Cop Secret / Leynilögga

Juni 24, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine queere Krimikomödie aus Island

Der coolste Cop von Reykjavik: Auðunn Blöndal als Bússi. Bild: © Polyfilm

Toxische Männlichkeit, eine schwule Liebe, Frauenfußball, Bankräuber und Bombenleger in einem Film – und das alles mit einem Humor, der die Gay-Community an keiner Stelle veralbert oder brüskiert? Geht das? In Island durchaus. Von der Insel, deren Cineastinnen und Cineasten sonst auf grandiose Landschaftsbilder, eine gewisse Düsternis und

eine Tendenz zum Ausbuchstabieren von Beziehungen setzen, kommt die Buddy-Komödie des Sommers: „Cop Secret / Leynilögga“, seit heute in den Kinos, ein Polizeikrimi, in dem die flotten Sprüche um nichts langsamer abgefeuert werden als die Projektile aus den diversen Pistolen. Regisseur Hannes Þór Halldórsson, seines Zeichens 77-facher Torhüter der isländischen Fußballnationalmannschaft gegen den nicht einmal Lionel Messi einen (Elf-)Meter hatte, hat sich an einer wilden Genreparodie im 80er-Action-Stil versucht, viel gewagt und bei den Festivals von Locarno, London, Seattle bis Busan ein begeistertes Publikum gewonnen.

Halldórsson ist gemeinsam mit dem isländischen Comedian Sverrir Þór Sverrisson, genannt Sveppi, auch Drehbuchautor, und auch seine beiden Hauptdarsteller, Auðunn Blöndal als Bússi und Egill Einarsson aka DJ MuscleBoy als Hörður, waren von Anfang an ins Projekt involviert und am Skript beteiligt. Was einen zur Handlung bringt, in der’s ab Minute eins rundgeht: Da nämlich verfolgt Bússi mit seinem Polizeikollegen Klemenz – Sveppi als dauerpleiter Tollpatsch, der Bússis rasanten Fahrten im Pontiac Firebird Trans Am nichts abgewinnen kann, vor allem nicht mit seinem Sohn auf dem Rücksitz, weil Herr Papa an diesem Tag mit der Kinderbetreuung dran ist – da nämlich verfolgt Bússi mit heulendem Motor und quietschenden Reifen eine Motorradfahrerin (Vivian Ólafsdóttir als Stefanía), die gerade an einem Bankraub beteiligt war.

Die Serie an Überfällen in Reykjavik bleibt mysteriös, haben die Verbrecher doch nie eine íslensk króna mitgenommen. Bússis Auto-Angriff wird an der Stadtgrenze je gestoppt, von Hörður, der den Distrikt nun als seinen Zuständigkeitsbereich verteidigt. Supermacho trifft auf Supercop, die Rollen des prolligen, abgefuckten, harten Hunds und des sleeken, auftrainierten Schönlings sind Auðunn Blöndal und Egill Einarsson tatsächlich auf den Leib geschrieben. Und während der Inbegriff toxischer Männlichkeit sich mit Alkohol und Drogen durch- und seiner Freundin, die über zu wenig Sex klagt, herumschlägt – Júlíana Sara Gunnarsdóttir als Lilja, die schon längst ahnt, was Sache ist, führt der andere gutgelaunt ein Kamerateam durch seine Ökovilla in Garðabær, wobei er sich der wachsenden Fangemeinde als pansexuell vorstellt.

Bússi und sein Polizeikollege Klemenz: Auðunn Blönda und Sverrir Þór Sverrisson. Bild: © Polyfilm

Da kann Mann schon schwach werden: Egill Einarsson als Hörður. Bild: Screenshot

Partner fürs Leben: Auðunn Blöndal als Bússi und Egill Einarsson als Hörður. Bild: © Polyfilm

Die Medien haben einen neuen Star, Bússi dominiert nicht mehr länger die Nachrichten aus dem Polizeirevier. Als dann noch Klemenz dank Bússis Cop-Künsten angeschossen wird, hat Chefin Þorgerður, Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir als Typ hantige Mutter, eine Königinnen-Idee: Bússi und Hörður werden als neues Ermittler-Dream-Team zusammengespannt. Was Bússi greifen lässt bei folgenden Dialog zum Flachmann greifen lässt – Hörður: „Ist schon Happy Hour?“- Bússi: „Dein Fitnessclub hat angerufen, du versäumst den Spinning Kurs.“

Hannes Þór Halldórsson ist eine Persiflage aufs US-Blockbuster-Kino gelungen, von den gelungenen Stadtaufnahmen von Kameramann Elli Cassata bis zum Soundtrack von Komponist Kristján Sturla Bjarnaso, die Stereotypen wie Bússis verbissene Ernsthaftigkeit konterkariert und – man erlaube den Fußballbegriff – Standardsituationen mit viel Sinn für Ironie aufbricht. Gespickt ist der Film zudem nicht nur mit Bildzitaten aus bekannten Cop-Filmen, sondern auch mit Cameos und Gastauftritten isländischer Prominenter, wie etwa dem ehemaligen Bürgermeister von Reykjavik, Jón Gnarr, der im Film den isländischen Premierminister spielt.

Oder Halldórssons ehemaligem Teamkollegen Rúrik Gíslason als Ganove Omar (dem Hörður bescheinigt: „Er sieht extrem gut aus!“), nunmehr Mitbegründer des „Glacier Gin“, der in der Volcanic Drinks Destillerie in Reykjavik hergestellt wird, und dem hiesigen Publikum vielleicht bekannt durch seine Teilnahme an den TV-Shows „Let’s Dance“, „5 gegen Jauch“ und „The Masked Singer“ – im Gorillakostüm. Klar sind Auðunn Blöndal und Egill Einarsson ihre Heldenauftritte in Slow Motion à la John Woo gegönnt, doch kommt’s beim brutalen Shoot-out mit dem Superschurken zur ersten zarten Berührung der Hände, bald zu leidenschaftlichen Küssen auf der Herrentoilette und einem gemeinsamen Aufwachen im Bett.

Die Konkurrenz- und Männlichkeitsrituale zwischen Bússi und Hörður werden so lange überspitzt, bis sie in ihr Gegenteil kippen. Bússi erkennt, dass er nicht ehrlich mit sich selbst war, und plötzlich eröffnen sich ihm neue Perspektiven. Die Krimihandlung ist zu diesem Zeitpunkt zwar etwas in den Hintergrund getreten, doch dann wird der psychopathische Superschurke Rikki vorgestellt – Björn Hlynur Haraldsson und wie er sich mit dem Bowie-Messer rasiert, und Hörður erkennt ihn auf einem Video als Ex-Model-Kollegen.

Mörderbraut: Vivian Ólafsdóttir als Stefanía. Bild: Polyfilm

Großes Kaliber: Auðunn Blöndal als Bússi. Bild: © Polyfilm

Die strenge Vorgesetzte: Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir als Þorgerður. Bild: Screenshot

Der ultimative Bösewicht: Björn Hlynur Haraldsson als Rikki. Bild: Screenshot

Pattsituation zwischen Cops und Ganoven. Bild: Screenshot

Regisseur, Drehbuchautor und aktiver Tormann der isländischen Nationalmannschaft: Hannes Þór Halldórsson. Bild: © Polyfilm

Dessen sinistre Truppe von Hightech-Gangstern soll nun während des (echten) Qualifikationsspiels für die Fußball-WM der (tatsächlichen) isländischen Frauennationalmannschaft gegen England mittels Bombenattentats zum finalen Schlag ausholen, alle Einsatzkräfte am Katastrophenort bündeln, und derweil in Seelenruhe Islands Goldreserven stehlen. Þorgerður und ihr Team arbeiten auf Hochtouren und bald wird klar, dass ein Polizei-Insider als Verräter in Rikkis Lager gewechselt haben muss. Alldieweil suchen Bússi und Hörður dessen jüngeren Bruder Maggi, Down-Syndrom-Schauspieler Birgir Gíslason, den Rikki entführt hat, nicht wissend, dass der ein Ego-Shooter-Champion ist – was sich als sehr hilfreich herausstellen wird, so ein Scharfschütze in der Familie: „Bad Guy“ kommentiert Maggi jeden seiner Bildschirmabschüsse …

Mitten im Schusswechsel überwindet sich der identitätskriselnde Bússi zum Liebesgeständnis. Die schönste Szene im Film, die hier nicht vorenthalten werden soll – Hörður: „Du bist schwul, Bússi, das ist alles. Newsflash, Dude, wir haben 2022, da interessiert das niemanden mehr.“ – Bússi schreit durchs Geballer: „Hörður, ich liebe dich. (Maschinengewehrsalve) Wirst du mich dafür verhaften?“ – Hörður (verhaftet gerade Stefanía): „Vielleicht bringe ich später meine Handschellen.“ – Bússi: „Deal!“

„Cop Secret“ würfelt zahlreiche bekannte Genre-Versatzstücke von Polizei-Buddy-Movies bis Heist-Thriller durcheinander und erzielt damit einen überraschend innovativen Pasch. Gerade die spezielle Mischung aus progressiver Gesellschaftsvision, Nordic Noir und jeder Menge nordisch-schwarzem Humor weiß dabei zu überzeugen, und gleichsam charmant sind die Bemühungen, Reykjavik wie einen Großstadtmoloch wirken zu lassen. Dass dieses zum Schluss nicht in Schutt und Asche liegt, bei der Dichte an Schießereien, Explosionen und niedergemähtem Stadtverkehr, die Regisseur Halldórsson hier auffährt, gehört einfach zum Happy End.

www.mfa-film.de/kino/id/cop-secret           alief.co.uk/copsecret

24. 6. 2022

Thomas Vinterbergs „Der Rausch“

Juli 13, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Oscar-Gewinner kommt endlich ins Kino

Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Den Oscar in der Kategorie Bester internationaler Film 2021 nahm der dänische Regisseur und Autor Thomas Vinterberg mit nach Hause. Dem österreichischen Publikum sowohl vom Burgtheater (Rezension „Die Kommune“: www.mottingers-meinung.at/?p=1330) als auch vom Theater in der Josefstadt bekannt, wo er sich an dessen Kammerspielen schon einmal dem Thema Alkohol widmete (Rezension „Suff“:

www.mottingers-meinung.at/?p=28211), ist „Der Rausch“ ein im Wortsinn berauschender Blick auf Männer in der Midlifecrisis. COV19-, heißt: Lockdown-bedingt immer wieder verschoben, kommt der Film am 16. Juli nun endlich in die heimischen Kinos. Hier noch einmal die Filmkritik vom April: Als der norwegische Psychiater und Philosoph Finn Skårderud vor etwa zwanzig Jahren die gewagte These aufstellte, dass Menschen mit einem um ein halbes Promille zu niedrigen Blutalkoholwert geboren werden, weshalb ihnen ewiges Glück und Zufriedenheit versagt sind, gingen die Wogen der Empörung höher als jede Schampus-Pyramide.

Und verebbten, weil Skårderud, der seine Theorie aus den bedeutenden Leistungen bekannter Trinker aus Kunst und Politik sog, nie zum Selbstversuch antrat. Das Experiment holen nun in Thomas Vinterbergs aktuellem Film „Druk“, deutsch: „Der Rausch“, vier dänische Gymnasiumpädagogen nach. Frank und frei nach dem Thomas-Stipsits-Manuel-Rubey-Song „Für Alkohol gibt es immer einen Grund“. Vinterbergs provokanter Film hat überall dort, wo er im vergangenen Jahr laufen konnte, Zuschauerrekorde gebrochen und praktisch jeden Preis gewonnen, für den er nominiert war. Dabei begann die Arbeit am 12. Spielfilm des Dogma-95-Mitbegründers mit einer persönlichen Katastrophe:

Vinterbergs 19-jährige Tochter Ida sollte in „Druk“ als Mads Mikkelsens Schülerin ihr Filmdebüt geben, Drehort ihre Schule, Freunde von ihr wurden als Schüler gecastet, da kam sie auf der belgischen Autobahn bei einem Verkehrsunfall ums Leben, der andere Fahrer durch sein Mobiltelefon abgelenkt. Co-Drehbuchautor Tobias Lind- holm und Hauptdarsteller Mikkelsen brachten den trauernden Vater zum Weitermachen, das Ergebnis: weder eine Ode an den Alkoholkonsum noch ein Problemfilm über die Folgen desselben, sondern Vinterberg vom Feinsten.

Heißt: der schon mehrmals angetretene und hier einmal mehr gelungene Beweis, dass man hochkomplexe gesellschaftliche, „moralische“ Zusammenhänge um den Faktor Mensch ergänzen und somit jedwede emotionale Demarkationslinie einreißen kann. Da steht also Mads Mikkelsen als Martin vor seiner Klasse und reißt die Schüler mit seiner Art den Stoff vorzutragen von den Stühlen. Eben noch war er ein Burnout-geplagter Langweiler, der sich von der Elternversammlung vorwerfen lassen musste, im Unterricht gleichgültig und interesselos zu sein, ein geistig abwesender, lethargischer Mittfünfziger, dessen Frau mit ihrem Job und die Söhne mit den Smartphones beschäftigt sind – und jetzt sprüht er vor Esprit.

Eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier mit den Freunden und um nichts weniger desillusionierten Kollegen Tommy, Thomas Bo Larsen als Sportlehrer, Nikolaj, Magnus Millang als Musikprof, und Peter, Lars Ranthe als der für Psychologe, alle drei hervorragend in ihrer wirkmächtig zurückhaltenden Performance, bewirkte den Umschwung. Einer erzählt von Skårderud, und als treue Diener des Dionysos begibt man sich auf dessen Spuren, streng wissenschaftlich, versteht sich, mit Versuchsprotokoll und Dokumentation und nichtsdestotrotz absurden Regeln.

Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Ein Mann in der Midlifecrisis und das Meer: Thomas Bo Larsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Als trinkfester Psychologie-Professor Peter: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Thomas Bo Larsen, Mads Mikkelsen, Lars Ranthe und Magnus Millang. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Die vier wollen zukünftig während der Schulstunden konsequent bei 0,5 Promille stehen – und Erkenntnisse über verbalmotorische Auswirkungen in einem Studienpapier darlegen. Schon in der Eingangsszene sieht man die Maturantinnen und Maturanten beim Post-Prüfungsstress-Sport: einmal um den See laufen, dabei einen Kasten Bier trinken, kotzen. Vinterberg kann sich diesbezüglich Bemerkungen sparen, er braucht keine Kritik an der Gesellschaftsdroge zu üben, er muss nur die Kamera aufs Kulturgut Alkohol halten.

Fast wie eine Persiflage mutet’s dennoch an, wenn der Sommelier im Nobelrestaurant Glas um Glas kredenzt, vom Frischgezapften zum Champagner, Martin da noch beim Soda, schließlich zum Kaviar einen exquisiten Wodka mit samtenen Worten beschreibt, dass der Zar seine Freud‘ dran hätte. Der Kulinarik-Trendsetter liebste Götzen Haute Cuisine und Château irgendwas hochpreisig vereint, im Königreich der Gourmets sind punkto Brombeeren am Gaumen und Butter im Abgang der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

„Das Leben ist schön“, soll der Lehrer neues Motto werden. Man wünscht sich mehr Selbstbewusstsein, mehr „Spirit“, die vom Alltagsstress erschlagenen, von der Midlifecrisis gebeutelten Männer, Nicolaj mit den vielen Kindern, der geschiedene Tommy, der seinen todkranken Hund fürs Gassi nach draußen trägt – und schon sieht man Martin auf dem Schul-Klo beim Stoli-Kippen; Peter hat’s Hochprozentige sogar in der Thermoskanne bei sich; der Schulwart findet im Turnkammerl halbleere Flaschen; die Schuldirektorin verdächtigt selbstverständlich die ihr anvertrauten Teenager.

Und siehe: Des Quartetts Verschwörung gegen die Vernunft, ihr Feuerzangenbowle-Streich gibt Anlass zur Euphorie. Nie war Lehren befriedigender, der eheliche Sex schon lange nicht mehr heißer. Ausgelassen wie die Kinder lässt Vinterberg seine Protagonisten sich austoben, ihre soziale Kompetenz hat sich gesteigert, Tommy macht den verspotteten Brillenträger „Specs“, Max Kaysen Høyrup, zum Goleador.

Dazu eine Videomontage: Boris Jelzin, Boris Johnson, Jean-Claude Juncker, der Donald Tusk und Viktor Orbán in eine Umarmung zwingt, Jelzin tanzend und eine Abgeordnete zwickend, Sarkozy bei einer Pressekonferenz, Jelzin und Bill Clinton, alle, alle volltrunken. Martin fragt seine Schüler, wen sie eher wählen würden: Einen ständig saufenden Egomanen? Oder einen abstinenten Tierfreund? Zweiteren! Somit siegt Adolf Hitler gegen Winston Churchill – die Zynismusfalle ist zugeschnappt.

Wie jeder gute Drogenfilm will „Druk“ die Zuschauerin, den Zuschauer erst einmal verführen, im Wortsinn berauschen – und das gelingt zum einen hervorragend, weil die vier Charaktere trotz ihrer Ambivalenz so sympathische Jedermänner sind, zum anderen, weil Kameramann Sturla Brandth Grøvlen zum dräuenden Absturz immer wieder sonnendurchflutet-sommerliche, verheißungsvoll-unbeschwerte Bilder einfängt, etwa den Bierkastenlauf der Oberstufler um einen malerischen See. Das Trinken darf in „Druk“ beides sein, nobler Genuss und schäbiger Kontrollverlust, elegante Geste und erbärmliches Schauspiel.

Thomas Bo Larsen mit Max Kaysen Høyrup. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Martin sprüht im Unterricht vor Esprit: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Beim Dreh: Mads Mikkelsen und Thomas Vinterberg. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Peter lässt die Maturantinnen tanzen: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Denn der Absturz kommt. Der Alkohol lässt es nie bei dem einen Gläschen bleiben. Beim Pantschen von Supercocktails aus allem, was sich in Peters Hausbar findet, sind die vier zwar überzeugt: „Wir sind keine Alkoholiker!“ Nach einer Tanzeinlage à la Boy Group, überhaupt lässt Vinterberg Mads Mikkelsen seine acht Jahre als Profitänzer oft und gern zur Schau stellen, einem „We need to get higher! – 1.2 – 1.5 – 1.8 ‰, stilistisch amüsant werden Uhrzeit und Promille-Pegel eingeblendet – und einem desaströsen Supermarkteinkauf, findet sich Peter nackt hinterm Klavier im Stammlokal wieder. Martin wird vor der Haustür liegend von den Nachbarn aufgegabelt. Peinlich. Auch das blaue Auge.

Die Saufgelage von Martin, Tommy, Nikolaj und Peter sind Symptom einer existenziellen Malaise Europas. Laut WHO trinkt kein anderer Kontinent mehr Alkohol, die ÖsterreicherInnen beispielsweise aktuell durchschnittlich 11,6 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr. Damit liegt Österreich im Ranking der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum weltweit auf Platz 13. Alle zehn Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Erde ein Mensch an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit.

Sturla Brandth Grøvlen vermag mit der Ruhelosigkeit der Handkamera, durchs Verschwimmen von Tönen und dem Verlust der Bildschärfe Zeichen der Instabilität zu schaffen. Schnapsleichen in Zeitlupe, heimkommen und nicht mehr ins Bett finden, streitende Frauen als Spielverderberinnen, bellende Hunde, weinende Kinder. Aggressionen und eine Schuldirektorin, der dämmert, wer an ihrer Anstalt tatsächlich dem Alkohol zuspricht. Tommy im Lehrerzimmer nicht mehr Herr seiner Sinne, Martin, dem dies die Augen übers Ausmaß der Probleme seines Freundes öffnet. Peter, der die Prüfungsangst seines Schutzbefohlenen Sebastian, Albert Rudbeck Lindhardt, mittels Flachmanns kurieren will. Ein Suizid.

Dass keiner die Fahne riecht! Dass Wodka nicht wahrzunehmen ist, ist ein Gerücht! Ein Fazit? Im höchsten Fall das kontroverse, dass Alkohol nur ein Brandbeschleuniger für schwelende Konflikte und ungelöste Krisen ist. „Druk“ ist weder ein Bacchusgesang noch eine Verteufelung des Genussmittels Alkohol, sondern eine komplexe Abhandlung darüber, wie Alkoholkonsum die Probleme der Gesellschaft widerspiegelt. Dies könnte einen mit dem Appell an eine „gesunde“ Einstellung zu Wein, Bier und Co. in die Realität entlassen.

Doch Vinterberg setzt mit einer fulminant furiosen Finalszene noch eins drauf. Wieder ist Sommer, wieder ziehen erfolgreiche Maturantinnen und Maturanten ans Wasser, wieder gibt es ein Besäufnis, die Lehrer mittendrin und Martin, Mads Mikkelsen so brillant wie lange nicht mehr, beim ekstatischen Tanz im Champagner-Regen. Was hat sich geändert? Einer weniger ist anwesend. Was hat sich geändert? Nichts. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=45870

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BQyIaFreaQA&t=2s            www.weltkino.de/filme/der-rausch           www.facebook.com/DerRausch.DerFilm

13. 7. 2021

Academy Awards: Thomas Vinterbergs „Der Rausch“

April 9, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Trinkerdrama ist nominiert für zwei Oscars

Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Der prominenteste Name auf der Liste der Anwärter für den Academy Award in der Kategorie Bester internationaler Film 2021 ist wohl der dänische Regisseur und Autor Thomas Vinterberg. Dem österreichischen Publikum sowohl vom Burgtheater (Rezension „Die Kommune“: www.mottingers-meinung.at/?p=1330) als auch vom Theater in der Josefstadt bekannt, wo er sich an dessen Kammerspielen schon einmal

dem Thema Alkohol widmete (Rezension „Suff“: www.mottingers-meinung.at/?p=28211), ist Vinterberg außerdem mit einer Nominierung in der Kategorie Beste Regie bedacht. Unter den Mitbewerbern um den Auslands-Oscar: die österreichische Koproduktion „Qua vadis, Aida?“ von Jasmila Žbanić (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45395). „Der Rausch“ kommt voraussichtlich am 23. April in die heimischen Kinos.

Ein berauschender Blick auf Männer in der Midlifecrisis

Als der norwegische Psychiater und Philosoph Finn Skårderud vor etwa zwanzig Jahren die gewagte These aufstellte, dass Menschen mit einem um ein halbes Promille zu niedrigen Blutalkoholwert geboren werden, weshalb ihnen ewiges Glück und Zufriedenheit versagt sind, gingen die Wogen der Empörung höher als jede Schampus-Pyramide – und verebbten, weil Skårderud, der seine Theorie aus den bedeutenden Leistungen bekannter Trinker aus Kunst und Politik sog, nie zum Selbstversuch antrat.

Das Experiment holen nun in Thomas Vinterbergs aktuellem Film „Druk“, deutsch: „Der Rausch“, vier dänische Gymnasiumpädagogen nach. Frank und frei nach dem Thomas-Stipsits-Manuel-Rubey-Song „Für Alkohol gibt es immer einen Grund“. Vinterbergs provokanter Film hat überall dort, wo er im letzten Jahr laufen konnte, Zuschauerrekorde gebrochen und praktisch jeden Preis gewonnen, für den er nominiert war. Dabei begann die Arbeit am 12. Spielfilm des Dogma-95-Mitbegründers mit einer persönlichen Katastrophe:

Vinterbergs 19-jährige Tochter Ida sollte in „Druk“ als Mads Mikkelsens Schülerin ihr Filmdebüt geben, Drehort ihre Schule, Freunde von ihr wurden als Schüler gecastet, da kam sie auf der belgischen Autobahn bei einem Verkehrsunfall ums Leben, der andere Fahrer durch sein Mobiltelefon abgelenkt. Co-Drehbuchautor Tobias Lind- holm und Hauptdarsteller Mikkelsen brachten den trauernden Vater zum Weitermachen, das Ergebnis: weder eine Ode an den Alkoholkonsum noch ein Problemfilm über die Folgen desselben, sondern Vinterberg vom Feinsten.

Heißt: der schon mehrmals angetretene und hier einmal mehr gelungene Beweis, dass man hochkomplexe gesellschaftliche, „moralische“ Zusammenhänge um den Faktor Mensch ergänzen und somit jedwede emotionale Demarkationslinie einreißen kann. Da steht also Mads Mikkelsen als Martin vor seiner Klasse und reißt die Schüler mit seiner Art den Stoff vorzutragen von den Stühlen. Eben noch war er ein Burnout-geplagter Langweiler, der sich von der Elternversammlung vorwerfen lassen musste, im Unterricht gleichgültig und interesselos zu sein, ein geistig abwesender, lethargischer Mittfünfziger, dessen Frau mit ihrem Job und die Söhne mit den Smartphones beschäftigt sind – und jetzt sprüht er vor Esprit.

Eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier mit den Freunden und um nichts weniger desillusionierten Kollegen Tommy, Thomas Bo Larsen als Sportlehrer, Nikolaj, Magnus Millang als Musikprof, und Peter, Lars Ranthe als der für Psychologe, alle drei hervorragend in ihrer wirkmächtig zurückhaltenden Performance, bewirkte den Umschwung. Einer erzählt von Skårderud, und als treue Diener des Dionysos begibt man sich auf dessen Spuren, streng wissenschaftlich, versteht sich, mit Versuchsprotokoll und Dokumentation und nichtsdestotrotz absurden Regeln.

Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Ein Mann in der Midlifecrisis und das Meer: Thomas Bo Larsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Als trinkfester Psychologie-Professor Peter: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Thomas Bo Larsen, Mads Mikkelsen, Lars Ranthe und Magnus Millang. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Die vier wollen zukünftig während der Schulstunden konsequent bei 0,5 Promille stehen – und Erkenntnisse über verbalmotorischen Auswirkungen in einem Studienpapier darlegen. Schon in der Eingangsszene sieht man die Maturantinnen und Maturanten beim Post-Prüfungsstress-Sport: einmal um den See laufen, dabei einen Kasten Bier trinken, kotzen. Vinterberg kann sich diesbezüglich Bemerkungen sparen, er braucht keine Kritik an der Gesellschaftsdroge zu üben, er muss nur die Kamera aufs Kulturgut Alkohol halten.

Fast wie eine Persiflage mutet’s dennoch an, wenn der Sommelier im Nobelrestaurant Glas um Glas kredenzt, vom Frischgezapften zum Champagner, Martin da noch beim Soda, schließlich zum Kaviar einen exquisiten Wodka mit samtenen Worten beschreibt, dass der Zar seine Freud‘ dran hätte. Der Kulinarik-Trendsetter liebste Götzen Haute Cuisine und Château irgendwas hochpreisig vereint, im Königreich der Gourmets sind punkto Brombeeren am Gaumen und Butter im Abgang der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

„Das Leben ist schön“, soll der Lehrer neues Motto werden. Man wünscht sich mehr Selbstbewusstsein, mehr „Spirit“, die vom Alltagsstress erschlagenen, von der Midlifecrisis gebeutelten Männer, Nicolaj mit den vielen Kindern, der geschiedene Tommy, der seinen todkranken Hund fürs Gassi nach draußen trägt – und schon sieht man Martin auf dem Schul-Klo beim Stoli-Kippen; Peter hat’s Hochprozentige sogar in der Thermoskanne bei sich; der Schulwart findet im Turnkammerl halbleere Flaschen; die Schuldirektorin verdächtigt selbstverständlich die ihr anvertrauten Teenager.

Und siehe: Des Quartetts Verschwörung gegen die Vernunft, ihr Feuerzangenbowle-Streich gibt Anlass zur Euphorie. Nie war Lehren befriedigender, der eheliche Sex schon lange nicht mehr heißer. Ausgelassen wie die Kinder lässt Vinterberg seine Protagonisten sich austoben, ihre soziale Kompetenz hat sich gesteigert, Tommy macht den verspotteten Brillenträger „Specs“, Max Kaysen Høyrup, zum Goleador.

Dazu eine Videomontage: Boris Jelzin, Boris Johnson, Jean-Claude Juncker, der Donald Tusk und Viktor Orbán in eine Umarmung zwingt, Jelzin tanzend und eine Abgeordnete zwickend, Sarkozy bei einer Pressekonferenz, Jelzin und Bill Clinton, alle, alle volltrunken. Martin fragt seine Schüler, wen sie eher wählen würden: Einen ständig saufenden Egomanen? Oder einen abstinenten Tierfreund? Zweiteren! Somit siegt Adolf Hitler gegen Winston Churchill – die Zynismusfalle ist zugeschnappt.

Wie jeder gute Drogenfilm will „Druk“ die Zuschauerin, den Zuschauer erst einmal verführen, im Wortsinn berauschen – und das gelingt zum einen hervorragend, weil die vier Charaktere trotz ihrer Ambivalenz so sympathische Jedermänner sind, zum anderen, weil Kameramann Sturla Brandth Grøvlen zum dräuenden Absturz immer wieder sonnendurchflutet-sommerliche, verheißungsvoll-unbeschwerte Bilder einfängt, etwa den Bierkastenlauf der Oberstufler um einen malerischen See. Das Trinken darf in „Druk“ beides sein, nobler Genuss und schäbiger Kontrollverlust, elegante Geste und erbärmliches Schauspiel.

Thomas Bo Larsen mit Max Kaysen Høyrup. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Martin sprüht im Unterricht vor Esprit: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Beim Dreh: Mads Mikkelsen und Thomas Vinterberg. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Peter lässt die Maturantinnen tanzen: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Denn der Absturz kommt. Der Alkohol lässt es nie bei dem einen Gläschen bleiben. Beim Pantschen von Supercocktails aus allem, was sich in Peters Hausbar findet, sind die vier zwar überzeugt: „Wir sind keine Alkoholiker!“ Nach einer Tanzeinlage à la Boy Group, überhaupt lässt Vinterberg Mads Mikkelsen seine acht Jahre als Profitänzer oft und gern zur Schau stellen, einem „We need to get higher! – 1.2 – 1.5 – 1.8 ‰, stilistisch amüsant werden Uhrzeit und Promille-Pegel eingeblendet – und einem desaströsen Supermarkteinkauf, findet sich Peter nackt hinterm Klavier im Stammlokal wieder. Martin wird vor der Haustür liegend von den Nachbarn aufgegabelt. Peinlich. Auch das blaue Auge.

Die Saufgelage von Martin, Tommy, Nikolaj und Peter sind Symptom einer existenziellen Malaise Europas. Laut WHO trinkt kein anderer Kontinent mehr Alkohol, die ÖsterreicherInnen beispielsweise aktuell durchschnittlich 11,6 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr. Damit liegt Österreich im Ranking der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum weltweit auf Platz 13. Alle zehn Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Erde ein Mensch an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit.

Sturla Brandth Grøvlen vermag mit der Ruhelosigkeit der Handkamera, durchs Verschwimmen von Tönen und dem Verlust der Bildschärfe Zeichen der Instabilität zu schaffen. Schnapsleichen in Zeitlupe, heimkommen und nicht mehr ins Bett finden, streitende Frauen als Spielverderberinnen, bellende Hunde, weinende Kinder. Aggressionen und eine Schuldirektorin, der dämmert, wer an ihrer Anstalt tatsächlich dem Alkohol zuspricht. Tommy im Lehrerzimmer nicht mehr Herr seiner Sinne, Martin, dem dies die Augen übers Ausmaß der Probleme seines Freundes öffnet. Peter, der die Prüfungsangst seines Schutzbefohlenen Sebastian, Albert Rudbeck Lindhardt, mittels Flachmanns kurieren will. Ein Suizid.

Dass keiner die Fahne riecht! Dass Wodka nicht wahrzunehmen ist, ist ein Gerücht! Ein Fazit? Im höchsten Fall das kontroverse, dass Alkohol nur ein Brandbeschleuniger für schwelende Konflikte und ungelöste Krisen ist. „Druk“ ist weder ein Bacchusgesang noch eine Verteufelung des Genussmittels Alkohol, sondern eine komplexe Abhandlung darüber, wie Alkoholkonsum die Probleme der Gesellschaft widerspiegelt. Dies könnte einen mit dem Appell an eine „gesunde“ Einstellung zu Wein, Bier und Co. in die Realität entlassen.

Doch Vinterberg setzt mit einer fulminant furiosen Finalszene noch eins drauf. Wieder ist Sommer, wieder ziehen erfolgreiche Maturantinnen und Maturanten ans Wasser, wieder gibt es ein Besäufnis, die Lehrer mittendrin und Martin, Mads Mikkelsen so brillant wie lange nicht mehr, beim ekstatischen Tanz im Champagner-Regen. Was hat sich geändert? Einer weniger ist anwesend. Was hat sich geändert? Nichts.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BQyIaFreaQA&t=2s            www.weltkino.de/filme/der-rausch           www.facebook.com/DerRausch.DerFilm

9. 4. 2021