H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hofmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hofmann im Amalthea-Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hofmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hofmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hofmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

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13. 4. 2021

Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport

Januar 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Du musst das halt in meinem Sinn machen …“

„Du musst das halt in meinem Sinn machen“, trägt Thomas Bernhard seinem Halbbruder und gleichzeitig be­handelnden Arzt Peter Fabjan auf, als er spürt, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Und der sieben Jahre Jüngere gehorcht und übernimmt die Verantwortung für das literarische Erbe, „deine zweite Karriere“, wie Bernhard ätzt – wie Fabjan es immer getan hat, von Jugend an, wenn ihn der Ältere brauchte.

Den anderen galt er als „der liebe Bruder“, Fabjan selbst sieht sich eher als „Helfer in der Not“. Oft genug fand er sich in der Rolle des Chauffeurs und dienstbaren Geistes wieder, der am Nebentisch saß, während der Bruder mit Persönlichkeiten aus Politik und Kunst parlierte.

„Einmal sagte er: ,Ich will nicht, dass ihr beide (gemeint waren wir Geschwister, also Susi und ich) nach mir einmal über mich befragt werdet und was erzählt. Darum schreibe ich meine Autobiographie. Man weiß ja sonst nicht, woher bei mir das alles kommt.‘ Dennoch kann ich vielleicht etwas zum ,Woher‘ beitragen“, so Peter Fabjan. Der seine Erinnerungen über ein Dasein, besonders auch eines im

Schatten dieses großen österreichischen Autors nun doch noch in einem Buch zusammengefasst hat. „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport“ erscheint heute, pünktlich zu Thomas Bernhards 90. Geburtstag am 9. Februar. Fabjan berichtet darin von den vielfach belasteten verwandtschaftlichen Verhältnissen, die aus Bernhards Werk bekannte „verwunschene Familie“, über die Fabjan im Unterschied zum Bruder „nie den Druck verspürte, diese Menschen in fiktive Figuren zu verwandeln, um sie ,loszuwerden‘“. Von der Kriegskindheit, vom Großvater mütterlicherseits, dem Salzburger Dichter Johannes Freumbichler, von der ledigen Mutter Herta und Bernhards langanhaltenden Verlassenheitsängsten.

Von Peters Vater Emil Fabjan, der vom anstrengenden Stiefsohn mehr als von den anderen beiden Kindern Gehorsam einforderte, schließlich von Thomas Bernhards Freundin und Vertrauter Hedwig Stavianicek. Von gemeinsamen Reisen in die USA, nach Portugal oder Polen, fabelhaft die Anekdote vom Übernachten auf dem Sofa des Warschauer Lyrikers Stanisław Jerzy Lec im Jahr 1964. Am Ende von seinen Bemühungen um den von langer und schwerer Krankheit gezeichneten Patienten. In dessen letzten Jahren sich Fabjan, Bernhard war zu diesem Zeitpunkt schon von Ohlsdorf nach Gmunden übersiedelt, im Haus gegenüber einquartierte.

Entstanden ist so der intime Einblick eines „lebenslang stummen Begleiters“ ins – so weit möglich – Innerste eines, der von sich einerseits sagte „Ich bin immer ein Störenfried geblieben“, andererseits „Ich bin der kleine Vogel, der im finsteren Wald schreit“. Und schön zu lesen ist, wie dieser vom anderen gewisse Sprachgewohnheiten angenommen hat – „Er würde das wahrscheinlich völlig unnötig finden und dazu überhaupt keinen Bezug haben, nicht“, „Ich schreibe mir auch gar keine künstlerische Ader zu, – eine intuitive schon, denn die brauchen Sie als Arzt auch, nicht.“ Nicht?

„In einem Gespräch mit dem Journalisten Kurt Hofmann im Haus in Ottnang antwortete Thomas Bernhard auf die Frage, was für ein Verhältnis er zu seinem Bruder habe: ,Na, ein brüderliches. Das ist so sporadisch, normal, und dann ist es so konträr. Eigentlich sehr angenehm. Nachdem man so verschieden ist, gibt’s keine Probleme. So ist das‘“, so Fabjan – und zwischen den Zeilen über Bernhards Distanz- wie Schutzbedürfnis meint man durchaus ein Leiden daran zu lesen.

„Wir Geschwister erlebten unseren Bruder früh eifersüchtig und als Meister im Demütigen. Unsere Zuneigung durften wir ihm nicht schenken, sie wurde verlangt und musste ein Leben lang bewiesen werden. Eine schwierige Situation“, formuliert Fabjan, und weiter: „Er war unfähig, Dankbarkeit zu zeigen. Im engeren Freundes- und Familienkreis war er besonders verletzlich und abweisend, wechselte schnell zwischen Zuwendung und eisiger Verachtung. Bisweilen gab er sich mitfühlend, begleitet von Belehrung, dann wieder zeigte er Interesse, ja Neugierde. In heiklen Situationen gab er sich als Kind, das Rücksicht in Anspruch nehmen darf, von einem Gegenüber, das zumeist weiblich war und wesentlich älter. Außerhalb des vertrauten Kreises galten Angriff und Provokation als beste Verteidigung …“

Sagt Fabjan über den „Dichterschauspieler“ und seine „in Gesellschaft gern wechselnden Gesichter“: „Er trat als Clown auf oder war von tiefem Ernst, sein Spektrum reichte von anerkennender Liebenswürdigkeit bis zu tiefem Hohn. Jeder Tag war eine gelebte Inszenierung. Wo immer er sich befand, stand er im Mittelpunkt: unterhaltend durch Witz, Kritik und unerschöpfliches Assoziationsspiel. Er war von sicherem Geschmack … sein Charme war legendär.“ Welch ein Satz von Peter über Thomas, dass das „eigene Leben in ihm schon in frühester Kindheit erstorben“ sei.

Aus dieser Kindheit schildert Fabjan einige Szenen, so auch diese aus dem Jahr 1950: „Mein Aufsatz in Deutsch, der die elende häusliche Situation nach dem Tod der Mutter zum Thema nimmt – ein erster Versuch der Bewältigung von Erlebtem durch Schreiben –, wird vom Lehrer als vorbildlich gesehen und soll von mir vorgelesen werden, was ich ablehnen muss. Thomas sieht ihn als nicht zulässig an.“ Dies Bezwingen mittels Sprache gestand der Argwöhnler, der später seine Kindheit und Jugend in fünf Teilen (Die Ursache, Der Keller, Der Atem, Die Kälte, Ein Kind) verarbeitete, schon damals „naturgemäß“ nur sich selbst zu; Fabjan: „Das bösartige Kind in ihm blieb dabei zeitlebens lebendig.“ Er lernte früh, auf die Thomas’schen Ausbrüche von Jähzorn „keinesfalls mit spontaner Gefühlsreaktion zu antworten“.

Jede Bernhard-Leserin, jeden -Leser werden Peter Fabjans fragmentarisch aneinandergereihte Erinnerungen faszinieren. Er kann berichten, was kein anderer so unmittelbar nah miterleben konnte. Etwa von Telefonaten zwischen dem Vater und „Frau Stavianicek, die auf seinen Wunsch, Thomas zu sprechen, gemeint habe: ‚Worum handelt es sich denn?‘ Er war inzwischen zu ‚ihrem‘ Thomas avanciert. Darauf sein empörtes Insistieren mit erhobener Stimme: ‚Ich möchte den Thomas sprechen !!!'“

Den Thomas, über Thomas Bernhard sprechen – das mutet in manchen Kapiteln gar tragikomisch an. Auf einer allein unternommenen Reise durch Sizilien lernt Peter Fabjan einen dort schon lange ansässigen Deutschen kennen: „Ich werde in die Privatwohnung eingeladen und erzähle bei erlesenem Essen und Wein bis in die tiefe Nacht – von Thomas.“ Letztes Zitat, eine in die Aufzeichnungen aufgenommene, undatierte Notiz, die Bände spricht über die Bruderliebe zum übermächtig-berühmten. Dies soll als Leitsatz fürs Buch gelten: „Wenn Thomas nicht mehr lebt, werde ich meine Zuneigung viel stärker empfinden, als er es mir heute erlaubt.“

Über den Autor: Peter Fabjan, geboren 1938 im bayrischen Traunstein, studierte Medizin in Wien und war bis 2001 als Internist tätig. Nach Thomas Bernhards Tod übernahm er die Betreuung des Erbes seines Halbbruders. Er gründete das Thomas Bernhard Archiv, die Thomas-Bernhard-Privatstiftung und die Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft, deren Ehrenpräsident er ist. Peter Fabjan lebt in Gmunden in Oberösterreich.

Suhrkamp Verlag, Peter Fabjan: „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport“, 240 Seiten. Mit zahlreichen, teilweise bisher unveröffentlichten Abbildungen.

www.suhrkamp.de           thomasbernhard.at

  1. 1. 2021

Andrej Platonow: Die Baugrube

September 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Tiefschwarzes Antidrama über Stalins Sozialismus

„Die Unterdrückung der ,Baugrube‘ hat die russische Prosa um fünfzig Jahre zurückgeworfen“, befand der  russisch-amerikanische Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky. Wie kein zweiter lässt Autor Andrej Platonow in diesem paradigmatischen Meisterwerk über den Totalitarismus die Atmosphäre der aufkommenden Ära Stalin spüren, die voll war von Prophezeiungen einer besseren Zukunft, Utopien, die sich alsbald in ihr Gegenteil verwandeln sollten und 20 Millionen Sowjetbürgern im Zuge der politischen Säuberungen das Leben kosteten.

Es ist kein Wunder, dass „Die Baugrube“ zu Entstehungszeiten nicht erscheinen durfte, es ist ein Wunder, dass es einer wagte, Derartiges zu Papier zu bringen, blieb Platonow von der harten Hand des „Stählernen“ doch keinesfalls verschont. An den Rand seiner Erzählung „Zum Vorteil“, einer Kritik an der Stalin’schen Zwangskollektivierung und Entkulakisierung, schrieb der Diktator persönlich das Wort „Abschaum“, bevor er mitten im Großen Terror Platonows 15-jährigen Sohn wegen „Spionage und antisowjetischer Tätigkeit“ in einem Arbeitslager internieren ließ. Der schließlich Haftentlassene war schwer an Tuberkulose erkrankt, an der sich der Vater bei der Pflege ansteckte und starb.

In „Die Baugrube“ dekonstruiert Platonow verstörend visionär die Zeit des ersten Fünf-Jahres-Plans. Der Kurzroman ist mindestens so hintersinnig wie seine Dystopie „Tschewengur“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29341), doch nicht wie diese in Albtraumwelten angesiedelt, sondern deutlich erkennbar in der kommunistischen Wirklichkeit der späten 1920-Jahre verankert. Platonow, im Gegensatz zu der Mehrzahl seiner Schriftstellerkollegen tatsächlich ein Kind des Proletariats, Sohn eines Metallarbeiters, der es diesem jedoch ermöglichte zu studieren und Ingenieur zu werden, kannte die Propagandamittel für den revolutionär gestimmten Aufbruch, die Agitation zur Übererfüllung von Produktionsvorgaben, aus eigenem Erleben. Was seine Texte umso fantastischer macht.

Bild: pixabay.com

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In seiner einzigartigen Sprache und so bedächtig, wie’s die Art seiner Protagonisten ist – deren größte Angst: dass in „ungesunder Aufregung die Nerven Schaden nehmen“, weshalb sie der Werktätigkeit mit einer gewissen Geruhsamkeit nachgehen -, erzählt Platonow von einem Artel, einem freiwilligen Zusammenschluss von Arbeitern, die eine gigantische Grube ausschachten, über der ein „gemeinproletarisches“ Hochhaus errichtet werden soll, imstande, die Bevölkerung einer ganzen Stadt in sich aufzunehmen. Dies epochale Symbol wird von Platonow – (R)untergehen statt Aufbauen – zur Kenntlichkeit entstellt, und verständlich ist, dass einem mit beinah 90 Jahren mehr an Geschichtswissen bei „Grube“ assoziativ Massengrab einfällt.

Hauptfigur des Buchs ist Woschtschew, ein tief melancholischer Mensch, ein Sinnsuchender, der statt diesem aber nur den Trübsinn einer fehlgeleiteten Schöpfung findet. Gerade erst wurde er aus der Maschinenfabrik „entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit“. Woschtschew ist sozusagen der Fleisch gewordene Kontrapunkt zu den schnarrenden Appellen des Aufbauoptimismus, die allüberall erschallen. Nunmehr laborierend an der eigenen Nutzlosigkeit, denn genau das darf ein Sowjetmensch auf keinen Fall sein, fällt ihm ein verdorrtes Blatt auf den Kopf. „,Du hattest keinen Lebenssinn‘, vermutete Woschtschew mit Kargheit des Mitgefühls, ,bleib hier liegen, ich werde herausfinden, für was du gelebt hast und umkamst. Wenn dich schon keiner braucht und du herumliegst in der ganzen Welt, werde ich dich hüten und im Gedächtnis behalten.‘“ (In dieser Situation stößt er auf das grabende Kollektiv – und wird von diesem ohne langes Fragen assimiliert …)

Gabriele Leupold, die dafür mit dem Jan-Scatchered-Preis der Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Stiftung ausgezeichnet wurde, hat diese Zeilen klug und kreativ ins Deutsche übertragen. Sie lässt deren Ästhetik, die dreisten Andeutungen, die beiläufig geschilderten Grausamkeiten, die halsbrecherischen Wortneuschöpfungen in tausend Sprachbildern schillern. „Sozialismusfest“, in Anspielung an die tradierten kirchlichen Feiertage, ist etwa einer dieser von Platonow erdachten Begriffe. „Wir können um des Enthusiasmus‘ willen leben“, zitiert er Stalins Lieblingsschlagwort aus der Rede „Das Jahr des großen Umschwungs“, und wenn er den Funktionär Paschkin „das Tempo ist flau“ sagen lässt, oder „am Proletariat herrscht heute ein Manko“, so korrespondieren diese Mahnungen mit der in Parteidekreten festgeschriebenen Kritik.

Bild: pixabay.com

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Dabei bedient Platonow im Tonfall weder Ironie noch Sarkasmus. Die Antihelden seines tiefschwarzen Antidramas verzehren sich pathetisch an der Aufgabe eine schöne neue Welt zu erschaffen, scheitern, scheitern wieder, scheitern nicht besser – Fehlschläge anhand derer der Autor die Fehler des Systems entlarvt. Sein Personal hat Platonow als Allegorien angelegt. Statt einer Erzählstimme, einer übergeordneten Instanz, setzt er auf die Polyphonie seiner Figuren. Da gibt es den Arbeiter Safronow, parteikonformer Sozialist und „Klassenkämpfer für die Aufklärung“. Den herkunftsbedingt isolierten, selbstmordgefährdeten Ingenieur Pruschewskij, der sich in seiner Einsamkeit in die Schlafbaracke zu den Arbeitern legt, was diese peinlich berührt.

Den Genossen Shatschew, beinloser Bürgerkriegsinvalide, aggressiv, weil er vom Regime schlecht versorgt wird, und der deshalb unter Androhung von Devastierungen von den Nachbarn Lebensmittel und Tabak erpresst. Den schwächlichen Koslow, der, weil er an den Einsatz technischer Hilfsmittel glaubt, schließlich Karriere machen wird. Den bereits erwähnten Funktionär Paschkin, der nur nach dem Rechten sieht, um zum eigenen Ruhm eine Steigerung der Produktivität anzuordnen. Den Arbeiter Tschiklin, der zentrale Charakter im Bautrupp, der gute Mensch, der in einem Keller eine sterbende burshujka, eine Bürgerliche, und daneben ihr Töchterchen Nastja findet. Sie wird fortan zur „Sowjetina“ der Baugrube – zur leibhaftigen, kindlichen Personifizierung der jungen, unreflektiert linientreuen, lebensgierigen Sowjetunion. Aus ihrem Mund allerdings klingt der andauernd daher geplapperte Jargon der „Liquidierung“ nur umso menschenverachtender und mörderischer.

Und während Platonow solcherart am offenen Herzen des heranwachsenden Bolschewiki-Staats operiert, den wahnwitzigen gesellschaftlichen Heilsglauben an die kommunistische Erlösung in grotesken Gebärden festhält, kommen für seine Geschöpfe neben der Pflichterfüllung auch die Herzensangelegenheiten nicht zu kurz. Die Phraseologie der Sowjetbürokratie in eine ungebührliche Poesie übertragend, spürte Paschkin, „als er seine Frau hörte, Liebe und Gelassenheit, – das hauptsächliche Leben kehrte wieder zu ihm zurück. ,Olguscha, mein Goldfisch, du spürst ja gigantisch die Massen! Dafür lass ich mich dir anorganisieren!‘ Er legte den Kopf an den Körper seiner Frau und beruhigte sich im Genuss von Glück und Wärme …“

Über den Autor: Andrej Platonow, 1899 in Woronesch geboren, begann mit 14 Jahren zu arbeiten, absolvierte später das Eisenbahnertechnikum und war in den 1920er-Jahren als Ingenieur für Bewässerungstechnik und Elektrifizierung tätig. Seit 1918 publizierte er Lyrik, Erzählungen und journalistische Arbeiten. Seine Hauptwerke „Tschewengur“ aus dem Jahr 1926 und „Die Baugrube“, geschrieben 1930, konnten nicht erscheinen. Platonow starb 1951. Erst in den 1980er-Jahren setzte seine Wiederentdeckung ein.

Suhrkamp Taschenbuch, Andrej Platonow: „Die Baugrube“, Roman, 238 Seiten. Übersetzt aus dem Russischen und mit einem Nachwort versehen von Gabriele Leupold. Mit einem Essay von Sibylle Lewitscharoff.

Gabriele Leupold über Platonows „Die Baugrube“: www.youtube.com/watch?v=IbQemkkfKwg

www.suhrkamp.de

  1. 9. 2019

Jennifer Clement: Gun Love

Oktober 13, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Währung des White Trash ist die Waffe

„Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen.“ Mit diesen Sätzen beginnt Pearl ihre noch kurze Geschichte. Das ist stark und macht die Verhältnisse sofort klar. 14 Jahre ist die Ich-Erzählerin alt. Sie lebt in einem Auto auf dem Besucherparkplatz vor dem Indian Water Trailerpark in Florida, in einem Dreieck zwischen zwei Highways und einer giftigen Mülldeponie, dahinter ein von Alligatoren verseuchter Fluss. Auf die Tiere werden Schießübungen veranstalten. Auf Bäume auch. Manchmal auf die Polizei. „Das Leben war wie ein Schuh am falschen Fuß“, sagt Pearl. „Meine Mutter sagte, … meine Mutter hatte recht …“, diese Form der indirekten Rede ist Pearls bevorzugte Distanz zu den Geschehnissen, die in den nächsten 250 Seiten auf den Leser zukommen.

US-Autorin Jennifer Clement hat mit „Gun Love“ einen unvergleichlichen Roman über die amerikanische Armut geschrieben, über Menschen, die, seit Trump in den Vereinigten Staaten das Sagen hat, sogar wissenschaftlich als White Trash bezeichnet werden. Eine Unterschicht, über die Hillary Clinton im Wahlkampf meinte, „sie klammern sich an Schusswaffen oder an die Religion oder an Antipathien gegenüber Leuten, die nicht so sind wie sie“. Was sie später öffentlich bedauerte.

Clement lässt sich Zeit, bis sie zur Waffe greift. Erst berichtet sie, dass auch, wer offiziell als obdachlos gilt, sich in ein beinah glückliches Dasein tagträumen kann. Pearl nennt das ein „Ein-Dollar-Leben“ voller „Geburtstagskerzen-Wünsche“. Die Mutter, Margot, begüterte, aber brutale Herkunft, als Teenager vom verheirateten Klavierlehrer geschwängert, ergo Ausreißerin aus dem gefühlskalten Elternhaus, einzige aktuelle Sorge, die Angst vor dem Jugendamt, hat viele Weisheiten für Pearl parat. Sie durchschaut andere. Im Wortsinn. Also: esoterisch angehaucht. Nur einen nicht, aber dazu kommt Clement später. Erst erfährt man, wie man einen Wagen zur Wohnstatt macht, mit Büchern auf dem Armaturenbrett, der Kleidung in Einkaufssackerln und den Waschsachen im Handschuhfach. „Da meine Mutter mir die Welt übersetzte, wusste ich, dass die Menschen Geheimnisse und kaputte Knochen und verletzende Worte mit sich herumtrugen, die man mit Seife nicht wegwaschen konnte“, sagt Pearl.

Clements Story ist wie ein K.O.-Schlag, doch die Sprache, in die sie sie taucht, ist so beseelt poetisch, Worte so watteweich, dass Pearls und Margots absonderlicher Alltag etwas Anmutiges bekommt. Wie Margot im billigen, fliederpastelligen Supermarkt-Spitzennachthemd barfuß zu den Toilettenanlagen tänzelt, wie Pearl auf ihrem Abenteuerspielplatz Müllkippe ein zerbrochenes Thermometer findet und sich an den ständig die Form verändernden Quecksilberkügelchen erfreut. Sie sei „unter einem Gefahrenstern geboren“, sagt Pearl einmal, später: „Ich lebte praktisch in dem Wort ,Gefahr‘, als wäre es eine Adresse.“ Da ahnt man schon, das toxische Flüssigmetall in ihrer Tasche wird nicht die einzige bleiben. Clements Figuren sprechen wie Songtexte. Von Johnny Cash oder Neil Young. Was sie schreibt, ist skurril, wenn’s nicht so schaurig wäre. Ein Nachbarskleinkind hat ein „Waffenausmalbuch“. Man könnte das Ganze für ein Klischee halten.

Die anderen Anrainer, allesamt Wohnmobilbewohner, sind Sergeant Bob, der einbeinige Afghanistan-Veteran mit „In God we Trust“-Tattoo, samt Familie, Tochter April May Pearls beste Freundin; ein Mutter-Tochter-Gespann, Mrs. Roberta Young und Noelle, erstere eine durch die Arztrechnungen für ihr geistig behindertes Kind arm gewordene, pensionierte Lehrerin, samt Noelles Barbiepuppensammlung und ihren Glückskeckssprüchen; Pastor Rex, der für Gott Waffen kauft, „und so gewöhnten wir uns daran, dass fremde Männer mit einem Gewehr über der Schulter oder einer Pistole in der Hand durch das Eingangstor schlenderten“; und das freundlich-unnahbare Paar Ray und Corazón.

Und dann Eli. Ein alter Freund des Pastors aus Texas. Ein gefallener Mann, sagt der, keiner, der auch die andere Wange hinhält, sagt die Mutter, plötzlich ein Wild, das sich von Eli sofort erlegen lässt. „Salz trifft Wunde“, sagt Pearl. Der Fremde ändert alles, Pearls Welt gerät ins Wanken. „Zwei Wochen später hatten wir eine Waffe im Auto.“ Allmählich wird klar, wer im Trailerpark alles auf diese harte Währung setzt. Pearl findet in einem verlassenen Wohnwagen ein Waffenlager, schwarze Ware, die nach Mexiko geschmuggelt wird. So idyllisch ruhig der Roman beginnt, so rasant nimmt er jetzt Fahrt auf, eine, die für Pearl tatsächlich zum – unfreiwilligen – Roadtrip durch die Südstaaten wird. Immer weiter wird sie von dem ihr bekannten Kosmos wegkatapuliert.

Keiner ist mehr, wer er scheint, die Männer sind Bedrohung. Von „Polizistenmord. Bewaffneter Raubüberfall. Identitätsmissbrauch“, ist auf einmal die Rede. Pearl gerät in einen Gewaltstrudel, aus dem sie nicht ausbrechen kann. Das Mädchen, das nicht einmal eine Geburtsurkunde besitzt, weiß nicht wie und wohin. Und auch sie bewaffnet sich. Die Mutter wird getötet, Pearl wird töten. Beides steht nicht im „Lebensbuch des Lamms“. Leben wird Überleben, und Pearl wird nicht aus diesem Umstand ausbrechen können. Am Ende ist sie wieder in einem Auto, versteckt zwischen Gewehren und Pistolen. „In meinem Tagtraum lag ich zwischen Skeletten, die Waffenteile waren lange Oberschenkelknochen und Rippen und kurze Ellen, wie ich sie von Röntgenbildern kannte, Röntgenbilder von zerbrochenen Knochen, ich roch Schießpulver und vielleicht auch Rost und Blut und Blut und Rost.“ Der Rest bleibt offen.

Jennifer Clements „Gun Love“ pflügt mitten durchs Herz. Sie lässt einen atemlos zurück, diese Geschichte über Liebe, Hass und Einsamkeit. Und den Irrsinn, den der Zweite Zusatzartikel der US-Verfassung über den Alltag von Menschen bringt: das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen. Dabei ist dieses Buch mehr als das literarische Stimmungsbild einer Nation. Auch in Österreich gibt es mittlerweile mehr als eine Million registrierter Schusswaffen in Privatbesitz. Inklusive der illegalen sollen es doppelt so viele sein.

Über die Autorin: Jennifer Clement, 1960 in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf, studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft und hat Lyrik und vier Romane veröffentlicht. Als Präsidentin des P.E.N. International kämpft sie im Namen von Autoren weltweit für das Recht auf freie Meinungsäußerung. „Gebete für die Vermissten“, ihr Roman über die Schicksale gestohlener Mädchen in Mexiko, war ein internationaler Erfolg.

Suhrkamp Verlag, Jennifer Clement: „Gun Love“, Roman, 251 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner.

www.suhrkamp.de

  1. 10. 2018

Andrej Platonow: Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen

August 29, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die russische Revolution frisst ihre Kinder

Es war Frank Castorf, der einen mit seiner bei den Wiener Festwochen 2016 gezeigten Inszenierung erstmals auf Andrej Platonows Roman „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19870) aufmerksam machte. Nun liegt der zwischen 1927 und 1929 entstandene Text in einer überarbeiteten Übersetzung bei Suhrkamp vor. Er habe nichts anderes versucht, als den Anfang der kommunistischen Gesellschaft darzustellen, schreibt der Autor an den mächtigen Maxim Gorki. „Tschewengur“, so dessen Antwort, sei inakzeptabel, denn die Helden würden nicht als Revolutionäre wahrgenommen, sondern als komische Käuze und Halbverrückte. Platonows episches Werk, weder zum offiziellen Geschichtsbild noch in den Literaturkanon passend, blieb zu seinen Lebzeiten ungedruckt.

Dabei darf dieses nicht als zynische Satire oder als Lächerlichmachen der Sowjetunion missverstanden werden. Platonow distanziert sich nicht von seinem Anti-Helden, er begleitet ihre Ansichten mit Sympathie und Verständnis. Der Eisenbahnschlossersohn und Lokomotivführergehilfe, gestorben 1951 an jener Tuberkulose, mit der sich sein statt seiner ins Arbeitslager gesteckte, 15-jähriger Sohn infizierte, und mit der er sich bei dessen Pflege ansteckte, war glühender Kommunist. Er glaubte an die Idee, nicht jedoch an deren Umsetzung durch Stalin – und prangerte literarisch an, wie der spätere Diktator schon früh den Freiheitskampf der Bevölkerung zugunsten seines autokratischen Systems instrumentalisierte.

Platonow wurde durch Totschweigen ums Leben gebracht. Neben seine Kritik an Stalins Zwangskollektivierung, die Erzählung „Zum Vorteil“, schrieb der Führer der Massen persönlich das Wort „Lump!“. Platonow, der Unbekannte, weil Verbotene, wurde dennoch oder deshalb zur Ikone, zum Vorbild von Generationen junger Autoren. Sorokin, Pelewin, Kurkow, sie alle berufen sich auf ihn. Und wenn diese Anekdote nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden: Kurz vor seinem Ende gab das Regime Platonow ein Gnadenbrot als Hausmeister in einer Moskauer Kultureinrichtung, und als er starb, weinten die tagtäglich dort aus- und eingehenden Studenten. Weil sie sich nun schämten, in dem alten, auf seinem Besen lehnenden, sie um Zigaretten anschnorrenden Mann nicht ihr Idol erkannt zu haben.

„Tschewengur“ handelt von den wahnwitzigen Folgen der konsequenten Anwendung einer Ideologie und von einem Enthusiasmus, der wegen der Rückständigkeit des Landes ins Leere laufen muss. Der Text ist ein philosophisches Gedankenexperiment, das hellsichtig tragische Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts vorwegnimmt. Er ist eine groteske Dystopie über Totalitarismus, mit genau jenem Maß an der dem Genre eigenen erschütternden Wahrheit, wie sie die Staatsmächtigen fürchten. Zur Entstehungszeit hatte Russland bereits Ersten Weltkrieg, Oktoberrevolution und Bürgerkrieg hinter sich. Millionen waren tot, vertrieben, entwurzelt; das „strannitschestwo“, das ziellose Umherirren der Ärmsten der Armen, wurde zur Massenerscheinung. Platonow umschreibt diese Jahre als einzige Schießerei, ihr ausgeliefert die „einfachen Menschen, die das Parteiprogramm ja gar nicht verstehen.“

Den roten Faden bilden die Erlebnisse der Protagonisten Alexander Dwanow – eine Art Alter Ego des Autors – und Stepan Kopjonkin. Ersterer wird von einem Parteifunktionär beauftragt, in einem bettelarmen südrussischen Steppengouvernement nach „sozialistischen Elementen des Lebens“ Ausschau zu halten und die Wünsche der Massen zu ergründen. Bei seiner Reise durch die Armut und den Hunger begegnen ihm allerlei skurrile Charaktere, bis ihn seine Wanderung schließlich nach Tschewengur bringt, wo bolschewistische Fanatiker einen makaberen „Kommunismus in einem einzelnen Bezirk“ organisieren und zu diesem Zweck die gesamte „Bourgeoisie“ massakrieren, um die Stadt dann mit einem in der Umgegend aufgesammelten „Proletariat“ zu besiedeln. Doch trotz aller Anstrengungen will sich die kommunistische Utopie nicht einstellen.

Auf seinem Weg begegnet Dwanow dem „Kommandeur der Feldbolschewiken“, Kopjonkin. Er sucht als Ritter der Revolution auf seinem Pferd „Proletarische Kraft“ das Grab der von ihm angebeteten Rosa Luxemburg. Unverkennbar ist er ein Don Quijote, Platonow beschreibt ihn so: Es war „unmöglich sich seine Herkunft vorzustellen – ob er von einem Tagelöhner abstammte oder von einem Professor -, die Züge seiner Persönlichkeit hatten sich schon an der Revolution abgeschliffen.“ Die Reisegefährten lassen hier einen Wald zur Schaffung von Ackerland abholzen, dort Vieh umverteilen, enteignen Gutsherren – alles im Namen des Sozialismus. Doch keine ihrer Bemühungen macht etwas besser. Das Volk ist unterbelichtet und untätig, weder sät noch erntet es, ist doch in den Vorratsspeichern des gemeuchelten Klassenfeindes noch genug Korn.

Endlich: Tschewengur. Und auch im sozialistischen Paradies tut keiner etwas. Man lässt die Sonne in Stellvertretung werktätig sein, während man selbst über die Revolution sinniert, schwadroniert und sich statt zu handeln in hochtrabenden Phrasen ergeht. Zu arbeiten, so das Credo der Tschewengurer wäre Kapitalismus, mit Nutzen zu arbeiten bourgeois. In einem Gemisch aus falsch verstandenem Parteibroschürenjargon und religiösen Einsprengseln versuchen die Menschen rund um ihren kindlich-begeisterten Anführer Tschepurny, dem neuen Leben einen Sinn abzutrotzen. Die brüderliche Gemeinschaft und deren freundliche Wärme würden sich schließlich ganz von selbst einstellen, ist man überzeugt. Dass es mit dem Kommunismus im kleinen Städtchen kein gutes Ende nehmen wird, ist spätestens dann klar, als der irre Henker Pijussja und Dwanows bösartiger Stiefbruder Proscha, der die Revolution als Mittel zum Zwecke des Reichwerdens missbraucht und der unter den übrigen elf Jüngern des Tschepurny eindeutig ein Judas ist, auftauchen. Am Ende kommt eine maschinelle (Rote) Armee zur Säuberung der Stadt; die russische Revolution frisst ihre Kinder …

„Am Morgen war eine große Sonne, und der Wald sang mit der ganzen Fülle seiner Stimme, indem er den Morgenwind tief unter sein Laub fahren ließ“, „Tschewengur“ strotzt vor derlei Passagen fabelhafter, melancholischer Schönheit. Die poetische Eindringlichkeit, die Sprache, mal biblisch-apokalyptisch, mal revolutionär-bolschewistisch, mit der Platonow seine surrealistische, von der Aura des Absurden umwehte Vision entwickelt, macht das Buch zum Pageturner. Zweifellos ist dieser Roman der beste, der bis dato über die russische Revolution geschrieben wurde.

Über den Autor: Andrej Platonow, 1899 in Woronesch geboren, begann mit 14 Jahren zu arbeiten, absolvierte später das Eisenbahnertechnikum und war in den 1920er-Jahren als Ingenieur für Bewässerungstechnik und Elektrifizierung tätig. Seit 1918 publizierte er Lyrik, Erzählungen und journalistische Arbeiten. Seine Hauptwerke, „Tschewengur“ (1926) und „Die Baugrube“ (1930), konnten nicht erscheinen. Platonow starb 1951. Erst in den 1980er-Jahren setzte seine Wiederentdeckung ein.

Suhrkamp, Andrej Platonow: „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“, Roman, 581 Seiten. Revidierte Übersetzung aus dem Russischen von Renate Reschke.

www.suhrkamp.de

  1. 8. 2018