Wiener Festwochen: Deponie Highfield

Mai 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pferde sind jedenfalls gesattelt

Ich will ’nen Cowboy als Mann: Martin Wuttke und Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Prächtig, was einem an einem solchen Abend alles durch den Kopf gehen kann. Vom Richard-Ruf „Mein Königreich für …“ bis zum Komparsen-Satz vom Gesattelt-Sein, vom Hoppe-Hoppe-Kinderreim bis zum Kneipenwitz übers Pferd in der Bar. Für die Wiener Festwochen stellt nun René Pollesch sieben Lipizzaner auf die Bühne des Akademietheaters. Genauer gesagt, hat das Bühnenbildnerin Katrin Brack für dessen Uraufführung von „Deponie Highfield“ besorgt.

Die Weide rundum ist grün, auf der die edlen, beinah lebensechten Rösser sogar per ihren Ohren kommunizieren, mit dem Schweif schlagen und aus den Nüstern rauchen können. Was mutmaßlich Martin Wuttke die restlichen 100 Minuten dazu führt, sich vorrangig zu fragen, ob er sich auf dem Rücken seines Reittiers wohl eine anzünden dürfe. Tatsächlich wird’s aber Irina Sulaver sein, die als erste zur Zigarette greift. Und so galoppiert der Schauwert auf und davon, während man doch versucht ist, ein Inhaltliches zu erfassen. Im Ankündigungstext der Produktion raunt’s von einer Politik des Optischen, „die die Dinge in das Dunkle zieht, raus aus der Erhellung, in die Nicht-Transparenz“, und weiter: „Auf einer besseren Darstellung der Welt müsste man beharren, einer zuverlässigen und durchsetzbaren, die sich nicht in der Suche nach Repräsentation erschöpft.“

Da kommt einem natürlich Lipica-Ibiza in den Sinn, aber nein, das wäre in nur einer Woche nicht zu schaffen gewesen, obwohl Caroline Peters mal erzählte, Pollesch schreibe über Nacht auch gern Dutzend Seiten neu, und außerdem legt er mit Donna-Haraway-Querverweisen eine andere Fährte aus, ist die US-Universitätsprofessorin doch für ihre postmodern sozialistisch-feministischen Denkanstöße bekannt. Auftritt also „Die fünf Vogelfreien“ Kathrin Angerer, Birgit Minichmayr, Caroline Peters, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Sie reiten, was das Zaumzeug hält, nur gibt’s weder Weg noch Ausweg noch Wegkommen. Und schon gar keinen Sonnenuntergang, in den hinein … „Ja, verdammt. Wie bleibt man zusammen? Es hatte so schön angefangen. Man beginnt zusammen und dann – ist es weg“, lamentiert Angerer, hängt mit einem Stiefel im Steigbügel und schleift mit dem Körper auf dem Boden.

Ich möcht‘ so gerne mal nach Nashville: Birgit Minichmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mamatschi, schenk‘ mir ein Pferdchen: Irina Sulaver. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein sich’rer Colt ist so gut wie Gold, Bonanza: Kathrin Angerer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Verhandelt wird, zumindest so ungefähr, warum Liebe niemals hält, die Erinnerung an einen gelungenen Theatermoment hingegen schon, dazu Kluggeschwätzes vom marxistischen Philosophen Alain Badiou, der Mensch muss sich positiv definieren, vom Guten und der Fähigkeit zum Guten muss das Böse abgeleitet werden, nicht umgekehrt, und vom Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan, der über „Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre“ arbeitete. Und wie Pollesch derart den Gedanken wieder einmal die Zügel schießen lässt, sagt jemand: „Man steht irgendwo rum und hat kein Problem gelöst. So ist es eigentlich immer.“

Ansonsten wird viel herumgeschnauzt und mit den Colts gefuchtelt. „Ich bin Pferd mit Reiter, das ist doch ganz klar zu sehen“, antwortet Minichmayr nach ihrer Rolle gefragt pampig. Irgendwann kotzt ein Schimmel, zwei Mal gibt es Schusswechsel, und die Darstellerinnen wechseln von Tabea Brauns Cowgirl-Kluft in weiße Kleidchen, alldieweil Wuttke wie der verloren geglaubte Sohn der Katie Elder o-beinig durchs Geschehen geht. Kurz geht es noch um, siehe Repräsentation, Schein und Sein, Sinn und Unsinn, um eine Art Darstellung, die das Darzustellende überdeckt.

Um Kommunikation, die nur noch im Angesicht einer gezogenen Waffe klappt. Was einen dann doch wieder aufs magische Dreieck Spanische Hofreitschule – Bundeskanzleramt – Burgtheater zurückwirft. Am Ende, zum langen und lauten Applaus der Fans, heißt es: „Fick Dich. Gute Nacht!“ Ein Schelm, wer Pollesch dabei denkt.

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25. 5. 2019

Burgtheater: Medea

Dezember 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Magierin endgültig entzaubert

Die Söhne zeigen Clara das Sex-Video ihrer Eltern: Steven Scharf als Lucas, Caroline Peters als Anna, Mavie Hörbiger als Clara, Quentin Retzl als Georg und Wenzel Witura als Edgar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Regisseur Simon Stone, für seine Stückeüberschreibungen so gerühmt wie gerügt, hat diesmal nach dem Medea-Mythos gegriffen, und zeigt seine vor vier Jahren über Amsterdam und London entwickelte und immer noch durch Europa tourende Arbeit nun als deutschsprachige Erstaufführung am Burgtheater. „Nach Euripides“ nennt er bescheiden sein Elaborat, und mit dieser Art Etikettenschwindel ist es so eine Sache.

Denn einerseits hat Stone mit seinem trivialen Text die der Magie mächtige Königstochter aus Kolchis dermaßen endgültig entzaubert, dass ihr das von seinen Vorgängern Corneille, Grillparzer, Anouilh hochgehaltene Antikenideal des Archetypischen völlig abhandengekommen ist. Andererseits aber funktioniert seine Alltagsfrau als Bühnenfigur überzeugend gut. Was nicht zuletzt deren Darstellerin Caroline Peters zu danken ist.

Stones „Medea“ ist nicht mehr die Fremde, sondern sich selbst entfremdet, die einst Überlebensgroße nun frisch entlassene Psychiatriepatientin und gerade erst wieder nach Hause gekommen. Diese Geschichte hat Stone einem tatsächlichen Kriminalfall aus Kansas City/USA nachempfunden. Dort vergiftete eine Ärztin ihren ebenfalls Mediziner-Ehemann wegen dessen Affäre mit einer Krankenschwester sukzessive mit Rizinsamen. Als die Tat aufflog, steckte die Frau das Haus in Brand und nahm ihren Söhnen so das Leben. Simon Stone verformt nun König Kreons Korinth in ein Pharmaunternehmen, in dem Anna und Lucas Karriere mit der Entwicklung potenzfördernder Medikamente machen.

Das heißt, bald wird klar, er macht diese, sie, seine ehemalige Vorgesetzte, für die er erst nicht mehr als ein Firmenfeiernfick war (das F-Wort fällt im Text in regelmäßigen Abständen), hat auf den beruflichen Aufstieg zugunsten der Söhne Edgar und Georg verzichtet. Vorkommen des Weiteren, neben der Therapeutin Anne-Marie-Lou und Annas neuem Arbeitgeber Herbert, zwei für die Handlung entbehrlichen Figuren, Lucas‘ Geliebte Clara, die Kreusa-Rolle, sowie deren Bruder und Big Boss Christoph. Als Setting hat sich Stone von Bob Cousins einen klinisch weißen, vollkommen leeren Kubus bauen lassen, dessen obere Hälfte aus einer riesigen, auch absenkbaren Leinwand besteht, auf die man versucht ist, bald öfter zu schauen, als auf das Bühnengeschehen; die Großkaufhauskostüme sind von An D’Huys und Fauve Ryckebusch.

Verzweiflung einer Entfremdeten: Steven Scharf als Lucas und Caroline Peters als Anna. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Tod der Clara: Mavie Hörbiger mit Quentin Retzl als Georg und Wenzel Witura als Edgar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Darin brilliert die Peters. Die Schauspielerin des Jahres erschafft auch diesmal einen Charakter, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ihre moderne Medea-Anna entert das Geschehen, aufgesetzt heiter, eindeutig unter dem Einfluss von Psychopharmaka, weshalb sie, denn diese, sagt sie, halten Anna im Gleichgewicht, ihrer Situation auch satirisch begegnet. Nicht, dass das zum Lachen wäre, nein, denn Anna ist überzeugt, dass auch nach ihrem Vergiftungsversuch ein Neuanfang mit der Familie möglich ist.

Und wie Caroline Peters‘ Anna, auf der Großübertragung perfekt zu sehen, mit ihren zuckenden Gesichtszügen, mal verächtlich, mal verzweifelt verzogenen Mundwinkeln, kämpft, die eigene Seele ausgesaugt und dabei, andere Seelen auszusaugen, sich der gewesenen und der kommenden Schuld bewusst, das ist große Kunst. Die Raserei sozusagen vorprogrammiert. Was rund um die Peters passiert, ist schon bedeutend blasser.

Etwa, ebenfalls in Cinemascope, Lucas, sprachlos, den Steven Scharf als Paradebeispiel eines Pragmatikers spielt, dem die Ex peinlich im Wege steht.

Entsprechend überfordert agiert er gegenüber der fordernden Leidenschaft der Wiederkehrerin. Fast scheint’s, als hätten ihm deren Psychiater geraten, den Ball bei der ersten Begegnung flach zu halten, um die Patientin nicht aufzuregen. „Abklatsch eines Mannes“ nennt Anna ihn, und so distanziert, so neben sich steht dieser Lucas da. Und so lässt er sich auch zum Sex mit Anna hinreißen, eine Szene, die die Söhne – bei der Premiere die großartig zwischen sich in die Ecke drängendem Vater und ausgeflippt-alkoholisierter Mutter agierenden Wenzel Witura als Edgar und Quentin Retzl als Georg – filmen, nur um das Video später Clara zu zeigen.

Dieser Clara verleiht Mavie Hörbiger ihre zarte Gestalt. Im Versuch stark zu sein, ringt sie mit Selbstbewusstsein und Selbstironie um ihre Liebe zu Lucas, Edgar und Georg – bis zum bitteren Ende. Dass ihr Bruder, Christoph Luser als Christoph, von Lucas schließlich Entschlusskraft und Entscheidung verlangt, ist der Knackpunkt, der die Katastrophe ins Rollen bringt. Stone erzählt das alles in parallel laufenden Szenen, immer wieder stehen Figuren auf der Bühne, zu denen die Fäden längst gekappt sind, doch macht das die Aufführung nur noch bedrängender, zwingender, bedrohlicher. Die Sterbebilder schließlich sind so poetisch wie drastisch. Bestehend aus Flaschenblut und Ascheregen. Eine plötzliche Eskalation in dieser unterkühlten, auf Künstlichkeit setzenden Inszenierung.

Ende in der Asche, Medea mordet ihre Kinder: Caroline Peters als Anna, Wenzel Witura als Edgar und Quentin Retzl als Georg. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Das Premierenpublikum zollte so frenetisch Applaus, als wär’s ein gemeinsames Aufatmen nach dem gewaltsamen Schluss. Auch Irina Sulaver als Sozialarbeiterin Anne-Marie-Lou und Falk Rockstroh als Buchhändler Herbert wurden bejubelt. Dennoch, zu den wirklich großen Medea-Fassungen wird sich diese Adaption eines Zeitungsartikels kaum je zählen lassen.

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  1. 12. 2018

Burgtheater: Glaube Liebe Hoffnung

September 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unwirklicher Totentanz in einer total leeren Unterwelt

Elisabeth am Ende: Andrea Wenzls brillante Darstellung beherrscht Michael Thalheimers Inszenierung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein schwarzes Loch, das auf einen Lichtpunkt zuläuft, als wär‘ der ein Heilsversprechen am Himmel. Dass sich dieses nicht erfüllen wird, versteht sich – bei Ödön von Horváth. Regiegenie Michael Thalheimer hat dessen „Glaube Liebe Hoffnung“ am Burgtheater inszeniert, und beschreitet auch mit dieser Produktion weiter seinen Weg der kühlen, strengen Reduktion. Horváths Definition seines Dramas als „kleinen Totentanz“ nimmt er dabei wörtlich.

Thalheimer hat sich von Olaf Altmann einen in seiner Totalität erschreckend leeren Raum als Bühnenbild anlegen lassen, darin die Sterblichen als aufgescheuchte Schatten, um sie nichts als Einsamkeit und Seelennot. Eine Unterwelt, eine Prosektur, in der Thalheimer gewohnt präzise seine Sektion der menschlichen Abgründe vornimmt. Alle, so scheint es, die Präparatoren, die Schupos als Arm des Gesetzes, die Arbeitsgeberin Prantl, die Frau Amtsgerichtsrat, nicht zuletzt Alfons, operieren hier am lebenden Leichnam Elisabeth. Wollen deren Innerstes bloßlegen, bloßstellen, ausstellen, was sie schließlich selbst besorgt, bedrängt von Gaffern sogar noch beim bekannten Ende im Wasser. Glaube verloren, Liebe verraten, Hoffnung versiegt. Nicht einmal im Hingehen ist Herzensruh.

Dass Horváths im Rezessionsjahr 1932 erschienenes Stück heute so aktuell klingt, ist gesellschaftlich nicht gerade beruhigend. Diesbezügliche Zwischentöne braucht es gar nicht erst zwanghaft in Szene zu setzen. Da hat also eine mitten im Wohlfahrtsstaat die Stellung verloren, benötigt nun Geld für ihre neue Arbeit, heißt: einen kostenpflichtigen Wandergewerbeschein, und die neue Arbeit fürs Geldverdienen. Ein Teufelskreis, dessen Rotieren Elisabeth mit ihrem Mantra „Ich werde den Kopf nicht hängen lassen“ aufhalten will. Andrea Wenzl mit ihrer seltenen Aura verleiht ihr Gesicht und Gestalt, sie dominiert das Geschehen mit ihrer spröd-zerbrechlichen Darstellung dieser am ganzen Körper bebenden, mitunter zu Deep Purple und Led Zeppelin auch headbangenden Elisabeth, mit ihrem Stets-auf-der-Hut-Sein und dem Miederwarenmetier als Sehnsuchtsort.

Die Arbeitgeberin ist unzufrieden: Christiane von Poelnitz als Irene Prantl mit Alexandra Henkel als Frau Amtsgerichtsrat. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ohnmacht angesichts des Selbstmords: Christoph Radakovits als zweiter Schupo, Marcus Kiepe als Vizepräparator, Stefan Wieland als dritter Schupo, Falk Rockstroh als Präparator und Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Um sie die Grausamkeit als Groteske, die Horváth’schen Charaktere als hässliche Fratzen, grelle Karikaturen, ausgestattet mit einer immer wieder höhnischen Heiterkeit. „Entschuldigens, aber jetzt muss ich lachen“, ist noch so eine Spruchformel der Elisabeth, wenn sie sich als Opfer brutaler Begierden dagegen verwehrt, ein „Ding“ zu sein. Die Wenzl lässt sie dabei so tob- wie sehnsüchtig aus einer schmerzlich-schrecklichen Fallhöhe stürzen, wird von einer 60-köpfigen Statisterie immer wieder beinah überrannt, eine „völkische“ Vervielfachung der Figuren, eine Menschenhydra, mal in Polizeiuniform, mal in blutverschmierten Präparatorenkitteln, die den einzelnen als Spielball der Mehrzahl der Mächtigen ausweist.

Der erbarmungslose Ringelreihen rund um Elisabeth ist hochkarätig besetzt, etwa mit Branko Samarovski als an Leib und Seele versehrtem Oberpräparator oder Peter Matić als an den von ihm abgeurteilten Schicksalen desinteressiertem Amtsgerichtsrat. Christiane von Poelnitz und Alexandra Henkel sind als Irene Prantl und Frau Amtsgerichtsrat vulgär-schrille Schreckschrauben, sensationslüstern die eine, immerhin knapp vor Schluss anteilnehmend die andere. Sie alle betonen in ihrem Spiel das Distanziert-Artifizielle, die Unnatur ihrer im Lichtkreis zappelnden Leut‘.

So, wie es Thalheimer als Konzept für seinen Abend vorgegeben hat, agieren auch Michael Masula als Oberinspektor, Christoph Radakovits und Stefan Wieland als Schupos oder Tino Hillebrand als „tollkühner Lebensretter“. Hermann Scheidleder verkörpert mit Hingabe den Invaliden, der sich mit Irina Sulavers ohne Unterlass kopfnickender Maria bitter über die Aussetzer im Sozialsystem beklagt. Als Vizepräparator überzeugt Marcus Kiepe, als Baron mit dem Trauerflor Robert Reinagl, als Vergewaltiger Eltz Daniel Jesch. Falk Rockstroh ist als Präparator derjenige, der zumindest zwei Mal Herz zeigen darf. Der Taubenfütter, der erst das Geld leiht, dann für die Betrugsanzeige sorgt und schließlich ob des mitangesehenen Suizids zusammenbricht.

Liebe mit Ablaufdatum: Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer und Andrea Wenzl als Elisabeth. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bleibt Merlin Sandmeyer, der als Schupo Alfons Klostermeyer eine Glanzleistung hinlegt. Angelogen wegen Elisabeths vierzehntägigem Arrest, versteht er es in Windeseile sich der Verliererin zu entziehen. Seine sogenannte Liebe hält vor seinen Ehrbarer-Bürger-Standesdünkeln nicht stand. Sandmeyer spielt diesen ichbezogenen, unempathischen Unsympath an seinen besten Stellen so nüchtern und bar jeder Gabe zur Selbstreflektion, dass es einen schaudert.

Dass dieser Alfons, in Wahrheit nicht mehr als ein um Autorität ringender Hänfling, mit seinem selbstmitleidig sich wiederholendem Satz „Ich habe kein Glück“ das letzte Wort hat, ist für diese Aufführung symptomatisch. Man weiß um die, die das eigene Schicksal endlos bejammern und blind sind für die Not des Nachbarn. Wer von sich selber glaubt, am Leben zu leiden, kann einen anderen umso leichter zugrunde gehen lassen.

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  1. 9. 2018

Akademietheater: The Who and the What

Mai 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und mit Allahs Hilfe siegt die Liebe

Peter Simonischek und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Natürlich, da sperrt man die Ohren auf: Es geht um den Islam und sein Frauenbild. Es geht um Verschleierung des Gesichts und von Tatsachen. Oder zumindest was man für Zweitere hält. Zarina nimmt sich den Koran als Romanvorlage und schreibt ein Buch über den Propheten. Darin ist dieser auch nur ein Mensch, begehrt seines Nächsten, seines Adoptivsohns, Weib, und nimmt sich Zainab bint Dschahsch schließlich zur Frau.

Sexszenen der beiden werden geschildert, der Skandal ist perfekt. Angestellte von Zarinas Vater werden sich mit Steinen bewaffnen … Darum geht es in Ayad Akhtars „The Who and the What“. Auch. Denn die österreichische Erstaufführung der Tragikomödie am Akademietheater entpuppt sich als Stück über das Wesen der Liebe. Und wie diese mit Gottes Hilfe immer siegen wird. Das ist einem zweifellos näher als der Clinch in einer US-pakistanischen Familie. Und Regisseur Felix Prader arbeitet diesen Aspekt sorgsam heraus. Indem er theatrale Mittel reduziert, aber konzentriert einsetzt, gelingt ihm das Kunststück über den politischen Debattenbeitrag hinaus aufs Mit- und Zwischenmenschliche zu deuten. In Anwesenheit des Autors gab’s Sonntagabend viel Jubel für einen klugen Text voll gewitzten Humors und dessen ebensolche Umsetzung.

Da gibt es also diesen weißhaarigen Herrn, Afzal, der so online-fit ist, dass er sich als seine ältere Tochter, Zarina, auf muslimlove.com anmeldet. Ein Schwiegersohn wird gesucht, der soll streng gläubig und geistig mit ihr auf einer Wellenlänge sein, kein leichtes Unterfangen, diese arrangierte Ehe 2.0 – aber eine Ungeheuerlichkeit, die aufgeht. Eli erscheint auf der Bildfläche, der Konvertit ist Imam und übers Lesen von Malcolm X zum Islam gekommen. Zarina war mal in Ryan verliebt, aber den hat ihr der Vater ausgetrieben, weil er eben nicht übertreten wollte. Und dann ist da noch die jüngere, Mahwish, die seit der Kindheit ein Paar mit Haroon bildet, den sie, um ihn zu be- und gleichzeitig ihre Jungfernschaft zu erhalten, mit Analverkehr befriedigt. Ihr Herz indes gehört seit einiger Zeit einem gewissen Manuel …

Irina Sulaver und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aenne Schwarz und Philipp Hauß. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Prader stellt seine Inszenierung ganz in den Dienst dieser Geschichte. Und der Darsteller. Dreh- und Angelpunkt des Abends ist Peter Simonischek als Afzal, ein verschmitzter, liebevoller Vater, gleichzeitig ein der Tradition verpflichteter Patriarch und ein Richtung Moderne übersiedelnder Gemütsmensch. Weit weniger Macho ist der Eli von Philipp Hauß, er changiert zwischen beflissen und weichherzig, und wird am Ende zu seiner Ehefrau stehen, obwohl sie auch seinen beruflichen Werdegang zerstört hat.

Aenne Schwarz spielt die Zarina mit einem wohldosierten Hauch Verhärmtheit. Es ist klar, dass sie Eli auf intellektueller Ebene mehr liebt, als er ihr eine Herzensangelegenheit ist. Irina Sulaver schließlich ist als Mahwish diejenige, die sich in Altüberliefertes fügt, sei’s den Umgang mit Glaubensfragen oder mit Haroon.  Insgesamt agieren die vier sehr sympathisch. Und wie sie das tun. Da sitzt jedes Detail, bei diesem starken Kammerspiel. So geht allerbestes Theater. Indem man mit sehr guten Schauspielern ein brisantes Thema auf unterhaltsame Weise über die Rampe bringt.

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  1. 5. 2018

Vestibül des Burgtheaters: Saturn kehrt zurück

Januar 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Echo-Raum der Geisterstimmen

Rudolf Melichar als Gustin 88 und Irina Sulaver als Pflegerin Suzanne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Etwa alle dreißig Jahre hat der Saturn die Sonne einmal umrundet und kehrt an seinen Ausgangspunkt zurück. Das tut auch Gustin, Protagonist in Noah Haidles Tragikomödie „Saturn kehrt zurück“, die die junge Regisseurin Sara Abbasi nun im Vestibül des Burgtheaters als österreichische Erstaufführung inszenierte. Der Melancholiker nämlich ist wie in einer Zeitschleife hängen geblieben, und begegnet einem so in seinen Zeitaltern von 88, 58 und 28 Jahren. Immer dann also, wenn in seinem Leben etwas einschneidend Dramatisches passiert ist.

Erst starb die Frau Loretta bei der Geburt der Tochter Zephyr, dann diese bei einem Trip nach Mexiko. Im hohen Alter holt sich Gustin eine eigentlich nicht benötigte Pflegerin. Weder Installateur noch die Damen von diversen (Escort-)Services waren eine ansprechende Ansprache, nun soll ihn diese Suzanne ins raumzeitliche Niemandsland begleiten, wo er seinen Erinnerungen nachhängen und sie mit schlecht erzählten Witzen unterhalten will.

Abbasi hat Haidles so psychologisch durchtränktes wie surreales Kammerspiel behutsam auf die Bühne gehoben. Ihre Arbeit hält die Waage zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit.

Zwischen tatsächlich Erlebtem und der Imagination der Gustins, so dass völlig logisch ist, dass manchmal zwei, mitunter alle drei von ihnen die Handlung durchstreifen. Dies stets so, als wüssten sie von einander. Als Echo-Raum, in dem sie die Geisterstimmen von Loretta und Zephyr hören, hat Bühnenbildnerin Sarah Sassen eine Art sterile Wartehalle erdacht. Gustin war einmal Röntgenologe im Krankenhaus, und Spitalsatmosphäre bestimmt auch sein Heim. Das einzige Lebendige, eine Zimmerpflanze, ist hinter Glas, in der Andeutung eines Wintergartens, gefangen. Eine Stange wie für Gehübungen umrundet das Ganze, dahinter ein Gang, milchige Scheiben, hinter denen Figuren auftauchen und wieder verschwinden, dazu Schattenspiele. All das wäre zur großen Elegie angetan, hätte Haidle nicht eine diebische Lust an der Skurrilität.

Die vor allem Rudolf Melichar als Gustin 88 mit ebensolcher bedient. Sein alter Mann ist von einer knorrigen Verschmitztheit und strotzt vor herbem Charme, wenn er Suzanne nicht und nicht gehen lassen will, weil ihm ohne sie der Abend noch länger wird. Peter Knaack gibt Gustin 58 als in die Jahre gekommenen Witwer, der die Trauer nutzt, um die Tochter an sich zu fesseln. Da kann ihm Zephyr noch so viele Blind Dates vermitteln – sehr schön, wie man in einem der zahlreichen Querverweise erfährt, dass er die bummelige Bonnie denn doch bis in ihre Altersheimtage kannte -, er igelt sich in seiner Wehleidig- und Hilflosigkeit ein, wie ein trotziges Kind, das seinen Willen durchsetzen will.

Irina Sulaver als Loretta mit Tino Hillebrand als Gustin 28 und Peter Knaack als Gustin 58. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Peter Knaack als Gustin 58 und Irina Sulaver als Zephyr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Den dritten, jüngsten Egozentriker, Gustin 28, spielt Tino Hillebrand als unausgeglichenen, latent aggressiven Ehemann. Nach einem Konzertbesuch, so erfährt man in diesen Episoden, entbrennt erst Streit mit Loretta, dann die Leidenschaft, in der Zephyr gezeugt wird. Dreh- und Angelpunkt der Aufführung aber ist Irina Sulaver, die alle drei Frauen mit exquisiter Subtilität verkörpert. Sie hat für ihre Verwandlungen genau Maß genommen und gestaltet drei verschiedene Charaktere, denen man dennoch die Gemeinsamkeit abnimmt, diesen schwierigen, fordernden Mann gehändelt zu bekommen.

Gegen Ende, nach berührenden wie belustigenden Szenen, als die drei Gustins immer öfter gemeinsam auftreten, kann es passieren, dass der Alte den jüngeren die Hand auf die Schulter legt. Eine knappe Geste als Trost dafür, dass Leben und Glück so flüchtig sind. Mit „Saturn kehrt zurück“ beweisen Sara Abbasi und ihre Schauspieler jedenfalls, dass im „Kleinen“ Großes möglich ist.

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  1. 1. 2018