Kunsttankstelle – Theater IG Fokus: Königin der Berge

November 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Rolling Stones im Rollstuhl

Der tote Kater Dukakis mag Herrn Turins Ehefrau Irene ganz und gar nicht: Markus Zett, Karola Niederhuber und Christian Kohlhofer. Bild: Anna Stöcher

Dass sich Kater Dukakis als erster mit dem Publikum bekannt macht, sein musikalisches Leitmotiv „Sympathy For The Devil“ von den Rolling Stones, damit hat es schon seine Bewandtnis. Ist das Tier doch eigentlich lange tot, vom Besitzer – da uralt und schwerkrank – vor Ewigkeiten eingeschläfert, aber diesem nun ein Einflüsterer an dessen Endstation. Dabei ein Artverwandter von Bulgakows Behemoth, heißt: ein Streiche spielender Satansbraten, der seinem Herrchen zuweilen

vorschlägt, zum Zeitvertreib des Tages eine Schwester zu quälen. „Du solltest jetzt endlich mutig genug sein und nach einer Brust greifen“, befiehlt der zwielichtige Zwiegesprächspartner ihm dann. Herrchen ist gleich Herr Turin, Hauptfigur in Daniel Wissers 2018 mit dem österreichischen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Königin der Berge“, ein ehemals extrem erfolgreicher IT-Manager, nun mit Mitte Vierzig in einem Pflegeheim. Und im Rollstuhl. Die Selbsteinweisung erfolgte bereits vor zehn Jahren. Nach der Diagnose Multiple Sklerose. Wisser gelingt es virtuos das schleichende Vergehen eines Menschen aus einer Perspektive skurriler Ausweglosigkeit zu beschreiben, die einen tatsächlich unter Tränen lachen macht, und apropos: Weg I – auf einen letzten will sich Robert Turin noch machen, in die Schweiz, wegen der dort erlaubten Freitodbegleitung.

Und apropos: Weg II – Margit Mezgolich folgt Wissers Vorlage auf dem eingeschlagenen, nämlich aus der Tragik von Turins Zwangslage eine groteske Situationskomik zu generieren. Die Theatermacherin zeigt den von ihr zur Spielfassung umfunktionierten Text mit ihrer Truppe IG Fokus in der Kunsttankstelle Ottakring. Es ist dies die zweite Produktion der Pop-up-Bühne nach „Der Winter tut den Fischen gut“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28070), und die ausgewählte Lokalität auch diesmal von perfekter Passform, fenster- und sichtbeton-trostlos, die Wände stellenweise mit Baustellenplastik verhängt, stellenweise krankenhausbettwäsche-gelb gestrichen und wie diese dazu verurteilt, am Versuch am Unort Fröhlichkeit zu verbreiten, zu scheitern. Das Publikum hat punkto Sitzgelegenheit die Wahl zwischen Warteraumsessel und Rollstuhl, wobei zweitere die spannendere Variante ist.

Die Physiotherapeutin prüft Herrn Turins Reflexe: Petra Strasser und Markus Zett. Bild: Anna Stöcher

Dukakis hat immer eine Flasche Veltliner zur Hand: Christian Kohlhofer und Markus Zett. Bild: Anna Stöcher

„Königin der Berge“ nennt Herr Turin seine unnahbare, unerbittliche Krankheit, und der im 16. Bezirk an ihr leidet, ist Schauspieler Markus Zett, der wohltemperiert und herzgewinnend den Renitenzler gibt. Sein Turin ist um einiges liebenswerter als das papierene Alter Ego, vor allem, wenn er mit großen Augen durch die runde Brille guckt, weil, was ihm zur besten Zeit seines Lebens widerfahren, einfach nicht zu fassen zu ist, und selbst, wenn er wieder einmal lieber den Veltliner aus der Cafeteria als Sonne im Garten tankt. Der ihn nur allzu gern in die Weinseligkeit versetzt, ist Kater Dukakis, für dessen Charaktergestaltung sich Christian Kohlhofer sogar ein Paar Plüschohren aufsetzt. Sein Dukakis ist ein Schlitzohr, das Mezgolichs satirische Inszenierung mittels sarkastischer Besserwisserblicke Richtung und direkten Ansprechens der Zuschauer noch maximiert.

Die Aufführung bleibt zwar stets nah am Buch, aber nicht so verbissen zwischen dessen Deckeln klebend, dass kein Platz für feingetunt schrullige Szenen wäre. Deren Darstellung in den begnadeten Händen von Karola Niederhuber, Petra Strasser und Valentina Waldner liegen, alle drei großartig als abgründig bigotte Pflegeschwestern, die selbstverständlich das Sterberecht als Gottesgesetz sehen. Niederhuber spielt außerdem noch Turins von einem neuen Mann hochschwangere, oder bildet er sich das nur ein?, Ehefrau Irene, die von ihrer Karriere vor allzu häufigen Besuchen bewahrt wird; Strasser Irenes Schwester sowie kurzzeitiges Turin-Pantscherl Christina, und überdreht-kauzig eine Physiotherapeutin mit Osteuropa-Akzent; Waldner die gegen jede Vernunft in Herrn Turin verliebte Psychologin Katharina Payer – und jede im Trio zwischendurch kreischend die alte Ditscheiner von Zimmer 407.

Erst Entsetzen über Turins Fenstersprung …: Petra Strasser, Valentina Waldner, Karola Niederhuber und Christian Kohlhofer. Bild: Anna Stöcher

… aber schon wird wieder gesungen: Valentina Waldner, Karola Niederhuber und Petra Strasser. Bild: Anna Stöcher

Ganz nach Motto lieber bitterböse, als nur bitter, wird im Verein das Schwesternalphabet gesungen, werden geschmacklose Katheterkalauer gemacht, Herrn Turins sinnlose Selbstmordversuche milde weggelächelt, will die Heimleitung doch alles tun, um einen Suizidskandal zu vermeiden, kann sich der Kater seine zynischen Kommentare zur Jenseitigkeit mancher Momente sowieso nicht verkneifen. So klar die Sprache von Daniel Wisser, so unsentimental hat Mezgolich sie umgesetzt, und auch, wenn ihre Arbeit ein scherzhaftes einem schmerzhaften Ende

vorzieht, vergisst sie nie die Ernsthaftigkeit des Themas, sich die Entscheidungen übers eigene Leben nicht entziehen zu lassen. In seinem Insistieren, dem absehbar qualvollen Siechtum durch ein selbst bestimmtes Sterben zu entkommen, macht sich Herr Turin schub-di-wupp auf die Suche nach einer Chauffeuse in die Schweiz. „Wie machst du das mit den Weibern?“, wundert sich Christina, als sich außer ihr noch deren andere für den Auftrag anbieten, „dass die immer tun, was du willst“. Wer ihn fährt und ob Turin den Schlussstrich zieht, ist bis 4. Dezember zu erfahren.

„Königin der Berge“ des Theater IG Fokus ist ein pointiertes Kammerspiel zu einer heiß umfehdeten Fragestellung. Dass Markus Zett im Rollstuhl sozusagen auf Augenhöhe am Publikum entlangfährt, macht das insgesamt beeindruckende Spiel des Ensembles nur umso besonderer. Ein Gipfelsieg – für alle Beteiligten. Letztes Lied: The Rolling Stones – „Time Is On My Side“.

igfokus.wordpress.com           www.kunsttankstelleottakring.at

  1. 11. 2019

Wiener Festwochen: Diamante

Mai 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Voyeur in anderer Leute Lebenswelten

Bild: © Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Werksiedlungen gab’s auch hierzulande, in Wiedenbrunn von den Krupps für ihre Berndorf-Arbeiter aufgezogen, in Kaprun, in Altach, in Hard, die berühmteste, in Mannersdorf, hat kein geringerer als Roland Rainer konzipiert. Werksiedlungen sind Städte, die Unternehmen für ihre Untergebenen errichten. Google und Facebook schufen zum Beispiel idyllische Fleckchen für ihre Tüftler und Denker, die so selbst im Privaten greifbar sind, Tag und Nacht Tür an Tür mit den Chefs.

Um solcherart die Produktion und damit den Profit zu steigern. Und weil man nun alles teilt, von Gratisfahrrädern übers Gemeinschaftsschwimmbad bis zur Bio-Nahrung, besonders perfide war einst Krupp in Essen, wo die Wohnkolonie sowohl an die werkseigene Gas- als auch Wasserleitung angebunden war, und ein Teil des Lohns in Lebensmittelscheinen zur alleinigen Einlösung beim Krupp-Krämer ausbezahlt wurde, wird der Paradiesgarten schnell zum Sektenhort. Auf Absplitterung von folgt Angst vor der Außenwelt, folgt die Abschottung – there we are: Gated Communitys. Ein gerade aus den beiden Amerikas nach Europa kommender Trend (siehe dazu auch die Filmrezension zu Lukas Valenta Rinners „Die Liebhaberin“: www.mottingers-meinung.at/?p=25785).

In eine solche führen nun der argentinische Regisseur Mariano Pensotti und seine Kompanie Grupo Marea bei der ersten diesjährigen Festwochen-Produktion „Diamante“. In der riesigen Halle der Erste Bank Arena in der Donaustadt, der 22. Bezirk dies Jahr ja ein Festwochen-Schwerpunkt mit zahlreichen Projekten, hat sich Pensotti von Bühnen- und Kostümbildnerin Mariana Tirantte diese Dschungelstadt aufbauen lassen, zehn Häuschen und ein Auto, die Zuschauer bewegen sich dazwischen, von Spielort zu Spielort, beobachten durch Schaufenster, wie Darstellerinnen und Darsteller agieren, der oberste Teil der Glasfronten jeweils der Platz für Übertitel mittels derer erklärt wird, was zu sehen ist. Ein Erzähler geleitet das Publikum zusätzlich von Station zu Station.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Drei Mal durchläuft man den Kreislauf der elf Geschichten à acht Minuten, in Sommer, Herbst und Winter wird man zum Voyeur in anderer Leute Lebenswelten, die Reihenfolge des theatralen Spaziergangs dabei beliebig. So fiktiv die einzelnen Geschichten, von denen Pensotti berichtet, so wahr die ganze Geschichte. Diamante wurde 1836 von der Bergbau- gesellschaft Goodwind im Norden Argentiniens gegründet, zählt heute etwa 20.000 Einwohner, und war zunächst ein kapitalistisches Utopia mit dem Ziel, durch Zivilisierung der Region einen strategischen Zugang zu den reichen Erdölvorkommen zu schaffen.

Der deutschstämmige Goodwind-Eigentümer Emil Hügel ließ die südschwedische Ferienpittoreske seiner Kindheit nachbauen, die ersten Siedler kamen wie er überwiegend aus Deutschland, doch schon bald gab der Gründer seiner Stadt strenge Regeln: Anstelle des örtlichen Spanisch wurden Deutsch und Englisch gesprochen, die Kirchen waren protestantisch, Alkohol wurde nur abends verkauft, alle mussten jeden Morgen gemeinsam Sport machen, jeder musste ein Musikinstrument beherrschen … In diese Tatsachen platziert Pensotti seine ans Fernsehformat Telenovela angelehnten Minidramen.

In ihren skandinavischen Holzhäuschen, eingebettet in ihre sozialen Privilegien, erspäht man die Menschen beim Tanzen und Lieben, sieht, wie Beziehungen entstehen, zerbrechen, wie betrogen, die Flucht gewagt und trotz allem gehofft wird. Eine leitende Angestellte des Konzerns kandidiert für das Gouverneursamt, der Betriebsrat wird ihr linker Gegenkandidat. In das Haus einer Rechtsanwaltsfamilie, die für das Unternehmen arbeitet, wird eingebrochen. Der Gewerkschafter wird beschuldigt, den Einbruch organisiert zu haben, in Wirklichkeit war es der Wahlkampfmanager seiner politischen Rivalin – und verhaftet. Die rechte Kandidatin gewinnt die Wahl, doch die Firma fusioniert plötzlich und ohne ihr Wissen, es gibt Entlassungen, später geht das Werk bankrott.

Diamante, die zukunftsträchtige Mustersiedlung, hat sich in ihr schlimmstes Gegenteil verkehrt, mit jedem Akt werden die Charaktere verunsicherter, steigt die Sorge um Sicherheit und Wohlstand, werden die Verhältnisse chaotischer, die Menschen verrohter und gewaltbereiter: Sekten, Gangs, Milizen bestimmen bald die Stadt – die schließlich, wie zynisch ist das denn!, zum Themenpark wird, in dem die verbliebenen Einwohner sich selbst nur noch spielen. Auch das reale Diamante hat sich in die Region, in der es errichtet wurde, nie integriert; im Gegenteil, man lebt in Furcht vor den Nachbarn, denn der Lebensstandard der Stadt steht in krassem Widerspruch zur Armut der umliegenden Dörfer.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

So überwältigend ausufernd die einzelnen Ebenen dieses Live-Epos, so klar die Grundaussage. Pensotti zeigt auf, wie sich ein Innen zum Außen verhält, heißt: wie Privates von Politik, diese von der Wirtschaft gegängelt wird. Er zeigt ein System, das das Individuum als kalkulierbar und sich ergo als ihm nicht mehr verpflichtet betrachtet, zeigt subtil die seelischen und zwischenmenschlichen Folgen von permanentem Erfolgsdruck zwecks Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung.

Er arbeitet sich an den Themen Kolonialismus und Neoliberalismus und dem Outsourcing von Arbeit in Billiglohnländer ebenso ab, wie an der Festungsmentalität derer, und hier trifft er den Nerv der europäischen Gegenwart, die um den Erhalt ihres Hab und Guts bangen. Dies bevorzugt verbrämt im Begriff der Erhaltung der eigenen Kultur. „Diamante“ ist ein fünfeinhalbstündiges Immersivspektakel, anstrengend, aber da dramaturgisch ausgetüftelt durchwegs spannend. Ergreifende Geschichten, perfekte Performance, tolles Setting, großartiges Theater. Die Wiener Festwochen 2019 beginnen mit einem Höhepunkt.

Video: www.youtube.com/watch?v=XoCE2Rvtt24           www.festwochen.at

  1. 5. 2019

Alles für’n Hugo: Katharina Straßer im Gespräch

Februar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich suche die Cissy Kraner in mir“

Katharina Straßer und Boris Fiala. Bild: © Rita Newman

Katharina Straßer singt Cissy Kraner. Die moderne Volksschauspielerin widmet der außergewöhnlichen Diseuse, die mit Ehemann Hugo Wiener österreichische Kabarett- geschichte schrieb, zum 101. Geburtstag einen groß- angelegten Würdigungs- abend. Premiere ist am 27. Februar im Rabenhof. Katharina Straßer im Gespräch:

MM: Was verbinden Sie und was verbindet Sie mit Cissy Kraner?

Katharina Straßer: Bis jetzt nicht so viel, aber jetzt sehr viel. Ich habe in der Schauspielschule schon Lieder von ihr gesungen, das gehörte einfach zum Repertoire, habe aber gar nicht so viel damit anfangen können. Ich singe nun aber auch zwei Cissy-Kraner-Lieder in meinem Programm „Wien für Anfänger“, das ich gemeinsam mit Bela Koreny und Wolf Bachofner mache, und habe gemerkt, dass mir das doch liegt. Mich hat dann Karin Sedlak angesprochen, die Cissy Kraner noch kannte und eine Dissertation über sie geschrieben hat und eine große Liebhaberin ihrer Kunst ist – und sie hat mir vorgeschlagen, ob ich da nicht einen Abend machen will. So kam die Sache ins Rollen. Und, wie gesagt, jetzt verbindet mich mit Cissy Kraner sehr viel.

MM: Nämlich?

Straßer: Die Schrulligkeit. Vielleicht komme ich auch allmählich in das Alter dafür. Hugo Wiener und Cissy Kraner haben ein so unglaubliches Kulturgut hinterlassen, ich bin ganz selig, dass ich das Programm machen darf. Cissy Kraner ist ein Gesamtpaket, so etwas gibt es heute gar nicht mehr, diese Art zu erzählen. Ich finde Sie auch irrsinnig unheimlich. Als Kind, kann ich mich erinnern, wenn ich sie im Fernsehen gesehen habe, habe ich mich total vor ihr gefürchtet. Das haben mir Leute, die sie noch kannten, auch erzählt, Felix Dvorak zum Beispiel, hat mir einmal gesagt, er war froh, dass er nie mit ihr auf der Bühne gestanden ist, weil sie „eine Wilde, eine Furie“ war. Das kann ich mir schon vorstellen, diese Seite an ihr möchte ich auch zeigen.

MM: Weil Sie sagten, Sie hätten sich an der Schauspielschule damit schwer getan: Mussten Sie sich als Tirolerin erst auf die Art und Weise der Wiener einstellen?

Straßer: Auch. Als ich nach Wien kam, hatte ich das gar nicht drauf, das musste ich erst lernen. Mittlerweile ist es so, dass die meisten Leute glauben, ich bin die Ur-Wienerin, es liegt mir irgendwie, die Mentalität, das Raunzerte, die Suderei, aber auch der Charme passt zu mir fast besser. Nur wenn ich müde oder einmal besonders sentimental bin, rede ich sofort wieder Tirolerisch – und mit Tirolern natürlich. Der Tiroler ist noch härter als der Wiener, auch grantig, aber ohne Charme, ohne Schmäh. Was mich fasziniert ist, dass Hugo Wiener diesen Schmäh im Wienerischen erfasst hat, aber auch in ganz vielen anderen Sprachen, vor allem auf Spanisch. Die beiden haben in Caracas ja unzählige Revuen gespielt, einfach übersetzt. Dass man das kann, finde ich bewundernswert.

MM: Ihr Programm heißt „Alles für’n Hugo“, damit ist natürlich Hugo Wiener gemeint, die Redewendung hat in Wien aber noch eine zweite Bedeutung. Möchten Sie diese Doppeldeutigkeit erklären?

Straßer: Die wird sich, denke ich, von selber erklären. Cissy Kraner hatte heuer im Jänner ja ihren 101. Geburtstag und „Alles für’n Hugo“ handelt davon, dass sie Hugo Wiener im Himmel wieder trifft, nachdem die beiden einander 26 Jahre nicht gesehen haben. Sie ist aufgeregt und macht „Alles für’n Hugo“, damit sie ihn wieder sieht.

MM: Nach welchen Kriterien haben Sie die Chansons ausgewählt?

Straßer: Ich habe mich durchgehört und es gibt einiges, mit dem ich nichts mehr anfangen konnte, weil es zu altmodisch ist, weil heute nicht mehr die Zeit dafür ist, und dann gibt es Chansons, die wirken richtig zeitgenössisch. Es gibt von vielen Liedern keine Noten, doch auch da habe ich ein paar Zuckerl ausgewählt, auf die mich Karin Sedlak gebracht hat, wie die „Schönheitspflege“, die haben wir uns wirklich von der Simpl-DVD runtergehört. Eine großartige Nummer, die fast niemand mehr kennt, und um die’s schade wäre, wenn man sie nicht singen würde.

MM: Und was geht zum Beispiel nicht mehr?

Straßer: Die Leute sagen zu mir: Warum singst denn „Die Pokornys“ nicht? Und dann höre ich mir das an und eigentlich ist nur die erste Strophe wirklich lustig, die anderen zwei kann man gar nicht mehr singen, weil man das heutzutage fast für rassistisch halten würde. Aber ich singe einen „Nowak“, da singe ich auch das Wort Neger, das heißt im Original so, das kann man nicht austauschen, und den „Vorderzahn“ natürlich und „Wie man eine Torte macht“. Die Evergreens müssen dabei sein, ich glaube, sonst wäre das Publikum enttäuscht. Aber es kommt vielleicht anders als erwartet …

MM: Dazu gleich die Frage: Cissy Kraner hatte eine sehr spezielle Art, vorzutragen. Wie macht man sich nicht zur Kopie und wird ihr trotzdem gerecht?

Straßer: Ich hör’s mir zuerst von ihr an, damit ich die Melodie im Kopf habe, denn ich kann keine Noten lesen, dann vergesse ich das wieder und mach’s zu meinem eigenen. Ich mache sie auf keinen Fall nach, das kann man auch überhaupt nicht. Ich suche die Cissy Kraner in mir.

MM: Und, was gefunden?

Straßer: Naja, Interpretationsmöglichkeiten, an die ich noch nie gedacht habe. So habe ich auch noch nie gesungen. Als Eliza Dolittle bei „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ ist relativ klar, wie man es zu singen hat, da gibt es nicht so viel Spielraum, aber bei diesen Liedern eben schon. Wann singst du, wann sprichst du, wann erzählst du, was machst du mit der Mimik? Das musste ich mir alles überlegen. Was ich so toll finde, ist, dass jedes Lied eine andere Rolle ist. Ich spiele also nicht nur die Cissy Kraner in verschiedensten Szenen, sondern auch noch elf Charaktere in den Liedern. Ich denke, der Abend wird sehr voll, sehr bunt – es ist viel Material, das da auf die Zuschauer zukommt.

MM: Gibt es einen biografischen roten Faden, die beiden führten ja ein durchaus auch tragisches Exilantenleben in Kolumbien und Venezuela … heißt: erzählen Sie von Cissy Kraners und Hugo Wieners Leben?

Straßer: Alles erzähle ich. Ich erwähne alle wichtigen Ereignisse, es gibt natürlich aus Caracas noch unzählige Geschichten, die den Rahmen sprengen würden, wie ihnen die Pässe weggenommen wurden und so weiter. In „Alles für’n Hugo“ kommt alles vor, nur manche Details werden ausgelassen, der Abend geht bis zu ihrem Tod – Hugo Wiener ist 1993 gestorben, Cissy Kraner 2012 – und am Schluss wird eine Klammer geschlossen. Das Ganze sollte also ein rundes Stück sein. Sie ist ja mit ihm mitgegangen, obwohl sie keine Jüdin war, und sie haben sich aus dem Nichts in Caracas eine erfolgreiche Pianobar aufgebaut. Nach dem Krieg sind sie 1948 zurück nach Wien – und haben wieder von vorne angefangen. Alle waren tot, Familien und Freunde, nur Fritz Imhoff war noch am Leben. Das muss man sich einmal vorstellen! Und sie haben’s zum zweiten Mal geschafft, Stars zu werden.

MM: Wozu man sagen muss, dass Cissy Kraner Hugo Wiener auch oft aufgefangen hat.

Straßer: Davon erzählt sie oft, dass er sehr depressiv war. Sie sagt wortwörtlich: Ich habe immer geachtet, dass er keine bösen Filme schaut, keine schlimmen Nachrichten liest. Er hatte einige Suizidversuche hinter sich, er war permanent gefährdet, und er hat sie in ihrer Härte, ihrer „Wildheit“, über die wir vorhin gesprochen haben, wahrscheinlich auch gebraucht. So, wie sie ihn auch gebraucht hat, sie wollte Karriere machen und hatte an ihrer Seite diesen genialen Liederschreiber, die wird ihn durch die Exiljahre schon durchgeschliffen haben. Das kann ich mir alles vorstellen, das einzige, dass ich mir nicht vorstellen kann, ist, dass man für die Karriere auf Kinder verzichtet. Aber da war natürlich diese Unsicherheit eines Lebens in Südamerika, und es außerdem für Frauen früher noch schwerer als heute, Kinder und Karriere zu vereinbaren.

MM: Sie haben mit Regisseur Andy Hallwaxx einen Komödienspezialisten und mit Pianist Boris Fiala auch einen Theaterkomponisten an Ihrer Seite. Zwei Experten auf Ihrem Gebiet.

Straßer: Ja, das ist super. Ich bin sehr froh, dass Boris mit von der Partie ist. Ich dachte erst, weil er spielt sonst so lässige und coole Sachen, er wird sich denken: Was mache ich mit dem Zeug? Aber er war sofort Feuer und Flamme. Er ist mit diesen Liedern aufgewachsen und hat sich richtig reing’haut, denn es ist nicht immer einfach, was Hugo Wiener am Klavier spielt. Er ist jetzt mehr eingebaut, als ursprünglich vorgesehen, das heißt: er sitzt nicht nur am Klavier. Hugo Wiener und Cissy Kraner beherrschten die große Kunst, etwas schwer Erarbeitetes leicht aussehen zu lassen. Hoffentlich gelingt mir das auch an diesem Abend, der soll auch locker-flockig rüberkommen. Wenn das funktioniert, ist es das schönste Gefühl, dass es überhaupt gibt.

MM: Wie Cissy Kraner und Hugo Wiener leben auch Sie in einer Künstlerehe, Ihr Mann ist der Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits. Wie schwer oder wie leicht ist das?

Straßer: Auf der einen Seite ist es super, weil er genau weiß, wovon ich rede. Ich könnte mir vorstellen, mit jemandem, der gar nichts mit dem Showbiz zu tun hat, wäre es schwer, dass der meinen Beruf versteht. Ein Vorteil ist, dass die Kreativität daheim weitergeht, dass man künstlerische Dinge bespricht, auch wenn man gerade kocht oder den Geschirrspüler ausräumt. Ein Nachteil ist vielleicht, dass man mitunter Engagements gegeneinander aufwiegt. Nicht, dass wir in Konkurrenz stünden, aber, wenn er einen Film dreht und ich grad nicht, oder ich eine Serie und er hat keine Rolle darin … Man ist halt sehr gut vergleichbar.

MM: Auch in der Öffentlichkeit? Thomas Stipsits und Sie sind doch sehr medienpräsent. Wo ziehen Sie eine Grenze?

Straßer: Ich rede übers Private nicht so gern. Jeder weiß, dass ich mit Thomas verheiratet bin und dass wir zwei Kinder haben, es wäre also idiotisch nicht zumindest einen Satz dazu zu sagen. Aber ich mache keine Homestorys, es gibt keine Fotos von unserem Zuhause, von unseren Kindern. Aber natürlich, wenn Thomas und ich gemeinsam irgendwo sind, dann sind wir als öffentliches Paar auch eine Marke. Oder zum Beispiel „Love Machine“: Wenn wir zusammen in einem Film über die Liebe spielen, dann muss man Journalistenfragen dazu so gut es geht beantworten.

MM: Apropos: „Love Machine“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31598) ist im Kino extrem erfolgreich. Regisseur ist Andreas Schmied, mit dem Sie im November die ORF-Komödie „Curling for Eisenstadt“ gedreht haben. Worum geht’s da?

Straßer: Das war eine tolle Erfahrung, sehr aufregend, drei Monate nach der Geburt meiner Tochter auf dem Eis zu stehen. Auch nicht ganz normal, hätte ich unter anderen Umständen auch nicht gemacht, aber es ist so ein schöner Frauenfilm. Es ist eine so coole Rolle, und das Curling ist auch so absurd und lustig. Ich spiele Vicki Kapfensteiner, eine nicht sehr erfolgreiche und nicht sehr ambitionierte PR-Frau, die etwas für das Burgenland tun soll. Also versucht sie, die Curling-WM nach Eisenstadt zu bringen und stellt eine Damenmannschaft zusammen. Vorher ist sie eine toughe Pressefunsen, die durch den Sport zum besseren Menschen wird. Wie das halt so ist. Ich hoffe, es wird ein schöner Film, die Dreharbeiten waren es jedenfalls.

MM: Und anstrengend?

Straßer: Megaanstrengend. Wir waren die letzten drei Wochen nur auf dem Eis, da hatte es sieben Grad, und wir hatten nur dünne Pullis an. Da sind wir alle durchs Frieren sehr an unsere Grenzen gegangen. Wir haben Curling wirklich gelernt und trainiert. Wir waren offenbar so gut, dass der Österreichische Curling Verband uns im März zur Curling-Weltmeisterschaft für Frauen nach Dänemark mitnehmen wollte. So viele Frauenmannschaften gibt es ja nicht.

MM: Wie geht’s mit der Maja Landauer weiter?

Straßer: Ich weiß nicht, ob ich was sagen darf. So, wie die letzte Staffel geendet hat, wo sie sich sehr schuldig gemacht hat, ist die Frage, ob und wie es weitergeht. Ich glaube aber, es schaut ganz gut aus.

MM: Nun haben Sie sich die Figur Cissy Kraner erarbeitet. Premiere von „Alles für’n Hugo“ ist am 27. Februar im Rabenhof, es folgen Bundesländertermine, wie am 16. März im Treibhaus Innsbruck oder am 12. April im Danubium Tulln. Wer würde Sie sonst noch reizen?

Straßer: Lady Gaga möchte ich gern einmal in einem Kinofilm spielen. (Sie lacht.) Ich würde überhaupt mein Leben als Schauspielerin jederzeit gegen eines als Popstar tauschen. Das fänd‘ ich geil.

Die Kritik zu „Alles für’n Hugo“: www.mottingers-meinung.at/?p=32204

www.katharinastrasser.at          www.rabenhoftheater.com

25. 2. 2019

TAG: Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit

April 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das neue Leben geht in zwei Wochen los

Raphael Nicholas ist ein strippenziehender, allwissender Spielleiter. Bild: © Anna Stöcher

William Makepeace Thackerays Wälzer „Vanity Fair“ verwendet Regisseurin Margit Mezgolich für ihre jüngste TAG-Überschreibung „Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit“. Ab 1847 ist Thackerays großer Gesellschaftsroman in Fortsetzungen im Satiremagazin Punch erschienen, die Geschichte der gerade einer „Erziehungsanstalt für junge Damen“ entschlüpften Freudinnen Becky Sharp und Amelia Sedley.

Zeitlich verankert durch Schilderungen der Schlacht von Waterloo – diese, Napoleons Niederlage, der einzige historische Hinweis im Buch. Mezgolich hat da mehr zu bieten. Wer will kann sich mit ihren Figuren auf Zeitreise begeben. Wo war man, als die Mauer fiel, Lady Diana verunglückte, 9/11 passierte? Immer wieder erinnern Nachrichtensprecher an die dramatischsten Ereignisse der vergangenen dreißig Jahre. Zeitreise ist das große Thema des Abends, an dem Raphael Nicholas in altertümlicher Aufmachung und mit Zeremonienstock als letzter an die Thackeray’schen Charaktere gemahnt. Er ist – einerseits – dessen „Spielleiter“, im Original wie hier ein stippenziehender, allwissender Erzähler, der gern die Handlung unterbricht, um seine moralisierenden Weisheiten von sich zu geben.

Nicholas tut das mit ausladend-manierierter Geste und melancholisch gelüpfter Augenbraue. Ach, die Menschen, sie sind schon so! Andererseits aber ist er „Stefan“, der, wie sich alsbald herausstellen wird, Loser einer Gruppe von (ehemaligen) Schauspielschülern. Die hat er nun, am 21. April 2018, zum Klassentreffen eingeladen. In ein Abbruchhaus ohne Fenster und Möbel – ein Schelm, wer da an Horrorfilmszenarien denkt. Von der desaströs langweiligen Party geht’s im Zeitraffer in die Vergangenheit und zurück in die Zukunft.

Die Zeitreise ins Jahr 1989 gelingt mit passenden Perücken: Jens Claßen, Georg Schubert, Lisa Schrammel und Petra Strasser. Bild: © Anna Stöcher

Stefan beim Vorsprechen als „Spielleiter“: Lisa Schrammel, Georg Schubert, Petra Strasser, Jens Claßen und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Da beginnt’s mit einem Vorsprechen Stefans in der Rolle des Spielleiters in der Gruppe 80. Ein Insidergag, der vom Uraufführungspublikum mit entsprechendem Gelächter gewürdigt wurde. Da werden mittlerweile erworbene Wohlstandsbäuche abgeschnallt und haarsträubende Perücken aufgesetzt, um das Jahrzehnt anzuzeigen, das gerade Sache ist. Der Inhalt? Ungefähr so: Emma liebt Martin, der sie mit Becky betrügt, und wird von Richard heimlich wiedergeliebt. Dazwischen ereignen sich die großen und kleinen Katastrophen des Alltags, von Eheschließungen bis Jobverlust bis Autounfall mit dramatischen Folgen.

Bei der Schauspielerei bleibt nämlich keiner der vier. Nach und nach kristallisiert sich außerdem heraus, dass alle mehr als einen Strauß miteinander auszufechten haben. Spielleiter Stefan genießt und musiziert., die Handlung nimmt den Twist, den man beinahe erwartet hätte. Dass Mezgolichs Übung gelingt, ist im hohen Maße dem wie immer von überbordender Spielfreude beseelten TAG-Ensemble zu danken. Raphael Nicholas, Jens Claßen als schüchternem Richard, Lisa Schrammel als naive, „höhere Tochter“ Emma, Georg Schubert als polternder Kotzbrocken Martin und Petra Strasser als hippelige Stadtneurotikerin Becky.

Mit nervösem Augenflattern kann sie bei jedem neuerlichen Treffen von einer aktuellen Geschäftsidee berichten, die „in zwei Wochen losgeht“. Was bleibt vom Leben „Unterm Strich“? – das ist die eindringliche Frage, die Margit Mezgolich mit ihrem Text an die Zuschauer weiterspielt. Zum Glück, schließlich am Schluss ein Hoffnungsschimmer. 2018 ist veränderbar! Richard gelingt es anno ´89 Emma einen seiner über die vielen Jahre an sie gerichteten Sehnsuchtsbriefe zu überreichen. Das lässt die Idee zu, dass wenn schon vielleicht nichts besser, so doch alles anders wird …

Video: vimeo.com/265560413

dastag.at

  1. 4. 2018

Rabenhof: Austrian Superheroes. Rückkehr der Helden

April 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Actionreiche Comic-Performance vom A.S.H.-Team

Randolf Destaller, Magda Kropiunig und Christian Strasser. Bild: Juri Tscharyiski / Rabenhof

Alf Peherstorfer. Bild: Juri Tscharyiski / Rabenhof

Im Rabenhof, wo man immer für szenische Überraschungen gut ist, sorgen seit gestern Abend die Austrian Superheroes für Recht und Ordnung. Basierend auf den kultigen Graphic Novels unterhalten Magda Kropiunig, Christian Strasser und Randolf Destaller, unterstützt von Live-Musiker Alf Peherstorfer und Erzählerin Lucy McEvil, mit einer Comic-Performance vom Feinsten. Da wird kein Kabumm ausgelassen, wenn es darum geht, Wien vor dem Bösen zu beschützen.

Vor dem Hintergrund der Animationen schlüpfen die drei Darsteller in die Rollen von Captain Austria, Lady Heumarkt, dem Donauweibchen und dem Bürokraten, um dem Übel den Garaus zu machen. Das ist eindeutig übernatürlichen Ursprungs und entpuppt sich – no na in der hiesigen Innenstadt – als Basilisk (Video: www.youtube.com/watch?time_continue=13&v=CYYg__xRu5w). Wer er ist, und warum, dröselt sich zwar auf, aber nicht, von wem entsandt. Um das zu erfahren, muss man wohl auf die Bücher zurückgreifen, die bereits ins dritte Heldenjahr gehen, oder auf eine Bühnen-„Fortsetzung folgt“ hoffen. Nach einer Stunde ist der Spaß nämlich schon wieder vorbei. Allerdings nicht ohne, dass der scheidende Wiener Bürgermeister und sein Rathausmann noch ein paar gewichtige Argumente zum Erhalt der Heurigen ins Rennen geführt hätten …

www.austriansuperheroes.com

www.rabenhof.at

  1. 4. 2018