Werk X-Petersplatz: Hauptsache Gemeindebau

November 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Lebensziel a scheene Leich

Ehefrau Gitti trauert vor versammelter Familie um ihren Edu: Sophie Prusa, Josephine Bloéb, Lilli Prohaska, Lisa Weidenmüller und Jan Hutter. Bild: © Alexander Gotter

„Er hat an Abgang gmacht / er hat die Patschn gstreckt / er hat a Bankl grissn / er hat se niedaglegt / er hat se d‘ Erdäpfel von unt angschaut / er hat se sozusagn ins Holzpyjama ghaut …“ So singt die Trauergemeinde anfangs, und es ist erstaunlich, selbst für eine echte Wienerin, wie viele Synonyme fürs Sterben es gibt. Insgesamt siebzehn hat Roland Neuwirth in seinem „Echten Wienerlied“ aufgelistet, und sicher fände sich noch mehr Sinnver- wandtes für Zusatzstrophen.

Verwandt sind auch die fünf, die sich nach dem Tod von Vater Edu in dessen Wohnung versammeln, Ehefrau Gitti, die drei Töchter, der Schwiegersohn. „Hauptsache Gemeindebau. Das Leben, der Tod, die Familie“ heißt die Produktion der handikapped unicorns, die in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz ebendort uraufgeführt wird. Der Titel ist Programm, als Lebensziel a scheene Leich, bis die nostalgisch-schwelgerische Scheinheiligkeit der Sippschaft in die altbekannten Schuldzuweisungen und Vorhaltungen kippt, mit einem Wort das ganze Kreuz, das man miteinander hat, von Neuem schmerzt. Ein Elend, das – wie könnt‘ es auch anders sein? – in erster Linie die Mutter zu tragen hat.

Andreas Stockinger hat diese Leichenschmaus-Satire inszeniert, im Tisch/Sarg verstaut sind der Schnaps und die als Kalte Platte dargereichten Kekse, und Lilli Prohaska spielt mit Verve und bösem Mundwerk und staubtrockenem Humor die Gitti. Kettenraucherin mit Raucherbein, und weil so oft darauf hingewiesen wird, dass der nikotinabstinente Papa nämlich nicht an Lungenkrebs gestorben ist, ist bald klar, da ist was oberfaul im Ottakringer Gemeindebau. Die Positionen sind geprobt. Eine Tochter hat zwar studiert, sich dann aber ausgerechnet mit einem „Piefke“ getraut, eine ist aufs Land gezogen und bis dato kinderlos geblieben, die jüngste ist alleinstehend, dafür hochschwanger, daher nach wie vor Logiergast im Hotel Mama.

Lisa Weidenmüller, Lilli Prohaska und Jan Hutter. Bild: © Alexander Gotter

Franz Haselsteiner und David Mandlburger. Bild: © Alexander Gotter

Lisa Weidenmüller, Jan Hutter und Lilli Prohaska. Bild: © Alexander Gotter

Genug Konfliktstoff also für einen Abend, man kommt von einem ins andere, Erinnerungen an die „Mamsch“ genannte alte Hausbesorgerin, das unverhoffte Finden dreier Plastiksparschweine, in denen sich noch Schillinge befinden, das Niachtln der ungelüfteten Zimmer. Auf einen Lobgesang auf die 48er folgt das Klagelied über die Kameltreibernachbarn, folgen „Ana hat immer des Bummerl“ und „Drei aus Ottakring“. Franz Haselsteiner am Akkordeon und David Mandlburger mit der Gitarre begleiten die Ballade auf den 16. Hieb. Lisa Weidenmüller, Sophie Prusa und Josephine Bloéb gestalten das Schwesterntrio, Jan Hutter macht den einen Angeheirateten, der andere glänzt, da der Herrenwitze über seine Mannesschwäche überdrüssig, durch Abwesenheit.

Stockinger und Ensemble haben ihre pointierten Sager dem Gemeindebau sozusagen vom Mund abgeschaut, dessen Jargon aber in eine am Horváth’schen orientierte Kunstsprache übertragen. Viel von dem, was gemeinhin als Wiener Mentalität tituliert wird, fließt durch diese soziotopkritische Stückentwicklung. Großartig ist das, wenn die Prohaska Einsamkeit als Einstellung, nicht als Empfindung ausweist, oder – niedergedrückt von der Bürde ihres selbstverständlich der Selbstaufgabe gewidmeten Daseins – feststellt: „Du kannst vor dir selber nicht davonlaufen, im Alter holst dich wieder ein.“ – „Aus Leberwurst kann man sowieso kein Marzipan machen“, lautet ihr Leitsatz zur Unausweichlichkeit des Schicksals.

Vergessenes Spielzeug wird wiederentdeckt: Hutter, Prusa, Bloéb und Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Handfester Streit unter Schwestern: Hutter, Prusa, Bloéb und Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Alldieweil derart die Lebensweisheiten nur so über die spitzen Lippen flutschen, fällt es den Töchtern gar nicht schwer in ihre Kindheitsmuster zurückzufallen. Wer hat als Papakind von diesem Geld gekriegt und wer haut sich noch posthum mit dem Papa auf ein Packl? Weidenmüller und Hutter treten wie aus Protest mit ihrer mitgebrachten Rohkost gegen das Ein-Euro-Backwerk an. Dunkle Flecken in der Familienvergangenheit enttarnen sich als nie verheilte blaue auf den Seelen, mit der Menge an Alkohol steigt der Mut zur Eskalation, und aus dem Zusammenhalten wird der dringende Wunsch, das Gegenüber mög’s endlich zsammhalten. Der Clou gehört natürlich der Gitti, die zum Schluss verkündet, welche Geheimnisse sie aus Edus Schreibtisch zu Tage befördert hat – Stichwort: Testament.

Mit ironischem Augenzwinkern legt „Hauptsache Gemeindebau“ die Anatomie dieser Wiener Institution und der in ihr wohnenden Menschen bloß. Die Aufführung ist eine amüsante Abhandlung übers Granteln und Sudern, Raunzen und Räsonieren. Und sollte wer Analogien zum eigenen Anhang entdecken, unbedingt daran denken, wie dereinst schon der Heller und der Qualtinger sangen: „Bei mir sads alle im … daham.“

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  1. 11. 2019

Burgtheater: Don Karlos

November 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die im Dunkeln sieht man durchaus

Gefangener einer überkommenen Gesellschaftsform, Geheimnisflüsterer im abhörsicheren Raum: Nils Strunk als Don Karlos. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

„Wenn dieses Trauerspiel schmelzen soll, so muss es, wie mich deucht, durch die Situation und den Charakter König Philipps geschehen“, formuliert im Bauerbacher Plan Friedrich Schiller höchstselbst, und am Burgtheater wird des Dichters Gedanke zum Ideendrama seit gestern auf den Siedepunkt gebracht. Martin Kušej präsentiert seine brillante „Don Karlos“- Produktion vom Residenz- theater als Wien-Premiere, mit etlichen neuen Darstellern, aber der immer noch atemberaubenden Ästhetik.

Einer frostkalten Atmosphäre von Vertrauensbruch und Verrat, unter deren eisschwarz-glatter Oberfläche heiß die Politkabalen und Liebesintrigen brodeln. Entstanden an der Phasengrenze von Sturm und Drang und Weimarer Klassik, uraufgeführt kurz bevor der jakobinische Tugendterror begann, die eigenen Kinder zu fressen, scheint Schiller seinem Publikum vor Augen führen zu wollen, wie handstreichartig Idealismus in die Irre gehen kann, sind Freigeistigkeit und Vernunftideal erst von der Staatsgewalt angekränkelt. Von der Utopie zur Umsetzung ist es ein weiter Weg, in den schon wieder welche Steine werfen, die die abendländische Aufklärung zwar als Aushänge- schild vor sich hertragen, die Votivtafel aber keineswegs mit den Motiven von Toleranz und Akzeptanz schmücken.

Was Wunder, hat einer wie Thilo Sarrazin den Begriff Tugendterror bereits vor Jahren als Linksschelte in Besitz genommen. An dieser Schnittstelle operiert Kušej, er beschreibt Philipps II. despotisches System als Black Box. Das Reich, in dem die Sonne niemals unterging, ist im Bühnenbild von Annette Murschetz eines der Schatten, durch das zwecks Inszenierung ihres sinistren Machtspiels Dunkelmänner – und dank der Eboli eine ebensolche Frau – schleichen. Das royale Dynasty ist eine gefährliche Drohung an Leib und Leben, macht die Aufführung gleich anfangs mit Drohnenflügen klar. Delinquenten werden von Schergen des Regimes in einem Wasserloch ertränkt, in einem Meer fast manischer Stille gibt Bert Wredes Geräusch-Kulisse den gespenstischen Ton vor, ein dumpfes Dröhnen, ein undeutliches Gemurmel – als wär’s von Folterverhören.

Oder das heimtückische Geflüster der Höflinge. Oder gar der König im Gebet? Thomas Loibl brütet in der Rolle des Philipp düster vor sich hin, und, als hätt‘s die schönen Tage von Aranjuez nie gegeben, die übrigen Protagonisten mit ihm. Loibl, allein optisch durch eine Art Habsburgerkinn ausgezeichnet, ist tatsächlich die von Philipps Schöpfer zur solchen bestimmte Kern-Schmelze des Abends, er beschwört mit seiner katastrophalen Allzumenschlichkeit den Super-GAU geradezu herauf. Loibl malt das Bild eines fieberwahnsinnigen Fürsten wie den Teufel an die Wand, sein Monarch ein von der eigenen Staatsmacht zur Räson gezwungenes Gefühlswrack.

König Philipp II. fordert Marquis von Posas Dienste: Thomas Loibl und Franz Pätzold . Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Auch ein Gewaltherrscher will sich von den Sünden reinwaschen: Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Philipp beschuldigt Elisabeth der Untreue: Marie-Luise Stockinger und Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Ein eiskalt kalkulierender Großinquisitor: Martin Schwab mit Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Bis beim von sich selbstbeherrschten Gewaltherrscher angesichts eines verstockten Karlos, einer eventuell fremdgehenden Elisabeth, einer vielleicht doch nicht seiner Tochter und eines verbissenen Posa endlich die Nerven blank liegen. Loibls Philipp wird im Laufe des Abends je bitterer, desto besser, umgeben von einem allwissenden Überwachungsapparat, weiß dessen Erbauer, der daran Schuldige nun Leidtragender, am allerwenigsten, was rund um ihn und wie ihm geschieht. Eine blau bestrahlte Ecke, die die Drehbühne ab und an herbeischafft, steht da als verdinglichte Paranoia, die Assoziation mit einem schallisolierten Tonstudio stellt sich ein, der einzig abhörsichere Ort in einem Palast, dessen Wände Ohren haben. Hier haben gut gehütete Licht- und Hirngespinste ein Zuhause.

Ansonsten strahlen grellweiße Spots aufs gekrönte Haupt, wenn’s nicht unter einer Kristallaureole weilt, andere sprechen aus dem nationalen Nachtfinster wie aus dem Off, bevor ihre speiübelgrünen Gesichter und leichenblaßen Körper ans Licht kommen. Was es im Halbnackten an Bekleidung gibt, ist ebenfalls tristessefarben, die stetig historischer werdenden Kostüme – bei den Herren von der Chino zur Heerpauke, bei den Damen vom chaneligen Cocktailkleid zum Kegelrock – von Heide Kastler. Alles entwickelt sich langsam, viereinhalb-Stunden-langsam. Die schaurige Totenstille des Staatsstillstands, die Tableaux vivants vor Tragik wund bis zum Wundstarrkrampf, Kušejs exemplarische Lähmung von Schillers schicksalsschwangerer Schwere, fordern vom Zuschauer höchste Konzentration. Dies Setting ist eines, in dem man notwendigerweise die Sinne scharf stellt, doch keine Rede von, wie aus München verlautbart, nichts hören, nichts sehen.

Die im Dunkeln sieht und versteht man durchaus, und will man sich auf Kušejs Experiment mit Raum und Zeit einlassen, wird man eines faszinierenden, intensiven, mitreißenden Theatererlebnisses teilhaftig. Denn aus dem Schwarz blitzen brillante schauspielerische Darbietungen. Überragend, wie bereits als Dionysos in den „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408), ist der charismatische Franz Pätzold als Marquis von Posa. Prägnant in Ausdruck und Stimme macht er dessen idealdurchtränkte Selbstüberschätzung wie die sich trotz aller Umarmungen abzeichnende Entfremdung gegenüber Jugendfreund Karlos aufs Fürchterlichste klar. Verfängt sich Pätzolds Posa, in Kušejs ungewohnt unversöhnlicher Interpretation im Wortsinn keine Lichtgestalt, wegen seiner Hybris im Konspirationsnetzwerk, so Karlos aus Hilflosigkeit.

Die Eboli will ihren verräterischen Liebesbrief zurück: Katharina Lorenz und Nils Strunk als Don Karlos. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Marcel Heuperman, Arthur Klemt, Johannes Zirner, Felix Kammerer, Wolfram Rupperti und Bardo Böhlefeld. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Nils Strunk spielt ihn mehr als dämmersüchtiges Elegiebürscherl, denn als Aufbegehrer, jedenfalls als zu schwach, also chancenlos in einem System, in dem sich buchstäblich alles gegen ihn verschworen hat. Pätzold und Strunk sind naturgemäß Schillers rhetorische Spitzen gegönnt, ersterer bestechend beim berühmten Plädoyer für Gedankenfreiheit – und nach dem ihm zugedachten Schlussapplaus zu urteilen auf dem Sprung zum Publikumsliebling.

Zweiterer beeindruckend in einem Streitgespräch mit Alba, den Marcel Heuperman zwischen massiver Abscheulichkeit und ebensolcher Angst anlegt, und wie die beiden darin gefälliges Geplänkel in wilde Wut steigern. Herausragend auch Katharina Lorenz als Eboli, die sich von der liebreizenden Liebenden in die Gift und Galle fauchende Rächerin ihres erotischen Fehlschlags verwandelt. Johannes Zirner ist der Eboli und dem Alba ein wunderbarer Mitintrigant Domingo, ein Meister im Sähen von Zweifel und Zwietracht, wie der Beichtvater des Königs an diesem beweist.

Marie-Luise Stockinger verhält sich als Philipps unschuldig verdächtigte Gemahlin Elisabeth von Valois trotz aller Gegenwinde aufrecht und ehrlich. Martin Schwab kann als Großinquisitor mit seinem den Glauben klar kalkulierenden Geist gar nicht anders, als großartig sein. Wie Schwab sich über das Habsburgische Totenreich erhebt, sich imaginären Staub vom Priesterkragen schüttelt, das Kruzifix in Stellung bringt und mit wenigen Sätzen die gottgleiche Macht der Kirche zementiert, das ist große Kunst. Als Hofschranzen heucheln, huschen und kuschen Arthur Klemt als Parma, Tim Werths als Olivarez, Marta Kizyma als Mondekar, Bardo Böhlefeld als Lerma, Wolfram Rupperti als Feria und Felix Kammerer als Medina Sidonia. Sie alle finden sich am Schluss von Martin Kušejs Aufführung mit Jubel und Applaus bedankt.

Der neue Hausherr zeigt mit dieser Arbeit einmal mehr, wie fein sich ein historisches zum aktuellen Schlüsselstück ziselieren lässt, und zeigt auf, dass Theater nachgerade die politische Pflicht hat, sich als moralische Instanz zu inszenieren. Sein „Don Karlos“ ist ein Schattenspiel über Recht und Unordnung, über Politverdunkler, Staatssicherheitsfanatiker, Grenzzieher – und über in diesem Szenario für unmündig erklärte Bürger. Wer will, kann das als Sinnbild für die gegenwärtige demokratiepolitische Verfinsterung nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt sehen.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2019

Burgtheater: Die Edda

Oktober 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Heidenspaß mit Göttern, Monstern, Helden

Das Selbstopfer Odins: In der Rolle des Allvaters hängt sich Markus Hering an Yggdrasil, den Weltenbaum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Stimmung, die Stimme ist hypnotisch. Beschwörend erbietet sie Ehrfurcht den göttlichen Geschlechtern Heimdahls und dem Allvater, bevor sie erzählt, wie er, Odin, die Menschenwelt Midgard schuf, den Eschenholz- mann Ask und die Ulmenfrau Embla, wie er sich zur Erlangung von Weisheit und Wissen erst am Weltenbaum Yggdrasil erhängte, bevor er an Mimirs Quelle ein Auge dafür gab. Nebel wabert von der Bühne übers Publikum, das Licht ist schwefelgelb-fahl, als Elma Stefanía Ágústsdóttir in isländischer Sprache die Völuspá, die Weissagung der Seherin, spricht.

Ihr deutschsprachiges Pendant Dorothee Hartinger als die Völva rezitiert sie ihr nach. Und noch während die beiden sich in Rage reden, werden sie schon vom Fenriswolf der Stacyian Jackson umschlichen, dieser ein Symbol fürs Ende, wird doch seine Entfesselung dereinst die Ragnarök beginnen lassen. Auftritt der Nornen, der Schicksalsfrauen, Andrea Wenzl als vergangenes Fatum Urd, Marie-Luise Stockinger als die gegenwärtig werdende Verdandi und Mavie Hörbiger als zukünftige Schuld Skuld, und auch sie sind um beängstigende Prophezeiungen nicht verlegen.

Langsam, die Unsterblichen haben bekanntlich alle Zeit der Ewigkeit, befestigen die Bühnenarbeiter Yggdrasil am Schnürboden. „Wisst ihr, was das bedeutet?“, schreien die Schauspielerinnen immer wieder in den Zuschauerraum, und, ja, man weiß es. Weil die isländischen Theaterschaffenden, Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson und Autor Mikael Torfason, zweiterer nunmehr Wahlwiener, seit seine Frau Elma Stefanía Ágústsdóttir von Martin Kušej ans Burgtheater engagiert wurde, es verstehen, die nordischen Mythen einfach verständlich und ergo zugänglich zu präsentieren.

Die Kinder des Loki: Marta Kizyma, Stacyian Jackson, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Musiker Gabriel Cazex. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Nornen: Marie-Luise Stockinger, Mavie Hörbiger, Andrea Wenzl mit Dorothee Hartinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Entsprechend wurde „Die Edda“ gestern, bei der Premiere der Wiener Fassung, gefeiert, diese – entgegen der preisgekrönten Inszenierung aus Hannover – angereichert um Torfasons mit hiesigen Darstellern erarbeiteten Texten, aber gleichbleibend hintersinnig und humorvoll. Diese Edda mit ihren verblüffenden Bildern, wunderbaren Liedern, starken schauspielerischen Leistungen und, ja: abyssischen Einsichten, wirkt als Einstiegsdroge ins Epos lange nach. Das feierliche Pathos des großen Ganzen konterkarieren Arnarsson und Torfason mit schrulligen Miniaturen, Dietmar König macht sogar auf Sekundärliteratur-Erklärbär.

Oder mit Backstage-Situationen, bei denen die Bühnenarbeiter ebenso ins Geschehen eingebaut werden, wie eine sichtlich verdutzte Maskenbildnerin. Arnarsson setzt auf die hohe Professionalität seines Casts, die ihrerseits ganz aus dem Geist der Improvisation entsteht. Auf konvulsivische Verzweiflung folgt gefakte Freundschaft folgt die gegenseitige Verarsche der Götter, denn alles ist hier Lug und Trug – bis mitten unter den sich tummelnden Riesen, Zwergen, Monstern, plötzlich Markus Hering als Mikael einen Torfason-Monolog auf dessen Vater Torfi Geirmundsson hält.

Der als Zeuge Jehovas dem Sohn die lebensrettende Bluttransfusion verweigerte, von den Ärzten aber ausgetrickst wurde, und, als ein fix vorhergesagter Weltuntergang nicht stattfand, zur alten Island-Religion und zum Alkoholismus wechselte. Schließlich seien die Protagonisten der Edda allesamt stramme Säufer. Es ist dies der Gänsehautmoment, wenn die Aufführung derart die Familiengeschichte des Schriftstellers mit der historischen Schrift verbindet, sein persönliches Wohl und Wehe mit dem aller existierenden Wesen verknüpft. Es scheint, als würde der ins Unendliche wabernde, sich selbst umschlingende Sagenstoff durch diesen nur allzu menschlichen Einschub geerdet.

Baldur und Loki: Jan Bülow und Markus Hering, hinten: Marie-Luise Stockinger als Thor. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Marie-Luise Stockinger spielt Thor und seine um ihre Haarpracht beraubte Frau Sif. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Ein Dutzend Akteure schlüpfen in Arnarssons und Torfasons Edda-Kaleidoskop in bis zu drei Charaktere, mal schnoddrig, mal souverän auftretend, schart man sich um Odins Galgenbaum, als dieser hangelt sich Markus Hering anfangs von dessen Stamm zu seinen Stämmen herab. Unter der Leuchtröhrenwalze von Bühnenbildner Wolfgang Menardi erstrahlen Dorothee Hartinger als Frigg, Andrea Wenzl als Freyja, Jan Bülow als ihr Bruder Freyr, später als Baldur. Hering und Hartinger sind in Anatomie-Bodysuits auch die ersten Midgard-Bewohner Ask und Embla, und unternehmen als solche einen dialogischen Ausflug zu Adam und Eva.

Ein ironisches Geplänkel um den Biss in den Apfel, ein Querverweis auf den einen Urquell, aus dem offenbar alle Schöpfungsgeschichten sich ergießen, dies wohl ebenso zu deuten, wie das hintergründige Hereinschieben der Lupa Capitolina, alldieweil an der Rampe Odin gegen Freyja kämpft, Andrea Wenzl als aufmüpfige Vanin, die von den Asen nicht an den Riesen Thrymur, auch in dieser Rolle: Dietmar König, verheiratet werden will. Marie-Luise Stockinger spielt sowohl Thor, als auch dessen Ehefrau, die schöne Sif, die Gattin wie der Donnergott aber bald glatzköpfig, nachdem Loki der Sif ihre goldblonde Haarpracht geklaut hat.

„Alufolie“, brüllt der mit explosivem Temperament ausgestattete Thor den mit einem silbernen Glitzeranzug angetanen Loki an – Florian Teichtmeister als Verschlagenheit in Person, der sich nichtsdestotrotz im Wortsinn von Gott und der Welt missverstanden fühlt. Seine drei mit der Riesin Angrboda gezeugten Monsterkinder zeigen in den fantastischen Kostümen von Karen Briem Elma Stefanía Ágústsdóttir als Hel, Stacyian Jackson als Fenriswolf und Marta Kizyma als Midgardschlange. Zwischen Tragi- und -komik, von archaisch zu anarchisch zu aberwitzig, changieren die Edda-Episoden, die das Ensemble zum Besten gibt:

Dietmar König, Teichtmeister, Kizyma, Stockinger, Jackson, Ágústsdóttir, Bülow, Hörbiger und Hering. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Odin bekämpft Freyja, die Bühnenarbeiter bewegen die Lupa Capitolina: Andrea Wenzel vs. Markus Hering. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Odins schmerzhafte, per Speer durchgeführte Entfernung seines linken Auges für einen Schluck aus Mimirs Brunnen. Lokis in Heiterkeit scheiternder Versuch, die Zwerge zu überreden, Sif neue Locken aus Echtgold zu gießen. Die nur durch Heimtücke gelungene Fesselung des Fenriswolfs, für die Kriegsgott Tyr eine Hand verlieren muss. Baldurs Ermordung mit einem Mistelzweig, den seine Mutter Frigg vergessen hat, um Gnade für den Sohn zu bitten – worauf der strahlende Lichtgott mit christlicher Sonnenkrone neugeboren erscheint. Dass der „rote Faden“, der auf der Bühne von Hand zu Hand gereicht wird, dick wie ein Seil ist, verwundert nicht.

Köstlich ist vor allem der sprachliche Schlagabtausch zwischen Teichtmeisters Loki und Stockingers Thor, die zwischen hohem Ton und scharfzüngigem Slang switchen. Wie aber Teichtmeister Lokis Hass auf die Verwandtschaft „hechelt“, wie er dessen Bestrafung durch das Gift einer Schlange gestaltet, da zeichnet er den sinistren Spaßvogel, den gewandten Gestaltwandler mit einer dramatischen Tiefe aus, die ihn zum Dreh- und Angelpunkt der Produktion erhebt.

Wenzls Fruchtbarkeitsgöttin Freyja wirft sich den Männern lustvoll an den Hals, nur um sie später ins Unglück zu stürzen. Mavie Hörbiger verstört auch als Riesin Elli, sie das Alter schlechthin, das sogar Thor bei einem Ringkampf in die Knie zwingt. Alles an dieser Edda ist Jonglage, Persiflage, Slapstick und Sarkasmus rund um die andauernden Themen des Werden, Wachsen und Vergehen, weshalb aus dem Heidenspaß mit Helden schnell tödlicher Ernst werden kann. Als nach der Pause der kahle Weltenbaum von einem Baugerüst umstellt ist, und Musiker Gabriel Cazes „My Body Is A Cage“ von Arcade Fire intoniert, ist der Weg endgültig frei für wilde Assoziationen über Willen, Zwang und Fügung. Die Figuren turnen am Gerippe des Lebens, das Gute wie das Böse, Baldur wie Loki, sind wie auch die Welt zum Untergang verdammt. Der Stammbaum der Götter fällt im Schnee zusammen – und so beginnt das Spiel von Neuem.

www.burgtheater.at

BUCHTIPP: Wissen, wo der Hammer hängt – Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35531

  1. 10. 2019

Burgtheater: Faust

September 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction ohne Professor und Teufelspudel

Mephisto und Faust gehen in den Infight: Bibiana Beglau und Werner Wölbern begeistern das Burgtheater-Publikum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tschin! Bumm! Krach! Ohne lange zu fackeln gehen zwei Alte in Flammen auf, daneben wird gekokst, geschossen und gefickt, und die diversen dazugehörigen Körpersäfte fließen in Strömen. Am Burgtheater hatte gestern Abend Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung aus dem Resi Wiener Premiere, und der ist in dessen Interpretation ein abgefuckter Übeltäter, das Haar fett, Hemd und Hose schlampig, ein Macher, dem’s bereits aufs Gemeinste ans Eingemachte ging.

So, dass er sich von Gott und der Welt nichts mehr vorgauckeln lässt. War er mal Banker, Börsenmakler? Auf jeden Fall ein wachstumsfanatischer Kapitalist – und sicher ein Todsünder, dessen Hochmut, Habgier, Hemmungslosigkeit Kušej als spukhafte, sogwirksame Pulp Fiction präsentiert. Ein Vorhaben, für das er nicht nur der Tragödie ersten und zweiten Teil ineinanderschiebt, sondern auch Neuverfasstes von Autor Albert Ostermaier verwendet. So beginnt die Aufführung denn auch mit Barbara Petritsch und Jürgen Stössinger als Philemon und Baucis, deren Sterben im Faust’schen Feuer gleich einmal die Richtung des programmatisch Kommenden vorgibt: Zeit, die aufs Elitär-Europäische beschränkten Bildungsalleinansprüche niederzubrennen!

Der bis ins Parkett fegende Gluthauch geht ebenso aufs Konto von Ausstatter Aleksandar Denić wie das Bühnenbild, eine sich ständig drehende Kulisse, angesiedelt zwischen „Modern Times“ und „Metropolis“, nachtfarbene Industriearchitektur samt Kran, als wär’s die Zeche, die Faust noch bezahlen wird müssen. Werner Wölbern spielt diesen von seinen Trieben fiebrig Getriebenen, der auf der Suche nach Erlösung durch Denićs zweigeschossiges Labyrinth irrt, wobei ihm der Daseinssinn nicht nach Metaphysik oder Aufklärung, weder nach hohem Geist noch tieferer Erkenntnis steht, sondern danach, jedes Tages Lust zu maximieren. „Honi soit qui mal y pense“ prangt in Leuchtbuchstaben über dem Ganzen, und schon wird der Osterspaziergang zum obszönen Akt.

Faust fackelt Philemons und Baucis ab: Werner Wölbern. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tanz mit dem Teufel: Werner Wölbern und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Passanten flanieren nicht durch den Frühling, sondern sind Schlägertypen und deren Schlampen, eine verdorbene Brut, wo’s jeder mit jedem treibt. „Hier bin ich Mensch“, zitiert Wölbern den Geheimratstext, muss sich aber whiskeytrunken von Jörg Lichtensteins Wagner – Typ: Seicherl im Strickpullunder, einer, der den Chef in Weissglut versetzt – erst zum Kotzen bringen lassen, bevor er sich ins Getümmel werfen kann. Alldieweil Auftritt Bibiana Beglau als Mephisto, der Luziferin rechte Hand so geschwärzt wie das Leder, das sie sich vom Leib reißt und dabei zwei immer noch schwärende Wunden, wo einstmals ihre Engelsflügel waren, entblößt.

Nach ihrer furiosen Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34528), stellt sich die Beglau dem Burgtheater-Publikum nun endgültig als das Theaterwunder vor, das sie ist. Beglaus schockierend schamloser Exhibitionismus kennt keine Schranken, die lasziven Verbiegungen ihres Körpers und ihrer Stimme, die zwischen lapidaren Ansagen und hinterlistigem Aufstacheln mal bricht, mal schrillt, sind ebenso atemraubend wie ihr bestrapstes Vorführen von Vulgarität. Noch traumatisiert vom Höllensturz, agiert sie manisch in ihrem Krieg gegen Gott, ist aber abgeklärt, was das Wesen seiner Geschöpfe betrifft, und beides kommentiert sie mit boshaft schlauem Witz. Wenn schon Goethe seinen Mephisto als „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ gedichtet hat, so kommt Beglau dieser Charakterisierung bestechend nahe.

Zum Pakt mit Faust trägt Mephisto später eine blutbefleckte Metzgerschürze – sie hat wohl wo gemetzelt -, bevor sie dessen Verlangen nach Exzess-Erlebnissen erst auf einer Technoparty, dann im Fight Club à la „Auerbachs Walpurgisnacht“ zu stillen versucht. Faust wird, bei ersterer zugedröhnt, im zweiteren vermöbelt, von der Sadomaso-Hexe verjüngt. Marie-Luise Stockinger nimmt als solche in blonder Beautyqueen-Aufmachung schon mal Margaretes wichtigste Sätze vorweg, vom ungeleiteten Fräulein zur Gretchenfrage, bis sie sich bei Mephisto an die Fellfellatio macht, ein gekicherter Orgasmus, dessen „besondren Saft“ Faust zu schlucken bekommt.

Jungbrunnen-Sex bei der Hexe: Bibiana Beglau, Werner Wölbern und Marie-Luise Stockinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Alexandra Henkel als Frau Marthe, Werner Wölbern, Andrea Wenzl als Margarete und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Margaretes blutiges Ende im weiß getünchten Kerker: Werner Wölbern und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Den surrealen Dreier Faust-Mephisto-Hexe wird Regisseur Kušej später im flotten Vierer Faust-Mephisto-Margarete-Frau Marthe spiegeln, Alexandra Henkel dabei eine miniberockte, sexbesessene Nutte, die besonders gern Mephistos hengstlangen Schwengel zwischen ihren Schenkeln aufnimmt, Andrea Wenzl als Margarete hingegen unschuldig keck wie ihres Erfinders Heideröslein. Dass ihr Leben in einem tarantinoesken Babyblutbad endet, Margaretes Kammer/Kerker ist als Rotkontrast der einzige weiße Raum im Setting, ist eben – Pulp Fiction. Samt Overkill an Waffenhändlern, Geldwäschern, Zuhältern, Terroristen und einem kindlichen Selbstmordattentäter.

Neben Petritsch, sie auch Margaretes hier hinzugefügte Mutter, Henkel und Stockinger, sind die Rollen des Valentin mit Daniel Jesch, eines jungen Manns mit Max Gindorff, eines Flaneurs der Nacht mit Arthur Klemt und eines Mafiapaten mit Robert Reinagl neu besetzt. Herzstück der Aufführung ist aber der intellektuelle Infight von Faust und Mephisto, der gefühlsverwahrloste Sichverwirklicher, der längst begriffen hat, dass da nichts mehr ist, das „die Welt im Innersten zusammenhält“, und der tatsächlich arme Teufel, der sein Leiden an Gott und ebendieser mit flapsigem Sarkasmus zu übertünchen trachtet.

Wobei das Aufeinanderprallen der beiden, der sleeken Androgynen mit dem herrischen Alphamann, etwas durchaus Herb-Erotisches hat, wenn sie ihm nach Unterzeichnen des Pakts brünstig über den Mund leckt oder er sie wegen Befehlsverweigerung in einer Beischlafpose zu Boden ringt. Zum Ende, Margaretens Ende, schließlich der finale gemeinsame Blick ins Publikum, um mit diesem unisono festzustellen, dass das alles eigentlich nichts gebracht hat. Das ist Nihilismus der heftigsten Sorte!

Wenn Martin Kušej sein Mitbringsel aus München als Faust-Schlag in die Magengrube der hiesigen Zuschauer geplant hat, so ist die Übung gelungen. Mit viel Effekt hat er Goethes Werk auf Endzeitthriller gebürstet, hat es zum ekelhaften Endspiel einer geilen, gierigen Gesellschaft gemacht, in der keine Kraft mehr Gutes schafft. „Faust“ aus Kušejs Sicht ist ein Bühnen-„Film noir“ mit der Wucht jener Theaterüberforderungen, mit denen sich der neue Burgtheaterdirektor dereinst seinen guten Namen gemacht hat. Dass er fürs Haus ein Händchen hat, zeigt sich mit dieser Inszenierung, die in vielerlei Hinsicht nahtlos an Ulrich Rasches Saisoneröffnungs-„Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) anschließt, allemal.

 www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Burgtheater: Die Ratten

März 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Versuchstiere irren durchs Lebenslabyrinth

Aug‘ in Aug‘ mit der Ratte: Sylvie Rohrer als Frau Hassenreuter. Bild: Bernd Uhlig

Zurzeit zeigt der Schweizer Fotograf Matthieu Gafsou im Rahmen des Foto-Wien-Festivals in der Otto-Wagner-Postsparkasse seine Bilderserie „H+“ zum Thema Transhumanismus. Darunter ist die Aufnahme einer Laborratte, mittels Gurtenkonstruktion künstlich auf den Hinterbeinen gehalten, in den Kopf eine Elektrode gesteckt, in ihrem Gesicht alles Leid der Welt.

Es ist dieses gequälte Tier, an das einen Andrea Breths Abschiedsinszenierung am Burgtheater von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ denken lässt. Alles ist grau und Beklemmung und Plage, Breth versetzt des Dramatikers Homo homini rattus in eine Atmosphäre diffuser Angst – und selbst ein, zwei die Zuschauer zum Lachen animierende Momente, etwa, wenn die Gesamtschaft der Theatermenschen zu 1920er-Jahre-Schlagern stolpernd auf die Bühne tänzelt, enttarnen sich als kritischer Kommentar zu deren letzter verzweifelter Selbstbehauptung als bildungsbürgerlicher Kreis. Eine Empfindung von Ausweglosigkeit tut sich auf, unterstrichen vom Bühnenbild Martin Zehetgrubers, dieses ein Labyrinth aus durch Verdreckung opaken Plexiglaswänden, durch das die Figuren mal gehetzt laufen, mal wie somnambul irren.

Getriebene, auf der Flucht vor ihren Lebensumständen. Versuchstiere, deren Verhalten die Breth mit ihrer Arbeit erforschen will. Kein Dachboden, keine John’sche Wohnung mehr, kein oben oder unten, sondern ein sich beinahe beständig drehender Müllfundus aus versifften Matratzen, ausrangierten Kloschüsseln, der Boden bedeckt mit Zeitungsfetzen, später mit gesichtslosem Leichen-Volk, in Winkeln hockende Riesenratten. Durch diesen Schmutz-Filter sind die Szenen zu sehen, die Rotation eröffnet immer wieder neue Räume und Perspektiven, doch kein Durchlass, kein Entkommen nirgendwo. Ein Setting, in dem Breth als Großmeisterin des psychologischen Naturalismus nun die Zustände menschlicher Würde auslotet.

Maurerpolier John freut sich über das Söhnchen: Johanna Wokalek, Oliver Stokowski und Alina Fritsch. Bild: Bernd Uhlig

Doch Pauline Piperkarcka will ihr Kind um jeden Preis zurück: Sarah Viktoria Frick und Johanna Wokalek. Bild: Bernd Uhlig

Und in dessen Mittelpunkt sie bemerkenswerter Weise den oft so genannten und mitunter wenig verstandenen zweiten Handlungsstrang stellt – die Begebenheiten rund um den ehemaligen Theaterdirektor Hassenreuter, dessen Frau und Tochter und Schauspielschüler. Deren groteske Proben zu Schillers „Die Braut von Messina“ auf dem Mietshausspeicher, den daraus entstehenden Streit zwischen Hassenreuter und dem aus dem Theologiestudium ausgeschiedenen Erich Spitta. Hie ein Plädoyer für das Pathos, da die Ablehnung alles gestelzten Bombasts.

Spittas kühne Aussage, eine Putzfrau könne ebenso Protagonistin einer großen Tragödie sein, wie eine Shakespeare’sche Lady Macbeth, leitet Breth direkt über zum Drama der Frau John und des ungewollt schwanger gewordenen Dienstmädchens Pauline Piperkarcka.

Sven-Eric Bechtolf spielt sich als Hassenreuter brillant ins Zentrum der Aufführung. Wie alle Darstellerinnen und Darsteller des Abends beherrscht er die Kunst vielschichtiger Charakterzeichnung, Breth hat mit ihrem Ensemble in feinsten Nuancierungen herausgearbeitet, wann die Figuren vorgeben zu sein und wann sie wirklich sind.

Aus Hauptmanns satirischer Überspitzung macht Bechtolf eine brüchige Gestalt, die im Frack und mit Gehstock Halt in ihrer Großmannshaltung sucht. Er geriert sich als Theatergott, der vom hohen, reinen Parnassos in die Probleme der Zinskaserne gezogen wird, wo er gütig zwischen den Sterblichen zu vermitteln sucht, während tatsächlich sein Familienleben nicht weniger von Lüge und Argwohn umwölkt ist, wie das der Johns.

Beeindruckend ist auch Johanna Wokalek, die die Frau John früh changierend zwischen depressivem Irresein und kalter Berechnung anlegt. So, wie sich in dieser Inszenierung alles zwischen Wahnsinn und Wahnwitz bewegt, hält sie das Söhnchen der Piperkarcka bald für ihr eigenes, vor drei Jahren verstorbenes, und manipuliert ihren offensichtlich geistig beeinträchtigten Bruder, bis er zum Mörder wird. Nicholas Ofczarek macht aus diesem Bruno einen Psychopathen, der einen schaudern lässt und gleichzeitig doch auch Mitleid erregt. Wie man es hier angesichts dieser Erniedrigten, Ausgestoßenen, Hoffnungslosen eigentlich mit jedem hat. Oliver Stokowski gelingt als Maurerpolier John die imposante Studie eines gutherzigen Kerls, der den latenten Gewalttäter allerdings in sich trägt.

Frau Johns Bruder Bruno ist ein gefährlicher Psychopath: Nicholas Ofczarek und Johanna Wokalek. Bild: Bernd Uhlig

Hassenreuter versucht zu vermitteln: Sylvie Rohrer, Oliver Stokowski, Johanna Wokalek und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Christoph Luser als aufmüpfiger Erich Spitta und Marie-Luise Stockinger als Walburga gehören ebenfalls zu den Erfreulichkeiten des Abends. Und natürlich Sarah Viktoria Frick, die als gekaufte und verratene Piperkarcka im Wortsinn gegen die ihr widerfahrenden Ungerechtigkeiten anrennt. Viel große Schauspielkunst zeigt sich auch in den kleineren Auftritten: Roland Koch als rigoroser Gottesmann Pastor Spitta, Stefan Hunstein, der als Käferstein ein Kabinettstück liefert, Elisabeth Augustin als Frau Kielbacke, Bernd Birkhahn als Schutzmann oder Branko Samarovski als Hausmeister Quaquaro.

Als Königinnen des Dramatischen beweisen sich einmal mehr Sylvie Rohrer als realitätsferne Hassenreuters-Gattin, Andrea Wenzl als Wienerisch parlierendes Hassenreuters-Pantscherl Alice Rütterbusch – und die wunderbare Andrea Eckert.

Bis sie erscheint, hält man die Morphinistin Knobbe in der Haushierarchie für die Geringste, doch dann kommt eine Aristokratin des Elends, die sich von den anwesenden Herren gern umgarnen lässt. Eindrucksvoll, wie die Eckert mit minimalen Mitteln maximale Wirkung erzielt. Das Ende ist ein leises. Alina Fritsch verkündet als Selma den Selbstmord der Frau John.

Darauf kein Aufschrei, kein Ausbruch, keine Anklage, sondern stumm stehen die Figuren auf und setzen ihren Gang durchs Lebenslabyrith fort … Dass Andrea Breth mitten im tosenden Schlussapplaus zum Mikrophon griff, um sich beim Burgtheater-Publikum „für seine Treue“ zu bedanken, kam unerwartet und war schön. Zu hoffen ist, dass dies nur den Abschied vom Haus, aber nicht von Wien bedeutet.

www.burgtheater.at

  1. 3. 2019