The Favourite – Intrigen und Irrsinn

Januar 22, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Gosse in die Gunst der Königin

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Queen Anne hinkt verstimmt durch ihren Palast, Prunkraum um Prunkraum, vorbei an einem livrierten Lakaien, und diesen, noch ein halbes Kind, herrscht sie ohne Vorwarnung an: „Hast du mich etwa angesehen?“ Der Diener schaut scheu zu Boden und schüttelt seinen Kopf. Doch die Königin ist nun in Rage: „Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“ Er blickt betreten hoch – und bekommt eine schallende Ohrfeige. „Wie kannst du es wagen, mich anzusehen!“

Eine Szene aus Yorgos Lanthimos‘ jüngstem Film „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, der am Freitag in den Kinos anläuft, und eine, die die Atmosphäre der Historienfarce, deren Färbung wohl tragische Ironie zu nennen ist, bestens beschreibt. Ebenso wie Lanthimos‘ beständiges Wechselspiel zwischen der Willkür der Adelsklasse und jenen Untertanen, die dieser ausgeliefert sind – bis eine erscheint, die zum Gegenangriff antritt. Die Figur der Königin Anne, erste Monarchin des United Kingdom, letzte aus dem Hause Stuart, wird dargestellt von der grandiosen Olivia Colman, von Venedig bis London, zuletzt mit dem Golden Globe, bereits ausgezeichnet. Zu Recht zählt „The Favourite“ auch zu den Oscar-Favoriten.

Dass, während das Publikum sich über die messerscharf geschliffenen Dialoge prächtig amüsieren kann, Domestiken der Krone im frühen 18. Jahrhundert nicht viel zu lachen haben, erfährt gleich zu Beginn Abigail, Baronesse Masham, als solche aufgrund der Spielsucht ihres Vaters tief, und als sie am St James’s Palace eintrifft, als erstes in einen der Kothaufen, die das Volk dem Hof vors Tor scheisst, gefallen. Angereist ist sie, um ihre entfernte Cousine Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough, um eine Anstellung zu bitten. Deren Ehemann John Churchill, der Duke, ist nicht nur oberster Feldherr, sondern auch begnadeter Ränkeschmied, doch Sarah läuft ihm diesbezüglich leicht den Rang ab, ist sie doch mehr als Annes Dame des Herzens die regierende Mätresse, heißt: dass statt der einfältigen, infantilen Anne Sarah die Staatsgeschäfte führt.

Emma Stone. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Nicholas Hoult. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Abigail aber ist gekommen, um Karriere zu machen. Als sich ihr die Gelegenheit bietet, von der Gosse in die Gunst der Königin aufzusteigen, lässt sie nichts unversucht, Sarah schachmatt zu setzen. Was in der Folge zu höchst unterhaltsamen Intrigen, Irrungen und zunehmendem Irrsinn führt. Lanthimos inszeniert diese gefährlichen Liebschaften stilistisch brillant und inhaltlich bissig.

Zwar ist die Handlung in den historischen Kontext der Schlachten gegen Frankreich im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs gebettet, doch lässt Lanthimos der real existiert habenden MachtMénage à trois, über deren sexuelle Seite anhand erhalten gebliebener Briefe freilich nur spekuliert werden kann, genug Raum, um über sie frei erzählen zu können. Tatsächlich ist „The Favourite“ im Vergleich zu seinen hermetischen Werken wie beispielsweise „The Lobster“ oder „The Killing Of A Sacred Deer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27854) erstaunlich gut zugänglich.

Mit den im Wortsinn Epoche machenden Sets von Fiona Crombie, der verschwenderischen Kostümfülle der dreifachen Oscar-Preisträgerin Sandy Powell und der raffinierten Kameraarbeit von Robbie Ryan erschafft der Arthouse-Kinomann Bilder wie Gemälde, Tableaux Vivants, in denen sich die Opulenz der Dekadenz feiert. Wobei es Ryan versteht, sowohl in der Düsternis von Kerzenlicht als auch mittels Weitwinkeloptik die Charaktere als Gefangene dieses Pomps sowie jedweden politischen Kalküls zu zeigen. Druckventil dafür sind seltsame Rituale wie Entenrennen oder eine Art Völkerball mit Orangen auf nackten Mann  – während die Küchenmägde, eine von ihnen anfangs Abigail, aus Platzmangel in den Katakomben des herrschaftlichen Gebäudes im Knäuel schlafen.

Rachel Weisz als Sarah und Emma Stone als Abigail schenken sich nichts, allerdings bleibt es vorerst bei tödlichen Blicken und spitzzüngigen Bemerkungen. Weisz‘ Sarah ist ihrer Herrscherin eine strenge Herrin, auch eine geübte Schützin auf Tauben, denen noch nicht die Silbe „Ton-“ vorangestellt ist, skurril diese Sequenz, wenn „Wurf!“ gerufen und ein lebender Vogel in die Luft geschleudert wird, und sie hat absolut den Willen zur Macht und zur Durchsetzung der Marlborough-Interessen. Stones Abigail scheint gegen die Härte dieser Frau liebenswert, integer, eine mit Herz – und wird sich doch als durchtriebenes Biest entpuppen. Als eine, die ihre körperlichen Geschütze in Stellung bringt, während Sarah inmitten all der höfischen Heuchelei, wenn nicht sympathisch, so zumindest ehrlich ist. Auch wenn sie der Queen sagt, mit ihrer Schminke sehe sie aus wie ein Dachs.

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Die Vielschichtigkeit, die Abgründigkeit, die Hinterlistigkeit, mit der Weisz und Stone ihre Rollen ausstatten, wird nur übertroffen von Olivia Colman, die der mit ihrer Lächerlichkeit und ihrer Schwäche durchaus ringenden, vor Gichtschmerzen schreienden, Selbstmordversuche unternehmenden, inmitten der sie umringenden Höflingsmassen einsamen Anne eine große, tragische Würde verleiht.

Erwähnenswert ist auch die Leistung von Nicholas Hoult als Robert Harley, Anführer der Tory-Opposition, äußerlich ein Geck mit Puderperücke und aufgemaltem Schönheitsfleck, in Wirklichkeit aber ein gewiefter Strippenzieher hinter den Kulissen. Als politischer Gegner der Whigs und damit der Machenschaften der Marlboroughs, will er den Krieg und die damit einhergehenden permanenten Steuererhöhungen für die von ihm vertretenen Großgrundbesitzer beendet sehen.

Und so bildet er eine Allianz mit Abigail, die derweil, begleitet vom wuchtigen Soundtrack Händels, Vivaldis und Bachs, von der Küche bis in die Gemächer der Königin aufgestiegen ist. Um dort zum Eigennutz, aber auch im Auftrag Harleys, man erpresst und bedroht sich gegenseitig, die Ohren offen zu halten. Bald steigert sich zwischen Sarah und Abigail der Ehrgeiz zum Killerinstinkt, wird auch vor Giftanschlägen und arrangierten Reitunfällen nicht zurückgeschreckt, ist die Königin immer mehr Spielball beider Angelegenheiten. Doch wird die Siegerin schließlich erkennen müssen, dass sie auch auf ewig deren Sklavin, ausgeliefert ihren Launen und Schrullen und den siebzehn Kaninchen, die sich im Schlafzimmer tummeln, sein wird …

„The Favourite“ besticht mit überbordender Optik und mit exzellentem Spiel, mit hoher Theatralik und einem Witz, der very british ist. Dass Lanthimos keine seiner Figuren bloßem Spott und boshaftem Gelächter aussetzt, sondern stets versucht, ihre Beweggründe plausibel zu machen, zeichnet diesen Film aus. Derart gelingt es ihm, seine historische Fiktion nah an die Gegenwart zu rücken. Günstlingswirtschaft, unfähige Staatsoberhäupter und machthungrige Emporkömmlinge sind ja beileibe kein Phänomen von gestern.

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  1. 1. 2019

Burgtheater: Medea

Dezember 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Magierin endgültig entzaubert

Die Söhne zeigen Clara das Sex-Video ihrer Eltern: Steven Scharf als Lucas, Caroline Peters als Anna, Mavie Hörbiger als Clara, Quentin Retzl als Georg und Wenzel Witura als Edgar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Regisseur Simon Stone, für seine Stückeüberschreibungen so gerühmt wie gerügt, hat diesmal nach dem Medea-Mythos gegriffen, und zeigt seine vor vier Jahren über Amsterdam und London entwickelte und immer noch durch Europa tourende Arbeit nun als deutschsprachige Erstaufführung am Burgtheater. „Nach Euripides“ nennt er bescheiden sein Elaborat, und mit dieser Art Etikettenschwindel ist es so eine Sache.

Denn einerseits hat Stone mit seinem trivialen Text die der Magie mächtige Königstochter aus Kolchis dermaßen endgültig entzaubert, dass ihr das von seinen Vorgängern Corneille, Grillparzer, Anouilh hochgehaltene Antikenideal des Archetypischen völlig abhandengekommen ist. Andererseits aber funktioniert seine Alltagsfrau als Bühnenfigur überzeugend gut. Was nicht zuletzt deren Darstellerin Caroline Peters zu danken ist.

Stones „Medea“ ist nicht mehr die Fremde, sondern sich selbst entfremdet, die einst Überlebensgroße nun frisch entlassene Psychiatriepatientin und gerade erst wieder nach Hause gekommen. Diese Geschichte hat Stone einem tatsächlichen Kriminalfall aus Kansas City/USA nachempfunden. Dort vergiftete eine Ärztin ihren ebenfalls Mediziner-Ehemann wegen dessen Affäre mit einer Krankenschwester sukzessive mit Rizinsamen. Als die Tat aufflog, steckte die Frau das Haus in Brand und nahm ihren Söhnen so das Leben. Simon Stone verformt nun König Kreons Korinth in ein Pharmaunternehmen, in dem Anna und Lucas Karriere mit der Entwicklung potenzfördernder Medikamente machen.

Das heißt, bald wird klar, er macht diese, sie, seine ehemalige Vorgesetzte, für die er erst nicht mehr als ein Firmenfeiernfick war (das F-Wort fällt im Text in regelmäßigen Abständen), hat auf den beruflichen Aufstieg zugunsten der Söhne Edgar und Georg verzichtet. Vorkommen des Weiteren, neben der Therapeutin Anne-Marie-Lou und Annas neuem Arbeitgeber Herbert, zwei für die Handlung entbehrlichen Figuren, Lucas‘ Geliebte Clara, die Kreusa-Rolle, sowie deren Bruder und Big Boss Christoph. Als Setting hat sich Stone von Bob Cousins einen klinisch weißen, vollkommen leeren Kubus bauen lassen, dessen obere Hälfte aus einer riesigen, auch absenkbaren Leinwand besteht, auf die man versucht ist, bald öfter zu schauen, als auf das Bühnengeschehen; die Großkaufhauskostüme sind von An D’Huys und Fauve Ryckebusch.

Verzweiflung einer Entfremdeten: Steven Scharf als Lucas und Caroline Peters als Anna. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Tod der Clara: Mavie Hörbiger mit Quentin Retzl als Georg und Wenzel Witura als Edgar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Darin brilliert die Peters. Die Schauspielerin des Jahres erschafft auch diesmal einen Charakter, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ihre moderne Medea-Anna entert das Geschehen, aufgesetzt heiter, eindeutig unter dem Einfluss von Psychopharmaka, weshalb sie, denn diese, sagt sie, halten Anna im Gleichgewicht, ihrer Situation auch satirisch begegnet. Nicht, dass das zum Lachen wäre, nein, denn Anna ist überzeugt, dass auch nach ihrem Vergiftungsversuch ein Neuanfang mit der Familie möglich ist.

Und wie Caroline Peters‘ Anna, auf der Großübertragung perfekt zu sehen, mit ihren zuckenden Gesichtszügen, mal verächtlich, mal verzweifelt verzogenen Mundwinkeln, kämpft, die eigene Seele ausgesaugt und dabei, andere Seelen auszusaugen, sich der gewesenen und der kommenden Schuld bewusst, das ist große Kunst. Die Raserei sozusagen vorprogrammiert. Was rund um die Peters passiert, ist schon bedeutend blasser.

Etwa, ebenfalls in Cinemascope, Lucas, sprachlos, den Steven Scharf als Paradebeispiel eines Pragmatikers spielt, dem die Ex peinlich im Wege steht.

Entsprechend überfordert agiert er gegenüber der fordernden Leidenschaft der Wiederkehrerin. Fast scheint’s, als hätten ihm deren Psychiater geraten, den Ball bei der ersten Begegnung flach zu halten, um die Patientin nicht aufzuregen. „Abklatsch eines Mannes“ nennt Anna ihn, und so distanziert, so neben sich steht dieser Lucas da. Und so lässt er sich auch zum Sex mit Anna hinreißen, eine Szene, die die Söhne – bei der Premiere die großartig zwischen sich in die Ecke drängendem Vater und ausgeflippt-alkoholisierter Mutter agierenden Wenzel Witura als Edgar und Quentin Retzl als Georg – filmen, nur um das Video später Clara zu zeigen.

Dieser Clara verleiht Mavie Hörbiger ihre zarte Gestalt. Im Versuch stark zu sein, ringt sie mit Selbstbewusstsein und Selbstironie um ihre Liebe zu Lucas, Edgar und Georg – bis zum bitteren Ende. Dass ihr Bruder, Christoph Luser als Christoph, von Lucas schließlich Entschlusskraft und Entscheidung verlangt, ist der Knackpunkt, der die Katastrophe ins Rollen bringt. Stone erzählt das alles in parallel laufenden Szenen, immer wieder stehen Figuren auf der Bühne, zu denen die Fäden längst gekappt sind, doch macht das die Aufführung nur noch bedrängender, zwingender, bedrohlicher. Die Sterbebilder schließlich sind so poetisch wie drastisch. Bestehend aus Flaschenblut und Ascheregen. Eine plötzliche Eskalation in dieser unterkühlten, auf Künstlichkeit setzenden Inszenierung.

Ende in der Asche, Medea mordet ihre Kinder: Caroline Peters als Anna, Wenzel Witura als Edgar und Quentin Retzl als Georg. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Das Premierenpublikum zollte so frenetisch Applaus, als wär’s ein gemeinsames Aufatmen nach dem gewaltsamen Schluss. Auch Irina Sulaver als Sozialarbeiterin Anne-Marie-Lou und Falk Rockstroh als Buchhändler Herbert wurden bejubelt. Dennoch, zu den wirklich großen Medea-Fassungen wird sich diese Adaption eines Zeitungsartikels kaum je zählen lassen.

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  1. 12. 2018

Akademietheater: Hotel Strindberg

Januar 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Misanthropen beim Misstrauisch-Sein beobachten

Franziska Hackl, Caroline Peters und Martin Wuttke, Roland Koch und Michael Wächter, Barbara Horvath und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Wucht, die ganze Wut des Autobiografischen enttarnt sich erst am Ende. Davor ist’s fast Sport Querverweise und Verbindungen zu suchen. Da gerinnt ein „Gespenstersonaten“-Thema zu jenem von „Der Vater“, dort blitzt ein „Pelikan“ auf, da scheint eine Figur aus „Nach Damaskus“ zu der „Stärkeren“ zu werden, und nachdem zwei „Mit dem Feuer spielen“ tritt prompt der „Gläubiger“ auf …

Mit seinem „Hotel Strindberg“ versucht Theatermacher Simon Stone den ganzen Kosmos des schwedischen Schriftstellers zu fassen. Eine Übung, die angesichts der Uraufführung am Akademietheater als aufs Vorzüglichste gelungen bezeichnet werden kann.

August Strindberg, der Frauenhasser und darob vielfach Geschiedene, der oft dem Wahnsinn Nahe, von Obsessionen Besessene, von seinen eigenen Dämonen Gejagte, der nicht nur Theaterstücke, Romane, Erzählungen schrieb, sondern auch als Maler und Fotograf seiner Zeit weit voraus war, inspirierte Stone entlang von dessen Stücken einen eigenständigen Text zu verfassen. In sechs übereinander geschachtelten Hotelzimmern und einem Stiegenhaus (Bühne: Alice Babidge), in Betten, auf Sofas und vor dem Fernseher führt er Paare und deren Krisen vor. Wie ein Voyeur blickt man durch Fenster auf diese mal tragischen, mal komischen, stets aber leicht grotesken Begegnungen.

Fast fünf hochemotionale, mitunter überreizte Stunden lässt sich Stone Zeit, um die Schicksale seiner Figuren darzulegen; getrennt von zwei Pausen gilt es diese Misanthropen beim Misstrauisch-Sein zu beobachten, der zweite Teil dabei der stärkste, der letzte schon ein wenig zerfasert und deshalb schwerer zu fassen. Dies Panoptikum mit Beziehungsgeschädigten gestalten neun Schauspieler mit ganzer Spielfreude und in unzähligen Rollen. Sie sind Fernsehmacher, Dramatiker, Fotografen, Fremdgeher, Ehefrauen, (Ab-)Wartende, sie ergehen sich in Grausamkeiten aller Art, Sex inbegriffen, tragen ihre Psychoduelle aus, und der Tod, der kommende wie der schon geschehene, ist ihnen ein beinah ständiger Begleiter.

Barbara Horvath und Franziska Hackl, Martin Wuttke, Max Rothbart und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters und Martin Wuttke, Max Rothbart, Simon Zagermann und Barbara Horvath. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

All das besticht durch Sprachwitz und Situationskomik. Vor allem Caroline Peters und Martin Wuttke verstehen es, mittels eines Satzes vom Anrührenden ins Absurde zu kippen. Als Alfred und Charlotte tragen sie einen immerwährenden Ehestreit ums Kind und dessen Künstlerkarriere aus, wunderbar, wie sie ihn zwar mit Gemeinheiten bewirft, dabei aber in Sorge ist, er könnte über seine runtergelassenen Hosen stolpern und sich verletzen, als Julia und Erik sehen sie sich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Eine weitere Szene mit der Peters, die man nicht missen möchte, ist, wenn sie ihren Schwiegersohn auf der Treppe verführt … Franziska Hackl schreit die ganze Verzweiflung ihrer Figur heraus, als diese, schwanger, erkennen muss, dass sie keine Verlobte, sondern nur ein Seitensprung ist. Dies die eindrücklichsten, intensivsten Leistungen des Abends.

Mit der von Roland Koch, der als spooky zuvorkommender Concierge, als Charlottes Bruder Klaus oder Jakobs Schwager über die Gänge schleicht. Letzterer, Michael Wächter als Autor in der Schaffenskrise, hat gerade seine noch nicht ganz Ex-Frau gewürgt und braucht mit dem ohnmächtigen Körper dringend Hilfe … Barbara Horvath, Simon Zagermann und Max Rothbart gestalten unter anderem eine Dreiecksgeschichte, bei der in die Herzen Zank und Zerwürfnis gepflanzt wird. „Sie wollen keine Gleichberechtigung, sie wollen Rache“, stellt ein Mann über die Frauen in einer von Stones Miniaturen fest, die immer öfter parallel statt nur nebeneinander verlaufen. Immer wieder auch steigen die Schauspieler in das Zimmer ein, das der Musik von Bernhard Moshammer vorbehalten ist, und greifen dort zu den Instrumenten.

Die Fülle des Szenenchaos findet sich schließlich im so zu nennenden dritten Akt zusammen. Da werden im Erdgeschoss die Rezeption und im ersten Stock der Frühstücksraum nach und nach ausgeräumt, der Mensch so nackt wie die Bühne, und die Welt endlich, was sie ist: ein Irrenhaus. Figuren verschwimmen, Falsche erkennen einander, Klaus wird erst der Concierge, dieser dann der von Julia gefürchtete David, die von Jakob bis zum Sterben strangulierte Sylvie wieder taucht auf; auch andere Gespenster irren durch dies Haus der Halluzinationen.

Max Rothbart und Anne Schwarz, Michael Wächter und Franziska Hackl, Simon Zagermann und Ensemble, Martin Wuttke. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und inmitten all der verlorenen Seelen gibt Martin Wuttke den Nick-Cave-Klon. Sein nach einer Offenbarung Charlottes seiner Identität verlustig gegangener Alfred wird zu Holger, dem abgefuckten, von Aenne Schwarz erotisch umringten Punkopa, der noch einmal ein Album aufnehmen will und an Songtexten bastelt. Oder ist das alles nur ein Albtraum? Umringt von hysterischen bis besorgten (Ex-)Ehefrauenfiguren kreischt und tobt und zetert sich Wuttke dem Ende entgegen.

Also wird nun klar, von wo aus August Strindberg die Simon-Stone-Storys die ganze Zeit beobachtet hat. Nämlich, wenn der virtuose Wuttke zum Schluss kommt. „Ich hab‘ das geschrieben …“

www.burgtheater.at

  1. 1. 2018

Oliver Stone / Peter Kuznick: Amerikas ungeschriebene Geschichte. Die Schattenseiten der Weltmacht

Februar 4, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Leichen pflastern ihren Weg

9783549074701_coverHollywood-Regielegende Oliver Stone rechnet in seinem neuen Buch gemeinsam mit seinem Co-Autor, dem Historiker Peter Kuznick, mit der Außenpolitik der Vereinigten Staaten schonungslos ab. Nichts ist auf den 368 Seiten vom Hurra-Patriotismus, nichts von der in den US-Geschichtsbüchern kolportierten heroischen Geschichte zum Aufstieg zur Supermacht und nichts von den ehrenwerten Motiven des „Supersheriffs“, der der Welt Gesetz und Ordnung geben möchte, zu lesen. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Schattenseiten dieses Aufstiegs:

Blutige Eroberungskriege, die Kolonisierung Lateinamerikas durch Großkonzerne, der Aufstieg von Großbanken als Kriegsgewinnler, Rassismus und Antisemitismus, der Abwurf von Atombomben ohne militärischen Nutzen, die brutale Kriegführung in Vietnam, Afghanistan und im Irak, die Inszenierung von Militärputschen in Lateinamerika und Afrika, Mord, Folter, Menschenrechtsverletzungen. Das Buch ist ein umfassendes Sündenregister, ein Schwarzbuch Amerika, eine Chronik der Unterdrückung, Ausbeutung und Versklavung.

Es beginnt im Jahr 1900 – 100 Jahre vor der denkwürdigen Präsidentschaftswahl zwischen George Bush und Al Gore und ihrem fragwürdigen Ausgang –, als auch damals das amerikanische Volk vor die schwierige Entscheidung gestellt wurde, zwischen zwei grundverschiedenen Zukunftsvisionen zu wählen. Für den damaligen Amtsinhaber William McKinley war klar, dass die Zukunft Amerikas im Freihandel und im Aufbau eines weltumspannenden Imperiums lag. Und so sah es auch die Mehrheit der Wählerschaft. Der Nährboden für weitere Expansionen, politisch wie ökonomisch, war gesät. Dass man dabei auch über Leichen ging, wurde zur Nebensache. Stone und Kuznick spannen in ihrem Buch den Bogen vom Big Business und wie man auch mit den Nationalsozialisten Geschäfte machen konnte, über die Atombombe, die 1945 gegen jede Vernunft in Hiroshima und Nagasaki am „lebenden Objekt“ getestet werden konnte (und so nebenbei auch das atomare Wettrüsten und den kalten Krieg einleitete), bis nach Vietnam, wo die USA ein Exempel statuieren und die Kommunisten ein für alle Mal in die Schranken weisen wollte, bis hin in die 1990er Jahre, wo viele Chancen auf einen Neuanfang in den internationalen Beziehungen vertan wurden.

„Amerikas ungeschriebene Geschichte“ es ist aber nicht nur eine Abrechnung mit den Untiefen des 20. Jahrhunderts, sondern macht auch vor dem Heute nicht halt, als nach 9/11 der Kampf gegen den Terrorismus mit allen denkbaren und undenkbaren Mitteln eröffnet wurde. Dass dabei Rechtsstaatlichkeit, heiß erkämpfte Bürger- und Menschenrechte auf der Strecke blieben (und noch immer bleiben) spielte keine Rolle. Und so dürfen, speziell zu George W. Bush und Barack Obama, spitze Kommentare natürlich nicht fehlen.

Oliver Stones Erzählton ist dramatisch, oft emotional. Umso wichtiger war es, mit Peter Kuznick einen anerkannten Historiker quasi als Regulativ zur Seite zu haben, der das Buch mit vielen klärenden, kaum in der breiten Öffentlichkeit bekannten Fakten, versah. Was am Ende des Buches bleibt, ist die weit auseinander klaffende Schere zwischen dem moralischen Anspruch der USA als Vorkämpfer von Freiheit und Demokratie und den historisch verbürgten Katastrophen, die als Kollateralschäden des weltweiten Machtwillens in Kauf genommen wurden. Der kritische Leser wird dabei auf so manche Fakten und Facetten stoßen, die weder an die Öffentlichkeit geraten sind, geschweige denn in den Machtzirkeln gerne gehört werden beziehungsweise am liebsten totgeschwiegen werden möchten. Vielleicht wäre dann manches anders gelaufen. Und so fragt Oliver Stone am Schluss: „Die Geschichte hat gezeigt, dass sie auch einen anderen Weg hätte einschlagen können. Historische Augenblicke wie die genannten werden in anderer Form wiederkehren. Werden wir bereit sein?“

Über die Autoren:
Oliver Stone, geboren 1946, zählt zu den renommiertesten Filmregisseuren und Drehbuchautoren der USA. Er erhielt drei Oscars (für „Midnight Express“, „Platoon“ und „Geboren am 4. Juli“. Seine Filme widmen sich überwiegend der amerikanischen Zeitgeschichte, u.a. dem Vietnamkrieg und den Präsidentschaften Kennedys und Nixons. Sie entfachten heftige politische Kontroversen. Zur Zeit arbeitet Stone an einem Film über Edward Snowden. Peter J. Kuznick ist Professor für Neuere Geschichte an der American University, Washington DC, und Experte für amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Propyläen, Oliver Stone/Peter Kuznick: „Amerikas ungeschriebene Geschichte – Die Schattenseiten der Weltmacht“, Sachbuch, 368 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Thomas Pfeiffer und Enrico Heinemann.

www.ullsteinbuchverlage.de

Wien, 4. 2. 2016

Wiener Festwochen: „The Wild Duck“

Mai 21, 2013 in Bühne

Die Ente ist da, Ibsen geht ab

Bild: Heidrun Lohr

Bild: Heidrun Lohr

Im Programmheft ist Simon Stones Programm nachzulesen. „Wenn Sie eine gute Story wollen, sind Sie im Kino oder mit einem Buch besser bedient, denn dort werden Geschichten viel besser erzählt, als es das Theater jemals könnte.“ Entschuldigung, aber, geht’s noch? (Der Ordnung halber: Im ganzen nächsten Absatz faselt er dann von Gemeinschaftsgefühl, geteilten Emotionen und Schockzustand.) 28 Jahre sei der australische Regisseur erst alt, wird vielerorts gejubelt. Gratuliere zu dieser Leistung! Da kann man es sich natürlich auch leisten, Henrik Ibsens „Wildente“ mit dem Tranchiermesser zu zerlegen, eine Turboversion mit ganz neuem Text hinzulegen und von der Familientragödie wie auf dem Tatort eines Verbrechens nur die Umrisse aufzuzeichnen.

Das Theater Belvoir aus Sydney kam zu den Festwochen mit der Produktion „The Wild Duck“. Eine Premiere im deutschsprachigen Raum. Ein hervorragendes Ensemble – Brendan Cowell, Blazey Best, Damon Herriman, John Gaden, Eloise Mignon, Anthony Phelan und eine echte Ente (mit kleinem Schwimmbecken) – spielt authentisch direkt die gnadenlose Zerstörung einer Familie, herzzerreißendes Elend nach dem Freitod eines Teenagers, der erfährt, dass sein Vater nicht sein Vater ist (sondern der reiche, die Sippschaft schon seit dem Opa manipulierende Großkaufmann Werle, der seine schwangere Putzfrau bei den Ekdals abgeladen hat), und sich, weil der Nicht-Papa nichts mehr vom Mädchen wissen will, erschießt. So weit, so bekannt.

Stone packt die Szenen zwischen Blackouts. Würzt das Drama mit im Schmerz scharfen, sarkastischen Dialogen. Lässt in dem Glaskubus, in dem die Handlung abläuft, immer wieder auch Witz aufblitzen. So weit, so gelungen. Nur lässt sich eben Ibsens subtiler Psycho-Terror schwer bis gar nicht durch den heftig Gebrauch von Four-Letter-Words und Musik, bis die Ohren bluten, ersetzen. Töchterlein Hedwig ist von Anfang an eine freche, aufsässige Göre, der der Mittelfinger locker sitzt, und die sich von Werle sogar einen Tschick anzünden lässt. Wo keine Duldsamkeit, da aber auch wenig Spiel-Raum für Rebellion – womit der wichtigsten Figur die Fallhöhe, die Entwicklung, genommen ist. „Papa“ Hjalmar ist ein gemütlicher, einem Bierchen nicht abgeneigter, liebevollster Vater und Ehemann. Kein egomanischer, seiner „Erfindung“ hinterher jagender Pseudofotograf. So ein Vollbart-Bärchen packt seine Unterhosen und verlässt alles, was ihm etwas bedeutet? Wurde im Regiekonzept nicht plausibel durch den Kubus geschleust … Und die Augenoperation zahlt/bezuschusst doch wohl heute eine Krankenkasse. Also: Lebwohl, Werle!

Egal, aber: Zwei schlimme Fehler macht Stone. Er erläutert nicht Gregers, Werles Sohn, Motive, seinen Freund Hjalmar nach 15 Jahren über das Geheimnis von Hedwigs Vaterschaft aufzuklären: Mit „Lüge und Heimlichkeit“ aufzuräumen als „Lebensaufgabe“ zu (emp-)finden, um „Heilung für sein krankes Gewissen“ zu erlangen, wie es bei Ibsen heißt. Er verbummelt den Leitgedanken, die Lüge als stimulierendes Prinzip zu „kultivieren“. Er streicht mit der Figur des Dr. Relling auch dessen allzu wahren Satz: „Wenn Sie einem Durchschnittsmenschen seine Lebenslüge nehmen, so bringen Sie ihn gleichzeitig um sein Glück.“ Und er begeht eine Todsünde an Ibsen: Nach einem Jahr treffen einander Hedwigs Eltern (vor dem Kubus) wieder, um ihrer zu gedenken. Jeder hat zwar jetzt sein eigenes Leben, doch geht das Treffen nicht ohne ein „Ich rufe dich an, wenn ich gut daheim angekommen bin.“ und ein „Sehen wir uns in ein paar Monaten wieder?“ – „Ja.“ ab. Wenn Hjalmar und Gina erneut zueinander finden, war Hedwigs Selbstmord ja völlig sinnlos!

Bleibt als Fazit zu bemerken, dass sich manche Dramen nicht auf „heutig“ vergewaltigen lassen. Teenager im 21. Jahrhundert sind gottlob nicht mehr wie Backfische anno 1885. Aber die Ente war gut. Ein Vollprofi vor so viel Publikum.

www.festwochen.at

Trailer: www.festwochen.at/fileadmin/eventtrailer_843.php

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-le-retour/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 21. 5. 2013