Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020

Kabarett Niedermair – Mike Supancic: Familientreffen

November 5, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nordkorea-Gstanzln made in der Steiermark

Großartiger Kabarettist, begnadeter Parodist: Mike Supancic. Bild: © Ludwig Rusch

Die siebzehn im Vorfeld hinuntergestürzten Magenbitter machen die Verwandtschaft auch nicht leichter verdaulich, heißt: jene 68 Leute, die zum 80iger der Cecilia-Tant‘ kommen werden. Mike Supancic muss diesmal ran, nämlich an Vorbereitung und Vollzug des nächsten „Familientreffen“.

Dies der Titel des aktuellen Programms des steirischen Kabarettisten, und apropos, Magen-: so bitterböse hat man den Spaßmacher noch selten erlebt, kippt ihm doch die Sippschaft-Satire in ungewohnter Beständigkeit Richtung Politsarkasmus. Die Groteske wird regelrecht grausam, sobald er vom Alltäglichen ins Allzu-Unmenschliche schwenkt.

Die Fronten im Psychoclankrieg sind rasch geklärt, hie Onkel Rudi mit der indonesischen Katalogfrau Nr. 214-335 und der Kärntner Schitrainer Kurt, der immer noch vom „Pastern“ träumt, dort Tante Aloisia mit dem Wahlspruch „Ich kann nicht mehr!“ und Wahltante Wiltrud mit dem Wolfshund – und dann ist da noch der Hubsi, von dem niemand genau weiß, in welchem Verhältnis er zu wem steht, der aber gekonnt Opas Konten hackt und leer räumt. Die Supancics gehen einander über alles, auch gegenseitig über die Leichen.

Vom Weihwasser-Waterbording bis zum Vase-übern-Kopf-Stülpen wird keine Quälerei ausgelassen, und wenn Supancic in bester ian-anderson’scher Folk-Rock-Manier vom Gewerkschaftsbruder Jethro Tull singt, im zarten Alter von 41 bereits in den Unruhestand versetzt, weil ihn die Belegschaft schnellstens in den Betriebsratssarg wünschte, dann ist das so morbid und makaber, dass es nicht verwundert, dass auf den Entzug aller Du-Wörter auch die Degradierung „Du bist nicht mehr mein Großneffe zweiten Grades!“ folgen muss.

Das ungemütliche Stelldichein der Familie Supancic ist selbstverständlich musikalisch unübertrefflich. Der Meister der Melodien-Parodie kann’s von Volksdümmlich bis Heavy Metal, sein Nonsensattacken werden da wie immer schwer hintersinnig, um nicht zu sagen: hinterhältig, die Themen des Tages allesamt besungen – der FPÖ-Historikerbericht im Stil der Liederbuchaffäre, wobei „Ein Neger wollte Hochzeit machen“ freilich nicht im fröhlichen Fidiralala endet, und ein Blondi(e)-Song Hitlers Schäferhündin meint. Nach spöttischen Kim-Jong-un-Gstanzln erhebt überdies Donald Trump die Stimme, um zur „Shaft“-Titelmusik zu verkünden, dass er zwar ohne Plan auf wen, dafür prompt aus der Hüfte schieße.

Derart geht’s vom Klimaschutz-Speiseeis über tatsächlich explodierende Mietkosten bis zur Zusammenlegung der Sozialversicherungen, weil gerade erst Allerheiligen und Allerseelen war, präsentiert Sepp Forcher „Mei liabste Leich“ – und Fans, die dachten, der gute alte „O’Leary“ oder die „OEBB Train“ seien nicht zu toppen, dürfen auf das „Theo Lingen Selbstmord Medley“ gespannt sein. Die Supancics sind so skurril wie die Addams-, so gruselig wie die Kelly-, im Gegensatz zur Familie Putz vom Lutz sogar freiwillig komisch, und ihr „Familientreffen“ so leicht entflammbar und hitzig, als würde man die Brandstifter persönlich zum „Feuer aus!“ rufen. Auf zwei Stunden Schlager, Scharfsinn und Schlagfertigkeit folgte von Seiten des Publikums schallende Begeisterung.

www.niedermair.at           www.supancic.at           www.youtube.com/user/feinfein69

  1. 11. 2019

Mike Supancic: Im Jenseits ist die Hölle los

Januar 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der gfeanzteste Herzkasperl im Kabarettzirkus

Mike Supancic beim Repetieren seiner halbautomatischen Humtata Bild: © Ernesto Gelles

Mike Supancic beim Repetieren seiner halbautomatischen Humtata
Bild: © Ernesto Gelles

Das Beste kommt zum Schluss. Die Wutbürgerparade auf der Mariahilfer Straße. Die liegt ja günstigerweise vor dem Stadtsaal, und dort lässt Mike Supancic die Unzufriedenen aufmarschieren. Die eingeglasten Nicht- und Raucher, Führer-Scheinbesitzer und verflixt flinke Fußgänger, die Schnitzel- und die Selleriefresser, Hassposter und ihre Gotteskrieger. Im Internet wenigstens die Wahrheit steht. Der Radetzkymarsch wird im Pegidaschritt durchkreuzt, kurz überlegt das Publikum, ob es mitklatschen soll, lässt es aber – jahaha!, Supancic und seine Auslegungen sind subtil auszulegen. Und apropos Verführer, natürlich ist der Anführer der Mit-mir-sicher-nicht-Bewegung da. Er rappt und reimt … Strache … auf … Rache.  Überhaupt sind die Reime wieder Weltklasse.

Supancic, der lustigste Steirer jenseits des Trachten- und Volkstanzvereins „Lustige Steirer“, hat ein neues Programm. Das heißt „Im Jenseits ist die Hölle los“ und ist, ehrlich gesagt, ein bissel jenseitig, weil’s von den ewigen Jagdgründen bis zu den ungarischen geht. Was quasi schon jenseits von Gut und Böse ist, aber nicht stringent erzählt wird. Falls Logik eine Kabarett-Kategorie ist. Die Gürtellinie ist jedenfalls grenzzaunlos und für Bitterböse wurde sowieso noch keine bauliche Maßnahme erfunden, in Summe lässt sich also sagen: Man hat im Fritz Kortner’schen Sinne bis zum Sich-Anwischerln gelacht. Supancic spielt seine größten Stärken als Singer-Songklauer-Stimmimitator wie Atouts aus. Doch weil man das Gefühl nicht los wird, er habe um ein paar echt klasse Lieder eine krampfige Rahmenhandlung geschummelt, sticht er nicht so hoch wie sonst.

Los geht’s mit „Sympathy for the Devil„. Mike Supancic ist nämlich gestorben, und wie’s schon so heißt, dieser Weg er wird kein leichter sein, führte er über einen Supersaveshaver und ein Krokodil bis zur Terrorgruppe Fast Food. Nicht fragen! Das Ganze stellt sich sowieso als Irrtum heraus, in diesem Programm ist nichts und niemand sicher, jedenfalls landet Supancic bei diversen Begräbnissen, einem Gipfeltreffen der Todesarten – der Selbstmord ist ein Steirer: schnell, sauber, freiwillig – und schließlich bei Viktor Orbán. Letzteres war vom Gevatter als Rückführung gedacht, allerdings im Sinne früheres Leben nicht Flüchtling. Supancic, der große Poet, ist der gfeanzteste Herzkasperl im Kabarettzirkus. Ein König unter den Faschingsprinzen. Er schlägt mit Schlagern gnadenlos zu, die halbautomatische Humtata ist eine von ihm neu erfundene Waffengattung, weil er genau weiß, wie subversiv auf Ung’schmackig geht. Zu „The Girl from Ipanema“ wird Organdiebstahl an einem Straßenkind begangen, „Wand’rin‘ Star“ wird zu „Pornos schauen“, „Da Ya Think I’m Sexy?“ im Falsett gesungen zur Ode an den Schönheits-OP-Wahn.

Das ist so schiach, dass einem der Schiach angeht. Supancic hat mehr Stimmen als tausend Teufel. Und noch mehr Loavn. Er hat das Triviale einmal mehr zur Kunst erhoben. Er fabuliert über die Modedroge Magic Steckerlfisch und den VW-Konzern, lässt Falco unter den Wohlstandsverlierern die „Helden von heute“ suchen und Niki Lauda die zwei Hustinettenzuckerl, die früher mehr in der Packung waren. Anlässlich seines Titel-Diebstahls rast er noch schnell über den Datenschutz-Highway. Bis der Fidesz-Führer schließlich den Segen Urbi et Orbán erteilt: „Ganz weit hinter Debrezin, da soll reden der Muezzin“. Da kann sich einer vor Ärger blau kickln, dass ihm das nicht selber eingefallen ist … Jedenfalls ist es kein Wunder, dass Supancic zwischen den Synonymen blöd und Politik den roten Faden verliert. Und apropos Symbiont, ein gruseliger Wirt kommt auch noch vor. Was dann den Stammtisch des Schreckens endgültig an seinen Richtwert bringt. Sogar bei „Einer geht noch, einer geht noch rein“ ist irgendwann Obergrenze Unterlippe.

Was alles wurscht ist. Weil, im Stadtsaal war Schihüttenstimmung. Mike Supancic ist der geborene Entertainer. Und was noch wichtiger ist: Er hat sich wirklich gut unterhalten. Und sein Publikum erst recht. Sympathy for the Supancic. Ob die Aufklärungsrate von Revierinspektor Schmelzer das gleiche Kultpotenzial hat, wie ein O’Leary oder die OEBB-Train, wird sich zeigen.

Termine derzeit von 29. Jänner bis 2. Juni von Kulisse Wien bis Casineum Graz.

www.supancic.at

Wien, 28. 1. 2016