Burgtheater: „Komplizen“ von Simon Stone

September 27, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wer im Glashaus sitzt …, oder: Das Warten auf die wahrhaft neue Volkspartei

Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Lilith Häßle und Roland Koch. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Es sind zwei Sätze, die Peter Simonischek als Matthias spricht, die die Klammer dieses Abends und damit die Rotationsachse der derzeitigen Geschehnisse bilden – der erste: „Ich habe nichts gegen Nächstenliebe, aber sie ist ein Privileg, dass diejenigen von uns, die sich nach oben gekämpft haben, denen gewähren, die unten geblieben sind“, der letzte: „Es ist alles aus, und wir sind selber schuld daran.“ Dazwischen entfaltet Regisseur Simon Stone ein in

doppeltem Sinne beziehungsreiches Gesellschaftspanorama, und setzt dafür seine Figuren einer künstlerisch-wissenschaftlichen Upperclass vs. der sogenannten wirtschaftlich Abgehängten in ein derart träges Karussell aus Räumen, dass man sich Fortschritt hier schier unmöglich denkt. Das heißt, Stones Figuren sind’s und sind doch geborgte, die gestern am Burgtheater als „Komplizen“ ihre Uraufführung hatten. Getreu Mark Twains „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ hat der Australier mit europäischem Background, der 2018 am Haus für sein „Hotel Strindberg“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28131) gefeiert wurde und der statt Twain lieber Friedrich Nietzsches zentralen philosophischen Gedanken der Ewigen Wiederkunft des Gleichen zitiert, Maxim Gorkis Dramen „Kinder der Sonne“ und „Feinde“ in aktuellem Kontext neugeschrieben.

Das eine vom russischen Autor 1905 in der Peter-und-Paul-Festung verfasst, wo er wegen seines Aufrufs zum „brüderlichen Kampf gegen die Autokratie“ inhaftiert war, ein Stück über einen großbürgerlichen Intellektuellenkreis, der seinen Ennui und sein Unglück pflegt, während vor seinen Toren Cholera-Aufstände wüten. Das andere von einer Amerika-Reise im Jahr 1906 mitgebracht, Gorki von Lenin nach Übersee verfrachtet, um einer neuerlichen Gefangennahme zu entgehen und Propaganda für die kommunistische Sache zu machen, „Feinde“, in dem es zum in Gewalt eskalierenden Konflikt zwischen einem Fabrikbesitzer, dessen Direktor und den Arbeitern kommt.

Diesen „Komplizen“, und Stone meint damit wohl jene Kontrahenten, die ihr Klassendenken, ihr Klassenzwang in Tateinheit mit ihrer elitären Unbeweglichkeit und einem narzisstischen Kollektiv-Egoismus zu Systemerhaltern eines sozialpolitischen Stillstands macht, diesen Komplizen hat Bob Cousins eine Grinzinger Glasvilla auf die Bühne gestellt, Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Bad voll funktionsfähig, und hebt sich der Vorhang, sieht man zuallererst das Personal die unzähligen Fensterscheiben putzen. Das modernistische Manor rotiert träge, alldieweil die Intelligenzija nicht minder behäbig um sich selbst kreist – wiewohl immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt wird, dass Behäbigkeit, schweizerisch für die Eigenschaft, wohlhabend zu sein, und Hysterie einander nicht ausschließen.

In diesem Glashaus, der Vergleich mit einem Museumsschaukasten drängt sich auf, sitzt nun Michael Maertens, vor fast 120 Jahren noch der Chemiker Protassow, anno 2021 schlicht Paul genannt, nach einem alkoholintensiven Abend und muss sich die kommenden vier verkaterten Stunden von Freud, Freund, Feind und Familie quälen lassen. Maertens legt das bei der Nobelpreis-Vergabe vergessene Genie mit der seiner Rollengestaltung eigenen Quengelei an, wie überhaupt das ganze Star-Ensemble perfekt einem beiläufigen, herrlich voneinander angeödetem Konversationston huldigt. Man hat sich Status und Lifestyle mit einer Selbstgewissheit angeeignet, mit einem Abgehoben-Sein, das sich durch Finanzstärke rechtfertigt.

Roland Koch und Mavie Hörbiger. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Birgit Minichmayr und Michael Maertens. Bild: © M. Ruiz Cruz

Rainer Galke und Michael Maertens. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Lilith Häßle und Michael Maertens. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Peter Simonischek gibt den leutseligen, mit einer Noblesse-oblige-Rücksichtslosigkeit gesegneten Fabriksbesitzer Matthias Prositsch, Pauls Onkel, Mavie Hörbiger Pauls revoltierende, NGO-engagierte, vom Depressiven ins Manische changierenden Schwester Lisa, von der sofort klar ist, dass sie emotional ebenso wenig stabil ist, wie die exaltiert und hypernervös agierende Birgit Minichmayr als in erster Linie autokommunikative Anwältin Melanie, ehemals Melanija Kirpitschowa, die den versponnenen Mikrokosmonauten Maertens stalkt.

Melanies Bruder, Felix Rech als Botho, ist vom Veterinär zu Lisas in sie verliebten Psychotherapeuten geworden. Pauls Frau Tanya, Lilith Häßle, ist eine durchaus unliebenswerte, krisengebeutelt-egomanische (Burgtheater-)Schauspielerin, die Roland Koch, als Dietmar nicht mehr Maler, sondern Filmemacher und Fotograf, zu einem Porträt und einer Affäre überreden will – und sage nun keiner, Simon Stone könne es weniger delikat-diffizil als die russischen Literaten.

Auf der Gegenüberseite stehen: Der brillante Rainer Galke als Hausmeister Igor, ein Handwerker mit Golfhandicap und dem Hausherrn unentbehrlicher WLAN-Auskenner, Safira Robens als Reinigungsfrau Farida, Falk Rockstroh – wie von Gorki in die Gegenwart gezaubert – und Reinhardt-Seminarist Dalibor Nikolic als Fabriksarbeiter Jürgen und „Gastarbeiter“ Goran, und irgendwo dazwischen Annamária Láng als Pauls Haushälterin Anita sowie Bardo Böhlefeld als Matthias‘ Geschäftsführer Raschid nebst verteufelt schlauer Ehefrau und Bankangestellter Cleo, Stacyian Jackson – diese beiden der Mittelstand zwischen den Standesdünkeln von Arm und Reich, und wenn man so will, bei Simon Stone am Ende die Gewinner.

In der Übersetzung von Martin Thomas Pesl wird’s einem mit trocken-zynischem Humor so richtig reingesagt. Die schwelenden Konflikte in den Dioramen sprengen bald den Rahmen, ein Durchräuspern des Textes, ein gelegentliches Husten, die Erwähnung von Quarantäne und PCR-Tests, weisen auf die aktuelle Infektionsgefahr hin, auch wenn die Nachrichten von draußen, übervolle Intensivstationen und bald brennende Autos, der Arbeitsk(r)ampf und die sozialen Verwerfungen dieser Tage die Scheibenwelt nur glasig gefiltert durchdringen. Doch die umstürzlerische Durchseuchung macht auch vor tollem Design nicht halt, wie sich alsbald erkennen lässt, Geschäftsführer Raschid, ganz Typ Slim Fit, will die Fabrik wegen Streikandrohung der Gewerkschaft – es geht um Maskenpausen für die Belegschaft – schließen. Was ihn, wie den erschossenen Michail Skrobotow, beinah das Leben kosten wird.

Peter Simonischek und Stacyian Jackson. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Mavie Hörbiger mitten im Nerven- zusammenbruch. Bild: © M. Ruiz Cruz

Peter Simonischek, Bardo Böhlefeld und Stacyian Jackson. Bild: © M. Ruiz Cruz

Beide von Gorkis Vorlagen wurden von der zaristischen Zensur mit einem Bühnenbann belegt, zu regional beschränkt glaubte man die ersten Erschütterungen, die ein Jahrzehnt später zur Oktoberrevolution führen sollten. Ähnliches ortet und verortet Stone in seinem Gegenwartsdrama, und dieser Gedankengang lässt doch gehörig Gänsehaut aufkommen – das dumpfe Gefühl einiger, Manövriermasse der obszönen Geliebten Politik und Wirtschaft zu sein, das Rumoren im Souterrain bei gleichzeitigem Champagnisieren einer Jeunesse dorée in der Beletage, Turbokapitalismus, während der ehrenwerte Proletarier, die Proletarierin zum Prekariat degradiert wurde. Stone nimmt diese Zustände um nichts weniger ernst als weiland Gorki.

Und er nimmt, zwischen gutmenschlichem Gedankengut bei schleunigstem Rückzug in die bourgeoise Deckung, sobald es ans Eingemachte geht, dies vor allem Lisas von Mavie Hörbiger glänzend fahrig verkörperte Charakterisierung, auch die eigene Zunft aufs Korn. In Lilith Häßle als Tanya mit der Künstlerseele, die in ihrem Nichtwissen(-wollen), durch ihre Realitätsflucht vor allem Ruhe fürs Rollenstudium will. Härtester Spruch, als sie Igor-Galke ins Krankenhaus zu dessen an COV19-verstorbener Ehefrau fährt und sie seinen Schmerz mitansieht: „Merk dir das Tanya für die Bühne, das ist echter Verlust!“ In Roland Kochs Dietmar, dem Salonsozialisten, der sich auf seiner Suche nach Authentizität selbst links von Ken Loach wähnt, während er doch nur ein von der Sozialfotografie in die Konventionen der Kulturschickeria aufgestiegener Auswegloser im Maßanzug ist.

Versteht sich, dass Stone, alldieweil er Innerstes offenlegt, auch Situationskomik kann. „Komplizen“ vergeht wie im Flug, nur zum Ende hin bei den Erklärungsmonologen könnte man die Schraube ein wenig anziehen, und apropos, Authentizität: Auf die verstehen sich vor allem die „Unterschicht“-Darstellerinnen und Darsteller, der grundaggressive Galke, ein zwielichtiger Geselle, der, was Farida betrifft, am Rande von #MeToo balanciert, was aber Paul angesichts seiner Internet-Qualitäten ohnedies wurscht ist, bis er sich in einer ergreifenden Schlussszene bei seinem Opfer entschuldigt. Der wie fürs Burgtheater gemachte Dalibor Nikolic, dessen Goran – siehe Raschid – Täter und Opfer zugleich ist. Falk Rockstroh als brav-ergebener Vorarbeiter Jürgen, den seine lebenslange Nähe zum Establishment lähmt.

Schließlich Annamária Láng als dienstbarer, guter Geist Anita, bis ihr im Selbstmitleidssumpf ihrer ignoranten Arbeitgeber deren Dreck bis hier steht. Mit der aus Ungarn kommenden Schauspielerin und dem serbischen Nikolic greift Simon Stone auch Themen wie – welch ein Unwort – „Migrationshintergrund“ und Multikulturalität auf. Einer wie Theatermacher Stone, weiß auch jeder und jedem in seinem Cast eine Sternstunde zu verschaffen, was diese mit scharfkantiger Rollengestaltung weidlich zu nutzen wissen, mit bravourösen Auftritten und grandios aufgeblähten Ansagen, die die Versagensangst und das schlussendliche Versagen der Figuren gar nicht verschleiern wollen, sondern als eine Art „C’est la vie!“ ausstellen, dann wieder mit leisen Augenblicken des Zweifels und der Verzweiflung – Felix Rechs Botho, der die selbstmörderische Konsequenz zieht und sich – Tschepurnoi hatte sich einst an einer Weide am Fluss erhängt – statt zwischen die sich verhärtenden Fronten vor die Wiener U-Bahn wirft.

Bardo Böhlefeld und Safira Robens. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Felix Rech und Mavie Hörbiger. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Michael Maertens und Annamária Láng. Bild: © M. Ruiz Cruz

Rainer Galke, Falk Rockstroh und Dalibor Nikolic. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Es wird der Moment dräuen, da die aufgebrachte, aufgestachelte Masse an die Glasfassade ein „Fickt euch alle!“ sprayen wird, wer sich erinnert, denn damals sorgte dies für öffentliche Debatten, bei Achim Benning 1988 zog die Arbeiterschaft mit wehenden roten Fahnen an der demolierten Datscha vorbei, und es ist als größtes Kompliment an Simon Stones „Komplizen“ gemeint, dass dies eigenständige Stück Dramatik, so nah es auch der Gorki-Dramaturgie ist, auch versteht, wer den Gorki nicht studiert hat.

Es kommt – Achtung: Spoiler! – zum großen Aufräumen. Nicht nur der Glasscherben, sondern auch der Gesellschaftssplitter. Der wiederauferstandene, zumindest im Rollstuhl sitzende Raschid hat sich via Wertpapiere zum Mehrheitseigentümer von Matthias‘ Fabrik gemacht, der Spross eingewanderter Gemüsehändler als Big Boss im Eingelegte-Gurkerl-Business, und man sieht die Kündigungswelle schon anrollen, Cleo sich der Paul’schen Hypotheken bemächtigt, was diesen um Haus und Hof bringt. Die neoliberale Ausbeuterin mit dem königlichen Namen hat schon Pläne für Tennisplatz und Swimmingpool, der Mittelstand steigt auf und entpuppt sich als Neureiche als noch gnadenloser als der alte, sich noch vom Gemeindebau ins Villenparadies hochgearbeitet habende Geldadel. Welch ein Symbolbild.

Und zwischen denen, die ihren Kummer über den „toten Traum“ (© Matthias-Simonischek) im Wein ertränken, den „vertrottelten Spielen von Stolz und Vorurteil“, dem Nachsinnen über „Besitz als neue Waffe der Unterdrückung“, den Wohlstandsverlierern da wie dort, den Generationen- und Familienkonflikten, den Betroffenen und den Performern von Betroffenheit, Anitas Zornesausbruch und dem endgültigen Irre-Werden von Lisa und Melanie ob Bothos Suizid, Wissenschaftler Paul-Maertens‘ Furor und Revolutionsästhet Dietmar-Kochs Resignation, alle entfremdet oder: jeder überlebt für sich allein, steigt ein Phönix aus den Trümmern. Safira Robens als Unterste-der-Unteren-, wie’s auf Wienerisch heißt: -Bedienerin, die ihre Zulassung zum Medizinstudium geschafft hat.

Was bleibt zu sagen? Am Premierenabend hat in Graz die KPÖ die Gemeinderatswahl gewonnen. Laut Wählerstromanalyse mit Stimmen, die bisher für andere Parteien abgegeben wurden und einem großen Zulauf von bis dato Nichtwählerinnen und -wählern. „Es ist alles aus, und wir sind selber schuld daran“, sagt Simonischeks Prositsch. Doch wer weiß, vielleicht lugt an der Wahlurne endlich eine echte, wahrhaft neue Volkspartei aus der Zukunft ins Heute?

Teaser: www.youtube.com/watch?v=BO2R6ZllyYY&t=1s           www.burgtheater.at

  1. 9. 2021

Wiener Staatsoper streamt: La Traviata

März 9, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Influencerin Violetta verliert all ihre Follower

Violetta Valéry ist bei Simon Stone nicht länger Kurtisane, sondern Internet-Influencerin: Pretty Yende und Juan Diego Flórez als Alfredo Germont. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Ein Glück. Die in der per Video angebotenen „Einführungsmatinee“ mehrmals beschworene, nie konkret ausgesprochene Frage der Hautfarbe spielt denn doch keine Rolle. Die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende muss also nicht als die schwarze, sondern kann als eine gesanglich wie darstellerisch ausgezeichnete Violetta und ganz ohne Meghan-und-Harry-Vergleich in die Annalen der Wiener Staatsoper eingehen.

Von dort zeigte Regisseur Simon Stone via ORF III und Stream seine Inszenierung von Verdis „La Traviata“ – noch fünf Tage zu sehen in der tvthek.orf.at und am 12.März erneut auf play.wiener-staatsoper.at -, und was das Handvoll Rezensentinnen und Rezensenten vor Ort hie und da als Bilderflut, SMS-Wut, mit einem Wort: too much Emojis bemängelte, kann vorm Bildschirm nicht nachvollzogen werden. Die Kamera bleibt die meiste Zeit dicht an den Protagonistinnen und Protagonisten, man ist an deren Spiel gänsehautnah dran – und erlebt einen Opernabend erster Klasse.

Hausdebütant Stone, in Wien bisher bekannt vom Burgtheater, beispielsweise mit seiner „Medea“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31048) oder „Hotel Strindberg“ (Rezension: http://www.mottingers-meinung.at/?p=28131), versteht sich als Beauftragter in Sachen Neu- und Überschreibungen. Eine Kunst, die er zur Meisterschaft gebracht hat, derart gab’s natürlich auch kein Halten vor der Kameliendame: Violetta Valéry, die gewesene Kurtisane, ist nun eine Internet-Influencerin.

Schon zur Ouvertüre dreht sich auf der Bühne von Bob Cousins der Social-Media-Kubus, Violetta hat alle Kanäle offen für die Community, Kurznachrichten, Instagram, ein Mail von Mama: Bist du müde, trinke Selleriesaft!, wird sofort zur Werbebotschaft – und ist zugleich ein erster Hinweis auf Erkrankung. Per Messenger ersucht Doktor Grenvil, Violetta möge sich bitte dringend melden.

Doch vorm Club „Martina’s“, ja, mit Wermutstropfen-Schriftzug, steht die Jeunesse dorée in der Warteschlange, und Violetta mittendrin im Goldkleidchen, eine mondäne „Bitch“, wer’s Musikvideo kennt, Pretty Yende eine Beyoncé der Oper. Von den gutsituierten Spezis mitgeschleift, erscheint Alfredo auf der Bildfläche, und Juan Diego Flórez gestaltet ihn als an den Schläfen angegrauten Endvierziger, er wirkt wie ein Oberbuchhalter auf Sexurlaub, Typ hauptberuflicher Erbe, den der herrische Vater nicht mal in die Nähe eines Vorstandsposten lässt.

Man flirtet sich Richtung Liebe auf den ersten Blick, kaum im Home Office, und Alfredo hat einen Laptop! mit Birnenlogo!, wird gechattet, überhaupt haben hier alle ständig ihr Smartphone in der Hand. Violetta findet derweil ihren Weg durchs morgendliche Paris, vorbei am riesigen Leuchtplakat für ihr Parfüm „Villain“, an der Jeanne d’Arc auf der Place des Pyramides bis zum „Paristanul“-Kebabstand.

Violettas Salon ist nun ein hipper Club: Ensemble. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Beim Landleben ist Digital Detox angesagt: Pretty Yende. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Pretty Yende und Igor Golovatenko als Giorgio Germont. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

La Traviata – die Parfümwerbung: Pretty Yende im Plakatformat. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Ein Hinweis auf Banlieue-Herkunft, und auf Stones und Cousins‘ Schauplatzwechsel zwischen lärmend und leise, Überfrachtung und Weißtünchung, die Welt lebt nicht von Facebook allein – im zweiten Akt auf dem Lande genügen ein Traktor und eine Scheibtruhe zur Illustration. Digital Detox ist angesagt. Violetta in Gummistiefeln stemmt Heuballen, Alfredo im Holzfällerhemd hat den Bürohengst hinter sich gelassen, und Flórez singt so anrührend von der neuen Freiheit, die Freude darüber in jedem Ton, dass einem angesichts des Ausgangs der Geschichte klamm ums Herz wird.

Juan Diego Flórez, mit dieser gottgegebenen Stimme, ist wie für den Alfredo dieser Aufführung geboren. Feinnervig erspürt er dessen sympathisch schüchternen Charme, singt den Alfredo geschmeidig und mit Gefühl und stemmt das hohe C am Ende seiner Cabaletta mit einer Leichtigkeit, die ihn als herausragenden Verdi-Interpreten ausweist. Flórez ist in Höchstform. Liebe wie Leid vermittelt er ehrlich und tiefempfunden, dies nicht zuletzt auch dem hohen Niveau von Simon Stones Personenführung gedankt – und der Chemie, die zwischen Flórez und Pretty Yende knistert.

Auch die versteht, die Tonleiter der Emotionen zu erklimmen, brennend vor Leidenschaft präsentiert sie diese Figur, die ihr sozusagen auf den Leib geschneidert wurde. Ihre Violetta ist elegant wie expressiv, stark wie zerbrechlich, Yende findet immer die rechte Balance zwischen It-Girl und Lyrik. Ihr Sopran ist glockenhell, bei den Koloraturen brilliert sie, sie hat eine Einfachheit im Singen, dies als Kompliment gemeint, heißt: ohne Schnörkel und Chichi, die ergreift, und kommt’s ein, zwei Mal zum Distonieren, so sei dies als Aufflackern von Violettas Seelenqualen angenommen. Alles in allem: Welch ein Rollendebüt!

Nun kann der Verliebteste nicht in Frieden leben, wenn es der Bank – im Hintergrund der pastoralen Idylle laufen Kontoauszüge und Mahnschreiben – und dem bösen Papa nicht gefällt. Auftritt Igor Golovatenko, als Giorgio Germont, als dritter im Bunde der Solistinnen und Solisten zu nennen. Der Vater, der sich als gesellschaftlich installierte moralische Instanz geriert, und doch nur nach seinen eigenen Geschäftsinteressen schielt, Golovatenko, der seinen kräftigen, mehr bodenständigen als noblen Bariton dröhnen lässt.

Großartig gespielt ist des alten Germonts ekelhaft bedrückter Großmut, so klein sein Gewissen, wie die Kapelle, vor der sich das alles ereignet. Gelungen auch die szenische Umsetzung mittels Newsticker, über den, während Germont fürs Töchterchen bittet, Nachrichten von einem Firmenskandal – Verstrickungen in Saudi-Arabien, der Prinz zieht die Verlobung zurück, katastrophale Konsequenzen – laufen. Schade, dass in dieser Schlüsselszene die Bildregie bei ihrer Großaufnahmen-Taktik bleibt, hier hätte die Totale mehr Aufklärung gebracht.

Und apropos, kurze Kritik: Nicht erschließt sich das Kostüm, das Alice Babidge Igor Golovatenko angetan hat, und das so gar nicht den Machtmenschen verkörpert. Die knittrige Hose, das dazu weder in Farb- noch Stoffwahl passende Sakko und die Umhängetasche sehen eher nach abgehalftertem Aufdeckerjournalist denn nach Unternehmer aus. Mit Giacomo Sagripanti hat der Abend einen Dirigenten, der alles richtig macht, einen verlässlichen, einfühlsamen Begleiter der Sängerinnen und Sänger, der um deren große Momente weiß, präzise musizieren und kraftvoll Akzente setzen, bis er zur traurigsten aller traurigen Romanzen, „Addio, del passato“, die Geigen zartschmelzen lässt.

Igor Golovatenko als Giorgio Germont. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Attila Mokus als Baron Douphol (re.). Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Der Kameliendame Krebstod. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Nach einem Bruce-Nauman-Moment mit Margaret Plummer als Flora Bervoix und Attila Mokus als Baron Douphol, Motto: per SMS in die SM-Spaßgesellschaft, ist man nämlich im Sterbeakt, und da digitale Schwindsucht als tödliche Krankheit nicht durchgeht, hat Simon Stone seiner Online-Celebrity unheilbaren Krebs verschrieben. Chemotherapie-Raum, Krankenhausnachthemd, das Orchester, filigran, verzweifelt, folgt Violetta noch einmal durch Paris. Es ist jener Traum, von dem man sagt, mit ihm ziehe das ganze Leben an einem vorbei.

Dazu Selfies aus glücklichen Tagen, Violetta und Alfredo, Pretty Yende herzzerreißend, aber pathosbefreit, selten hat man sich am Ende von „La Traviata“ so sehr das unmögliche Happy End gewünscht. Donna Ellen als Annina fällt am Spitalsbett noch positiv auf, sie ist die letzte Vertraute, alle anderen Follower hat Violetta verloren …

Instagrammerin Josi Maria berichtete von ihrer Magersucht – bis zum Tod, Bloggerin Emily Mitchell über ihre Schwangerschaft – bis zum Tod, Influencerin Kasia Lenhardt über ihre Beziehung zu Fußballstar Jerome Boateng – bis zum Tod. Das moderne Gewand, in das Simon Stone seine „Traviata“ gehüllt hat, ist absolut stimmig. Verdi erschuf ein Geschöpf im Rausch der Geschwindigkeit und des Champagners, das die eigene Privatheit, sogar Intimität zu Markte trägt, um im Luxus schwelgen zu können. Auch die Standesdünkel des Kapitals gegen die Aufmerksamkeitsökonomin passen, bis heute heiraten Geld- wie Altadel bevorzugt untereinander. Was die Neuinterpretation der „Traviata“ angeht, kann man nur sagen: Mission completed.

Bleibt, allen Beteiligten an dieser Produktion den gebührenden Applaus zu spenden. Gespenstisch war er schon, dieser Abend ohne einmal Klatschen. Vielleicht, auf bald, live. Bis dahin ist die Aufführung, eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris, noch fünf Tage in der ORF-TVthek zu sehen: tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Buehne/13869433/Erlebnis-Buehne-Wir-spielen-fuer-Oesterreich-La-Traviata-aus-der-Wiener-Staatsoper/14084437

Eine Wiederholung des „La traviata“-Streams gibt es am 12. März ab 19 Uhr auf play.wiener-staatsoper.at, kostenlos und für 24 Stunden abzurufen. Einführung zur Inszenierung von Simon Stone: www.youtube.com/watch?v=qC5nWgHjQPA          www.wiener-staatsoper.at

  1. 3. 2021

Die Staatsoper auf ORF III: Spielplanpräsentation 2020/21

April 26, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Bogdan Roščić spricht über Pläne, Anna Netrebko singt

Bogdan Roščić ist neuer Direktor der Staatsoper. Bild: Regina Aigner/BKA

Mit der Spielplanpräsentation des designierten Direktors Bogdan Roščić für die Saison 2020/21 wird an der Wiener Staatsoper nun offiziell eine neue Ära eingeleitet. Da es dem Haus am Ring #Corona-bedingt nicht möglich ist, diese live abzuhalten, findet die Saisonvorschau erstmals im Fernsehen statt – heute, 21.30 Uhr, ORF III.

Programmatisch setzt Roščić drei Schwerpunkte: Mozart, Wagner sowie jene klassisch gewordenen Opern des 20. Jahrhunderts, die wie eine Brücke sind zwischen der Tradition und den Kompositionen der Zeitgenossen. Der Fokus auf Mozarts Werk bedeutet 2020/21 zunächst das Schließen einer großen Lücke im Repertoire. Seine „Entführung aus dem Serail“, bis ins Jahr 2000 im Haus am Ring fast 700 mal gespielt, wird in Hans Neuenfels’ virtuoser Inszenierung gezeigt.

2021/22 beginnt dann die Erarbeitung einer neuen Da-Ponte-Trilogie in der Regie von Barrie Kosky. Er wird aber auch in der nächsten Spielzeit präsent sein – mit seiner preisgekrönten „Macbeth“-Produktion. Am Beginn der Erneuerung des Wagner-Repertoires steht „Parsifal“ in Zusammenarbeit mit dem russischen Theater-Magier Kirill Serebrennikow. 2021/22 folgt dann „Tristan und Isolde“ mit Calixto Bieito, der aber schon zu Ostern 2021 sein Staatsopern-Debüt gibt – und zwar mit der Übernahme seiner weltweit gefeierten „Carmen“-Inszenierung.

Die klassische Moderne wird vertreten sein durch den Mann, der vielleicht mehr als jeder andere zum Kanon der Oper nach 1945 beigetragen hat: Hans Werner Henze mit „Das verratene Meer“. Eine Saison später folgt das vielleicht wichtigste Werk des 20. Jahrhunderts: Alban Bergs „Wozzeck“ in einer neuen Inszenierung von Simon Stone. Schon im März 2021 debütiert Stone an der Staatsoper mit seiner neuen Inszenierung der „Traviata“, die Bogdan Roščić mit ihm und der Opéra national de Paris produziert hat.

Ans Dirigtenpult kehren kommende Spielzeit vertraute Namen wie Christian Thielemann, Franz Welser-Möst oder Bertrand de Billy zurück. Das im Zentrum aller Planungen stehende Ensemble mit vielen neuen Stimmen wird ergänzt durch die Mitglieder des soeben gegründeten Studios, in dem ganz junge Sängerinnen und Sänger den Anfang ihrer internationalen Karriere setzen. Die Saison 2020/21 ist ebenfalls der Beginn einer neuen Ära für das Staatsballett. Der Schweizer Choreograph Martin Schläpfer übernimmt die Führung der Kompagnie. Seine erste Kreation für Wien ist Mahler gewidmet, dessen 4. Symphonie Schläpfer für die gesamte Kompagnie choreographiert, also für mehr als hundert Tänzerinnen und Tänzer.

Anna Netrebko. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Jonas Kaufmann. Bild: © Gregor Hohenberg / Sony Classical

Elīna Garanča. Bild: © Paul Schirnhofer / Deutsche Grammophon

Auf ORF III geben neben Bogdan Roščić www.youtube.com/watch?v=kdcXxn-31jk der designierte Musikdirektor Philippe Jordan, zugeschaltet aus Paris, sowie der künftige Leiter des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer, per Videoschaltung aus Düsseldorf, Einblicke in die kommende Spielzeit. In Videoclips berichten auch die Künstlerinnen und Künstler sowie die Regisseure von ihrer bereits angelaufen gewesenen Arbeit an den geplanten zehn Produktionen.

Darunter Anna Netrebko www.youtube.com/watch?v=hMrlVkZuHhg, Jonas Kaufmann www.youtube.com/watch?v=Hzj2PFk1sfc&t=20s, Elīna Garanča www.youtube.com/watch?v=9QmJSBC6Bfk und Asmik Grigorian www.youtube.com/watch?v=mVhLwjAQGag, Barrie Kosky www.youtube.com/watch?v=s0UgNfLl4Mg, Simon Stone www.youtube.com/watch?v=aOUQ_ekTpGQ&t=24s, Jossi Wieler, Sergio Morabito und Anna Viebrock www.youtube.com/watch?v=UkRVWy1bgHo, Hans Neuenfels www.youtube.com/watch?v=RD6vD2AvtTo, Calixto Bieito www.youtube.com/watch?v=BkWNqhGQIKE, Kate Lindsey und Jan Lauwers www.youtube.com/watch?v=h5dF9vtIyEI&t=88s.

Musikalischer Höhepunkt der Spielplanpräsentation sind drei besondere Auftritte: Operndiva Anna Netrebko gibt Giacomo Puccinis „In quelle trine morbide“ aus „Manon Lescaut“ zum Besten. Die österreichische Mezzosopranistin Patricia Nolz, auch Mitglied des neugeschaffenen Opernstudios, singt „Morgen!“ von Richard Strauss, und der slowakische Bassist Peter Kellner, Ensemble-Mitglied der Wiener Staatsoper, präsentiert die Arie „Se vuol ballare“ aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Le nozze di Figaro“. Jendrik Springer, Pianist und Musikalischer Studienleiter der Wiener Staatsoper, begleitet die Solistinnen und den Solisten am Klavier.

Die Sendung wird via TVthek.ORF.at als Live-Stream sowie für sieben Tage als Video-on-Demand bereitgestellt. Sie ist live auf der Klassikplattform www.myfidelio.at und anschließend in der fidelio-Klassithek abrufbar.

www.wiener-staatsoper.at/spielzeit-202021

Die Videos zur Saison 2020/21: www.wiener-staatsoper.at/die-staatsoper/mediathek

26. 4. 2020

Ken Loach: Sorry We Missed You

Februar 25, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Arbeitsmarkt verlangt nach Selbstausbeutung

Wenn Vater und Tochter gemeinsam Pakete ausliefern, scheint sogar einmal die Sonne: Kris Hitchen als Ricky Turner und Katie Proctor als Liza Jane. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Wir zahlen keine Löhne, sondern ein Honorar. Du bist nicht angestellt, sondern arbeitest selbstständig. Und natürlich kannst du jederzeit selbst entscheiden, ob du zur Arbeit kommst oder nicht.“ So sagt‘s Malony, der Fahrteneinteiler des Paketzustellservice PDF – „Parcels delivered fast“, zu Ricky Turner. Da glaubt der Familienvater, der für den Job als Lieferbote den auf Baustellen geschmissen hat, noch an die neue Freiheit des „Franchising“.

Dass die eine Schimäre ist, kann der Zuschauer aber schon an Malonys aka Ross Brewsters virtuos verbiestertem Gesicht ablesen, und sorgenvoll schaut man in das vor Zuversicht strahlende von Ricky. Von nun an läuft die Zeit, und Ricky, grandios und mit Geordie Accent gespielt von Kris Hitchen, läuft mit – im Teufelskreis eines Tagelöhnersystems, das den „Bin-mein-eigener-Boss“-Träumer zum Sklaven seiner selbst macht. Der Arbeitsmarkt verlangt nach Selbstausbeutung, sogar den Lieferwagen muss der nun Leib-eigene stellen. Die Pipi-Plastikflasche hat er im LKW dabei, denn fürs Klogehen anzuhalten, vermindert den Verdienst. Zeit ist Geld. Verspätet sich Ricky, gibt’s eine Geldbuße, als einmal der Strichcode-Scanner kaputt geht, sind 1000 Pfund fällig. Der Scanner ist das Zentralorgan des Paketdepots, ein allwissender, perfekter Überwachungsapparat. „Die schwarze Kiste“, sagt Malony, „entscheidet, wer stirbt und wer überlebt. Mach‘ die Box glücklich, Ricky!“

In seinem jüngsten Film „Sorry We Missed You“, ab Freitag in den Kinos zu sehen, beschreibt Regie-Altmeister Ken Loach die Auswirkungen der Gig Economy auf die Gesellschaft am Fallbeispiel einer aus dem Mittelstand abrutschenden Familie aus Newcastle. Eigentlich wollte der 83-jährige Godfather des britischen Sozialrealismus den mit den Goldenen Palme ausgezeichneten Film „Ich, Daniel Blake“ seinen letzten sein lassen. Doch, ein Glück, der Chronist der sich zunehmend in einzelkämpferische Working Poor verwandelnden Class kann’s nicht lassen, auf politische Unfähigkeit und soziale Ungerechtigkeit zu reagieren.

Und zwar mit einem filmischen Aktivismus, bei dem ihm seit einem Vierteljahrhundert Drehbuchautor Paul Laverty als kongenial Gleichgesinnter zur Seite steht. „Als wir für unsere Daniel-Blake-Recherchen Essensausgaben besuchten, wurde uns klar, wie viele der Menschen, die dorthin kommen, eigentlich ,Arbeit‘ haben. Teilzeitarbeit, Zeitarbeit, Provisionsjobs, oft so schlecht bezahlt und auf eigenes Risiko, dass es nicht fürs Leben reicht. Die sogenannte Gig Economy mit Honoraraufträgen, Kleinjobs oder Beschäftigung über Agenturen tauchte immer wieder in den Gesprächen auf. Daraus formte sich Stück für Stück die Idee für einen weiteren gemeinsamen Film“, so Loach über „Sorry We Missed You“.

Abbie arbeitet gerne als Altenpflegerin: Debbie Honeywood. Bild: © Filmladen Filmverleih

Noch glaubt Ricky an die Neue Selbstständigkeit: Kris Hitchen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Loach erzählt wie stets ohne zu dozieren, doch diesmal ohne den sonst üblichen tragikomödischen Satireanteil. „Sorry We Missed You“ ist still und traurig, intensiv und hart. Es passiert kein großes Drama, es ist die Alltäglichkeit der Szenen, die Routine der Zumutungen, die einen bedrückt, weil sie zeigt, dass es für die in der Tretmühle gefangenen Turners kein Entrinnen aus der Abwärtsspirale gibt. Loach betrachtet seine Figuren mit aufmerksamer Anteilnahme, mit inständigem Blick, er schenkt ihnen und ihrer Geschichte die Zeit, die sie sich selbst nicht gönnen. Aus dem Bewusstsein ihrer Misere, „Was tun wir uns da nur dann?“, fragen sich Ricky und seine Ehefrau Abbie bald, entwickelt er einen zu Herzen gehenden Humanismus, heißt: dass nicht nur dieses mitfühlt, sondern der Kopf zum Mitdenken, zum Widerstandsdenken aufgefordert ist.

Und apropos, Wider-: Kris Hitchens Ricky trotzt den widrigsten Umständen, falschen Adressen, Strafzetteln, Stress mit Kunden und Nachbarn, die sich weigern ein Paket zu übernehmen, lange mit zäher Widerstandskraft. In Rickys Stimme und Körperhaltung schwingt zwar die Resignation mit, Hitchens müde Augen sagen mehr als die besten Dialoge, sein Gesicht eine Landkarte des Losertums, doch die Hoffnungslosigkeit, und Hitchen gestaltet sie demütig-stoisch und schaumgebremst, nimmt erst überhand, als seine prekäre berufliche Situation beginnt, den Haussegen zu zerstören. Wie Ricky ist auch Abbie eine Ich-AG, sie arbeitet als Alten- und Behindertenpflegerin nach einem Null-Stunden-Vertrag.

Was bedeutet, dass ihr ausschließlich die Arbeit am Klienten bezahlt wird, die Leerzeiten, wie beispielsweise die Fahrten von-nach, gehen auf ihr Konto. Und diese Leerzeiten werden nun länger, weil Abbie ihr kleines Auto wegen des Lieferwagen-Kredits verkauft hat und jetzt öffentlich unterwegs ist. Wie beiläufig berichten Loach und seine beiden großartig wahrhaftigen Hauptdarsteller, wie die Ehe in diesem Moment aus der Balance gerät, denn Abbie verliert mit der Mobilität jene Autonomie, die Ricky zu gewinnen wünscht. Debbie Honeywood macht aus Abbie eine liebevolle Seele, sie ist – und das völlig kitschfrei – die Güte in Person, während sie wartet, wenn die Betagten in ihren Erinnerungen versinken, bis die Bettlägerigen ihre schlechte Laune an ihr ausgelassen haben. „Behandle sie als wären sie deine Mutter“, ist ihr Leitspruch, doch die Verweildauer ihrer Visiten ist streng limitiert, die Klienten sind Kennziffern im Pflegeplan und müssen effizient verwaltet werden.

Familie Turner wird den Gürtel schon bald enger schnallen müssen: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone und Katie Proctor. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am Charakter Abbies thematisiert Loach jene Menschlichkeit, die im neoliberalistischen Weltbild und im zynischen Humankapital-Sprech nicht vorgesehen ist. Zynisch gesagt: Ein guter Mensch zu sein, bringt Abbie im Leben nicht weiter. Einmal hat sie den Albtraum, im Treibsand zu versinken, und da ist ihr die Chance aus diesem aufzutauchen längst entglitten. Töchterchen Liza Jane, Katie Proctor, bleibt ein braves Mädchen.

Doch Teenager-Sohn Seb, Rhys Stone als präpotent pubertierender Konsumrebell, wird, als er einmal den Kopf aus der Hoodie-Kapuze und dem Online-Spiel steckt, wegen eines Taggeranschlags auf Werbeplakate, deren angepriesenen Luxus er sich nicht leisten kann, von der Polizei festgenommen. Der Vater hat gegen dieses Aufbegehren wegen der von Seb so empfundenen elterlichen Vernachlässigung kein Mittel außer Ohrfeigen zur Hand. Wie daheim Autorität verkörpern, wenn man sichtlich draußen keine hat? Je mehr seine Protagonisten gehetzt sind, desto ruhiger scheint’s läuft Loachs Film. „Sorry We Missed You“ ist auf besondere Art diskret, wie eine unauffällige Gerichtsprotokollantin hält die Kamera von Robbie Ryan den Prozessverlauf bis zu dem Moment fest, von dem an kein Urteil zu entscheiden vermag, wo die wirtschaftspolitische Verantwortung für die Verhältnisse endet und der persönliche Veränderungswille einsetzen sollte.

„Sorry We Missed You“ ist eine allgemeingültige Story über die Auswirkungen sogenannter flexibler Arbeit auf das Leben, oder besser, dem Rest, der davon übrig bleibt, ist ein anrührendes, nie rührseliges, ein anklagendes Familiendrama in einer Bis-Zum-Umfallen-Arbeitswelt, die jeden Winkel des Daseins in Besitz nimmt und zersetzt. Für Ken Loach ist das Kapitalismus in seiner brutalsten Form. Er macht den Menschen zu Ware und produziert Existenz- ohne -grundlage. Loach ist darob, kein Zweifel, wütend, doch als Filmemacher ist er vor allem von der Liebe zu seinen hart arbeitenden Helden angetrieben.

Es tut weh zu sehen, wie die Turners um ihr Miteinander ringen, während ihnen in „Take back Control“- Großbritannien die Kontrolle übers Selbst, Boris Johnsons heiß propagierter Brexit-Wert, bereits entzogen ist. Das letzte bittere Bild zeigt, wie der verzweifelte, verschwollene, da bei einem Raubüberfall grün und blau geschlagene, weinende Ricky frühmorgens am Steuer seines Transporters sitzt. Sein Es-muss-gehen jenseits der Grenzen des Bis-zum-Gehtnichtmehr bleibt einem lange im Gedächtnis …

www.sorrywemissedyou-derfilm.de

25. 2. 2020

The Favourite – Intrigen und Irrsinn

Januar 22, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Gosse in die Gunst der Königin

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Queen Anne hinkt verstimmt durch ihren Palast, Prunkraum um Prunkraum, vorbei an einem livrierten Lakaien, und diesen, noch ein halbes Kind, herrscht sie ohne Vorwarnung an: „Hast du mich etwa angesehen?“ Der Diener schaut scheu zu Boden und schüttelt seinen Kopf. Doch die Königin ist nun in Rage: „Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“ Er blickt betreten hoch – und bekommt eine schallende Ohrfeige. „Wie kannst du es wagen, mich anzusehen!“

Eine Szene aus Yorgos Lanthimos‘ jüngstem Film „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, der am Freitag in den Kinos anläuft, und eine, die die Atmosphäre der Historienfarce, deren Färbung wohl tragische Ironie zu nennen ist, bestens beschreibt. Ebenso wie Lanthimos‘ beständiges Wechselspiel zwischen der Willkür der Adelsklasse und jenen Untertanen, die dieser ausgeliefert sind – bis eine erscheint, die zum Gegenangriff antritt. Die Figur der Königin Anne, erste Monarchin des United Kingdom, letzte aus dem Hause Stuart, wird dargestellt von der grandiosen Olivia Colman, von Venedig bis London, zuletzt mit dem Golden Globe, bereits ausgezeichnet. Zu Recht zählt „The Favourite“ auch zu den Oscar-Favoriten.

Dass, während das Publikum sich über die messerscharf geschliffenen Dialoge prächtig amüsieren kann, Domestiken der Krone im frühen 18. Jahrhundert nicht viel zu lachen haben, erfährt gleich zu Beginn Abigail, Baronesse Masham, als solche aufgrund der Spielsucht ihres Vaters tief, und als sie am St James’s Palace eintrifft, als erstes in einen der Kothaufen, die das Volk dem Hof vors Tor scheisst, gefallen. Angereist ist sie, um ihre entfernte Cousine Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough, um eine Anstellung zu bitten. Deren Ehemann John Churchill, der Duke, ist nicht nur oberster Feldherr, sondern auch begnadeter Ränkeschmied, doch Sarah läuft ihm diesbezüglich leicht den Rang ab, ist sie doch mehr als Annes Dame des Herzens die regierende Mätresse, heißt: dass statt der einfältigen, infantilen Anne Sarah die Staatsgeschäfte führt.

Emma Stone. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Nicholas Hoult. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Abigail aber ist gekommen, um Karriere zu machen. Als sich ihr die Gelegenheit bietet, von der Gosse in die Gunst der Königin aufzusteigen, lässt sie nichts unversucht, Sarah schachmatt zu setzen. Was in der Folge zu höchst unterhaltsamen Intrigen, Irrungen und zunehmendem Irrsinn führt. Lanthimos inszeniert diese gefährlichen Liebschaften stilistisch brillant und inhaltlich bissig.

Zwar ist die Handlung in den historischen Kontext der Schlachten gegen Frankreich im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs gebettet, doch lässt Lanthimos der real existiert habenden MachtMénage à trois, über deren sexuelle Seite anhand erhalten gebliebener Briefe freilich nur spekuliert werden kann, genug Raum, um über sie frei erzählen zu können. Tatsächlich ist „The Favourite“ im Vergleich zu seinen hermetischen Werken wie beispielsweise „The Lobster“ oder „The Killing Of A Sacred Deer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27854) erstaunlich gut zugänglich.

Mit den im Wortsinn Epoche machenden Sets von Fiona Crombie, der verschwenderischen Kostümfülle der dreifachen Oscar-Preisträgerin Sandy Powell und der raffinierten Kameraarbeit von Robbie Ryan erschafft der Arthouse-Kinomann Bilder wie Gemälde, Tableaux Vivants, in denen sich die Opulenz der Dekadenz feiert. Wobei es Ryan versteht, sowohl in der Düsternis von Kerzenlicht als auch mittels Weitwinkeloptik die Charaktere als Gefangene dieses Pomps sowie jedweden politischen Kalküls zu zeigen. Druckventil dafür sind seltsame Rituale wie Entenrennen oder eine Art Völkerball mit Orangen auf nackten Mann  – während die Küchenmägde, eine von ihnen anfangs Abigail, aus Platzmangel in den Katakomben des herrschaftlichen Gebäudes im Knäuel schlafen.

Rachel Weisz als Sarah und Emma Stone als Abigail schenken sich nichts, allerdings bleibt es vorerst bei tödlichen Blicken und spitzzüngigen Bemerkungen. Weisz‘ Sarah ist ihrer Herrscherin eine strenge Herrin, auch eine geübte Schützin auf Tauben, denen noch nicht die Silbe „Ton-“ vorangestellt ist, skurril diese Sequenz, wenn „Wurf!“ gerufen und ein lebender Vogel in die Luft geschleudert wird, und sie hat absolut den Willen zur Macht und zur Durchsetzung der Marlborough-Interessen. Stones Abigail scheint gegen die Härte dieser Frau liebenswert, integer, eine mit Herz – und wird sich doch als durchtriebenes Biest entpuppen. Als eine, die ihre körperlichen Geschütze in Stellung bringt, während Sarah inmitten all der höfischen Heuchelei, wenn nicht sympathisch, so zumindest ehrlich ist. Auch wenn sie der Queen sagt, mit ihrer Schminke sehe sie aus wie ein Dachs.

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Die Vielschichtigkeit, die Abgründigkeit, die Hinterlistigkeit, mit der Weisz und Stone ihre Rollen ausstatten, wird nur übertroffen von Olivia Colman, die der mit ihrer Lächerlichkeit und ihrer Schwäche durchaus ringenden, vor Gichtschmerzen schreienden, Selbstmordversuche unternehmenden, inmitten der sie umringenden Höflingsmassen einsamen Anne eine große, tragische Würde verleiht.

Erwähnenswert ist auch die Leistung von Nicholas Hoult als Robert Harley, Anführer der Tory-Opposition, äußerlich ein Geck mit Puderperücke und aufgemaltem Schönheitsfleck, in Wirklichkeit aber ein gewiefter Strippenzieher hinter den Kulissen. Als politischer Gegner der Whigs und damit der Machenschaften der Marlboroughs, will er den Krieg und die damit einhergehenden permanenten Steuererhöhungen für die von ihm vertretenen Großgrundbesitzer beendet sehen.

Und so bildet er eine Allianz mit Abigail, die derweil, begleitet vom wuchtigen Soundtrack Händels, Vivaldis und Bachs, von der Küche bis in die Gemächer der Königin aufgestiegen ist. Um dort zum Eigennutz, aber auch im Auftrag Harleys, man erpresst und bedroht sich gegenseitig, die Ohren offen zu halten. Bald steigert sich zwischen Sarah und Abigail der Ehrgeiz zum Killerinstinkt, wird auch vor Giftanschlägen und arrangierten Reitunfällen nicht zurückgeschreckt, ist die Königin immer mehr Spielball beider Angelegenheiten. Doch wird die Siegerin schließlich erkennen müssen, dass sie auch auf ewig deren Sklavin, ausgeliefert ihren Launen und Schrullen und den siebzehn Kaninchen, die sich im Schlafzimmer tummeln, sein wird …

„The Favourite“ besticht mit überbordender Optik und mit exzellentem Spiel, mit hoher Theatralik und einem Witz, der very british ist. Dass Lanthimos keine seiner Figuren bloßem Spott und boshaftem Gelächter aussetzt, sondern stets versucht, ihre Beweggründe plausibel zu machen, zeichnet diesen Film aus. Derart gelingt es ihm, seine historische Fiktion nah an die Gegenwart zu rücken. Günstlingswirtschaft, unfähige Staatsoberhäupter und machthungrige Emporkömmlinge sind ja beileibe kein Phänomen von gestern.

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  1. 1. 2019