Theater an der Wien: Hans Heiling

August 18, 2015 in Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Saisonstart mit Anne Frank und einem Erdgeist

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Das Theater an der Wien startet mit der romantischen Oper „Hans Heiling“ von Heinrich Marschner in die neue, seine zehnte, Opernsaison. Premiere ist am 13. September. Intendant Roland Geyer selbst inszeniert, Constantin Trinks dirigiert. Michael Nagy singt den Hans Heiling, Katerina Tretyakova seine Braut Anna, Angela Denoke ist die Königin. Mit dem ORF Radio Symphonieorchester Wien und dem Arnold Schoenberg Chor.

Hans Heiling möchte der vereinnahmenden Liebe seiner Mutter entkommen und zieht in ein Dorf, wo er sich in Anna verliebt. Für sie ist er bereit, sein Leben völlig zu ändern. Annas Mutter ist von Heilings teuren Geschenken angetan und ermutigt ihre Tochter, den Fremden zu heiraten. Allerdings fühlt sich die junge Frau in Gegenwart des geheimnisvollen und besitzergreifenden Mannes nicht wohl. Sie hat noch einen anderen Verehrer: den feschen Konrad. Heiling beansprucht seine Braut stets für sich. Er scheut die Gesellschaft der Dorfgemeinschaft und will nicht, dass Anna auf einem Fest tanzt. Heilings Mutter sucht Anna auf, enthüllt das wahre Wesen ihres Verlobten – er ist ein Erdgeist aus der Unterwelt – und bedroht sie, damit sie von der geplanten Heirat lasse. Anna löst die Verlobung und wendet sich Konrad zu. Heiling entbrennt voll Eifersucht, stellt Konrad und sticht ihn im Streit nieder. Danach lassen ihn seine inneren Stimmen über seine Tat zweifeln. Er wird darüber fast wahnsinnig …

Im Juli 1831 erhielt Heinrich Marschner ein anonymes Libretto zugesandt. Diesen „Hans Heiling“ betitelten Text, der auf einer böhmischen Sage basiert, fand Marschner sofort inspirierend und forschte nach dem Autor: es war Eduard Devrient, Bariton an der Berliner Oper. Binnen eines Jahres war die Komposition fertig, im Mai 1833 kam sie mit grossem Erfolg zur Uraufführung in Berlin – Devrient verkörperte die Titelfigur. Marschner war bereits durch seine Opern „Der Vampyr“ (1828) und „Der Templer und die Jüdin“ (1829) bekannt, „Hans Heiling“ vertiefte sein Ansehen als Nachfolger von Carl Maria von Weber. Das romantische Sagenthema gab Marschner Gelegenheit zu strukturellen Experimenten, er verwendete konventionelle und völlig neue Formen nebeneinander. Einem durchkomponierten Vorspiel folgt die Ouvertüre, in der eigentlichen Oper sind die Nummern teils durch Dialoge, teils durch Rezitative miteinander verbunden. Die musikalische Ausleuchtung von Heilings komplizierter Psyche zwischen Sehnsucht nach Liebe, Eifersucht, Wut und Traurigkeit ist richtungsweisend: Wagner verfolgt diese Ideen mit seinem „Der fliegende Holländer“ weiter.

Saisoneröffnung an der Wien ist am 10. September mit dem Konzert „Das Tagebuch der Anne Frank“. Grigori Frids Monooper wird Strawinskis Suite „L’Histoire du Soldat“ vorangestellt. Es spielen die Wiener Virtuosen unter der Leitung von Leo Hussain.

www.theater-wien.at

Wien, 18. 8. 2015

Theater an der Wien: The Rake´s Progress

September 9, 2013 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Martin Kušej inszeniert Igor Strawinski

Am 16. September hat am Theater an der Wien Igor Strawinskis „The Rake’s Progress“ Premiere. Eine Neueinstudierung der Produktion aus dem Jahr 2008. Es inszeniert Martin Kušej. Seit seiner Ankunft 1939 in Amerika suchte Igor Strawinski nach einem Thema für eine englischsprachige Oper. Als er 1947 im Chicago Art Institute das erste Mal William Hogarths Kupferstichfolge A Rake’s Progress (1733-35) sah, wusste er sofort, dass er die Grundlage dafür gefunden hatte. Die genauen satirischen Darstellungen des Londoner Lebens in der Zeit des sich entwickelnden Kapitalismus inspirierten ihn und seine Librettisten zu einer brillanten Bühnenparabel.

Der junge Tom Rakewell wünscht sich Geld und wildes Leben, geregelte Arbeit erscheint ihm abstoßend. Ein geheimnisvoller Fremder, Nick Shadow, überbringt ihm ein großes Erbe. Shadow tritt in Toms Dienste, die Bezahlung will er später einfordern. Tom nimmt den scheinbar guten Handel an und verlässt seinen Heimatort und seine Geliebte Anne Truelove, um mit Shadow nach London zu gehen. Dort gerät er in schlechte Gesellschaft und verschleudert sein Erbe. Schließlich heiratet er eine groteske Frau, die er nicht liebt, die Türkenbaba. Anne Truelove sucht inzwischen unbeirrt nach ihrem Geliebten. Schließlich fordert der Teufel – denn niemand anderer ist Nick Shadow – seine Bezahlung: Toms Seele. Bei einem Kartenspiel gelingt es Tom in Gedenken an seine wahre Liebe Anne, Seele und Leben zu behalten. Der geprellte Shadow kann ihm jedoch seinen Verstand nehmen: Tom findet sich im Irrenhaus wieder, er hält sich für Adonis, von Venus verlassen. Anne besucht ihn und kann ihn für Momente trösten, doch als sie geht, stirbt er.

Während der Komposition beschäftigte sich Strawinski ausführlich mit Mozarts Così fan tutte und arbeitete eine Fülle von musikalischen Stilen ein, die ihre Entsprechungen in den literarischen Anspielungen des Librettos haben. Heraus kam dabei eine neoklassizistische Bühnenparabel mit exemplarischen Figuren ohne psychologisierende Tiefensicht, aber mit szenischer Durchschlagskraft und analytisch-satirischem Scharfsinn, der dem der Hogarthschen Stichfolge entspricht. Martin Kušejs Inszenierung holt dieses Meisterwerk entsprechend verstörend und provokant in unsere Gegenwart.

Es singen u. a. Bo Shovhus, Anna Prohaska und  Anne Sofie von Otter.

http://www.theater-wien.at/

Wien, 9.9. 2013