Das Beste fürs Patschenkino: 15 Filmtipps zum Streamen

Mai 6, 2020 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Meisterwerke von Jim Jarmusch bis Martin Scorsese

Suspiria: Mia Goth und Dakota Johnson. Bild: Courtesy of Alessio Bolzoni / Amazon Studios

Immer noch sind die Lichtspielhäuser #Corona-bedingt geschlossen, und kein Ende in Sicht. mottingers-meinung.at hat deshalb fünfzehn aktuelle Hochkaräter ausgewählt, die derzeit in diversen Online-Videotheken angeboten werden. Hier die Streaming-Tipps:

Suspiria. Seit Luca Guadagnino als Teenager Dario Argentos „Suspiria“ gesehen hat, wollte er seine eigene Version davon machen. Kein Remake, sondern eine Cover

Version ist es geworden, so seine Hauptdarstellerin Tilda Swinton – die hier mindestens zwei Rollen spielt – über das fulminante, packende und einzigartige Filmfeuerwerk. Ein visuelles Fest mit mitreißenden Tanzszenen, einem betörenden Soundtrack von Radiohead Thom Yorke, einem wunderbaren Ensemble – Dakota Johnson als Berliner Tanz-Stipendiatin mit düsterem Geheimis und Bildern voll atmosphärischen Horrors. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BY6QKRl56Ok

The Irishman. Großmeister Martin Scorsese und sein jüngstes Mafiaepos: Auftragskiller Frank Sheeran erinnert sich an die Zeiten, als er zum Nr.#1-Problemlöser von Big Boss Russell Bufalino avancierte und 1975 auf den korrupten Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa angesetzt wurde. Robert De Niro, Joe Pesci, Al Pacino – noch Fragen? Die Gang mal frisch aus dem CGI-Jungbrunnen, mal im Original, und stets einen originellen Spruch parat. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=WHXxVmeGQUc

Roma. In seinem 70er-Jahre-Drama fängt Alfonso Cuarón mit fast schmerzlicher Schärfe das Lebensgefühl in einer gutbürgerlichen Familie im Mexico City jener Jahre ein. Das wahre Drama erlebt allerdings deren Kindermädchen, die sich mit erschütternd stoischer Selbstverständlichkeit in ihre Klassenzugehörigkeit fügt. Mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet, erhielt der Film als erste Netflix-Produktion Chancen auf Anhieb drei Oscars. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=6BS27ngZtxg

Paterson. Heißt sowohl der von Adam Driver dargestellte Charaker, als auch die Stadt in New Jersey, in der er als Busfahrer arbeitet und daneben Gedichte an die kleinen Dinge des Lebens verfasst. Dieses ein ruhiger Fluss, das heißt: es wäre einer, hätte er nicht die quirlige Laura an seiner Seite. Mit dieser verschrobenen Ode an die Monotonie des Alltags zeigt sich Filmemacher Jim Jarmusch wieder einmal in Höchstform. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=32exBSNsaBw

Marriage Story: S. Johansson, A. Driver. Bild: © 2019 Netflix

Togo: Willem Dafoe. Bild: © Disney

Beautiful Boy: T. Chalamet, S. Carell. Bild: © Amazon Studios

Hell or High Water: C. Pine, Jeff Bridges. Bild: Lorey Sebastian

Marriage Story. Und noch einmal Adam Driver, diesmal in einer Tragikomödie von Noah Baumbach. Off-Broadway-Regisseur Charlie und sein Bühnenstar Nicole stehen vor dem Ende ihrer Ehe. Verläuft die Scheidung anfangs noch gesittet, bricht ein erbitterter Fight aus, als sich die zukünftige Ex Unterstützung von einer Anwältin holt. Scarlett Johansson und Laura Dern brillieren als Damendoppel in diesem Rosenkrieg, den sie so gar nicht als wehmütiges Postmortem einer gescheiterten Romanze führen. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BHi-a1n8t7M

The Report. Adam Driver, die dritte. US-Senatsmitarbeiter Daniel Jones wird die entmutigende Mammutaufgabe übertragen, interne Ermittlungen zu Inhaftierungs- und Vernehmungspraktiken der CIA durchzuführen. Dabei „stolpert“ er über deren „erweiterten Verhörmethoden“ nach den Anschlägen vom 11. September, brutal, unmoralisch und außerdem ineffektiv, Folter wie Waterboarding, Anketten in sogenannten Stresspositionen und laute Heavy-Metal-Musik zum Mürbemachen. Seine Vorgesetzte, die demokratische Senatorin Dianne Feinstein legt daraufhin Barack Obamas Stabschef einen 6700-Seiten-Report vor. So geschehen am 9. Dezember 2014. Sehenswert. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=x79Gf4cJDDE

Togo. Willem Dafoe in einem Wettlauf gegen die Zeit und das Wetter. Als im alaskischen Städtchen Nome im Winter 1925 die Diphtherie ausbricht, müssen ein Hundeführer und sein Leittier per Hundeschlitten schleunigst das Heilmittel herbeischaffen. Regisseur Ericson Core erzählt sein Survivaldrama nach einer tatsächlich stattgefunden habenden Rettungsmission. Der Norweger Leonhard Seppala und sein Hund Togo übernahmen dabei den gefährlichsten Teil der Tour. Spektakuläre Actionszenen und Taschentuchalarm, was will man mehr? Bei Disney+. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HMfyueM-ZBQ

Casting JonBenét. Zu Weihnachten 1996 wurde die sechsjährige JonBenét in ihrem Elternhaus in Boulder, Colorado, ermordet. Bis heute ist dies Verbrechen ungeklärt. Was natürlich den wildesten Spekulationen Tür und Tor öffnete – zumal es sich beim Todesopfer um ein kleines Mädchen handelte, das barbiehaft zurechtfrisiert und in nationalfarbene Rüschen gepackt eine ganze Reihe Little-Miss-Wahlen gewonnen hatte. Regisseurin Kitty Green lud für ihren doku-fiktionalen Film Menschen aus JonBenéts Umfeld zum „Casting“ für einen freilich nur fiktiven Spielfilm ein. Und lässt sie ihre Sicht auf die Ereignisse schildern und – schauspielern. Das Ergebnis ist so experimentell wie verstörend. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=-KMEOaMCJss

Hala: G. Viswanathan. Bild: © Courtesy of Sundance Institute

Roma: Marina de Tavira. Bild: Carlos Somonte

The Irishman: Robert De Niro und Al Pacino. Bild: © Netflix 2019

Casting JonBenet: Hannah Cagwin. © Netflix 2017

Beautiful Boy. Basierend auf dem Buch des New York Times-Autors David Sheff und seines Sohnes Nic spielt Steve Carell in Felix Van Groeningens Film den besorgten Vater des Crystal-Meth-abhängigen Sprösslings. Timothée Chalamet ist als Nic von schmerzhafter Eindringlichkeit, der Jungstar agiert, als ob sein Leben davon abhänge, wechselt Stimmungen in Sekunden, raunt, lallt, weint und zeigt die körperlichen und geistigen Veränderungen eines Süchtigen mit beinahe gespenstischer Präsenz. Ein Drogendrama nicht in irgendwelchen Slums, sondern gemäß der realen Geschichte in einem Wohlstandsghetto. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=y23HyopQxEg

Hala. Die 17-jährige Hala, eine Amerikanerin mit pakistanischen Wurzeln, kämpft darum, ihre Wünsche und Sehnsüchte mit ihren familiären, kulturellen und religiösen Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Bald aber trägt sie sie ein Geheimnis mit sich herum, das ihre traditionell denkenden Eltern in Aufruhr versetzen würde, wenn’s denn herauskäme. Geraldine Viswanathan im Film von Minhal Baig – ein Muss! Bei Apple TV+. Trailer: www.youtube.com/watch?v=4aS-qGHH6E0

Die zwei Päpste. Anthony Hopkins und Jonathan Pryce brillieren in Fernando Meireilles‘ Drama als Päpste Benedikt XVI. und Franziskus, zwei Pontifexe ganz unterschiedlicher Art im hintersinnig-witzigen Dialog über Gott und die Welt und die Kirche. Regisseur Meireilles entwirft großartige Bilder und Szenarien, wie sie vielleicht gewesen sein könnten. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=otP0z24W1yg

Hell or High Water. Um ihre Ranch vor dem finanziellen Ruin zu retten, werden zwei Brüder zu Outlaws. Der ungestüme Tanner Howard und sein jüngerer Bruder Toby beginnen einen Raubzug durch Texas, keine Bank, keine Postfiliale ist vor ihnen sicher, bis sie schließlich sogar einen Treuhandfonds anlegen können. Grandiose Loserstory mit Chris Pine, Ben Foster und Jeff Bridges als Texas Ranger. Regisseur David Mackenzies setzt mit seinem Neo-Western statt auf sinnlosee Schießereien auf eine souveräne Dramaturgie und ausgearbeitete Charaktere. Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=JQoqsKoJVDw

Systemsprenger: Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Systemsprenger. Bei Neflix. Filmkritik: Lauter Schrei nach Liebe

Wenn dieses Mädchen pink sieht, hat das nichts mit einer Barbie-Puppen-Welt zu tun. Grelles Rosa durchströmt Bennis Kopf, wenn sie einen ihrer Ausraster hat. Dann tobt die zierliche Neunjährige, schlägt – sogar nach Erwachsenen -, attackiert Gleichaltrige bis deren Blut fließt, schmeißt mit Tretautos, bis selbst Sicherheitsglas birst.

Die Bobbycars, die in einer der ersten Szenen durch die Luft fliegen, sind als Synonyme für eine glückliche Kindheit und eine frühe Zugehörigkeit zur Konsumgesellschaft gleichsam Bennis Feindbild. Derlei ist ihr nämlich verwehrt. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: Alles hat sie schon hinter sich, und überall fliegt sie wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art wieder raus. Benni ist das, was man beim Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt hat für dies Debüt, das auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und als deutscher Bewerber für den Auslands-Oscar eingereicht wurde, intensiv recherchiert. „Systemsprenger“, erklärt sie, „sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen, im schlimmsten Fall gewalttätige Jugendliche werden, und als nunmehr ,Täter‘ ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen.“

Auch bei Benni ist nur der Rucksack mit ihren paar Habseligkeiten leichtes Gepäck, der emotionale Ballast samt Trauma aus der Babyzeit wiegt schwer. Und wenn ihr die Wut der Verzweiflung gar unkontrollierbar hochkommt, landet die Außenseiterin in der Kinderpsychiatrie, von Medikamenten „ruhiggestellt“ und im Bett fixiert. Helena Zengel, mit elf Jahren schon ein Profi vor der Kamera, spielt die Benni. Wie diese junge Schauspielerin mit einer jede Minute neu explodierenden Energie die Benni verkörpert, ist einfach phänomenal. Zengel changiert zwischen Frechheit und Fragilität, zwischen Tragi- und -komik, wenn sie das gibt, was man auf Wienerisch ein Rotzmensch nennt. Zum Herzbrechen traurig ist ihr ausdrucksloses Gesicht, wenn sie unter Drogen gesetzt auf Station liegt. Beängstigend wirkt ihr zuckender Körper, wenn sie ein anderes Kind krankenhausreif prügelt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=34792

The Big Sick: Kumail Nanjiani. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

The Big Sick. Bei Amazon. Filmkritik: Multi-Kulti Love Story

Es kommt nicht oft vor, dass eine Liebeskomödie so gehyped wird wie „The Big Sick“. Nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival standen die Kritiker vor Freude Kopf, in Locarno gab’s den Publikumspreis, von Rotten Tomatoes 98 Prozent, und der Siegeszug geht weiter. Es scheint, als wäre Hauptdarsteller Kumail Nanjiani, der mit seiner

Frau Emily V. Gordon ihr Kennenlernen zu Papier brachte, ein Wurf gelungen.  Dabei beginnt „The Big Sick“ wie das Abziehbild jeder romantic comedy, die man jemals gesehen hat, die Charaktere klassische Archetypen, die Handlung eh-schon-wissen. Und dann kommt es auf einmal ganz anders. Kumail Nanjiani spielt sich selbst, den zur damaligen Zeit mäßig erfolgreichen Stand-up-Comedian (später machte er mit der Startup-Comedy „Silicon Valley“ Karriere) und Taxifahrer Kumail. Einen US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der eher orientierungslos durchs Leben driftet. Nach einem Auftritt lernt er in der Bar Emily, gespielt von Zoe Kazan, kennen, man landet gleich im Bett, Beziehung kommt erst später. Doch der Haken an der Sache ist, Kumail bringt es nicht übers Herz, seinen liebenswert nervtötenden und natürlich schwer traditionellen Eltern von seiner „weißen“ Freundin zu erzählen. Ein Cousin hat nämlich eine, und ein Baby namens Da-ve, wer nennt sein Kind schon Da-ve?, und ist nun für die Familie gestorben.

Während Kumail sein Gewissen und vor allem Emily plagen, unternimmt die Mutter (Zenobia Shroff) in Endlosschleife hinreißend peinliche Versuche, ihn zu verkuppeln, an ihrer Seite Anupam Kher als stylischster Vater aller Zeiten. Was sich wie eine weitere Version von Multi-Kulti-„My Big Fat Pakistani Wedding“ anlässt, ist aber nur der erste Akt, die erste halbe Stunde, bis sich vor die -komödie ein Tragi- schiebt. Denn der Plot nimmt eine ungeahnte Wendung, die der bisherigen Fluffigkeit einen ernsteren Ton verschreibt. Man trennt sich, no na. Doch dann erkrankt Emily schwer an einem Lungeninfekt, der Virus bringt ihr Herz fast zum Stillstehen. Kumail rast ins Krankenhaus, wo ihre Eltern kein Interesse am Ex-Lover ihrer Tochter haben. Kumail muss sich beweisen und entscheiden, wie er sein Leben leben will … Die Gags sind trocken, die Dialoge witzig, die Story ist herzlich, Mentalitäten werden ausgelotet, ohne plakativ zu werden – das Ganze zündet fantastisch … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=27314

Beasts of No Nation: Idris Elba. Bild: Netflix

Beasts of No Nation. Bei Netflix. Filmkritik: Der Tod als Kindergesicht

Es gibt dieses 15-minütige Gemetzel. Da ist Agu schon unter Drogen gesetzt und setzt die Machete ein, wie’s und wo’s geht. Köpfe fliegen und Hände, und die Röcke von Frauen bei den Vergewaltigungen. Regisseur Cary Fukunaga rechtfertigt die gezeigten Grausamkeiten mit der Feststellung, der Krieg sei grausamer als jeder Film über den Krieg. Die Message hätte dieses Gemetzel nicht gebraucht, man versteht schon.

Aber die erste große Filmproduktion des Onlineanbieters Netflix will auf Hollywood machen. Irgendwo zwischen „Inglourious Basterds“ und „Gesichter des Todes“. Hier hat der Tod ein Kindergesicht. „Beasts of No Nation“ ist ein Film über Kindersoldaten in Afrika. Nach Angaben des sogenannten Machel-Berichts der UNO gibt es derzeit etwa 20.000 kämpfende Kinder im Alter zwischen neun und 18 Jahren. Olara Ottuno, der UN-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, schätzt, dass zwischen 1990 und 2000 etwa zwei Millionen Kinder gefallen sind, sechs Millionen Kinder zu Invaliden wurden und zehn Millionen Kinder schwere seelische Schäden davontrugen. „Beasts of No Nation“ ist ein wichtiger Film. Er basiert auf dem 2005 erschienen Debütroman von Uzodinma Iweala mit dem Titel „Du sollst Bestie sein!“ Der erschütternde Text ist eine Zusammenfassung von Schilderungen real gewesener Kindersoldaten, die Iweala „verstehen, nicht entschuldigen“ will.

Agu, Darstellerentdeckung Abraham Attah wurde in Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet, flieht in den Dschungel nachdem seine Familie abgeschlachtet wurde. Die Terrormiliz des Commandante greift ihn halbverhungert auf, Agu ergibt sich den Umständen. Kinder und Jugendliche sind in der Regel leichter zu rekrutieren als Erwachsene. Sie suchen Schutz, hoffen, ihre Existenz zu sichern, wollen soziale Anerkennung und möglicherweise ein Machtgefühl, das sie als Unbewaffnete nie hätten. Manche sinnen auf Rache, weil ein Feind Angehörige ermordet hat. „Sie zu töten war nicht schwer“, sagte der damals 15-jährige Sylvère in weltweiten Interviews, nachdem er von der UNO aus den Fängen der burundischen Hutu-Rebellenorganisation FNL befreit wurde. „Wer hat dieses Ding hierher gebracht?“, fragt der Commandante. Und man weiß nicht, ob das „Ding“ Agu ist oder der ganze Krieg. Idris Elba spielt den Anführer mit der lässigen Eleganz eines Brad Pitt als Lieutenant Aldo Raine … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=15922

www.amazon.de           www.netflix.com          www.disneyplus.com/de-at           www.apple.com/at/apple-tv-plus

  1. 5. 2020

 

Volkstheater online: Die rote Zora und ihre Bande

April 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht stand Pate für die Heldischen Lausbuben

Die rote Zora und ihre Bande: Tobias Resch, Hanna Binder, Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Luka Vlatković. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Die rote Zora und ihre Bande“ aus dem Herbst 2018 dran – kostenlos zu streamen bis 20. April, 18 Uhr, auf www.volkstheater.at, dann wieder am 2. und 3. Mai. Inszeniert hat Robert Gerloff, der bereits in den Bezirken eine entfesselte „Stella“-

Version (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810) geboten hatte, und nach Titelrolle I Schauspielerin Hanna Binder auch in Titelrolle II besetzte. Das Ergebnis ist eine rundum geglückte, beglückende Bühnenfassung mit Balkanmusik und Bert Brecht, denn definitiv standen das Volkstheater-Ideal wie auch Erwin Piscators Proletarisches Theater bei der Produktion Pate.

Zwischen dem Hotel Zagreb und der Pekara/Bäckerei wird nicht nur im p.c.-Selbstversuch „serbokroatisches“ Reisfleisch serviert, sondern eine ordentliche Portion politischer Ansagen – Kapitalismuskritik, Solidarität als zwischenmenschliches Grundprinzip, Widerstand gegen Korruptions- und Freunderlwirtschaft, ein Plädoyer für die gesellschaftliche Integration sozialer Außenseiter … all das hatte der in Schweizer Emigration lebende Autor Kurt Kläber schon in seinem 1941 unter dem Pseudonym Kurt Held veröffentlichten Jugendbuchklassiker angelegt.

Nun packt Gerloff ein paar mit Gelächter und Szenenapplaus aufgenommene Seitenhiebe auf Zwölfstundentag vs bedingungsloses Grundeinkommen drauf, führt die Witzchen aber dankenswerterweise auf einer popkulturellen Meta-Ebene fort, etwa, wenn die Heldischen Lausbuben ganz Gentlemen im Versteck ihre Fight-Club-Regeln deklamieren, so dass die Aufführung für Kinder und ewig solche Gebliebene ein Vergnügen ist. Ein Spaß – jedoch durchbrochen von Szenen großer Ernsthaftigkeit, in denen das Schicksal der Zora-Bande daran erinnert, dass es unweit von Senj auch anno 2020 unbegleitete Minderjährige gibt.

Hanna Binder und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Angriff der Gymnasiasten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vlatković, Binder und Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine wahre, der deutsch-schweizerische Arbeiterdichter lernte auf einer Jugoslawienreise das Mädchen und ihre Mitstreiter kennen, und Hanna Binder spielt den Rotschopf als richtiges Rotzmensch, dessen – keineswegs nur für Heranwachsende gesunder – Aufruf zum zivilen Ungehorsam als lautes Indianergeheul übers kroatische Küstenstädtchen schallt. Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Tobias Resch begleiten die pubertierende Partisanin als ihr „Uskoken“ Nicola, Pavle und Ðuro. Eine queer-feministische, linke Eingreiftruppe gegen den Neoliberalismus, wobei Ðuro unter den Getreuen der zwiespältige Charakter ist, ist ihm das eigene Überleben doch Kampf genug.

Weshalb die Aufnahme des eben erst verwaisten Fischdiebs-aus-Hunger Branko notgedrungen zu Konflikten in der Viererbande führt. Luka Vlatković, der dieser Tage eigentlich live in Imre Lichtenberger Bozokis „Horses“ im Werk X-Petersplatz auf der Bühne stehen sollte, gestaltet den Branko als erst arglosen Gerechtigkeitsträumer – bis ihn eine kalte, brutale Welt seine Gedanken zur Faust ballen lässt. Dort wo die Ärmsten von den Armen stehlen, entwickelt er eine Robin-Hood-Sicht auf die Dinge, so dass das Tischgebet der Zoraisten „Lieber Gott, danke für nichts“ immerhin in ein, wenn auch moll-tönendes „Wir stehen zusammen“ münden kann – die Musik dazu von Imre Lichtenberger Bozoki, Susanna Gartmayer und Vladimir Kostadinovic.

Fürs temperamentvoll dargebotene Treiben lässt Bühnenbildnerin Gabriela Neubauer diese im Handumdrehen die Räume wechseln, vom Senjer Hauptplatz zur Burgruine zu Gorians Fischerhütte, schreit auf zweiterer Turm ein Uhu, hält Binder die entsprechende Klebertube in die Höhe, aber die schönste Szene ist ein Thunfisch-Ballett zwischen Wellen und Meeresufer, mit dem der Fang die erfolgreichen Angler feiert. Mit hohem Tempo werden auch die Kostüme gewechselt, Ruck-zuck-Umzüge, da viele im Ensemble mehrere Rollen stemmen.

Claudia Sabitzer ist neben Marktstandlerin und Müllerin auch der Bäcker Čurčin, der die Bande mit altbackenem Brot versorgt, „der gute Mensch von Senj“ sozusagen, war die Sabitzer doch diese Saison schon der Brecht’sche aus Sezuan (Regie ebenfalls Robert Gerloff, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, das nächste Mal gestreamt am 30. April). Stefan Suske schlüpft ins Tevje-Outfit des alten Gorian, ein friedliebender Philosoph dessen, was schon überholt schien, doch sich am Leben erhält, weil der Augenblick seiner Verwirklichung versäumt ward – um an dieser Stelle Adorno zu bemühen, und als solcher ein Seelenverwandter des von Gábor Biedermann verkörperten Polizisten Begović.

Das Thunfisch-Ballett vor Gorians Fischerhütte. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Günther Wiederschwinger und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch nächtens sucht ganz Senj die rote Zora und ihre Bande. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser oft genug Opfer des Zora-Slapsticks, da er von Ausbeuter Karaman – herrlich herrisch: Steffi Krautz mit Schnauzer und Wohlstandswampe – und dessen Bonze Bürgermeister – Günther Wiederschwinger mit Frack und Zylinder – zum Amtshandeln angehalten wird. Derart zwischen Pathos, Parodie und Parole geht’s im Ninjaschritt durchs Geschehen, gesungen werden der Geier-Song „Seid zur Freundschaft bereit“ aus dem Disney-Dschungel- buch und „Der schöne Sigismund“ aus dem „Weißen Rössl“, anklingen die Winnetou-Melodie und Ennio Morricones „The Good, the Bad and the Ugly“-Theme beim Trio-Auftritt Krautz, Biedermann, Wiederschwinger.

Die wahren Gegner Zoras in der faschistoiden Volksgemeinschaft sind aber die Gymnasiasten, mit denen man in Dauerfehde liegt, von Gerloff/Neubauer – wohl weil das bildungsferne Feindbild, wer viel lernt, hält sich für was Besseres, hier nicht zieht – als Burschenschafter in kornblumenblauer Wichs gekennzeichnet. Nach einem Marillendiebstahl des Korps beginnt die Zora-Bande einen Rachefeldzug gegen die Großkopferten und ihre Rich Kids, die Verwahrlosten ziehen gegen die Vermögenden, und als Gorian seine kleine Bucht an die von Karaman befehligte Fischfangindustrie abtreten soll, eskaliert die Situation. Mehrheitsgesellschaft, fuck you!

Der Song, der jetzt ertönt, „Das Meer erhebt sich, die Wellen steigen, mächtig wie die Bora ist die rote Zora“, Bora = ohne Vorwarnung plötzlich tobender Fallwind, klingt nun wirklich nach Brecht-Weill. „Könnt ihr selber denken?“, fragen die Uskoken denn auch Brecht’isch ins Publikum. Denn der Schluss kommt anders als im Roman, wo die Kinder nach Fürsprache Gorians von verschiedenen Kleinstädtern, Bauer, Bäcker, Fischer, auf- und in die Lehre genommen werden. Bei Gerloff gründet sich die Bande flugs neu – als Jungunternehmerkollektiv. „Keine Chefs, keine Befehle, keine Aktionäre“, frohlocken sie am Ende über ihr Selbstbestimmmungsrecht. Da hatte ihnen noch keiner gesagt, dass der Kunde beziehungsweise Auftraggeber um nichts weniger ein König ist.

Christine Nöstlingers feuerrote Friederike verläuft sich warum-auch-immer auf der Suche nach der Katze Kater nach Senj. Was insofern schade ist, da der Abend die Zuschauer bis dahin wahrlich intellektuell nicht unterfordert hatte, die Regie nun aber offenbar denkt, der dreißig Jahre älteren, weniger bekannten, eine hierzulande höchst berühmte Schwester in Frisur und Geiste zur Seite stellen zu müssen. Egal, weil: Jubel und Applaus. Und wenn sie nicht gestorben sind, start-upen sie noch heute …

www.volkstheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=3_K8sm11n-s&t=6s

  1. 4. 2020

Crossing Europe 2020 findet online statt

April 17, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ab dem 21. April werden zehn Festivalfilme gestreamt

Szabad egyetem / The free university. Bild: Fahej Productions

Alljährlich im April zeigt Crossing Europe einen repräsentativen Querschnitt des europäischen Films. Erstmals seit dessen Gründung 2004 musste nun auch das Linzer Filmfestival im Zuge der #Corona-Krise abgesagt werden. Filmfans müssen dennoch nicht darauf verzichten, denn Flimmit bietet ihnen unter dem Namen „Crossing Europe – EXTRACTS“ eine digitale Ersatzbühne.

Durch eine genreübergreifende Selektion werden bis 20. Mai zehn Filme präsentiert, die der Vielsprachigkeit und Diversität des Kontinents Europa Rechnung tragen sollen. Die spezielle Kollektion wird exklusiv von Festivalleiterin Christine Dollhofer kuratiert und kommentiert. Darunter finden sich Spielfilme, Dokumentarfilme, Publikumslieblinge und Arbeiten, die auf renommierten internationalen Festivals ihre Weltpremieren feierten und danach bei Crossing Europe erstmalig in Österreich zu sehen gewesen wären.

L’angle mort / Blind spot: Bild: The Party Film Sales

Parwareshgah / The orphanage. Bild: Virginie Surdej

Take me somewhere nice. Bild: Heretic Outreach

Zabuti / The forgotten: Bild: Wide

Die kuratierten Filme im Überblick:

La hija de un ladrón / A thief’s daughter, Spielfilm von Belén Funes . Ivana cea groaznica / Ivana the terrible, Spielfilm von Ivana Mladenović . Take me somewhere nice, Spielfilm von Ena Sendijarević . Zabuti / The forgotten, Spielfilm von Daria Onyshchenko . Otan o wagner sinantise tis ntomates / When tomatoes met Wagner, Dokumentarfilm von Marianna Economou . Rotjochies / Punks, Dokumentarfilm von Maasja Ooms . Parwareshgah / The orphanage, Spielfilm von Shahrbanoo Sadat . L’angle mort / Blind spot, Spielfilm von Patrick Mario Bernard und Pierre Trividic . Szabad egyetem / The free university, Dokumentarfilm von Jonathan Hunter und Lucie Janotová . The sound is innocent, Dokumentarfilm von Johana Ožvold.

www.crossingeurope.at            www.flimmit.com

17. 4. 2020

aktionstheater ensemble online: Heile mich

April 12, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Lösung ist’s Erlösung suchen

Schweigsame Männer als Handyfotomotiv für einsame Frauen: Ernst Tiefenthaler, Emanuel Preuschl, Kirstin Schwab und Isabella Jeschke. Bild: © Stefan Hauer

„Ich habe mich nicht mehr gespürt“, sagt Isabella Jeschke. Die Haare Struwwel- petra, die Strümpfe löchrig, schildert sie ihren Alk-Unfall, darauf Suppenentschlackung, darauf David. Den Heilsbringer. Von dem man später erfahren wird, dass er sich nicht als solcher epiphanierte. Essig war’s also mit dem „Heile mich“ – so der Titel der erst im Dezember uraufgeführten Produktion von Martin Gruber und dem aktionstheater ensemble, die nun als Teil des Online-Spielplans „Streamen gegen die Einsamkeit“ bis

Ostermontag, 24 Uhr, auf aktionstheater.at kostenlos zu sehen ist. Einmal mehr bricht die schnelle politische Eingreiftruppe darin Gesamtgesellschaftliches aufs Private herunter, diesmal als Inventarisierung solcher, die ihre Genesung in der Ganzheit suchen, aber zu individualistisch für ein Miteinander sind. Narzisstin und Plauschmund sozusagen. Für eine Innenschau geht’s viel zu hysterisch und hektisch her. Isabella Jeschke, Susanne Brandt und Kirstin Schwab versuchen sich zwar leidenschaftlich im Zuhören, doch bleibt ihr lärmendes Aneinander-Vorbeikreischen ein Um-sich-selbst-Kreiseln – das Ernst Tiefenthaler und Emanuel Preuschl als Slow-Motion-Derwische auf Podesten fortführen, Grubers Körpertheaterkonzept hier mal als Art-Tanz dargeboten.

Zur Livemusik der Dun Field Three, die Bänkelrocker Sänger Daucocco, Gitarrist Nachtlieb und Drummer Goto, deren dunkler Vintage-Sound einen samtig umarmt, und die auch ihren jüngsten Song  „Blood River“ (www.youtube.com/watch?v=rlHPznXn23s) auf der Bühne zum Besten geben. Je schreiender die Sies, je schweigsamer die Ers, mit enervierendem Enthusiasmus arbeiten sich die drei Frauen an immer absurderen Fragestellungen ab. Die bis zur Stupidität verliebte Jeschke erfährt von den Freundinnen Zuneigung und Neid, bis Susannes verhungerter Kater Ferdi das erste Opfer der David-Obession wird.

Tiefenthaler, Preuschl, Jeschke, Brandt und Schwab. Bild: © Stefan Hauer

Susanne Brandt: In Trauer um den Kater Ferdi. Bild: © Stefan Hauer

Isabella Jeschke und Emanuel Preuschl: Fuck You! Bild: © Stefan Hauer

Die Brandt empfiehlt Radikal-Häkeln von Kaprizpolsterbezügen als Trauerbewältigung, Schwab probiert’s mit Ayurveda-Therapie, Jeschke mit einem Friedensfernkurs, der verpflichtend transzendiert. Und sobald‘s im Weiteren um Glückskekse als Lebenswegweiser, Eichhörnchen-Diskussionen, Eidechse Rudis am Elektrozaun eingebüßten Schwanz, Selbstkitzeln der Oberlippe als Einsamkeitstastsinn geht, Dun Field Three bringen dazu das Visage-Cover „Fade To Grey“, meint Susanne Brandt aufmunternd: „Wir sind auf einem guten Weg!“ Wiewohl sie angesichts der Jeschke-Schwab-Eskalation zunehmend aus der Fasson gerät. Mit Kulleraugen hinter den Brillengläsern, mit Tränen für den hingeschiedenen Ferdi.

Das alles ist typisch aktionstheater, diese Assoziationsperlenkette, nicht Alternativ-, sondern Metadenken, Nonsens im Sinne des Martin Gruber’schen Tief- und Hintersinn, die diversen Ichs, die sich im Über-Ich der Rede und ihrer Redundanzen, Interpretationen, Neuinhalte, der Verdrängung, Verwirrung, des Missverstehens fangen. „Es geht um eine Kultur des Vertrauens“; sagt Schwab, „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“, sagt Brandt, „Ich hatte viel Zeit im Sommer, da ist mir das aufgefallen“, repetiert Jeschke die Problematiken.

Heilsversprechen werden nicht eingelöst, Erlösung suchen ist auch keine Lösung, immer irrwitziger entblößen sich die Frauen bei ihrem skurril-schonungslos-schwermütig-schmerzlichen Kommunikationsstrip, bis Kirstin Schwab dies tatsächlich tut. Sie will sich zeigen, wie sie ist, nackt im geschützten Raum der Bühne, will ihre Wunden offenlegen, ihre Narben, das Publikum dabei ihr Kraftquell, alle Ensemble-Blicke auf diesen Beifall spendenden Heiland gerichtet, die Intimität dieser Szene des Sich-Wiederfindens von einer Intensität, die von diesem erst ausgehalten sein will.

Dun Field Three bitten zum Tanz: Michael Lind aka Goto, Kirstin Schwab, Andreas Dauböck aka Daucocco und Isabella Jeschke. Bild: © Stefan Hauer

Ein Glück, nehmen‘s die anderen beiden gleich wieder mit Charme. „Was macht dich heil?“, fragt Isabella Jeschke – und die Brandt antwortet: „Gutes Essen, guter Wein, ein gutes Gespräch …“ Guten Sex hat sie vergessen. Und Dun Field Three nebst den Herren in den kleinkarierten Hosen singen ihr Gebet „Gone“.

Trailer „Heile mich“: vimeo.com/374654171

aktionstheater.at           www.dunfieldthree.com

Am 14. April startet das aktionstheater ensemble die nächste Staffel von “Streamen gegen die Einsamkeit“. Jeweils für zwei Tage sind dann unter anderem zu sehen „Pension Europa“ (Trailer: vimeo.com/97548144, Rezension als Teil des Abends „6 Frauen 6 Männer“: www.mottingers-meinung.at/?p=31384), „Riot Dancer“ oder „Immersion. Wir verschwinden“. Martin Gruber im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30322.

12. 4. 2020

The Show Must Go On! Jesus Christ Superstar online

April 11, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Rockopernklassiker goes Heavy Metal

Im Konflikt zwischen Judas und Jesus kommt es zu ernsten Handgreiflichkeiten: Tim Minchin und Ben Forster. Bild: Rudolf Mottinger © Jesus Christ Superstar Live Arena Tour, 2012

Genre-Godfather Andrew Lloyd Webber hat die Verkündigung wahr gemacht, seine berühmtesten Musicals auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ kostenlos zu streamen, zum Wochenende je ein neues, und am Karfreitag war das selbstverständlich eine Bühnenproduktion von „Jesus Christ Superstar“, die nun bis inklusive Ostersonntagabend online ausgestrahlt wird.

Und siehe: Das britische Arena-Spektakel aus dem Jahr 2012, über das nach der Premiere im O2 auch hier zu lesen stand, die Darsteller hätten ihr Kreuz damit, den Dome stimmlich und schauspielerisch zu füllen, hat auf Film gebannt von Regisseur Laurence Connor, er auch beteiligt gewesen an „Les Misérables“ mit Hugh Jackman und Russell Crowe, punkto Intensität und Emotion nur gewonnen.

Connor zeigt eine couragiert zeitgemäße Aufführung, sein Heiliges Land findet ein Äquivalent in der Anonymous-Bewegung, klar, alles ist heut‘ global issue, und das Apostelkollektiv wär‘ jetzt vielleicht eins aus Hacktivisten. Auf Vidiwall und Showtreppe tanzen Guy Fawkes mit Antikriegs-, Antikapitalismus-, Klimademonstranten, Jesus‘ Feuer und Schwert ist nun ein Megaphon, die Szenerie bereit für den Aufstieg eines politisch Aufständischen, der den Status Quo staatlicher Autorität gefährdet. Zwischen Anarchy-Tags und „Rome lies“-Schildern kommt es zur Straßenschlacht. Die „The Twelve“-Revolutionsfaust erhebt sich, der Rockopernklassiker goes Heavy Metal.

Dies dank der musikalischen Leitung von Louise Hunt, die mit der neunköpfigen Band die Ausdrucksstärke der Webber’schen Partitur wohl zu bedienen weiß. Die tragische ménage à trois aus von seiner Aufgabe erschöpftem Jesus, sehnsüchtiger Maria Magdalena und einem leidenschaftlich aufbegehrenden Judas gestalten Ben Forster, Melanie C und Tim Minchin, die Kritik weiland unverhältnismäßig unfreundlich zum Heiland, dessen Sieg in der UK-TV-Talentshow „Superstar“ für mehr als ein schales Witzchen herhalten musste.

Melanie C als Mary Magdalane. Bild: Rudolf Mottinger © Jesus Christ Superstar Live Arena Tour, 2012

Ben Forster und Tim Minchin. Bild: Rudolf Mottinger © Jesus Christ Superstar Live Arena Tour, 2012

Chris Moyles als Showmaster King Herod. Bild: Rudolf Mottinger © Jesus Christ Superstar Live Arena Tour, 2012

Tatsächlich ist Forster ein sinnlich-sanfter Erlöser mit samtiger Stimme und schöner Höhe. Den Auftritt im Tempel schafft er zwar nicht Ted-Neeley-like, dafür ist sein hingerotzter Gethsemane-Song wütend, anklagend und mit fabelhaftem „Alright, I’ll die!“-Hohem-C. Dass dieser Messias mit dem Ex-Spice-Girl als Mary Magdalane eine übers geistliche hinausgehende Liebesbeziehung hat, machen die beiden in ihren Blicken und Gesten deutlich, Melanie C, die sich beseelt die Schminke aus dem Gesicht wischt, und deren smoother Gesang am besten beim melancholischen „I Don’t Know How to Love Him“ zur Geltung kommt. Kaum je konnte eine bei voller Kraft so erotisch wispern.

Das Ereignis des Abends ist allerdings der australische Comedian, Komponist und – wie passend für den Part – Vertreter des internationalen Skeptikernetzwerks CSI Tim Minchin als Judas. Er fährt mit vollem Gefühl in diese Figur ein, die nicht nur nach der Nikos-Kazantzakis-Tim-Rice’schen Lesart vom Menschensohn mit dem Verrat beauftragt wurde, damit Seine Mission gelinge, und sich dennoch erhängen muss. Angetan mit Dreadlocks, Punklidstrich und Palästinensertuch kann er Verstocktheit, wilde Verzweiflung, Revolte – seine Stimme eine Hetfield-Röhre, in Höchstform beim Last Supper, seinTo Think I Admired You“ wie vor die Füße gespuckt, sein „Does He Love Me Too?“ ein Schmerzensschrei.

Ist Judas der Fundi, so Giovanni Spano als Simon Zealotes der Realo, der zum PR-Manager und bei „Christ, You Know I love You“ zum Massenanheizer wird, und mit riesigen Parteiplakaten zum „Believe“ auffordert. Rundum agiert ein großartig diverses Ensemble. Pete Gallagher und Gerard Bentall, der eine mit bedrohlichem Bass, der andere vipernhaft vibrierend, sind als Caiaphas und Annas Eminenzen im grauen Anzug, deren Businessmen-Priester gelangweilt die Financial Times durchblättern, Broadway- und West-End-Star Alexander Hanson wechselt als Pontius Pilate von der Richterrobe zum Trial in den Sportdress, alle drei sind sie süffisante Populisten und Volksverdreher.

Die Jesus-Aktivisten protestieren vorm Jerusalemer Tempel. Bild: Rudolf Mottinger © JCS Live Arena Tour, 2012

I Don’t Want Your Blood Money: Tim Minchin. Bild: Rudolf Mottinger © Jesus Christ Superstar Live Arena Tour, 2012

I Don’t Know How to Love Him: Melanie C und Ben Forster. Bild: Rudolf Mottinger © JCS Live Arena Tour, 2012

Simon Zealotes wird zum PR-Manager des Christus-Kults. Bild: Rudolf Mottinger © JCS Live Arena Tour, 2012

Wobei bezüglich Letzterem Chris Moyles als King Herod den Vogel abschießt. Der hauptberufliche Radio- und Fernsehmoderator macht auf der Bühne ebendieses, er gibt den Statthalter von Roms Gnaden als TV-Spielshow-Host im roten Samtoutfit, dessen Abendunterhaltung nicht nur aus einem Buzzer-Quiz für Jesus besteht, sondern der auch das Publikum zur SMS-Abstimmung aufruft: „Is he the Lord or a fraud? Text to phonenumber …, see you after the break!“ Hinreißend, wie er dem auf den Gamestuhl gefesselten Christus das befohlene „Walk Across My Swimming Pool“ via Einspielung vortrippelt.

Dramatisch dicht und voller Fingerzeige geht’s Golgatha entgegen. „Poor Jerusalem“ ist bevölkert von Obdachlosen und Bettlern, die auf Schwarzweiß-Bildern moderne Metropolen durchwandern, Peter’s Denial findet nicht an einer Wasserstelle in der Wüste statt, sondern an einer brennenden Mülltonne, einer Wärmestelle für gestrandete Existenzen. Im The-Temple-Club gibt’s Poledance und Toy Boys, einen Drag-Teufel und sexy Dessous-Engelchen, die auch den nunmehrigen „Kill-Your-Idol“-Rockstar Judas bei seinem „Jesus Christ Superstar“-Hit umschwärmen werden. BeimCould We Start Again, Please“ legt Maria Magdalena bereits Petrus den Mantel um. Als wüsste sie, dass er der kommende Kirchenmann ist.

Bloody brilliant ist das alles – und wie eine Zuseherin im Live-Chat schrieb: Please, let’s do this every Good Friday! Am Ende, und das kommt – einziger Einwand – zu unwürdig gewimmert, wird das Lamm Gottes von seinen Jüngern vom Kreuz genommen und in einer Prozession weggetragen. Bis morgen. Zur Auferstehung. Dem Urgrund des christlichen Glaubens.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=OGhnaIw20Ho           www.youtube.com/watch?v=_ZCx3WFw_QI

Die ganze Show: www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag           www.youtube.com/watch?v=GpO4ohqx3os

www.jesuschristsuperstar.com           www.andrewlloydwebber.com

  1. 4. 2020