Sunset

Juni 17, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wohl behütet in den Weltuntergang

Juli Jakab als Írisz Leiter. Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Eine Theorie hat man wohl, was den Verbleib von Kálmán Leiter betrifft, den seine Schwester Írisz immerhin 142 Minuten lang sowohl sucht wie scheut, eine Theorie, die mit einem Wechsel von Frauen- zu Männerkleidung und zurück zu tun hat, und mit einem grausigen Beinah-Lächeln zum Ende. Folgt man diesem Gedankenspiel, dann bedeutet László Nemes‘ neuer Film „Sunset“ nicht, dass es

Pseudoschizophrenie als Krankheitsbild, sondern, dass es tatsächlich das Böse in der Welt gibt. Allerdings, seit Freitag in den Kinos, kann sich jeder selbst zur Interpretation des enigmatischen und in seiner Langsamkeit gewollt enervierenden Thrillers aufmachen, in dem Nemes das Budapest der K.u.K.-Monarchie im Sommer 1913 beschwört. Wobei sich der ungarische Regisseur einer ähnlich radikalen Ästhetik, erneut des klaustrophobischen Stils von Kameramann Mátyás Erdély bedient, wie bei seinem Oscar- und mit weiteren 40 Preisen prämierten Erstling, dem aufsehenerregenden „Son Of Saul“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18149) über das Schicksal eines Auschwitz-Häftlings. Wie vor drei Jahren das Gesicht von Géza Röhrig rückt er nun das von Juli Jakab in den Mittelpunkt, ihre keine Regung zeigenden Züge, ihre dafür umso beredteren Augen fotografiert in sepiafahlem Licht auf 35-mm-Material.

Rund um sie eine Ahnung der Prachtfassaden und Prunkplätze der Donaumetropole, zur Protagonistin in Unschärfe gehaltene Darsteller, schwüle Hitze, schweißnasse Haut, von Kutschen aufgewirbelte Staubwolken. Bald wird es an diesen Bildrändern zu Morden, Mädchenhandel und Sadomaso-Hingabe kommen, wobei all das seltsam schlafwandlerisch (siehe Christopher Clarks Sachbuch, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6715) und ergo mit einer eigentümlich hypnotischen Schönheit abläuft, die Endzeit im Habsburgerreich ein Ausharren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. „Blut wird diese Woche hier fließen“, sagt einer der sinistren Männer, die Írisz ab ihrer Ankunft in der Stadt umkreisen, und deren Dämonie die Décadence der besser situierten Kreise konterkariert, deren Verkommenheit aber auch die Verheißung einer gesellschaftlichen Veränderung in sich trägt. „Du bist es, die uns geweckt hat“, raunt ihr jemand zu.

Die Handlung von „Sunset“ ist ein verwinkeltes Labyrinth, an dessen Ausgang alle Fragen offen sind. Nemes treibt sein Spiel mit dem Ausschnitt weiter, von bildlich zu sinnbildlich, und ebenso bruchstückhaft und doppeldeutig, wie er die Historie preisgibt, so auch die Geschichte seiner Heldin, von der man so gerne glauben möchte, sie sei ein Backfisch, den es in eine gefährliche, brutale Gesellschaft verschlägt. Doch Írisz Leiter ist selbst geheimnisumwittert. Von Triest, wo sie in einem Waisenhaus aufwuchs, nach Budapest gekommen, bewirbt sie sich als Modistin in edelsten Hutsalon für die High Society – Leiter, denn das Luxuskaufhaus gehörte einst ihren Eltern, die bei einem Brand um Leben kamen, als Írisz ein Kleinkind war.

Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Nach vergeblichen Versuchen des nunmehrigen Inhabers Oskar Brill, Vlad Ivanov als blasiert-besorgter Großbürger, die junge Frau loszuwerden, arrangiert man sich. Mehr und mehr gerät Írisz aber in den Bannkreis ihres älteren Bruders Kálmán, von dessen Existenz sie bis dato nichts wusste, und der ihr gegenüber als „Wilder“, als eine Art Räuberhauptmann, der eine Schar meuchelnder Krimineller um sich versammelt hat, ausgewiesen wird. Schwer schwebt im Raum, bei der Gruppe könnte es sich um anarchistische Umstürzler, um Revolutionäre gegen Österreich-Ungarn oder um Nationalisten handeln. Dass sich da Dinge vorbereiten, die als Synonym für die kommende europaweite Katastrophe stehen, ist schnell klar.

Umso unangenehmer für Brill, der kaiserliche Hoheiten (Tom Pilath und Susanne Wuest) zum Einkauf erwartet – von Hüten für die Damen bis einer Auserwählten unter seinen Angestellten für die Herren. Deren letzte, den „Unfall Fanni“ sieht Írisz ebenso kurz, wie die verrückt gewordene Gräfin Rédey (Julia Jakubowska), deren Ehemann Kálmán getötet hat. Bei ihren Nachforschungen nach diesem stolpert Írisz durch bizarre Abendgesellschaften, die in Chaos und Gewalt versinken und bei denen Lehárs „Da geh‘ ich ins Maxim“ mal in ungarischer Sprache zu hören ist, wird Modell bei einer skurrilen Hutanprobe vor barfüßigen Würdenträgern und schließlich Zeugin des Überfalls auf das Schloss der Rédey.

Wobei sich der noch immer von niemandem gesehene Kálmán als Retter der zur Schändung freigegebenen Mädchen entpuppt. „Er hat schon als Kind den Schrecken in der Welt gesehen, aber er kam aus ihm selbst“, heißt es über den im Verborgenen Agierenden an einer Stelle. Derart istSunset“ ein Film voller Ambivalenzen und Allegorien, Metaphern und Mehrdeutigkeiten. Nicht nur die ausladenden, überladen verzierten Hüte stehen für einen von wenigen gepflegten Pomp, der ein Weltreich schlussendlich zerschlug. Es ist nicht neu, in einem Europa vor 1914 – nach außen reich und glanzvoll, doch dessen Tanz auf dem Vulkan längst Wirkmacht  destruktiver Kräfte – eine Warnung für die heutige Zeit zu sehen. László Nemes‘ Statements zum Film legen dies einmal mehr nahe.

Die Meisterschaft seines Films liegt aber nicht in historischer Analyse, sondern im Schaffen einer Mystery-Atmosphäre, die den Betrachter an den Rand seiner Nervenleistung bringt. Herausragend ist Juli Jakab, die dem bohrenden Blick von Mátyás Erdélys Kamera mit all der Anstrengung standhält, die einem eine solche kräftezehrende Aufgabe abverlangt. Den in Flammen aufgehenden Familiensitz der Rédey wird ihre Írisz klar und kraftvoll und mit einem merkwürdig triumphalen Lächeln verlassen. In der letzten Einstellung von „Sunset“ hat die Kamera sie verloren, muss sie erstmals suchen, da bewegt sie sich durch einen Schützengraben, Bombeneinschläge sind zu hören, Verwundete zu sehen. Und dann Írisz in einem Unterstand in Schwesterntracht. Und wieder spielt dieser irritierende Ausdruck um ihre Lippen …

www.sonyclassics.com/sunset

  1. 6. 2019

Stewart O’Nan: Westlich des Sunset

Mai 19, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Literarisches Requiem für F. Scott Fitzgerald

978-3-498-05045-0Ein Vanitas-Motiv. In Los Angeles hat es wieder einmal ein Erdbeben gegeben. Auch die Hollywood-Studios sind betroffen, und am nächsten Tag diskutieren Kulissenschieber über die Wiederverwertbarkeit ihres Arbeitsstoffes. Das Segeltuch in der Schlammpfütze, ein Jade-Buddha, dessen gerissene Haut ihn nunmehr als Schaumstoffgeschöpf ausweist, wird davon etwas zu retten sein? Oder ist das Schicksal der Religionsgründerattrappe besiegelt? Techniker denken praktisch. Am Ende von leerem Schein und Lügen, von Misserfolg und Vergeblichkeit steht der Tod.

F. Scott Fitzgerald am Kamin, die Faust verkrampft über der gekrampften Brust, die letzte Herzattacke – und ein letzter Gedanke: „Ich bin noch nicht fertig.“ Es ist das Jahr 1940 und ein angefangener Roman liegt in der Schublade und Nazi-Deutschland ist auf dem Vormarsch. Während der einstmals gefeierte US-Schriftsteller versucht aus seiner Vergangenheit etwas Neues zu generieren, erhebt sich in Europa eine schreckliche Zukunft, der Zweite Weltkrieg dämmert herauf und bald wird es erste Gräuelmeldungen geben …

Stewart O’Nan hat mit seinem Roman „Westlich des Sunset“ ein Requiem für F. Scott Fitzgerald geschrieben, dessen Tonfall eine einzige Erinnerung, eine Sentimentalität, eine Sehnsucht. Denn als das Buch beginnt, hat der Autor des „Großen Gatsby“ definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Seine Traurigkeit über gülden gewesene Tage hängt über den Seiten, Tage, in denen seine extravaganten Eskapaden Bilder für Glamourzeitschriften lieferten, nun entpuppt sich der Glamour als Tand, der schicke Roadster ist nur noch ein gebrauchter Ford. Fitzgerald ist bankrott, seine Frau Zelda, von ihrer psychiatrischen Familiengeschichte eingeholt, in ein Nervensanatorium eingewiesen, das Schulgeld für Tochter Scottie nicht mehr zu bezahlen. Fitzgerald versucht es an einem Ort, an dem er zuvor schon zwei Mal gescheitert ist: in Hollywood. Ein Gnadenbrot als Drehbuchautor. Er wird wieder scheitern. Diesmal existentiell scheitern. „Für mich war es, als würde ein großer Bildhauer dafür engagiert werden, als Klempner zu arbeiten. Er hatte keine Ahnung, wie er die verdammten Rohre verlegen sollte“, soll Regisseur Billy Wilder gesagt haben.

„Westlich des Sunset“ ist O’Nans bisher schönst geschriebenes Buch. Eines, das sich so angenehm liest, als ließe man kühles Wasser über die Handgelenke laufen. Eine traurige Ballade darüber, wie das Leben sein kann, wenn man nicht sorgfältig darauf aufpasst, mit einem Refrain, der, weil dies Teil seiner selbst ist, sich wiederholt und wiederholt. Fitzgerald arbeitet an einem Treatment, der Auftrag wird ihm entzogen, er trinkt, Zelda dreht am Rad, er trinkt mehr, er muss deswegen bei seiner Geliebten zu Kreuze kriechen … Die gibt es auch. Sheilah Graham, eine Societyreporterin. Und mit ihr noch mehr Schuldgefühle. Das Gewissen beißt ins kranke Herz. Das alles vor einer aufwendigen Traumfabriksdekoration, Filmpremieren in Grauman’s Chinese Theatre, teure Partys im Cocoanut Grove, Mittagessen in der Studiokantine mit Dorothy Parker und den anderen Intellektuellen, Zynikern und Chauvinisten, dazu passendes Namedropping von Humphrey Bogart bis Ernst Hemingway. Man ist verwundert, dass in diesem einzigen Riesenbesäufnis je ein Film zustande kam. „Das war das Problem mit Hollywood: Alles verwandelte sich in einen Plot“, lässt O’Nan seinen Protagonisten sagen. Ein Satz, gut erdacht für einen, der sein ganzes Sein in eine Fiktion von Glück und Reichtum verwandeln wollte. Mitunter fließt staubtrockener Humor durch die hochprozentige Erzählung. Die Hoffnung, dass morgen alles besser ist, trügt.

Statue von F. Scott Fitzgerald in seinem Geburtsort St. Paul, Minnesota. Bild: mottingers-meinung.at

Statue von F. Scott Fitzgerald in seinem Geburtsort St. Paul, Minnesota. Bild: mottingers-meinung.at

Fitzgerald hat sich vergeudet. An eine Welt, die ihn einst und er sie mit ausladenden Gesten umarmte. Es war seine größte Schwäche, dass er sich selber nicht widerstehen konnte. Hemingway dient der Erdung. Mit seinen Schilderungen aus Spanien, später Frankreich. Im Zusammenspiel der beiden „Kontinente“ entwickelt O’Nans Geschichte erst ihre emotionale Sprengkraft. Und im Aufeinanderprall mit dem dritten. Die wenigen Besuche Fitzgeralds bei Zelda sind die stärksten Szenen. Eindrücklich zeigt O’Nan in ihnen, wie eine fürs Leben geglaubte Liebe durch immer neue Erschütterungen porös wird – die Erdbeben und das Herz, Thema auch hier – bis sich die Liebe in etwas anderes verwandelt. In Mitleid und Mißbehagen.

Mit kühnen Strichen entwirft der Autor seine Figur. „Ein Gestrauchelter muss eine unzumutbare Last an Erwartungen tragen“, schreibt Fitzgerald an Zelda, und er meint sich, nicht sie. In diesen Teilen ist O’Nan ein Verzweiflungsbuch von besonderer Qualität gelungen. Zensur und Selbstzensur werden beschrieben, aus der Erzählung „Untreue“ wird für die Doch-nicht-Verfilmung mit Joan Crawford das Script „Treue“.

Reinecke heißt Hitlers Mann in Hollywood. Er achtet darauf, dass das Dritte Reich im US-Kino nicht zu schlecht wegkommt. Wer glaubt, in Hollywood sei der Kampf gegen den Faschismus eine Selbstverständlichkeit gewesen, täuscht sich aber wie. Lesern verlangt O’Nan dabei auch einiges an Vorwissen ab. Am Ende aber wird sein Roman viel mehr gewesen sein, als eine Biografie der letzten drei Lebensjahre Fitzgeralds. Er ist auf einer Metaebene die Schilderung eines Künstlerschicksals, deren Antiheld die Reise in die Zukunft nicht anreisen kann. Fitzgerald muss sterben, weil er sich überlebt hat. Sein Stil, seine Art Stoffe anzugehen, sind nicht mehr gefragt. Er und die verwehte Elegance, die der verlebte Dandy nach wie vor auszustrahlen wagt, gelten als nicht mehr zeitgemäß, die Hyänen haben von den Löwen die Herrschaft übernommen. Metro-Goldwyn-Mayer bringt 1940 die Komödie „Comrade X“ mit Clark Gable und Hedy Lamarr heraus. Als Gable scherzt, nun seien Nazi-Panzer zumindest auf der Kinoleinwand in Russland einmarschiert, weiß er noch nicht, wie nah er der Wahrheit ist. Doch da ist F. Scott Fitzgerald schon gegangen. Am Ende von leerem Schein und Lügen, von Misserfolg und Vergeblichkeit steht der Tod. Schriftsteller leben einfach nicht praktisch.

Über den Autor:
Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Zuletzt veröffentlichte er „Die Chance“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut.

Rowohlt, Stewart O’Nan: „Westlich des Sunset“, Roman, 416 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.

www.rowohlt.de

Wien, 19. 5. 2016

Harald Serafin spielt Max von Mayerling

April 10, 2013 in Tipps

„Sunset Boulevard“ am Stadttheater Klagenfurt

Sunset Boulevard - Harald Serafin, Ensemble Bild: (c) Aljosa Rebolj

Sunset Boulevard – Harald Serafin, Ensemble
Bild: (c) Aljosa Rebolj

Für ihn muss es halt immer ein See sein. Wenn nicht mehr der Neusiedler-, dann eben der Wörthersee. Bis 23. Mai ist „Mr. Wunderbar“ Harald Serafin am Stadttheater Klagenfurt in der Rolle des Max von Mayerling zu sehen. Keine Sorge, er ist nicht in Uniform und das ist kein k.u.k.-Stück. Vielmehr brachte der neue Intendant Florian Scholz Andrew Lloyd Webbers Erfolgsmusical „Sunset Boulevard“ als österreichische Erstaufführung nach Kärnten. Max ist der Butler der alternden Stummfilm-Diva Norma Desmond, die im Tonfilm nicht mehr Fuß fassen kann, doch unerschütterlich an ein Comeback glaubt. Pleitier und Drehbuchautor Joe Gilles will sie zumindest zu einem solchen überreden. Es folgen: Affäre und Mord im Affekt. Ganz großes Kino! Aus dem Jahr 1950 von Billy Wilder mit Gloria Swanson, William Holden und Erich von Stroheim (als Max). Wilder gibt die nicht nur Hollywood betreffenden Themen Erfolgsdruck, Jugendwahn und unsichere Arbeitsverhältnisse beziehungsweise schnelles Karriereende als zeitlos vor. Und weil das Schillernde oft nur Illusion ist, war das Stoff natürlich wie geschaffen für Webbers große Musicalballaden.

Am Stadttheater Klagenfurt spielt Musical-Diva Susan Rigvava-Dumas (Wer erinnert sich nicht mehr an ihren spooky Auftritt als Haushälterin Ms. Denvers in der Vereinigten-Bühnen-Wien-Produktion von „Rebecca“?) die Nora Desmond, David Arnsperger den Joe Gillis. Musikalische Leitung: Mitsugu Hoshino, Regie: Patrick Schlösser. Die deutsche Übersetzung ist von Michael Kunze.

www.stadttheater-klagenfurt.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 4. 2013