Der Medicus: Der Film zum Bestseller

Dezember 23, 2013 in Film

VON SONJA CHRISTINE VOCKE

Lieben und Leiden in Leinwandgröße

Ben Kingsley, Olivier Martinez, Tom Payne Bild: Universal Pictures Germany

Ben Kingsley, Olivier Martinez, Tom Payne
Bild: Universal Pictures Germany

Wer das Buch von Noah Gordon gelesen hat, hat sich sicher lange Zeit gefragt, ob diese Geschichte nicht Stoff für einen guten Film bieten würde. Endlich ist es soweit. Der deutsche Regisseur Philipp Stölzl („Nordwand“, „Goethe“) hat sich dieses Weltbestsellers angenommen, für den bereits seit Erscheinen zahlreiche Drehbücher existieren. In seiner Heimat, den USA, fehlte es Noah Gordon an der Anerkennung, die er aus Europa für dieses Buch bekam, so hielt sich Hollywood bei der Verfilmung zurück. Woran erinnern sich die Menschen, die das Buch gelesen haben? Können Sie die Geschichte bis ins kleinste Detail wiedergeben? Oder sind es nicht eher die Emotionen, die Eindrücke einer so fernen Vergangenheit in zwei so unterschiedlichen Welten? Das hat sich Philipp Stölzl zu nutze gemacht. Der Film ist eine Verdichtung der Ereignisse, die im Buch geschildert werden, sonst hätte man ein Epos, das auf 900 Seiten erzählt wird, kaum verfilmen können.

England zu Beginn des 11. Jahrhunderts. Robert Cole, kurz Rob, ein kleiner Junge schuftet in einem Kohlebergwerk für einen halben Laib Brot als Lohn, den er mit seinen zwei Geschwistern und seiner Mutter teilt. In der Nacht wird Robs Mutter von Bauchschmerzen geplagt. Als Rob seine Muter berührt bleibt für einen Wimpernschlag die Zeit stehen. Zu jung noch, versteht der Junge nicht was in diesem Moment geschieht, aber er wird noch einige dieser Momente erleben. Rob holt den Bader (dargestellt vom schwedischen Schauspieler Stellan Skarsgard), aber auch dieser kann der Mutter auch nicht mehr helfen, sie stirbt. Das Schicksal trennt die Geschwister und Rob schleicht sich heimlich in des Baders Pferdewagen. Von nun an reisen die beiden gemeinsam und „heilen“ Zahnschmerzen, ausgerenkte Schultern, sowie die gerochenen Nasen von betrunkenen Wirtshaus Rüpeln. Als Rob dem Bader hilft einem Patienten einen schmerzenden Zahn zu ziehen, ist er wieder da, der Moment in dem für Rob die Zeit zum Stillstand kommt und nun weiß er was das bedeutet: Er hat die Gabe, den nahenden Tod zu spüren. Tatsächlich stirbt der Zahnpatient in der Nacht … Die beiden ziehen immer weiter durch England, von Ort zu Ort und immer mehr beginnt sich Rob dafür zu interessieren, wie der Mensch im inneren aussehen mag. Warum manche Krankheiten nicht heilbar sind. Tote aufzuschneiden ist jedoch gegen das Gesetz und die Kirche so warnt ihn der Bader, dessen Augenlicht immer schwächer wird. Fast erblindet erfährt Rob, dass die jüdischen Ärzte in London dies heilen könnten. Er bringt den Bader hin und hört von den jüdischen Ärzten, dass im fernen Isfahan ein Mann lebt der die Heilkunst lehrt, sein Name ist Ibn Sina (Ben Kingsley). Getrieben von der Neugier und dem Wunsch die Kunst des Heilens zu lernen reist er nach Isfahan. Die Reise ist lang und schwierig. Mit einer Händlerkarawane zieht Rob, der sich fortan als Jude Jesse ausgibt, da Christen keinen Zugang zur Stadt Isfahan hätten durch die Wüste. Er verliebt sich in die mitreisende Rebekka, deren Ziel ebenfalls die Stadt in der Wüste ist. Ein aufkommender Sandsturm trennt die Reisegefährten und Rob schafft es mit letzter Kraft nach Isfahan. In den folgenden Jahren lernt er alles was Ibn Sina ihm und seinen Kommilitonen beibringen kann. Eine Pestepidemie stellt das Können und Wissen aller auf die Probe. Rebekka, die unter den Patienten ist, überlebt. In den Wirren der seldschukischen Übernahme Isfahans flüchtet Rob mit Rebekka, Ibn Sina bleibt … Was soll nun werden, nachdem Isfahan gestürmt und geplündert, Ibn Sina tot, hinter ihnen liegt: „Be a great physician.“

Es ist ein mittelalterliches Epos, in dem nichts ausgelassen wird, Liebe, Schlachten, Intrigen und Freundschaft. Die drei großen Weltreligionen stehen sich gegenüber, was den Film sehr aktuell macht. Wie können, diese drei Glaubensrichtungen nebeneinander existieren, in Frieden und sich vielleicht gegenseitig befruchten. Sowohl vom Christentum, vom Judentum als auch vom, zum Zeitpunkt der Erzählung noch sehr jungen muslimischen Glauben werden die besten als auch dunkelsten Seiten präsentiert. Es ist auch eine Kritik zu spüren, dass der Glaube die Wissenschaft hindert und damit Menschenleben opfert. Es ist aber auch eine Geschichte voller Hoffnung. Der junge Waisenknabe, der keine Mittel aber einen starken Willen hat, schafft es, sich seinen Traum zu erfüllen. Wer an sich glaubt, schafft alles. Eine besondere Figur ist Schah Ala ad-Daula, dargestellt vom charismatischen Olivier Martinez. Nicht wirklich böse und auch nicht nur gut. Er gibt dem von Liebeskummer geplagten Rob einen Einblick in seine Seele und wird so zum Sympatieträger plötzlich fühlt man sich ihm nahe. Wie schon andere Regisseure vor ihm („Der Name der Rose“, „Die Päpstin“, „Das Geisterhaus“ oder „Das Parfum“), bedient sich Philipp Stölzl einem sicheren Rezept bei dieser Literaturverfilmung, er setzt auf hochkarätige Schauspieler, sowie außerordentliche junge Talente. Damit kann sich diese deutsche Produktion lückenlos in die erfolgreiche Reihe literarischer Verfilmungen einordnen, die zu sehen sehr lohnend sind. Wo nicht das Buch „typischerweise“ besser als der Film ist, sondern wo sich Buch und Film in harmonischer Weise ergänzen.

Filmstart ist der 25. Dezember 2013.

Besetzungsliste:

Tom Payne – Rob Cole

Sir Ben Kingsley – Ibn Sina (Avicenna)

Stellan Skarsgard – Bader

Olivier Martinez – Schah Ala ad-Daula

Emma Rigby – Rebecca

Elyas M’Barek – Karim

Fahri Ogün Yardim – Davout Houssein

Makram Khoury – Imam

http://movies.uip.de/medicus/at/index.htm

Wien, 23. 12. 2013

Wiener Festwochen: Programmvorschau

April 25, 2013 in Bühne

Martin Kusej, Bruno Ganz, Edith Clever, Johan Simons

Nicolas Stemann und Robert Lepage sind zu Gast

Ein Tränlein hatte er schon im Blick, als Wiener-Festwochen-Intendant Luc Bondy am 25. April im MuseumsQuartier das letzte von ihm verantwortete Festival (10. Mai bis 16. Juni) in Österreichs Hauptstadt ansagte. „Ich bin kein wehmütiger Mensch, vor allem keiner, der das Geschehen in seiner Vergangenheit preist“, so Bondy, der seiner Mitstreiter Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Patrice Chéreau, Luca Ronconi, Alvis Hermanis, Johan Simons, Peter Stein, Peter Sellars, Simon McBurney, Krystian Lupa, Deborah Warner, William Kentridge …. gedachte. Und Marie Zimmermann als Schauspielchefin. „Wir vermissen sie. Es war mitten in der Festwochen-Zeit, als ich Lear an der Burg probte, als sie sich das Leben nahm. Es war ein riesiger Schock.“

Le Retour / Die Heimkehr Bruno Ganz Bild: Ruth Walz

Le Retour / Die Heimkehr
Bruno Ganz
Bild: Ruth Walz

Mehr oder weniger Tränlein wischten sich auf dem Podium des Achitekturzentrums auch ihre Nachfolgerin als Schauspieldirektorin, Stefanie Carp, aus den Augenwinkeln. Welch ein Verlust für Wien! Eine Garantin für „Aufwind“ und Innovationswillen, die Überschreitung von Grenzen zwischen Genres und in viele weitere Länder und Kontinente, hin zu neuen Formaten und Ästhetiken. Und der (meist durch Abwesenheit) glänzende Musikdirektor Stephane Lissner. Die Wiener Festwochen 2013 bieten 41 Produktionen – darunter zehn Uraufführungen und vier Neuinszenierungen aus 36 Ländern.

Die Eröffnung findet am 10. Mai auf dem Wiener Rathausplatz unter dem Motto „Wien, Wien, nur du allein?“ statt  und ist -no na – dem Wienerlied gewidmet. Als Moderator wird Nicholas Ofczarek durch die Nacht führen. Mitwirkende: Die Strottern, Angelika Kirchschlager, Ernst Molden, Philharmonia Schrammeln Wien, Willi Resetarits & Stubnblues, Michael Schade, Walther Soyka, Fatima Spar und Ursula Strauss.

Das Musikprogramm dominiert der 200. Geburtstag von Wagner und Verdi. So wird die Verdi-Trilogie der Festwochen mit einer Neuinszenierung von „Il Trovatore“ abgeschlossen. Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl wird zum ersten Mal in Wien inszenieren; es dirigierit der Israeli Omer Meir Wellber. Mit der Sensation der diesjährigen Opernsaison, dem im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten „Written on Skin“ von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt eine Oper nach Wien, der das schier Unmögliche gelungen ist, die Erwartungen der unterschiedlichsten Publikumskreise zu erfüllen – von den vom hohen Können des Komponisten begeisterten Liebhabern der klassisch-romantischen Oper bis zu den Fans des zeitgenössischen Theaters, die der „poetische Realismus“ des Librettos und seine eindrucksvolle dramatische Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell faszinierten. Die Uraufführungen der Musiktheaterprojekte JOIN! (Oper von Franz Koglmann nach einem Libretto von Alfred Zellinger) und „Die Ballade von El Muerto“ (Musiktheater von Diego Collatti mit einem Text von Juan Tafur im Rahmen der Programmschiene Into the City), koproduziert mit den Ensembles netzzeit und progetto semiserio, demonstrieren den Willen der Wiener Festwochen, der innovativen zeitgenössischen Wiener Szene jene Bühne zu bieten, auf der diese im Blickfeld der Welt den Blick auf die Welt richten kann.
Die Reihe Into the City widmet sich dem Thema music and politics und stellt in unterschiedlichen Formaten und Zusammenhängen die gesellschaftliche Bedeutung von Musik in unserer Zeit heraus. Workshops und Konzerte in verschiedenen Einrichtungen und Örtlichkeiten verbinden das diesjährige Into the City Festivalzentrum im Wien Museum Karlsplatz mit der Stadt.

Im Schauspielprogramm finden acht Uraufführungen statt: „Todo el cielo sobre la tierra. El sindrome de Wendy“ von Angelica Lidell und Swamp Clup von Philippe Quesne erkunden im Grenzbereich von Performance, Tanz und Schauspiel die Beziehungen zwischen privatem Erlebtem und politschem Raum. Eine Auftragsarbeit ist Christoph Marthalers neues Projekt „Letzte Tage. Ein Vorabend“. Im Mittelpunkt der Aufführung im historischen Sitzungssaal des Parlaments stehen Kompositionen aus Wien vertriebener Komponisten und Texte, die sich mit der nationalen Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg und rassistischen wie nationalsozialistischen Tendenzen in Europa auseinandersetzen. In „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ versuchen Regisseur Nicolas Stemann und eine Gruppe von Künstlern aktuelle Geschehnisse in einen Theaterabend umzuwandeln. Jeden Abend ist so etwas Neues zu sehen.

Die Stars: Als Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater führt der dortige Intendant Martin Kusej bei der Schauspieltrilogie „In Agonie“. Eine Neuinszenierung für Wien. Autor Miroslav Krležas beschreibt den Zerfall des Habsburgerreichs von Kroatien aus. Es spielen Manfred Zapatka, Sophie von Kessel und  Johannes Zirner. Luc Bondy selbst inszeniert Molieres „Tartuffe“ am Burgtheater mit Edith Clever, Johanna Wokalek, Joachim Meyerhoff und Gert Voss. Aus seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, bringt er seine Harold-Pinter-Arbeit „Le Retour“ (Die Heimkehr) mit Bruno Ganz und Emmanuelle Seigner mit.

Die junge brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy erzählt in der teils theatralischen, teils filmischen Arbeit „Julia“ (nach Strindbergs „Fräulein Julie“, dass überkommene patriarchale Machtstrukturen in einer segregierten Gesellschaft stärker sind als die Gefühle. Der junge australische und gerade zu entdeckende Regisseur Simon Stone verhandelt in einer heutigen Ibsen-Wildente „The Wild Duck“ die private und soziale Krise der abstürzenden Middle Class.

Neu im Programm ist Johan Simons Regiearbeit von Lot Vekemans Stück „Gift. Eine Ehegeschichte“, die Story eines Ehepaares, das sich nach dem Tod ihres einzigen Kindes getrennt hat. Sechs Jahre nach der Scheidung treffen sie einander wieder am Grab des Kindes und sprechen über ihren Schmerz. Simons inszeniert dieses ergreifend. Mit Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen und dem Countertenor Steve Dugardin. Robert Lepage kehrt mit seiner neuen Idee „Playing Cards 1: Spades“ ebenso zurück nach Wien wie Romeo Castelluci mit seinem berühmten „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio / Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“, bei dem sich ein Mann um seinen greisen Vater kümmert.

Neuentdeckung: Die Wiener Regisseurin, Salon-5-Prinzipalin und Reinhardt-Seminar-Professorin wird Robert Neumanns Roman „Die Kinder von Wien oder oder HOWEVERSTILLALIVE“ für die Bühne adaptieren. In seinem satirischen Roman führt uns Neumann, nach London emigrierter jüdischer Romancier aus Wien, in einen Keller im Nachkriegsjahr 1946. Fünf Kinder hausen hier in einer Wohngemeinschaft des Schreckens, aber auch der anarchischen Freiheit. Eine Geschichte über die „Trotzdemimmernochlebendigen“, die den Krieg, jeden Krieg überstehen …

Gesamtprogramm und Termine: www.festwochen.at

Interviews zu den wichtigsten Produktionen und Rezensionen: www.mottingers-meinung.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 4. 2013