Schauspielhaus Wien: Das Gemeindekind

März 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Abend zum Weiterdenken

Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Der 1887 veröffentlichte Roman „Das Gemeindekind“ gilt als das Hauptwerk der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916). Die adelige Autorin erlangte Bekanntheit durch ihre psychologischen Erzählungen mit gesellschaftskritischem Inhalt, verbunden mit der Forderung nach Emanzipation. Der Titel „Das Gemeindekind“ steht für den energischen Protagonisten Pavel Holub, der der Gemeinde zur Last fällt, weil sein Vater gehenkt und seine Mutter mit Kerker bestraft wird. Thema der Geschichte ist der Einfluss der Erziehung und des Milieus, aber auch des Willens eines Individuums auf seine Entwicklung: Trotz wiederholten Rückschlägen gelingt Pavel der Aufstieg von einem abgeschobenen Gemeindekind zu einem respektierten Gemeindemitglied. Dieser Werdegang widerlegt die Auffassung, dass negative Eigenschaften und Verhaltensweisen vererbt würden. Marie von Ebner-Eschenbach übt mit dem Roman Kritik an der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Kindern aus Problemfamilien, den Vorurteilen, die ihnen entgegengebracht werden und ihrer Zurückweisung oder Abschiebung. Dabei nimmt sie weder Kirche, Adel noch Dorfgemeinschaft von ihrer Kritik aus. Rezensenten sehen in dem Werk große Erzählkunst, verknüpft mit humanitärem Denken und pädagogischer Absicht der Dichterin. Das zeigt sich insbesondere in der authentischen Schilderung sozialer Umstände, einer gedämpften Verklärung und der abschließenden Darstellung einer sich frei entwickelnden Persönlichkeit.

Anne Habermehl (Libretto), Gerald Resch (Komposition) und Rudolf Frey (Regie) versuchten aus der Prosa nun ein Singspiel für fünf Sänger und fünf Instrumente zu machen. Keine Aktualisierung des Ebner-Eschenbach‘schen Werks, keine Adaption des Romans für die Bühne sollte es werden, sondern eine Neudichtung. Der Ansatz ist sehr gelungen, wiewohl er in 75 Minuten unmöglich die Wichtigkeit des Werks entsprechend würdigen kann. Es musiziert das Ensemble PHACE. Es singen und spielen Thiemo Strutzenberger (Pavel), Franziska Hackl, Florian von Manteuffel, Barbara Horvath und Katja Jung. Habermehl, die den Stoff in den Postkommunismus versetzt, schuf ein Konzentrat, ein Lehrbeispiel für mangelndes Vertrauen, fehlende Solidarität und Fremdenfeindlichkeit. Kunovice ist nicht nur heute, sondern überall. Und der Mensch hat Talent darin, die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben.

Doch zunächst teilen sich die Frauen das sozial verstörte Gemeindekind auf. „Bildungsarmut ist behandelbar“, teilt die Lehrerin Habrecht (Katja Jung) mit. Sie, die kommunistische Waisenhausleiterin, ist zur Zusammenhängesucherin mutiert. Weniger edel sind die Motive der Virgilova (Barbara Horvath), die nicht mehr als eine gierige Ziehmutter ist, die Pavel in ihrer Bar auf den Strich schickt. Der, gewohnt der Sündenbock zu sein, prostituiert sich gerne. „Geld ist ein verdammt gutes Gefühl“. Und er will seiner angebeteten Vinska (Franziska Hackl) doch so ein Wischdings-Handy kaufen. Doch die rotzfreche Göre, die sich selbst auf dem Marktplatz für die Burschen auszieht, spielt nur mit ihm. Florian von Manteuffel als Stänkerer Peter, der vor lauter Kraft die Beine nicht zusammenbringt, komplettiert das Panoptikum. Pavel ist und bleibt der Sündenbock. Strutzenberger spielt das in trotziger James-Dean-Pose. Trotz aller Bemühungen, sein Benehmen zu verbessern, auf den Ruf zu achten, zeigt sich bei der Mehrheit der Dorfbewohner keine Einsicht, was wiederum Aggressionen in Pavel auslöst und in einer Schlägerei endet. Er liegt in seinem Blut. Die Gemeinde tritt zum Totentänzchen an. Und Pavel geht.

Eine intensive Aufführung – nicht zuletzt dank der Musik von Gerald Resch, einem der wesentlichen Protagonisten der österreichischen zeitgenössischen Musik; „Das Gemeindekind“ ist seine erste musiktheatralische Arbeit. Der man zur Entfaltung mehr Zeit gewünscht hätte. Das sagt man dieser Tage auch nicht alle Tage.

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Wien, 6. 3. 2015

Schauspielhaus Wien: Johnny Breitwieser

November 29, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Verbrecher-Ballade aus Wien

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger
Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Es ist der Text des Jahres. Dramatiker Thomas Arzt hat mit „Johnny Breitwieser. Eine Verbrecher-Ballade aus Wien“ schon einen spannenden Lesestoff erdacht. Wiewohl das Ganze auf einer wahren Geschichte beruht. Ein Glück für das Publikum im Schauspielhaus Wien, das das Stück zur Uraufführung brachte, dass noch niemand an eine Verfilmung dieser Unglaublichkeit dachte. Nun wäre die Zeit dafür. Nachdem Komponist Jherek Bischoff und Regisseur Alexander Charim Arzts Vorlage noch spannender gemacht haben.

Johann Breitwieser wurde in die stad schauende Welt vor dem Ersten Weltkrieg geboren. 1891, als sechstes von 16 Kindern. Der vorstädtischen Elendsbevölkerung diente der „Eisenschlitzer“, heißt: Tresorknacker, bald für Mythen und Legenden. Einer der ihren war zum König von Wien aufgestiegen, nahm’s den Reichen (deren Frauen er’s auch besorgte) und gab’s den Armen. Filzschuhe hat er gestohlen und Brot. Aber nicht nur. Er, der sich um den Frontdienst drückte, lieber als einer mit nervösem Tick nach Steinhof ging – und natürlich ausbrach (16 Mal soll ihm das insgesamt gelungen sein), nahm sich auch der Nobelvillen und Ringstraßenwohnungen an. Nach einem Coup in der Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik, bei dem er eine halbe Million Goldkronen erbeutete, zog er sich samt Familie ins Landleben zurück. Gemüsebeete in St. Andrä-Wördern. Er wurde verraten und 1919 erschossen. Je nach Quelle sollen 8000 bis 40.000 Menschen seinem Leichenzug durch Wien gefolgt sein.

Arzt und Charim verbieten sich nun jede Sozialromantik. Der eine hat einen Kunstdialekt aufgeschrieben, auch ohne Meidlinger Llll eine desaströse Sprache. Hat zwei allegorische Figuren eingeführt, die verkrüppelte Luise (Nicola Kirsch) als Johnnys „Volk“, Greta (Katja Jung) als wohlhabende In-regelmäßigen-Abständen-Witwe, als deren Tröster sich Breitwieser immer wieder gerne einfindet. Selbst bei ihrer späteren Erwürgung kann sie noch ganz Zicke sein. Als könne dem Kapital keiner die Luft abschnüren. Charim ließ von Ivan Bazak dazu kein Bühnenbild bauen, sondern eine bewegliche Schnürlvorhangwand, ein „Shimmering Beast“ wie von Nicolas Field, die Töne spuckt. Für die aber tatsächlich das Streichquarett Ensemble Lux und Schlagzeuger Mathias Koch unter der Leitung von Belush Korenyi zuständig sind. Moderne Moritaten und Protestgesänge, Weill es so schön zum Thema passt, lässt Bischoff die Schauspieler anstimmen. Aber auch lateinamerikanische Rhythmen und ein von Gideon Maoz vorgetragenes sehr wienerisches Lied vom Leichenzug. Und einen Ersten-Welt-Krieg-Song à la ancestors of The Andrews Sisters. Und bei wem sich bei Franziska Hackls (als Johnnys große Liebe Hure Anne) flehendlichem „Gib‘ mir dein Herz“  innerlich kein Taschentuchalarm auslöst, der hat eins aus Erz. Das Schauspielhausensemble spielt und singt – Martin Vischer als Johnny hat diesbezüglich die schönste Stimme – mit einer Intensität, dass es weh tut.

Doch Johnny entsagt sich jeder Sentimentalität. Wie soll man Einbrecher sein, in einer Welt, die einbricht? Wie ein Räuber, wenn die viel größeren Verbrecher an viel höherer Stelle sitzen? Mancher aufgeschweißte Tresor ist leer, das immerwährende Geld anderswo in Sicherheit. Charim arbeitet aus dem Arzt’schen Konvolut einige Konflikte großartig heraus. Da ist der der Brüder im Moor-ast. „Carl“ Thiemo Stutzenberger, Engelmacher, um den Frauen Selbstentscheidung über ihre Körper zu geben, und Marxist verübt die Taten unter dem Überbau einer politischen Theorie. Johnny-Vischer will „im Moment“ leben. Denn mehr gibt es in dieser unsicheren Zeit nicht. Stark ist das, der eine Bruder Gauner mit Herz, der andere Bruder nur Herz. Blutendes Herz. Carl wird im Krieg ein Bein verlieren. Johnny stilisiert sich zum Rächer, der das Leid ins Gute wendet. Er arbeitet hart an seinem Dandy-Image (im Original gibt es ein Polizeifoto, auf dem er sich im edlen Mantel mit aufgestelltem Pelzkragen ablichten lässt). Er will Bobo, Bourgeoisbohemian, sein, lange bevor der Begriff erfunden wurde. Anne flüchtet sich ob aller höchsten Versprechungen längst in Sarkasmus. Höhepunkt ist ein Ball bei Greta, der von Exstase zum Überfall führt. Ein wunderbarer Moment als Polizeioberkommissar Schödl den als Dame der Gesellschaft verkleideten Carl nicht als Mann erkennt und angetrunkene Avancen macht.

Womit man beim Psychoduell der Angelegenheit wäre. Breitwieser hat Schödl (von Arzt genannt „sein Mörder“) einst die Hand zerschossen. Florian von Manteuffel gibt ergo einen Fanatiker auf der Suche nach dem Täter – und den Polizeihund gleich mit. Eine fabelhafte Leistung eines Zerrissenen, der brutal sein will, aber es in der Seele nicht kann. Der im Gefängnis die Nähe, fast die Absolution seines Häftlings sucht. Eine schauspielerische Glanzvorstellung. Wie stets bei Manteuffel mit viel Ironie für die eigene Figur. Er, der nicht zu den „Gründervätern“ des Schauspielhauses gehört, ist so ein Gewinn für die Truppe. Und wird, nachdem ihm Wenzl-Maoz das Versteck verraten hat, Johnnys Kleinbürgerglück – laut Greta reaktionäre Idiotie – mit einer Kugel zerschießen. Der Knall bleibt ungehört. Breitwieser stirbt als Video-Leich‘. Auch das ein kluger Einfall, die Systemgegner nicht auf offener Bühne abknallen zu lassen. Bravo!

Und eine unbedingte Empfehlung. Viel zu wenig hat die Wiener Kultur in all ihren Sparten aus der Perspektive der Armut erzählt. Im Vergleich zu Émile  Zola oder Toulouse-Lautrec oder Jack London oder Horatio Alger. Schnell, es ist Zeit, dass die Funken wieder fliegen. Bevor das Proletariat endgültig tot ist – und nur noch die Proleten übrig sind!

www.mottingers-meinung.at/thomas-arzt-im-gespraech

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Wien, 29. 11. 2014

Schauspielhaus Wien: Hunde Gottes

Oktober 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Who killed Bambi?

Gideon Maoz, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Katja Jung, Steffen Höld, Simon Zagermann Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Gideon Maoz, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Katja Jung, Steffen Höld, Simon Zagermann
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Um die Persistẹnz österreichischer Dramatik muss man sich keine Gedanken machen. Thiemo Strutzenberger etwa, der das Schauspielhaus Wien schon mit einem Emily-Dickinson-Stück beschenkte www.mottingers-meinung.at/schauspielhaus-wien-queen-recluse/, lud nun zur Uraufführung seines neuen: „Hunde Gottes“. Hollywood und sein Meisterregisseur der 1950er-Jahre, Douglas Sirk, stehen diesmal im Mittelpunkt seines Interesses. Der gebürtige Hamburger, der Rock Hudson groß und Jane Wyman noch größer machte, war DER Magier des Melodrams. Alles larger than life. Mit Taschentuchalarm. Gefühlvoll geschilderte Frauenschicksale. An der Kinokasse wie bei den Kritikern geliebt. Rock Hudson als Gärtner, der die reiche Witwe vergöttert, oder „Solange es Menschen gibt“, eine zurückhaltende Studie über Rassenvorurteile und die Unfähigkeit, Gefühle und Karriere zu vereinen, „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“, das war’s, was die Leute sehen wollten.

Stutzenberger wäre aber nicht Thiemo, würden seine Figuren einfach Dick, Tom und Harry heißen. So begibt er sich namenstechnisch ins italienische Frühmittelalter und nennt die Rollen:

Dante Alighieri (Dichter und Philosoph, Verfasser der „Göttlichen Komödie“ /angestellter Architekt, der, weil er im Krieg Himmel und Hölle durchwanderte, einen Kameraden, mit dem ihn eine besondere Art Liebe verband, in Fetzen gerissen sah, die Kleider einer italienischen Witwe – eigentlich gehört die schwarze Abendgarderobe seiner Frau – trägt). Betty Alighieri (Beatrice / Schauspielstar, liebte in Abwesenheit des Gatten den Gärtner). Leonardo (da Vinci / Sohn des Hauses, der sich neben seinem Collegestudium im Rotlichtmilieu halbnackt um Stangen schlängelt. Er wird im Laufe des Stücks erfahren, dass er der Sohn des Gärtners ist.). Francesco Petrarca (Dichter und Mitbegründer des Humanismus / Architekt und Dantes Vorgesetzter. Er will Laura, sein Pygmalion-Projekt, heiraten.) Laura (verheiratete Liebe Petrarcas, Quelle seiner Inspiration, starb an der Pest / Tochter des Gärtners, Prostituierte, will bei Petrarca an Bildung abgreifen, was geht.) Mr. Deagan (Gärtner, von Dante im Wahn für seinen doch noch heimgekehrten Kameraden gehalten / der einzige historisch greifbare war ein William Francis, Army-Major und Architekt, Demokrat in New York unterm korrupten Bürgermeister „Beau“ Jimmy Walker, für den er Stadtumgestaltungen vornahm / weiterführende sachdienliche Hinweise erbeten.)  Auf diese erquickende Verqickung von „U“ und „E“ sei er gekommen, sagt Strutzenberger im Interview, weil in Florenz auf jedem Bierdeckel Dante stehe.

Womit auch schon viel von der Handlung erklärt ist. Es geht um Sodomie. Jenes christliche Konstrukt für sündiges, angeblich widernatürliches Sexualverhalten, das nicht der Fortpflanzung dient, nicht zu verwechseln mit Zoophilie, sondern einfach verbotene, weil von der Gesellschaft nicht akzeptierte Liebe, die in manchen Ländern bis in die Neuzeit mit dem Tode bestraft wurde. Es geht um die Suche nach dem Selbst und das Nicht-mehr-bei-sich-Sein, wenn man es nicht findet. Oder doch findet. Es geht um die wie Leonardo gefallene kosmische Ordnung und – haha, der vitruvianische Mensch – um die Architektur des Leibes und der Seele, wenn Eros alle Grenzen wegwischt. Es geht darum, dass die große Tragödie nicht für die Mittelklasse erfunden wurde, sondern für sie das Melodram. Mit all seiner Aufrichtigkeit und all seinem Sentiment; nur die Ernsthaftigkeit zum letzten Schritt bleibt ihm unter Geigengewimmere versagt. Am Ende und am Ende, es gibt nämlich einen Schluss und einen Filmschluss, liegt ein Ermordeter auf der Bühne. Und weil das jetzt nun mal wirklich nicht sein muss, verkleidet er sich schnell als Reh – eine Re­mi­nis­zenz an Sirks „Was der Himmel erlaubt“.

Nach Ende des Einführungsunterrichts kann nun gesagt werden: „Hunde Gottes“ ist ein Abend zum Lachen. Von einer zeitgereisten Ironie, die sich Sirk stets verbeten hat. Ganz großes Kino. Gefühlsecht. Im Bühnenbild von Johannes Weckl – ein Garten mit diesen unbequemen 50er-Jahre-Gartenstühlen, durch deren kunterbunte Schnürungen meist früher als später der Popo rutschte, mit halbem Davidshaupt, mit angedeutetem Innenraum, dessen Vorhang als Leinwand dient – inszeniert Barbara Weber temporeich, mit Sinn für Slapstick in dem Sinne, dass ihr die Situationskomik immer in den tragischsten Momenten auskommt. Wie’s einem eben so geht, wenn man die alten Schinken wiedersieht. Da leidet der Held, während man schon vom Sofa fällt, weil so heute niemand mehr … Strutzenberger legt seinen Geschöpfen Halbsätze in den Mund. Die ganze Wahrheit wäre wahrscheinlich zu schwer auszusprechen. So mäandern sie von Handrücken-an-die-Stirn-haltend zu trivial-lakonisch. Größte Peinlichkeiten werden zu Allgemeinplätzchen verkleinert. Ein großartiger Text, der aber erst durchs Spiel des wie immer hervorragenden Schauspielhaus-Ensembles seine volle Kraft entfaltet.

Katja Jung ist als Betty ganz Hollywood-Diva. Visconti will mit ihr drehen, da kann rundherum die Welt aus den Fugen geraten. Die Jung „schmiert“ und outriert, dass es eine Freude ist. Gibt einerseits die Egomanin, andererseits die mit dem größten Besen zum Unter-den-Teppich-Kehren. Nur kein Skandal, der dem Image schadet. Und doch wird sie sich später als die beste Mutter erweisen, als wär’s die Rolle ihres Lebens. An Überkandideltheit kann ihr nur Steffen Höld als Dante das Wasser reichen. Noch „normal“, als er seinen Vorgesetzten zum Dinner lädt, obwohl ihm vor dessen Architekturausführungen graut, steigert er sich in einen Furor, der seinesgleichen sucht. Und ist als vedova ernsthafte Konkurrenz für Silvana Mangano in Camerinis „Ulisse“. Gideon Maoz als missratener Sohn ist ein eiskalter Todesengel. Es gilt Leonardos Gesetz. Die Reibungskraft ist unabhängig von der Grösse der Auflage. Der Gärtner muss weg. Florian von Manteuffel spielt einen jovialen Petrarca, der nicht versteht, warum rund um ihn alle so … aber wirklich interessiert es ihn nicht, so lange er darüber philosophschwafeln kann, BevHills in ein Neo-Florenz umzugestalten; dabei ist er optisch vom Stetson über die protzige Gürtelschnalle bis zu den Stiefeln der Parade-Ami. Nicola Kirschs „Laura“ hält alles und jeden auf Distanz. Das Misstrauen in Person. Um nichts gefühlswärmer als Leonardo. Ihr Vater Deagan (Simon Zagermann) hingegen ist die gutmütige Seele, ja Ma’am, danke Ma’am, wie es sich für einen Bediensteten anno anno gehört.

Am Abend von Bettys Filmpremiere sind die Pulverfässer längst an ihren Plätzen, die Lunte gezündet. Alle sind jetzt noch künstlicher, künstlerisch wertvoller. Die Geschichte läuft noch einmal ab. In Technicolor, Großleinwandformat. Wer dachte, mehr geht nicht, weiß nun: Mehr ist mehr. Und das wollen wir auch: Mehr Schauspielhaus, mehr Strutzenberger, mehr … Drama des Exzess‘. Ach ja, der Titel. „Hunde Gottes“ führt wieder ins Florenz des 15. Jahrhunderts zurück, ist wörtlich übernommen von den Dominikanern, die die Inquisition ein- und durchführten, weil sie sicher wussten, was falsch und was richtig ist, gottgefällig, und deshalb ihren heftigsten Bußprediger, Savonarola, auf den Scheiterhaufen schickten.

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Wien, 12. 10. 2014

Wiener Festwochen: Please, Continue (Hamlet)

Juni 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schuldig oder nicht schuldig? Das ist hier die Frage.

"Hamlet" Thiemo Strutzenberger (re.) Foto: Nurith Wagner Strauss

Verteidiger Rudolf Mayer, „Hamlet“ Thiemo Strutzenberger  Foto: Nurith Wagner Strauss

Ich bitte um Ruhe!“, spricht der strenge Gerichtsdiener ins Mikrofon, und schon wird es still. „Please, Continue (Hamlet)“. Die österreichische Erstaufführung Yan Duyvendaks und Roger Bernats Weiterschreibung der Shakespeareschen Tragödie nimmt ihren Lauf. Das Publikumsbeteiligungsstück setzt da ein, wo Shakespeares dritter Akt endet. Hamlet hat Polonius, den Vater seiner Geliebten Ophelia, getötet. Ob er dabei fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt hat, darüber wird nun Gericht gehalten.  www.festwochen.at/fileadmin/user_upload/Ermittlungsakte.pdf  Und jeder Zuschauer ist am Ende des dreistündigen Abends  Geschworener. In den beiden Pausen wird heftig diskutiert. Welch ein Spaß, sich einmal beim britischen Barden einmischen zu dürfen! Können wir das auch bei Macbeth und Richard III. machen. Wohl kaum jemand, als die, die wissenschaftlich daran arbeiten – „Hamlet“ ist das Theaterstück, zu dem es die meiste Sekundärliteratur gibt -, hat sich je mehr mit dem Dänenprinzen und seinen Problemen befasst, als an diesem Abend.

Thiemo Strutzenberger als ein großartiger Hamlet wird von der Richterin zum vermeintlichen Tathergang befragt. Danach werden Ophelia (Julia Jelinek) und Gertrud (Susi Stach) in den Zeugenstand berufen. Der Richter, die beiden Rechtsanwälte, der Staatsanwalt, der Psychiater und der Gerichtsdiener  sind  Vertreter der Österreichischen Justiz und Rechtsanwaltschaft und hier Laiendarsteller. Sie üben ihren Beruf einfach einmal auf der Bühne aus. In fünf Ländern war die Produktion schon zu sehen. Die Verbindung von Theater und national jeweils unterschiedlichem Strafrecht soll laut Programmheft exemplarisch zeigen, dass Gerechtigkeit „keine präzise Wissenschaft“ sei. Duyvendak und Bernat konfrontieren einen mit den, involvieren einen in die Spielregeln der Gerichtsbarkeit, sie zeigen, wie unvorhersehbar und zufällig Rechtsprechung sein kann, wie subjektiv Urteile gefällt werden. Schuld- oder Freispruch.

So kann man beispielsweise den keineswegs medien- und öffentlichkeitsscheuen Verteidiger Rudolf Mayer zu erleben (er war Verteidiger der „schwarzen Witwe“ Elfriede Blauensteiner und von Josef Fritzl), wie er jovial für den sehr zurückhaltenden Strutzenberger argumentiert. Susi Stach gab’s heftig kräftig im Zeugenstand: Sie waren halt alle b’soffen in ihrer „sozialen Randschichtfamilie“, wie es später im psychiatrischen Gutachten heißen wird. Unübersichtlich wird es, als ein jüngst in Marseille passierter Mord Hamlet in die Schuhe geschoben werden soll. Doch das Konzept der beiden Theatermacher ist gut. Mehr davon!

Das Urteil der Verhandlung vom 7. 6. 2014 lautet wie folgt:

Hamlet ist schuldig am 7. 7. 2013 in Wien fahrlässig den Tod des Polonius dadurch herbeigeführt zu haben, dass er mit einem Messer einen Vorhang durchstach und den dahinter befindlichen Polonius im Bereich der linken Brustkorbhälfte, zwischen der 4. und 5. Rippe hindurch, direkt ins Herz traf und dabei die vordere Wand der linken Herzkammer verletzte, wodurch ein Herzstillstand eintrat. Er hat hierdurch das Vergehen der fahrlässigen Tötung nach § 80 StGB begangen und wird hierfür zu einer Freiheitsstrafe von 10 Monaten, so wie gemäß § 389 (1) StPO zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens verurteilt.

Das Urteil der Verhandlung vom 8. 6. 2014 lautet wie folgt:

Hamlet wird von dem wider ihn erhobenen Anklagevorwurf, er habe den Tod des Polonius dadurch herbeigeführt, dass er mit einem Messer einen Vorhang durchstach und den dahinter befindlichen Polonius im Bereich der linken Brustkorbhälfte, zwischen der 4. und 5. Rippe hindurch, direkt ins Herz traf und dabei die vordere Wand der linken Herzkammer verletzte, wodurch ein Herzstillstand eintrat, gemäß § 336 StPO freigesprochen.

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Schauspielhaus Wien: „Queen Recluse“

November 15, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück Emily Dickinson

Barbara Horvath, Gideon Maoz, Steffen Höld Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Barbara Horvath, Gideon Maoz, Steffen Höld
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Wie enttäuschend. Etwa eine Stunde nur hat er gedauert, dann war er schon wieder vorbei. Dieser Theaterabend, der – oh, seltsam seltene Ausnahme – gerne doppelt so lange hätte dauern dürfen, müssen, sollen. (Obwohl im „Nachbarhaus“ des Schauspielhauses Wien ob der Sitze eher früher als später die Region Sitzfleisch, Steißbein, Ischiasnerv „La Paloma“ singt.) Wie beglückend. Dieser Theaterabend, an dem einfach alles stimmt. Der großartige Text, die formidable Inszenierung mit wohl überlegtem „Bühnenbild“, die fabelhaften Darsteller. Autor und Ensemblemitglied Thiemo Strutzenberger brachte sein Stück „Queen Recluse“ zur Uraufführung. Ein Stück Emily Dickinson, ein Versuch, das Wesen der US-Lyrikerin, nein, nicht zu fassen, sondern in ihrem Vorbeigleiten abzubilden. Wie Wildtiere, die Forscher mit verlockendem Futter in eine Fotofalle locken. Klick, ein Bild des kostbaren Geschöpfs. Dickinson (1830-1886 in Amherst, Massachusetts, lebend und sterbend), Politikerkind und -enkelin, war eine Ein-Frau-Demonstration gegen den Puritanismus der Gründerstaaten, eine der ersten Frauenrechtlerinnen, Nonkonformistin, ein hochpolitischer Kopf. Nur marschierte sie nicht Tafeln oder Fahnen schwenkend durch die Straßen, sie agierte von ihrem Haus aus. Emily alone. Seit 1850 hegte sie eine Vorliebe für weiße Kleidung und zog sich immer mehr in die Einsamkeit zurück. Sie empfing nur wenige Besucher und machte selbst selten Besuche. Sie galt als menschenscheu und verbrachte die meiste Zeit in ihrem Zimmer. My home is my castle. Von dem aus sie an die 1800 Gedichte (posthum veröffentlicht) und unzählbare Briefe in die Öffentlichkeit entsendete. Ihre Stellungnahme zum Bürgerkrieg: Interessiert mich nicht. Punkt. Absatz. Wir befreien versklavte Schwarze aus dem Süden, damit sie in der Nordstaatenarmee als Kanonenfutter dienen … Eine Geisteskrankheit, schöner: eine Erkrankung des Gemüts, wurde der Dickinson auf den Leib geschrieben. Dabei: Was wäre das Gegenmodell zu ihrem Lebensentwurf gewesen? Heirat, lukrativ, in besten Kreisen, am besten mit einem Parteifreund des Vaters, alle Jahr‘ ein Kind, Haushaltsführung, Deckchen häkeln, Kekse backen. Frauen wurde von ihren Ehemännern ohnedies an der Teilnahme an der „korrupten, schrecklichen Welt“ ferngehalten. Dann lieber gleich konsequent „Queen Recluse“. „Die Sprache kennt kein wilderes Wort als Nein“, sagt Dickinson. Und: „Das Ufer ist sicher, nur trotze ich so gern der See.“

Strutzenbergers Text ist ein Versuch über das sehr öffentliche Verschwinden, die Verweigerungstaktiken und Rückzugsgefechte der Dichterin. Er verbindet Originalzitate mit dutzendweise vorhandener Erklärsekundärliteratur mit eigenen Überlegungen. Er paraphrasiert und variiert die Theorien über Emily Dickinson. Das Stück ist eine Farce, ein Reinheitsdiskurs, eine bizarre Komödie um Verwechslungen und Missverständnisse, ein Rollen- , ein Vexier-, ein Verwirrspiel um ständig wechselnde Identitäten (- denn Emily Dickinson ließ, wenn sie der anderen müde war, was immer war, ihre Schwester Lavinia oder ihre Schwägerin Susan als sie auftreten). Strutzenberger, der Sprachspieler. Inklusive Versprechern zwischen den Karln May und Marx. Martin Schmiederer hat den Text in Szene gesetzt, auf einem von duftig transparenten Vorhängen umrahmten Podium (Bühne und Kostüme: Christian Tabakoff), um die ein Hauch von Emily schwebt. Mit heiligem Ernst werden die Stoffbahnen von den Schauspielern immer wieder neu arrangiert. Hinter ihnen kann „Emily“ Barbara Horvath Gespräche „mit ihr“ und über sie belauschen. Sie spielt die Dickinson spröde, unversöhnlich, majestätisch, versponnen wäre das falsche Wort: in sich gekehrt in sich das Antibanale suchend. Ihr Denken tickt so laut, im „Flatterstil“ von Dickinsons Briefen, dass es die Außenwelt gut übertönen kann. Es herrscht Geschlechtergleichheit. Gideon Maoz gibt die Geschwister, sowohl Rechtsanwaltsbruder Austin als auch Stellvertreterinschwester Lavinia. Jeder „tritt“ hier auf. Nur nicht als er selbst. Maoz verkörpert als Austin den Herrn seiner Zeit, ganz Mann, ganz Herrscher im Haus, frühstückt er die geliebte, leider über Gott an sich und die Welt im Besonderen philosophierende Gattin ab. Mann hat noch zu arbeiten … Strutzenberger streift mit „Susan“ Myriam Schröder auch Dickinsons mutmaßlichen Gefühle zu ihr. Schröder und Horvath klären auf über die Erotik eines Bleistifts, den die Dichterin stets im Munde führt. Steffen Höld spielt Literaturkritiker T. W. Higginson, ein Frauenrechtler, der Dickinson zeitlebens von einer Veröffentlichung ihrer Gedichte abrät, um die Aufgabe nach ihrem Tod zu übernehmen. Er ist auch Erzähler ihres Lebens, Erklärer ihrer Kunst, wird angeschossen, an der Nase herumgeführt, hat fast was mit Susan, diskutiert mit Lavinia – und ist von seinem Irrtum nicht abzubringen: „Warum nennen Sie die Frau XXX, das ist doch Emily.“ Tatsächlich sagte er: „Ich habe Emily Dickinson drei Mal getroffen. Glaube ich zumindest.“ Höld ist bezaubernd als waidwunder Bewunderer, der mit steifer Hüfte kniefällig um Erhörung fleht … „A Letter always feels to me like immortality because it is the mind alone without corporeal friend.“ Emily Dickinson in einem Brief an T. W. Higginson, Juni 1869

Strutzenbergers Stück gewährt nicht mehr und nicht weniger als einen Blick unter den Glassturz, in dem Emily Dickinson war. Wertvolles darf man weder Licht noch Luft aussetzen. Nur schnell schauen und gut ist’s. Und sehr poetisch. „Wenn mir buchstäblich ist, als würde mir die Schädeldecke entfernt, weiß ich: Das ist Poesie. Nur so erkenne ich sie. Es gibt keine andere Möglichkeit.“ Sagt Emily Dickinson. Ohne „Queen Recluse“ gekannt zu haben.

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Wien, 15. 11. 2013