Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali: Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran

Juni 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie aus Isaak der Ismail des Koran wurde

Bis hin zu Leonard Cohen, dem die „Story of Isaac“ einen Welthit wert war, ist die Geschichte bekannt: Ein Vater beugt sich über seinen wehrlosen Sohn, ein Messer blitzt in seiner Hand, da wird ihm im letzten Moment befohlen, statt des Kindes einen Widder zu opfern. Abraham, Stammvater aller drei nach ihm benannten abrahamitischen Religionen, ist eine von neun Figuren, die die sprachmächtige Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff und der irakisch-deutsche Autor Najem Wali ausgewählt haben, um deren Bedeutung in Bibel und Koran zu vergleichen.

Im überaus lesenswerten Sachbuch erfährt man nicht nur, warum im Christentum manche glauben, ein teuflischer Demiurg hätte Abraham zur Bluttat verführen wollen, sondern auch, warum im Islam der Vater der Propheten, der „Gesandte mit festem Willen“, seinen Erstgeborenen Ismail ­– zumindest wird er von den meisten muslimischen Kommentatoren als solcher identifiziert – hingeben sollte. Die beiden Autoren gehen aus ihrer je eigenen Sicht den Quellen nach, temperamentvoll, engagiert, auch augenzwinkernd.

Mit dem geplagten Hiob fragen sie nach der göttlichen Gerechtigkeit, mit Jona, dem ängstlichen Wal-Reisenden, nach Mut und Toleranz, so berühren sie mit ihrem Dialog zwischen zwei Weltreligionen die Krisenthemen zur Zeit. Dass im Koran Hiobs/Ayyūbs Frau Gott um Heilung des Gatten bat, und von diesem deshalb mit 100 Peitschenhieben bestraft werden sollte, ist nur eine der neuen Erkenntnisse, die man gewinnt. Gott wandelt die Strafe in einen Schlag mit einer Handvoll Gräser um: „Damit ist dein Schwur erfüllt, und du hast deiner Frau, die geduldig mit dir ausharrt und nur das Beste verdient hat, kein Leid zugefügt.“ – „Seltsam nur, dass es in einem streng islamischen Land wie Saudi-Arabien bei politischen Oppositionellen wie dem Aktivisten Raif Badawi keine Schonung vor Peitschenhieben gibt“, kommentiert Najem Wali.

Zu lesen ist, dass Maria/Maryam die komplette Sure 19 gewidmet ist, oder, dass im Koran Adam die Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies hat; nur die Volksmeinung übernimmt die Geschichte mit der Schlange und dem Apfel. In der westlichen Welt wiederum wird Eva, die Einschleuserin des Bösen, mit aufkommendem Feminismus zur Heldin der Erhebung aus Gottes Obhut.

Unter all das mischt Lewitscharoff Populärwissenschaftliches. Etwa über Joseph L. Mankiewiczs Film „All About Eve“: „Ein Mann namens Jacob Dean Stockton sah den Film und lebte fortan mit der fixen Idee, Bette Davis sei leibhaftig die wiederauferstandene Eva … Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen … Stockton nahm sich in der Anstalt das Leben. Er erhängte sich mit einem Betttuch, auf das in roter Malkreide geschrieben stand: ,Evil Eve‘.“ Oder über Sören Kierkegaard, dem im Winter 1841, als er „Furcht und Zittern“ schrieb, Gott persönlich erschien: „Er! Allerdings nicht in einem brennenden Kaminfeuer mit Donnerstimme, sondern mit dem zartfeinen Stimmchen einer Maus.“ Mit der der Philosoph dann ausführlich über Abrahams Verhalten diskutierte.

In einem Buch über Glaubensfragen gilt es selbstverständlich auch, die Figur des Teufels/Schaitan zu behandeln. Lewitscharoff und Wali erläutern, wie aus dem „Morgenstern“, dem schönen Erzengel, der Klumpfuß – und heute der schmierige Verführer – werden konnte. Was die beiden allerdings nicht klären können, ist, warum Gott dem Bösen so viel Macht verliehen hat …

Über die Autoren: Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie, nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris, heute lebt. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in einer Werbeagentur. Sie veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Für „Pong“ erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roman „Apostoloff“ wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. „Blumenberg“ (2011) stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien der Band „Vom Guten, Wahren und Schönen“, der die 2011 in Frankfurt und in Zürich gehaltenen Poetikvorlesungen versammelt. Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste.

Najem Wali, geboren 1956 im irakischen Basra, flüchtete 1980, nach dem Ausbruch des Iran-Irak-Krieges, nach Deutschland. An der Universität Hamburg studierte er Germanistik, in Madrid spanische Literatur. Heute lebt er als Autor und Journalist in Berlin. Er war lange Zeit Korrespondent der arabischen Tageszeitung Al Hayat und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel und Die Zeit.

Suhrkamp Verlag, Sibylle Lewitscharoff, Najem Wali: „Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran “, Sachbuch, 309 Seiten. Die von Najem Wali verfassten Kapitel wurden von Christine Battermann aus dem Arabischen übersetzt.

www.suhrkamp.de

12. 6. 2018

mumok: Kunst ab 1990 und Personale Ulrike Müller

Oktober 6, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Drei Ausstellungen unter einem Dach

Felix Gonzalez-Torres  "Untitled" (Go-Go Dancing Platform), 1991 Bild: Courtesy of Andrea Rosen Gallery, New York © The Felix Gonzalez-Torres Foundation

Felix Gonzalez-Torres „Untitled“ (Go-Go Dancing Platform), 1991
Bild: Courtesy of Andrea Rosen Gallery, New York © The Felix Gonzalez-Torres Foundation

Ab 16. Oktober bietet das mumok drei Ausstellungen unter einem Dach. Man blickt auf das internationale Kunstgeschehen um 1990. Auf drei Ebenen werden Installationen, Publikationen, Objekte, Projekte, Filme und Interventionen von mehr als 50 Künstlern gezeigt – darunter finden sich sowohl bekannte internationale Namen als auch Positionen, die bislang in Museen nur selten berücksichtigt wurden. Sie alle stellen die herkömmlichen Formen des Ausstellens infrage und widmen sich den gesellschaftlichen Herausforderungen ihrer Zeit.

 

to expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer

Vor dem Hintergrund großer gesellschaftlicher Herausforderungen fand um 1990 eine Auseinandersetzung mit den sozialen Funktionen und Grundlagen künstlerischer Arbeit statt. Die Reflexion von künstlerischen Rahmenbedingungen und Ausstellungsfragen verschränkte sich dabei auf vielfache Weise mit der Bearbeitung konkreter gesellschaftlicher Anliegen. Es wurden der Objektstatus und die ökonomischen Bedingungen des Kunstwerks hinterfragt; soziale Ausschlussmechanismen wurden zu einem zentralen Thema; Identitäts- und Genderfragen wurden heftig diskutiert; die AIDS-Krise steuerte ihrem Höhepunkt entgegen. Ebenso waren die Folgen der Osteuropaöffnung und die rasant voranschreitende Globalisierung allerorts spürbar.

Die Bandbreite der damals entwickelten Kunst-, Präsentations- und Kommunikationsformen war beeindruckend: Um 1990 traten Kunstwerke in Form von Magazininserts ebenso in Erscheinung wie in Form von Objekten, Fotografien, Displays, Dienstleistungen oder performativen Interventionen. Anleihen in anderen Disziplinen wurden zur Grundlage zahlreicher Projekte: Archive wurden angelegt und quasiwissenschaftliche Laborsituationen geschaffen, die nicht zuletzt vom Misstrauen gegenüber im Mantel der Objektivität auftretenden Mechanismen der Wissensvermittlung zeugen. Traditionelle, objektorientierte Kunstvorstellungen, die in den 1980er-Jahren vielerorts eine Renaissance erlebt hatten, wurden durch spezifische Installationen ersetzt. Die Künstler gaben sich nicht mehr mit ihrer traditionellen Rollenzuschreibung zufrieden. Sie eigneten sich Positionen an, die im Kunstbetrieb anderen überlassen worden waren, und organisierten Symposien, betrieben Projekträume und schrieben in meinungsbildenden Fachmedien.
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In „to expose,to show,to demonstrate,to inform,to offer“  werden die vielfältigen Aktivitäten des 1990 in Wien gegründetenmuseum inprogress ebenso vorgestellt wie das künstlerisch-aktivistische Ausstellungsprojekt Democracy des US-Künstlerkollektivs Group Material oder der Kunstraum Friesenwall 120 in Köln, ein von Künstlern betriebenerProjektraum. Das Spektrum der ausgewählten Projekte und Installationen reicht von performativen Interventionen wie beispielsweise Christian Philipp Müllers „Kleiner Führer durch die kurfürstliche Gemäldegalerie Düsseldorf“ (1986), Andrea Frasers „Museum Highlights“ (1989) oder Felix Gonzalez-Torres‘ “Untitled (Go-Go DancingPlatform)“ (1991) über fotografische Auseinandersetzungen von Louise Lawler, Zoe Leonard und Christopher Williams bis hin zu neuen Formen der Installation und Präsentation, wie sie unter anderen Fareed Armaly, Tom Burr,Clegg & Guttmann, Mark Dion, Maria Eichhorn, Renée Green, Christian Philipp Müller, Gerwald Rockenschaub, Fred Wilson oder Heimo Zobernig vorgestellt haben. Ein wesentliches Element der Ausstellung ist ein Lesebereich, in dem umfassendes Publikationsmaterial, Videos und Fotodokumentationen Einblicke in die um 1990 leidenschaftlich geführten Diskussionen erlauben.

Ulrike Müller: The old expressions are with us always and there are always others

In den Arbeiten der in New York lebenden Tirolerin Ulrike Müller geht es um das Verhältnis von Abstraktion und Körper sowie um einen Malereibegriff, der nicht an Pinsel und Leinwand gebunden ist. Die geometrisch anmutenden Figuren und Farbflächen in ihren Kompositionen sind nie „reine“ Abstraktion; sie rufen erotische und sexuelle Assoziationen wach, sie necken, berühren und durchdringen einander, ohne sich allerdings in einfache Gegensatzpaare auflösen zu lassen. „Meine Bilder sind Teil eines Begehrens, Alternativen zu traditionellen Geschlechterrollen und Lebensstilen zu denken und zu praktizieren“, so die Künstlerin, die Mitglied der Genderqueer-Gruppe LTTR ist.

Müllers Personale zeigt eine malerische Praxis, die sich nicht über Technik definiert, sondern bewusst Formate sucht, die Verbindungen zu anderen Lebens- und Produktionsbereichen herstellen. So führt die Künstlerin ihre Kompositionen etwa in Emaille aus, die sowohl bei der kommerziellen Schilderherstellung wie bei der kunsthandwerklichen Fertigung von Schmuck Verwendung findet. Auch in textile Objekte wie Quilts oder Teppiche hat sie ihre Entwürfe übersetzt. Müllers malerische Produktion stellt sich außerkünstlerischen Standards und Fertigungsweisen: In den Emaille-Bildern lotet sie die Möglichkeiten einer industriell produzierten Farbpalette aus; ihre Teppiche greifen auf die traditionellen Kenntnisse von Webern in Oaxaca, Mexiko zurück.
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Die eigens für die Personale im mumok entstandenen Teppiche, Papierarbeiten, Emaille- und Leinwandbilder machen anschaulich, dass Müllers Umgang mit Form und Figur durch Kippeffekte, Verschiebungen und Umkehrungen ein performativer ist. Oft zu sehen ist das Motiv der Katze.
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Always, Always, Others – Unklassische Streifzüge durch die Moderne

Neben der ersten musealen Einzelpräsentation Ulrike Müllers zeigt das mumok auch eine von der Künstlerin gemeinsam mit Kuratorin Manuela Ammer zusammengestellte Sammlungsausstellung, in der Werke der klassischen Moderne in einen Dialog mit Werken der jüngeren Vergangenheit treten. Neben oft gezeigten Positionen wie André Derain, Oskar Kokoschka oder František Kupka finden sich darin beispielsweise Werke des ungarischen Künstlers Béla Kádár, der Abstraktion und eine folkloristisch anmutende Formensprache verknüpfte, des französischen Künstlers André Beaudin, dessen Tierdarstellungen die Formelhaftigkeit des Kubismus unterliefen, oder der in Wien beheimateten Künstlerinnen Mathilde Flögl und Friedl Dicker, deren Arbeiten im Bereich der angewandten Kunst soziale und politische Realitäten gestalten wollten. Man sieht: Die Moderne im mumok ist vielstimmig.

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Wien, 6. 10. 2015