Neue Oper Wien: Staatsoperette

September 14, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Servus, „Grüß Gott“ und Auf Wiedersehen

Gernot Heinrich als Starhemberg, Dieter Kschwendt-Michel als Schuschnigg, Hagen Matzeit als Dollfuß mit der Dollfuß-Puppe von Nikolaus Habjan. Bild: © Armin Bardel

Die Dollfuß-Puppe fistelt ihre Befehle: Gernot Heinrich als Starhemberg, Dieter Kschwendt-Michel als Schuschnigg und Hagen Matzeit als Dollfuß. Bild: © Armin Bardel

Die Neue Oper Wien zeigt ihre „Staatsoperette“ nach der vielbejubelten Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen nun im Wiener Theater Akzent. Und über diese so eindringliche wie unterhaltsame Geschichtslektion in Sachen Zwischenkriegszeit ist nicht weniger zu sagen, als dass ihr Besuch quasi Pflichtfach werden sollte. Von wegen dieser Tage, wiewohl sich das neue künstlerische Team sehr klug jedem zwanghaften Bezüge-Herstellen entzogen hat. Man hat’s da aber auch leicht, man braucht nur hinzuzeigen, um aufzuzeigen.

Die Austrotragödie von Otto M. Zykan und Franz Novotny war einmal ein Film und war einmal ein Skandal. 1977 war das, da fühlten sich manche ob ihrer eigenen Rolle in den Jahren zwischen 1918 und 1938 noch auf den Schlips getreten, Nackerpatzln gab’s auch zu sehen, und einen Club 2, in dem Heribert Steinbauer der Empörung stellvertretend für seine Wählerschaft Luft machte. Der Film verschwand im Archiv. Zykans Weggefährtin Irene Suchy und Komponist Michael Mautner haben das Werk nun inhaltlich und musikalisch ergänzt, für Zweiteres aus dem reichen Schaffen Zykans geschöpft, und eine die Handlung erklärende Ebene eingezogen.

Neu sind nun ein Nestroy-hafter Kommentator, Stephan Rehm, der aus dem Stück erst recht ein Lehrstück macht, und zwei Frauenfiguren, die Linke und die Rechte, Laura Schneiderhan und Barbara Pöltl in Kittelschürze vs Trachtenkostüm, die entlang von Bassena-Räsonierereien die vox populi zum besten geben. Eingefügt sind Szenen, die damalige Fernsehverantwortliche schon im Vorfeld der zu erwartenden Erregung entfernen ließen, etwa das Schattendorfer Urteil oder Schuschniggs Besuch bei Hitler auf dem Obersalzberg.

Zykan zitiert Zeitgeschehen, zitiert Kirchen- oder Heurigenliedern, montiert Atonales mit Operettenhaftem, er reißt mit seiner Musik Witze. Sehr schön ist da eine Sequenz zum Nicht-miteinander-Können der politischen Lager, für deren Darstellung es heute einen ganzen desaströsen Runden Tisch brauchen würde; Zykan genügen zwei Worte, „Grüß Gott“ – und schon hat Ignaz Seipel den Otto Bauer abgefertigt. NOW-Intendant Walter Kobéra versteht es meisterlich diesen vertonten Sarkasmus umzusetzen, mit ihm am Pult flirrt und flimmert das amadeus ensemble-wien einmal mehr, dass es eine Freude ist.

Camillo dell’Antonio spielt Ignaz Seipl mal zwei. Bild: © Armin Bardel

Prälat-Bundeskanzler: Camillo dell’Antonio spielt Ignaz Seipel mal zwei. Bild: © Armin Bardel

Dieter Kschwendt-Michel im Zwiegespräch mit der Schuschnigg-Puppe. Bild: © Armin Bardel

Dieter Kschwendt-Michel im Zwiegespräch mit der Schuschnigg-Puppe. Bild: © Armin Bardel

In den Händen von Regisseur Simon Meusburger kommt die Groteske auch inszenatorisch zur Geltung. Er hat mit Bühnenbildner Nikolaus Webern als Ort des Geschehens einen devastierten Sitzungssaal erdacht, ein nachroyales Palais, verstaubt und überlebt, der Kronleuchter auf dem Boden, das Telefon an der Decke, denn das Unterste ist nach oben gekehrt, die Welt steht auf dem Kopf. Mit Graphic Novels à la Sin City werden die Protagonisten eingeführt, der „Blutprälat“ und der „Fürst der Finsternis“, und wenn diese dann auftreten, haben sie als Alter Ego eine Puppe von Nikolaus Habjan im Arm. Die Klappmäuler als politische Großmäuler, Ignaz Seipel, Engelbert Dollfuß, Kurt Schuschnigg, Benito Mussolini und als Anfang vom Ende Adolf Hitler, erfahren so eine karikaturhafte Überhöhung und bringen als solche ihre verqueren Botschaften über die Rampe. Das Fürchterliche ist ja auch immer lächerlich, sagt Thomas Bernhard. Das ist hier eindrücklich demonstriert.

Die Darsteller treten ins Zwiegespräch mit ihren zweiten Gesichtern, und wenn man bedenkt, wie vieles des Gesagten Original-Text ist, wird die „Staatsoperette“ zum Schwank zwischen Schaudern und Entsetzen. Es ist ein erschrecktes Auflachen, mit dem das Publikum auf die Komik der Situationen reagiert. Wenn’s über den Déjà-vu-Streit der großen Koalition heißt, er gehe eigentlich um belanglose Gründe. Wenn darüber debattiert wird, das sich „der kleine Mann von Stammtischgestammel verführen ließ“. Wenn im Wiener Kammerchor die einen die Haydn-Hymne noch auf Gott, Kaiser und Vaterland, die anderen schon als Deutschlandlied singen. Auf „Führer“, Völkisch, Vaterland.

Na, Servus. Starke Bilder sind das. Die ewige Furcht der europäischen Bourgeoisie vor links, doch nie vor rechts. Rot und Schwarz, die statt des Konsens‘ mit- den Kampf gegeneinander suchen, und so freilich dem Auftreten eines diabolischen Dritten Tür und Tor öffnen. Auch die Sozialdemokratie wird gescholten, Kolomann Wallisch und Otto Bauer, die als Arbeitervertreter auf ihren eingeschlagenen Wegen der Bewaffnung und der Beschwichtigung nicht zueinander finden können, Bauer, der es mit seinen theorieschwülstigen Formulierungen nicht schafft, sich „der Masse“ verständlich zu machen. Folge: Verlust des Gemeindebaus, Teil eins.

Die Solisten bestreiten größtenteils mehrere Rollen. Marco Di Sapia gefällt wie stets mit seinem wohlgeführten Bariton, er ist als sich selbst geiselnder Otto Bauer gleichsam die tragische Figur, der Anti?-Held des Werks, kann aber als Walter Pfrimer und Anton Rintelen wunderbar seine Qualitäten als Komödiant ausspielen und in den Rollen der verhinderten Putschisten zum allgemeinen Amüsement auch mit Steirischkenntnissen protzen. Wie es dem patscherten Sekundenkanzler nicht gelingt, sich nach der Ermordung Dollfuß‘ in seinem Hotelzimmer zu entleiben, da gelingt Di Sapia sogar ein gruseliges Kabinettstückchen.

Camillo dell‘ Antonio gibt den Seipel mal zwei, einen pitzeligen Prälat-Bundeskanzler, der politisch immer Lust auf mehr hat. Daheim knüppelt er, vor dem Duce kriecht er – ums Geld. Da ist es nur logisch, dass ihn Gernot Heinrich als Mussolini einen cretino schimpft. Heinrich gestaltet ihn als gutgelaunten „italienischen Tenor“, umringt von barbusigen Schönen und stets um die höchste Stellung bemüht. Weshalb es ihm im Sitzstreit mit Seipel auf der Schaukel auch nicht ums internationale Gleichgewicht oder politisches Die-Waage-Halten geht … Als Heimwehrführer „Fürst“ Starhemberg kann Heinrich diese süßlich-grausliche Seite dann noch deutlicher zeigen.

Der Anfang vom Ende: Hagen Matzeit als Hitler mit Hitler-Puppe, links: Laura Schneiderhan, rechts: Barbara Pöltl und der Wiener Kammerchor. Bild: © Armin Bardel

Der Anfang vom Ende: Hagen Matzeit als Hitler, links: Laura Schneiderhan, rechts: Barbara Pöltl und der Wiener Kammerchor. Bild: © Armin Bardel

Hagen Matzeit, ein famoser Opernsänger, der sowohl Bariton als auch Countertenor „kann“ (www.matzeit.de), macht aus dem Dollfuß dank seiner Puppe einen bösen Kobold mit Falsettstimme. Mit Karl-Kraus’schen Bumsti!-Rufen führt er seine Hälfte des Volkes gegen die andere, ein Ritt auf dem Kanonenrohr, während dem Thomas Weinhappel als Wallisch seinen republikanischen Schutzbund in Stellung bringt.

Beklemmend ist das, wie Meusburger zeigt, dass unter den Menschen kein Politwirrkopf, sondern die nackte Angst regiert. Sie werden aufgestellt und abgeschossen, aufgestellt und abgeschossen … Volk verliert, Volk fällt zu beiden Seiten. Die letzten Tage der Menschlichkeit. Matzeit wird zu deren Ende auch noch Adolf Hitler sein, Dieter Kschwendt-Michel sich ihm als Schuschnigg ergeben. Dem „Führer“ schenkt Matzeit kein menschliches Organ, er hat weder Sing- noch Sprechstimme, die Puppe grunzt und faucht und schnarrt, aber wenn sich im Schlussbild alles zu ihr hinwendet, ist deutlich, wie gut sie auf dem Heldenplatz einst verstanden wurde.

Beim begeisterten Applaus kann sich Matzeit der Hakenkreuzarmbinde gar nicht schnell genug entledigen, er wirft sie zu Boden und tritt danach. Ein abschließendes Statement, das beim Publikum bestens ankommt: Niemals vergessen. Dass die, die vorgeben, die Fäden in der Hand zu haben, auch nur jemandes Marionetten sind. Dass selbsternannte Heimatschützer unter dem Vorwand demokratische Mechanismen zu behüten eben diese aushebeln. Bei Zykan besingen sie als „wahre Sieger“ ihr Auf-Wiedersehen, da fehlt eindeutig ein „Nimmer“.

www.neueoperwien.at

Wien, 14. 9. 2016

TAG: Bluad, Roz und Wossa

Oktober 4, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Christian Suchy inszeniert Romeo und Julia aufm Laund

Elisabeth Veit und Raphael Nicholas Bild: Anna Stöcher

Elisabeth Veit und Raphael Nicholas
Bild: Anna Stöcher

Dieser Abend hat einen grundlegenden Fehler, das passiert am Theater nicht oft, aber wenn es passiert, ist es umso betrüblicher: Man hätte gern mehr gesehen, noch einmal 90 Minuten … sehr gern …

Christian Suchy hat mit seiner Theaterpratzn hing’langt und, als ob Shakespeare nicht schon schlimm genug wäre, alles noch schlimmer gemacht. Die Romeo-und-Julia-Adaption, die er im TAG zeigt, heißt „Bluad, Roz und Wossa“, weil, wenn erstes fließt, die anderen zwei folgen müssen. Eigentlich geht’s aber um einen vierten Körpersaft. Romeo und Julia lebn jetzt aufm Laund, sind sehr schön gschert und außerdem Brüderlein und Schwesterlein. Die Blutschande hat sie obendrein ein bissl blöd gemacht. Und, wias aufm Laund holt so is: Der Romeo hat einen unehelichen Sohn mit der Rosalinde. Das Kinderl wird klarerweis sterben. Die Intrigen gerinnen zu einem giftigen Saft, der dicker ist als rot. Ein Ausflug nach Anzengruber.

Der Witz an der Sache ist naturgemäß suchyesk. Der Regisseur erlaubt sich eine abgrundtieftraurige Clownerie. Seine Inszenierung tänzelt leichtfüßig durch ihren tonnentragischen Inhalt, weil ja musikalisch begleitet. Suchy hat einen ihm lebenswichtigen Körperteil an Raphael Nicholas verborgt, der mit dem Akkordeon alles spielt, wozu die und wie’s der Quetschn taugt, Tango, Walzer, Wienerlieder, der Titelsong „Bluad, Roz und Wossa“ hat Jacques-Brel-Qualität: Mir san olle z’sammenpantscht aus … Handzug und Zungenschlag. Das ausgezeichnet agierende Ensemble, zuständig auch für Text und Ausstattung, redet frei nach Geburtsregister. Der Dialekt ist Wienerisch, Bayrisch, irgendwos zwiaschen Eisenstodt und Slozburg, ollas homma ned varstandn – und, nicht sauer sein, wenn’s nicht stimmt: Sauerland, so was wie Borbecksch Platt oder doch Kölsch? Ösi und keine Ahnung. Wat hesse doe gesagg? Deu mer doch der Naache. Jens Claßen jedenfalls vasucht nix, wos ned geht, und bleibt wortwörtlich ganz bei sich.

Er ist Pfarrer Lorenz, der erkannt hat, dass der Jeck wieder heimgekommen ist und weg muss, bevor die Julia-Geschichte ihren immerwährend britischbebardeten Lauf nimmt und sich hier nun zusätzlich das Suchy-Schicksal der Eltern wiederholt. Der Gottesmann ist ein Seelenfänger, ein mephistophelischer Mann der Tat, während Julias Ziehonkel, Georg Schubert gibt diesen Rosslechner mit tadellosem Sopran, nur zuag’schaut hat, guatmüatig bis zum Dodlsein. Oba si dobei scho denkt hat: Des is ned recht. Die beiden wollen verzweifelt etwas aufhalten, was hinter ihrem Rücken längst in Gang ist. Und weil in Gschertindien neben der Scholle als Waffe der Degen eher ungebräuchlich ist, kommt für sie eine Pistole ins Spiel. Aber immer gemütlich, zu dem Zeitpunkt hat’s schon genug Tote gegeben. Schubert und Lorenz sind ein großartig dynamisches Duo, ihnen hat Suchy ein paar einwandfreie Laurel&Hardy-Fingerübungen in die Hände gegeben.

Das Schießeisen gehört übrigens Rosalinde, Julia Schranz als Kittelschürtzin, als Waffennärrin und Furchentreterin, deren beständige Frage nach der Liab Romeo oba volll ausm Konzept bringt. Er ist kein Hiesiger, sondern ein Dasiger – wos auf die Stroßn ollas umalauft! -, ein zigeunernder Musikant im Schlurfgang, der sich die Nachtigall selber macht und seine Gefühle in Kuhfladengleichnissen formuliert. Wie Raphael Nicholas mit dem Kopf hin- und herwebt, hat was von einem Tanzbären an der Kette und wirkt zum Fürchten verhaltensgestört. Wer mit dem mitgeht, hat Mut, oder wie Onkel Rosslechner sagt: An Klescher hams olle beide. Beide, das ist inklusive Julia, also Elisabeth Veit, die kieksend in ihrem Kasperltheater sitzt, ein liabs Mädi im Puppenhormonhaushalt, und mit Bimbulli spielt. Bevor das hier entgleitet, das ist eine von Mira Lobe erdachte Schneuztüchlpuppe: Annerl und Peterl spielen Vater-Mutter-Kind. Sie verkleiden sich, basteln ein Baby aus Stoff und nennen es Bimbulli. Stolz wollen sie es der Nachbarschaft vorstellen, doch da werden sie ins Haus gerufen und Bimbulli bleibt allein im Stall zurück … Für Romeo und Julia nimmt’s das natürliche Ende, samt Rosalinde nebst Kind als Familienaufstellung. Was ist der Mensch? Star-crossed vom Prolog an.

Suchy ist so shakespearisch wie der alte Willy höchstselbst – weshalb hier auch nicht steht, er habe tief in die rein österreichische Identität geschaut. Er lässt fürs Tanzparkett furios aufspielen, aber aus dem Keller fritzelt’s gewaltig, ein G’ruch nach Jodllackn, den kein Ballparfüm übertünchen kann. Suchy, der Bader, dockert an den Beschwerden der Gesellschaft herum. Seine Diagnose diesmal: Ohne Körperflüssigkeit kannst ned überleben. Aber grauslich is scho.

dastag.at

Trailer: vimeo.com/131640005

Die nächsten TAG-Premieren: www.mottingers-meinung.at/?p=14610

Wien, 4. 10. 2015

Das TAG in der Saison 2015/16

September 8, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suchy macht Shakespeare, Plass wird Krähwinkler

Bluad, Roz und Wossa Bild: © Anna Stöcher

Bluad, Roz und Wossa
Bild: © Anna Stöcher

„Es passiert sehr viel Theater“, sagt Gernot Plass bei der Spielplanpräsentation der Saison 2015/16. Der künstlerische Leiter des TAG meint damit wohl nicht nur die Produktionen, die er gleich vorstellen wird, sondern, wie sein kaufmännisches Pendant Ferdinand Urbach später ausführt, die Diskussion über das andere TAG, das Theaterarbeitsgesetz, in die man mit dem Bund getreten ist. Eine Folge des Bekenntnisses der beiden zum Ensembletheater, ihrer Absage ans Hire-and-Fire-Prinzip – „die Arbeitsbedingungen sind so wichtig wie die Außenwirkung“. Eine Loyalität, die sich punkto Qualität und damit einer Auslastung von 84 Prozent und damit einer Eigendeckung von 19 Prozent in der vergangenen Spielzeit bezahlt gemacht habe.

Und auch wenn Kanzleramtsminister Josef Ostermayer zwischen Flüchtlingsgipfel und „Mittagsjournal“ diesbezüglich nur Zeit für ein Sieben-Minuten-Gespräch gehabt habe: Der Bund ist nach Jahren wieder aufs TAG aufmerksam geworden, hat die Taschen für eine Projektförderung in der Höhe von 25.000 Euro für insgesamt zwei Produktionen geöffnet. Die, zusammen mit den 770.000 Euro von der Stadt Wien und dem mit 30.000 Euro dotierten Nestroypreis für die beste Off-Produktion 2014, ermöglichten nun „statt der üblichen viereinhalb“ eine fünfte Premiere. Und – neben den fünf Hauskräften Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit – den Einsatz von zusätzlichen Gästen.

Getreu dem TAG-Leitfaden für Klassikerüberarbeitungen und -neuschreibungen, heißt: den Kanon zu interpretieren und zu behandeln, ist die erste Uraufführung der neuen Saison am 3. Oktober Christian Suchys „Bluad, Roz und Wossa“, sehr frei nach Shakespeares „Romeo und Julia“. Eine wie immer dialektale, urige Textfassung des „Theaterviechs“ (© Plass), durch die sich die Deutschen Claßen und Nicholas gerade „gfretten“. Kein Familienzwist steht diesmal im Mittelpunkt, sondern, weil Suchy, „etwas Abgründigeres“ – Mißbrauch und Inzest. Am 20. November folgt Ed. Hauswirth mit „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“, einer Annäherung an Fassbinders sehr persönlichen Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ über die letzten fünf Lebenstage der Transsexuellen Erwin/Elvira Weishaupt. Hauswirth unterschiebt Fassbinder Dostojewski-Texte, und die Handlung einer Politikerin. Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum Politiker geliebt werden wollen, hat er „sogenannte gescheiterte Volksvertreter“ interviewt. Das Ergebnis bringt unter anderem Vorjahrs-Faust-Retter Julian Loidl auf die Bühne. Die Erfolgsproduktion von Gernot Plass wird ebenso wieder aufgenommen (am 22. 9., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951), wie Hauswirths Nestroypreis-Gewinner „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ am 15. 10.

Am 5. März setzt Plass-Vorgängerin Margit Mezgolich mit Elias Canettis „Die Blendung“ die Tradition großer Romanbearbeitungen am Haus fort. Hauptfigur ist der „größte lebende Sinologe“ und Büchersammler Peter Kien, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Durch die Ehe mit seiner Haushälterin Therese Krumbholz wird der weltfremde Sonderling mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert und verfällt dem Irrsinn. Oder, wie Plass es ausdrückt: „Der absurde Kampf eines Büchermenschen gegen den Staubwedel endet in einer Feuersbrunst“; Petra Strasser passe „wie hinpickt“ auf die Krumbholz-Rolle. Und auch die Bücher werden als Stimmen auftreten. Als Arturas Valudskis 2013 am TAG mit „Varieté Volant“ in lichten Höhen abhob (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6621), meinte er zu Gernot Plass, er hätte da „so ein Tschechow-Projekt“, inspiriert von der Theater-im-Theater-Situation, das Thema eine ländliche Langeweile, in der die Protagonisten sich nur noch mit der Produktion von Theater beschäftigten. Nun kommt sein Tschechow-Kommentar „Das Spiel: Die Möwe“ am 2. April zur Uraufführung. Julia Schranz, Martin Bermoser und Markus Kofler, darstellerische Dreifaltigkeit des „Aggregat Valudskis“, stehen auch diesmal auf der Bühne, dazu als weiterer Gast Claudia Kottal. Zu erwarten ist ein traurig-komödiantischer Theaterzauberabend.

Gernot Plass selbst inszeniert für den 3. Mai „Empört euch, ihr Krähwinkler!“ nach Johann Nestroy mit Studentinnen und Studenten des Schauspielstudiengangs des Konservatoriums Wien Privatuniversität, seiner alten Schule. „Mach‘ ma mal Komödie“ war der Wunsch an den Trägodienmacher – und jetzt sitzt er da mit einem Dramatiker, den er gar nicht so gern mag, weil ihm die Handlungen zu abgeschrieben und zu hanebüchen sind. Na, er wird den Nestroy schon noch schätzen lernen 😉 . Plass wird „die heutige politische Situation in die Posse einarbeiten“, sein Eberhard Ultra wird aus dem neukommunistischen Bundesstaat Europa zu den kapitalistischen Krähwinklern kommen. Das Stück zur Dauerkrise.

Seine Platzhirschposition in Sachen Improvisationstheater will das TAG ebenfalls ausbauen: Neben „Sport vor Ort“ (am 20. 9. zu Gunsten des neunerhaus) und Impro Workshops (Anmeldung: www.dasTAG.at/Workshops) wird die Schiene „Meet the Masters“ mit internationalen Größen wie Inbal Lori und Lee White, bekannt als Hälfte des Duo „Crumbs“, neu installiert. Auch das Wiener Impro Festival wird im April 2016 im TAG veranstaltet. Einen Termin sollte man sich jetzt schon freihalten: Am 13. Jänner 2016 steigt in der Gumpendorfer Straße die 10-Jahre-TAG-Party.

www.dasTAG.at

Wien, 8. 9. 2015

Zwaa auf ana Insl

April 23, 2013 in Tipps

Uraufführung im Wiener TAG

„Vü grosse Gschichdn faungan mid ana Kaddasch-drofm au.“ (Zwaa auf ana Insl)

Horst Heiss und Georg Schubert Bild: © Anna Stöcher

Horst Heiss und Georg Schubert
Bild: © Anna Stöcher

Schiffbruch erleiden und stranden, und das weit weg von Palmen, Kokosnüssen und malerischen Urwäldern, nämlich hier, mitten in Österreich: Die Herren Bertl und Alfred sind in einem verlassenen Wirtshaus auf Grund gelaufen und können nicht mehr weg. Zu gefährlich scheint ihnen das Leben draußen in der Zivilisation, zu undurchsichtig der Dschungel modernen Alltagsmanagements. Doch das Leben in völliger Isolation ohne Nahrung, ohne Hilfsmittel macht die Lage auf Dauer auch nicht entspannter …

„Zwaa auf ana Insl“ heißt die unterhaltsame Groteske von Christian Suchy, die ab 25. April zwei Typen in die österreichische Wildnis schickt. Die Herren Bertl und Alfred haben schon in Suchys höchst erfolgreicher TAG-Produktion „Iaxnbruad“  für hohe Unterhaltung gesorgt und werden nun in die totale Isolation verbannt. Nach Motiven von Defoes „Robinson Crusoe“ hat der Theatermacher gemeinsam mit den Schauspielern Horst Heiss und Georg Schubert eine humorvolle Robinsonade entwickelt, die lustvoll beweist, dass die größten Gefahren in uns selber lauern.

Motto: „Ois hod amoi a End. Des Blede is nua, wauns no goa ned augfaunga hod!“

www.dastag.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 23. 4. 2013