nur als Vehikel für zehn hervorragende Schauspieler inszeniert, sondern als so kultivierte wie spöttische Satire auf den Theaterbetrieb an sich interpretiert.

Vorgeführt wird das Personal, das sich hinter der Bühne so tummelt. Von der Garderoberin bis zur Schauspieldiva, vom Dramatiker bis zum Kritiker, den Fan nicht zu vergessen, und das Ensemble füllt diese klischierten Figuren lustvoll mit eigenständigem Leben und zelebriert genüsslich die Zwischentöne. Denn Hamptons Text strotzt vor trockenem Humor. Die Gemein- und Frechheiten werden mal subtil, mal hinterhältig an den Mann oder an die Frau gebracht. Alles wird hier so gesagt, wie’s gemeint ist, nur ausgesprochen als ob nicht. Das Publikum reagierte auf all die Kabalen höchst amüsiert und dankte am Ende mit viel Applaus.

Die im Titel angesprochene Eve ist eine Verehrerin von Bühnenstar Margo Channing. Durch einen glücklichen Zufall in deren Haushalt verfrachtet, macht sie sich dort unentbehrlich und nimmt mehr und mehr die Gepflogenheiten der Hausherrin an. Während sie die Übernahme vorbereitet, macht sie sich durch Intrigen den Hofstaat der Channing zu eigen. Bald ist sie im Erfolgsstück „Gereift in Holz“ deren Zweitbesetzung, und spätestens jetzt ist klar, Eve hat die ganze Angelegenheit von langer Hand geplant. Margo wird sich zurückziehen und der jüngeren ihren Platz an der Rampe überlassen müssen. Doch da ist nicht nur ein Theaterkritiker, der die Wahrheit über Eves Vergangenheit kennt und zum Erpresser wird, an der Bühnentür wartet auch schon der nächste Fan. Und diesmal auf Eve …

Martina Ebm und Joseph Lorenz. Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

An den Kammerspielen brillieren Sandra Cervik und Martina Ebm als durchaus sympathische, wenn auch exaltierte Margo Channing und bei ihr Einschmeichlerin und gewiefte Karriereplanerin Eve Harrington. Ebm vollführt die Verwandlung vom bescheidenen Mauerblümchen zum pelztragenden Starlet mit viel Fingerspitzengefühl für den Werdegang ihrer Figur, während die Cervik vormacht, wie elegant Sarkasmus sein kann. Berührend eine Szene, in der sie allein und weinend im „Gereift in Holz“-Bühnenbild zusammenbricht, großartig, wenn sie im Zorn eine Party crasht, weil sie Eves Unterwürfigkeit längst als Manipulation enttarnt hat. Auf dem Höhepunkt der Divenzwistigkeiten muss zweitere ersterer einen Schauspielpreis überreichen – ein Kabinettstück.

Joseph Lorenz fungiert als Erzähler am Mikrophon wie als Mitwirkender am Ränkespiel. Er gestaltet den Kritiker Addison DeWitt als distinguierten, selbstverliebten Snob, der meint alle nach seiner Pfeife tanzen lassen zu können. Als Meister des verbalen Schlagabtausches zeigen sich auch Alexander Pschill als schrulliger Erfolgsdramatiker Lloyd Richards und Martina Stilp als dessen Frau Karen, er aus Geldnot ein Überläufer zu Eve, sie die ehrliche und loyale Freundin Margos. Raphael von Bargen gibt Margos angesichts von Eves Avancen unerschütterlichen Liebhaber und Regisseur Bill Sampson, Susa Meyer burschikos die gute Seele und Garderoberin Birdie. Gioia Osthoff als ewiges Talent Claudia Caswell, Fritz Egger als Produzent Max Fabian und Swintha Gersthofer als Phoebe komplettieren den Cast.

Eve Harrington eignet sich Margos Hofstaat an: Martina Ebm, Martina Stilp, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz und Gioia Osthoff. Bild: Sepp Gallauer

Für all das hat Walter Vogelweider ein sehr klares Bühnenbild erdacht, das mit jeweils einem Versatzstück – ein Klavier, gespielt von Belush Korenyi, ein Schminkspiegel, eine Bar – den Spielort kennzeichnet, die aufgestellten Scheinwerfer wirken wie eine Reminiszenz an die sechsfach Oscar-prämierte Kinoversion. Die Kostüme von Birgit Hutter erinnern an deren Entstehungszeit in den Fifties.

„All About Eve“ an den Kammerspielen punktet mit treffsicheren Dialogen und fulminanten Schauspielerleistungen. Der traditionsreiche Tempel Theater wird geistreich aufs Korn genommen, seine Protagonisten charmant und liebevoll ironisiert. Dass der Stoff auch über die Tragödie des Älter- und Ausrangiertwerdens geht, lässt die Cervik in einigen wichtigen Momenten aufblitzen. Vor allem um sie aber bräuchte man sich keine Sorgen zu machen, sie wird von Arbeit zu Arbeit besser.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=SLIOBEMI9Hg

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  1. 3. 2018

Theater in der Josefstadt: Die Wildente

Mai 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schön in aller Schlichtheit

Familiendrama im Stiegenhaus: Raphael von Bargen, Gerti Drassl, Roman Schmelzer, Maresi Riegner und Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

An der Josefstadt hatte Ibsens „Die Wildente“ Premiere, dieser Dauerbrenner an heimischen Bühnen, man hat den einen und die andere diesmal Mitwirkende/n schon in früheren Inszenierungen in jüngeren Rollen gesehen, doch der Donnerstagabend war etwas sehr Besonderes. Regisseurin Mateja Koležnik, eine der wesentlichen Spielmacherinnen des slowenischen Theaters und ausgewiesene Ibsen-Expertin (ihre Vorjahresinterpretation der „Nora“ am Stadttheater Klagenfurt begeisterte derart, dass Martin Kušej die Aufführung ans Resi holte), gab ihr Wien-Debüt – und überzeugte auf ganzer Linie.

Sie hat Ibsen schlank und schlicht gemacht, und birgt in dieser Schlichtheit große Schönheit. Sie stemmt sich „einfach“ gegen Bedeutungsschwere und Pathos. Die nunmehr wie dahingesprochenen Sätze, die geflüsterten Geheimnisse, erzählen von einer unerträglichen, weil unechten Leichtigkeit des Seins, und die großartige Beiläufigkeit, mit der agiert wird, weist aus: Hier wird mehr aneinander vorbei gesprochen als tatsächlich miteinander geredet. Viel Falschheit wird mit nicht einem falschen Ton gesagt, die Lebenslügen, der Selbstbetrug, schneiden so erst recht ins Fleisch. Koležniks Arbeit tut weh.

Man spürt die unterschwelligen Aggressionen, die gutbürgerlichen Unzufriedenheiten – und brechen diese abrupt auf und aus, ist man durch das Hochbrausen der Emotionen an diesem stillen Abend umso mehr erschüttert. Für all das hat Koležnik mit Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kostümbildner Alan Hranitelj eine Art Farbleitsystem erdacht, eine spezielle Farbästhetik von zinkgrau-zinskasernenen Kittelschürzen bis blauen Arbeits/Mänteln. Die Herren im Ensemble laborieren außerdem allesamt an einem Bad-Hair-Day, heißt: gatschbraunem Topfhaarschnitt.

Die Frage, wer tatsächlich Hedvigs Vater ist …: Maresi Riegner und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

… treibt Hjalmar und Gina auseinander: Roman Schmelzer und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

Gespielt wird in einem Stiegenhaus, diesem nachbarschaftlichen Begegnungsort, an dem sich’s trotzdem so trefflich anonym und unangetastet bleiben lässt. Die steilen, atemlos machenden Stufen, diese „Lebensleiter“, verbinden mutmaßlich die Ekdal’sche Wohnung mit dem Fotoatelier, im ständigen Treppauf-Treppab wird Geschäftigkeit, wird Bewegung simuliert, wo seit Langem seelischer Stillstand herrscht. Eine alle Heimlichkeiten wahrende Tür führt auf den mysteriösen Dachboden, der nicht nur den Wasservogel, sondern auch einige Tanzpaare beherbergt. Ibsens Hang zum Symbolismus, der mitunter unvermittelt seiner naturalistischen Beschreibung von Realität gegenübersteht, ist ja bekannt – und Koležnik trägt ihm mit ihrer aufs Kondensat eingedampften Arbeit und dem klaustrophobischen Bühnenraum Rechnung.

All diese wunderbar konzeptiven Ideen wären wenig wert, hätte man nicht Schauspieler, die diese auch in den Zuschauerraum zu übertragen wissen. Und Koležnik versteht sie exzellent zu führen und zu stärkster Wirkung zu bringen. Maresi Riegner, diese blutjunge Film- und Theaterentdeckung, ist eine formidable Hedvig, sehr naiv, sehr Mädchen, ein von den unerwarteten Umständen erschrecktes Kind, das sich zum Wohle der Eltern opfert. Gerti Drassl und Roman Schmelzer brillieren als Hjalmar und Gina Ekdal, die hantige Mutter und der gutmütige Vater, deren Existenz ein Mensch gewordener Jagdhund vernichtet, nur weil er seinem Wahrheitswahn und seinem übersteigerten Ehrbegriff folgen zu müssen glaubt.

Die Werles tragen ihren Vater-Sohn-Konflikt in der Familie Ekdal aus: Maresi Riegner, Michael König und Raphael von Bargen. Bild: Astrid Knie

Als dieser Gregers Werle ist Raphael von Bargen eine Idealbesetzung, herrisch bis zum Herrenmenschentum, von sich selbst und seinen Idealen überzeugt. Er will sein Gewissen heilen, indem er andere krank macht, er holt zum Rundumschlag aus, und will doch nur seinen Vater treffen. Selten war in einer Inszenierung so klar zu erkennen, dass Gregers über die Ekdals Vergeltung an Håkon übt. Wie Schmelzers Hjalmar mit dem Grad der Verzweiflung menschlich wächst, schrumpft von Bargens Gregers mit seinem Tun zusammen.

Großartig sein Aufeinanderprallen mit „Vater“ Michael König, er ein Paradebeispiel für Ibsens misstrauischen, schweigsamen und hartleibigen Menschenschlag, und Peter Scholz als abgeklärt-zynischem Dr. Relling. Siegfried Walther ist ein wunderbarer alter Ekdal, mittelschwer senil und mit einem Dachbodenparadies auf Erden. Susa Meyer hat einen prägnanten Kurzauftritt als Frau Sørby, ebenso Alexander Absenger als Molvik. „Die Wildente“ an der Josefstadt ist eine hochkonzentrierte, atmosphärisch dichte und beklemmende Aufführung. Am Ende wird Gina vom Tod ihres Kindes in einem gewaltigen, bleischweren Schlussbild überwältigt, ein letzter Schrei, bevor der Eiserne fällt – nicht nur Gerti Drassl brauchte beim wohlverdienten Applaus sichtlich, um aus dieser Situation wieder ins Hier und Jetzt zu finden – auch das Publikum hatte eine Schrecksekunde, eine Schweigeminute nötig, bevor der Jubel losging.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=WuF68lYg7T8

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Wien, 5. 5. 2017

Kammerspiele: Monsieur Claude und seine Töchter

September 9, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Klischees ausgespielt, bis sie sich selbst entlarven

Vincent Bueno, Ljubiša Lupo Grujčić, Michaela Kaspar, Daniela Golpashin, Peter Marton, Martin Niedermair, Martina Ebm und Silvia Meisterle. Bild: Herwig Prammer

Monsieur Claudes Multikulti-Familie: Vincent Bueno, Ljubiša Lupo Grujčić, Michaela Kaspar, Daniela Golpashin, Peter M. Marton, Martin Niedermair, Martina Ebm und Silvia Meisterle. Bild: Herwig Prammer

Und wieder hat Folke Braband einen Komödienhit gelandet. An den Kammerspielen zeigt der Regisseur nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Der nackte Wahnsinn“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt, der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit abgehandelt werden.

Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist auch Autor Stefan Zimmermann zu danken, der mit seiner Textfassung die Untiefen des Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet hat und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen beiden Jahren gedreht, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Braband und Zimmermann nehmen diese Entwicklungen aufs Korn, und nehmen sie so ernst, dass ihnen gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihnen überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Sie haben die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und Braband lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Brabands Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich, siehe oben, etwas sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaß steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer!

Siegfried Walther ist als Monsieur Claude Dreh- und Angelpunkt des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Walther malt die Schablone, die diese Figur sein könnte, mit einer ganzen Palette an Gefühlsfarben aus, er gibt seinem Monsieur Claude Charakter, konterkariert dessen saturierte Selbstgefälligkeit mit Selbstzweifeln und entgeht so mit Verve jener Knallchargigkeit, der sich sein Filmkollege Christian Clavier nicht entziehen konnte. Eine Leistung, mit der Walther gleichsam die Grundierung der Aufführung festlegt.

Siegfried Walther und Félix Kama. Bild: Herwig Prammer

Mit Chateauneuf du Pape lassen sich alle Grenzen überwinden: Siegfried Walther und Félix Kama. Bild: Herwig Prammer

Peter Marton und Martina Ebm. Bild: Herwig Prammer

Ein Liebespaar gegen alle gesellschaftlichen Widerstände: Peter M. Marton und Martina Ebm. Bild: Herwig Prammer

Denn niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Susa Meyer ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Ida Ouhé-Schmidt als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen.

Die vier Liebespaare gestalten Michaela Kaspar und Ljubiša Lupo Grujčić, Silvia Meisterle und Vincent Bueno, Daniela Golpashin und Martin Niedermair, Martina Ebm und Peter M. Marton. Mit oft nur kleinen Gesten und Andeutungen gelingt es ihnen ihre Rollen in der Handlung und in ihren Beziehungen zu verorten.

Meisterle als Michelle ganz überspannte Künstlerin, Golpashin als Adèle mit einem genervten Augenrollen, wenn ihr Mann wieder einmal seine jüdischen Ahnen anruft. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Grujčić gibt den südländischen Heißsporn, der sich politisch völlig unkorrekt wegen seiner permanenten „Bombenstimmung“ frotzeln lassen muss, Niedermair einen raunzigen Nörgler, der sich alles Leid seines Volkes auf die schmalen Schultern geladen hat, Vincent Bueno das –  nicht Schlitzauge, sondern – freundliche Schlitzohr, er wird ergo von den anderen beiden auch als „dauergrinsender Arschkriecher“ beschimpft. Bueno greift dann zum Gaudium der Zuschauer auf seine Martial-Arts-Künste zurück, der Musicaldarsteller in seiner ersten Sprechtheaterrolle ist die erfreulichste Überraschung des Abends, wie er spielt, auch sein komisches Talent ausspielt, wie er sich ins Kammerspiele-Ensemble fügt, als hätte er nie etwas anderes gemacht, davon möchte man gern mehr sehen.

Als Tausendsassa zeigt sich Markus Kofler, wie schön, dass die Josefstadt mit seinem Engagement beweist, dass sie ein waches Auge Richtung freier Szene hat. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein lautmalerisches Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen erster Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, dem Fahndungsplakat gilt. Ein Araber, Sie wissen, da kann man nie wissen …

Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Folke Braband freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Im diesbezüglich durchkomponierten Programmheft mit seltsamen Europakarten samt „Dracula- und Autodiebländern“ findet sich dafür ein Psycho-Fragebogen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

Vincent Bueno im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21953

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1r2bTOH5gVs&feature=youtu.be

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Wien, 9. 9. 2016

Kammerspiele: Vincent Bueno im Gespräch

August 31, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt in „Monsieur Claude und seine Töchter“

Monsieur Claude und seine Schwiegersöhne: Siegfried Walther mit Vindent Bueno, Peter Marton, Martin Niedermair und Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Jan Frankl

Monsieur Claude und seine Schwiegersöhne: Siegfried Walther mit Vincent Bueno, Peter Marton, Martin Niedermair und Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Jan Frankl

Der französische Kinoerfolg des Jahres 2014, „Monsieur Claude und seine Töchter“, kommt nun auf die Bühne. An den Kammerspielen wird die Komödie von Philippe de Chauveron und Guy Laurent in einer Inszenierung von Folke Braband am 8. September uraufgeführt. Madame und Monsieur Verneuil, dargestellt von Susa Meyer und Siegfried Walther, wären ein zufriedenes Ehepaar, hätten ihre vier bildhübschen Töchter nicht eine Affinität zu Männern aus anderen Kulturkreisen.

Eine jüdische, eine muslimische und eine Hochzeit mit einem Asiaten mussten sie schon über sich ergehen lassen, da verkündet endlich die jüngste Tochter, einen französischen Katholiken heiraten zu wollen. An dem passt alles – bis auf die Hautfarbe. Musicaldarsteller Vincent Bueno übernimmt als chinesischer Schwiegersohn Chao Ling seine erste Sprechtheaterrolle. Ein Gespräch über Alltagsrassismus, das Gefühl Heimat, das neue Album „Wieder Leben“ und wie ein „Musicalfuzzi“ an den Kammerspielen nun für Rambazamba sorgt:

MM: Das ist Ihre erste Rolle am Sprechtheater, wie geht’s?

Vincent Bueno: Ja, und ich fühle mich extrem geehrt, dass ich mitmachen darf. Ich habe viel Musicalerfahrung, aber eine reine Schauspielrolle habe ich seit meiner Studienzeit nicht mehr gespielt, damals beim Armen Theater Wien, weil Erhard Pauer mein Abschlusslehrer am Konservatorium war. Die Proben an den Kammerspielen sind nun eine tolle Erfahrung mit tollen Kollegen.

MM: Wie sind Sie in die Produktion gekommen? Gab’s ein Casting?

Bueno: Nein und das ist das Coole daran: Die Josefstadt hat mich angefragt! Und natürlich war ich interessiert. Ich habe dann bei Herrn Direktor Föttinger vorgesprochen, einen Text aus „A Chorus Line“, und das war eine ziemlich arge Challenge, weil er aufs erste Kennenlernen doch sehr … wie soll ich das jetzt sagen? … respekteinflößend ist. Er hat zu mir gesagt: Du bist zu brav, ich will deine derbe Seite sehen, ja, und das versuche ich jetzt. Außerdem lerne ich gerade, meine Körpersprache zurückzunehmen.

MM: Funktioniert eine Theaterfamilie anders als eine Musicalfamilie?

Bueno: Gute Frage. Ich will jetzt nichts falsches sagen. Eine Musicalfamilie ist lebendiger, aufgeweckter, Sprechtheaterschauspieler sind nachdenklicher, in sich gekehrter. Vielleicht haben sie sich ja deswegen einen Musicalfuzzi geholt, damit er für ein bisschen Rambazamba sorgt. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich fühle mich so wohl, man wächst hier so zusammen. Man ist beim Sprechtheater angewiesener aufeinander, weil ein Satz in den anderen greift. Da kann keiner einen Egotrip veranstalten. Da wir nicht tanzen, nicht singen, ist sprechen, miteinander sprechen das Essenzielle.

MM: Sie spielen den chinesisch-stämmigen Schwiegersohn Chao Ling. Wie ist der?

Bueno: Eigentlich nicht so weit weg von meiner Person. Was uns unterscheidet ist, dass er Banker ist und ich ein Künstler, aber wir haben beide diese Sunshine-Art. Er ist im Gegensatz zu mir so strukturiert, er ist ein Checker, ich nicht. Ich bin sehr bescheiden, er kann seine Meinung rauslassen, das ist für mich grad noch ein bisschen schwer, aber wir sind auf einem guten Weg miteinander.

MM: Bescheidenheit ist nicht die beste Eigenschaft im Showbusiness.

Bueno: Das glaube ich auch. Aber das ist das Asiatisch-Höfliche an mir, das ich nun beim Spielen vollkommen ausschalten muss. Eine Challenge!

MM: Ist das Asiatisch-Höfliche nicht ein Stereotyp?

Bueno: Glaube ich nicht, die meisten Asiaten sind von Natur aus höflich. Es gibt einen Unterschied zwischen Höflichkeit und Aufrichtigkeit, und Asiaten haben diese Mischung, mit der viele Europäer nicht wirklich umgehen können. Die glauben, das Ja-Sagen und Verbeugen und Alles-Gut-Sagen ist ein Fake, aber es ist eine Sache des Respekts im gegenseitigen Umgang miteinander, die es im europäischen Raum so nicht gibt.

MM: Es ist eine Komödie, aber auch ein Stück über Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft. Haben Sie den auch schon erfahren?

Bueno: Nicht nur erfahren. Ich spüre, auch wenn ich nicht direkt auf mein asiatisches Aussehen angesprochen werde, Blicke auf mir, da denke ich mir Wow! Leute schauen einen gerade in der jetzigen Zeit wieder schief an, wenn sie zu erkennen glauben, dass man ein „Ausländer“ ist. Das ist teilweise blanker Hass. Ab dem Zeitpunkt aber, wo ich Wienerisch spreche, denn ich bin ja hier geboren, ist es für sie okay. Nach dem Motto: Ah, der kann sich anpassen. Es ist grotesk, aber es ist so.

MM: Sind die Asiaten nicht die guten, fleißigen „Ausländer“, die freundlichen Exoten?

Bueno: Und die Afrikaner und die Araber die bösen, arbeitsscheuen, meinen Sie? Ja, das stimmt schon, wir kriegen’s nicht so ab. Das ist jetzt auch sehr Thema bei den Proben mit Peter Marton und Ljubiša Lupo Grujčić, meinen Mitschwiegersöhnen, mit denen ich mich privat super verstehe. Wir versuchen die Vorurteile noch mehr zu unterstreichen, noch etwas Sahne draufzugeben, damit’s einerseits komisch ist, andererseits aber auch verstanden werden kann, dass es so nicht weitergeht im menschlichen Zusammenleben. Denn die Schwiegersöhne haben ihre Scharmützel miteinander, die auf ihrer unterschiedlichen Herkunft basieren. Wir wollen alle dem Monsieur Claude gefallen, doch der wünscht sich nur einen urfranzösischen Bräutigam für zumindest eine seiner Töchter.

Der Singer/Songwriter stellt demnächst auch live sein neues Album "Wieder Leben" vor. Bild: Vincent Bueno

Der Singer/Songwriter stellt demnächst auch live sein neues Album „Wieder Leben“ vor. Bild: Vincent Bueno

MM: Sie haben auf den Philippinen wie hier eine große Fanbase. Fühlen Sie sich zweigeteilt oder nehmen Sie best of both worlds?

Bueno: Ich habe eine Zeitlang auf den Philippinen gelebt, weil ich mich dort im Showbusiness etablieren wollte, und das Komische ist, ich habe festgestellt, dass ich mich in Österreich am Heimischsten fühle, aber in keinem der beiden Länder zuhause. Das heißt, ich gehöre nach Österreich, bin hier geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen, die österreichische Kultur ist meine Kultur, und trotzdem werde ich als fremd gesehen. Auf den Philippinen wussten die Leute, der ist nicht von hier, der hat keine Ahnung von unserer Kultur, deswegen können wir den auch nicht vermarkten.

MM: Das heißt, auf den Philippinen sind Sie Österreicher?

Bueno: Ja, man nannte mich The Austrian Idol, nach der Show „American Idol“, weil ich damals gerade im ORF „Musical – Die Show“ gewonnen hatte … (er schmunzelt).

MM: Was uns zur Musik bringt. Sie haben ein neues Album aufgenommen: „Wieder Leben“. Erzählen Sie etwas zu dessen Entstehungsgeschichte?

010063_db7035c8492c457a8ebb20c825b5d6e8Bueno: Es ist erstmals ein deutschsprachiges Album, was nicht alle in meiner Community mögen, aber meinen amerikanischen Stil habe ich beibehalten. „Wieder Leben“ hat damit zu tun, dass ich in den vergangenen Jahren vieles erlebt habe, wovon ich dachte, ich muss darüber schreiben. Es gab viele Momente in meinem Leben, die mir die Energie nahmen, nach denen ich erst wieder Kraft tanken musste, und beim Schreiben des Albums dachte ich, ich will „Wieder Leben“. Ich war eine Zeitlang offline, jetzt war’s soweit online zu gehen. Ich bin wieder da!

MM: Was Sie ansprechen hat mit Ihrer Familie zu tun. Ihre Tochter ist vergangenes Jahr kurz nach ihrer Geburt gestorben. Das ist so traurig, dass es eigentlich unmöglich ist, etwas dazu zu sagen. Aber wenn man das weiß, hört man’s aus dem einen oder anderen Song raus.

Bueno: Wenn es einen berührt, dann freut mich das. Meine Frau Charity stand beim Schreiben dieser Songs sehr hinter mir, sie hat mich mit meiner Musik immer unterstützt. Sie ist die beste Frau der Welt, und auch wenn das jetzt kitschig klingt, sie ist eine, wie man sie nicht alle Tage sieht. In der Zeit, in der das mit unserer Tochter passiert ist, haben wir sehr zueinander gehalten. Man kann an so einem Schicksalsschlag als Paar zerbrechen, oder daran wachsen. Wir, denke ich, sind gewachsen. Wir wissen, dass unsere Kleine jetzt woanders ist, das hilft uns.

MM: Man hört Soul und R&B. Wer sind Ihre musikalischen Vorbilder?

Bueno: Michael Jackson, Justin Timberlake, James Brown … Alle Performer, die sich gut bewegen und eine gute Stimme haben. Diese Sorte Allroundperformer vermisse ich hier in Österreich, was vielleicht heißt, dass Österreich mit so einem Total-Package nicht umgehen kann – und dann noch dazu mit einem „ausländisch“ ausschauenden Österreicher. Deswegen will ich meinen Stil gar nicht wirklich ändern; mein Album ist vom Gefühl her ziemlich „schwarz“.

MM: Sie unterrichten auch? Wen?

Bueno: Ich arbeite gerne mit Leuten, die schon wissen, dass sie singen können. Ich will niemandem Singen beibringen, sondern an einem Stil, an einer Ausdrucksweise feilen. Das macht mir Spaß. Also, wer das möchte, kann sich über meine Webseite gern bewerben.

MM: Pläne?

Bueno: Musik machen. Ich bin Musiker. Am 11. September spiele ich übrigens mit meiner Band im 25hours-Hotel. Das erste Mal live „Wieder Leben“.

www.vincent-bueno.com

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Wien, 31. 8. 2016