Belvedere 21: Günter Brus. Unruhe nach dem Sturm

Januar 31, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Umfassende Retrospektive zum 80. Geburtstag

Günter Brus: Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien mit Anna Brus

Anlässlich seines 80. Geburtstags würdigt das Belvedere 21 ab 2. Februar das Gesamtwerk von Günter Brus mit einer umfassenden Retrospektive. „Passend zum Jahresmotto ‚Spirit of ’68‘, das 2018 als Klammer für die gesamten Aktivitäten des Hauses fungiert, wird mit dieser Ausstellung Günter Brus als großer Kunstrebell der 1960er-Jahre gewürdigt. Fünfzig Jahre nach der radikalen Aktion ,Kunst und Revolution‘ zeigen wir, dass Brus nie aufgehört hat sich weiterzuentwickeln“, so Generaldirektorin Stella Rollig.

Günter Brus gehört heute zu den wesentlichen internationalen künstlerischen Positionen in Österreich. Als Vertreter des Wiener Aktionismus thematisiert der Künstler in den 1960er-Jahren mit eindringlicher Präsenz die physische und psychische Verfasstheit des Menschen und die Ausgesetztheit des Individuums gegenüber gesellschaftlichen Regelwerken. Mit seinem radikalen, körperbezogenen und performativen Werk gelingt es ihm, sich von der „Marke“ Wiener Aktionismus zu lösen und sich als wesentlicher Wegbereiter der internationalen Aktions- und Performancekunst in die Geschichte einzuschreiben. 1970 wendet sich Günter Brus von der Aktionskunst ab und beschäftigt sich zunehmend mit dem Medium Zeichnung, mit „Bild-Dichtungen“ und Theaterarbeiten.

Ein Anliegen dieser Schau ist die umfassende Präsentation der ausgewählten Serien. Neben den bekannten Aktionsfotos, ergänzt um bisher kaum gezeigtes Material, werden Brus’ serielle Zeichnungen und „Bild-Dichtungen“, darunter der 160-teilige Zyklus „Leuchtstoffpoesie und Zeichenchirurgie“, in ihrer Gesamtheit gezeigt. Insgesamt sind rund 120 Werkzyklen und Werke mit mehr als 700 Einzelobjekten in der Ausstellung zu sehen, darunter Filme und bisher unbekannte Werkserien. „Die Ausstellung  wirft einen Blick auf das gesamte Œuvre des Künstlers und macht Zusammenhänge sichtbar. So sind die Theaterprojekte, die Zeichnungszyklen und die Künstlerbücher genauso wie die frühe gestische Malerei und die bekannten Aktionen Indizien für Brus’ radikale Kunstauffassung einer konsequenten Zerstörung des Kunstwerks, genauer gesagt seiner traditionellen Gestalt als Tafelmalerei“, erläutert Kurator Harald Krejci.

Günter Brus, Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien (Bild: Johannes Stoll) mit Anna Brus

Günter Brus, Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien (Bild: Johannes Stoll) mit Anna Brus

Die Retrospektive öffnet sechs Themenfelder: Malerei im erweiterten Feld, Günter und Anna Brus, Bild und Narration, Kollaborationen, Theater und Psyche sowie die Berliner Zeit. Einen besonderen Fokus legt die Ausstellung auf Günter Brus’ Zusammenarbeit mit seiner Frau Anna, der Namensgeberin seiner ersten Performance. Aufgezeigt wird Anna Brus’ Anteil an der Erarbeitung der Aktionen. Anders als seine Mitstreiter Mühl oder Nitsch, die in ihren Arbeiten und im Umgang mit ihren Modellen dem Machismus verhaftet waren, hat Günter Brus immer mit seiner Frau kooperiert. Anna Brus sicherte den Lebensunterhalt für ihre Familie und wirkte in ihrer Freizeit bei Aktionen mit – ein Familienmodell, das in den frühen 1970er-Jahren sehr unüblich war. Inwieweit diese Form der Partnerschaft eine bewusste Entscheidung mit emanzipativer Grundhaltung war, bleibt offen. Fakt ist, dass Günter Brus Geschlechterrollen in seinem Werk immer wieder aufgreift und damit stereotype Zu schreibungen und Rollenbilder hinterfragt.

www.belvedere.at

1. 2. 2018

Peter Simonischek spielt „Der Sturm“ in Salzburg

Mai 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Hans-Michael Rehberg auf der Perner-Insel

Peter Simonischek. Bild: mottingers-meinung.at

Peter Simonischek. Bild: mottingers-meinung.at

Weil Hans-Michael Rehberg die Rolle des Prospero in Shakespeares „Der Sturm niederlegen muss, „da er sich von einer Krankheit erholt“, springt nun Peter Simonischek ein. Das teilten die Salzburger Festspiele am Mittwoch per Aussendung mit. Regisseurin Deborah Warner sei es gelungen, den Schauspieler, der derzeit in Cannes für seinen Darstellung in Maren Ades Film „Toni Erdmann“ von der internationalen Kritik gefeiert wird, für ihre Inszenierung zu gewinnen, heißt es. Premiere bei den Salzburger Festspielen ist am 2. August auf der Perner-Insel. Mit Simonischek spielen Branko Samarovski, Max Urlacher, Dickie Beau und Jens Harzer.

Davor hat der Burgstar noch am eigenen Haus Premiere, im „Diener zweier Herren“ am 22. Mai. In der Regie von Christian Stückl sind außerdem Mavie Hörbiger, Hans Dieter Knebel, Markus Meyer, Johann Adam Oest und Andrea Wenzl zu sehen.

www.salzburgfestival.at

Wien, 18. 5. 2016

Schauspielhaus Graz: Barbara Petritsch spielt Prospero

Januar 29, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Der Sturm“-Inszenierung von Stephan Rottkamp

Barbara Petritsch mit Chor Bild: © Lupi Spuma

Barbara Petritsch mit Chor
Bild: © Lupi Spuma

Am Schauspielhaus Graz hat am 6. Februar Shakespeares „Der Sturm“ Premiere. Das späte poetische Werk des großen britischen Barden kommt in einer Inszenierung von Stephan Rottkamp auf die Bühne. Die Rolle des Prospero übernimmt Burg-Schauspielerin Barbara Petritsch, die das erste Mal in einer Inszenierung des Schauspielhauses zu sehen sein wird. Mit ihr spielen Gerhard Balluch, Pascal Goffin, Benedikt Greiner, Julia Gräfner, Fredrik Jan Hofmann, Nico Link, Sarah Sophia Meyer, Raphael Muff, Tamara Semzov, Franz Solar und ein Damenchor.

Zum Regisseur:

Stephan Rottkamp, geboren 1971 in Köln, Studium der Theaterwissenschaften an der LMU München, Regieassistenzen am Bayerischen Staatsschauspiel und Burgtheater Wien. Seit 2000 inszenierte er u. a. am Schauspiel Hannover, Thalia Theater Hamburg, Residenztheater München, an den Münchner Kammerspielen, am Staatstheater Stuttgart, Staatstheater Braunschweig, Theater Freiburg, Düsseldorfer Schauspielhaus, Konzert Theater Bern, Burgtheater Wien. Von 2006 bis 2010 war er Oberspielleiter am Düsseldorfer Schauspielhaus.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 29. 1. 2016

Theater Hamakom: „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“

Oktober 28, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Patton spielt Theresia Walsers „Hitler“

Simon Hatzl, Andreas Patton, Heinz Weixelbraun Bild: Theater Nestroyhof Hamakom

Simon Hatzl, Andreas Patton, Heinz Weixelbraun
Bild: Freda Fiala/Theater Nestroyhof Hamakom

Im Theater Nestroyhof Hamakom ist derzeit Theresia Walsers grandiose Satire „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ zu sehen, ein Schauspiel für zwei Hitler-Darsteller und einen Goebbels. Drei Schauspieler sitzen im Fernsehstudio und warten auf ihren Auftritt. Gleich werden sie in einer Kultursendung über die Grenzen der Theaterkunst diskutieren. Sie wissen, wovon sie reden. Denn alle drei haben sich als Nazigrößen-Darsteller bewährt. Ihr Auftritt verzögert sich, also kommen sie ins Gespräch, aber in was für eines. Ein fast fundamentalistischer Kulturkampf tobt hier – zwischen dem alten „Naturalismusschwindel, bei dem man wie vor hundert Jahren Text aufsagt“ und den „narzisstisch überdrehten Provokationsdeppen, die sich in Selbstbespiegelung suhlen“.

Aber ebenso zwischen denen, die als Hitler Schokoladekuchen gegessen und bei jeden Bissen die Vernichtung mitgespielt haben und jenen, die nie versuchten, unten im Bunker als Hitler ihre Suppe bösartig zu löffeln. Da kann es schon einmal vorkommen, dass der eine froh ist, heute wieder ohne Polizeischutz auszukommen, nachdem er einmal nackt auf der Bühne kniend mit den Zähnen Seiten aus dem Koran gerissen hatte – gewisse Leute haben das fehlinterpretiert, die haben nicht verstanden dass man doch auf ihrer Seite war – und der andere, dass er einen Schweizer Pass hat, ohne den er Hitler nie spielen hätte wollen, weil ja doch nicht jeder aditauglich ist.

Andreas Patton, Simon Hatzl und Heinz Weixelbraun gestalten in der Regie von Hans-Peter Kellner dieses außergewöhnlich witzige und scharf pointierte Stück Theater. Es geht um die Problematik der Darstellung des Bösen auf der Bühne, die Debatte um die Kunstfreiheit, und die Frage von Werktreue versus Regietheater. Die perfiden Wortspiele der drei Bühnengranden teilen tüchtig Tachteln aus für die schon zum Allgemeingut gewordene Schaustellerei. Das Lachen, das aus Theresia Walsers Text aufsteigt, ihr Witz ist eine Einladung: Wer gewillt ist, sich weder von Angst dumm noch vom Vorurteil blind machen zu lassen, wird sich köstlich unterhalten.

„Die Sicherheit der Sicherheit“: 10 Jahre Wiener Wortstaetten

Von 5. bis 7. November findet im Theater Nestroyhof Hamakom das Festival zum Zehn-Jahres-Jubiläum der Wiener Wortstaetten statt. Aus gegebenem gesellschaftspolitischem Anlass und unter dem Titel „Die Sicherheit der Sicherheit“ wurden 14 Autorinnen und Autoren beauftragt, Monologe zu verfassen, die sich mit der Fragestellung auseinandersetzen. Denn: Das einzige, was im Leben eines Menschen sicher ist, ist der Umstand, dass er oder sie einmal sterben wird. Oder auf gut Wienerisch formuliert: Sterbn muaß a jeder. Inszeniert haben die Texte von u. a. Ibrahim Amir, Ákos Nemeth und Peca Stefan die Regisseure Alex. Riener, Hans Escher und Bernhard Studlar. Es spielen Paola Aguilera, Elisabeth Findeis, Ingrid Lang, Marcel Mohab, Andreas Patton, Boris Popovic, Sonja Romei und Michael Smulik.

www.hamakom.at

www.wortstaetten.at

Wien, 28. 10. 2015

Berliner Theatertreffen: Fegefeuer in Ingolstadt

Mai 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Messias als Dorftrottel

Bild: Berliner Theaterfestspiele

Bild: Berliner Theaterfestspiele

Die Berliner Theaterfestspiele hatten Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ von den Münchner Kammerspielen zum Treffen der Besten eingeladen. Und siehe da: Die Inszenierung der jungen Regisseurin Susanne Kennedy erhielt den 3sat-Preis beim diesjährigen Theatertreffen in Berlin. Kennedy zeigt ein Sammelsurium am Figuren, solche, bei denen man aufstehen würde, würden sie sich in den Öffis neben einen setzen. Sie wirft sie in einen kalten, kahlen Bühnenraum, der durch Schrägen  in seinen Proportionen verrutscht ist, beengt, eine Puppenstube des Grauens oder ein Krankenzimmer. Das Kruzifix an der Wand. Blackouts unterbrechen die kurzen Szenen. Und Störgeräusche. Ohrenlähmend wie ein Sendeausfall. Den haben die Figuren hier sowieso. Und einander zu sagen auch nichts. Tun sie’s, tun sie’s als Playback. Alles und jeder ist hier „falsch“, fremd, verfremdet und „kaputt“ – auf die eine oder andere Weise. Und nicht immer sychron in der Lippenbewegung, darf ganz aufs Spielen konzentriert sein. Steif in den Bewegungen, ungelenk wie die Puppen, die in dieses Haus gehören. Sie wurden von der Regisseurin „eingerichtet“ wie die Knetfiguren von Nick Park.

Kennedy hat ein Dorfantiidyll geschaffen. Grausam-klinisch-katholisch. Eine Fleißer’sche Familienaufstellung. Das Geschehen spielt  während der Schulferien. Olga erwartet ein Kind von Peps, doch der ignoriert sie nun. Da wendet sich der übelriechende Außenseiter Roelle Olga zu, weshalb Olgas Schwester Clementine eifersüchtig wird. Roelle fühlt sich als Heiliger, den Engel aufsuchen, eine Idee, in der ihn seine bigotte Mutter noch bestärkt. Er gibt sich als Vater von Olgas Kind aus, um sich Respekt zu verschaffen, erreicht damit aber nur, dass nun auch Olga geächtet wird. Beide sind dem Fegefeuer der Mitschüler, Mitbürger, Eltern, Ministranten und der undurchsichtigen Agenten Protasius und Gervasius ausgesetzt. Um ihr Außenseiterdasein zu überwinden, diffamieren sie sich gegenseitig: Als Roelle sein Verhalten rechtfertigt, behauptet Olga, er habe sie zu sich „heruntergezogen“. Schließlich glaubt Roelle sich wirklich im Zustand einer Todsünde und will beichten. Da er sich aber eine korrekte Beichte nicht zutraut, isst er den Beichtzettel auf …

Kennedy Interpretation, mehr szenische Installation als Inszenierung, lebt vor allem vom hervorragenden Ensemble. Skurril und anrührend zugleich. Besonders Cigdem Teke als schwangere Olga kann unglaublich ungläubig schauen. Sie verkörpert eine solche Sehnsucht nach Geborgenheit, dass es schmerzt. Die Paarung Protasius und Gervasius, Marc Benjamin und Edmund Telgenkämper,  befeuern einander mit harmonischer Grausamkeit, sardonischem Lächeln und schwuler Zärtlichkeit. Walter Hess als Vater verfällt alle paar Minuten in herzinfarktischen Epileptikmodus, Heidy Forster als Mutter Roelle füttert ihr Kind aus dem Reindl, bis ihm die Soße aus den Mundwinkeln läuft. Überhaupt scheint sich Kennedy am meisten für Christian Löber, das heißt seinen Roelle, zu interessieren. Der Mutterhörige ist ja eigentlich ein Feschak mit langen Haaren und kurzer Hose. Tommy, The Who, summt er immer wieder: You’ll feel me coming, A new vibration, From afar you’ll see me, I’m a sensation, I’m a sensation. Doch der Messias ist gleichsam auch der Dorftrottel. So sehen es die anderen. Wie er schon dasteht, diese bizarre Körperhaltung, die Beine gekrümmt wie der Herr am Kreuz, wie er schon spricht, wie in Bibelzitaten. Da wird aus dem, der der Anfang ist (wie Protasius und Gervasius ihn einmal aufziehen) ganz schnell ein vom Teufel Besessener. Es ist beeindruckend, wie Löber den mehr und mehr überhandnehmenden Wahnsinn spielt, schließlich „in mehreren Stimmen“ spricht

Am Ende brabbelt das Ensemble ein Gebet. Wieder und wieder und wieder. Zwölf Mal? Zehn Minuten lang? Nein, das reicht nicht. Unruhe macht sich breit, ein paar Buhs müssen sich Luft machen. Die Darsteller werden immer schriller. Eine Endlosschleife, die alle in den gleichen Erhitzungsgrad des Fegefeuers wirft. Auch das Publikum. „Blut Christi tränke mich. Wasser aus der Seite Christi wasche mich. Verbirg in deinen Wunden mich.“ Fleißer selbst nannte „Fegefeuer“ 1924 ein Stück über „das Rudelgesetz und über die Ausgestoßenen“. In Kennedys Händen merkt man, wie viel die Fleißer heute noch zu sagen hat, wie untot der „Schafft sie weg!“-Reflex noch ist. Chapeau vor dieser mutigen Arbeit.

www.berlinerfestspiele.de

www.muenchner-kammerspiele.de

Trailer: www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=43537

www.mottingers-meinung.at/berliner-theatertreffen-zement/

Wien, 13. 5. 2014