Theater in der Josefstadt: Maria Stuart

Januar 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Reclamheft hätte man mitbringen sollen

Elisabeth Rath und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Vorsicht, hier wird Theater gespielt! Auf diesen Punkt bringt es Regisseur Günter Krämer von Beginn seiner „Maria Stuart“-Inszenierung an der Josefstadt. Lautsprecherdurchsagen von der Abendregie, noch wird auf der Bühne Staub gesaugt, da tritt sie auf, die Diva, memoriert ihren Text, muss im Reclamheft nachlesen. Minuten später, mit weiß geschminktem Gesicht, wird sie Königin Elisabeth sein. Eine unerbittliche Herrscherin.

„Das ist neu“, flüstert jemand im Publikum. Und tatsächlich muss man sich in dieser Aufführung an vieles Neue gewöhnen. Manches erschließt sich, doch ebenso vieles nicht. Krämer hat sich von Schiller weitgehend gelöst, leider auch von dessen Sprache. Zwar versteht er „Maria Stuart“ sehr schön als Kammerspiel, macht daraus einen Kraftakt für eine Handvoll großartiger Schauspieler, zeigt eine durchgestylte, durchchoreografierte Arbeit, in der jede Geste sitzt – doch Motivationen? Nebbich! Wer was warum tut, geht in der würzigen Kürze unter. Vor allem die Handlungen der Herren erschließen sich nicht.

Hätte man ein Reclamheft mitbringen sollen? Krämer verzichtet auf den einleitenden ersten Akt, verzichtet auf alle guten Geister rund um Maria, die den Finsterlingen am Londoner Hof Widerpart zu geben bereit sind. Er beschränkt sich auf Leicester, Davison, Mortimer und den französischen Gesandten. Die Stuart tritt mit einer halben Stunde Verspätung auf, und zwar mit jenem Monolog aus Goethes „Iphigenie“, in dem sie das Land der Griechen mit der Seele sucht. Ein typischer Fall von „originell“ statt Original … Krämer verschiebt ganze Textpassagen, oktroyiert sie anderen Figuren auf, dichtet auch noch dazu.

Immerhin: Mit Sandra Cervik als Elisabeth und Tonio Arango als Leichester steht ihm ein erprobt großartiges Bühnenpaar zur Seite. Die Strippenzieherin und der Puppenspieler. Sie, Beherrscherin der in ihre Intrigen verstrickten Militärs, er, Politiker und Opportunist. Zu deren exaltiertem Tonfall, Cervik wird über Strecken zum Grimassenschneiden bis zur Knallchargigkeit verdammt, findet Elisabeth Rath als schottische Königin, als „die Fremde“, einen gänzlich anderen Klang. Angesiedelt zwischen fröhlicher Verzweiflung und einem Hauch Wahnsinn bietet sie ihre Sätze an, und immer hat man im Hinterkopf, dass dieser fabelhaften Schauspielerin bei mehr Anleitung mehr möglich gewesen wäre.

Sandra Cervik mit Tonio Arango. Bild: Moritz Schell

Am Höhepunkt der Aufführung treffen die beiden aufeinander, eine Wildsau blutet aus, Elisabeth kommt von der Jagd mit Armbrust und Schießbrille. Maria wird eine Gipsmaske zerbrechen, als sie von der endlich vorgesehenen Vollstreckung des Todesurteils erfährt. Was noch? Papierflieger. Sie verkünden Leichesters Flucht nach Frankreich. Roman Schmelzer als Davison ist ein sturschädeliger Uniformträger, Raphael von Bargen als Mortimer alles andere als ein hitzköpfiger Liebender und gänzlich charmebefreit, Florian Carove bleibt als Graf Aubespine blass. Der Applaus war enden wollend.

Video: www.youtube.com/watch?v=MF0F9LXWAlk

www.josefstadt.org

  1. 1. 2018

Volkstheater: Maria Stuart

Dezember 23, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kompakte Kampfkunst zweier Königinnen

Andrea Eckert, Martina Stilp Bild: © Gabriela Brandenstein

Andrea Eckert, Martina Stilp
Bild: © Gabriela Brandenstein

Auf knackige zwei Stunden mit Pause hat Regisseur Stephan Müller seine Inszenierung von Schillers „Maria Stuart“ am Volkstheater eingedampft. In dieser Kürze liegt viel Würze. Alles passiert schnell, schnell, alle sind hier ge- und bedrängt. Die Staatsräson geht eben mit Vernunft und Unvernunft einher. Plumps, und schon fällt ein Kopf. Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ ist als Lektüre zu Müllers Arbeit durchaus empfehlenswert … Zwischen kahlen Holzwänden (Bühne: Michael Simon) lässt Müller die Handlung vom Stapel. Die Wände kommen auf die Darsteller zu. Von allen Seiten. Der leere Raum ist auch ein enger. So eng, wie die Korsette, in die diese Gesellschaft geschnürt ist – ihre Kostüme so schmucklos wie das Sterben. Wie als Kontrapunkt setzt Müller die Sprache (und die Musik von Wolfgang Mitterer) dagegen. Schillers Pathos nämlich wurde nicht beschnitten, nein, er wird sogar ausgestellt. Von der Rampe in den Zuschauerraum geschleudert. Nicht mit-, sondern „gegeneinander spielen“ ist das Motto des Abends. Die Schauspieler deklamieren laut, anklagend, sich der Wichtigkeit ihrer Figur bewusst.

Das kommt natürlich einer sehr zu gute: Andrea Eckert brilliert als Elisabeth. Sie kann als Frau und öffentliche Person nicht zu sich selbst finden, sie ist gezwungen, ein Leben im Schein zu leben. Dafür muss sie jedem persönlichen Glück entsagen. Obwohl sie von Freiheit spricht, ist sie abhängig vom Willen des Volkes, den Anforderungen des Königtums und den Rollenerwartungen, die an sie als weibliche Monarchin gestellt werden. Wie aus Rache schiebt sie dem Volk ergo auch die Schuld an Entscheidungen zu, zu denen sie selbst nicht stehen möchte. Eckert gewinnt der Königin von England viele Facetten ab, lässt aber als Grundton stets die Nicht-Authentizität, die seelischen Unsicherheiten der Queen, ihre „Sultanslaunen“ mitschwingen. Eine Löwin im Käfig. Wie die Eckert überzeugt auch Martina Stilp. Ihre Maria Stuart ist eine stolze, ungebrochene, widerspenstige Gefangene, die sich nur mit größter  Überwindung vor ihrer „Schwester“ in den Staub wirft, jedoch niemals unterwirft. Maria weiß das Recht auf ihrer Seite. Sie hat eigene Vorstellungen vom politischen Menschen: Die Freiheit des Individuums muss mit den Bedürfnissen aller zur Übereinstimmung gebracht werden – Schillers Prinzip der reinen Vernunft. Die schottische Königin findet zu einem selbstbestimmten Leben, weil sie alle Fesseln und letztlich auch die Todesangst abgeworfen hat. Mit viel Feuer gestaltet Stilp diese, ihre bisher größte Rolle am Haus.

Wortduelle bestimmen das Drama. Und nicht nur die Damen beherrschen diese Kunst: Günter Franzmeier ist ein sein Mäntelchen nach dem Wind hängender Leicester. Ein Intrigant, ein Opportunist, den nur sein eigenes Wohlergehen kümmert. Einer, der immer am Rande des Hochverrats herumspaziert. Jan Sabo ist ein gigerlhafter Mortimer. Im roten Anzug opfert er sich für seine Ideen. Erwin Ebenbauer gibt den Talbot als humanen, gerechten Staatsdiener. Er vertritt Schillers Standpunkt. Er rührt einen an. Patrick O. Becks Burleigh vertritt konsequent die Interessen des Staates und seiner Königin. Die Frage der Rechtmäßigkeit der Hinrichtung stellt sich für ihn nicht, für ihn zählt allein, was England nützt. Die schöne Ensembleleistung runden Roman Schmelzer als Staatssekretär Davison, Alexander Lhotzky als Amias Paulet und Rainer Frieb als phrasendreschender Sprachschwall Graf Aubespine ab. Hanna Kennedy, Marias Amme, hat Müller gestrichen. Eine gewagte Entscheidung, wo doch gerade sie über ihren Schützling erzählt, der Maria Konturen jenseits der des Leidensmenschen gibt. Eine Truppe von Trabanten tritt als Asienkämpfer auf. Warum? Also, bitte! Die Welt ist ein Martial-Arts-Schlachtfeld. Only the Strong Survive. The Good Die Young. Everybody was Kung Fu Fighting …

www.volkstheater.at

Wien, 23. 12. 2013

Volksoper Wien: „Il trovatore“

November 12, 2013 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine tragische Dreiecksgeschichte

Eva Maria Riedl (Ines), Melba Ramos (Leonora), Chor Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eva Maria Riedl (Ines), Melba Ramos (Leonora), Chor
Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Anlässlich von Giuseppe Verdis 200. Geburtstages setzt die Volksoper als erste Opernpremiere der aktuellen Saison “ Il trovatore“  aufs Programm. Verdis 17. Oper begründete gemeinsam mit „Rigoletto“ und „La Traviata“ (ab 29. März 2014 wieder im Repertoire)  zu Beginn der 1850er Jahre den Welterfolg des Komponisten. Die Premiere der Neuinszenierung von Dietrich W. Hilfsdorf ist am 16. November 2013. Verdis Klassiker wird somit bereits zum fünften Male nach 1905, 1935, 1941 und 1961 am Haus am Gürtel neuproduziert. Die Musik sei banal und brutal, die Handlung schlichtweg unverständlich – so tönte es dem „Troubadour“ noch im 19. Jahrhundert – zumeist von der Seite deutschsprachiger Kritiker – entgegen. Während Verdis Partitur von elementarer Kraft und Meisterschaft mittlerweile über jede Herabsetzung erhaben ist, steht die tragisch endende Dreiecksgeschichte seit jeher im Verdacht nur schwer nacherzählbar zu sein. Und doch kann sich niemand ihrer Sogwirkung entziehen: Verdis „Il trovatore“ kreist um das Thema der verfeindeten Brüder Graf Luna und Manrico, die in diesem Falle jedoch nichts von ihrer Verwandtschaft wissen. Der Troubadour Manrico hält sich für den Sohn der Zigeunerin Azucena, die von dem Gedanken an Rache für ihr ermordetes Kind besessen ist. Manrico und Graf Luna sind nicht nur politische Widersacher, sondern auch Rivalen um die Liebe derselben Frau, Leonora. Die Vorlage für Verdis Oper „Il trovatore“ lieferte Antonio García Gutiérrez erstes Bühnenstück „El trovador“, uraufgeführt 1836. „Der Troubadour“ ist ein „großes und gewaltiges Sujet“, dessen starke emotionale Motive – Rache, Liebe, Hass, Angst und Eifersucht – ihm die geeignete Inspiration für seine gleichnamige Oper lieferten. Oft taucht in Verdis Schaffen das Motiv der verfeindeten Brüder auf; doch nur einmal gibt es eine so dominante Mutterrolle wie jene der alten Zigeunerin Azucena, welche die Handlung des „Trovatore“ vorantreibt. Seinen Librettisten Cammarano hatte Verdi dazu ermuntert, die Erzählung „je ungewöhnlicher und bizarrer, desto besser“ auszugestalten und besonders den Charakter der alten Zigeunerin in seiner „Neuartigkeit und Fremdheit“ herauszustellen. Der Kritiker und Verdi-Zeitgenosse Eduard Hanslick verachtete die Geschichte „von ausgesuchter Grässlichkeit, in welche eine Zigeunerin samt einigen gestohlenen und verbrannten Kindern bedenklich verwickelt ist“, den nachhaltigen Triumph dieses unwiderstehlich mitreißenden Meisterwerkes konnte er jedoch nicht verhindern. Neben der tragisch endenden Liebesgeschichte ist Verdi mit „Il trovatore“ auch eine ‚Parabel über die Unterdrückung von Minderheiten‘ (Ulrich Schreiber) gelungen.

Das Team der Neuinszenierung
Nach dem „Wildschütz“ im April 2013 inszeniert zum zweiten Male Dietrich W. Hilsdorf in Bühnenbildern von Dieter Richter an der Volksoper. Der 1. Gastdirigent unseres Hauses Enrico Dovico steht am Pult der ersten „Trovatore“-Neuproduktion an der Volksoper seit 52 Jahren. Als Azucena kehrt die international gefeierte Mezzosopranistin Janina Baechle an die Volksoper zurück, wo sie zuletzt 2006 als Magdalena in „Der Evangelimann“ zu hören war. Der koreanische Bariton Tito You, zuletzt hier als Vater Germont in Verdis „Traviata“ zu erleben, singt den Graf Luna. Stuart Neill gibt in der Rolle des Manrico, die er schon mit großem Erfolg u. a. an der Deutschen Oper Berlin und in der Arena von Verona gesungen hat, sein Hausdebüt. Die Partien der Leonora und des Ferrando sind mit den Ensemblemitgliedern Melba Ramos und Yasushi Hirano besetzt.

www.volksoper.at

Wien, 12. 11. 2013