Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali: Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran

Juni 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie aus Isaak der Ismail des Koran wurde

Bis hin zu Leonard Cohen, dem die „Story of Isaac“ einen Welthit wert war, ist die Geschichte bekannt: Ein Vater beugt sich über seinen wehrlosen Sohn, ein Messer blitzt in seiner Hand, da wird ihm im letzten Moment befohlen, statt des Kindes einen Widder zu opfern. Abraham, Stammvater aller drei nach ihm benannten abrahamitischen Religionen, ist eine von neun Figuren, die die sprachmächtige Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff und der irakisch-deutsche Autor Najem Wali ausgewählt haben, um deren Bedeutung in Bibel und Koran zu vergleichen.

Im überaus lesenswerten Sachbuch erfährt man nicht nur, warum im Christentum manche glauben, ein teuflischer Demiurg hätte Abraham zur Bluttat verführen wollen, sondern auch, warum im Islam der Vater der Propheten, der „Gesandte mit festem Willen“, seinen Erstgeborenen Ismail ­– zumindest wird er von den meisten muslimischen Kommentatoren als solcher identifiziert – hingeben sollte. Die beiden Autoren gehen aus ihrer je eigenen Sicht den Quellen nach, temperamentvoll, engagiert, auch augenzwinkernd.

Mit dem geplagten Hiob fragen sie nach der göttlichen Gerechtigkeit, mit Jona, dem ängstlichen Wal-Reisenden, nach Mut und Toleranz, so berühren sie mit ihrem Dialog zwischen zwei Weltreligionen die Krisenthemen zur Zeit. Dass im Koran Hiobs/Ayyūbs Frau Gott um Heilung des Gatten bat, und von diesem deshalb mit 100 Peitschenhieben bestraft werden sollte, ist nur eine der neuen Erkenntnisse, die man gewinnt. Gott wandelt die Strafe in einen Schlag mit einer Handvoll Gräser um: „Damit ist dein Schwur erfüllt, und du hast deiner Frau, die geduldig mit dir ausharrt und nur das Beste verdient hat, kein Leid zugefügt.“ – „Seltsam nur, dass es in einem streng islamischen Land wie Saudi-Arabien bei politischen Oppositionellen wie dem Aktivisten Raif Badawi keine Schonung vor Peitschenhieben gibt“, kommentiert Najem Wali.

Zu lesen ist, dass Maria/Maryam die komplette Sure 19 gewidmet ist, oder, dass im Koran Adam die Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies hat; nur die Volksmeinung übernimmt die Geschichte mit der Schlange und dem Apfel. In der westlichen Welt wiederum wird Eva, die Einschleuserin des Bösen, mit aufkommendem Feminismus zur Heldin der Erhebung aus Gottes Obhut.

Unter all das mischt Lewitscharoff Populärwissenschaftliches. Etwa über Joseph L. Mankiewiczs Film „All About Eve“: „Ein Mann namens Jacob Dean Stockton sah den Film und lebte fortan mit der fixen Idee, Bette Davis sei leibhaftig die wiederauferstandene Eva … Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen … Stockton nahm sich in der Anstalt das Leben. Er erhängte sich mit einem Betttuch, auf das in roter Malkreide geschrieben stand: ,Evil Eve‘.“ Oder über Sören Kierkegaard, dem im Winter 1841, als er „Furcht und Zittern“ schrieb, Gott persönlich erschien: „Er! Allerdings nicht in einem brennenden Kaminfeuer mit Donnerstimme, sondern mit dem zartfeinen Stimmchen einer Maus.“ Mit der der Philosoph dann ausführlich über Abrahams Verhalten diskutierte.

In einem Buch über Glaubensfragen gilt es selbstverständlich auch, die Figur des Teufels/Schaitan zu behandeln. Lewitscharoff und Wali erläutern, wie aus dem „Morgenstern“, dem schönen Erzengel, der Klumpfuß – und heute der schmierige Verführer – werden konnte. Was die beiden allerdings nicht klären können, ist, warum Gott dem Bösen so viel Macht verliehen hat …

Über die Autoren: Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie, nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris, heute lebt. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in einer Werbeagentur. Sie veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Für „Pong“ erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roman „Apostoloff“ wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. „Blumenberg“ (2011) stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien der Band „Vom Guten, Wahren und Schönen“, der die 2011 in Frankfurt und in Zürich gehaltenen Poetikvorlesungen versammelt. Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste.

Najem Wali, geboren 1956 im irakischen Basra, flüchtete 1980, nach dem Ausbruch des Iran-Irak-Krieges, nach Deutschland. An der Universität Hamburg studierte er Germanistik, in Madrid spanische Literatur. Heute lebt er als Autor und Journalist in Berlin. Er war lange Zeit Korrespondent der arabischen Tageszeitung Al Hayat und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel und Die Zeit.

Suhrkamp Verlag, Sibylle Lewitscharoff, Najem Wali: „Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran “, Sachbuch, 309 Seiten. Die von Najem Wali verfassten Kapitel wurden von Christine Battermann aus dem Arabischen übersetzt.

www.suhrkamp.de

12. 6. 2018

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Dezember 10, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Roman eines großen Liebenden

Dies könnte das Buch eines EU-Gegners sein, das eines großen Satirikers ist es ganz bestimmt. Und das eines großen Liebenden, eines glühenden Europa-Liebenden. Robert Menasse legt mit seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Hauptstadt“ eine unterhaltsame Farce über Brüsseler Verhältnisse vor. Die muss man aber erst einmal verdauen. Ein Schwein wird da im Wortsinn zum running gag, rennt im Schweinsgalopp durchs Regierungsviertel, eine Sauwirtschaft ist das, anhand der Menasse klarer als jedes Sachbuch erklärt, wie Wirtschaft in der EU funktioniert. Als Vorarbeit gab’s einen Essay, „Der europäische Landbote“, nach der Theoriearbeit nun den Roman, die Kür.

Menasse macht sich lustig, erklärt aber auch viel. Besser hat man Brüssel noch nie verstanden. Für das Schwein ist jede EU-Abteilung einmal zuständig. Fürs Ferkeln, für das Futter, für die Schlachtung, für die Fleischverarbeitung. Das Schwein ist in aller Munde. Als Glücks- oder Sparschwein, als Nazischwein, als Drecksau, als Judensau. Darauf wird noch zu kommen sein. Einer der Protagonisten des Buches führt in Österreich einen Schweinemastbetrieb.

Deren fast ein Dutzend führt Menasse ein, in Parallelgeschichten, die sich zum Teil verweben, zum Teil auch nicht. Es gibt einen katholisch-polnischen Mörder, Mateusz Oswiecki, einen jüdischen Pensionisten, David de Vriend, der als Kind von dem Deportationszug sprang, der seine Eltern ins Gas brachte, und einen Kommissar Brunfaut, dessen Familie im antifaschistischen Widerstand war, und der den Mordfall aus politischen Gründen zu den Akten legen muss. Das Blut, das Europa geboren hat, schwappt von unten in die humoristische Szenerie.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Und da ist das Big Jubilee Projekt. Die Kommission will ihr Image mit einem Festakt aufpolieren. Fenia Xenopoulou, die Fremde, die Beamtin in der ungeliebten Generaldirektion Kultur, will damit ihre Karriere aufpeppen. Sie beauftragt Martin Susman, kleiner Bruder des Schweinezüchters. Der will die letzten Holocaustüberlebenden einladen. Menasse versteht Europa als nachnationales Friedensprojekt. Nichts kann dieser Tage wichtiger sein. Europa – entstanden als Idee des „Niemals vergessen!“, des Niemals wieder Nationalismus als Nährboden für Faschismus und Nationalsozialismus. Klar, dass einige Nationalstaaten gegen die Idee aufbegehren …

Menasse ist als Erzähler göttlich komisch, allein seine U-Bahn-Beschreibungen, „die mechanisch sich bewegenden Menschenströme, die über Rolltreppen stapften, die außer Betrieb waren, sich weiterschoben durch die mit Sperrholz verschachtelten, verdreckten Korridore der ewigen Baustellen des Untergrunds, vorbei an den Pizzaschnitten- und Kebab-Verschlägen …

… schließlich der Windkanal des Aufstiegs zur Straße, hinauf in ein Tageslicht, das nicht mehr vordringt in die trübe Seele“, ist ein Marionettenspieler, der die Fäden aber auch zeigt, sein Buch frech, witzig, raffiniert gebaut. Die komplexe Erzählweise, die Struktur spiegelt die Struktur der europäischen Union wider. Der Roman verzahnt sich wie die Abteilungen, Abkürzungen, Positionen, Prä-Positionen, wie Gremien im Kampf gegeneinander und die Mitarbeiter beim Intrigenspiel. Menasse zeigt nicht nur, dass die EU literaturfähig ist, sondern einen polyglotten Kosmos mit Figuren aus Fleisch und Blut.

Unglaublich, wie empathisch er sich in seine literarischen Geschöpfe einlebt, deren Biografien er erst nach und nach enthüllt. Er geht von den Mechanismen zu den Menschen, immer geht es ihm um zwei Agenden: die Sachagenda und das eigene Fortkommen. „Mrs Atkinson studierte die Papiere, Tabellen, Prozentrechnungen, Graphiken, Statistiken, und sie fragte sich, wie es zu diesem dramatischen Vertrauensverlust in die Institution hatte kommen können …  Bezeichnend fand sie, dass es keine Kritik an den eigentlichen Aufgaben der Kommission gab, offenbar waren diese den Menschen gar nicht bekannt.“ Robert Menasses „Die Hauptstadt“ ist ein Werk an dessen Nacherzählung man nur scheitern kann, was bedeutet, dass man es gelesen haben muss.

Bild: pixabay.com

Eine faszinierende Figur ist Alois Erhart, Wiener Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Think-Tank der Kommission eingeladen. Den er mit seiner Rede sprengt, weil seine Sorge einer Zeit gilt, in der Politiker das Sagen haben, denen der europäische Gründungsgedanke so weit entfernt ist wie eine gute Kinderstube. „Aber dann? Wenn der Letzte gestorben sein wird, der bezeugen kann, aus welchem Schock heraus Europa sich neu erfinden wollte – dann war Auschwitz für die Lebenden so weit abgesunken wie die Punischen Kriege.“

www.suhrkamp.de

  1. 12. 2017

Nuruddin Farah: Jenes andere Leben

August 30, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Buch über Flucht, ein Plädoyer für Freiheit

bildIn seinem neuen Roman „Jenes andere Leben“ erzählt der somalische Autor Nuruddin Farah das bewegende Schicksal einer Familie in Zeiten des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs. Als Bella vom gewaltsamen Tod ihres Bruders Aar bei einem Anschlag der Terrormiliz al-Shabaab in Mogadischu, der Hauptstadt des bürgerkriegsgeschüttelten ostafrikanischen Staates erfährt, bricht die erfolgsverwöhnte Modefotografin umgehend aus Rom auf, um sich dessen halbwüchsiger Kinder, Salif und Dahaba, anzunehmen.

In Nairobi, wo Aar mit ihnen lebte, versucht sie Verantwortung zu übernehmen, denn Valerie, die Mutter der Kinder, hat die Familie bereits vor Jahren verlassen, um mit einer anderen Frau ein neues Leben zu beginnen. Jetzt aber erhebt sie ihre eigenen Ansprüche auf die Kinder – und das Erbe von Aar –, und zwischen den Frauen entspinnt sich ein zuerst noch subtiler, verbaler Machtkampf.

„Jenes andere Leben“ ist ein Psychogramm einer Frau, die aus Europa zurück nach Afrika reist, und mit dem Tod ihres Bruders konfrontiert wird. „Wie eine Perlenschnur, die gerissen ist“, sinniert Bella, noch in Rom, über den großen Verlust, den der Tod ihres geliebten Bruders hinterlässt, gleich zu Beginn des Buches. Die Fotografin lebt in ihrem eigenen Kulturkreis und kommt in eine für sie fremde Welt. Moderner, westlicher Lebensstil prallt auf heimatliche Traditionen. Farah schildert in einer schnörkellosen, präzisen Sprache, tagebuchartig das Eintauchen in eine für sie andere Kultur, und ihre Ängste und Sorgen, ob sie als gesetzlicher Vormund der Kinder dieser Situation gewachsen ist und die Erziehung der Kinder übernehmen kann.

Es sind die leisen Zwischentöne, die den Roman ausmachen, ebenso wie seine Vielschichtigkeit. Der somalische Autor erzählt ein Stück Geschichte seiner Heimat, die durch Krieg und Bürgerkrieg zu einem „Lost State“ geworden ist. Die Somalier leben weit verstreut über den Globus. Viele haben ihr Land wegen des Terrors verlassen. „In Somalia macht sich der Tod selten die Mühe und kündigt sein Erscheinen an. Stattdessen schneit er mit der Arroganz eines Gastes herein, der davon ausgeht, dass er jederzeit herzlich willkommen ist.“

Elegant verbindet Farah hoch aktuelle Fragen kultureller Identität, mit einer Reflexion über Terror und Trauer(bewältigung). Bewegend, weil der Autor damit nicht zuletzt auch den Verlust einer seiner Schwestern durch einen Anschlag verarbeitet. Als sein erster Entwurf beinahe fertig war, kam seine Schwester Basra am 17. Jänner 2014 bei einem Bombenanschlag der Taliban auf ein Kabuler Restaurant ums Leben. Basra war unermüdlich für UNICEF im Einsatz und verbrachte einen Großteil ihres Berufslebens damit, die Lebensumstände der Menschen in den Ländern zu verbessern, in die sie geschickt wurde, ob in Äthiopien, Dhafur, den Flüchtlingslagern Pakistans oder in Afghanistan.

Bild: Pixabay

Bild: Pixabay

Bild: Pixabay

Bild: Pixabay

„Jenes andere Leben“ ist auch ein Buch über Flucht, Vertreibung, Verlust – und seinem Umgang damit – und ein Plädoyer für Freiheit, politisch wie persönlich. Für Bella ist „Freiheit Teil eines größeren Ganzen, die Freiheit, die täglich Millionen Menschen in Afrika oder dem Mittleren Osten in vielerlei Hinsicht verwehrt wird, steht in direktem Zusammenhang mit der fehlenden Demokratie in diesen Ländern … Die Entscheidungen, die der Einzelne im Privatleben trifft, sind ebenso wichtig, wie die Entscheidung, die er an der Wahlurne trifft … Niemand, auch nicht der Präsident eines Landes, sollte die Entscheidungshoheit darüber haben, was Liebe ist oder wen man lieben darf.“ Eine Anspielung darauf, dass gerade Homosexualität in den meisten Staaten Afrikas tabu ist und Menschen deswegen per Gesetz sogar verfolgt und inhaftiert werden.

Eine Situation, mit der auch Valerie und ihre Geliebte Padmini in Uganda konfrontiert sind, und die wegen ihrer Liebe zueinander sogar eine Zeit lang im Gefängnis landen. Auch wenn Bella Valerie nicht mag, etwas Böses gegen sie könnte sie nie unternehmen. Und so hilft sie ihr, geheim mehrmals aus der Patsche. Der „Clash“ der Kulturen scheint anfangs noch unüberwindlich, endet schließlich aber versöhnlich. Für alle Beteiligten. Ein Buch, das zumindest etwas Hoffnung macht.

Über den Autor:
Nuruddin Farah wurde am 24. November 1945 im südsomalischen Baidoa geboren. 1974 musste er Somalia verlassen, wo er aus politischen Gründen in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Er lebte viele Jahre im Exil. Erst 1996 konnte er sein Heimatland wieder besuchen. Farah gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Afrikas, ist Autor zahlreicher Romane und Theaterstücke, die weltweit in 17 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet sind. Er veröffentlichte unter anderem einen Romanzyklus über seine somalische Heimat, den er mit seinem 2013 erschienenen Buch „Gekapert“ abschloss. Heute lebt Farah mit seiner Familie in Kapstadt.

Suhrkamp, Nuruddin Farah: „Jenes andere Leben“, Roman, 382 Seiten. Aus dem Englischen von Susann Urban.

www.suhrkamp.de

Wien, 30. 8. 2016

Carol Birch: Der Atem der Welt

Februar 20, 2013 in Buch

Auge in Auge mit dem Tiger

Buchcover

Carol Birch: Der Atem der Welt
Insel Verlag

London 1857: Schiffe aus aller Herren Länder laufen ein und aus. Die Docklands stinken nach Moder und Unrat, sind bevölkert von Matrosen und Huren. Jungs rauchen Pfeife, trinken Alkohol, die Mädchen suchen ihr erstes Abenteuer. Unbeschwerte Jugend gibt es keine. Carol Birch zeichnet ein detailliertes Bild dieser Welt abseits von Oscar Wilde und Jane Austen, wo Dandys nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen und Mütter auf der Suche nach dem „ideal husband“ für ihre Töchter sind. In diesem trostlosen Umfeld wächst der junge Jaffy Brown auf, der schon von klein an Geld verdienen muss, um seinen Beitrag zum (Über)Leben seiner Familie zu leisten. Eines Tages begegnet er einem aus einer Menagerie entlaufenen Tiger, der Jaffys Kopf in sein Maul nimmt. Wie durch ein Wunder überlebt er die Begegnung unbeschadet. Besitzer, Naturforscher und Importeur von Tieren aller Art, Charles Jamrach, erkennt rasch die Fähigkeit des Kleinen mit Tieren umzugehen, und wird zu seinem Mentor.

So lernt Jaffy eine Welt voll exotischer Schönheit, wilden Tieren und wundersamen Geschöpfen kennen. Und seinen Freund Tim und dessen Schwester Ishbel, in die er sich verliebt. Doch sein größtes Abenteuer steht ihm noch bevor: Jamrach bekommt von einem Kunden den Auftrag einen seltenen Drachen zu besorgen, der irgendwo auf einer kleinen Insel hausen soll. Tim heuert auf einem Walfänger zu dieser Expedition an. Auch Jaffy fühlt sich vom Abenteuer angezogen und begleitet seinen Freund auf eine Reise, bei der von der knapp 20köpfigen Besatzung nur mehr Zwei zurückkommen werden. Doch noch ahnt keiner, dass sie an die Grenzen der Welt und ihres Menschseins stoßen werden. Die Autorin schildert mit viel sprachlicher Kraft und Einfühlungsvermögen die Charaktere, die meisten noch Greenhorns, nicht einmal 20 Jahre alt, ihre Ängste, Hoffnungen und Träume und die Faszination aber auch Unerbittlichkeit des Meeres, das seine eigenen Gesetze hat und Jaffy in ihren Bann zieht. Der Drache entpuppt sich als Komodowaran, wird zwar gefangen, doch als er aus seinen Käfig im Schiff ausbricht, beginnt die Katastrophe. Am Schluss treiben die letzten Überlebenden in zwei Rettungsbooten im Pazifik, und warten – dem Wahnsinn verfallen – wochenlang auf ihre Rettung. Eindrücklich und beklemmend schildert die Autorin den Kampf ums Überleben. „Der Atem der Welt“ ist jedoch mehr als ein bloßer Abenteuerroman.

Es geht auch ums Erwachsenwerden und die Selbstfindung (Mein persönlicher Lesetipp: Marc Aurel: Wege zu sich selbst). Als Jaffy wieder nach London zurückkehrt stellt sich ihm die Frage nach dem Sinn des Lebens. Erst scheint er an seinem Schicksal zu verzweifeln, doch am Schluss findet er nicht nur seine Erfüllung sondern auch sein privates Glück. Denn die Natur und das Leben sind stärker.

Zur Person: Carol Birch, geb. 1951, studierte an der Keele University Anglistik und Amerikanistik. Für ihren ersten Roman „Life in the Palace“ gewann sie den David Higham Award für das beste Debüt des Jahres. Mit ihrem zweiten Roman „The Fog Line“ erhielt sie den Geoffrey Faber Memorial Prize. Mit ihrem aktuellen und mittlerweile elften Roman „Der Atem der Welt“ (engl. Jamrach’s Menagerie) stand Birch auf der Shortlist des Man Booker Prize 2011, dem wichtigsten britischen Literaturpreis.

Insel Verlag, Carol Birch: “Der Atem der Welt“, 395 Seiten, aus dem Englischen von Christel Dormagen

www.suhrkamp.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 20. 2. 2013

Peter Handke im Theatermuseum

Februar 8, 2013 in Aufschlageseite

 

 

Das Wort ist seine Welt geworden

»Ich hab schon den Ehrgeiz, das Theater immer neu zu entdecken und dabei doch die Menschheit zu umfassen.« (Peter Handke)

Von der „Publikumsbeschimpfung“ (1966) bis „Immer noch Sturm (2011): Peter Handke hat das deutschsprachige Theater maßgeblich geprägt. Zum 70. Geburtstag des Autors bietet das Österreichische Theatermuseum bis 08. Juli 2013 erstmals eine umfassende Ausstellung zu dessen Bühnenarbeiten. In bisher zwanzig Stücken entwickelte der Autor sein »episches Theater« und seine Theorie des »Wahrspielens«. Handke, Sohn einer Kärntner Slowenin und eines Berliner Straßenbahnschaffners blieb „die Welt“ immer ein fremder Wort; „Kleinhäuslerkind“ nannte sich der von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossene selbst. Das Wort wurde „seine Welt“. Er entscheidet sich für eine hochstilisierte Sprache, oft mit mythisch überhöhten Metaphern, um den Selbstfindungsprozess seiner Protagonisten darzustellen. Immer wieder beschäftigen ihn autobiografische Themen, wie der Widerstand der Kärntner Slowenen gegen die NS-Diktatur, in dem auch seine Familie Opfer brachte.

1996 kam es in den Medien nach der Veröffentlichung von Handkes Reisebericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ zu heftigen Kontroversen, die bis heute andauern. Kritiker werfen ihm eine Verharmlosung der serbischen Kriegsverbrechen vor, Handke nimmt für sich einen differenzierteren Blickwinkel auf die Ereignisse in Anspruch. Im März 2004 unterzeichnete er einen  Künstlerappell zur Verteidigung Slobodan Miloševićs. 2006 trat der Autor bei der Beerdigung von Miloševićs als Grabredner auf, was die alte Mediendebatte wieder unterfeuerte.

Vergangenen November überraschte Handke seine Leser mit dem Buch „Versuch über den Stillen Ort“. Denn siehe da: Der Dichterfürst fabulierte tatsächlich über die Toilette, das WC, und mit seiner unverwechselbar magischen Sprache über die besonderen „stillen“ Erfahrungen, die er dort – pardon: gemacht – hat. Ein Stück Literatur mit Bedeutungstiefe. Erschienen bei Suhrkamp.

Theaterrezensionen:

16.05.2012. http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

Handke-Stück: Papierenes ist jetzt lebendig Ein Füllhorn voller Fantasien: Luc Bondy brachte bei den Festwochen Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“ zur Uraufführung.

Wenn sich zwei Schauspieler voller Leidenschaft diesem Stück hingeben, dann wird das ein großer Theaterabend. Schrieb vor einiger Zeit ein Rezensent des Mitte März bei Suhrkamp erschienenen Handke-Textes „Die schönen Tage von Aranjuez“.
Ein Glück.
Es kam genau so.

Festwochen-Chef Luc Bondy legte höchstselbst Hand an Handke. Und goss ein Füllhorn szenischer Fantasien über den 69 Seiten langen Augenlidbeschwerer. Bei der Uraufführung im Akademietheater wurde sogar gelacht. Sacre bleu! Wo der Dramatiker doch so bemüht ist, jeden seiner kunstvoll gedrechselten Weltsichtsätze zitatenschatztauglich abzufassen. Aber da darf halt kein Jens Harzer einen Doppel-D-BH quer über die Bühne schnalzen.

Harzer als „Der Mann“ und Dörte Lyssewski als „Die Frau“ schenken Handke sein Stück zurück. Mit ihrer großen Lust am Spiel, an Spielereien bis zum Slapstick. Mit  Gänsehautstimmen. Ob’s  ihnen der Dichterfürst dankt, sei dahingereimt. Beim Schlussapplaus fehlte er. Obwohl das Bühnenbild von Tochter Amina Handke stammt. Die sich gern und mehrmals verbeugte.

„Die schönen Tage von Aranjuez … sind nun zu Ende“ ist der erste Satz aus Schillers „Don Carlos“.  Handkes danach benannter „Sommerdialog“ ist ein steriles Doppelmonologisieren.

Er, während  er sich selbst in Naturbetrachtungen ergeht, fragt sie über ihre Liebschaften aus. Sie erzählt dann vom Vollzug wahlweise auf Vogelkot (im Garten) und Menschenexkrementen (nicht fragen: es war in einer stillgelegten Saline!). Er outet sich als Johannesbeerenfetischist. Die „Explosion von deren Säure und gleichzeitiger Süße“ auf seinem Gaumen stilisiert Handke zum orgiastischen Höhepunkt seines Werks.

Bondy bricht diese Pathos-Poesie. Frech und schamlos. Macht aus einem Fast-Nichts ein Fast-Alles.

Und bleibt doch ganz beim Ausgangsthema. Bei spanischem Mühlsteinkragen, Brustharnisch, Herrenstrümpfen, großem Kleid – in der Modefarbe schwarz. Als ob Königin Elisabeth und Marquis Posa (das ist der mit dem berühmten: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“-Satz) zum Geheimtreffen antreten.  Selbst, dass sich Harzer zum Schluss nach einem Schuss mit einer Tube Theaterblut besudelt, passt da ins Bild.

Als dann – Tatütata – eine Rettungssirene ertönt, meint er: Der nächste Ambulanzwagen gehöre aber ihm.

Langsam schält Bondy seine Protagonisten aus den historischen Kostümen ins Universelle, ironisiert die von Handke aufgestellten Mann-Frau-Regeln, indem er Harzer mit Indianerhäuptlingsfedern, als patscherten Ober mit Riesen-Moustache oder  Insektenkiller verkleidet.

Noch ein Mann also, der die Seelenausschüttung einer Frau nicht ernst nimmt. Man denkt, dass Harzer zuletzt in „Immer noch Sturm“ als Handkes Alter Ego auftrat. Und der lebenslang kein unkompliziertes Verhältnis zu Frauen pflegte.

Die wunderbare Dörte Lyssewski entzieht sich. Singt „Non, je ne regrette rien“. Aber nur, um gleich darauf zu sagen, dass das auf sie nicht zutrifft.

Fazit: Wie man aus fast nichts fast alles macht

Vorlage
Handkes Theatertext ist wie eine subtile Herausforderung an Regie und Schauspieler: Machen Sie Ihr Spiel!

Verarbeitung
Luc Bondy und seine Darsteller taten es. Und gaben sich dem Rollenspiel voll hin. Allein dafür gibt es diese:

05.12.2011. http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

Große Kunst: „Immer noch Sturm“ Kritik – Ein Hochamt für Handke gab es im Burgtheater zu sehen. Ein vibrierendes Traum- und Traumaspiel.

Montagabend war im Burgtheater einer Beglückung beizuwohnen. In Form der Wiener Premiere von Peter Handkes „Immer noch Sturm“. Und in Form der Erkenntnis, dass Dialog, dass Diskussion zwischen Obenstehern und Untensitzern am Theater möglich und wichtig ist. Weil Beglückung so passieren kann.

Die Uraufführung, inszeniert von Dimiter Gotscheff, war bei den Salzburger Festspielen kontroversiell aufgenommen worden. Eines der härtesten Urteile fällte die FAZ mit der Feststellung, es sei ein Missverständnis anzunehmen, dass Handkes Wort „nicht ausschließlich in einen lesenden Kopf gehört“. Gotscheff hat also gründlich nachjustiert und seine Arbeit um eine gute Dreiviertelstunde gekürzt. Meist zulasten der tiefgründelnden Oberflächlichkeit der Jens-Harzer-Rolle, der Handkes Bühnen-Ich verkörpert. Allein schon dessen im Kreis gehend vorgetragener, im Kreis gedachter 40-minütiger Schlussmonolog wurde seit Salzburg halbiert. Was kein Fehler ist.

Denn mit der Erschlankung kam die Dynamik. Aus Rampenrednern wurden Miteinander-Spieler. Aus textfromm wurde textgescheit. Aus Gruppenbild mit Ansager, heißt: aus starrer Pose wurde reine Bühnenpoesie. Plötzlich war Platz für Emotion, Aggression, sogar für eine Jugoslawien-Erregung. Alles, ohne dass Gotscheff seinen Stil, seine Handschrift, seine Leitthese abgeändert oder gar verraten hätte. Was große Kunst ist.

Gotscheffs Abend ist immer noch ein Hochamt für Handke – „So, genug jetzt mit der Messe!“ scherzt Harzer in Anspielung an die Kritik einmal. Aber der Regisseur hat sich nun einen Hallraum geöffnet, in dem er dieses Traum- und Traumaspiel vibrieren lassen kann. Die Schauspieler, neben Harzer u. a. Oda Thormeyer, Tilo Werner, Bibiana Beglau, Hans Löw und Gabriela Maria Schmeide, agieren großartiger als zuletzt. Sie sind jetzt eins mit dem Text.

Für „Immer noch Sturm“ wird Handke der Nestroy-Autorenpreis verliehen. Der Autor verquickt darin die Geschichte seiner Vorfahren, ihren verzweifelten Kampf um Sprache und Identität, mit dem Widerstand der Kärntner Slowenen gegen die NS-Diktatur. Ein wunderbares, hochdramatisches, ein wenig verschrobenes Gedicht.

www.theatermuseum.at

www.suhrkamp.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 8. 2. 2013