Michael König im Gespräch

Dezember 11, 2015 in Bühne

Michael König als Anatol Bild: Jan Frankl

Michael König als Anatol
Bild: Jan Frankl

VON MICHAELA MOTTINGER

Spielt „Anatol“ im Theater in der Josefstadt

Arthur Schnitzlers Einakterzyklus neu gedacht: Herbert Föttinger und Peter Turrini machen aus „Anatol“ die Lebensbilanz eines Frauenverzehrers. Lange schon trägt sich der Josefstadt-Direktor mit der Idee aus den erotischen Episoden eines wohlhabenden Bonvivants die Geschichte eines an der Liebe Gescheiterten zu filtern. Helmuth Lohner sollte die Rolle des, dies allerdings keineswegs ehrwürdig, ergrauten Weiberhelden spielen; Michael König hat für ihn übernommen. Ihm als Anatol steht Peter Matić als Max zur Seite. Die Damenriege ist mit Andrea Jonasson als Gabriele, Sandra Cervik, Katharina Straßer, Martina Ebm und Martina Stilp hochkarätig besetzt. Premiere ist am 17. Dezember. Michael König im Gespräch:

MM: Als Herbert Föttinger Sie wegen des „Anatol“ angesprochen hat, was dachten Sie da?

Michael König: Ich habe zwar Schnitzler schon gespielt, „Einsamer Weg“ oder „Weites Land“, aber das ist doch aufregend schwer für mich. Dieses scheinbare Parlando, diese Oberfläche, die in der Schwebe bleibt, so zu spielen, dass es nicht nur ein langweiliges Geschwätz ist, das muss man schaffen. Und da fand ich den Ansatz von Herbert Föttinger interessant, dass Anatol und Max alte Schauspieler sind, die mit Imagination zurückblicken, auf das, was war, was man vielleicht verpasst hat, dass man in ein ganzes Leben schaut.

MM: Peter Turrini und Herbert Föttinger haben dem Ganzen eine Rahmenhandlung in einem Tanzpalast gegeben. Eine Selbstbespiegelung? Das Bildnis des Dorian Anatol?

König: Es hat damit zu tun. Inklusive der wahnsinnigen Egomanie des Herrn Anatol. Die Parallele zu Oscar Wilde ist da. Man sieht das auch bei den Frauen: Er sieht nie das Du in einer von ihnen. Dass eine Frau eine Person sein kann, nicht nur ein faszinierendes erotisches Fluidum, das kommt bei Anatol einfach nicht vor.

MM: Der Text bewegt sich zwischen Sentiment und Sarkasmus?

König: Das Sentiment versuchen wir gerade rauszukicken. Sarkasmus kommt ganz stark vor, in manchen Szenen wird ja Krieg geführt. Es ist so, dass ganz stark geschmeckt wird, in diesen Blüten, den Haarlocken seines Erinnerungskistchens. Vielleicht war die „Richtige“ doch da und ich habe es nicht wahrgenommen? Es geht um einen Jäger, der immer etwas besseres sucht. So heißt es im Stück: Die letzte ist immer die beste. Man fragt, wo ist das Ziel? Und dieses Ziel gibt es für diesen Narziss nicht.

MM: Ist es nicht das Wesen des Jägers, dass die Beute, sobald erlegt, uninteressant ist? Derart Männer kennt man doch.

König: Und Schnitzler ist das beste Beispiel. Er war besessen von der Erotik, vom Verzehr der Frauen. Schnitzler ist unglaublich, wenn man sich einmal in sein Tagebuch vertieft, das ist voll von den einzelnen Windungen und Wendungen seiner Beziehungen – grausam zum Teil. Max und Anatol sind zwei Seiten seiner Seele, sind Schnitzler A und Schnitzler B. Er seziert, er hat den Blick von außen, nur hat er im Gegensatz zu beispielsweise Tschechow keine Empathie.

MM: Schaut Schnitzler nicht von innen heraus? Wie man durch die Augen eines Totenschädels ins Draußen schauen könnte?

König: Es ist beides. Und das ist aufregend. Tatsächlich weiß er über das Innere der Menschen viel und das ist faszinierend. Aber gleichzeitig sieht er sie von außen, ganz kalt, er zerlegt, wie die Seele funktioniert.

MM: Sie verzeihen, aber Sie sind nicht mein erster Anatol. Und was haben mir die Darsteller nicht alles erzählt. Von Schwerenöter, von Sehnsüchtler mit der Betonung auf Sucht. Ich halte Anatol für einen Unsympath. Verteidigen Sie Ihre Figur!

König: Ich teile Ihre Meinung teilweise. Ich bin ein glücklich verheirateter Mann mit fünf Kindern, unsere Ehe wird jeden Tag schöner, ich bin gesegnet. Ich habe mit der Art von Anatol gar nichts zu tun. Persönlich schaue ich da ziemlich fremd drauf; gleichzeitig kenne ich natürlich diesen Typus Mann, ich habe ja viele Freunde. Ich kann da also schon etwas verteidigen, als Nicht-Wiener, und zwar diesen Charme bei den Ausreden. Es ist ja doch Natur. Die Frauen betrügen uns, sagt er, und ich liebe sie doch über alles und sie lieben mich doch über alles.

MM: Aber damit stellt er doch die Behauptung zur Selbstbehauptung auf.

König: Völlig d’accord mit Ihnen! Da müssen wir gar nicht drüber reden. Ich bin kein Macho, in diesem Sinne nicht. Doch das ist nicht das Thema. Ich ergreife nicht Partei. Diese Figur, die auch eine alte Figur ist, gibt es in dieser Form nicht mehr. Das merkt man an der Turrini-Föttinger-Fassung sehr. Dieses ganze Schwelende, das Aufregende zwischen den Geschlechtern, das gibt es so nicht mehr. Insofern ist Anatol ein Pfau aus einem anderen Jahrhundert. Durch diese Ferne kann ich die Figur anders wahrnehmen, ich bin aus einem bestimmten Denken, das am Theater heute oft so unangenehm kurzatmig ist, entlassen. Ich muss mir nicht überlegen, ob er ein grauenhafter Mensch ist, weil er ist.

MM: Und so Wienerisch? Kann man’s in Hamburg nicht spielen?

König: Doch. Und ich mach’s auch nicht auf Wienerisch, das wäre mir peinlich. Ich meine nicht die Sprache, sondern die Mentalität. Damit habe ich Schwierigkeiten. Ich meine den Umgang mit Definitionen. Ganz platt gesagt: Der Piefke, und ich bin kein Piefke, sondern ein Bayer, das ist etwas ganz anderes, der Piefke sagt: So ist das, oder so ist das nicht. Der Wiener sagt: Naja, es ist so, aber auch so, und anders muss man’s auch noch sehen. Das hat etwas Faszinierendes für mich. Das ganze Stück ist ein Herumreden, Herausreden, die Suche nach einem Weg. Sehr elegant, sehr eigen. Ich versuche das darzustellen, aber das fällt mir nicht leicht. „Anatol“ ist erstaunlich leichtfertig und gleichzeitig hat er eine erstaunliche Tiefe. Und über allem darf man nicht vergessen, dass es eine Komödie ist. In manchen Szenen beinahe vaudevillehaft.

MM: Wird damit gespielt, dass Sie nicht mehr 30 sind?

König: Nein, denn das Ganze ist ja wie ein Traum von ihm. Er zaubert die Frauen wieder hervor. Ich spiele nicht den alten Mann, sondern Anatol im Kopf von Anatol. Ich glaube, dass das funktionieren kann. Das Problem Alter gibt es nicht, weil alles aus den Gedanken von Anatol stammt.

MM: Es gibt eine Tanzszene, in der alle Geliebten wieder erscheinen. Da tanzen Sie die Damen durch …

König: Sie tanzen mich durch. Er beschwört sie, wie das wäre, wenn sie alle da wären, und dann kommen sie, rachedurstig, sie wollen ihn fressen. Zum Glück gibt es ein Blackout.

MM: Ist das der dargestellte Kontrollverlust über die Frauen? Von Cora zu Ilona entgleiten ihm die Dinge ja immer mehr.

König: Ja, er hat zwar die Fähigkeit, sich die Dinge immer schönzureden, eine übersteigerte Form mit den Frauen umzugehen, aber sie gehen mit ihm um. Sie haben ihn und lassen ihn nicht mehr los. Sie wollen mit diesem charmanten Arsch abrechnen, sie wollen, dass er in seinen Sauereien erstickt. Das finde ich gar nicht schlecht.

MM: Am Ende steht Gabriele in „Weihnachtsgeschenke“. Mit dieser Szene aufzuhören, ist nicht nur der Jahreszeit geschuldet. Ich habe es noch nie so stark wie dieses Mal gelesen, dass sie sein Pendant ist, die ihm Ebenbürtige, wenn sie sinngemäß sagt: Sag’ deinem neuen süßen Mädl, ich hätte dich lieben können, wenn ich mich getraut hätte. Ein Mut, der auch Anatol fehlt.

König: Das gefällt mir, was Sie sagen. Es stimmt etwas daran. Er hat es nicht gewagt. Vielleicht hätte es eine gegeben, aber er hat es nicht gewagt. Gabriele ist aus der großen Welt, im Grunde eine Frau, die zu ihm passen würde, aber er geht lieber in die Vorstadt. Die beiden haben ein heftiges Begehren, aber es ist vorbei, da ist tiefste Enttäuschung, Krieg, trotz der Erotik, die noch da ist. Sie killt ihn über sein süßes Mädl.

MM: Sie sind ein Mann und er tut Ihnen leid.

König: Nein, denn das wäre auch falsch. Die beiden machen sich gegenseitig fertig.

MM: Was sagt uns die Rahmenhandlung? Dass Anatol nicht in Würde altern kann?

König: Er möchte ja Schluss machen, es reicht ihm, aber er kann nicht. Wer denkt sich nicht: Es kann doch nicht einfach aus sein. Und schon ist er wieder drin, schon wieder geht es los. Anatol kann sich nicht erlösen. Er könnte sich nur selbst erlösen, und das geht nicht. Er ist gefangen.

MM: Ganz böse könnte ich jetzt sagen, die Impotenz wird ihn erlösen.

König: Das haben wir als Thema potenziell drin. Er sagt an einer Stelle: Ich will nicht mehr geliebt werden. Und Max sagt: Naja, wenn du könntest, würdest du doch sicher … Das ist als potenzielle – interessantes Wort an dieser Stelle – Möglichkeit drin, sozusagen Schnitzlers Novelle „Casanovas Heimkehr“. Ich bin ganz verliebt in diese Prosa.

MM: Was würden Sie Anatol sagen, wenn Sie könnten – von Mann zu Mann?

König: Ich würde ihm sagen, komm’ zu mir, ich stelle dir meine Frau vor, dann reden wir anders. Aber das ist nichts für die Öffentlichkeit, das ist etwas unter vier Augen.

MM: Als Frau muss man auch in den allerbesten Jahren jung und sexy bleiben. So die Anforderung der Gesellschaft. Wie bleibt ein Mannsbild ein Mannsbild?

König: Ob ich jung und sexy bleibe, ist mir wurscht. Ich lebe die Sachen, die ich wichtig und schön finde, und zwar mit Entschiedenheit. Wenn das jemand sexy findet, ist das schön.

MM: Darf ich das zum Abschluss sagen: Sie spielen den Anatol nicht statt, sondern für Helmuth Lohner.

König: Das freut mich sehr, dass Sie das so sagen. Das war für mich ein Punkt. Ich sehe Helmuth Lohner in dieser Rolle in einer Weise, in der ich mich nie sehe. Ich habe ihn schon als junger Schauspielschüler in München verehrt. Da hat Otto Schenk „Geschichten aus dem Wiener Wald“ inszeniert, Lohner war der Alfred, ich ein Komparse. Ich war fasziniert von Lohner, er hatte all das, was Anatol hat, mit einer Selbstverständlichkeit und Würde. Die Rolle nun zu spielen, ist für mich keine Last, weil sowieso klar ist, dass er der richtige dafür wäre. Daraus ein Thema zu machen, ist peinlich. Insofern entlaste ich mich auch selbst. Ich werde vor der Premiere einen kurzen Kontakt zu ihm aufnehmen und sagen: Verzeih’, dass ich es mache, aber ich mache es, wie Sie so schön gesagt haben, für dich. Und ich versuche, dass es Qualität hat.

www.josefstadt.org

Wien, 11. 12. 2015

Steinhauer & Teichtmeister in „Benatzky!“-Doku

September 2, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Machos anderer Blick auf den Komponisten

Erwin Steinhauer Bild: ORF/Fortv/Peter Aigner

Erwin Steinhauer
Bild: ORF/Fortv/Peter Aigner

Bis zum Drehen dieser Doku habe er über Ralph Benatzky nur Vorurteile gehabt, „leider“, sagt Erwin Steinhauer. Dabei, so Florian Teichtmeister, sei es höchste Zeit für ein Revival der „gfeanzten Frechheiten“ des Komponisten. Schließlich zeige kaum einer so charmant auf menschliche Abgründe. Bevor Sonntag Abend in der Volksoper sein Singspiel „Im weißen Rössl“ Premiere hat (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=14387), zeigt ORF2 in der Matinée um 9.35 Uhr Thomas Machos Film „Benatzky!“. Eine Doku, die einen sehr anderen Blick auf den Künstler zulässt. Neben Liedern abseits der „Rössl“-Ohrwürmer, die zum Teil gar nicht von Benatzky stammen, was ihn nicht glücklich machte, er hielt die Operettenrevue für eine seiner schwächeren Arbeiten, stehen seine kaum bekannten Tagebuchnotizen im Mittelpunkt. Sarkastisch kommentierte er darin seine Beobachtungen über gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entwicklungen sagte er, der mährische „Goi“, erschreckend genau voraus.

Macho schildert Benatzky als überaus politisch denkenden Menschen, der das Wesen des Nationalsozialismus vor vielen anderen erkannte, hatte er doch schon 1924 über das „hakenkreuzlerische Leben“ geschrieben: „‚Urgermanen‘ mit Wampe und Nackenspeck, mit rückwärts rasiertem und oben hahnenkammartig durch eine Scheitelfrisur gekrönte Schädel, … arisch-arrogant, provinzlerisch gackernd.“ Später bemerkte er zur Situation jüdischer Flüchtlinge in seiner Schweizer Wahlheimat, man würdige sie zu Parias herab. Obwohl vom Dritten Reich hofiert, ging Benatzky angewidert von Nazideutschland ins Exil in die USA. Dort entstand das nun von Steinhauer interpretierte „Wienerlied in New York“. Die Playback Dolls und Thomas Rabitsch haben Benatzkys Chansons für die Doku und die Akteure Dietrich Siegl, Erwin Steinhauer, Katharina Straßer, Florian Teichtmeister und das Salzkammergut Salon Quintett neu arrangiert. So singt Straßer unter anderem „Ich steh im Regen“, Teichtmeister „Ich weiß auf der Wieden ein kleines Hotel“. Sehenswert!

Wien, 2. 9. 2015

Die Volksoper im MuTh

Mai 2, 2013 in Klassik

Katharina Straßer ist „Die schöne Magelone“

Katharina Straßer Bild: (c) Martin Hesz

Katharina Straßer
Bild: (c) Martin Hesz

Schauspielerin und Nestroy-Preisträgerin Katharina Straßer, die seit 2008 regelmäßig an der Volksoper als „My Fair Lady“ zu erleben ist, liest am 2. Mai, 19.30 Uhr, aus Ludwig Tiecks „Liebesgeschichte der schönen Magelone“: Die Königstochter verliebt sich in den Grafen Peter von Provence und flieht mit ihm, da sie einem anderen versprochen ist. Durch ein märchenhaftes Unglück werden die Geliebten getrennt und finden erst nach einer mehrjährigen Odyssee wieder zueinander. In Ludwig Tiecks frühromantischer Erzählung des mittelalterlichen Stoffs sind Prosa und Lyrik durchmischt.   Der Tenor Jörg Schneider, ehemaliges Mitglied der Wiener Sängerknaben und seit 2007 dem Ensemble der Volksoper, präsentiert 15 Romanzen aus Tiecks „Magelone“, die Johannes Brahms um 1865 vertont hat. Gabriele Andel begleitet ihn am Klavier.

„Die schöne Magelone“ ist der Auftakt für eine Kooperation von MuTh und der Volksoper Wien und wird in der kommenden Saison mit einer Musiktheaterproduktion fortgesetzt.

Neu im MuTh sind von 3. Mai bis 21. Juni, immer um 17.30 Uhr, die Friday Afternoons der Wiener Sängerknaben. Gemeinsam mit dem Orchester „Camerata Schulz“ präsentieren die Buben dem Publikum Stücke von W. A. Mozart, Johann Strauß und weiteren namhaften Komponisten sowie Werke der Welt- und Popmusik.

www.muth.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 2. Mai 2013

Katharina Straßer und Christian Dolezal im Rabenhof

April 17, 2013 in Bühne

Der reizende Reigen des Herrn Werner Schwab. Schnitzler, freigemacht.

Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen. Das war lange Zeit so ein Freecard-Spruch, den sich Intellektuelle und andere Irrlichter (ignis fatuus = Narrenfeuer) wahnsinnig gern an den Schreibtisch hefteten. Ja, DAS war noch ein Rebell, der Werner Schwab. Grazer Kampftrinker im Wiener Exil, wo er regelmäßig am Westbahnhof-Strich blutig geprügelt wurde. 1994 ein Tod mit 4,1 Promille im Blut. Unangepasster Bourgeoisie-Aufreger, Brachialpoet, Szene-Enfant-Terrible, Kulturbetriebsselbstinszenierer …

Was vergessen? Werner Schwab.

Katharina Straßer und Christian Dolezal Bild: Arnold Poeschl/Rabenhof

Katharina Straßer und Christian Dolezal
Bild: Arnold Poeschl/Rabenhof

Im Wiener Rabenhof gibt es nun eine würdige Enterdigung des großen Dramatikers. Eine ziemlich erdige. Andy Hallwaxx hat Schwabs „Der reizende Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler“ auf die Bühne gestellt (in einem fabelhaft multifunktionalem Bühnenbild von Judith Leikauf und Karl Fehringer übrigens). Comicgrell wird da die Sprache des Schriftstellers zur Tatwaffe. Und der Schwanz schrumpft vom männlichen Machtinstrument zum Witz. So er vorhanden ist – als Banane, zerbissen oder zerschnipselt und ausgespien, als Dildo, aufschraub- und abwaschbar. Frau macht Mann Sex. Aus purer Berechnung. Allein die Beischlafszenen (oder was davon übrig bleibt) der beiden Darsteller Katharina Straßer und Christian Dolezal sind einen Besuch dieses Theaterabends wert.

Schwab hat sich gar nicht weit von Schnitzler entfernt. Dessen Stil eigentlich verinnerlicht. War ja alles schon da. Das unzüchtige, aufreizende, anstößige Beziehungskarussell. Sigmund Freund und miteinander Verkehren. Konversationstonkopulieren, sozusagen. Schwab erweitert das nur um Schließmuskel, Stummelfickerkrüppel, Speicheldrüsen- und Sprechblasenentzündungen und andere Schweindlereien. So brutal, so direkt, so lebensphilosophisch bis zur Lebensuntauglichkeit, so pragmatisch, dass man sich vorm Lachen schrecken muss. Umgekehrt? Und Christian Dolezal spielt das genau so. Ein Autor-Alter-Ego. Fast. Sein Virilisationsgehabe verpufft unter den geübten Händen der Figurinnen, die die ausgezeichnete Straßer ihm hinhaut. Humor ist, wenn man trotzdem pudert.

Zu sagen, Hallwaxx hätte für seine Regiearbeit Karikaturen entworfen, greift zu kurz. Zu sagen, die Charaktere wären „Alltagsmonster“ ist eine Übertreibung. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Beim Koituskabarett. Beim Sehnsuchtsschnackseln. Die großen Pläne schmiedet der Schmied unter der Narrenkappe.

Was bei Schnitzler mit der Szene „Die Dirne und der Soldat“ beginnt, ist hier ein Treffen von Hur’ und Bürohengst. Dolezal ist in allen Ver- und Anwandlungen großartig. Als Hemmer-Klemmer, als herrischer Hausherr, als oberg’scheiter, aber begattungsunfähiger Gatte, als damischer Dichter, als – wenn sich der Reigen schließt – im Rollstuhl sitzender, impotenter Minister (statt Schnitzlers Grafen), der sich von der Dirne Wunder erhofft – und sie sich von ihm Protektion bei in jeder Hinsicht potenterer Kundschaft. Dolezal schlüpft in die Figuren, wie in die Bade- oder Pelzmäntel, die sie tragen. Sehr schön singt er unter der Dusche Georg Danzers „Weiße Pferde“: „Woran meine Liebe, glauben wir noch …“

Straßer schafft dasselbe Kunststück spielend. Mutiert von der Kaugummi kauenden Käuflichen zur „lustfidel“-quirrligen Friseurin zur naiven „Sekret“-ärin, zur Beischlaf-gegen-Betriebskostenerlass-Mieterin, zur gelangweilt ihre vorm Altar versprochenen Pflichten erfüllenden Ehefrau, zu Dichters Dummchen und Muse.

Zum Schluss wird sie mit dem Goldenen Pimmel ausgezeichnet. Verdient! Und das in der Woche, in der Goldenen Romy-Statuetten verliehen werden. Eine schnelle Ermittlung ergab, dass sie eh nicht nominiert ist. Also? Bravo!

www.rabenhoftheater.com

Trailer: www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=6g1YdTfZ8tE

Von Michaela Mottinger

Wien, 17. 4. 2013

Nicholas Ofczarek spielt den „Liliom“

April 5, 2013 in Tipps

Der neue Hutschenschleuderer an der Burg

Hans Albers hat ihn schon gespielt, mehr als 1800 Mal, außerdem Harald Juhnke, Charles Boyer, Max Pallenberg, Karl Paryla, Paul Hörbiger, Curd Jürgens, Hans Putz, Heinz Conrads, Josef Meinrad, Karlheinz Hackl, Helmuth Lohner, Herbert Föttinger … Ab 6. April ist am Burgtheater Nicholas Ofczarek dran. Matthias Hartmanns Tausendsassa, der zwischen „Onkel Wanja“ oder „Endstation Sehnsucht“ oder „Was ihr wollt“ oder … noch schnell die ORF-Erfolgsserie „Braunschlag“ oder die Moderation des Life Balls einschiebt, ist der neue Hutschenschleuderer an der Burg.

Nicholas Ofczarek Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nicholas Ofczarek
Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Ofczarek als „Liliom“. Darauf darf man gespannt sein (Rezension folgt).

1909 erfand der ungarische Dramatiker Ferenc – Franz – Molnar die Geschichte rund um den Rekommandeur eines Karussells im Budapester Stadtwäldchen. Alfred Polgar machte in der Übersetzung dann den Wiener Prater zum Schauplatz der tragischen Liebesgeschichte zwischen dem stolzen Proletarier und dem Dienstmädchen Julie. Ende: Letal, eh klar, weil Schwangerschaft und Geldnot und ergo Kleinkriminalität. Liliom wählt den Freitod. Worauf ihm im Jenseits eine in Inszenierungen immer wieder peinlich-peinsame zweite Chance auf Erden gewährt wird. Die er natürlich wieder versemmelt … An der Burg haben Semmeln keine Chance. Schließlich inszeniert die wunderbare Barbara Frey.

Mit Ofczarek spielen u. a. Katharina Lorenz, Mavie Hörbiger, Barbara Petritsch, Jasna Fritzi Bauer, Brigitta Furgler und Daniel Sträßer.

www.burgtheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 4. 2013