Volkstheater: Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss

September 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein tieferer Sinn erschließt sich nicht

Die Bühne dient den Tänzern als – gähnend leerer – Ruheraum: Lukas Watzl, Isabella Knöll, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Sebastian Klein, Birgit Stöger, Claudia Sabitzer und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dem sitznachbarlich Wienerischen „Zerwos?“/wozu kann man sich zum Schluss nur anschließen. Regisseur Miloš Lolić hat am Volkstheater „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ inszeniert, dabei aber seiner selbst getroffenen Stoffauswahl offenbar miss-, heißt: weder der theatralen Kraft von Horace McCoys 1935er-Roman „They Shoot Horses, Don’t They?“ noch der kongenialen Verfilmung von Sydney Pollack aus dem Jahr 1969 vertraut.

Seltsam ist das, wäre doch die Vorlage, deren Story sich um einen der damals beliebt-berüchtigten Tanzmarathons in den USA der 1930er-Jahre dreht, Events, die McCoy aus persönlicher Erfahrung kannte, da er bei solchen als Rausschmeißer arbeitete, für zweifachen Konnex zur Gegenwart gut. Einem gesellschaftspolitischen Kapitalismus-auf-der-Kippe-Bezug mittels Rückblicks auf die Große Depression, die Verzweifelte wie Glücksritter mit der Aussicht auf 1000 Dollar Preisgeld und bis zu sieben Mahlzeiten täglich, die allerdings um den Esstisch tanzend eingenommen werden mussten, zu diesen Folter-Veranstaltungen lockten – und anhand deren archaischer Spielregeln sich mühelos Themen wie schwindender Sozialstaat, daher erstarkender Sozialdarwinismus, daher Existenzkampf für die von der Gemeinschaft Abgehängten bei gesteigertem Wettbewerb für die Systemgewinner, verhandeln hätten lassen.

Oder einem medienkritischen Seitenhieb, sind doch diese auf „real life“ gestylten Contests gleichsam als Vorläufer von Fernsehformaten wie dem „Dschungelcamp“ oder derzeit „Love Island“ zu betrachten, in denen die Kandidaten für den Sieg alles über sich ergehen lassen, und den Voyeurismus der Zuschauer mit – oft genug gefaktem – Herzschmerz, Streitereien und Skandälchen befriedigen. Schon in den 1930igern war es üblich, dass das Publikum die Tanzteilnehmer bis unter die Dusche verfolgte, deren halbkomatösen Minutenschlaf, ihr Kollabieren, ihr ob der körperlichen Verausgabung sogar Halluzinieren miterleben konnte, und müssen die Mitwirkenden heute unappetitliche Teile von Tieren essen, so gab es damals Sondermatches im Dauerlächeln, Boxrunden – und das gefürchtete „Derby“, ein Laufen bis zum Umfallen, das sprachlich nicht zufällig Menschen mit Rennpferden gleichsetzt.

Getanzt wird – live gefilmt – in der Roten Bar: Isabella Knöll unad Lukas Watzl als Alice LeBlanc und Joel Girard. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Filmstatistin Gloria Beatty und der gescheiterte Regisseur Robert Syverton hoffen, „entdeckt“ zu werden: Sebastian Klein und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Immer in Bewegung bleiben: Nils Hohenhövel und Katharina Klar als Jimmy Bates und dessen hochschwangere Frau Ruby. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Shirley Clayton, Lillian Bacon und Harry Klein spielen eine Szene aus „Mutter Courage“: Claudia Sabitzer, Steffi Krautz und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Daran knüpft Lolić in gewisser Weise an, indem er, so ziemlich alles an McCoy’scher Handlung beiseiteschiebend, mithilfe von Schauspielszenen aus Stücken, die fürs Volkstheater von aufführungsgeschichtlicher Bedeutung sind, nachbessert. Dies nicht, bevor sich die Showmaster Evi Kehrstephan und Jan Thümer in diversen Fummeln, er einmal als Conchita-Klon – und wie abgegriffen ist das denn?, ordentlich leidgetan haben. Von wegen schwieriges Haus, stürmische Zeiten, so schief in den 7. Bezirk hineingebaut, das es mit dem Feng Shui ja nicht klappen kann. Hernach liegt es an den Darstellern die von der Kritik skandalisierten Inszenierungen, womöglich deshalb in der Regel die großen Publikumserfolge, aus 130 Jahren Volkstheatergeschichte in kleinen Häppchen zu servieren.

Der tiefere Sinn dieses Tuns erschließt sich nicht, es sei denn er läge darin, dem Ensemble die Chance zu geben, die kommende Direktion vom eigenen Können zu überzeugen, oder eine Visitenkarte für künftige Engagements abzugeben. Jedenfalls erfährt man nicht mehr Neues, als bei einer durchschnittlichen Theaterführung, wobei jedes Robert Reinagl’sche „Vorhangverbot!“ mehr Verve hat, als Lolićs Regieeinfall.

Und so arbeiten sich Steffi Krautz und Günther Wiederschwinger wunderbar dialektordinär und samt Quickie hinterm Kleiderständer durch Schnitzlers „Reigen“-Dialog „Die Dirne und der Soldat“, der 1921 den antisemitischen Volkssturm entfesselte, schwören einander Birgit Stöger und Sebastian Klein als Marianne und Alfred anrührend an Horváths Donauufer die ewige Liebe (doch die Nachkriegs-Wiener wollten sich nicht als „Geschichten aus dem Wiener Wald“-Figuren vorgeführt wissen), erinnern Claudia Sabitzer als „Mutter Courage“ und Stefan Suske als Feldprediger an den von Weigel, Torberg und Haeussermann angestifteten Brecht-Boykott, eine antikommunistische Kampagne, den Gustav Manker am Volkstheater als erster brach.

„Change“ von Wolfgang Bauer beschert Lukas Watzl und Isabella Knöll einen hinreißend satirischen Auftritt als Maler Ferry Kaltenböck nebst Freundin Guggi, was allerdings zur Disqualifikation von Knölls Tanzmaus Alice LeBlanc führt, weil die sich nicht wie vorgesehen vom Haberer ohrfeigen lässt, sondern sich aus den Männertexten einen feministischen Monolog zusammengebastelt hat. Auf Qualtingers „Die Hinrichtung“ folgt mit Katharina Klar und Nils Hohenhövel, sie das Parkettpaar Jimmy Bates und seine hochschwangere Ehefrau Ruby, Elfriede Jelineks „Krankheit oder Moderne Frauen“, und es werden nicht wenige Zuschauer im Abgang bemurmeln, dass die Ära Emmy Werner mit nur einer Produktion gewürdigt wurde.

Bei den „Derbys“ laufen die Darsteller kreuz und quer durch alle Etagen des Volkstheaters: Katharina Klar, Steffi, Krautz, Lukas Watzl, Sebastian Klein und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schließlich noch Thomas Bernhard und „Vor dem Ruhestand“, dies ein Stück der ersten Schottenberg-Spielzeit, dessen – ohne mahnenden Politfingerzeig kann’s Lolić nicht – von Anna Badora abmontierter roter Stern symbolträchtig über die Bühne getragen wird, bevor die zunehmend enervierenden Showmaster Kehrstephan und Thümer genüsslich die „Hitlerzimmer“-Affäre breittreten. Jenen Raum, in dem der „Führer“ die Pause verbringen sollte, nur dass er das Volkstheater nie besuchte,

und deren – no na – braune Holztäfelung Michael Schottenberg im Jahr 2005 erst als Bühnenbild für „Vor dem Ruhestand“ abnehmen ließ, bevor er sie auf Geheiß des Bundesdenkmalamtes wieder montieren musste. Seit Badora nennt sich das immer noch braungebretterte Erbstück vornehmer Bibliothek … Alldieweil versuchen Birgit Stöger und Sebastian Klein als Filmstatistin Gloria Beatty und gescheiterter Regisseur Robert Syverton vergebens ihren Status als Hauptcharaktere zu behaupten, dabei wäre die zynische Komparsin doch eigentlich eine Paraderolle für die so gekonnt spröde spielende Stöger. Warum Kehrstephan und Thümer ihr Ende – der hoffnungslosen Gloria gibt Robert schließlich den Gnadenschuss – quer durch den Abend vorwegnehmen, man weiß es nicht.

Ebenso wenig, warum Lolić auf die Idee verfallen konnte, die Tanzszenen sich in der Roten Bar ereignen zu lassen, wohingegen die im Wortsinn gähnend leere Bühne als Ruheraum dient. Wozu das Programmheft eine Choreografin ausweist, bleibt nicht weniger unklar, wird doch kaum mehr als geschunkelt und dieses unscharf-grobkörnig auf eine Leinwand im Hintergrund übertragen, die noch dazu von einem die Sicht nehmenden Lichtobjekt verhängt ist. Der gebürtige Grazer Lukas Watzl macht noch schnell vor, wie’s das Publikum verärgern würde, spielte „ein Piefke“ Turrinis „Rozznjogd“, und lässt dieses Gegeneinander-Ausspielen von Österreichisch vs. Deutsch in der Moralpredigt gipfeln, mit dem Dialekt würden einschlägige Politiker dem Wahlvolk suggerieren „Ich bin einer von euch“.

Dazwischen finden die „Derbys“ statt, bei denen die Schauspieler, gefolgt von den Livekameras, durch alle Ebenen des Hauses hetzen. Dass diese Überfrachtung mit Volkstheaterfakten, Tanzparkettchaos und Politstatement, keinen Platz für Personenzeichnung oder Rollengestaltung lässt, ist klar. Immerhin einsichtig, dass man, noch dazu nach dieser Aufführung, das derzeitige Volkstheater als „Baustelle ins Ungewisse“ deklariert. Saniert müssen nämlich nicht nur die Wände werden, sondern auch das, was sich in ihnen abspielt.

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  1. 9. 2019

Volkstheater: Endstation Sehnsucht

März 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blanches Albtraum in Bonbonfarben

In den Elysischen Gefilden herrscht eine Bande von Raubtieren: Nils Hohenhövel, Alaedin Gamian, Katharina Klar, Birgit Stöger, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Vorstellung beginnt im Arthouse-Casino. Blanche, überlebensgroß auf den Eisernen Vorhang projiziert, mit einer Runde Männer am Spieltisch, gewinnt – und bekommt doch nur einen Jeton ausgehändigt. 632 steht darauf. Das ist die Hausnummer von ihrer Schwester Stella und deren Ehemann Stanley. Schon irrt sie auf der Suche nach der Adresse in den „Elysischen Gefilden“ nahe der Straßenbahn-Endstelle „Sehnsucht“ durch die Katakomben des Theaters.

Vorbei an Fluchtplan und Erste-Hilfe-Kasten, hinein in den Zuschauerraum. Auftritt Steffi Krautz als Blanche DuBois. Nomen est omen. Weißer Hosenanzug, weißer Schirm, bodenlang weißes Insektenschutznetz, als wüsste die von Tennessee Williams bereits in seiner ersten Anmerkung als Motte bezeichnete Figur, dass sie sich in dieser Inszenierung noch in sich selber fangen wird. Und während die Krautz mittels des Autors Regieanweisungen ein schäbiges New-Orleans-Viertel herbeiredet, wird der Blick auf die Bühne frei – eine Herrenhaustreppe, gesäumt von Plastikblumen, englische Wallpaper, Stuckaturen, Kristallluster, als wär’s eine hinterfotzige Parodie auf den verlorenen Familiensitz Belle Rêve. Blanche ist in ihrem Albtraum angekommen. Der Horror hat Bonbonfarbe.

Dass Regisseurin Pınar Karabuluts Interpretation von Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ am Volkstheater weite Teile des Publikums ratlos zurückließ, ist verständlich. Auf das von ihr gemeinsam mit Bühnenbildnerin Aleksandra Pavlović und Kostümverantwortlicher Johanna Stenzel erdachte Konzept muss man sich einlassen wollen. Steckt doch im Wort Konzept sowohl die Klasse als auch die Krux dieser Aufführung. Auf der Habenseite steht, dass Karabulut das Südstaatendrama durch Verweigerung des obligaten Eiskasten-Küchentisch-Ambientes und unter Vermeidung eines zu zerreißenden Feinrippunterhemds von jeder ikonischen Vorbelastung befreit hat. Nichts atmet noch schwitziges Arbeitermilieu vs versnobten Landadel, hier tragen Mann wie Frau kreischbunte Perücken und schrill gemusterte Outfits – The Big Easy reloaded.

Animalische Anziehung zwischen Stella und Stanley: Katharina Klar und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aufeinanderprallen zweier Provokateure: Jan Thümer und Steffi Krautz als Blanche. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gekonnt dröselt Karabulut derart Rollen und deren Klischees auf. So ist, Blanche überrascht Katharina Klars Stella bei einer Art Martial-Arts-Training, der Schmerzensruf, der durch den Raum tönt auch nicht einer nach ihr, sondern nach „Stanley!“. Später wird die Pokerrunde Stanley, Mitch, Steve und Pablo – Jan Thümer, Nils Hohenhövel, Günter Franzmeier und Alaedin Gamian in High Heels – ihren Herrenabend mit einer megametrosexuellen Voguing-Choreografie beginnen. Mit ihrem Bilderbogen gelingen Karabulut von Platzregen über Dunstschwaden bis Feuersbrunst effektvolle Momente. Geschickt weist sie durch die Polarität von Gesprochenem und zu Sehendem auf Blanches bipolare Störung hin. Wenn die in diesem Setting empört von „solchen Verhältnissen“ spricht, ist doppelt klar, dass sich für sie die Realität längst ins Irreale verschoben hat.

Diesen Sack macht Karabulut auch konsequent zu. So sieht Blanche nicht nur ihre in den Selbstmord gegangene Jugendliebe Allan in Merlin Miglincis Zeitungsausträger, sondern auch Stanley, in gruselgrünes Licht getaucht, echsengleich auf sie zukriechen. Eine schöne Illustration dafür, dass der Lizard King seine Opfergabe von Anfang an im Visier hat. Allein, skurril, satirisch, surreal, ist nicht alles. Kann nicht alles sein. Woran Karabuluts Inszenierung intensiv krankt, ist Charakterzeichnung. Obwohl so farbenprächtig angetan, bleiben die Figuren blass, kommen erste Kräfte des Volkstheaters auf seltsame Weise nicht zum Spielen.

Katharina Klar bleibt zwischen Brüllen und Geil-Sein stecken, Jan Thümer im geckenhaften Herumstelzen. Selbst ein Günter Franzmeier wird vom Regiekonzept erschlagen. Nils Hohenhövel schafft als melancholischer Mitch wenigstens ein, zwei sensible Szenen. Bleibt Steffi Krautz als Blanche – und die führt ihre Rolle, als wär‘ sie die Antithese des von Tennessee Williams vorgesehenen „Eindruck des Zerbrechlichen und Flüchtigen“. Ihre Störenfriedin ist ein Cougar, krankheitsbedingt zwischen Aggression, Angespanntheit und Apathie changierend. Die Krautz kann’s. Flirten und sehnsüchteln und verführen, mädchen- und divenhaft sein, dann wieder hart und herrisch. Dass sie gegen Stanley die Hüften ebenso wie den Baseballschläger schwingt, und er sie statt Vergewaltigung zur Messer-Fellatio zwingt, wirkt vollkommen stimmig. Auch, dass sie sich am Ende als Unbeflecktes Herz Mariä herbeifantasiert.

Blanche mit toter Jugendliebe Allan und neuem Verehrer Mitch: Nils Hohenhövel, Merlin Miglinci und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Blanche am Ende als Unbeflecktes Herz Mariä: Steffi Krautz, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Unterm Strich bleibt also ein Tennessee Williams, den Pinar Karabulut im Wortsinn entmottet, heißt: von überkommenen Theatertraditionen entlüftet, hat. Das zu sehen macht schon Spaß, nur wär’s mit mehr Interesse für Schauspielkunst nebst all dem Programmatischen perfekt gewesen.

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  1. 3. 2019

Volx/Margareten: Watschenmann

Februar 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der „Stunde Null“ den Mythos runtergeräumt

Die Violine spielt zum Wahnsinn auf, wenn sich Heinrich verhauen hat lassen: Rainer Galke, Katharina Klar und Hristina Šušak. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

„An was denkst du, Lydia, wenn du geschlagen wirst?“, fragt Heinrich an einer Stelle. Statt einer Antwort spuckt diese ihm vor die Füße. „Wirst wohl aufhören mit der Fragerei. Wochenlang redest nix, und dann.“ – „Wenn sie mir in den Arsch treten, denke ich an dich, psiću“, sagt statt ihr später Dragan. Psiću heißt junger Hund, das heißt Welpe. Diesen Dragan und die Lydia und den Heinrich hat die Nachkriegszeit zu einer Art Vater-Mutter-Kind-Konstellation verschweißt.

Die Gelegenheitsprostituierte, die auf ihren verschollenen Schuster wartet, der serbische Boxer und der Bub, eigentlich schon ein Bursch von zwanzig, aber körperlich und vor allem im Kopf ein Kind geblieben. Bérénice Hebenstreit hat im Volx/Margareten Karin Peschkas großartiges Buch „Watschenmann“ in einer von ihr erstellten Bühnenfassung uraufgeführt. Das Jahr ist 1954, Stalin tot, Franz Jonas Bürgermeister und die Alliierten sind kurz vor dem Abzug aus Wien. So etwas wie Normalität will man endlich haben, gaukelt sie sich auch vor, doch tief haben sich die NS-Traumata in die Nachkriegsgesellschaft gefressen. Nichts ist mehr „Heil!“, und ohne alle Zimperlichkeit, so wie Peschka ihre Romanwelt entworfen hat, so folgt ihr Hebenstreit. Sie zeigt das Dasein ihrer Protagonisten, wie brutal, immer wieder auch grotesk, jedenfalls aber bescheiden es auch sein mag, ohne Effekt- und Gefühlshascherei.

Kein Elendskitsch, nirgendwo, sondern eine beinah kahle Spielfläche, darauf einzig ein dunkel-transparentes Stoffgebilde von Mira König, als Synonym für den baufälligen Schuppen, in dem die Schicksalsgemeinschaft haust. Auch die in der Lesevorlage schwer auszuhaltende Gewalt spart sie größtenteils aus. Musikerin Hristina Šušak begleitet das Geschehen auf der Geige, deren schrille Töne mal ein Schrei, mal die Kakophonie des Wahnsinns, und stampft Šušak mit dem Fuß, sind ihre Tritte jene Schläge, die Heinrich treffen. Der hat nämlich beschlossen, sich prügeln zu lassen, um den Leuten den „Kriegswurm“ auszutreiben. Wie der Watschenmann im Prater will er als Ventil für Aggressionen dienen, und, indem sie ihn verdreschen, die Menschen zu besseren machen. Um das zu erreichen, provoziert er, denn wer das tut, wird unter Garantie geprügelt wie ein Straßenköter.

Heinrich geht mit G. I. Elmer auf ein Gulasch und ein Bier: Katharina Klar und Sebastian Klein. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Katharina Klar spielt den Heinrich mit hoher Intensität, eine androgyne Figur, so lässt sie ihn durch den Raum wirbeln, lässt ihn sich regelrecht berauschen an den Misshandlungen, die ihm tagtäglich angetan werden, und entwickelt ein ganzes Regelwerk, das dessen Mission zur genialischen Kunst machen. Beinah weh tut’s einem im Publikum, wenn dieser im schmutzigweißen Herrenunterhemd so zarte, zerbrechliche Heinrich den Blickkontakt sucht.

Wenn er schildert, wie er sich, werden ihm die Knochen gebrochen, einen Raben vorstellt, mit dem er wegfliegt. An seitlichen Mikrophonen übernehmen die Mitspieler Rainer Galke, Birgit Stöger und Sebastian Klein dazu die Erzählerstimme. Kommentare aus dem Off, die sich mühen, die bizarre Situation zu erklären, und außerdem Peschkas brillanter Prosa zu ihrem Recht verhelfen. Den Spiegelgrund, erfährt man von ihnen, könnte Heinrich überlebt haben, womöglich vom eigenen SSler-Vater als Verrückter dorthin verbracht worden sein.

Neben der Eindringlichkeit der komplizierten, komplexen Figur Heinrich müssen die anderen Charaktere fast zwangsläufig wie Scherenschnitte wirken. Birgit Stöger legt ihre Lydia als derbe Trümmerfrau an, der kaum je ein gutes Wort auskommt. Zu ihrer harten Schale ist Rainer Galkes Dragan der weiche Kern, ein mitfühlender, mitleidiger Mann. Es sind die schönsten Momente dieser so erbarmungslosen wie poetischen Inszenierung, wenn Galke Dragan an Heinrich seine Vater-Sohn-Liebe ausleben lässt.

Ihnen zugesellt hat Karin Peschka ein Panoptikum an Tätern und selbsternannten Opfern, Avisierer und Akquirierer, Erniedrigte und Beschädigte, die nun ihrerseits erniedrigen und schädigen, und Hebenstreit gestaltet deren Untotentanz mit Galke als Wirt und Schaffner, Stöger als russischem Soldaten und der „Pritschlerin“ – und dem wunderbar wandlungsfähigen Sebastian Klein. Der wechselt sozusagen im Minutentakt zwischen dem prinzipiell hilfsbereiten, aber überforderten G. I. Elmer, dem gespenstischen Nazi Lichterl-Sigi und dem Schläger Egon Schlier, der draufhaut, „damit einmal a Ruh‘ is“.

Die harte Schale und ihr weicher Kern: Rainer Galke und Birgit Stöger mit Katharina Klar. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Eine grandiose Studie gelingt Klein als im Konzentrationslager Theresienstadt gepeinigter, an Leib und Seele zerschundener Straßenmusikant „Kummerl“. Er ist es, dem die von der Autorin beschriebene „inwendige Leich‘“ aus den Augen schaut, wenn er mit Mund- und Ziehharmonika, die Tschinellen um die Knie gebunden, durch die ausgebombte Stadt zieht. Ein Zerrbild seiner Gegenüber, die schon die Baugrube für den Ringturm beglotzen gehen.

Bérénice Hebenstreit jedenfalls hat aus Peschkas für die Bühne nicht ungefährlicher Sprache aus Innenschau und allwissender Außenperspektive eine perfekte Theaterarbeit gemacht. Das Ensemble weiß deren spröde Schlichtheit ausdrucksvoll umzusetzen, und gemeinsam und wie nebenbei räumt man der „Stunde Null“ den gern beschworenen Mythos runter. Etwa, wenn Birgit Stögers Lydia erst aus der Zeitung vom Wiederaufbau vorliest – und dann ohne viel Federlesen ein paar Hühnereier in die bedruckten Seiten wickelt …

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  1. 2. 2019

Volkstheater: Verteidigung der Demokratie

Oktober 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frontalunterricht zu Zeitfragen

Nils Hohenhövel, Christoph Rothenbuchner, Thomas Frank, Birgit Stöger und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Theater findet nicht statt, nicht in dem Sinne, dass es Stück und Rollen gibt. Drama wird aber genug gemacht, und zwar mit einer deklamatorischen Aufgeregtheit, die dem thesenpapierenen Diskurs wohl etwas Leben einhauchen soll. Die Übung gelingt, zeigt der eine oder andere schwergewordene Kopf im Publikum, nicht gänzlich, „Verteidigung der Demokratie“ am Volkstheater ist wie Frontalunterricht zu Zeitfragen, erfordert fast zwei Stunden Höchstkonzentration, und das wird durch das Fehlen jeglichen Dialogs, jeglicher Spannungssituation nicht einfacher.

Dabei hat Regisseurin Christine Eder wie immer viel zu sagen, sie tut es in ihrer aktuellen Textcollage ausschließlich über Zitate, aus Reden, Aufsätzen, Artikeln, die sich mit Verfassung und Freiheit, Besitz, Markt und Politik befassen, und in denen das Demokratieverständnis auf dem Prüfstand steht. Der Titel von Eders von ihr so genannter „Politshow“ ist einer Schrift von Hans Kelsen entliehen, der Rechtswissenschaftler war Architekt der 1920 in Kraft getretenen österreichischen Verfassung, und dessen Biografie folgt der Abend umrisshaft.

Von seiner Vertreibung aus Österreich bereits 1929 über das Verunmöglichen seiner Lehrtätigkeit in der Schweiz durch nationalsozialistische Studenten bis zum Exil in den USA, wo Kelsen, nunmehr Professor in Berkeley, vor dem McCarthy-Ausschuss aussagen muss. Hierzulande wiederum kam es immer wieder zu antisemitischen Äußerungen über Kelsen, der umstrittene Hochschulprofessor Taras Borodajkewycz sagte, „Er hieß ja eigentlich Kohn“, was zu Demonstrationen und zum Tod Ernst Kirchwegers führte, erst im Vorjahr wiederholt der FPÖ-Politiker Johannes Hübner den Ausspruch, gab danach – nach „Totschlag-Kampagne“ und „beinharter Zerstörungsstrategie“ gegen ihn – den Rücktritt bekannt, sehr bedauert von Herbert Kickl.

Fünf Schauspieler, Thomas Frank, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner und Birgit Stöger, und vier Musiker, „Gustav“ Eva Jantschitsch, Didi Kern, Imre Lichtenberger Bozoki und Elise Mory, gestalten das Geschehen, und Rothenbuchner beginnt, kaum auf der Bühne erschienen, als Kelsen schon zu dozieren. Über Grundrechte, Kompromissfindung zwischen Mehr- und Minderheiten, über seine Reine Rechtslehre und seinen Glauben an den Staatssozialismus. Rothenbuchner macht diesen Kelsen bescheidwisserisch prophetisch zum Vehikel seiner Lebensthemen, alle längst vorformuliert und nun für die unwissende Zuschauerschaft wiedergekäut.

Kartonquader vor dem Zusammensturz: Symbol- wie Bühnenbild von Monika Rovan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Didi Kern, Elise Mory, Frank, Hohenhövel, Eva Jantschitsch und Imre Lichtenberger Bozoki. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rund um ihn reden andere Denker und Taktiker. John Locke, Friedrich von Hayek und Kelsens Schulfreund Ludwig von Mises, abgehandelt werden die Mont Pelerin Society, Maggie und ihr Thatcherismus, Michael Friedman und die Chicago Boys. Dass Kelsen 1973 gestorben ist, tut da nichts zur Sache, übrigens und apropos Chicago Boys im selben Jahr wie Salvador Allende, der chilenische Staatspräsident hier leuchtendes Vorbild für seinen Versuch, eine sozialistische Gesellschaft zu etablieren, schließlich von den USA und dem von ihr unterstützten Pinochet’schen Militärputsch in den Suizid getrieben.

Die Stoßrichtung ist also klar. Gegen latenten Faschismus und hegemonialen Neoliberalismus. Gegen den Laissez-Faire-Kapitalismus. Gegen Europa als Elitenprojekt. Gegen den „toxisch-patriotischen Hassatem“. Gegen die Verbotsgesellschaft. Die linke Faust kämpferisch in die Höh‘ gestreckt, wird gezeigt, auf welch tönernen Füßen Demokratie steht, wenn man nicht auf sie aufpasst, wie auf das Untergraben der Rechtsstaatlichkeit die Rechts-Staaten folgen, wie „präventive Sicherheitsgesetze“ die Grundrechte des einzelnen aushöhlen und so mit der Verfassung brechen.

Dazu gibt es als Symbol- das Bühnenbild von Monika Rovan, lose aufgestapelte Kartonquader, die schleichend entfernt werden, bis sie in sich zusammenkrachen. Oder von Thomas Frank umgerannt werden. Parallelen vom Historischen zum Heute – siehe etwa die ergebnislose Flüchtlingskonferenz von Évian 1938 – schafft Eder durch die slapstickartigen Anrufe ihrer Schauspieler bei der „Terrorhotline“ des „Bundesministeriums für Verteidigung der Freiheit und Demokratie“. Hier wird „besorgten Bürgern“ von „Experten“ erklärt, dass der „Gefährder“ stets dunkelhäutig ist und arabisch spricht, hier kann man wegen des „Flüchtlingsterrors“ den Ausstieg Österreichs aus der Menschenrechtskonvention fordern. Hier erfährt man, warum die Beschneidung ebendieser unabdingbar für die Aufrechterhaltung der Freiheit ist. Hier sagt Katharina Klar den unheimlichen Überwachungsstaatsatz „Waren Sie nicht auch auf der Demo gegen die Regierung?“ Dies just an dem Tag, an dem sich der Protest wieder formiert.

Wo „Verteidigung der Demokratie“ doch so etwas wie Emotion aufkommen lässt, ist in der Musik von „Gustav“ Eva Jantschitsch, die ihren Synthesizersound mit Referenzen an Delia Derbyshire oder Wendy Carlos speist. Wenn sie über den „Narzissmus der Gekränkten/vermengt mit Größenwahn“ singt, kann einem schon die Gänsehaut kommen. Wie schön wär’s erst gewesen, hätte sich Christine Eder, statt sich in die Materialschlacht zu begeben, darauf besonnen, dass Theater von Darstellen kommt. Mehr Performance statt Proseminar, das wäre Mehrwert statt Lehrwert. So aber brummt einem vom Gesagten und Widergesagten und Wiedergesagten in erster Konsequenz der Schädel.

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  1. 10. 2018

Volkstheater: Komödie im Dunkeln

April 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lachen, bis der Elektriker kommt

An Stunts wird nicht gespart: Steffi Krautz, Thomas Frank, Nadine Quittner, Sebastian Pass und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit der „Komödie im Dunkeln“ kann das Volkstheater einen garantierten Publikumserfolg einfahren. Regisseur Christian Brey hat Peter Shaffers Erfolgsstück auf den Punkt inszeniert, und schon bei der Premiere am Mittwoch jubelten die Zuschauer darüber lang und ausgiebig. Die fulminant komischen Darsteller wurden beinah länger beklatscht, als diese vorhatten, noch einmal auf die Bühne zu kommen. Licht wurd’s schon im Saal. Bis zum Schluss galt es also zu lachen, bis der Elektriker kommt.

Wobei der hier auch noch ein Kabinettstückchen zu bietet hat … Entstanden ist die „Komödie im Dunkeln“ Mitte der 1960er-Jahre, und Brey und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Anette Hachmann belassen sie optisch in ihrer Zeit. Im Zentrum der Turbulenzen befindet sich der noch erfolglose Bildhauer Brindsley Miller, der am Abend den russischen Kunstsammler Godunow zum Kauf eines seiner Werke überreden will. Dazu hat er sich nicht nur unerlaubter Weise die – besseren als die eigenen – Möbel seines begüterten Nachbarn Harold ausgeborgt, sondern auch seine Verlobte Carol vergattert.

Die wiederum hat ihren gestrengen Vater im Schlepptau, doch noch bevor die beiden Gäste eintreffen, gibt es einen Kurzschluss und damit Stromausfall. Man tappt durch die Finsternis. Als unerwartet Harold in der Tür steht, eine Nachbarin durch Alkohol hochprozentig indisponiert ihren Scharfblick verliert und die noch keineswegs ausrangierte Exfreundin von Brindsley auf den Plan tritt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zu guter (?) Letzt kommt auch noch der Mann vom E-Werk, Schupanski, ein russischer Emigrant. Klar, für wen er gehalten wird …

Bei vollem Licht kann’s ganz schön finster sein: Thomas Frank und Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Exfreundin Clea neigt zu Handgreiflichkeiten: Thomas Frank, Birgit Stöger und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater wird sich in all diesen Irrungen und Wirrungen nicht geschont. Da wird gegen Wände gelaufen und über Stühle gestolpert, aneinander vorbeigehastet und -geredet. Shaffers Komik entsteht, weil man selber bei Licht sieht, wo die Schauspieler vorgeben ebendieses nicht zu tun. So entsteht Slapstick vom Feinsten. Tempo und Timing stimmen. Allen voran hat Thomas Frank als Brindsley den Turbomotor angeworfen, spielt sich außer Atem und legt regelrechte Stunts hin, sogar einen Sturz über die Treppe. Auch das übrige Ensemble agiert entfesselt, so überdreht die Handlung, so auch dessen Mimik und Gestik.

Nadine Quittner gibt eine naive Carol, Stefan Suske ihren militärisch zackigen Vater Colonel Melkett. Brillant auch Steffi Krautz als Nachbarin Miss Furnival und Sebastian Pass als mehr oder minder geheimer Brindsley-Liebhaber Harold. Mit Birgit Stöger als durchgeknallter Exfreundin Clea nimmt der Komödienkarren noch einmal mehr Fahrt auf, nun wird sich nicht nur gezankt, sondern auch gerauft, bis Sebastian Klein endlich als unerwartet kunstsinniger Schupanski auftritt. Den Cast komplettiert Mario Schober als Godunow. Unter den vielen witzigen Einfällen von Christian Brey ist der mit dem Hula Hoop Reifen besonders gelungen. Was es damit auf sich hat? Hingehen, anschauen!

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  1. 4. 2018