Festspiele Reichenau: “Die Stützen der Gesellschaft”

August 7, 2013 in Bühne

Die Leichen im Keller regen sich

Lona Hessel (= Therese Affolter) und Karsten Bernick (= Marcello de Nardo) Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

Lona Hessel (= Therese Affolter) und Karsten Bernick (= Marcello de Nardo)
Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

1877 geschrieben und noch so modern. Engstirnigkeit und Kleinbürgerei trifft auf Macht- und Schaffensstreben. Ein Ibsen ist nicht zu schlagen. Das wussten auch die Festspiele Reichenau und eröffneten ihre diesjährige Saison mit des norwegischen Dramatikers „Die Stützen der Gesellschaft“. In der Familiensaga dreht sich alles um den reichen Reeder Konsul Bernick (Marcello de Nardo). Ein Musterbeispiel an moralischer Integrität und voller Sorge um die öffentliche Wohlfahrt. DER Mann in der kleinen Küstenstadt. Aber: Fassaden bröckeln. Vor allem, wenn unerwünschte Verwandtschaft (Therese Affolter als Halbschwester und Tobias Voigt als Schwager) zurückkehrt, um ein paar Leichen im Keller auszugraben. Oder offenzulegen, dass sich der ach so mildtätige Konsul an einem Eisenbahnprojekt in erster Linie selbst bereichert. Mordpläne werden geschmiedet …

In Reichenau legt man den Beinah-Krimi in die bewerten Hände von Peymann-Kumpan Alfred Kirchner (Fassung: Nicolaus Hagg, Bühne: Peter Loidolt, Musik: Kyrre Kvam). Kirchner inszeniert im Neuen Spielraum psychologisches Theater, emotional, präzise, hervorragend. Entlarvt die Moralinsäure hinter der Scheinmoral. Durch die Durchlässigkeit der Bühne bespitzelt hier jeder jeden. Ein intimes Wort ist kaum bis unmöglich. Alles ist „Repräsentation“. Haggs Textfassung ist schlank, klar, pointiert und wirft einen tiefen Blick auf die Diskussionsstandpunkte  der damaligen Gesellschaft: Fortschrittsglaube? Mensch gegen Maschinen? Europas veraltete Strukturen gegen die Offenheit, aber auch die Brutalität der Neuen Welt USA? Das Ensemble ist umwerfend gut. De Nardo, präsent, wie immer die Bühne beherrschend, hartherzig, ein „Herrenmensch“, ein Rasender in seinem Schaffensdrang, entwickelt sich sich im Laufe des Abends vom selbstgerechten Macher zum gestürzten Patriachen, der die Trümmer seiner Existenz in Aktien für die Allgemeinheit verwandeln muss. Und doch genau in diesem Moment des Zusammenbruchs klar macht, dass er sich wie ein Phönix aus der Asche erheben wird.  Gibt es eine Rolle, in der dieser Mann nicht brilliert? Nein!

Marin Schwab als Schiffsbaumeister Aune ist der Gegenpol, dem er sich schließlich ergibt. Schwab spielt eine Art ersten Gewerkschafter, der gegen Husch-Husch-Pfusch sowohl die Schiffe als auch seine Arbeiter als auch seinen guten Ruf schützen will. Eine Paraderolle. Ein Working-Class-Hero im „Blaumann“, der trotz allem im feinen Salon seine Mütze verlegen mit den Fingern knetet. Aune steht für die im Revolutionsjahr 1848 gegründete norwegische Arbeiterbewegung. Dank lokaler Vereine gewann sie rasch an Macht. Sie wurde zerschlagen. (Ein wichtiger Kopf war Marcus Thrane, dessen Thranitter-Bewegung gehörte auch der junge Ibsen an.) Chris Pichler spielt Bernicks durch ständige Demütigungen längst mundtot gemachte, eingeschüchterte, unterdrückte Frau Betty, Jürgen Maurer ist als missionarischer Frömmler Rörlund ein perfekter Pharisäer, Dirk Nocker nimmt’s als Vetter locker. Johanna Arrouas gibt schön verhuscht das Überbleibsel, sprich: Mündel, von Bernicks Seitensprung.

Den hat einst Bettys Bruder Johann (Tobias Voigt) auf sich genommen, um das Aufsehen, den Bankrott zu verhindern. Nun will er seinen Namen reinwaschen. Er kommt mit Bettys Halbschwester Lona (Therese Affolter), der Bernick erst ein Eheversprechen gab, bevor er begriff, dass Betty mehr erbt. Es folgen Hass, Verzweiflung, Rachegelüste eines, der seine Felle schwimmen und seine Schiffe untergehen sieht. Affolter hat den großen Auftritt, ein Fleisch gewordener Lügendetektor, eine Skandalnudel, gekommen, den Skandal aufzudecken, „auszulüften“, wie sie sagt. Im Nahkampf mit De Nardo sind die beiden nicht zu schlagen. Die ehrliche Haut Tobias Voigt kriegt am Schluss sein Recht und Johanna Arrouas. Eine gelungene Ensembleleistung. Ein mehr als gelungener Abend. Bravo!

VORSCHAU 2014:

Vier neue Theaterproduktionen:

Im Neuen Spielraum:

„1914 – Zwei Wege in den Untergang“ von Nicolaus Hagg
(Uraufführung im Auftrag der Festspiele Reichenau)

„DAS WEITE LAND“ von Arthur Schnitzler

Im Großen Saal:

„UNVERHOFFT“ von Johann Nestroy

„EFFI BRIEST“ von Theodor Fontane
Uraufführung, Neue Bühnenfassung

www.festspiele-reichenau.com

www.mottingers-meinung.at/festspiele-reichenau-madame-bovary

Von Michaela Mottinger

Reichenau, 4. 7. 2013

Festspiele Reichenau 2013

Februar 25, 2013 in Tipps

Wo die Theaterstars „Sommerfrische“ machen

Vier großartige Theaterstücke und herausragende Konzerte in handverlesener Besetzung haben die Festspiele Reichenau 2013 unter der Leitung von Renate und Peter Loidolt zu bieten: Im großen Saal werden zwei österreichische Klassiker gegeben: Schnitzler und Nestroy. In „Der einsame Weg“ spielen u. a. Rainer Frieb, Julia Stemberger, Miguel Herz-Kestranek, Joseph Lorenz, Regina Fritsch und Sascha Oskar Weis. Regie führt Hermann Beil; Premiere ist am 4. Juli, 19.30 Uhr. Bei „Einen Jux will er sich machen“ wird sich Nicolaus Hagg um die Inszenierung kümmern. In der Posse mit Gesang sind u. a. Wolfgang Hübsch, Toni Slama, Nicolaus Hagg, Gabriele Schuchter, Ulrike Beimpold, Sylvia Lukan, Martina Spitzer und Markus Kofler zu sehen. Premiere ist am 5. Juli, 19.30 Uhr.

Bovary

Andre Pohl, Michael Dangl, Stefanie Dvorak
„Madame Bovary“
Bild: Festspiele Reichenau/Carlos de Mello

Im neuen Spielraum stehen eine packende, norwegische Familiensaga von Ibsen und ein frivol-leidenschaftliches Drama nach Flaubert auf dem Programm: In „Die Stützen der Gesellschaft“ taucht die exentrisch-amerikanische Verwandtschaft genau in dem Moment auf, in dem Schiffsreeder Konsul Bernicks Fassade der moralischen Anständigkeit zu bröckeln beginnt. Er beschließt, den ungeliebten Anhang zu vernichten. In der Regie von Alfred Kirchner stehen u. a. Marcello de nardo, Chris Pichler, Therese Affolter, Emese Fay, Dirk Nocker, Johanna Arrouas, Martin Schwab und Juergen Maurer im Geviert zwischen dem Publikum. Premiere ist am 3. Juli, 19.30 Uhr. Eine Uraufführung in Form einer neuen Bühnenfassung bietet Nicolaus Hagg mit „Madame Bovary. Sitten der Provinz“. Michael Gampe inszeniert Emmas Geschichte, Tochter eines wohlhabenden bauern und im Kloster erzogen, die sich durch die Lektüre rührseliger Romane in Romanzen, Lügen und in weiterer Folge in die Verletzung aller Moralgesetze verstrickt. Bis zum bitteren Untergang. Als Darsteller agieren u. a. Stefanie Dvorak, Andre Pohl, Elisabeth Augustin, Michael Dangl, Peter Matic, Marianne Nentwich, Hans Dieter Knebel und Günter Franzmeier. Premiere ist am 6. Juli.

Starpianist Rudolf Buchbinder erfreut am 7. Juli um 11 und 19.30 Uhr mit einem Beethoven-und-Schumann-Konzert; Oleg Maiseneberg interpretiert am 21. Juli, 11 Uhr, Schubert und Debussy – und um 19.30 Uhr mit Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager Werke von Brahms, Grieg, Schubert und Schumann.

www.festspiele-reichenau.com

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 2. 2013