Architekturzentrum: Rural Moves. The Songyang Story

März 10, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pekinger Architektin Xu Tiantian zeigt ihre Arbeiten

Bamboo-Theater, Hengkeng Village. DnA-Design and Architecture. Bild: Wang Ziling

Dynamische Urbanisierungsprozesse prägen weite Teile der Welt. Die junge Bevölkerung wandert in die Städte, ältere Menschen und Kinder bleiben in den ländlichen Gegenden zurück. Lange Zeit wurde die Revitalisierung dieser Regionen vernachlässigt.

Mit dramatischen sozioökonomischen und gesellschaftspolitischen Folgen. Vor dem Hintergrund, dass die Entwicklung des ländlichen Raums weltweit eine der dringendsten Herausforderungen darstellt, zeigt die Ausstellung „Rural Moves – The Songyang Story“ ab 14. März im Architekturzentrum Wien wegweisende Strategien der jungen Pekinger Architektin Xu Tiantian, die sie in der chinesischen Region Songyang umgesetzt hat. Songyang ist ein von Bergen und dem Fluss Songyin geprägter Landkreis mit mehr als 400 Dörfern im Südosten der Provinz Zhejiang. Die besondere Landschaft mit sanften Hügeln, Reisfeldern und Teeplantagen lässt sich in der traditionellen chinesischen Literatur und in vielen Gemälden wiederfinden.

Obwohl touristisch attraktiv, ist die Region stark von Landflucht geprägt. Diverse Modernisierungsmaßnahmen, von neuen Straßen und Schnellzugtrassen bis zur digitalen Breitbandversorgung in jedem Bergdorf, zeigten bisher noch nicht die gewünschte Wirksamkeit. Nun gestaltet die regionale Regierung gemeinsam mit der Architektin Xu Tiantian den Strukturwandel mit präzisen architektonischen Interventionen.

Dushan Leisure Centre, Silingxia Village. DnA-Design and Architecture. Bild: Wang Ziling

Hakka Indenture Museum, Shicang Village. DnA-Design and Architecture. Bild: Wang Ziling

Die Bauten schaffen sowohl neue Produktionsstätten als auch öffentliche und kulturelle Orte und binden dabei vorhandene Ressourcen und oft schon vergessene handwerkliche Traditionen ein. Wie Akupunkturen ziehen die kleinmaßstäblichen, hochgradig kontextuellen Projekte ein weit ausstrahlendes Netzwerk über die Region und schaffen kulturelle, soziale und ökonomische Zukunftsperspektiven.

Xu Tiantian, die erste chinesische Architektin mit einem eigenen Büro – DnA-Design and Architecture –, hat in Zusammenarbeit mit den Dorfgemeinschaften, der kommunalen Regierung und lokalen Handwerkern eine Vielzahl von Projekten in Songyang umgesetzt. Sie ließ sich für alle Gebäudeentwürfe von der gebauten Geschichte der Orte inspirieren und erweiterte sie um zusätzliche Elemente und Funktionen.

Das verhilft der ländlichen Gegend zu einem dynamischen und organischen Wachstum und lockt gleichzeitig eine neue Generation moderner Landbewohner an.Die Ausstellung zeigt ausgewählte Projekte und erläutert sie mit Modellen, Plänen und Fotografien. Filme veranschaulichen die neue Architektur, die Kultur und auch die Geschichten der Menschen von Songyang.

www.azw.at

10. 3. 2019

Kammerspiele: Lenya Story – Ein Liebeslied

März 31, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Standing Ovations für Sona MacDonald

Psychogramm einiger komplizierter Künstlerbeziehungen: Sona MacDonald als Lotte Lenya und Tonio Arango als alle ihre Männer. Bild: Moritz Schell

Sona MacDonald in ihrem Element, dafür gab’s Donnerstagnacht in den Kammerspielen der Josefstadt Standing Ovations. Nach Marlene Dietrich und Billie Holiday widmet die wunderbare Schauspielerin und Sängerin all ihre Talente nun der Weill-Gattin und Brecht-Muse Lotto Lenya. „Lenya Story – Ein Liebeslied“ heißt der Abend, den auch diesmal Torsten Fischer und Herbert Schäfer für die Ausnahmekünstlerin geschaffen haben.

Und wieder versteht es MacDonald, ihre Sprache, ihre Stimme einer großen Diseuse anzuverwandeln, erneut gelingt es ihr, tief in deren Seele abtauchen – und nicht als Kopie, sondern als ein eigenständiger „Klangkörper“ ihre Geschichte zu erzählen. Dass Timbre und Temperament stimmen, versteht sich. MacDonald „kann“ die Lenya mit ihren eigenwilligen Tönen, die mal hell klirren wie zerstoßenes Glas, mal wund und rau sind, wie mit Sandpapier geschmirgelt. Sie kann ihren unbändigen Elan und den puren, rohen Sex-Appeal, sie changiert zwischen Schutz suchendem Mädchen und rotzfrecher Straßengöre. Wie sie da auf der Bühne steht, scheint auch sie eigens geschaffen zur Heldin der Brecht-Weillschen Gossenwelt mit ihren Lumpen, Gaunern und leichten Madämchens. „Sie kennen ja die berühmten Zwanzigerjahre. Jede Frau war eine femme fatale, und alle schliefen miteinander“, sagt Lenya launig.

MacDonald atmet den Zeitgeist dieser Zwanziger- und Dreißigerjahre; Fischer, ein Experte für solcher Art Aufführungen, fügt geschickt die Zeitgeschichte hinzu. Entlang von Lenyas Biografie und der Weill-Musik macht er die politischen Machtverhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts greifbar. Die Bühne zeigt eine Welt in Schieflage, der Schnee, der auf den Steilhang fällt, wird mehr und mehr zu Ruß und Asche. Man ringt buchstäblich wie bildlich um Widerstandskraft und Standhaftigkeit; jeder Song gilt dazu als Zitat über gesellschaftliche Zu- und Umstände: „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, „Berlin im Licht“ und natürlich und vor allem „Wie lange noch“. Ein hervorragendes Musikerquartett, Christian Frank, Herbert Berger, Andy Mayerl und Klaus Pérez-Salado, interpretieren einiges an Neu- und Wiederentdeckungen so stimmig, wie die Gassenhauer aus der „Dreigroschenoper“, „Mahagonny“ oder „Happy End“.

Alter Bilbaomond! Wo noch die Liebe lohnt… Bild: Moritz Schell

Du hast kein Herz, und ich liebe dich so … Bild: Moritz Schell

Was dieses Sona-MacDonald-Fest aber vor allem anderen auszeichnet, ist ihr Bühnenpartner Tonio Arango. Mit ihm wird das Solo für Sona zum Psychogramm eines komplizierten Künstlerpaares. Er schlüpft in die Rollen aller Lenya-Männer, gibt mit Glatze und Nickelbrille den Lebensmenschen Kurt Weill, mit Schiebermütze und Zigarre kurz Bert Brecht, die Ehemänner zwei und drei, George Davis und Russel Detwiler, und diverse andere Liebhaber. Spielt einen James Bond, dem die Lenya als KGB-Offizierin Rosa Klebb „Liebesgrüße aus Moskau“ schickt. Dann wieder feiert Sie mit roter Federboa und Er mit Zylinder und Strapsen – die Exzellenz der Dekadenz. Kein Wunder, erscheint ihnen später New York langweilig und Hollywood als spießiges Nest.

Es ist ein pralles, fiebriges, mitunter arg anekdotisches Dasein, das die Inszenierung zeigt. Ein Dasein, das sich den öffentlichen Blicken fast nie entzogen hat. Ein Arbeiterkind aus den ärmlichsten Verhältnissen der Penzinger Ameisgasse ist die Lenya. Das Wienerische hätte ihr die Musik ins Blut geimpft, sagt sie auf Nachfrage gern. „Wenn ich mich nach dir sehne“, schreibt Weill einmal, „so denke ich am meisten an den Klang deiner Stimme, den ich wie eine Naturkraft, wie ein Element liebe. In diesem Klang bist Du für mich ganz enthalten, alles andere ist nur ein Teil von dir, und wenn ich mich in Deine Stimme einhülle, bist Du ganz bei mir.“ Den Briefwechsel der beiden haben Fischer und Schäfer als O-Ton-Grundlage für ihre Stückdialoge verwendet.

Im New Yorker Exil: Tonio Arango als Kurt Weill mit Sona MacDonald. Bild: Moritz Schell

Man erfährt, er wollte nicht mehr sein als ihr „Lustknabe“, und: Er nennt sie seine „Mistblume“. Was die beiden auch verbindet, ist ihr Hang zu sarkastischem Humor. Zwei Menschen, einer des anderen Schicksal, zwei Mal miteinander verheiratet, trotz unzähliger Seitensprünge eine ewige Treue – und als er stirbt, stürzt sie ins Bodenlose. In diesem Moment gibt MacDonald alles, gibt sich hin und verausgabt sich.

Am Ende merkt man, sie braucht, um aus dieser intensiven Performance zu sich zu kommen. Da steht sie, Tränen glitzern in den Augen, das Makeup ist verschmiert – und wie schön ist sie so. Das Publikum hatte noch lange nicht vor, nach Hause zu gehen. Wie sich am Applaus zeigte. Grad, dass man sich’s verkniff, „Zugabe“ zu rufen …

Video: www.youtube.com/watch?v=NRzIOcGTtT0

www.josefstadt.org

Wien, 31. 3. 2017

Salzburger Pfingstfestspiele 2016: Romeo und Julia

April 27, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Das größte Liebespaar der Welt ist Programm

Cecilia Bartoli. Bild: © Uli Weber / Decca

Cecilia Bartoli. Bild: © Uli Weber / Decca

Shakespeares Geschichte von „Romeo und Julia“ zieht sich ab 13. Mai als roter Faden durch das Programm der Salzburger Pfingstfestspiele, weiß deren künstlerische Leiterin Cecilia Bartoli, die in dem Reigen eine wichtige Rolle einnehmen wird.  Den Anfang macht nämlich die „West Side Story“, die noch immer aktuelle Bearbeitung des „Romeo und Julia“-Stoffes mit der Musik von Leonard Bernstein und Gesangstexten von Stephen Sondheim.

Zum ersten Mal singt der Weltstar Bartoli die Maria, Norman Reinhardt ist ihr Tony, Philipp Wm. McKinley wird das Stück in Szene setzen. Der in Kasachstan geborene Bühnenbildner George Tsypin lässt in der Felsenreitschule New Yorks „West Side“ entstehen. Patrick Woodroffe, der schon mit Michael Jackson und den Rolling Stones gearbeitet hat, ist für das Light Design verantwortlich. Der vielfach ausgezeichnete britische Choreograph Liam Steel studiert die Tanzszenen ein.

Für heiße lateinamerikanische Rhythmen aus dem Orchestergraben wird das  Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela unter Gustavo Dudamel sorgen. Achtung: Sowohl die Premiere am 13. Mai als auch die Vorstellung am 15. Mai sind bereits ausverkauft.

Am Pfingstsamstag steht die konzertante Aufführung der Oper „Giulietta e Romeo“ von Nicola Antonio Zingarelli auf dem Programm. Dieses Juwel der neapolitanischen Schule war seit seiner Uraufführung 1796 bis in die späten 1820er-Jahre ein derartiger Publikumserfolg, dass es immer wieder, in immer neuen Fassungen aufgeführt wurde. Die Partitur der Originalversion bildet die Grundlage für die Aufführung bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Den Romeo singt einer der virtuosesten Countertenöre der heutigen Zeit, Franco Fagioli: Die Stimme des in Argentinien geborenen Sängers umfasst ganze drei Oktaven. Seine Giulietta ist die schwedische Mezzosopranistin Ann Hallenberg, die 2012 mit dem Echo-Klassik für die „Operneinspielung – Oper des 17./18. Jahrhunderts“ ausgezeichnet wurde.

Seit mehr als 50 Jahren wird das Ballett „Romeo und Julia“ in der Inszenierung von John Cranko erfolgreich auf den Bühnen der Welt gezeigt. 1962 wurde die vom damaligen Direktor des Stuttgarter Balletts kreierte Inszenierung uraufgeführt und bildete den Grundstein für die Erfolgsgeschichte der Compagnie. Sein Freund und Wegbegleiter Jürgen Rose stattet nicht nur diese Inszenierung aus, sondern wird im Salzburger Festspielsommer auch das Bühnenbild und die Kostüme in Samuel Becketts „Endspiel“ entwerfen. Bei den Salzburger Pfingstfestspielen wird das Ballett am 15. Mai im Großen Festspielhaus zu sehen sein.

Auch am Programm 2017 wird schon getüfelt: Markus Hinterhäuser, Cecilia Bartoli und Helga Rabl-Stadler. Bild: © Salzburger Festspiele / Julia Stix

Am Programm 2017 wird schon getüfelt: Markus Hinterhäuser, Cecilia Bartoli und Helga Rabl-Stadler. Bild: © Salzburger Festspiele / Julia Stix

Zum ersten Mal sind die Wiener Symphoniker zu Gast bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Sie spielen das Galakonzert am 16. Mai unter der Leitung von Marco Armiliato. Und zum ersten Mal singen auch Angela Gheorghiu und Juan Diego Flórez zusammen auf einer Bühne: „I Capuleti e i Montecchi“ von Vincenzo Bellini, der seine Tragedia lirica nach den gleichen Vorlagen wie Shakespeare schrieb. Knapp 40 Jahre nach ihm komponierte Charles Gounod seine Oper „Roméo et Juliette“. Es erklingen Arien und Duette aus beiden Opern. Eingeleitet wird das Programm durch Peter Tschaikowskis Orchesterfantasie „Romeo und Julia“.

Die Lesung „Ein zartes Ding“ von Ben Power eröffnet schließlich eine neue Sichtweise auf die unsterblich Liebenden. Es zeigt ein Ehepaar, das dem Ende eines langen Lebens entgegengeht und ist aus den Texten des Stückes collagiert. Es lesen Hans-Michael Rehberg und Ilse Ritter am 14. Mai im Salzburger Landestheater. Und wer immer schon wie in Verona tafeln wollte, sollte das Galadinner am 14. Mai nicht verpassen. Serviert werden sinnliche Kreationen nach den Rezepten des italienischen Sternekochs Stefano Baiocco. Das Dinner ist angelehnt an das 16. Jahrhundert, in dem man den leiblichen Genüssen stets zu feiner Tafelmusik frönte.

www.salzburgerfestspiele.at

Wien, 27. 4. 2016

„Ich bin o. k.“ zeigt „Ost Side Story“

April 2, 2013 in Tipps

Liebe kennt keine Grenzen

(mit Agnes Palmisano und Rapper FUNKE).

 

Bild: ichbinok

Bild: ichbinok

Premiere, 4. April um 10 Uhr im Akzent: Tanztheater für Publikum ab 10 Jahren William Shakespeares „Romeo und Julia“. Über 100 TänzerInnen mit mixed abilities, zeigen ihr Können in Modern Dance, Volks- und Standardtanz bis hin zu Hip-Hop.Die ursprünglich im 16. Jhd. in Verona angelegte Handlung wird in Hana und Attila Zanins Inszenierung nach Österreich und in die heutige Zeit verlegt.

Der Kern der Geschichte ist die tragische Liebe zweier junger Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten. Durch Rosi und Milan treffen alteingesessene Wiener auf Einwanderer aus dem ehemaligen Ostblock. Unterschiedliche Mentalitäten und Kulturen prallen aufeinander und zwischen beiden Gruppen herrscht zunächst Intoleranz, Rivalität und Hass. Die Zuschauer erleben im Laufe des Stücks, dass ein zufriedenes und gleichberechtigtes Leben nur gelingt, wenn ein respektvolles Miteinander zwischen allen ethnischen Gruppen herrscht. Mit feinem Gespür inszeniert das Vereinsteam die berührende Geschichte als großes Tanztheater mit Live-Musik.

Mit den TänzerInnen von „Ich bin O.K“, SchülerInnen des Gymnasiums Theresianum Wien, StudentInnen der Konservatorium Wien Privatuniversität und Bellarina Dance Performance.

www.ichbinok.at

www.akzent.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 2. 4. 2013

„True Story“ im Dschungel Wien

März 13, 2013 in Tipps

Ein Rapper als Schauspieler – oder umgekehrt?

Dschungel-Wien-Fans kennen Schauspieler Simon Dietersdorfer aus zahlreichen Produktionen wie „Weihnachtsgeschichten vom Franz“ oder „Momo oder die Legende vom Jetzt“. Viele wissen auch, dass er ein Rapper ist. Nun hat Dietersdorfer gemeinsam mit Regisseur Holger Schober ein Stück über sich geschrieben: „True Story“ für Jugendliche ab 14 Jahren wird am 13. März uraufgeführt.

True Story

Simon Dietersdorfer
Bild: Sabine Pichler

„True Story“ erzählt eine Geschichte über Rap. Woher kommt er? Warum gibt es ihn? Was bedeutet es, Rapper zu sein? Wie schreibt man einen Rap und was für Gefühle lösen den Schreibmechanismus aus? Es geht um Geschichten. Wie immer am Theater. Und wie immer beim Rappen. Und natürlich wird auch live auf der Bühne performt. Und vielleicht kann das Publikum an einem Song mitschreiben. Simon Dietersdorfer sagt: „Rap definiert mich. Sobald ich ein Mikro in der Hand habe und meine Wörter über den Takt tanzen, fühle ich mich vollständig. HipHop ist mein Zuhause, meine Vergangenheit, Gegenwart und vermutlich auch meine Zukunft.

www.dschungelwien.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 13. 3. 2013