Rabenhof – Nina Proll: Kann denn Liebe Sünde sein?

Februar 4, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Blattl vorm Mund genommen

Tschicks are a Girl’s Best Friend: Nina Proll mit den Bandkollegen Herb Berger, dee Linde und Christian Frank. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Tschicks sind also dieses Girl’s Best Friend. „Rauchen Sie, trinken Sie und lassen Sie uns morgen bereuen“, sagt Nina Proll zum Publikum und zündet sich genüsslich eine Zigarette an, und als die Musiker ihre Pausenbrote auspacken: „Esst’s ruhig, das stört mich gar nicht, wenn ich rauch‘!“ „Kann denn Liebe Sünde sein?“ hat die Schauspielerin und Sängerin ihr aktuell im Rabenhof zu sehendes Programm genannt. Eine ironische Betitelung, inspiriert vom Philosophen

Robert Pfaller und dessen Thesen über Interpassivität, Lustvermeidung und den Verlust der Fähigkeit, individuelle Interessen adäquat wahrzunehmen – Merksatz: Aus Verzicht auf Lust wird die Lust auf Verzicht. Dem vorzubeugen stellt sich die Proll auf die Bühne, als eine einzige Provokation, wenn sie’s wagt mit spitzer Zunge über die Erbsünde zu lästern, als Erlösungsmodell Sex vorschlägt oder Emanzipation übers Hinterstübchen der Herren einsinkern lässt. Ganz schön gewitzt weiblich ist das alles. Im Marilyn-Monroe-Outfit Zarah Leander zu singen, das muss sich eine erst trauen, Nazi-Sirene gegen Hollywood’s Siren auszuspielen, aber so weit wurde vermutlich nicht gedacht, sondern mehr in Kategorien aufregend bis aufreizend.

Proll gibt ihrem Publikum an diesem Abend kalt-warm. Ob sie nun die Frage abhandelt, ob ein Orgasmus-Fake ein feministischer Akt oder die Folge toxischer Männlichkeit ist, #MeToo – mit dem Ergebnis Facebook-Shitstorm – als Kollektivsudern verspottet, oder knapp kommentiert: „Wenn dem Gudenus die schwarzen Fußnägel der Oligarchin aufgefallen wären, wären jetzt nicht die Grünen im Parlament“. Da rollt’s bei der Premiere dem einen oder anderen die selbigen auf, man stolpert selber über einen Proll’schen Anti-p.c.-Scherz, aber welcher das war, ist bereits vergessen, weil: sich über Satire-Pointen aufzupudeln stellt einen nur ins Spaßbefreiten-Eck.

Mit der wichtigsten Message geht man ohnedies d’accord: Nina Proll will in den Öffis weiterhin ihr Weckerl essen, wo kommen wir denn da hin? und warum werden nicht Schweißachsel, Mundgeruch und lärmendes Handy-Gelaber verboten? Die polarisierende Philanthropin nimmt sich kein Blatt vor den Mund, die kann sich nicht nur mit Worten wehren, sondern auch ärgerlich mit dem Fuß aufstampfen. „Schlechtes Aussehen ist schlimmer als schlechtes Benehmen“, feixt sie, und diesmal ist der Gag glasklar, stimmt die Singer-und neuerdings-Songwriterin doch danach das von ihr und Christian Frank geschriebene Chanson „Ich bin was ganz Besonderes“ an.

Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Musikchef und Klaviervirtuose Frank begleitet mit Klarinettist und Saxophonist Herb Berger und dee Linde Nina Proll durch die Songs, dee Linde, zuständig für Cello, Bass und Backgroundgesang die eigentliche Sensation bei diesem Auftritt mit bodenständigem Aplomb. Dass die Chemie im Quartett aber so was von stimmt, macht noch den liederlichsten Sager liebenswert. Und apropos, Lieder: Proll interpretiert völlig neu und vollkommen anders. Die Highlights aus den 21: Tom Jones‘ „Sexbomb“ und Beyoncés „Single Ladies“, zu dem Proll unter die Zuschauer spaziert. Von Britney Spears gibt’s ein eingedeutschtes „Ooops, es ist schon wieder passiert“, von Herbert Grönemeyer „Alkohol“, Madonnas „Material Girl“ darf in dem Dress selbstverständlich nicht fehlen.

Auf Gerhard Bronners „Meine Freiheit, Deine Freiheit“ folgt Proll/Franks „Willkommen in der Demokratie“, Lady Gagas „Bad Romance“ in einer bombastlosen und daher prickelnderen Version muss als Zugabe noch einmal ran. Nina Proll ist vor allem eines – authentisch. Wie sie sich mit selbstbewusstem Lächeln gar nicht sooo ernst nimmt, wie sie mit amüsiertem Augenzwinkern ihre „Aufreger“ produziert, das muss man der Streitlustigen lassen, ist sympathisch. Die Februar-Vorstellungen sind ausverkauft; Karten gibt es derzeit für den 23./24. Mai.

Nina Proll – „Ich bin was ganz Besonderes“: www.youtube.com/watch?v=v8mKQQNgRXQ

www.rabenhoftheater.com

15. 1. 2020

Belvedere: Sünde und Secession. Franz von Stuck

Juni 22, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Skandalöse Erotikgemälde vom einstigen Shooting Star

Franz von Stuck, Die Sünde, um 1893. Sammlung Galerie Katharina Büttiker, Zürich. Bild: © Galerie Katharina Büttiker, Zürich

Franz von Stuck, Die Sünde, um 1893. Sammlung Galerie Katharina Büttiker, Zürich. Bild: © Galerie Katharina Büttiker, Zürich

Das Belvedere zeigt ab 1. Juli die Schau „Sünde und Secession. Franz von Stuck in Wien“. Stucks skandalöse erotische Gemälde, allen voran „Die Sünde“, waren nicht allein aufgrund der Motivwahl umstritten und populär, auch seine Bildauffassung und seine stringente Gestaltung des Erscheinungsbildes der 1892 gegründeten Münchner Secession setzten Maßstäbe. Letztere wirkte sich vorbildhaft auf die 1897 gegründete Wiener Secession aus. Stucks vielfältige Beziehungen zu Wien wurden nur in wenigen Essays, vorwiegend im Zusammenhang mit Gustav Klimt, berücksichtigt.

Dies ist überraschend, hatte er doch schon 1892 seine erste umfassende monografische Ausstellung eben im Wiener Künstlerhaus. Der Künstler, ein Jahr jünger als Gustav Klimt, war ein Shooting Star seiner Zeit und schon früh mit der bei Gerlach in Wien ab 1882 verlegten Mappe „Allegorien und Embleme“ und den 1886 erschienenen „Karten & Vignetten“ bekannt geworden.

Die Ausstellung bietet nun die Möglichkeit, Franz von Stucks grafisches, malerisches und plastisches Werk sowie die von ihm verwendete Fotografie für sich und ineinander verschränkt zu betrachten, und die vielfachen Wirkungen seines Schaffens auf die Wiener Kunst zu untersuchen.

Damit schließt die Schau eine Lücke und beleuchtet das Fin de Siècle in Wien in neuer Weise mit seiner befruchtenden Verknüpfung zu Münchens Malerfürsten. Franz von Stucks „Sünde“ ist die personifizierte „Femme Fatale“ am Ende des 19. Jahrhunderts. Der Künstler malte nicht in tonigen Farben, in akademisch-klassischer Attitüde: Seine Sünde ist von einem harten Hell-Dunkel-Kontrast gekennzeichnet. Das verlockend erotische Weib und die Schlange als biblische Inkarnation der Sünde fixieren respektlos den Betrachter und ertappen ihn bei der Betrachtung. Diese Distanzlosigkeit, die Stuck nicht nur in dieser Bilderfindung anwendet verschaffte ihm den frühen Ruhm eines Skandalmalers.

Seine opulenten, klassizistischen Rahmen, die Tempelformen aufgreifen, erhöhen die „Skandalbilder“ zum verbotenen heidnischen Sündenbabel. Die zunehmende Buntfarbigkeit seiner Werke und die damit einhergehende Kulissenhaftigkeit seiner Hintergründe wiesen den jungen Künstlern den Weg, der zum Jugendstil führen sollte. Stucks Vorbildfunktion für die späteren Wiener Secessionisten wurde bisher nur in einzelnen Essays, vorrangig zu Gustav Klimt, berücksichtigt. Dabei waren seine vielfältigen Beziehungen zu Wien zentral für seinen künstlerischen Erfolg; so fand 1892 im Wiener Künstlerhaus seine bis dahin umfangreichste monografische Ausstellung statt.

Die Schau, bei der Stuck 35 Ölbilder und 170 Zeichnungen präsentierte, glich einem künstlerischen Paukenschlag. Der Umfang der Ausstellung, die nahezu alle wichtigen Gemälde Stucks zu diesem Zeitpunkt umfasste, lässt Bedeutung und Faszination seines Schaffens erahnen. Stucks ungeheure Wirkung auf die Wiener Kunstszene ist an den zeitgenössischen meinungsbildenden Artikeln von Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr ablesbar.

Mary von Stuck, Studie zu Dissonanz, um 1905, Privatbesitz. Bild: © Belvedere, Wien

Mary von Stuck, Studie zu Dissonanz, um 1905, Privatbesitz. Bild: © Belvedere, Wien

Franz von Stuck, Luzifer, 1890/1891. Bild: © The National Gallery, Sofia

Franz von Stuck, Luzifer, 1890/1891. Bild: © The National Gallery, Sofia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wirkung seines Werks ist in vielfacher Weise bei Wiener Künstlern noch bis ins erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erkennbar. Die künstlerische Ausstrahlung seiner viel beachteten Landschaften führte schließlich zum Ankauf seiner großformatigen Abendlandschaft für die Moderne Galerie in Wien. Jedoch nicht nur die Wiener Maler interessierten sich für Stucks Landschaften: Deutliche Reflexe auf diese finden sich in den Arbeiten von Wiener Fotografen, wie etwa Heinrich Kühn, Hugo Henneberg und Hans Watzek. Stuck blieb im Vergleich zu Klimt jedoch immer dem Klassizismus verbunden, erkennbar beispielsweise an der dorischen Säulenordnung seiner Bildrahmen.

Die Einbeziehung des Bildrahmens und dessen Plastizität lassen sich auch bei der Wiener Secession erkennen, am offensichtlichsten in der Wahl des von Stuck häufig favorisierten quadratische Bildformats. Mit der Ausstellung im Unteren Belvedere wird nun nicht nur ein umfassender Überblick über das Schaffen Stucks mit dem Schwerpunkt auf der Zeit vor 1900 gegeben, erstmals werden auch seine Wiener Bezüge dargelegt.

www.belvedere.at

Wien, 22. 6. 2016

Judi Dench ist Philomena

März 19, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus M wird eine Mutter auf der Suche nach ihrem Kind

Judi Dench und Steve Coogan Bild: © 2013 THE WEINSTEIN COMPANY

Judi Dench und Steve Coogan
Bild: © 2013 THE WEINSTEIN COMPANY

Aus den James-Bond-Filmen ist sie draußen. Ein Glück. Denn nun kann sich Dame Judi Dench wieder künstlerisch wertvollen Filmen widmen. Der für vier Oscars und einen Golden Globe nominiert gewesene „Philomena“ von Regisseur Stephen Frears ist so einer. Und Frears packt wieder sein großes Können aus: eine tragische Geschichte mit so viel very britisch cheeriness indeed zu unterfüttern, dass es zwar die Herzen rührt, das Auditorium aber nicht im Tränenmeer ertrinkt.

Die Geschichte ist wahr, Ähnlichkeiten sind nicht zufällig, sondern sollen erkannt werden. Judi Dench spielt eine irische Mutter, deren unehelicher Sohn in den 50-Jahren von Nonnen der katholischen Kirche an reiche Amerikaner verkauft wurde. Der Erlös ging an die Klöster. Noch immer kiefelt Irland an diesem Skandal, aber in der Papsthochburg sind zwar viele Kläger, nur keine Richter zu finden. Im Jahr 2009 legte die irische Regierung einen Bericht über das Schicksal von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Institutionen vor, es geht um 35.000 Kinder, die in Schulen, Korrekturanstalten, Waisenhäusern einem als systematisch und ritualisiert beschriebenen Missbrauch seelischer, körperlicher, sexueller Art ausgeliefert waren. Wo Nonnen die Augen vor den Umtrieben pädophiler Priester und Mönche verschlossen oder Kinderkrankenhäuser und Waisenhäuser etwa dem BBC-Entertainer Jimmy Savile gegen Spendengelder freien Zugang zu Aberhunderten immer neuen Opfern gewährten. Dench/Philomena, mittlerweile in die Jahre gekommen, mit arthritischen Knien und Hüftleiden, will ihr Kind finden. Anthony. Und sucht dazu die Hilfe des früheren BBC-Korrespondent Martin Sixsmith (Steve Coogan), der überhaupt kein Interesse an human interest stories hat. Er war mal wer. Also bitte! Spindoktor von Tony Blair, Autor bitterböser Politsatiren. Doch wer kann Philomena schon widerstehen? Der wahre Sixsmith hat den Tatsachenroman „The Lost Child of Philomena Lee“ geschrieben.

Im Fim beginnt ein Roadmovie, in dem sich ihre naive Schwärmerei für Trivialliebesschmonzetten und seine zynischen Kommentare dazu aneinander reiben. Die Konfrontation des von einer Niederlage gekränkten Karrierejournalisten mit der einfachen Frau, die sich in den Niederungen ihres Lebens ein großes Herz bewahrt, gibt Stoff für köstliche Szenen und Dialoge. Sie verfolgen Anthonys Spur bis Washington. Dort ist er einflussreicher Politiker. Ein schwuler Republikaner! Doch er bleibt ein Schatten. Wie sich Mutter und Sohn suchen und verpassen, auch weil die Nonnen bösartig ihre Wege verwirren, ist der Stoff einer großen Tragödie. „Viele Leute sehen in dem Film eine Polemik gegen die katholische Kirche“, sagt Judi Dench im Interview. „Philomena hat trotz allem ihren Glauben nicht verloren. Diese Entscheidung ist ihr bestimmt nicht leicht gefallen. Aber sie hat verstanden, dass es besser ist zu vergeben, als ein Leben voller Hass zu führen.“

Rückblenden machen das Ausmaß der Grausamkeiten deutlich: Aus einem kurzen Liebeshimmel wird ein Abstieg in die Hölle. Von der Familie verstoßen, in einem Nonnenkloster kaserniert, entbindet Philomena wie Tausende Mädchen in ihrer Lage unter unsäglichen Bedingungen, sie leistet jahrelang Sklavenarbeit in einer Wäscherei, man entreißt ihr das Kind. In den sogenannten Magdalenenhäusern landeten Mädchen, Ausgestoßene einer Gesellschaft, die sich hinter moralischem Hochmut verschanzte. Die jungen Frauen wurden mit System zerstört. Kleidung konfisziert, Brüste abgebunden. Haare geschoren. Der persönliche Name ausgelöscht, ein Deckname verpasst. Sie wurde überrollt von einem perfiden System, in dem sich Sadismus und Habgier zu einem teuflischen Vernichtungswillen verschränkten. Die Strafe Gottes für die Wollust! Nannten das die Sisters of Mercy. Eine starke Szene: Wenn sich Philomena an den Ort ihrer kindlichen Finsternis zurückwagt, und dort durch das Gitter blickt, aus dem sie mitansehen musste, wie ihr Kind von Fremden in ein Auto gestopft und abtransportiert wurde. Unermeßlicher und gleichzeitig würdevoller kann Schmerz nicht aussehen. Judi Dench zeigt, wie noch das Schlimmste zu ertragen ist. Wie Philomena sagt: „Ich will Leute nicht hassen.“ Frage an Judi Dench: Philomena ist unglaubliches Unrecht widerfahren, dennoch ist sie überzeugt, dass nichts ohne Grund passiert. Was glauben Sie? Dench: „Ich glaube zumindest, dass sich der Sinn von Ereignissen, nicht im ersten Moment, sondern oft erst später erschließt. Ich habe daher für mich beschlossen, in allem das Positive zu sehen. Das scheint mir eine gesunde Lebensauffassung.“

TIPP:

Benjamin Black: Nicht frei von Sünde, 429 Seiten, übersetzt von Christa Schuenke. Kiepenheuer & Witsch.

Der Man-Booker-Preisträger John Banville hat unter dem Pseudonym Benjamin Black 2007 seinen ersten Krimi verfasst. Und natürlich ist es kein Whodunit im herkömmlichen Sinne. Der versoffene Pathologe Quirke findet eines Nachts die Leiche einer jungen Frau auf seinem Tisch. Lungenembolie wie auf dem Totenschein vermerkt? Kann nicht sein. Eher eine verpfuschte Geburt, ein Schicksal, das sie mit vielen jungen Frauen im Irland der Fünfzigerjahre teilte. Und so forscht der Totengott in Weiß unter Einsatz seines Lebens weiter. Denn er gerät nicht nur mit dem katholischen Establishment in Konflikt. Die Fäden laufen im tief verschneiten Boston inmitten der dortigen High Society zusammen. Ein Buch, atmosphärisch dicht, mitreißend und sprachlich brillant.

http://philomenamovie.com

www.philomena-film.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=kO-p40GHg6o

Die echte Philomena: www.youtube.com/watch?v=VkYzAEsUTEY

www.kiwi-verlag.de

Wien, 19. 3. 2014